Читать книгу Das minoische Kreta - Diamantis Panagiotopoulos - Страница 9
1 ›Mythen‹ und archäologische Realität: Ein forschungsgeschichtlicher Überblick
Оглавление»The first question which arose was what name should be given to this civilization and to the race who produced it. Many suggestions were made, but by tacit consent it was left to Dr. Arthur J. Evans as the doyen of Cretan excavators to settle the question …« (Richard Seager)2
Am unteren rechten Rand des monumentalen Gemäldes des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle steht inmitten einer Gruppe von Dämonen ein grimmiger, von einer riesigen Schlange umwundener Minos. Inspiriert von Dantes Inferno verewigte Michelangelo in seinem apokalyptischen Bild den legendären kretischen König als gerechten Totenrichter. Ohne allerdings auch nur ein einziges Vorbild für seine Erscheinung gehabt zu haben, gab er ihm das Gesicht des von ihm verhassten Zeremonienmeisters Biagio da Cesena, der sich wiederholt beim Papst über die nackten Körper in Michelangelos Gemälde beschwert hatte. Und obwohl dies nichts anderes als ein Capriccio des genialen italienischen Malers war, hat die vom ihm erschaffene Gestalt auf ideale Weise die Ambivalenz des Minos in der griechischen Überlieferung bildlich festgehalten. Denn der kretische König wurde in verschiedenen Mythen nicht nur als gerechter Richter, sondern auch als blutrünstiger Herrscher dargestellt. In diesen widersprüchlichen Erzählungen verdichteten sich zweifellos diverse Fragmente der griechischen Erinnerung an dieses besondere Inselvolk und seinen Herrscher. Für mehrere Jahrhunderte boten sie die einzigen konkreten Bezugspunkte für Gelehrte, um die prä-historische Vergangenheit Kretas zu rekonstruieren, weil deren materielle Spuren von der kretischen Erde für mehr als drei Jahrtausende unsichtbar bewahrt wurden. Erst mit der Befreiung der Insel von der osmanischen Herrschaft im vorletzten Jahr des 19. Jahrhunderts begann die systematische archäologische Erforschung auf Kreta, die nach und nach diese einzigartige bronzezeitliche Gesellschaft ans Licht brachte.
Eine Auseinandersetzung mit der minoischen Kultur darf diese griechischen Mythen nicht ignorieren, sondern muss sich der brennenden Frage stellen, ob sie einen historischen Kern gehabt haben könnten. Generell galt Kreta in der antiken Überlieferung als Wiege von vielen kulturellen und technischen Errungenschaften, von der Gesetzgebung bis zur Viehzucht und Metallverarbeitung. Die Legenden, mit denen die griechischen Dichter, Chronisten und Philosophen die Insel umgaben, haben ihren größten Gott, Zeus, als Ausgangspunkt. Er soll auf Kreta geboren und gestorben sein. Zeus entführte in Gestalt eines weißen Stiers die schöne Königstochter Europa nach Kreta und zeugte dort mit ihr seine Söhne Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Die Informationen über diese und andere kretische Herrscher und ihre Geschlechter sind widersprüchlich. Die mythische Überlieferung kannte zwei Herrschergestalten mit dem Namen Minos: Der erste Herrscher war der Begründer der königlichen Dynastie auf der Insel, der zweite derjenige, der, wie wir in den homerischen Epen erfahren, die Insel unter seine Herrschaft brachte und sein Reich über Kreta hinaus ausdehnte. Sein Enkel Idomeneus hat als knossischer König am Trojanischen Krieg teilgenommen. Aus anderen Quellen, darunter Hesiod und später Diodor, erfahren wir, dass Minos als Abkömmling des göttlichen Zeus und »königlichster unter den sterblichen Königen«3 der erste Stifter einer geordneten Stadt (politeia) und frühester Gesetzgeber war. Minos stieg, wie ein zweiter Moses, auf den Berg Ida (Psiloritis), um sich mit seinem Gott und Vater zu treffen und von ihm belehrt zu werden. Der Ort dieser Begegnung, die alle acht oder neun Jahre stattfand, war die Idäische Zeus-Grotte, der Geburtsort des kretischen Zeus. Sogar der Begründer der Geschichtsforschung, Thukydides, erwähnt Minos in der Einleitung seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges als den ersten Herrscher, der die Piraten aus der Ägäis vertrieben und deren maritime Wege dominiert hat. Als gerechter Gesetzgeber wurde Minos zu einem der Totenrichter des Hades und in diesem würdevollen Amt hat man ihn oft in der griechischen Kunst dargestellt. Aber die griechische Überlieferung zeichnete zugleich ein ganz anderes Bild von ihm. Er soll ein Tyrann gewesen sein, der den Athenern einen unmenschlichen Tribut auferlegt hat. Alle neun Jahre mussten sie sieben Mädchen und sieben Knaben dem Minotaurus zum Fraß senden. Diese Bestie, halb Mensch, halb Stier, war der widernatürlichen Vereinigung der Königstochter Pasiphae mit einem weißen Stier entsprungen, der ursprünglich dem Poseidon geopfert werden sollte. Schauplatz dieses tragischen Menschenopfers war das Labyrinth, das in Minos’ Auftrag vom genialen Erfinder und Künstler Daidalos erbaut worden war. Erst dem athenischen Heroen Theseus gelang es, das Ungeheuer zu töten, während die in ihn verliebte Prinzessin Ariadne ihm einen Faden schenkte, durch den er den Weg aus dem Labyrinth fand.
