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2 Das chronologische Gerüst

»Study problems, not periods.« (Lord Acton)5

Der wichtigste Ausgangspunkt der archäologischen Arbeit besteht in der Aufgabe, die vergangene Zeit in Perioden zu gliedern, welchen man dann die materiellen Zeugnisse einer antiken Kultur systematisch zuweisen und sie dadurch datieren kann. Je präziser dieses System der aufeinanderfolgenden Phasen (relative Chronologie) ist, desto genauer wird die Rekonstruktion des Entwicklungsablaufs einer Kultur. Die relative Chronologie des minoischen Kreta geht auf Sir Arthur Evans zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts ein dreigeteiltes Chronologie-System für die Entwicklung dieser Kultur einführte. Die drei Hauptperioden (Früh-, Mittel- und Spätminoikum) entsprechen mehr oder weniger den drei wichtigsten historischen Perioden der ägyptischen Kultur (Altes, Mittleres und Neues Reich). Sie sind in jeweils drei Phasen unterteilt, die mit den römischen Zahlen I, II und III bezeichnet werden. Die Grundlage für die Definition der Perioden und Phasen bot, wie es bei den meisten Chronologie-Systemen prähistorischer Kulturen der Fall ist, die Keramik. Sie ist die einzige archäologische Gattung, anhand der man den Lauf der Zeit aufgrund ihrer Fülle und des ständigen Wechsels in Tonart, Form und Dekor in feinere Zeitabschnitte gliedern kann. Das Evans’sche System wurde später für die relative Datierung der Kulturentwicklung in den beiden anderen ägäischen Regionen übernommen (griechisches Festland und Kykladen). Trotz seines sehr schablonenhaften Charakters, den bereits Evans selbst erkannt hatte, ist es bis heute gültig geblieben, obwohl man schnell festgestellt hat, dass die Etappen der minoischen Kulturentwicklung, die sicherlich nicht symmetrisch zueinander verliefen, nicht so einfach an die starre, zweifache Dreiteilung dieser Chronologie angepasst werden konnten. Die nachfolgenden Archäologengenerationen haben lediglich versucht, ›kosmetische‹ Korrekturen an Evans’ Chronologie-Gebäude vorzunehmen, indem sie die neun Phasen seines Systems je nach Bedarf in zwei oder drei Subphasen unterteilten (z. B. Mittelminoisch II A und B oder Spätminoisch III A, III B, III C). In einigen Fällen wurden nach intensiven Untersuchungen der relevanten Keramikgruppen auch diese Subphasen in kleineren Zeitabschnitten gespalten (z. B. Spätminoisch III A:1 und III A:2). Dadurch hat man ein etwas präziseres chronologisches Instrument mit Subphasen erhalten, deren Dauer in einigen Fällen nur ein paar Jahrzehnte umfasst.

Auch wenn mit diesen Eingriffen eine strukturelle Schwäche der Evans’schen Chronologie teilweise behoben wurde, müssen wir immer noch mit einem weiteren und noch schwierigeren Problem kämpfen. Dieses besteht darin, dass die Zäsuren der einzelnen Zeitabschnitte in vielen Fällen mit keinen archäologisch greifbaren Ereignissen (z. B. Zerstörungshorizonten) zusammenfallen und daher beliebig nach oben oder nach unten verschoben werden können. Zwischen der letzten Phase des Neolithikums und dem Beginn der Bronzezeit geschieht, abgesehen von langsamen sozialen Prozessen, nichts, was man als konkretes Ereignis archäologisch fassen kann. Dasselbe gilt für die fiktiven Zäsuren zwischen den Perioden FM und MM sowie zwischen MM und SM und auch zwischen vielen Subphasen. Diese Perioden, die sich eigentlich nur durch besondere Keramikwaren identifizieren lassen, gehen in vielen Fällen ohne erkennbare Brüche oder Veränderungen ineinander über. Will man nun die chronologische Entwicklung tabellarisch darstellen, wäre es eigentlich sinnvoller, die einzelnen Perioden nicht durch Linien zu trennen, die Zäsuren angeben, sondern durch Farbe, die sich in der Mitte verdichtet und an ihren jeweiligen Rändern (Beginn bzw. Ende) verblasst (s. Abb. 3). Ein weiteres Problem dieses Datierungssystems stellt die Tatsache dar, dass es im Prinzip auf der Grundlage von knossischen Befunden erarbeitet wurde und nicht ohne Weiteres als ein zuverlässiges Kriterium für die chronologische Gliederung von Perioden in allen anderen Inselregionen betrachtet werden kann.

