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DREI ENGEL FÜR CHARLIE
ODER NOMEN IST NICHT IMMER OMEN
Schon als sie den ersten Schritt aus der Maschine in die Gangway setzen, macht sich eine Ahnung der bevorstehenden Tropenhitze breit.
»So Leute, auf geht’s!«, sagt Martin mehr zu sich selbst.
Auf ellenlangen Laufbändern lassen sich die Meyers in Richtung Immigration Hall des Suvarnabhumi International Airport transportieren. Aus den Lautsprechern dringen Durchsagen im Dreißig-Sekunden-Takt: »Last call for Passenger soundso.« Immer wieder werden sie von besonders eiligen Fluggästen überholt, die das moderate Tempo der Bänder durch den resoluten Einsatz ihrer eigenen Füße beschleunigen. Nach kurzer Fahrt betreten sie die monumentale Einreisehalle.
Was sie zu sehen bekommen, ist eine babylonische Vielfalt: Dicht gedrängt stehen Frauen in bunten Saris, Männer in wallenden arabischen Gewändern, schneeweiße russische Urlauber, chinesische Urlaubsabordnungen in Kompaniestärke, Rucksacktouristen im Outdoor-Look, Sportmannschaften im Einheitsdress, Westler mit ihren Thai-Ehefrauen, asiatische Geschäftsleute. Dazu braun gebrannte beach boys mit Schnorchelausrüstung, religiöse Würdenträger verschiedener Konfessionen, Kegelrunden und Skatbruderschaften mit schwäbischem Dialekt, gelangweilte Botschaftsangehörige aus aller Herren Länder. Ein pulsierender Mikrokosmos. Und mittendrin steht Familie Meyer aus der Freien und Hansestadt Hamburg.
Nachdem die Grenzformalitäten schneller erledigt sind, als es die endlose Schlange vermuten ließ, nehmen sie ihr Gepäck von den rotierenden Kofferbändern in Empfang und steuern ein wenig zaghaft auf den Ausgang zu.
Draußen ist einiges los. Ein Wollknäuel von Menschen. Wortfetzen schwirren durch die Luft. Nur gut, dass wir abgeholt werden, denkt sich Martin und schaut auf einen Zettel mit dem Namen des Chauffeurs. Er ist erleichtert: Mr. Srinath – kurz und schmerzlos und keiner dieser epischen Thai-Namen, die eine halbe Buchseite füllen. Das müsste zu machen sein. Männer im global weitgehend identischen Taxifahreroutfit recken Schilder mit den wunderlichsten Namen empor. Da, auf einem steht auch ihrer. Kein Zweifel. Meyer/Hamburg.
Hochgehalten wird das Schild von jemandem, der aus der breiten Masse heraussticht. Ein hochgewachsener, modern, aber gewissenhaft gekleideter Mann Ende zwanzig mit dem typischen militärisch anmutenden Thai-Kurzhaarschnitt. Zielstrebig laufen sie auf ihn zu. Er lächelt nun und geht seinerseits auf die Familie zu. Schon von weitem streckt er ihnen die Hand entgegen wie ein engagierter Politiker auf Wahlkampftour. »Hello Mr. Martin«, begrüßt er den Familienvater.
»Schönen guten Tag, Herr Srinath, aber mein Familienname ist Meyer.«
Der Angesprochene lächelt nur still und sagt: »Ich weiß. Ich habe öfter mit Westlern zu tun. Im Übrigen können Sie mich Charlie nennen.«
»Charlie? Ich verstehe nicht ganz. Sind Sie denn kein richtiger Thai?«
»Doch natürlich. Mein eigentlicher Name ist Chalermchai Srinath. Aber Charlie klingt irgendwie besser, finde ich.«
Lisa, die sich bisher im Hintergrund gehalten hat, schüttet sie sich halb aus vor Lachen und singt: »Ich bin der Charlie Brown und reise um die Welt ...« Dazu imitiert sie originalgetreu das ewig schwermütige Gesicht und den schulterwippenden Gang der legendären Comicfigur.
Mr. Srinath alias Charlie lächelt ein wenig gequält und weiß offensichtlich nicht so recht, wie er auf diese sonderbare Vorführung reagieren soll. Vielleicht ist das ja der Jetlag? Oder dem Mädchen ist der Orangensaft im Flugzeug nicht bekommen? Nein, wahrscheinlich ist das einfach deutscher Humor. Für diese These spricht, dass nun auch Susanne meint, ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen zu müssen. Aus heiterem Himmel setzt sie zu einer filmreifen Kung-Fu-Einlage an, sodass »Charlie« vorsichtshalber in Deckung geht. Keiner sagt etwas. Der Taxifahrer blickt betreten zu Boden.