Die Frage nach dem eventuellen historischen Kern dieser Mythen, die ein recht widersprüchliches Bild des kretischen Herrschers zeichnen, ist mit zwei Problemen behaftet. Erstens klafft zwischen dem Ende der minoischen Kultur und der frühesten (schriftlichen) Fixierung der griechischen Mythen eine zeitliche Lücke von mehreren Jahrhunderten. Es gibt dabei keine Hinweise auf einen ununterbrochenen Erinnerungsstrom. Man muss hingegen mit erheblichen Brüchen, Rissen und Verzerrungen der Erinnerung rechnen. Zweitens sind diese Mythen, zumindest in der Form, in der sie uns überliefert sind, nicht auf Kreta selbst, sondern in den Zentren des griechischen Festlands entstanden und weitertradiert worden. Der Blick, den sie uns in die Geschichte der Minoer ermöglichen, wie Sokrates selbst im (pseudo-)platonischen Dialog Minos zugibt, ist daher ein Blick von außen, die Perspektive einer anderen Kultur. Ein solcher Blickwinkel könnte die sehr ambivalente Darstellung des Minos erklären. Man braucht nur an die zwiespältige Einstellung von modernen Völkern gegenüber Großmächten zu denken, welche zugleich bewundert und gehasst werden. Vielleicht besaßen die widersprüchlichen Mythen über Minos doch einen historischen Kern, indem sie die ferne Erinnerung der vermutlich von der minoischen Übermacht unterdrückten griechischen Bevölkerungsgruppen bewahrten. Nach über 100 Jahren intensiver archäologischer Forschung sind wir nun in der Lage, diese Frage sehr nüchtern anzugehen, indem wir die Fakten zur minoischen materiellen Kultur mit dem Stoff der mythischen Erzählungen vergleichen. Packen wir dieses Problem vom Kopf her an und beginnen wir mit einem kurzen Abriss der Forschungsgeschichte.
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der kretischen Vergangenheit in der Neuzeit wurde durch Expeditionen oder Reisen von Gesandten und Gelehrten eingeleitet. Gebildete Europäer entdeckten bei ihren Wanderungen auf der Insel reiche materielle Überreste vergangener Perioden, die an fast jeder Ecke der kretischen Landschaft an die Oberfläche ragten. Die meisten Reisenden konnten der Versuchung nicht widerstehen, die sichtbaren Ruinen mit einem der in der mythischen oder historischen Überlieferung erwähnten Orte in Beziehung zu setzen. Die Berichte der Italiener Cristoforo Buondelmonti, der Kreta 1414 und 1415 besuchte, und Onorio Belli (1583–1599), des Niederländers Olfert Dapper (1688), der wohlgemerkt die Insel nie betreten hat, der Franzosen Joseph Pitton de Tournefort (1700), Philippe de Bonneval und Mathieu Dumas (1783) und Victor Raulin (1845), des Österreichers Franz Wilhelm Sieber (1817), der Engländer Richard Pockocke (1739), Robert Pashley (1834) und Thomas A. B. Spratt (1851–1853) und vieler anderer sind sehr hilfreiche Bestandsaufnahmen der kretischen Geologie, Geografie, Fauna und Flora, Denkmäler, Bevölkerung und Sitten, die den Archäologen auch heute noch eine sehr wertvolle Informationsquelle bieten. Diese Berichte haben allerdings nichts zur Erhellung der bronzezeitlichen Vergangenheit der Insel beitragen können. Bereits im späten 18. Jahrhundert beklagte sich William Mitford in seiner Geschichte Griechenlands, dass uns die Materialien zu einer vollständigen Geschichte Kretas fehlen. Mit dieser Beobachtung leitete Karl Hoeck 1823 sein Buch über Kreta ein, in dem er den ersten systematischen Versuch unternahm, auf der Grundlage von Mythen und historischen Texten die Ära des Minos zu rekonstruieren.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts, also einige Jahrzehnte vor dem Beginn der ersten archäologischen Grabungen auf der Insel, erblickte die moderne Welt zum ersten Mal das Antlitz eines Minoers und zwar nicht auf Kreta, sondern in Ägypten. In den Privatgräbern von wichtigen Beamten der 18. Dynastie, die allmählich in den Nekropolen von Theben-West ans Licht kamen, waren Gesandte eines Fremdvolkes zu sehen, die, mit sehr eleganter Frisur und Kleidung versehen, die kostbare Gaben als diplomatische Geschenke zum ägyptischen König brachten. Ohne sichere Anhaltspunkte gehabt zu haben, da zu diesem Zeitpunkt noch keine materiellen Überreste der minoischen Kultur bekannt waren, identifizierte der Ägyptologe Heinrich Brugsch diese Gesandten bereits im Jahre 1858 – und zwar korrekt – mit der bronzezeitlichen Kultur Kretas: eine geniale Pionierleistung.
