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Worum es Claudia geht

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Sie ließ ihren Schlüsselbund in die Handtasche gleiten. Auf den Pflastersteinen glitzerte der Tau der letzten Nacht, als sie sich dem Frisiersalon näherte. Hoch gewachsene Platanen, in deren Zweigen noch wenige Früchte des letzten Jahres hingen, säumten die Strasse. Ein Müllfahrzeug der Stadtreinigung brachte den Verkehr ins Stocken. Die Mitarbeiter kümmerten sich nicht um die wartenden Verkehrsteilnehmer, doch Claudia Petersen war zu Fuß unterwegs, und sie schaute, ob die Neonreklame schon brannte.

Claudia Petersen hatte an diesem Tag einen Termin bei Chantal, um sich die Haare machen zu lassen. Ein neuer Job, eine neue Frisur! Alles sollte jetzt gut und neu werden.

„Und was sagt dein Freund zum neuen Job?“, Chantal wusste es noch nicht.

„Hab keinen mehr.“

„Was? Du bist alleine? Seit wann?“

„Offiziell seit drei Wochen.“

„Du bist mir eine. Du bist so sozial eingestellt, du hast einen vernünftigen Beruf, und nie hast du lange einen Freund.“

„Ich bin zu kompliziert für diese Einzeller.“ Claudia schmunzelte dabei und suchte Chantal im Spiegel. Ihr Blicke trafen sich. Chantal dachte an ihre eigene langjährige Beziehung und wollte sich nicht auf Zweifel einlassen.

„Dass du nochmal einen Job gefunden hast, das ist ja ein Ding.“ Chantal hielt Claudia einen Spiegel hinter den Kopf.

„Eine kleine Privatbank, unten an der Elbe.“ Claudia betrachtete sich ihre Haare in den Spiegelbildern.

„Und der Chef? War es dem egal, oder weiß der nichts von Amerika?“

„Er weiß es. Er hat mich gerade deswegen eingestellt. Ein verrückter Kerl.“

„Na, dann weiß ich nicht, ob ich dir gratulieren soll?“

„Warum das denn?“ Claudia sah Chantal immer noch im Spiegel.

„Einen verrückten Chef würde ich nicht lange aushalten. Ich bin selber eine verrückte Chefin; frag meine Angestellten!“ Sie legte den Spiegel zurück in das Regal.

„Was sollte ich machen? Die einzige Bank in Deutschland, die mich noch nimmt. Gut, der Chef ist etwas cholerisch, aber ich werde ihm beweisen, dass ich nicht jemand bin, der gleich wegrennt.“ Claudia sah aus dem Schaufenster und konnte beobachten, wie sie von einem Sportwagen zugeparkt wurde.

„So kann man das auch sehen.“

„Wie meinst du das?“ Claudia sah den Fahrer aussteigen, groß und gutaussehend.

„Die Sparkasse, bei der du den Hartz-IV-Empfängern den Dispo kündigen solltest, da bist du doch nicht wieder hingegangen.“

„Das ist was für Lehrlinge oder meinetwegen für Praktikanten. Wie gesagt, verarschen lass ich mich nicht. An der Krise war ich ja nicht schuld. Aufrecht bleiben, das ist mir wichtig. Das hat mit Weglaufen nichts zu tun.“

Erst sah sie Chantal nochmal. Dann wischte sie alle Zweifel fort und sprang aus dem Frisierstuhl.

„Wenigstens äußerlich bist du jetzt wie neu.“ Chantal streifte ihr den Umhang ab.

Claudia erreichte zuerst den Tresen. Chantal kam ihr hinterher und griff zum Terminkalender.

Claudia suchte in den an den Wänden befestigten Spiegeln nach ihrem Spiegelbild, während Chantal den nächsten Montag aufschlug.

„Selbe Zeit?“

„Ne, lieber abends.“

„Mit allem? Auch mit nail rescue, face skin fitting und tear bag protection?“

Chantal suchte nach einer besonders großen freien Stelle im Kalender.

„Alles, was dein Laden hergibt. Wenn ich die erste Woche überstanden habe, dann kann ich das alles sicher gut gebrauchen.“

„Erwartest du so eine schlimme Woche?“

„Da ist noch was.“ Claudia zögerte.

Chantal sah vom Terminkalender auf und blickte sie an.