»Drei Engel für Charlie. Die Filme kennen Sie doch?«, versucht sich Susanne an einer Erklärung für ihren merkwürdigen Ausbruch.
»Ja, kenne ich, aber die hatte ich eigentlich nicht im Sinn«, sagt Charlie und sieht dabei zutiefst unglücklich aus. Von den positiven Willkommensenergien ist nichts mehr zu spüren.
Was ist da schiefgelaufen?
Na, das geht ja heiter weiter! Aber was – um Buddhas willen – veranlasst einen erwachsenen Mann dazu, sich selbst einen quasi offiziellen Spitznamen zu geben? Um diese und andere Eigenheiten verstehen zu können, muss man etwas über die thailändische Lebensphilosophie wissen. Dabei lässt sich fast ohne zu übertreiben sagen, dass Thais so ziemlich das exakte Gegenteil des pflichtgeplagten, leicht sauertöpfischen und weitgehend genussabstinenten Mitteleuropäers sind. Thais wollen in allererster Linie ihr Leben auskosten und versuchen daher, bei allen sich bietenden Gelegenheiten ihren Alltag ein wenig aufzulockern, um ihm das Flair des Einzigartigen und Unkonventionellen zu geben. Mit anderen Worten: Thais sind geborene Lebenskünstler, Humoristen und Genießer. Mit sämtlichen dazugehörigen Risiken und Nebenwirkungen. Für sie zählt hauptsächlich eins: eine gute Zeit zu haben. Dieses Motto lässt sich in einem kleinen, aber markanten Wörtchen ausdrücken, das ihren Charakter perfekt auf den Punkt bringt und dem Thailand-Entdecker auf Schritt und Tritt begegnen wird: sanuk.
SANUK – SPASS HABEN IST DIE ERSTE BÜRGERPFLICHT
Wenn es eine spezifisch thailändische Eigenschaft gibt, dann die bewundernswerte Fähigkeit, auch den drögesten Dingen eine angenehme Seite abzugewinnen. Das Streben nach sanuk, was man am besten mit »Spaß an der Freude« übersetzen könnte, stellt so etwas wie die Grundkonstante im Leben der Thais dar: Man ist stets zu einem Scherz oder Schabernack aufgelegt und weiß sich in nahezu jeder Situation ordentlich zu amüsieren. Eine hektische Plackerei um ihrer selbst willen ist den Thais hingegen völlig unbegreiflich. Das Gleiche gilt für die deutsche Neigung, minutiöse Altersvorsorgepläne aufzustellen. Man lebt stattdessen ganz im Hier und Jetzt, und das soll gefälligst jede Menge Spaß beinhalten.
Möglich wurde dieser Laisser-faire-Lebensstil nicht zuletzt durch eine überaus freigiebige Natur, bei der die Nahrungsmittel nicht erst mühsam der Scholle abgerungen werden müssen, sondern das ganze Jahr über quasi frei Haus geliefert werden. Dass diese Erklärung einige Plausibilität hat, zeigt etwa der Vergleich mit den emsigen und stoisch zielstrebigen Vietnamesen, die sich regelmäßig mit Natur- und Wetterkapriolen wie schweren Taifunen herumzuschlagen haben.
Dass das sanuk-Lebensprinzip auch weniger vorteilhafte Seiten hat, liegt auf der Hand: Man nimmt es etwa mit Pflichten und Vorschriften nicht ganz so haargenau, und eine gewisse Tendenz zum Müßiggang ist den Thais nicht fremd. Zudem suchen sie auch dann schonungslos ihr Vergnügen, wenn sie es sich eigentlich gar nicht leisten können, mit entsprechend verheerenden Konsequenzen für die Haushaltskasse. Die logische Folge: Viele Thais schrammen mit einer traumwandlerischen Sicherheit die Grenze zur Privatinsolvenz. Die enorme Verschuldung der Privathaushalte, die zu den höchsten in ganz Asien gehört, stellt sogar ein ernsthaftes volkswirtschaftliches Problem dar, da immer mehr Thais große Probleme haben, ihre Kredite zu begleichen.
Zu den stilistischen Lässigkeiten, die sich aus diesem entspannten Daseinskonzept ergeben, gehört auch der spielerische Umgang mit Namen. Es ist allgemein üblich, sich neben seinem normalen Rufauch einen Spitznamen zuzulegen. Abgesehen von sehr förmlichen Anlässen benutzen Thais beim Kontakt untereinander in der Regel ihren tschüü len (Spielnamen). Da die Thais ihre Spielnamen durchaus ernst nehmen, waren Lisas mittelgroßer Lachanfall und Susannes Gymnastiknummer ein nicht eben freundlicher Willkommensgruß. Verständlich, dass »Herr Charlie« not amused war.