Auf Kreta selbst begann die archäologische Erforschung der minoischen Kultur bereits vor der Befreiung der Insel aus der osmanischen Herrschaft. Nach einer bemerkenswerten Fügung des Schicksals trug der erste Entdecker des minoischen Palastes von Knossos den Namen des mythischen Königs, der hier residiert haben soll: Es war der gebildete kretische Kaufmann Minos Kalokairinos, der 1878 oder 1879 die erste – und sehr kurze – Grabungskampagne auf dem Hügel Kephala durchführte. Dort legte er zwei Magazinräume des Palastes frei, die mit großen Vorratsgefäßen gefüllt waren. Nach einem Versuch von Heinrich Schliemann, eine Grabungskonzession für Knossos zu erlangen, die an den hohen finanziellen Forderungen der türkischen Behörden scheiterte, gelang es dem Archäologen Arthur Evans, das Gelände von Kephala zu erwerben. Evans, der in den vorangegangenen Jahren die Insel auf der Suche nach Zeugnissen uralter Schriften durchkämmt hatte, war – wie vor ihm auch Kalokairinos – überzeugt, dass an dieser Stelle der Sitz des legendären kretischen Königs Minos lag.
Die systematischen Grabungen in Knossos unter Evans’ Leitung begannen am 23. März 1900. Binnen sechs Jahren wurden der gesamte Palastkomplex und mehrere Bauten in dessen unmittelbarer Umgebung freigelegt. Die meisten Räume des Palastes enthielten keine kostbaren Gegenstände, weil sie offensichtlich vor der endgültigen Aufgabe des Gebäudes entfernt worden waren. Dennoch reichten die Architektur und luxuriöse Ausstattung dieser Megastruktur allein, um Archäologen und Laien gleichermaßen in Staunen zu versetzen. Vor den Augen der westlichen Welt entfaltete sich eine antike Kultur, die in ihrer Verfeinerung, Natur- und Lebensfreude fast wie eine utopische Welt wirkte, eine Welt, die in scharfem Kontrast zu der von Krisen erschütterten Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts stand. In den darauffolgenden Jahren haben griechische, britische, italienische, französische und amerikanische Archäologen in verschiedenen Regionen der Insel weitere minoische Paläste sowie Villen, Siedlungen, Nekropolen und Heiligtümer entdeckt. Diese Pioniere kamen vor allem aus Großnationen mit einem starken Interesse an der Insel, die in einem geopolitischen Spannungsbereich lag. Zu diesem internationalen Kreis der ersten Archäologen, die auf der Insel tätig waren, gehörten neben Arthur Evans die Griechen Iosif Hatzidakis und Stephanos Xanthoudides, die Italiener Federico Halbherr, Roberto Paribeni, Enrico Stefani und Luigi Pernier, die Briten John Myres, David George Hogarth, Robert Carr Bosanquet und Richard MacGillivray Dawkins, der Amerikaner Richard Seager und, last but not least, die Amerikanerinnen Harriet Boyd-Hawes und Edith Hall, welche bedeutende Grabungsprojekte geleitet und publiziert haben und zwar in einer Zeit, in der Frauen eine derart verantwortungsvolle Rolle meist verwehrt blieb. Ein besonderer Glücksfall in der Erforschung der minoischen Kultur war ferner die Tatsache, dass die intensiven archäologischen Untersuchungen erst nach dem Ende der osmanischen Herrschaft begannen. Bereits vor der politischen Autonomie Kretas und der späteren Vereinigung mit Griechenland war die Heraklion Gesellschaft zur Förderung von Bildung gegründet worden (1878), deren primäres Ziel in dem Studium und der Erhaltung des kretischen kulturellen Erbes bestand. Dadurch blieben nahezu alle Funde der großen europäischen und amerikanischen Grabungen weiterhin auf der Insel. Im Gegensatz zum bitteren Schicksal des Parthenonfrieses, des Pergamonaltars oder der Nofretete-Büste musste keines der Meisterwerke der minoischen Kultur auf legalen – oder scheinbar legalen – Wegen seine Heimat verlassen. Dies ist größtenteils den heroischen Bemühungen der Mitglieder dieser Gesellschaft zu verdanken. Georges Clemenceau, der 1904, vor seiner Amtszeit als französischer Premierminister, Kreta besuchte, um die kretischen Altertümer und das kretische Volk zu studieren, bezeichnete ihren Vorsitzenden, Iosif Hatzidakis, sehr treffend als die »wütende Archäologie« (l’archéologie enragée)4. Durch diese kämpferische Haltung einer kleinen Gruppe von begeisterten Pionieren begannen allmählich die ersten spektakulären Funde, welche die kretische Erde freigab, die Magazine des neugegründeten Heraklion-Museums zu füllen, das sich sehr schnell als viel zu klein erwies, um den unaufhörlichen Strom an minoischen Kunstwerken zu beherbergen.
