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Kapitel IV

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Trautes Heim

Liebes Tagebuch, es ist unglaublich, was wir erfahren haben: Nicht nur, dass wir jetzt den Auslöser für diese Scheiße, in die sich unsere Welt verwandelt hat, kennen. Es besteht die Hoffnung, dass es ein Heilmittel geben wird. Für die Milliarden wandelnder Leichname nicht mehr. Aber für alle, die noch leben, und die, die vielleicht nach uns kommen. Steini, also Dr. Steins, hat uns erklärt, was passiert ist. Ich glaube ihm. Auch, dass er und seine Kumpels nicht gefährlich sind. Solange sie genügend Dope intus haben. Hätte ich auch gerne.

Jörg konnte sich nicht beruhigen, ebenso wenig wie die anderen Pilger. »Sie erzählen uns seelenruhig, dass hier der Ursprung der Seuche liegt, und im selben Atemzug, dass es ein Heilmittel geben könnte?«, schrie er.

Erich stieß ins gleiche Horn: »Selbst wenn es eins geben sollte: Ihr habt die Seuche auf die Menschen losgelassen. Warum sollten wir euch glauben oder euch schonen?«

Dr. Steins setzte sich auf den Boden vor dem Tor. Er bedeutete der Gruppe, es ihm gleichzutun, nur auf ihrer Seite des Zaunes.

»Bitte«, sagte er, »hören Sie mich an, und dann entscheiden Sie, was Sie tun wollen.«

Sandra führte schließlich eine Entscheidung herbei, indem sie sich einfach fallen ließ. »Lasst ihn uns wenigstens anhören. Erschießen können wir ihn danach immer noch.«

Steins nickte. Jörg, Erich und Martin sahen sich nacheinander an. Schließlich zuckte Martin mit den Schultern und setzte sich neben Sandra. Jörg machte es ihm zögerlich nach. Nur Erich bliebt stehen.

»Komm, Erich, setz dich!«, forderte Martin ihn auf.

Der blonde, hünenhafte Mann gab schließlich nach und ließ sich rechts von Sandra nieder. Er überragte die Frau um gut zwei Köpfe. Links von ihr hatten sich Martin und Jörg hingesetzt.

»Okay Doc, fangen Sie an. Ich hoffe, Ihre Story ist gut«, sagte Sandra und spielte abwesend mit ihrer Waffe.

Steins nickte und blickte ihnen nacheinander in die Augen. »Das, was Sie hier hinter mir sehen, ist der Eingang zu einer geheimen Forschungseinrichtung der NATO. Ihr Forschungsgebiet waren bakteriologische Waffen.«

»Ich wusste es! Die Dreckssäcke der Regierung haben sich einen feuchten Furz um die Abkommen gekümmert.« Erich war ehrlich empört.

»So wie fast alle Regierungen der sogenannten zivilisierten Welt. Jeder Staat hatte mindestens ein solches Labor«, fuhr Steins fort. »In diesem Labor wurden hauptsächlich Virenkampfstoffe erforscht. Basis war immer ein natürliches Virus, das gentechnisch verändert wurde. Und dann erhielten wir eine Probe des Lazarusvirus.«

»Sie erwähnten den Namen schon einmal.« Jörg sah den Doktor nachdenklich an. »Lazarus war dieser Typ in der Bibel, der von den Toten wiederauferstanden ist, oder?«

»So ähnlich. Das Virus ist äußerst selten, und die bisher einzige bekannte Quelle liegt im Dschungel Brasiliens. Dort wurden vor ein paar Jahren Mitglieder eines Eingeborenenstammes entdeckt, die unglaubliche Selbstheilungskräfte hatten. Bei den Untersuchungen stellte man fest, dass ein Virus die Basis dieser Kräfte war. Doch man konnte das Dorf der Indios nicht finden. Alles, was man hatte, waren die drei Jäger, die durch Zufall entdeckt worden waren.«

»Sie sprachen von einer bekannten Quelle, Doktor.« Die Vorahnung, was diese Quelle war, klang deutlich aus Sandras Stimme heraus.

