Читать книгу Die neue Medizin der Emotionen - David Servan-Schreiber - Страница 18
Was ist wichtiger: Fühlen oder Denken?
ОглавлениеDem gegenüber kontrolliert das kognitive Gehirn die bewusste Aufmerksamkeit sowie die Fähigkeit, die gefühlsmäßigen Reaktionen zu dämpfen, ehe sie alle anderen überlagern. Diese Steuerung der Gefühle durch das kognitive Denken bewahrt uns vor einer möglichen Tyrannei der Gefühle und einem Leben, das ganz und gar von Instinkten und Reflexen bestimmt wäre. Eine an der Universität Stanford durchgeführte Untersuchung, die mit der Bilderwelt des Gehirns arbeitete, veranschaulicht die Bedeutung des kortikalen Gehirns sehr deutlich. Wenn sich Studenten aufwühlende Bilder ansehen – verstümmelte Leichen oder entstellte Gesichter beispielsweise –, reagiert ihr emotionales Gehirn sofort. Versuchen sie jedoch bewusst, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, so sieht man, wie die kortikalen Bereiche die Bilder ihres aktivierten Gehirns verdrängen und die Aktivität des emotionalen Gehirns blockieren.13
Die Kontrolle von Gefühlen durch das Denken ist jedoch eine zweischneidige Angelegenheit: Kommt sie allzu oft zum Zug, verliert man möglicherweise die Fähigkeit, die Hilferufe des emotionalen Gehirns zu hören. Auf die Folgen einer solchen Unterdrückung von Gefühlen trifft man häufig bei Personen, die als Kinder gelernt haben, dass Gefühle nicht zulässig sind. Typisches Beispiel dafür ist zweifelsohne die Männern so häufig eingetrichterte strenge Ermahnung: »Ein Junge weint nicht!«
Eine übertriebene Kontrolle der Gefühle kann daher zu Unempfindlichkeit führen. Doch ein Gehirn, das emotionaler Information verbietet, einen Einfluss auszuüben, verursacht andere Probleme. Einerseits fällt es einem schwer, Entscheidungen zu treffen, wenn man keine Vorliebe für etwas hat, keine »innere Stimme«, die aus dem Herzen oder dem Bauch kommt, jenen Körperpartien, die ein »irrationales Echo« von Gefühlen auslösen. Aus diesem Grund verzetteln zu »mathematische« Intellektuelle – häufig Männer – sich gern in endlosem Abwägen, wenn es darum geht, sich beispielsweise zwischen zwei Automarken oder auch nur zwei Fotoapparaten zu entscheiden. In den schlimmsten Fällen – denken Sie etwa an das berühmte Beispiel von Phineas Gage im 19. Jahrhundert14 oder an den von Eslinger und Damasio beschriebenen Patienten E.V.R.15 – hindert eine Hirnverletzung den Denkapparat daran, eine gefühlsmäßige Abneigung zur Kenntnis zu nehmen. Nehmen wir den Fall von E.V.R. Der Buchhalter mit einem IQ von 130 – was ihn in die Sparte »überdurchschnittlich intelligent« platzierte – war ein geschätztes Mitglied seiner Gemeinde. Seit vielen Jahren war er verheiratet, hatte mehrere Kinder, ging regelmäßig in die Kirche und führte ein äußerst geregeltes Leben. Eines Tages musste er sich einer Gehirnoperation unterziehen, bei der sein Denk- und Wahrnehmungsapparat von seinem emotionalen Gehirn »abgekoppelt« wurde. Von einem Tag auf den anderen war er nicht mehr in der Lage, auch nur die banalste Entscheidung zu fällen. Für ihn ergab nichts einen »Sinn«. Merkwürdigerweise bewiesen Intelligenztests – die ja ausschließlich die abstrakte Intelligenz messen – einen nach wie vor bei weitem überdurchschnittlichen IQ. Dennoch, E.V.R. wusste nicht mehr, was er den lieben langen Tag mit sich anfangen sollte, da er keinerlei wirkliche, »aus dem Bauch kommende« Vorliebe für die eine oder die andere Möglichkeit hatte; alle Entscheidungen verloren sich in endlosen Detailüberlegungen. Schließlich verlor er seinen Arbeitsplatz, seine Ehe ging in die Brüche, und er ließ sich auf eine Reihe zweifelhafter Affären ein, die sein ganzes Geld verschlangen. Da er keinerlei Gefühle als Richtschnur für seine Entscheidungen hatte, geriet sein Leben völlig aus den Fugen, obwohl seine Intelligenz unbeeinträchtigt blieb.
Bei Leuten mit intaktem Gehirn kann allerdings schon eine Neigung zur Unterdrückung von Gefühlen massive Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Durch eine Trennung von Denk- und Gefühlsapparat können wir die Fähigkeit verlieren, die kleinen Alarmsignale unseres limbischen Systems wahrzunehmen. Ständig finden wir tausend Gründe, nicht aus einer Ehe oder einem Beruf auszubrechen, unter denen wir in Wirklichkeit leiden, weil wir tagtäglich unseren innersten Werten Gewalt antun. Doch die Verzweiflung verschwindet keinesfalls dadurch, dass wir vor der ihr zu Grunde liegenden Bedrängnis die Augen verschließen. Da der Körper das wichtigste Betätigungsfeld des emotionalen Gehirns ist, äußert diese ausweglose Situation sich in körperlichen Problemen. Die Symptome sind die klassischen Stresskrankheiten: unerklärliche Müdigkeit, Bluthochdruck, Erkältungen, Herzkrankheiten, Magen-/Darmbeschwerden und Hautprobleme. Forscher in Berkeley sind sogar der Ansicht, nicht die emotionalen Gefühle als solche, sondern ihre Unterdrückung durch das Denken belaste unser Herz und unsere Arterien.16