Wenige Jahre nach dem Ende der Grabungen im Palast von Knossos und während weitere Neufunde von anderen minoischen Fundorten von der westlichen Welt mit Begeisterung aufgenommen wurden, begann Evans mit seiner Rekonstruktionsarbeit, der er einen großen Teil seines Ruhmes verdankt. Diese Rekonstruktion war eine doppelte: eine bauliche und eine gedankliche. Evans entschied sich, die freigelegten baulichen Überreste des Palastes, der überwiegend nur in seinen Erd- und Untergeschossen erhalten war, mit Stahlbeton, dem neuen Wundermaterial seiner Zeit, zu rekonstruieren. Bei der Realisierung dieses Plans gingen er und seine Mitarbeiter zugegebenermaßen sehr rigoros vor. Sie ergänzten und restaurierten nicht nur, sondern bauten teilweise den Palast neu. Säulen, Fassaden, Treppen wurden anhand des Vorbilds von Architekturdarstellungen auf der minoischen Bausubstanz errichtet und haben sie stellenweise völlig überdeckt. Was wir heute sehen, ist eigentlich nicht nur Minos’, sondern auch Evans’ Palast, welcher in vielen Fällen keinen architektonischen Tatsachen, sondern den Vorstellungen dieser großen Forscherpersönlichkeit und ihrer Zeit entspricht. Die moderne Forschung, die generell Evans’ Rekonstruktionen verurteilt, übersieht, dass die Kritik an diesem Vorhaben bereits in der Zeit seiner Entstehung und Durchführung begann, da Evans nicht in einer britischen Kolonie, sondern in einem unabhängigen Staat mit einer strengen Gesetzgebung zum kulturellen Erbe agierte. Eine nähere Auseinandersetzung mit der Rolle der griechischen Archäologen und Behörden bei diesem spannenden Kapitel der minoischen Archäologie, die seitdem ausgeblieben ist, würde viele Facetten des knossischen Restaurationsprojektes, seiner Hintergründe und seiner unmittelbaren Rezeption beleuchten.
Die zweite Rekonstruktion, die Evans für die minoische Archäologie unsterblich machte, war die gedankliche. Nach zwanzigjähriger Arbeit vollendete er sein vierbändiges Monumentalwerk The Palace of Minos at Knossos. Auf über 2800 Seiten hat er nicht nur die Ergebnisse seiner Arbeiten in Knossos vorgelegt, sondern eine Enzyklopädie über das Werden und Wesen der minoischen Kultur geschrieben. Alle modernen ›Mythen‹ über die Minoer haben ihren Ursprung in dieser, in Umfang und Einfluss unübertroffenen Arbeit, die man bis in die 1980er-Jahre nicht ohne Grund als ›Bibel der minoischen Archäologie‹ bezeichnete. Sie stellt allerdings keine echte Publikation des Palastes dar, wie die kurz darauf erschienene, nüchterne Studie der italienischen Archäologen Luigi Pernier und Luisa Banti über Phaistos, sondern eine Gesamtvision der minoischen Kultur, in der sich archäologische Fakten mit kühnen Vermutungen, aber auch mit wilden und unhaltbaren Hypothesen vermischten. Diese umfassende Synthese der minoischen Kultur mit den unzähligen darin enthaltenen Deutungen, den Begriffen, die Evans eingeführt hat, und nicht zuletzt seinem Chronologie-System haben alle nachfolgenden Generationen von Archäologen vor eine riesige Herausforderung gestellt und prägen noch immer ganz entscheidend das Profil dieser archäologischen Teildisziplin. Es gibt vielleicht kein anderes altertumswissenschaftliches Fach, in dem die Gestalt und das Werk des Begründers in aktuellen Debatten noch immer so präsent sind, wie die minoische Archäologie. In The Palace of Minos erzählt Evans die Geschichte einer Inselgesellschaft, die, begünstigt durch ihre geografische Lage zwischen drei Kontinenten, den Reichtum und die Vielfalt ihrer natürlichen Ressourcen und nicht zuletzt durch die Kreativität ihrer Menschen im frühen zweiten Jahrtausend v. Chr., den Sprung zu einer Hochkultur schaffte: Auf einer vergleichsweise kleinen territorialen Basis hat man nach einem eigenständigen Modell Paläste monumentaler Dimensionen errichtet, mehrere Schriftsysteme entwickelt, einen komplexen Verwaltungsapparat aufgebaut und viele Zweige des Kunsthandwerks zu einer erstaunlichen Blüte gebracht. Im Palast von Knossos residierten Priesterkönige, die ihre politische Legitimation aus der sakralen Dimension ihrer Herrschaft schöpften. Die Minoer sollen mit ihrer Flotte den größten Teil der Ägäis beherrscht und Kontakte mit den Nachbarländern im östlichen Mittelmeer gepflegt haben, wo sie in Diplomatie und Handel als ebenbürtige Partner der großen orientalischen Reiche aufgetreten sind. An der Spitze ihres Pantheons stand eine große Göttin, die von einem jugendlichen Gott begleitet war, welcher aber bloß eine Nebenrolle spielte. Die Frauen genossen eine ganz besondere soziale Stellung und scheinen mindestens ebenso wichtig wie die Männer gewesen zu sein. Ein sehr markanter Aspekt dieser minoischen Erfolgsgeschichte war unter anderem das kosmopolitische Flair dieser Hochkultur, das sich in ihrer lichtdurchfluteten Architektur, den feinen Erzeugnissen des Kunsthandwerks und den friedvollen Themen ihrer Bilderwelt manifestierte.
