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Kapitel II

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Der geschenkte Gaul

Liebes Tagebuch. Das klingt immer noch nicht richtig, aber ich beuge mich der Tradition. Heute haben wir Dr. Steins kennengelernt. Ein unglaubliches Zusammentreffen. Fast wirkt es wie eine göttliche Fügung, wenn der derzeitige Zustand der Welt auch wenig für ein göttliches Wesen im Hintergrund spricht. Dr. Steins ist, wie er selber sagt, totlebend. Ein Zombie und doch ein Mensch. Es fällt mir schwer, mich ihm zu nähern. Die Angst schreit mich an, ich soll wegrennen. Die Vernunft hält mich im Zaum.

»Jörg?«

Weimer ruckte herum, als er die Stimme hinter sich hörte. »Ich habe doch gesagt, bleibt im Bus, verdammt!«

»Wir freuen uns auch, dich zusehen, Mann«, konterte Martin. »Wir dachten schon, du wärst Zombiefutter gew…«

»Ah, mehr Gäste. Willkommen auch Ihnen. Ich bin Dr. Frank N. Steins, der Leiter dieser Einrichtung.«

»Jetzt steht da nicht herum und haltet Maulaffen feil. Sagt guten Tag zu Dr. Steins.« Jörg unterdrückte ein Grinsen.

»Möchten Sie uns nicht einander vorstellen, Herr Weimer?«

»Das … das ist ein …«

»Totlebender, Sandra. Das Wort, das du suchst, heißt ›totlebend‹. Herr Dr. Steins, darf ich vorstellen? Dies sind Sandra, Martin Martinsen und Erich …«

»Kraft. Erich Kraft heiße ich.«

»Ein passender Name. Sehr erfreut, die Herrschaften. Kommen Sie doch herein.«

»… sagte die Hexe. Keiner rührt sich!«

»Ganz ruhig, Sandra. Solange das Tor zu ist, besteht keine Gefahr.« Jörg hielt sie am Arm fest. »Wir sollten hören, was Dr. Steins uns zu erzählen hat.«

»Gerne.« Steins nickte. »Zunächst darf ich Ihnen allen versichern, dass ich zwar totlebend bin, aber nicht gefährlich. Nun, natürlich bin ich ansteckend. Aber nur, wenn ich Sie beiße oder Ihr Blut mit dem meinen in Kontakt kommt.«

»Wie können Sie sich da sicher sein?«, rief Erich.

»Ich bin Virologe, Herr Kraft. Darüber hinaus bin ich Leiter dieser Forschungsstation. Und das Lazarusvirus ist mein Forschungsgebiet.«

»Was meinen Sie damit?«. Jörgs Stimme klang plötzlich rau.

»Das Lazarusvirus? Nun, dieses Virus ist der Auslöser für die derzeitige Lage, meine Herrschaften.«

Vier Waffen richteten sich gleichzeitig auf den Kopf des Zombies.

»Sie sind schuld?«

»Wissen Sie, Herr Weimer, ›Schuld‹ ist so ein seltsames Wort. Und nein, wir sind nicht schuld. Das Virus wurde durch einen Spion entwendet und dabei unabsichtlich freigesetzt.«

Erich spuckte auf den Boden. »Ja, klar. Schuld sind immer die anderen. Dass ich nicht lache! Ihr scheiß Wissenschaftsheinis habt Gott gespielt, und jetzt haben wir die Hölle auf Erden.« Erich trat einen weiteren Schritt an den Zaun heran und zielte sorgfältig mit der Waffe auf das Gesicht des Doktors. »Beweg dich nicht, du Arsch. Dann geht es schnell für dich.«

Erich spannte den Hahn seiner Waffe.

***

»Wo bleiben die bloß alle?« Gora tigerte im Mittelgang des Busses hin und her und murmelte die Frage immer wieder vor sich hin.

»Jetzt setz dich hin, Mensch! Du machst uns alle wahnsinnig.« Eine resolute, ältere Frau sah von ihrem Platz aus böse zu Gora.

