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Kapitel I
ОглавлениеWunder gibt es immer wieder
Liebes Tagebuch. Oh Mann, das klingt, als wäre ich ein schwärmerischer Backfisch. Es klingt nach … Normalität, nach einer Welt, die gestorben ist und nicht wiederkehrte, so wie die Menschen jetzt. Also: Liebes Tagebuch, etwas Wunderbares ist geschehen. Für einen kurzen Moment habe ich mir erlaubt, an eine Zukunft zu glauben. Kurz nur, aber es war ein Glücksgefühl, das so hell leuchtete wie die Sonne. So stelle ich mir vor, dass es Timothy Leary nach seiner Entdeckung ging.
»Meinst du, ihm ist etwas passiert?«, fragte Sandra.
Martin betrachtete einen Moment lang ihr Gesicht. »Du hast Angst um ihn, oder?«
Sie nickte zögerlich.
Das Nicken tat ihm weh, hämmerte auf sein Herz und schmiedete die Eifersucht darin. Er schüttelte den Kopf. »Nein, glaube ich nicht. Er ist nur vorsichtig. Ich weiß zwar nicht viel über Bunker, aber ich kann mir vorstellen, dass es ausreichend Sicherungsmaßnahmen gibt, die nicht einfach auszuschalten sind.«
Sandra zog die Schultern hoch und starrte weiter durch die Frontscheibe des Busses auf die verlassen daliegende Straße, die zum Bunkereingang führte. Jörg war scheinbar seit Ewigkeiten unterwegs und hatte sich bisher noch nicht gemeldet.
Martin sah auf Sandra hinab und fragte sich, ob sie um ihn auch solche Angst hätte, wenn er da draußen wäre und sich auf unbekanntes und potentiell lebensgefährliches Terrain begeben würde. Irgendetwas war geschehen, während er im Koma gelegen hatte – etwas, das offensichtlich die Beziehungen zwischen ihm und Sandra, so schwach sie auch gewesen war, aufgelöst hatte. Jörg war offensichtlich ihr neuer Favorit. Martin schnaubte.
»Was ist?« Sandra schreckte aus ihrem Brüten auf.
»Nichts!«, stieß Martin hervor. »Gar nichts.«
»Du hast doch was!«
»Nein. Mir ist nur ein Gedanke gekommen: Glaubst du, in dem Bunker gibt es ein anständiges Bier?«
»Ich hoffe eher auf eine ordentliche Dusche – oder sogar eine Badewanne.«
»Frauen!«
»Bitte? Ich habe dich nicht verstanden«, sagte Sandra mit einer Hand hinter einem Ohr und einem leichten Lächeln auf den Lippen.
Martin grunzte und starrte angestrengt auf das graue Betonband vor ihnen. Jörg war nicht zu sehen, kein Laut drang durch die halb geöffnete Bustür.
»Komm endlich, Soldat. Wir warten auf dich«, murmelte Martin.
***
Jörg hatte sich auf dem abschüssigen Untergrund langsam vorgearbeitet und verfluchte sich immer noch dafür, dass er seine Taschenlampe im Bus hatte liegen lassen. Er wollte seine Expedition abbrechen und zurückkehren, als ein Geräusch ertönte. Es kam vom Eingang des Bunkers her. Ein Riegel wurde zurückgezogen. Jörg erstarrte. Er atmete flach und lauschte angestrengt. Die Geräuschquelle bewegte sich. Sie kam eindeutig auf ihn zu. Mit angehaltenem Atem wartete Jörg darauf, wer oder was sich zeigen würde. Eine Silhouette zeichnete sich in dem spärlichen Licht ab, offensichtlich ein Mann, der langsam auf ihn zukam. »Da soll mich doch …« murmelte Jörg.
»Bitte nicht schießen!«, erklang eine müde Stimme aus dem Dunkel. »Und vor allem erschrecken Sie sich bitte nicht, Herr Hauptmann. Normalerweise könnten wir die Einfahrt beleuchten, aber das würde zu unnötiger Aufmerksamkeit führen.«
Jörg trat vorsichtig zwei Schritte zurück. »Wer ist da?«
Der Mann schälte sich langsam aus der Dunkelheit. Er trug einen weißen Kittel, eine Hose mit Camouflagemuster und schwere Militärstiefel. An einem Gürtel hing ein Kasten, der an ein Langzeit-EKG erinnerte.