„Mein Vater ist doch verschwunden, da habe ich dir ja von erzählt.“

„Ja.“ Chantal nickte.

„Er hat seine Firma im Stich gelassen.“

„Aber ohne seine Firma kann er doch nicht leben.“ Chantal wartete.

„Über meinen Vater will ich nicht reden. Das Thema macht mich krank.“

Chantal klappte die beiden Buchdeckel ihres Terminkalenders zusammen. „Entschuldige bitte.“

„Irgendwie bin ich zwischen die Fronten geraten.“

„Und was willst du jetzt machen?“

„Pest oder Cholera. Ganz sicher werde ich graue Haare bekommen. Vielleicht fallen sie mir auch alle aus, oder ich verliere den Kopf. Egal was kommt, ich werde meinen von dir schön gemachten Kopf durchsetzen. Der ist auch innerlich vorzeigbar. Ich mache nie wieder einen faulen Kompromiss, auch wenn ich Regeln verletzen muss. Der Zweck heiligt die Mittel.“

„Falls du wirklich graue Haare bekommen solltest“, Chantal grinste in den Spiegel, „in einer halben Stunde würde ich das wieder in Ordnung bringen.“

„Ich liebe dich, Schatz.“ Claudia machte sich auf den Weg zur Tür.

Claudias kleiner Trendflitzer stand auf der anderen Straßenseite. Sie wartete auf eine Lücke im Straßenverkehr, um hinüber zu gelangen. Da ging ein sportlicher Typ an ihr vorbei. Er wollte auch über die Strasse, aber er wartete nicht auf eine große Lücke, er huschte zwischen den fahrenden Autos hinüber.

„Noch nie was von Vorbildfunktion gehört?“, Claudia war wütend.

„Soll ich Ihnen über die Straße helfen?“ Er hatte sich flüchtig zu ihr umgewandt.

Der Straßenverkehr war laut, doch sie hatte es genau verstanden. Claudia wurde noch wütender.

„Lernen Sie erst mal richtig parken, bevor Sie mit mir reden!“

Claudia sah ihm zu, wie er in seinen Sportwagen einstieg und abfuhr. Er hatte sich nicht mehr zu ihr umgedreht. Sie wartete weiter. Es dauerte in der Tat recht lange, bis der Strom abebbte. Insgeheim dachte sie daran, dass es ganz gut gewesen wäre, wenn er sie doch mit über die Straße genommen hätte. Für einen kurzen Moment kamen ihr noch Szenen vom gestrigen Sonntag in den Sinn. Der Flur, eine Pflegerin, im Aufenthaltsraum war manch einer noch beim Frühstück, als sie anrückten, die Notenständer aufstellten und ihre Trompeten und Posaunen aus den Koffern holten. Die Chorleiterin zählte und holte dann demonstrativ Luft. Nur wenn man deutlich Luft holte, dann setzten die Bläser zur gleichen Zeit ein. Ein Trick, den man nur in einem guten Lehrgang beigebracht bekam. Das Lied Großer Gott, wir loben dich stand aufgeschlagen auf den Notenständern, als die sieben Bläser anfingen. Eine ältere Frau schaffte es, durch die geöffnete Tür einen Blick zu erhaschen. Sie bekam Tränen in die Augen, es war Frau Malzcewski. Claudia hätte jetzt gerne an ihrem Bett gesessen, um ihr vorzulesen. Sie hatte den Besuchsdienst übernommen, solange sie ohne feste Anstellung war, und nun kam sie aus Chantals Beauty-Salon und wollte zu ihrem neuen Job.

Die Lücke kam, sie ging über die Strasse, stieg in ihren Wagen und fuhr ab. Sie hatte noch etwas Zeit, und es störte sie nicht, dass sie in einen Stau geriet. An den vergangenen Sonntag dachte sie erstmal nicht mehr.