Der blieb vor ihr stehen. »Wir wissen nicht, was da draußen ist. Vielleicht sind die vier schon längst Zombies und bereits auf dem Weg hierher, mit ihren neuen Freunden im Schlepptau. Wir sitzen hier wie auf einem Buffettisch. Nur sind wir das Buffet.«

»Getz mach ma halblang, Jungchen«, kam es von Lemmy, der scheinbar dösend auf dem Fahrersitz gesessen hatte. »Wennste mich fragen tust, die Leutz ham wat Interessantes entdeckt und sind beim Erforschen dran. Lass ma’ gut sein un’ hau dich ’nen bisschen aufs Ohr.«

Gora funkelte den ehemaligen Roadie an, doch der starrte nur zurück. Langsam wichen Angst und Wut aus Goras Miene.

»Meinst du, Lemmy? Dass sie auf etwas gestoßen sind? Nahrung oder Unterkunft vielleicht?«

Lemmy hob die Schultern. »Gut möglich. Schau mer mal.«

Gora seufzte und setzte sich auf die letzte Bank des Busses. Er lehnte den Kopf gegen die Scheibe und schloss die Augen. Seit ihrer Flucht aus Schwarmstein hatte er keinen wirklichen Schlaf mehr gehabt, und immer wieder drängten die Bilder der Flucht aus Bonn vor sein inneres Auge. Das Grauen schien kein Ende nehmen zu wollen, und das Gefühl, ständig in Bewegung sein zu müssen, wurde von Tag zu Tag übermächtiger.

»Du hast eine schwere Zeit, was, Jungchen?«

»Wa…«

»Ruhig, Jungchen. Ich bin’s nur, der olle Lemmy. Du machst ganz schön wat durch, odda?«

»Ich … wundert es dich?«

»Nö, geht uns nämlich allen so.«

»Ich weiß. Ich habe das Gefühl, ich muss ständig laufen – weglaufen, irgendwo hin. Ich will hier nicht sein. Ich will die Bilder nicht mehr in meinem Kopf, die Schreie, den Geruch. Ich will doch nur Frieden. Und ich will meine Familie wieder.«

Tränen rannen über Goras Wangen, und Lemmy sah ihn an. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Wir alle haben jemanden oder etwas Kostbares verloren, mein Sohn. Wir alle sind auf der Flucht, und für uns alle gibt es scheinbar keine Hoffnung. Doch der Meister wird uns zur Zuflucht bringen. Wir werden Ruhe finden und Sicherheit.«

»Deine Stimme …«

»… solltest du dir anhören, Gora. Glaube an die Hoffnung. Sie ist alles, was wir noch haben. Glaube daran.«

Goras Tränen versiegten. Lemmys Hand war warm und ihr Gewicht auf Goras Schulter seltsam tröstlich. Die Stimme des grauhaarigen Mannes neben ihm auf der Bank drang viel weiter als nur bis zu Goras Ohren, und die Worte hüllten die Angst und Verzweiflung, die in ihm wütete, in einen Kokon aus Trost. Gora nahm einen tiefen, zitternden Atemzug.

»Geht’s, Jungchen?«

Gora nickte. »Danke.«

Lemmy blickte noch einen Moment lang tief in die Augen des dunkelhäutigen Mannes, dann nickte er ebenfalls und stand auf. »Denk daran, Gora: die Hoffnung.«

Lemmy drehte sich um und ging wieder an seinen Platz. Er setzte sich in den Fahrersitz und lehnte den Kopf zurück. Nach ein paar Sekunden erklang lautes Schnarchen.

Gora sah noch eine Weile aus dem Fenster, dann fielen seine Augen zu.

***

»Erich, nein!«

Der Angesprochene zuckte zurück. Martins durchdringender Schrei ließ die Haare auf Erichs Armen vibrieren.

»Was … was soll das?«, fragte er völlig verdattert.

Martin trat an den Zaun und stellte sich so davor, dass kein freies Schussfeld auf den Doktor mehr möglich war. »Wir sollten Dr. Steins zu Ende anhören. Ich glaube, er hat uns etwas sehr Wichtiges zu sagen.«

»In der Tat. Es gibt da etwas, dass für Sie von größtem Interesse sein wird.«

»Machen Sie es nicht so spannend!«, fauchte Sandra.

»Wir erschießen ihn und sprengen das Schloss auf. Der hält uns doch nur hin«, grollte Erich.

»Nein, Herr Kraft, wirklich nicht.« Steins hatte abwehrend beide Hände erhoben. »Sie müssen wissen, es gibt Hoffnung auf ein Heilmittel!«

Winter

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