Ein alternatives Datierungssystem, das vom griechischen Archäologen Nikolaos Platon in den 1950er-Jahren vorgeschlagen wurde, bietet zwar eine sehr überlegenswerte Möglichkeit der parallelen Datierung, ist allerdings mit einer großen Schwäche behaftet. Platons zeitliche Gliederung orientiert sich nicht an der Keramik, sondern an der Baugeschichte der Paläste. Dadurch wird die Entwicklung der minoischen Kultur in vier große Perioden unterteilt: Vor-, Alt-, Neu- und Spätpalastzeit. Diese großen Perioden haben ganz klare Zäsuren, die teilweise auch archäologisch fassbar sind. Dies betrifft jedoch weniger die dunklen Anfänge der Paläste, als vielmehr die einander abwechselnden Episoden von Zerstörung und Wiederaufbau, die sehr konkrete Spuren hinterlassen haben. Diese Zäsuren bieten zugleich wichtige Wendepunkte in der minoischen Kulturabfolge. Die Hauptschwäche des alternativen Datierungssystems ist allerdings offensichtlich: Platons vier Perioden bestehen aus zu langen und zu unpräzisen Zeitabschnitten, um die minoische Kulturentwicklung zu strukturieren und Prozesse, Bauten oder Artefakte zu datieren. Für eine feinere Unterteilung dieser Perioden ist die Forschung immer noch auf Evans’ schablonenhaftes Gliederungsschema angewiesen:

Tab. 1: Perioden der minoischen Kulturgeschichte


Auch die Geschichte der Paläste bietet also keine sichere Grundlage für die Gliederung der historischen Zeit in Perioden mit klaren zeitlichen Grenzen, da man immer noch über die endgültige Zerstörung des Palastes von Knossos (in der frühen SM III A:2- oder am Ende der SM III B-Periode) debattiert. Darüber hinaus ist der Begriff ›Nachpalastzeit‹ für die Periode nach SM I B nicht ganz korrekt, da mindestens ein Palast (Knossos) für mindestens ein paar Generationen oder sogar Jahrhunderte weiter existierte. Der sich langsam etablierende Begriff ›Spätpalastzeit‹ als Definition dieses Zeitabschnitts entspricht daher besser den archäologischen Tatsachen. Rezente Funde aus der Altstadt von Chania, darunter auch Linear-B-Täfelchen, machen sogar die Existenz eines zweiten kretischen Palastes bzw. eines administrativen Zentrums in dieser spätpalastzeitlichen Periode sehr wahrscheinlich, das erst am Ende der SH III B-Periode zerstört wurde. Dadurch wird der Begriff ›Nachpalastzeit‹ eigentlich obsolet, denn er bezeichnet eine Periode, in der mindestens ein Palastzentrum noch existierte.

Die beiden obengenannten Systeme werden nun seit einiger Zeit parallel nebeneinander verwendet: Das präzisere Evans’sche System als chronologisches Instrument für Datierungen, Platons System als chronologisches Gerüst für die Differenzierung der wichtigsten Entwicklungsetappen der minoischen Kultur. In der Zukunft könnte man sich eventuell auf eine konsequentere Kombination beider Systeme einigen. Es erscheint sehr sinnvoll, dass man Platons architektonische Periodenbezeichnungen mit sehr klaren Zäsuren als Grundlage nimmt und sie für eine feinere Datierung in Phasen der Keramikchronologie unterteilt, wie z. B. Altpalastzeit I, II, III. Diese Unterteilung sollte nicht nach einem symmetrischen Prinzip, wie in Evans’ System, erfolgen, das heißt durch eine erste Dreiteilung in Phasen und eine zweite in Subphasen, sondern sich nur an tatsächlich erkennbaren, unterschiedlichen Phasen der Keramikentwicklung orientieren. Die Vorpalastzeit könnte z. B. fünf, die Altpalastzeit drei und die Neupalastzeit vier Phasen haben. Sehr hilfreich wäre dabei die Methode der vergleichenden Stratigrafie, deren Ziel darin besteht, die stratigrafischen Abfolgen (d. h. die übereinander liegenden Schichten verschiedener Besiedlungsphasen) wichtiger minoischer Fundorte miteinander zu synchronisieren. Erst wenn wir eine umfassende Vorstellung gewinnen, wie sich lokale Keramikabfolgen zueinander verhalten, können wir Phasen einer gesamtkretischen – d. h. minoischen – Chronologie festlegen. Erste Versuche einer vergleichenden Stratigrafie sind bereits von mehreren Seiten unternommen worden. Was noch fehlt, ist eine Bündelung dieser Untersuchungen in einem neuen Chronologie-Modell. Es versteht sich von selbst, dass dieses Unternehmen nicht die Leistung einer einzelnen Person, sondern eher eine kollektive Anstrengung sein muss, die bis heute leider noch aussteht.