In Hamburg war wieder mal eine Veranstaltung, und da sperrte man die Straßen. Im Sommer sperrte man ganze Stadtviertel und zum jährlichen Radrennen die halbe westliche Stadtseite. Claudia geriet ins Grübeln. Ihr Vater. Was der wohl gerade machte? Der Verkehr war stärker, als sie es eingeplant hatte. Wie konnte man seine Firma im Stich lassen? War es ihm so nah gegangen, als seine Frau starb, dass er sein Leben dem Schicksal gleich mit übergab? Claudia konnte sich das nicht vorstellen. Horst, ihr Vater, war ein Unternehmer, ein Macher. Sie kam zu keinem Ergebnis. Wenn sie an ihr Vorstellungsgespräch bei der Schlüter & Schlüter, Privatbank seit 1889 dachte, dann sah es schlimm aus. Aus der Sicht der Bank war ihr Vater ein böser Verräter. So hatte es Schlüter Senior nicht wörtlich gesagt, aber seine Aussagen ließen darauf schließen. Viel Achtung hatte man in der Bank nicht mehr vor Horst Wohlert.

Inzwischen konnte Claudia den Hafen erkennen. Sie bog von der Königstraße nach links in die Kirchenstraße ein. Meter um Meter ging es voran, die Kreuzung war verstopft, und niemanden störte es, dass man hier nicht links abbiegen durfte. Am Wochenende war Hafengeburtstag, und am Montag dauerten die Abbauarbeiten bis in den Nachmittag hinein an. Die Kreuzfahrtschiffe waren längst ausgelaufen, auch nach Übersee und nach Amerika. Die Immobilienkrise war Claudia zum Verhängnis geworden, und die Schlüter & Schlüter gab ihr eine Chance. Gleich sollte es rechts in die Palmaille gehen. Segen oder Fluch? Oder doch die Breite Straße weiter fahren und dann am Fischmarkt entlang? Claudia hatte einen schwachen Punkt erreicht. So wie damals, in den USA. Einerseits musste sie eine Entscheidung treffen, andererseits hatte sie dabei ein schlechtes Gefühl.

Es waren immer nur kleine Entscheidungen und kleine Fehler. Die kleinen Fehler hätte die Bank verkraften können, nur diesen einen letzten Fehler, den nicht. An dieses Gefühl erinnerte sie sich gerade, als ein Sportwagen neben ihr auftauchte. Ein teurer Wagen. Und ganz neu. So etwas fahren nur Leute, die etwas zu sagen haben. Manager, Abteilungsleiter und Unternehmer. Menschen, die wirtschaftlich etwas bewegten, denen wurde so etwas vom Finanzamt förmlich aufgezwungen. Geld, was nicht ausgegeben wurde, das musste versteuert werden. Also gab man es aus, für große Autos zum Beispiel. Das hielt die Mitarbeiter bei Laune und war somit ein Gehaltsbonus, erinnerte sich Claudia.

Er sah gut aus. Ende dreißig musste er sein. Er blickte zu ihr herüber. War es Zufall oder Gewohnheit? Er hatte sich vorgenommen, dass er sich Ampelflirts abgewöhnen wollte. Keine Blicke mehr auf Frauen und keine Gedanken an weibliche Wesen. Nach wenigen Monaten war für ihn an diesem Vormittag erneut eine Beziehung den Bach runter gegangen. Marlene war Geschichte. Manuel hatte die Reisetasche mit den letzten Sachen im Kofferraum seines Wagens. Mit den wichtigsten Übernachtungsutensilien, dem Rasierer und der Zahnbürste fuhr er ins Büro. Manuels und Claudias Blicke hatten sich getrennt. Der Verkehr erlaubte wieder einige Meter. Manuel zog vor und setzte sich vor sie. Es stockte noch einige Male. Doch dann löste sich der Knoten, und es ging weiter, als wäre nie etwas gewesen. Claudias Laune erfuhr einen Quantensprung, sie schaffte es sogar noch einmal, den vierten Gang zu benutzen. Fünf Jahre war sie wohl nicht mehr hier gewesen, schätzte sie. Es hatte sich viel getan, Neubauten, wo sie nur hinsah. Auch die Sonne schien. Es war Mai, und sie hatte nach zwei Jahren wieder einen neuen Job. Schwierigkeiten gab es immer, und so ließ sie sich in ihrer Stimmung nicht beirren, bis sie ihr Fahrtziel fast erreicht hatte.

