Читать книгу Das minoische Kreta - Diamantis Panagiotopoulos - Страница 12
3 Kreta als fordernde und fördernde Landschaft
Оглавление»The precipitous character of the country split the island up in separate hermetic worlds so that thunderous events taking place two mountain ranges away were reduced by distance to faint murmurs.« (Patrick Leigh Fermor)6
Jeden Frühling, wenn der Schnee in den kretischen Bergen noch nicht geschmolzen ist, kann man Zeuge eines eindrucksvollen Naturschauspiels werden: Anhaltende Südwinde befördern Sahara-Staub über das Libysche Meer, der wie ein dicker Schleier die gesamte Insel umhüllt. Wenn die Atmosphäre aufklart, sind die schneebedeckten Abhänge des Psiloritis braungefärbt. Dieser höchste kretische Berg, wo sich im periodischen Zeitrhythmus Wüstenstaub auf Schnee ablagert, kann als Sinnbild für die besondere geografische Lage Kretas zwischen Orient und Okzident betrachtet werden, eine Lage, die in der Geschichte der Insel von der Frühzeit bis in die Gegenwart zugleich Segen und Fluch gewesen ist. Am südlichen Rand der Ägäis gelegen, an einem Punkt, an dem sich maritime Wege kreuzen, die drei Kontinente miteinander verbunden haben, war Kreta dafür prädestiniert, als Brücke zwischen verschiedenen Regionen und Kulturen zu dienen. Das Meer war nicht nur Verbindungsweg, sondern auch Barriere, welche die Insel vor äußeren Feinden schützte und der lokalen Bevölkerung in bestimmten Perioden die Möglichkeit eines Lebens in ›wunderbarer Isolation‹ bot. In anderen Perioden allerdings fiel die Insel wegen ihrer hervorragenden strategischen Lage dem Expansionsdrang fremder Mächte zum Opfer und wurde kontrolliert oder unterworfen. Die Ambivalenz ihrer Lage hat die Geschichte Kretas von der Bronzezeit bis in die Gegenwart geprägt.
Ohne in einen geografischen Determinismus verfallen zu wollen, kann es keinen Zweifel daran geben, dass Geografie und Klima einen entscheidenden Einfluss auf die kulturelle Entwicklung vormoderner Gesellschaften ausübten. Diese beiden, sich sehr langsam oder überhaupt nicht verändernden, Naturelemente und insbesondere die Geografie haben stets ein gewisses Feld an Möglichkeiten abgesteckt, innerhalb dessen jede Kultur einen beliebigen Entwicklungslauf nehmen konnte, ohne jedoch die Grenzen dieses Feldes überschreiten zu können. In anderen Worten: Zwar können Geografie und Klima nicht den genauen Verlauf einer kulturellen Entwicklung bestimmen, wohl aber ihre Möglichkeiten und Grenzen. Und diese Möglichkeiten waren im Fall der an natürlichen Ressourcen unerschöpflichen kretischen Landschaft gewaltig.