Steins nickte. »Diese Indios sind der Ursprung.«

»Was ist mit ihnen passiert?«

»Das, Herr Kraft, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich weiß nur, dass Blutproben dieser Männer zu den kostbarsten Dingen auf diesem Erdball gehören.«

Jörg lachte auf. Ein Laut, trostlos wie eine leere Bahnstrecke. »Doktor Steins, die wertvollsten Dinge auf dieser Welt sind jetzt Wasser, Nahrung, Munition und ein sicherer Unterschlupf.«

»Mag sein. Doch die Hoffnung auf Heilung liegt ebenfalls in diesem Blut. Jedenfalls erhielten wir eine Blutprobe und einen Auftrag.«

»Was für einen Auftrag?« Jörg wurde hellhörig.

»Wir sollten erforschen, ob und wie sich das Virus als Kampfwertsteigerung für Soldaten einsetzen lässt.«

»Supersoldaten«, flüsterte Erich.

»Genau. Unverwundbare oder doch zumindest schnell heilende Soldaten. Das war unser Projektziel. Doch unsere anfänglichen Ergebnisse verheißen weit mehr.« Das ausdruckslose Gesicht von Steins hatte sich bei der Erinnerung an das Vergangene aufgehellt. Etwas wie Emotionen wurde sichtbar. »Wir stellten fest, dass das Virus Teile eines deaktivierten Gencodes in sich trug.«

»Deaktiviert?«

»Genau, Frau … Sandra. Dieser Teil des Gencodes war scheinbar im Laufe der Evolution des Erregers als nicht notwendig erschienen und darum deaktiviert worden. So wie die Gensequenzen im menschlichen Genom, die im Mutterleib dem Fötus erst Kiemen und dann einen Schwanz wachsen lassen. Diese Codeteile sind nach Abschluss der Entwicklung inaktiv.«

»Und was können diese Codeteile in dem beschissenen Virus?«, fuhr Erich dazwischen.

»Diese Teile versetzen das Virus in die Lage, auch totes Gewebe wieder zu regenerieren. Unsterblichkeit, meine Herrschaften.«

Ein Raunen kam von Steins Zuhörern.

»So wie Sie? Totlebend?«. Jörg deutet auf Steins.

»Nein, so wohl nicht. Wir gehen davon aus, dass die Urform des Virus ihren Wirt am Leben erhielt, um sich weiterverbreiten zu können, ohne aber eine Epidemie auszulösen. Wir kennen solche Vieren auch in der heutigen Zeit. Sie treten nur in eng begrenzten Gebieten auf und verbreiten sich nicht sehr stark.«

»Und dann haben Sie versucht, die Genteile wieder einzuschalten, oder?« Erichs Stimme glich einem Knurren.

»Ja.«

»Und dann ging die Welt zum Teufel!«

»Erich, beruhige dich«, beschwichtigte Jörg den Riesen. »Lass den Doc ausreden«

»Sie haben recht und auch nicht recht. Wir haben den Gencode angeschaltet, ja. Aber die Resultate waren nicht die erhofften. Unsere Testorganismen wurden wieder mobil, das schon. Ihr Stoffwechsel beschleunigte sich rapide. Doch gleichzeitig stieg die Aggressivität und die kognitiven Fähigkeiten verkümmerten.«

»Zombies.«

»Leider, Frau Sandra. Wir konnten uns das nicht erklären. Wir modifizierten die Virenstämme mit den eingeschalteten Gensequenzen immer weiter, um mithilfe abgeschalteter Codeteile herauszufinden, was den Zombieeffekt verursachte. Wir standen kurz vor einem Durchbruch, als …«

»Als, Doc?« Jörg hatte sich erwartungsvoll nach vorne gebeugt.

»Als wir bestohlen wurden und alles den Bach herunterging.« Steins schwieg, den Kopf gesenkt.

»Was ist passiert? Wer hat Sie bestohlen? Und wie?«, fragte Sandra, als das Schweigen andauerte.