„Perlenkette“ nannten manche die Gebäude an der Großen Elbstraße. Die Strahlen der mittäglichen Maisonne glänzten auf den Wellenbergen der Elbe wie die vielen tausend funkelnden Sterne einer Feuerwerksrakete. Eine Linienfähre des Hamburger Verkehrsverbundes, die vom Fischmarkt bis nach Finkenwerder zu der Flugzeugwerft unterwegs war, bahnte sich ihren Weg durch die Wogen. Die Gischtwolken aus Elbwasser stoben auf wie das Gefieder weißer Schwäne. Es war nur ein Blick, den sie erhaschen konnte. Aber er blieb ihr im Gedächtnis. Sie fuhr sehr schnell, der Sportwagen vor ihr bestimmte das Tempo. Die Höchstgeschwindigkeiten in geschlossenen Ortschaften schienen hier nicht zu gelten. Sie kam kaum hinterher, so zog der Wagen vor ihr davon. Dann konnte sie sehen, dass er auf genau den selben Parkplatz fuhr, den sie auch befahren wollte. Aber da war eine Schranke. Und genau die schloss sich vor ihrer Kühlerhaube und hinderte sie an ihrer pünktlichen Ankunft.

Der Fahrer des Sportwagens stellte seinen Wagen einfach ab. Er parkte nicht ein oder machte sich Gedanken über Parkplatznot und Stellplatzmangel. Er bremste neben einer großen Limousine, und das nannte er einparken. Er stieg aus und wollte in das Gebäude gehen, aber er wurde aufgehalten von Peter Schlüter. Einen Meter und achtzig groß, schlank, ein hageres Gesicht und ziemlich helles Haar. Nicht nur grau, fast weiss.

„Den Schlüssel!“, herrschte Peter den Sportwagenfahrer an.

Claudia war inzwischen aus ihrem Auto gestiegen und hörte das mit. Sie suchte an dem Kasten, in dem der Schlagbaum endete, nach einer Möglichkeit, um ebenfalls auf den Parkplatz gelangen zu können. Doch da war nichts. Sie sah zu den beiden. Der braungebrannte Sportwagenfahrer gab Peter die Zündschlüssel und ging die Treppen zur Bank hinauf. Claudia suchte noch immer nach einem Münzeinwurfschlitz oder einem Parkscheinauswurfschlitz, während Peter Schlüter in den Sportwagen einstieg und ihn sorgfältig neben seine eigene schwere Limousine zirkelte. Dann ließ Peter Schlüter die Seitenscheibe herab und erkannte, dass er Maßarbeit geleistet hatte. Zentimetergenau hatte er den Sportwagen an die Markierungslinien gestellt. Claudia wunderte sich: was für ein verrückter Chef... Sollte dieser Chef namens Peter Schlüter einen Junior-Schlüter haben, dann musste er es gewesen sein. Der braun gebrannte Sportwagenfahrer, der ihr vor wenigen Minuten zugelächelt hatte.

Claudias Zweifel, ihre Bedenken, ihre Vergangenheit und ihre familiär grauen Schleier auf der Seele teilten sich. So wie sich einst das Meer für Israel auf der Flucht aus Ägypten in zwei Hälften teilte und einen neuen Weg freigab. Steine fielen ihr nicht vom Herzen, es gab keine Steine mehr. Plötzlich gab es in ihrem Herzen nur noch Schäfchenwolken, die ihr den Himmel versprachen. Sie hatte keine Gedanken mehr, sie hatte nur noch ein Gefühl, und es fühlte sich gut an. Zwar war die Schranke vor ihrem Auto noch zu, der Motor ihres Wagens lief noch, und niemand schien sich um sie zu kümmern. Aber das sollte sich schnell ändern. Peter Schlüter hatte sich inzwischen aus dem Sportwagen geschält und kam auf sie zu.

„Frau Petersen!“, rief Peter Schlüter ihr zu.

Er kam näher und reichte ihr zur Begrüßung die Hand.

„Hallo.“

„Entschuldigen Sie bitte, ich kann Sie nicht reinlassen.“

Claudia durchfuhr ein Schreck, sie dachte schon an etwas anderes.

„Mein Sohn hat mir nur seine Wagenschlüssel gegeben. Warten Sie, ich hole die Fernbedienung für die Schranke.“

Claudia setzte sich in ihr Auto und schaltete den Motor aus. Sie sah, wie Peter Schlüter zur Treppe eilte und noch versuchte, seinen Sohn einzuholen. Aber der war längst im Gebäude verschwunden.