Bevor man allerdings beginnt, die geografischen Voraussetzungen zur dynamischen Entwicklung der minoischen Kultur etwas genauer zu erläutern, muss man die entscheidende Frage beantworten, wie gut wir die kretische Landschaft und das kretische Klima in der Bronzezeit kennen. Dürfen wir davon ausgehen, dass das moderne Erscheinungsbild und Klima der Insel jenen des minoischen Kreta ungefähr entsprechen? Oder haben sie sich durch die Jahrtausende stark verändert? Die Insel und ihre dynamische Landschaft sind das Ergebnis von enormen geologischen Kräften, die fast überall ihre Spuren hinterlassen haben und immer noch am Werke sind. Im Holozän, dem jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte, der weitgehend parallel zum Neolithikum und zur Bronzezeit verläuft, ist es vor allem die ununterbrochene seismische Aktivität, die die kretische Erde in periodischen Abständen erschüttert, ohne sie allerdings wesentlich zu verändern. Nur der Verlauf der Küstenlinie hat sich in mehreren kretischen Regionen durch Erhebung oder Senkung des Wasserspiegels bzw. Hebung der Landmasse aufgrund tektonischer Aktivität dramatisch verändert. Nach dem verheerenden Erbeben von 365 n. Chr., das im gesamten ostmediterranen Raum zahlreiche Städte und Siedlungen zerstörte, wurde der kretische Hafen von Phalassarna trockengelegt und Teile der südwestlichen Küstenlinie der Insel in eine Höhe von bis zu neun Metern angehoben. Im Ost- und Südteil der Insel hingegen lässt sich in mehreren Regionen eine deutliche Senkung von Küstenabschnitten (2–4 Meter) als Ergebnis mehrerer tektonischer Ereignisse beobachten, sodass minoische Hafenanlagen heute zum Teil unter Wasser liegen. Am deutlichsten sind diese Veränderungen im Fall der kleinen Insel Mochlos zu beobachten, die in minoischer Zeit durch eine schmale Landzunge mit dem kretischen Festland verbunden war und eine Halbinsel bildete. Die Insel Kreta bewegt sich immer noch und dies tut sie – wie die dort arbeitenden Vermessungsingenieure besonders gut wissen – nicht nur während der zahlreichen Erdbeben. Trotz dieser langsamen Bewegung oder der periodischen Erschütterungen blieb das geomorphologische Erscheinungsbild der Landschaft größtenteils – wenn auch nicht zur Gänze – unverändert. Eine Region, die in den frühen Etappen der minoischen Kultur anders ausgesehen hat, ist die westliche Mesara-Ebene. Das flache Land, das sich heute von Phaistos bis zur Küste erstreckt, ist das Produkt alluvialer Verlandungsprozesse, die erst im Laufe des dritten Jahrtausends v. Chr. das Erscheinungsbild dieser Region stark veränderten. Im frühen dritten Jahrtausend v. Chr. lag das Meer wesentlich näher an Phaistos und Ajia Triada. Es ist ferner sehr wahrscheinlich, dass auch in späteren Perioden der minoischen Kultur ein See bzw. ein sumpfiges Gelände direkt südöstlich von Phaistos existierten.
Was die Vegetation und das Klima betrifft, sind unsere Kenntnisse sehr lückenhaft. Archäologische Funde bestätigen, dass die Insel in minoischer Zeit – genauso wie heute – von der mediterranen Trias dominiert war, nämlich dem Anbau von Getreide, Oliven und Wein. Man kann davon ausgehen, dass ein großer Teil der kretischen Landschaft von der mediterranen Macchia überdeckt war, während im Tiefland Blumen, Zwergsträucher, Zypressen und Eichen und in den höheren Lagen Aleppokiefern und Platanen wuchsen. Die Berghänge müssen mit Kräutern aller Art übersät gewesen sein, die von der Antike bis heute für ihre therapeutischen Kräfte und ihren unnachahmlichen Geschmack inner- und außerhalb der Insel begehrt waren. Dennoch bleibt eine große Frage noch offen: War Kreta, dessen Berge sich uns heute größtenteils karg präsentieren, dicht bewaldet? Antike Quellen, die über historische Perioden nach dem Ende der minoischen Kultur berichten, geben uns widersprüchliche Informationen. Es darf als sicher gelten, dass in der Antike die Teile der Insel, die von Wäldern bedeckt waren, größer waren als heute. Es ist ferner sehr wahrscheinlich, dass die systematische Abholzung der kretischen Landschaft bereits in der Bronzezeit begann, als die Entwicklung der Metallurgie und der Schifffahrt enorme Mengen an Holz verschlungen hat, um es als Brennstoff bzw. Baumaterial zu nutzen.
Die Forschung zum kretischen Paläoklima geht nur von leichten Veränderungen zwischen der Bronzezeit und der Gegenwart aus. Neben klimatischen Daten sind es hier auch archäologische Indizien, die für ein etwas milderes Klima in der Bronzezeit – oder zumindest in einem Teil dieser Periode – sprechen. Die Existenz von zahlreichen alt- und neupalastzeitlichen Siedlungen bis zu einer Höhe von ca. 1200 Metern über dem Meeresspiegel, das heißt deutlich höher als die überwiegende Mehrheit der kretischen Dörfer der Neuzeit und der Gegenwart, sprechen eindeutig für mildere Winter, zumindest wenn man davon ausgeht, dass diese Siedlungen permanent genutzt wurden. Alles in allem lässt sich festhalten, dass uns das heutige Erscheinungsbild der Insel in seinen von modernen Eingriffen unberührten Regionen einen sehr guten Einblick in die einst extrem wechselhafte Lebenswelt der Minoer bietet.