Abb. 2: Siegelabdruck aus dem Palast von Knossos mit der Darstellung einer weiblichen Gottheit (Mother of the Mountain).
Dies waren die Hauptkomponenten von Evans’ Vorstellungen über das minoische Kreta. Auch wenn die rezente Forschung mit einer gewissen Vehemenz versucht, Evans als einen Gelehrten darzustellen, dessen Ideen viel zu stark seinem sozialen Hintergrund und konkreter dem viktorianischen England geschuldet waren, ist die Realität wesentlich komplexer, wenn man tatsächlich seine monumentale Publikation liest – was man über einige seiner Kritiker nicht mit Sicherheit behaupten kann. Denn hier tritt vor unsere Augen ein belesener Archäologe, welcher der fragmentarischen Überlieferung mithilfe von orientalischen Vorstellungen, ja sogar von Vorbildern der italienischen Renaissance, Sprache verleihen wollte. Seine Vermutung einer klaren Segregation der Geschlechter im Palast von Knossos, die Rekonstruktion eines piano nobile (Beletage) im Obergeschoss des Ostflügels desselben Gebäudes und viele andere Hypothesen haben nichts mit seinem britischen Hintergrund zu tun. Dieses aus diversen persönlichen Erfahrungen, Lektüren und Recherchen gespeiste Bild der Minoer, das Evans oft ohne wissenschaftliche Stringenz kompiliert hat, ist in den meisten älteren Fachpublikationen und aktuellen populärwissenschaftlichen Büchern reproduziert worden. Die brennende Frage ist allerdings, was von diesem modernen Mythos tatsächlich wahr ist – einem Mythos, der auf den Hypothesen eines Forschers, seiner Zeitgenossen und seiner unmittelbaren Nachfolger aufbaut. Haben die darauffolgenden Jahrzehnte intensivster archäologischer Forschung auf Kreta dieses gedankliche Konstrukt verändert oder nicht? War Evans so genial, dass er das meiste richtig erfassen und die großen Lücken in der Überlieferung mit plausiblen Vermutungen füllen konnte? Was darf man letztendlich von dieser traditionellen Rekonstruktion der minoischen Kultur heute noch glauben? Bevor man versucht, diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, einen näheren Blick auf die Geschichte der minoischen Archäologie nach der Zeit der Pioniere zu werfen.
Die ersten Jahrzehnte der Erforschung des minoischen Kreta bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind, wie bereits betont, ganz eindeutig von Evans’ Gestalt und Wirken dominiert. Neben ihm und seinen bereits erwähnten Kollegen muss man die wichtigsten Persönlichkeiten der zweiten Forschergeneration zumindest namentlich erwähnen, weil sie mit ihrem Wirken vor und nach dem Zweiten Weltkrieg die Entwicklung dieser Disziplin im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben: die Griechen Spyridon Marinatos und Nikolaos Platon, die Franzosen Fernand Chapoutier, Jean Charbonneaux und Pierre Demargne, die Italiener Doro Levi und Luisa Banti, der Belgier Henri van Effenterre und schließlich der Brite John Pendlebury, jener großartige Archäologe, Sportler und Abenteurer, der über mehrere Jahre die Insel zu Fuß durchstreifte, Grabungen auf Kreta und in Ägypten durchführte und den ersten systematischen Überblick über die minoische Kultur publizierte, bevor er 1941 mit 36 Jahren beim Kampf um Kreta von den Deutschen hingerichtet wurde. Deutsche Archäologen, wie Friedrich Matz, haben wesentliche Beiträge zum Verständnis der minoischen materiellen Kultur geleistet, ohne allerdings – wegen der politischen ›Großwetterlage‹ – je die Gelegenheit gehabt zu haben, selbst auf der Insel durch Grabungen aktiv zu sein. Nur während der deutschen Besatzung der Insel (1941–1944) haben sie kleinere Grabungen an verschiedenen Orten durchgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und während die Insel und ganz Griechenland versuchten, die tiefen Wunden zu heilen, welche die deutsche Besatzung und der anschließende Bürgerkrieg hinterlassen hatten, wurde allmählich die systematische archäologische Erforschung auf Kreta wieder aufgenommen. Neben den griechischen Archäologen arbeiteten weiterhin sehr intensiv britische, italienische und französische Kollegen, die nicht nur Grabungen, sondern auch Oberflächenbegehungen in verschiedenen Regionen der Insel durchführten.