Warten. Claudia stand da wie bestellt und nicht abgeholt. Ihre Gedankenmaschine kam wieder in Gang. Sie starrte auf die „Perle an der Elbe“, ein Glashaus, teuer und nobel. Das Zweite Deutsche Fernsehen funktionierte dieses Haus oft in die >Hafenklinik< an der Hafenkante um. Ein Sternekoch, der auf einem Privatsender eine coaching-show leitete, hatte ein Haus weiter sein Restaurant. Claudia hatte es in den USA oft im Fernsehen gesehen: Diese Adresse war eine der ersten Adressen der Stadt. Und Horst, Claudias Vater, hatte es sich mit diesen „Söhnen der Stadt“ gründlich verdorben. Hier Glanz und Gloria, und dort ein fahnenflüchtiger Landmaschinenhändler, der sich im Alkohol erging.

Claudia musste nicht lange warten. Manuel Schlüter kam selber die Treppen herunter geeilt. Er fuchtelte mit einem elektronischen Schlüssel für die Schranke. Sie hob sich, sie senkte sich. Er fand es witzig, wie die Schranke seinem Daumendruck auf dem Sender folgte. Er verlangsamte seinen Schritt und hielt inne.

„Frau Petersen?“, fragte er und war nur noch wenige Meter von ihr entfernt.

„Herr Schlüter?“, entgegnete sie.

Sie sahen sich an. Es waren Blicke, die tiefer nicht hätten sein können.

Claudias Puls schnellte hoch. Der „Sunny-Boy“ hatte sie angesprochen. Es musste für sie wie an einem Samstag Abend gewesen sein, als wenn man im Sekundentakt seine Lottozahlen ihm Fernsehen nach und nach fallen sah. Sein Gang, seine Frisur, seine Wangengrübchen, seine Krawatte. Und das weiße Hemd schaute vier Zentimeter unter seinen Sakkoärmeln hervor. Die Manschettenknöpfe waren garantiert aus echtem Gold. Und weiße Zähne hatte er. Konnte er gut küssen, konnte er tanzen? Claudia durchfuhr es heiß und kalt. Wen interessierte jetzt noch die Trunksucht des Vaters?

Johann Wolfgang von Goethe, der bewusste Geheimrat, formulierte in seinem „Heinrich Faust“ auf dem Osterspaziergang: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein“. Claudia erinnerte sich in ihrer Euphorie an diesen Ausspruch und auch an ihre Chance. Wie gut, dass ich diesen Job bekommen habe, dachte sie. Hier geht vieles, hier ist alles möglich. Hamburg, meine Heimat, das Tor zur Welt, endlich daheim.

Sie vergaß ihr USA-Desaster und reichte Manuel Schlüter zur Begrüßung die Hand. Sie vergaß ihren Vater und ihren Job, sie war hin und weg. Manuel Schlüter war ihr Hauptgewinn, als Kollege zumindest. So empfand sie es in diesem Moment.

„Ich mache Ihnen die Schranke auf“, sagte er dann.

Claudia konnte sich kaum von seinem Lächeln lösen. Er drückte auf die Taste seiner Fernbedienung, und die Schranke öffnete sich.

„Was ist?“ fragte er.