Wie kann man den Einfluss dieses Lebensraumes auf die dynamische kulturelle Entwicklung der Insel in der Bronzezeit etwas konkreter fassen? Was sind die Möglichkeiten und die Grenzen, die die kretische Landschaft den Minoern gesetzt hat? Und wie hat diese Gesellschaft in verschiedenen Etappen ihrer Geschichte auf die Herausforderungen reagiert, die aus ihrer natürlichen Umwelt hervorgegangen sind? Lassen wir zunächst die Zahlen sprechen: Mit einer Gesamtfläche von ca. 8300 km2 ist Kreta die größte griechische und die fünftgrößte mediterrane Insel. Sie erstreckt sich in Ost-West-Richtung über ca. 254 Kilometer und erreicht in ihrem zentralen Teil eine maximale Breite von ca. 56 Kilometern. An ihrer schmalsten Stelle, dem Isthmus von Ierapetra, ist die Nord- von der Südküste nur zwölf Kilometer entfernt. Kretas markantes Charakteristikum sind die Berge, die die Insel in ihrer gesamten Länge durchziehen und das Landschaftsbild mit ihrer erhabenen Präsenz dominieren. Vom höchsten Gipfel Kretas, dem Timios Stavros im Psiloritis-Massiv (dem antiken Berg Ida), kann man in einer Höhe von 2456 Metern an Tagen mit optimalen Sichtverhältnissen nicht nur die Ägäis und das Libysche Meer sehen, sondern auch einen großen Teil der Insel, die sich wie ein riesiges Segelschiff auf dem Meer zu bewegen scheint. Kreta ist größer, als man denkt. Die modernen Karten, die alles in geometrischen Abständen erfassen, vermitteln einen verzerrten Eindruck von der Größe und Komplexität der Landschaft, die durch die dominanten bergigen Regionen nach oben wächst und dem Besucher fast doppelt so groß wie auf der Karte erscheint. Der britische Archäologe John Pendlebury, der fast die gesamte Insel zu Fuß durchkämmte, hat es treffend erfasst: »Distances are useless. Times alone matter.«7
Diese Insellandschaft ist ein Lebensraum voller dramatischer Kontraste: Bergketten, Hochebenen, steile und sanfte Abhänge, Hügel, kleine und große fruchtbare Täler, hunderte Schluchten, die bleibenden Spuren der Wasseraktivität, welche die Insel in Nord-Süd-Richtung durchziehen und an kleinen Buchten enden, und schließlich eine über 1000 Kilometer lange Küstenlinie, die wegen des nahen Herantretens der Berge an längeren Abschnitten steil ist und nur verhältnismäßig wenige natürliche Häfen bietet. Kreta ist dadurch in unzählige Mikroregionen zersplittert, die den Lebensraum von einer oder mehreren Siedlungen bilden. In ihnen zeigt sich die Landschaft in einer unglaublichen Vielfalt, die man an den stets wechselnden naturräumlichen Elementen, an den zahlreichen Bezugspunkten des Blickes und schließlich an den bewegten und immer ungeraden Linien der Hügel und Berge erkennt. Durch die Kleinteiligkeit der kretischen Regionen ist der menschliche Lebensraum klein, in sich geschlossen und überschaubar. Seine Grenzen können schnell, höchstens im Fußmarsch eines Tages erreicht werden. Der Mensch lebt im Zentrum einer kleinen geografischen Einheit, die er immer mit seinem Blick erfassen bzw. mit wenig Mühe begehen kann und fühlt sich daher als Maß aller Dinge, was in ihm das Gefühl eines sehr harmonischen Verhältnisses zur Natur hervorruft. Dieses immer neu aufgefaltete Land mit seinen abrupten oder fließenden Übergängen formt in entscheidendem Maße das Leben einer Gesellschaft und zwar auf vielen Ebenen: Es fördert den Regionalismus, bietet eine Vielzahl von natürlichen Ressourcen und besitzt eine Fülle von Orten, die von einer großen spirituellen Kraft durchdrungen sind und über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg als mythische (Tat-)Orte und Fixpunkte religiöser Erfahrungen fungierten.