Bei der Wahl der Spielnamen sind, wie es sich für Berufsindividualisten gehört, der Fantasie absolut keine Grenzen gesetzt. Dabei können völlig willkürliche englische Worte wie yes oder no oder Abkürzungen wie Bo (von »Jumbo«) verwendet werden. Oft haben sie aber eine tiefere Bedeutung und verweisen etwa auf als erstrebenswert angesehene Charakterzüge.
Nachnamen waren in Thailand lange unbekannt. Sie wurden von den Behörden erst 1926 eingeführt, um die Verwaltung zu vereinfachen. Diese fehlende Tradition zeigt sich auch heute noch darin, dass man sich untereinander – und auch Ausländer, die in Thailand unter der Sammelbezeichnung farang laufen – mit dem Vornamen anspricht. Die thailändischen Nachnamen sind übrigens häufig sehr lang, weil sie aus verschiedenen Wörtern kombiniert werden.
FARANG – ALLE AUSLÄNDER SIND FRANZOSEN
Thais bezeichnen ausnahmslos alle westlichen Ausländer als farang. Es handelt sich hierbei vermutlich um eine abgewandelte Form des Wortes français. Die Franzosen waren die ersten Europäer, die nach Thailand kamen und in den benachbarten Ländern Indochinas (Vietnam, Kambodscha, Laos) Kolonien errichteten. So war es wohl für die Thais offenbar aus Gründen der Einfachheit naheliegend, alle Fremden unter diesem arg gleichmacherischen Begriff zu bündeln. Mit irgendwelchen Haarspaltereien, etwa damit, dass man doch Deutscher sei und mit den Médoc- und Roquefort-Enthusiasten nicht so wahnsinnig viel gemeinsam habe, braucht man den Thais nicht zu kommen. Man ist nicht von hier, ergo ein Ausländer, und damit hat es sein Bewenden.
Eine andere Theorie besagt, dass der Begriff von der ursprünglich aus Südamerika stammenden Guavenfrucht abgeleitet wurde, die bei den Thais ebenfalls farang heißt. Aber Theorien sind ja bekanntlich v. a. etwas für Theoretiker. Und außerdem ist die erste Variante irgendwie schöner, oder nicht? Na dann: Santé!
Wie geht es entspannter?
Eigentlich ist es nicht sonderlich kompliziert: Es gibt eine Reihe von Eigentümlichkeiten anderer Völkerschaften, über die sollte man schlicht und ergreifend Bescheid wissen. Besonders dann, wenn man für längere Zeit seine Zelte im Ausland aufschlagen will, ist es mehr als vorteilhaft, diesbezügliche Erkundungen einzuholen. Halbwegs sattelfeste Grundlagenkenntnisse über die herausstechendsten Kuriositäten, Stolperfallen und kulturellen Tretminen des Gastlandes helfen eminent dabei, lauernde Fauxpas-Gruben geschickt zu überspringen. Der Sinn der Übung: Es geht darum, sich – und anderen – nicht unnötig das Leben schwer zu machen. Gewusst wie, spart Energie! Ein vergleichsweise harmloses Beispiel hierfür ist die Spitznamen-Marotte der Thais. Als Faustformel kann dabei gelten, dass Namensangaben, die nur aus einer Silbe bestehen, auf einen Spielnamen hindeuten. Häufig wird dabei vom regulären Namen lediglich die erste oder letzte Silbe verwendet.
Da Thais sich manchmal Spitznamen geben, weil sie mit ihren etwas obskuren, etwa aus dem Reich der wilden Tiere stammenden Originalnamen unzufrieden sind, sollte man hier keinen detektivischen Spürsinn walten lassen und nicht endlos nachbohren. Denn dann würde ja der mühsam erdachte Parallelname seinen Charme verlieren. Vielleicht legt man sich für den Aufenthalt in Thailand ja vorübergehend auch selbst einen inspirierenden Alias-Namen zu. Etwas unübersichtlich kann es jedoch werden, wenn sich am Telefon jemand mit einem in Thailand weithin beliebten Spitznamen wie Jum, Lek, Ken oder Toy meldet und man mehrere gleichnamige Personen kennt. Dann sind gewisse ermittlungstechnische Fähigkeiten unerlässlich.