Sie stieg in ihren Wagen und fuhr unter der offenen Schranke hindurch. Manuel sah ihr zu, und sein Herz schlug schneller. Ob sie verheiratet war? Solche jungen Frauen waren normalerweise vergeben. Zumindest hatten sie einen großen Freundeskreis. Einen zum Tapezieren, einen zum Quatschen, einen zum Ausgehen, einen für's Bett und so weiter. Manuel hatte so manche Frau kennen gelernt. Die meisten waren schon verheiratet, und wenn nicht, dann hatte das meistens seine Gründe. Schlechte Gründe. Beziehungsfähige Frauen waren vergeben, beziehungsunfähige waren alleine. Manuel schätzte sie in die zweite Kategorie ein. Leichte Beute, weil sie diesen Blick hatte. Er war besonders, dieser Blick. Ein Flirtblick mit dem Unterton der Unbemanntheit. Unausgeglichen und mit einem Extra-Bonus-Moment. Sie musste es nötig haben, anderen Männern zu gefallen. Nie wieder eine von dieser Sorte, dachte sich Manuel. Und weil er sich da so sicher war, dass sich da nichts entwickeln durfte, konnte er frei und ohne Hintergedanken reagieren. Die letzte Beziehung war zu anstrengend. Sie machte die grundsätzlichen Fehler. In vielen Zeitschriften und auch sonst kursierten Top-Ten-Listen. Was denkst du gerade? Bin ich zu dick? und so weiter. Diese zwei Punkte fielen ihm ein. Manuels letzte Freundin war eine Intellektuelle, eine Frau mit Grips. Gut, man müsste denken, dass das etwas Gutes sei, aber warum in Gottes Namen musste sie ständig jeden Gedanken äußern? fragte sich Manuel. Diese Frage hatte er ihr auch einmal gestellt, was er besser nicht getan hätte. Er hatte gesagt, was er dachte. Die Frage nach ihrer Figur hatte er nicht beantwortet. Über eine Antwort, die damals richtig gewesen wäre, dachte er noch oft nach. Ihm fiel aber bis heute nichts Befriedigendes ein. Claudia Petersen würde diese gewichtige Frage nicht stellen, sie war schlank und groß. Geradezu ideal, sportlich und knackig. Dass die noch keiner vor eine Fotokamera gezerrt hatte? Und diese Haare, kraftvoll und dynamisch. Alles passte zusammen.

Sie stellte ihren Wagen neben seinem ab. Dann stieg sie aus, und zusammen gingen sie in die Höhle des Löwen namens Schlüter & Schlüter Privatbank seit 1889. Sie sprachen nicht mehr miteinander. Sie dachten und grübelten, sie hofften und phantasierten. Selbst im Aufzug sahen sie sich nicht an. Sporadische Blicke folgten. Es war, als wäre nichts gewesen, bis es dann zur Sache ging: die Landmaschinenfirma des Herrn Horst Wohlert. Horst Wohlert, der Landmaschinenhändler, der bald nach dem Tod seiner Frau verschwand, und die Privatbank, die von der Landmaschinenfirma seit Monaten kein Geld mehr gesehen hat. Zwei Welten von Gläubigern und Schuldnern. Plus und Minus, die ohne einander nichts waren. Hund und Katz, Katz und Maus, Vater und Sohn.

Manuel und Claudia kamen den Flur entlang. Sie wollten zu Peter. Der wartete schon auf die beiden, und seine Laune war auf dem Tiefpunkt.

„Mein Gott, Manuel, was soll aus dir einmal werden?“ Peter hatte noch nicht einmal Platz genommen. Sein Büro war riesig. Man konnte den ganzen Hafen überblicken, bis zu den Harburger Bergen. Abertausende Container in zig Farben, darüber der blaue Frühlingshimmel, und keiner sah hin.

„Vater, das weißt du doch. Ich will um die Welt segeln. Such dir jemand anderen, der deine Bank weiter führt.“ Manuel leierte diesen Satz herunter, als hätte er es schon mehrmals gesagt und wurde doch nie ernst genommen.

„Reich deine Diplomarbeit ein, und alles wird gut.“ Als Peter das sagte, suchte er Papiere in den Schubladen. Claudia schien keiner sonderlich zu beachten. Manuel nahm Peter einige Zettel ab und sah sie sich an. Dann machte er zwei Häufchen und sortierte sie nach Regeln, die nur er kannte.

Dass man in Hamburg zuweilen etwas kühl mit seinen Mitmenschen umging, das war Claudia bekannt. Viele mochten das nicht. In Amerika war das genau umgekehrt. Erst ‘hello’ und ‘how are you?’, und danach wurde man wie Luft behandelt. Es war aber nur der durchschnittliche Umgangston, denn es gab auch Ausnahmen. Hier aber nicht. Peter und Manuel waren sogar überdurchschnittlich im Ignorieren. Claudia dachte sich nichts dabei. Sie kannte beide Mentalitäten, und ihr war es recht so, wie es war. Hauptsache, wieder im Berufsleben. Auf dem Arbeitsamt war es teils noch viel schlimmer. Ihr zuständiger Sachbearbeiter hatte sie sogar einmal überhaupt nicht begrüßt. Er musste sehr überfordert gewesen sein. Claudia konnte sich diesen Angestellten des Jobcenters beim besten Willen nicht als Bankangestellten vorstellen. Kunden einer Bank waren so wichtig wie in Indien die Kühe. Kunden eines Jobcenters waren für ihn alles andere als gern gesehen. Sie selber gab sogar einmal die Parole raus; ‘Der Kunde ist nicht König, der Kunde ist Gott!’ Das richtete sich nicht gegen den Schöpfer, es brachte nur den verirrten Glauben auf den Punkt. Die einen tanzten um das goldene Kalb, und die anderen tanzten um die Melkkuh namens Kunde. Was manchmal als goldenes Kalb anfing und sich zur Melkkuh entwickelte, das endete ab und zu auch als störrischer Ochse.