»Mein Name ist Steins, Doktor Frank Norbert Steins.« Der Mann lachte leise. »Mein Name hat mir oft genug Spötteleien eingebracht, wie Sie sich sicher denken können.«
Der Mann war nun vollends sichtbar. Jörg wich zurück und geriet ins Stolpern. Er verlor das Gleichgewicht, und seine Waffe traf scheppernd auf dem Boden auf, gleichzeitig mit seinem Hinterteil. Vor ihm stand ein Zombie!
»Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Hauptmann«, sagte eine weibliche Stimme aus dem Dunkel. »Zum einen ist Doktor Frankenstein ruhiggestellt, zum anderen ist er sozusagen Vegetarier.«
Eine Frau in der Uniform der Luftwaffe kam auf Jörg zu. Sie blieb drei Schritte von ihm entfernt stehen, nahm Haltung an und salutierte. »Oberleutnant der Luftwaffe Marion Theobald meldet sich zur Stelle, Herr Hauptmann. Willkommen in der Suite zwölfsechsundzwanzig!«
Trotz der beruhigenden Worte war Jörg froh, dass vor ihm noch ein Zaun war, der das Kernareal des Bunkers vom allgemeinen Bereich trennte. Er rappelte sich wieder hoch und richtete unwillkürlich die Waffe auf den sprechenden Zombie.
***
»Ich gehe jetzt da raus und sehe nach Jörg!«, schrie Sandra Martin ins Gesicht, der sie daran hindern wollte, den Bus zu verlassen.
Martin stemmte sich mit aller Macht gegen die kleinere Frau, die mit der Kraft der Wut und wohl auch Verzweiflung gegen ihn anrannte.
»Jetzt hilf mir doch mal wer!«, rief Martin.
»Ruhig jetzt, Kleene. Det is nich die beste Idee, da raus zu gehen.«
Ein Paar starker Arme umschlang Sandra. Es gehörte Lemmy, der die junge Frau zu beschwichtigen versuchte.
»Sandra, Kleene, bleib ruhich. Det hat keenen Zweck, nich’«, redete er auf die immer noch strampelnde Frau ein.
»Er ist alleine da draußen und braucht vielleicht unsere Hilfe, verdammt!«
»Aua! Jesses!« Lemmy hatte Sandra losgelassen und hielt sich die Hände schützend vor den Schritt. »Das hat gesessen!«, jaulte er.
Sandra hatte sich schwer atmend vor Martin aufgebaut. »Lass ... mich ... durch!«
Martin duckte sich unter dem scharfen Blick, der ihm aus den grünen Augen der Frau entgegenschoss, doch er bewegte sich keinen Millimeter zurück. »Nein!«
»Arschloch!«
»Sandra, du kannst nicht alleine da raus.« Martin seufzte. »Okay, ich gehe mit. Und Erich. Bewaffnet Euch! Schau nicht so verdutzt, Sandra. Wir lassen niemanden im Stich, aber wir gehen auch kein unnötiges Risiko ein.«
Sandra nickte langsam. Dann ging sie zu ihrer Sitzreihe und holte ihre Pistole. Sie überprüfte die Waffe kurz und steckte sie dann am Rücken in den Hosenbund.
Erich hatte sich zum Ausgang des Busses begeben und ragte nun eineinhalb Köpfe über Martin auf. »Okay, dann lasst uns mal losziehen«, sagte er mit überraschend sanfter Stimme.
»Erich!« Die Stimme kam von weiter hinten im Bus und gehörte Gora.
Erich drehte sich zu ihm um.
»Komm bloß gesund wieder!«
Erich reckte den Daumen hoch und grinste. Er und Gora hatten eine Menge zusammen erlebt.
Martin hatte sich ebenfalls bewaffnet und trat nun aus der Bustür heraus auf die Betonstraße. Sandra und Erich folgten ihm. Langsam gingen sie auf die Biegung zu, hinter der sie den Eingang zum Bunker vermuteten.
»Sollen wir wirklich hier auf der freien Fläche laufen? Ich fühle mich wie eine von diesen Figuren beim Schießbudenschießen.« Erich schaute sich unbehaglich nach allen Seiten um.
»Guter Einwand. Wir sollten uns zumindest ein bisschen in den Wald zurückziehen«, erwiderte Sandra.
Martin nickte zögerlich. »Okay. da nach rechts rüber«, sagte er dann.
Die drei krochen vorsichtig ins Unterholz und folgten den Lauf der Straße.
»Seid bloß leise!«, flüsterte Martin.
»Selber«, schoss Sandra zurück.
Erich grinste.