Kretas Reichtum an natürlichen Ressourcen wurde bereits in der Antike gepriesen. Ausgedehnte fruchtbare Täler und Hochebenen, welche ideale Weideflächen sind, bieten optimale Voraussetzungen für Ackerbau und Viehzucht, die dieser Inselgesellschaft in jeder Periode ihrer Geschichte das kostbare Geschenk einer wirtschaftlichen Autarkie und damit die unabdingbare Voraussetzung für jede kulturelle Entwicklung sicherten. Kreta konnte dadurch seinen Bewohnern vieles, was auf den anderen ägäischen Inseln fehlte, im Überfluss bieten. Als sarazenische Piraten um 824 n. Chr. (nach anderen Quellen um 827/828 n. Chr.) mit 40 Galeeren Kreta überfielen, machte ihr Anführer Abu Hafs aus dem Raubzug eine Eroberung und gab den Befehl, die eigenen Schiffe in Brand zu setzen. Als er von seinen Männern des Wahnsinns oder Verrates beschuldigt wurde, antwortete er ihnen:
»Worüber klagt ihr? Ich habe euch in ein Land gebracht, wo Milch und Honig fließen.«8
Diese biblische Redewendung für ein Land, wo alles im Überfluss vorhanden war, ist bezeichnend für die idealen naturräumlichen Bedingungen, die auf der Insel herrschten. Sie wurden von der lokalen Bevölkerung seit der neolithischen Zeit intensiv genutzt und bildeten eine sehr solide Grundlage für kulturelle Hochleistungen. Die Insel war in minoischer Zeit sicherlich nicht so stark von den modernen Monokulturen von Oliven und Wein dominiert. Dies war auch keineswegs nötig, um die Bedürfnisse der minoischen urbanen und ländlichen Bevölkerung zu decken. Der Ertrag von einem oder zwei alten Olivenbäumen reichte durchaus für den jährlichen Bedarf einer kleinen Familie. Getreide und Wein wurden zweifellos überall auf größeren oder kleineren Flächen sowohl für eine zentral gesteuerte als auch für eine private Produktion angebaut. Hinzu kamen die Vorteile der üppigen Vegetation, die offensichtlich bereits in minoischer Zeit Öl- und Mandelbäume, Gemüse, Dattelpalmen, Johannisbrotbäume, Ahorn und Esskastanien umfasste. Das einzige und zwar diachrone Problem dieser gesegneten Landschaft war das Wasser. Die großen Talregionen waren nicht gut bewässert und in vormoderner Zeit aufgrund von Sumpfbereichen ungesund. Die Minoer haben daher ihre Siedlungen vor allem an Berghängen und zwar in der unmittelbaren Nähe von Wasserquellen gegründet. Neben dem vegetativen Reichtum verfügte die Insel über verschiedene Rohstoffe, die eine nicht minder wichtige Grundlage für eine dynamische kulturelle Entwicklung darstellten: Zahlreiche Stein- und Holzarten, die von den Minoern extensiv genutzt wurden, waren in verschiedenen Regionen der Insel verfügbar. Eine große, noch offene Frage betrifft hingegen die Metallvorkommen. Oft wird impliziert, offensichtlich unter dem Einfluss des unvermeidlichen Vergleichs mit Zypern, des größten Kupferlieferanten des bronzezeitlichen östlichen Mittelmeers, dass auf Kreta Metalle fehlten oder in wesentlich geringeren Mengen als in anderen mediterranen Regionen verfügbar waren. Wie akut das Problem der Knappheit an lokalen Kupferlagerstätten für die minoische Kultur war, lässt sich immer noch nicht eindeutig sagen. Der französische Archäologe Paul Faure hat in seinen ausgedehnten Oberflächenbegehungen ca. 20 Kupferlagerstätten lokalisiert, die auch in minoischer Zeit hätten genutzt werden können, auch wenn ein definitiver Beweis dafür wegen der heute unbefriedigenden Forschungslage noch fehlt. Ein Hinweis, dass dies tatsächlich der Fall gewesen ist, bieten die reichen Kupfervorkommen der Asterousia-Region, welche, neben anderen Faktoren, die aus diachroner Sicht unerklärlich hohe Bevölkerungsdichte dieser bergigen und kargen Landschaft in der Vorpalastzeit erklären könnten.