Horst Wohlert, ihr Vater, war dafür ein Beispiel. Er trug sein Joch und zog den Karren durch den Dreck, bis er desertierte. Er ließ seine Landmaschinenfirma im Morast stecken, und Claudia sollte nun den Matsch auslöffeln. Ein Gedanke, der sie herausforderte. Lange genug hatte sie auf ihren Einsatz gewartet. Und heute war ihr großer Tag. Die Uhr war zurück gedreht auf die Stunde Null. Es konnte nur noch wenige Sekunden dauern, bis einer der beiden Bankiers etwas sagte, und zwar zu ihr.

Dann hatten die beiden die Zettel studiert und sortiert. Manuel trat zurück, Peter ergriff das Wort: „Seit drei Monaten sind keine Zahlungen mehr eingegangen.“

Manuel sah zu Claudia herüber. Sie sah schuldbewusst zurück. Manuel tat es etwas leid, dass Claudia in der Mithaftung stand. Nicht rechtlich, aber moralisch und auch beruflich. Ihr Vater wollte sie nicht ans Ruder lassen, ihm war alles egal geworden.

„Mahnungen, Zwangsvollstreckungen, wir sind am Ende. Jemand hat ein Insolvenzverfahren für die Landmaschinenfirma angemeldet“, sagte Peter und schaute in die Gesichter der beiden.

„Oh! So schlimm?“ Claudia war ratlos.

„Ja. Das ist sehr schlimm. Was nämlich gerade erst passiert ist, das ist, dass das Gericht einen vorläufigen Insolvenzverwalter eingesetzt hat.“

Manuel resümierte, was er in seinen Vorlesungen an der Uni über das Insolvenzrecht gelernt hatte. Aber viel war das nicht. Es war nicht gerade sein ‘Spezialgebiet’.

Claudia kannte sich mit Pleiten, Pech und Pannen viel besser aus. Aber jetzt sofort mit Fachbegriffen zu jonglieren, das wollte sie nicht. In Deutschland hatte sie damit noch keine Erfahrungen. Peter kannte sich aus. Ihm war blitzartig klar, dass er seine Kredite abschreiben musste, was die Landmaschinenfirma anging. Ein Insolvenzverfahren dauerte nicht nur lange; meist gab es nur einen Bruchteil des eingesetzten Kapitals zurück. Alleine die Gerichtskosten fraßen manchmal die Insolvenzmasse komplett auf. Mit diesen Hintergedanken sah er Claudia und Manuel erneut an. Die machten nur große Augen und schwiegen.

„Der Gläubigerwettlauf ist damit erst mal hinfällig. Das wisst ihr ja.“

Claudia und Manuel stimmten mit angedeutetem Nicken zu und warteten, dass er fortfuhr. Peter merkte, dass er sich noch nicht klar genug ausgedrückt hatte.

„Ihr beiden fahrt da jetzt mal für drei Tage hin und seht, was man da noch machen kann.“

Damit hatte Claudia nicht gerechnet, sie hatte es zwar geahnt, aber sie wollte es nicht wahr haben. Manche Leute in der Landmaschinenfirma kannten sie vielleicht von früher. Sie würden sich sicherlich wundern, dass sie jetzt für die Bank arbeitete. Aber das müsste sie ja nicht jedem auf die Nase binden. Manuel war das ziemlich egal. Er musste ‘Ja’ und ‘Amen’ sagen. Er tat ja sonst nicht viel für seinen Lebensstandard. Um seine Kreditkarte und den Sportwagen behalten zu können, könnte man ja tatsächlich mal zeigen, was man einmal gelernt hatte. Und wenn alle Stränge rissen, dann läge sein Segelboot im Hafen von Blankenese. Er hatte nichts zu verlieren, im Gegenteil, dachte er. Er konnte etwas gewinnen, und zwar das Herz von Claudia. Was für eine Frau..., Anfang dreißig, und sie hatte ihre Bachelor-Arbeit erfolgreich eingereicht.