In den ersten drei Jahrzehnten nach Evans’ Tod (1941) haben die neuen Funde und Forschungen sein Theoriegebäude nicht radikal verändern können. Die beiden entscheidenden Wendepunkte in der Entwicklung der minoischen Archäologie kamen erst später. Der erste war 1967 die Entdeckung und systematische Untersuchung der Siedlung von Akrotiri auf Thera (Santorin), die gegen Mitte des 16. Jahrhunderts v. Chr. von einer verheerenden Vulkaneruption verschüttet worden war. Diese Entdeckung verdanken wir einer der großen Gestalten der minoischen Archäologie, Spyridon Marinatos, der lange Zeit auf Kreta tätig war und bereits vor dem Zweiten Weltkrieg vermutete, dass die Vulkaneruption von Thera ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der minoischen Kultur gewesen sein musste. Die Debatte über den genauen Zeitpunkt der Vulkaneruption im Rahmen der minoischen absoluten Chronologie und vor allem über ihre Auswirkungen auf die minoische Palastkultur dauert bis heute an. Der zweite wichtige Wendepunkt war die Bewegung der ›New Archaeology‹ (seit den 1960er-Jahren), welche die archäologischen Disziplinen revolutionierte und auch die Methoden und Ziele der minoischen Archäologie radikal veränderte. Die wichtigste Prämisse dieses Forschungsansatzes war, dass man sich durch Anleihen aus anderen Disziplinen, wie z. B. der Soziologie, Ethnologie und Geschichte, das Ziel setzte, neue, möglichst objektive und wissenschaftliche Methoden für die Interpretation von archäolo-
Karte 1: Kreta
gischen Funden und Befunden zu entwickeln. Diese neuen Methoden sollten die einfachen, erfahrungsbezogenen Argumente vergangener Archäologengenerationen durch ein gemeinsames methodisches Instrumentarium ersetzen, das eine solide analytische Grundlage für das Fach formen konnte. Diese Bewegung löste eine sehr intensiv geführte Theoriediskussion aus, die auch die Schwächen des eigenen Ansatzes offenbarte und zu einer Weiterentwicklung, Erweiterung und Verbesserung ihrer ursprünglichen Prämissen führte. Nach einigen Jahrzehnten von Diskursen zur archäologischen Theorie und Methode kann man heute objektiv feststellen, dass das Profil der Archäologie während dieser Zeit eine entscheidende Umwandlung durchgemacht hat. Die Auswirkung dieses Veränderungsprozesses auf die einzelnen archäologischen Disziplinen ist allerdings unterschiedlich ausgefallen. Die Klassische Archäologie, Vorderasiatische Archäologie und Ägyptologie haben sich diesem radikalen Richtungswechsel eher zögernd angenähert. Offensichtlich lag der Grund dieser langsameren Reaktion in der Fülle von materiellen, bildlichen und epigrafischen Zeugnissen in diesen Kulturen, die noch immer nicht leicht zu bewältigen sind. Die minoische Archäologie und viele andere prähistorische Archäologien haben allerdings die Notwendigkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit theoretischen Erklärungsmodellen rasch erkannt und sie für die Interpretation von Funden und Befunden auf vielfältige Weise angewendet. Der besondere Beitrag dieser Bewegung für die Erforschung des minoischen Kreta besteht vor allem darin, dass sie den auf der Insel tätigen Archäologen geholfen hat, sich von vielen traditionellen Ansichten oder modernen Konstrukten zu befreien und die dort ansässige Kultur mit anderen Augen zu sehen. Nicht Homer und das antike Griechenland, sondern andere vormoderne Kulturen wurden nun – zumindest für einen Teil der Fachgemeinschaft – die wichtigsten Referenzpunkte für die Auswertung und vor allem die Interpretation der archäologischen Daten. Zahlreiche neue Themen, Herangehensweisen und Erklärungsmodelle haben die Debatten über die großen Fragen zur minoischen Kultur wesentlich belebt. Die Bedeutung dieser neuen Methoden und Theorien wird ersichtlich, wenn man bedenkt, dass sie mittlerweile als Kern der akademischen Ausbildung von Studierenden an britischen und zum Teil auch an nordamerikanischen Universitäten betrachtet werden. Eine wesentliche Rolle bei der dynamischen Entwicklung der minoischen Archäologie in den letzten Jahrzehnten hat schließlich das Institute for Aegean Prehistory (INSTAP) gespielt, das von Malcolm Wiener gegründet wurde. INSTAP hat durch die jährliche großzügige Finanzierung von unzähligen Grabungen, Oberflächenbegehungen und Forschungsprojekten maßgeblich zur Vielfalt, Dynamik und internationalen Sichtbarkeit dieser archäologischen Disziplin beigetragen.