Kreta ist eigentlich nur dann eine Insel, wenn man sie von außen betrachtet. Für die kretische Bevölkerung in den verschiedenen Perioden ihrer Geschichte, die in fruchtbaren, von Bergen und Hügeln umgebenen Tälern und Hochebenen lebte, wurde die Insel eher als ein Festland wahrgenommen. Auch für die Reisenden, die sich Kreta über das offene Meer näherten, bot sich der Anblick einer ausgedehnten Küste mit massiven Bergketten im Binnenland, der sich von dem des griechischen oder kleinasiatischen Festlands kaum unterschied. Die kretische Wirtschaftsweise verstärkt den Eindruck einer geografischen Introvertiertheit, die für eine Inselbevölkerung untypisch ist. Kreta war eigentlich zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte eine typische Inselgesellschaft, wie die Kykladen. Das Meer war hier nur eine der vielen wirtschaftlichen Optionen und keine alternativlose Möglichkeit für den Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung, die größtenteils ohnehin nicht vom Meer, sondern von den großen fruchtbaren Landstrichen und den ausgedehnten Weideflächen in den kretischen Bergen lebte. Dieser introvertierte, autarke Charakter der kretischen Bevölkerung, der stärkere Bezug zum Land als zum Meer, ist ein diachrones Merkmal der Inselgeschichte. An nautischen Leistungen standen die Kreter immer den Einwohnern der kleinen ägäischen Inseln (Kykladen und der Dodekanes) nach. In ihrer Volkskunst spielen maritime Themen eigentlich nur selten eine bedeutende Rolle bzw. sie sind kaum existent. Eine auffällige Ausnahme für die meisten der hier erwähnten Aspekte stellt, wie wir unten sehen werden, die Periode des absoluten Höhepunktes der minoischen Kultur in der kretischen Neupalastzeit dar.
Das unverkennbare Merkmal der Insel sind ihre Berge: Fast die Hälfte der Inselfläche besteht aus bergigen Regionen, die über 600 Meter über dem Meeresspiegel liegen. Ihre Bedeutung als prägendes Element des kretischen Lebensraumes war und ist vielfältig. Diese Bedeutung war zunächst aus wirtschaftlicher Sicht für eine vormoderne Gesellschaft weitaus höher als in unserer Zeit. Die imposanten kretischen Berge boten nahezu alles. Viele verfügten über ausgedehnte Hochplateaus, die nicht nur als ideale Weideflächen, sondern auch für den Ackerbau genutzt werden konnten und ferner ideale Bedingungen für die Bienenzucht schufen. Dies galt vor allem für die Region des Psiloritis. Dieser Gebirgsblock gliedert sich in mehrere ›Stockwerke‹, gebildet aus kleinen und großen Hochebenen, die fast etagenartig angeordnet sind. Die Berge waren ferner unerschöpfliche Holzlieferanten und boten auch bis in den Sommer Eis in großen Mengen, ein kostbares Gut in einer Gesellschaft, die keine andere Kühlungsmöglichkeit kannte. Dieses große wirtschaftliche Potenzial der Bergregionen scheinen die Minoer sehr intensiv genutzt zu haben, was eigentlich kaum überraschend ist. Erstaunlich ist jedoch, dass diese bronzezeitliche Bevölkerung bergige Regionen viel besser erschlossen zu haben scheint als jede andere Gesellschaft in der jahrtausendewährenden Geschichte der Insel – die Moderne inbegriffen. Die Errichtung von minoischen Landvillen (wie z. B. in Zominthos und Gaidourofas) in einer Höhe von 1100 bis 1200 Metern, welche, wie bereits erwähnt, die moderne Besiedlungsgrenze der Insel deutlich übersteigt, stellt ein beredtes Zeugnis für diese eindrucksvolle kulturelle Zähmung der Berge dar, in der vielleicht eines der vielen Geheimnisse des ›minoischen Wunders‹ liegt.