Abb. 3: Systematische Chronologie

Die minoische absolute Chronologie ist mit ihren eigenen Problemen behaftet. Sie wurde für lange Zeit ausschließlich durch die traditionelle historisch-archäologische Methode ermittelt, deren Grundlage die Synchronismen der ägäischen Kulturen mit den besser zu datierenden Kulturen Ägyptens und des Vorderen Orients bildeten (traditionelle oder niedrige Chronologie). Erst seit den 1970er-Jahren werden systematisch naturwissenschaftliche Datierungsmethoden (in erster Linie die Radiokarbonmethode und die Dendrochronologie) eingesetzt, die für eine wesentlich höhere absolute Datierung einzelner Phasen der ägäischen Kulturen, insbesondere vor der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., sprechen (neue oder hohe Chronologie). Die zeitliche Diskrepanz zwischen den beiden Systemen ist in einzelnen Phasen beträchtlich und kann über ein Jahrhundert betragen. Dreh- und Angelpunkt der hohen absoluten Chronologie stellt der Vulkanausbruch auf Thera (Santorin) dar. Eine Serie von 14C-Daten (Radiokarbonmethode) und insbesondere die Datierung des Astes eines in der Bimssteinschicht entdeckten Olivenbaumes etwa sieben Kilometer von Akrotiri entfernt um 1613 v. Chr. (± 13 Jahre) schien zunächst eindeutig für die hohe Chronologie zu sprechen. Mehrere Forscher haben allerdings die Zuverlässigkeit dieser Datierung, die einige methodische Schwachpunkte aufweist, angezweifelt. Das größte Problem der hohen absoluten Chronologie ist ihre Unvereinbarkeit mit archäologischen Synchronismen und insbesondere ihre deutliche Diskrepanz zum System der aufgrund von naturwissenschaftlichen und archäologischen Zeugnissen solideren ägyptischen Chronologie. Der Begriff ›archäologischer Synchronismus‹ bezieht sich auf die Feststellung von zeitlich übereinstimmenden Schichten zweier unterschiedlicher Fundorte oder Perioden in zwei unterschiedlichen Kulturregionen, die durch Importe bzw. Exporte hergestellt werden kann. Jeder ägäische Archäologe, der die Fülle der ägyptischen schriftlichen Quellen und die Präzision altägyptischer Kalenderdaten bestaunt, fühlt sich geneigt, eher für die niedrige (traditionelle) Chronologie zu plädieren. Dies scheinen nun neue Kalibrierungskurven zu bestätigen, die für eine Chronologie der Vulkaneruption von Thera im 16. Jahrhundert v. Chr. sprechen. Wegen dieser Unsicherheiten und vor allem wegen der Schwierigkeit einer präzisen Datierung wird in diesem Buch generell vermieden, absolute chronologische Daten zu nennen. Dies wird nur gelegentlich als Orientierung für den Leser gemacht. In all diesen Fällen wird hier aufgrund des jetzigen Forschungsstandes eine Chronologie übernommen, die – rein konventionell – von einer Datierung des Vulkanausbruchs von Thera um die Mitte des 16. Jahrhunderts v. Chr. ausgeht.

Literatur

Evans, Arthur 1906: Essai de classification des époques de la civilisation minoenne, London

Höflmayer, Felix 2012: Die Synchronisierung der minoischen Alt- und Neupalastzeit mit der ägyptischen Chronologie, Wien

Manning, Sturt W. 1995: The Absolute Chronology of the Aegean Early Bronze Age, Sheffield

Manning, Sturt W. 1999: A Test of Time. The Volcano of Thera and the Chronology and History of the Aegean and East Mediterranean in the Mid Second Millennium BC, Oxford

Momigliano, Nicoletta (Hg.) 2007: Knossos Pottery Handbook. Neolithic and Bronze Age (Minoan), London

Niemeier, Wolf-Dietrich 1985: Die Palaststilkeramik von Knossos. Stil, Chronologie und historischer Kontext, Berlin

Pearson, Charlotte L. u. a. 2018: Annual Radiocarbon Record Indicates 16th Century BCE Date for the Thera Eruption, Science Advances, Vol. 4, Nr. 8, DOI: 10.1126/sciadv.aar8241

Platon, Nikolaos 1961: Chronologie de la Crète et des Cyclades à l’Âge du Bronze, in: Bersu, Gerhard (Hg.): Bericht über den V. Internationalen Kongress für Vor- und Frühgeschichte, Hamburg 1958, Berlin, S. 671–674

Warburton, David (Hg.) 2009: Time’s Up! Dating the Minoan Eruption of Santorini: Acts of the Minoan Eruption Chronology Workshop, Sandbjerg, November 2007, initiated by Jan Heinemeier and Walter L. Friedrich, Athens

Warren, Peter/Hankey, Vrowney 1989: Aegean Bronze Age Chronology, Bristol

5 Acton, John Emerich Edward Dalberg 1906: Inaugural Lecture on the Study of History. Delivered at Cambridge, June 1895, in: Figgis, John Neville/Vere Laurence, Reginald (Hgg.): John Emerich Edward Dalberg, Lord Acton, Lectures on Modern History, London, S. 1–31.

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