Wo stehen wir heute nach über 120 Jahren intensiver Forschungen auf und über Kreta? Die systematische archäologische Arbeit auf der Insel und auch außerhalb Kretas hat eine große Fülle an Zeugnissen der materiellen Kultur der Minoer geliefert: Neue imposante Gebäude, darunter auch neue Paläste, kamen ans Licht. Das Datierungssystem wurde seit Evans’ Zeit wesentlich verfeinert. Minoisch aussehende Fresken wurden außerhalb Kretas, ja sogar außerhalb der Ägäis (Ägypten) entdeckt. Man kann heute von einer weitaus günstigeren Überlieferungslage als zu Evans’ Zeit ausgehen. Und dennoch kann man immer noch die großen offenen Fragen zur minoischen Kultur nicht leicht beantworten. Die moderne archäologische Forschung kann zwar Zweifel an den alten Thesen äußern, diese jedoch nur selten durch plausiblere Modelle ersetzen. Auch in der Zukunft wird es den Archäologen nur schwer gelingen, die Minoer wirklich zu verstehen. Solange wir keine umfangreichen, lesbaren schriftlichen Quellen haben, ist es unmöglich, in die Mentalität und die intellektuellen Leistungen dieser Kultur einzudringen. Auch wenn die minoischen Schriften (›Kretische Hieroglyphen‹ und Linear A) irgendwann entziffert werden, ist es wahrscheinlicher, dass uns die spärlichen erhaltenen Texte weniger Antworten, als vielmehr neue schwierige Fragen mit auf den Weg geben werden.
Die oben erwähnte intellektuelle Bewegung der ›New Archaeology‹ und konkreter die neue Fülle an Interpretationsmodellen sowie die Bereitschaft für interdisziplinäre Zusammenarbeit haben Themen, Methoden und Ziele der minoischen Archäologie neu definiert. Diese archäologische Disziplin begreift sich nun stärker nicht als Kunst-, sondern als Kulturgeschichte der Antike. Wir interessieren uns nicht mehr nur für die typologischen, stilistischen und chronologischen Aspekte von Bauresten, Bildern und Artefakten, sondern auch für die Menschen, die sie geschaffen, wahrgenommen und benutzt haben. Wir betrachten die materiellen Spuren dieser Kultur nicht als Selbstzweck – in anderen Worten: um ihrer selbst willen –, sondern als Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck kann kein anderer sein, als kulturelle Praktiken zu rekonstruieren. Wir bemühen uns, eine konkretere Vorstellung von den Wahrnehmungs- und Verwendungskontexten zu gewinnen, in denen gebaute Räume, Bilder und Artefakte ihren konkreten sozialen Sinn erfüllten. Wir streben nach einer Rekonstruktion minoischer Realitäten, die nicht nur die Bereiche der traditionellen Forschung, sondern auch neue Themenfelder erfassen. Es geht nicht nur um soziale und politische Strukturen, Architektur, Kunst, Handwerk, Religion, Administration, Außenbeziehungen etc., sondern auch um Alltag, wirtschaftliche und symbolische Strategien, kulturelle Identität von Individuen und Kollektiven, Konsum, Wahrnehmung von Natur- und Tierwelt, Architektur, Menschen und Dinge, Materialität der Bilder und Artefakte, soziale Ordnungen von Räumen und Dingen, Feste, Geschlechter sowie ihre sozialen Konstruktionen und Rollen, Körper und Sinne. Bei all diesen Bemühungen soll unser Hauptaugenmerk stets nicht auf Prozessen und abstrakten Konzepten, sondern auf den Akteuren selbst liegen, den minoischen Menschen, denen alle materiellen Spuren dieser Kultur ihren Existenzgrund verdanken. Die neuen Konzepte, Methoden und Themen dürfen die traditionellen Fragestellungen nicht verdrängen, sondern nur erweitern und dadurch ein möglichst differenziertes und umfassendes Bild von minoischen Realitäten bieten. Denn die großen Fragen, welche die Forscher von Beginn an beschäftigten, sind noch unbeantwortet und stellen uns weiterhin vor große wissenschaftliche Herausforderungen: Wie und wann entstanden und endeten die minoischen Paläste? Was war ihre eigentliche Funktion? Wie wirkte sich der Vulkanausbruch von Thera auf die kulturelle Entwicklung Kretas aus? Was für eine Sprache oder Sprachen stecken hinter den minoischen Schriftsystemen? Wie lassen sich politische und soziale Strukturen rekonstruieren?