Langsam arbeiteten sie sich durch das Unterholz weiter vor. Plötzlich hob Martin die Hand und blieb stehen.
»Was ist?«, fragte Erich, der gerade noch anhalten konnte, bevor er auf Sandra aufgelaufen wäre.
»Da vorne redet jemand.«
Martin hatte es kaum ausgesprochen, als die beiden anderen es auch hörten.
»Das … das ist Jörg!«, stieß Sandra hervor.
»Aber mit wem redet er?«, wunderte sich Erich. »Ich höre keine andere Stimme.«
Martin hob die Schultern. »Gehen wir nachsehen.«
***
»Wer zum Teufel sind Sie?«
»Oh, Entschuldigung. Ich vergaß mich vorzustellen. Ich bin …«. Die Gestalt vor Jörg sah an sich herunter und ihre Schultern sackten herab. »Ich war der wissenschaftliche Leiter dieser Einrichtung.«
»Einrichtung?«
»Eigentlich dürfte ich Ihnen das nicht sagen, Geheimhaltung, Sie verstehen? Aber ich schätze, das spielt jetzt keine wirkliche Rolle mehr. Dies war eine Einrichtung der NATO zur Erforschung von biologischen Waffen und Biorisiken.«
»Biowaffen? Die sind doch verboten!«
»Offiziell schon.«
»Was tun Sie hier?«
»Jetzt? Oder was wir hier erforscht haben?«
»Beides.«
»Wenn Sie endlich die Waffe herunternehmen würden? Ich finde es unhöflich, auch wenn eine Waffe keine wirkliche Bedrohung mehr für mich ist.«
»Gegen einen Kopfschuss sind auch Sie nicht immun«, entgegnete Jörg und hob die Waffe wieder, die er kurz zuvor gesenkt hatte. Er zielte auf die Stirn des Zombies, der sich am Schloss des Doppeltores zu schaffen machte. »Bleiben Sie, wo Sie sind! Hände hoch, so dass ich sie sehen kann!«
Es war eine verzwickte Situation. Da stand zwar diese Frau Oberleutnant neben dem Zombie, aber alle seine Erfahrungen sprachen dagegen, dass Steins eine vernünftige Kreatur sein konnte. Zombies waren untot. Punkt.
»Aber, aber, aber, Herr Weimer. Wir sind hier doch nicht in einem Actionfilm. Horrorfilm schon eher.« Steins lachte – ein Geräusch, dass Jörg eine Gänsehaut über den Körper jagte.
»Wir sollten noch Dresen und Pieter holen. Was meinen Sie, Doktor?«, mischte sich Marion Theobald ein. »Das könnte ihn und seine Leute mehr überzeugen.«
»Könnte sein, Marion. Machen wir es so.«
»Bleiben Sie ruhig stehen. Ich werde kein Risiko eingehen. Sie sind ein Zombie, verdammt!«
Steins blickte Jörg mit seinen dunklen Augen lange an. Dann wandte er sich an Marion: »Gehen Sie alleine und holen Sie Pieter. Das muss reichen.«
Die Frau verschwand im Bunker, und der Zombiedoktor drehte sich wieder zu Jörg um. »Ich bevorzuge den Ausdruck ›totlebend‹. Und ja, das bin ich – nicht freiwillig, wie ich Ihnen versichern darf. Doch ich habe das Beste daraus gemacht. Wenn es Sie beruhigt, ich habe keinen Hunger und bin auch nicht aggressiv, dank dem hier.«
Steins zog den Kragen seines Laborkittels nach unten. Zwei Schläuche wurden sichtbar, die unter der Haut im Nacken verschwanden. Er klopfte auf eine flache Kiste an seinem Gürtel.
»Über diese Schläuche versorge ich meinen Körper mit einer Nährlösung und einem Beruhigungsmittel aus dem Vorratsbehälter. Das dämpft die Aggressivität und den alles andere auslöschenden Hunger, der die Bestien ausmacht.«
»Wie … warum …«
»Sie haben Mühe, das alles zu verstehen und zu erfassen. Das kann ich nachvollziehen. Ein intelligenter … Zombie ist schon schwer zu akzeptieren. Ein Zombie, der seine Artgenossen als Bestien bezeichnet, wirkt sicherlich bizarr. Ich versichere Ihnen, dass, solange Nährlösung und Beruhigungsmittel nicht ausgehen, ich völlig friedlich bleibe.«
»Ich kann das alles nicht glauben. Ich stehe hier und rede mit einem verfluchten Untoten.«