Die Berge hatten allerdings neben der wirtschaftlichen auch eine soziale, symbolische und religiöse Dimension. Auch wenn wir über keine expliziten Quellen verfügen, kann es keinen Zweifel daran geben, dass ein großer Teil der minoischen Bevölkerung in ihrer Wirtschafts- und Lebensweise und allen voran in ihrer Mentalität ›Highlander‹ waren, die sich von der Bevölkerung in der Ebene unvermeidlich und bewusst abgrenzten. Das kretische Bergland war darüber hinaus eine sakrale Landschaft mit unzähligen Orten, welche durch ihre besondere Aura zu Kristallisationspunkten religiöser Erfahrungen wurden.
Neben den Bergen, deren Bewältigung und Erschließung den Minoern viel abverlangte, wurde das Leben dieser Inselgesellschaft durch die regelmäßige seismische Aktivität entscheidend geprägt. In der bisherigen Forschung wurden Erdbeben fast ausschließlich als Naturkatastrophen betrachtet, die je nach Intensität lediglich die Rolle einer dramatischen Zäsur für die minoische Kulturentwicklung hatten. Diese vorherrschende Meinung ist allerdings das Ergebnis eines sehr einseitigen und verzerrenden Blickes auf die Vergangenheit. Für eine Gesellschaft, die sie als ein periodisch auftretendes Phänomen wahrnehmen musste, bedeuteten Erdbeben zunächst keine Naturkatastrophen im heutigen Sinn, sondern unabwendbare Naturphänomene, die eine Herausforderung darstellten. Diese Herausforderung gab Anlass für eine Reihe von architektonischen, sozialen, symbolischen und religiösen Maßnahmen, die ihre negativen Auswirkungen vermindern sollten. Aus dieser Perspektive betrachtet dienten Erdbeben – als potenzielle Gefahr, die abgewendet werden musste – auch zur Stärkung und nicht nur zur Schwächung einer Gesellschaft. Man kann es sogar noch provokanter ausdrücken: Wenn man davon ausgeht, dass die Minoer durch die Gefahr regelmäßiger Erdbeben veranlasst wurden, Strategien zu entwickeln, um ihre negativen Auswirkungen zu minimieren, hat die seismische Aktivität aus diachroner Perspektive zur Beständigkeit und nicht zum Zusammenbruch der minoischen Kultur beigetragen.
Alles in allem lässt sich festhalten, dass die Landschaft Kretas die minoische Kulturentwicklung durch das offene Meer, die unzähligen Berge und die regelmäßig auftretenden Erdbeben extrem herausgefordert hat; eine Tatsache, die man als Ausgangspunkt der eindrucksvollen kulturellen Leistungen dieser Gesellschaft betrachten kann. Auf der anderen Seite hat sie die minoische Bevölkerung durch das Geschenk einer weitgehenden Autarkie stark gefördert. Alle lebenswichtigen Naturprodukte und zahlreiche Rohstoffe waren im Überfluss vorhanden. Aus diesem geografischen ›Feld des Möglichen‹, das in der modernen Forschung auch als Affordanz (›Angebotscharakter‹) bezeichnet wird, scheinen die Minoer das Beste gemacht zu haben. Die kretische Landschaft fungierte in ihren unterschiedlichen Rollen als wirtschaftliche Basis, Lebensraum, Kulisse für Feste und Zeremonien und schließlich auch als Inspiration für die Künstler, welche praktische und schöne Dinge aus lokalen Materialien formten. Jede historische Rekonstruktion der minoischen Kultur muss daher als roten Faden die Interaktion zwischen Mensch und Natur haben. Ohne die Umwelt als wichtigsten Bezugspunkt der Kulturentwicklung kann sie weder verständlich noch überzeugend sein.