Durch neue spektakuläre Entdeckungen und durch die geduldige Arbeit von Archäologen auf dem Feld, in den Museumsmagazinen und am Schreibtisch entstehen immer mehr neue Fragen. Das Bild, das wir von der minoischen Kultur haben, wird dabei eigentlich nicht klarer, sondern immer komplexer. Evans’ evolutionistisches Denken und konkreter die Vorstellung von einem Prozess der ständigen Entwicklung bis zum Ende einer Kultur bildet sicherlich eine allzu vereinfachte Darstellung der historischen Realität, in der Stabilität und Fortschritt mit Brüchen und Rezessionen alternieren. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Geschichte der minoischen Kultur mit einem viel zu starken Fokus auf Knossos behandelt worden. Obwohl dieses Zentrum tatsächlich den Kern dessen bildet, was wir als minoische Kultur fassen und verstehen, dürfen wir keinesfalls vergessen, dass wir uns nicht mit der Geschichte eines einzelnen Ortes, sondern der gesamten Insel auseinandersetzen müssen. Jeder Blick auf das minoische Kreta macht notwendig, dass man nicht nur eine, sondern mehrere lokale Geschichten erzählt, die je nach Periode konvergieren oder divergieren können und als Ganzes die ›minoische Kultur‹ ausmachen. Die Grabungen der letzten Jahrzehnte haben mehrere Gebäude in Archanes, Petras, Galatas und vielleicht auch Pretoria/Damantri freigelegt, die man als Paläste bezeichnen könnte. Ein weiterer Palast wird in Chania vermutet. Die Vielzahl an Palastbauten und das Fehlen von eindeutigen Herrscherdarstellungen gaben Anlass zu einer neuen Deutung dieser monumentalen Strukturen, die von der traditionellen Vorstellung von Königen und königlichen Residenzen deutlich Abstand genommen hat. Trotz der beiden nicht leicht zu vereinbarenden Positionen trägt die Debatte, die dadurch entfacht wurde, wesentlich zu einer Schärfung unseres analytischen Blickes und letztendlich zu einem besseren Verständnis der sozialen Strukturen dieser Kultur bei.
Diese und andere Fragen werden uns in den nächsten Jahrzehnten sicherlich weiterhin begleiten. Die minoische Archäologie ist bestens gewappnet, um solchen großen Herausforderungen zu begegnen. Das traditionelle archäologische ›Handwerk‹ wurde in den letzten Jahrzehnten durch neue Dokumentationstechniken und Methoden erweitert und bietet uns heute ein sehr vielfältiges Instrumentarium. Neben den zahlreichen kulturtheoretischen Konzepten, die die minoische Archäologie aus anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen übernahm, hat sie sehr intensiv mit den Naturwissenschaften zusammengearbeitet. Die verschiedenen Methoden zur absoluten Chronologie (Radiokarbonmethode, Dendrochronologie, Eiskernanalyse), die petrografischen, spektroskopischen und chemischen Analysen zur Bestimmung der Zusammensetzung und Herkunft von verschiedenen Materialien, die Anwendung von elektronischen Mikroskopen, diverse Methoden für die Untersuchung von menschlichen und tierischen Knochen sowie pflanzlichen Überresten und schließlich geologische und geografische Methoden haben der minoischen Archäologie, wie auch vielen anderen archäologischen Disziplinen, ein ganz neues Profil und neue Möglichkeiten gegeben. Hinzu kamen in den letzten Jahren die digitalen Dokumentations- und Visualisierungstechniken (GIS-Systeme, 3D-Laserscanner, Totalstationen etc.), welche die archäologische Arbeit revolutioniert haben. Dadurch ist es noch deutlicher geworden, dass der Archäologe kein Schatzsucher, sondern ein ›Forensiker der Antike‹ ist. Sein Ziel ist es nicht, Objekte zu finden und zu bergen, sondern antike ›Tatorte‹ mit einem eindrucksvollen Aufgebot an archäologischen, digitalen und naturwissenschaftlichen Methoden zu sichern und genauestens zu dokumentieren, damit er Handlungen, Lebensweisen und Prozesse rekonstruieren kann. Vor uns steht eine sehr spannende Zeit. Die kretische Erde, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts den suchenden Archäologen mit spektakulären Entdeckungen belohnte, hat immer noch sehr viel zu bieten. Das zeigen die überraschenden Funde der letzten Jahre, die weiterhin Staunen hervorrufen. Dabei versprechen die neuen Methoden und Herangehensweisen, die ständig weiterentwickelt werden, die historische Aussagekraft von alten und neuen Funden voll auszuschöpfen. Das Wissensabenteuer geht weiter!