»Einer unserer wissenschaftlichen Assistenten war Mitglied einer Vereinigung von Industriespionen. Kaum war er mit dem Virus entwischt, bekamen wir Besuch vom MAD, BND und weiß Gott was für D’s. Offensichtlich hatte er Wind von seiner bevorstehenden Verhaftung bekommen und war geflohen.«

»Und hat das Virus mit sich genommen, oder?«

Steins nickte Jörg zu. »Genau. Um das Virus an den Biofiltern und Desinfektionsschleusen vorbeizubekommen, hatte er eine Ampulle des Agens geschluckt.«

»Und dann? In einem Körper ist so eine Flasche doch bestens geschützt.«

»Normalerweise ja. Und wenn die Flasche kaputtgeht, erledigt die Magensäure den Rest. Meistens. Doch hier haben wir es mit einem Unsterblichkeitsvirus zu tun.«

Schweigen breitete sich aus.

Schließlich räusperte sich Erich. »So ein Virus geht nicht kaputt, wenn die Flasche platzt, oder?«

»So ist es. Das Virus hat den Spion infiziert. Er ist über Köln nach Shanghai geflohen. Von da hat er wohl eine Maschine in die USA genommen, ist aber bei einem Zwischenstopp in Dubai ausgestiegen. Dort verliert sich seine Spur. Doch den Weg des Virus konnten wir danach bestens verfolgen: einmal rund um die Welt.«

»Gibt es keinen Ort mehr, der verschont geblieben ist?«

»Soweit wir wissen, nein. Vielleicht extrem abgelegene Orte auf einer Insel. Das Milgramgesetz, das besagt, jeder Mensch ist maximal sechs Kontakte von jedem anderen Menschen entfernt, hat hier volle Gültigkeit.«

»Aber das erklärt nicht, was mit Ihnen passiert ist«, wunderte sich Martin.

»Das, Herr Martinsen, könnte ich Ihnen am besten im Bunker erklären. Doch dazu müssten Sie mich begleiten.«

Die Pilger schauten sich verstohlen an.

»Ich kann verstehen, dass Sie immer noch misstrauisch sind. Immerhin bin ich ein Zombie, eine potentiell tödliche Gefahr. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wir warten auf ein paar Leute, die Sie vielleicht vom Gegenteil überzeugen können. Marion Theobald, eine ehemalige Pilotin, ist wieder zurückgegangen, um Dr. van Hellsmann zu holen. Pieter ist ein Kollege von mir und Marion, die sie ja schon kennengelernt haben, Herr Weimer, eine Kollegin von Ihnen.«

»Also auch ein Zombie?«

»Totlebend, Herr Kraft, totlebend. Und ja, er ist ebenfalls so. Aber Marion ist kein Zombie. Ich werde mal nachsehen, wo sie bleibt.« Mit dieser Ankündigung stand Steins auf und ging auf den Eingang des Bunkers zu.

»Hey, so geht das nicht! Sie können nicht erwarten, dass wir seelenruhig hier sitzen bleiben, damit Sie mit einer Horde lebender Toter zurückkommen und uns überrennen.«

»Herr Weimer, warum bleiben Sie dann nicht hier und schicken Ihre Begleiter zum Bus zurück? Wenn tatsächlich eine ›Horde‹ Zombies aus dem Bunker kommt, flüchten Sie und bringen sich und den Bus in Sicherheit.«

»Er hat recht, Jörg. Wenn er uns täuschen will, hauen wir ab. Wenn er die Wahrheit sagt, haben wir endlich einen Platz, an dem wir mal wieder zur Ruhe kommen können«, sagte Sandra mit einem Flehen in der Stimme, dem sich Jörg nicht widersetzen konnte.

»Also gut.« Er seufzte. »Ihr drei geht zu den Bussen und wendet sie. Entweder ich komme mit Karacho angelaufen oder ich bringe Gäste mit. Bereitet die Leute darauf vor, so oder so.«

Jörg nickte Steins zu, der zum Bunkereingang schlurfte. Sandra, Martin und Erich sahen ihm noch einen Moment nach, bevor sie sich auf den Weg zu den Bussen machten.

Winter

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