Er hatte seine Abschlussarbeit nur in der Schublade abgelegt. Ohne Abschluss war alles offen, mit Abschluss war man geprägt und der Weg vorgegeben. Er liebte seine Freiheit aber mehr. Sie hatte Auslandserfahrungen, sogar in Amerika, und sie hatte die Bankenkrise überstanden. Er war ganz kleinlaut in ihrer Gegenwart, denn er wusste nichts von ihrer Niederlage. Das war sein Problem. Es interessierte ihn nicht, was in der Bank seines Vaters vorging. Dass er nun mit der neuen Mitarbeiterin einen Auftrag hatte, fand er einfach nur gut. Er wünschte sich plötzlich nichts sehnlicher, als dass er seinen Abschluss gemacht hätte. Und es kam noch schlimmer; es wurde ausgesprochen - von Peter.

„Sie, Frau Petersen und du, Manuel, ich vertraue euch. Enttäuscht mich nicht, ich habe viel Geld in die Landmaschinenfirma investiert. Rettet den Laden, oder holt mir mein Geld zurück. Wie ihr das macht, das ist mir egal. Ich will nur nicht in der Presse lesen, dass Kunden unserer Bank pleite gehen. Was wirft denn das für ein Bild auf uns?“

Manuel sah Claudia kurz an. Ihr Blicke trafen sich, und sie begannen zu lächeln.

„Klar“, sagte Manuel.

„Klare Ansage. Ok. Wir tun, was wir können.“

Peter haute die Zettel auf den Tisch.

„Versteht mich denn hier niemand? Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Die Landmaschinenfirma untersteht jetzt dem Gericht.“

Manuel wollte etwas sagen, aber was sollte er dazu sagen? Er war doch kein Zauberer. Die normale Arbeit eines Bankangestellten war ihm schon suspekt, und sich jetzt noch weiter aus dem Fenster lehnen? Das war eher etwas für Experten, für abgebrühte Profis, die mit allen Wassern gewaschen waren. Für Leute wie Claudia. Leute, die Banken durch Weltwirtschaftkrisen führen konnten. Er bekam nach und nach weichere Knie. Sollte er jetzt schweigen und gehen, oder sollte er große Versprechen machen?

Claudia hatte fast die selben Gedanken. Noch eine Pleite einkassieren oder sich aufbäumen? Alles oder nichts. Wenn die Landmaschinenfirma wirklich am Ende wäre, dann konnte sie ihren Vater ebenso abschreiben. Sie könnte ins Familienalbum eintragen oder auf seinen Grabstein eingravieren lassen: Hier ruht mein Vater, er hat sich totgesoffen, weil ich seine Firma nicht retten konnte. Andererseits schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sich Stresshormone auch zu einem Angriff vortrefflich eigneten.

„Mit allen Mitteln?“ fragte sie und sah Peter mit festem Blick an.

Peter fiel eine Gerölllawine vom Herzen. Er sah an die Decke, klatschte beide Hände zusammen und atmete tief durch.

„Frau Petersen! Sie sind ein Engel. Manuel, Sohn! Die Frau hat es! Wenn du bloß auch etwas von ihrem Kampfgeist hättest.“

Manuel kam sich plötzlich schäbig vor. Kleingläubig lächelte er Claudia an. Sie konnte sich sehr gut in seine Lage versetzen. Genauer gesagt, war sie in seiner Lage. Sie war und dachte so, wie es Peter sich von seinem Sohn immer gewünscht hatte. In der Hoffnung, dass sich Manuel von Claudia eine Scheibe abschneiden konnte, wurde es für ihn zur Gewissheit: Er hatte ein Traum-Team geboren.

Für alle drei Beteiligten war es zwar nicht nötig, die Hintergründe dieser betriebssoziologischen Quadratur des Kreises zu kennen, aber besser wäre es gewesen. Denn Manuel fühlte sich klein und hilflos, Claudia fühlte sich übermächtig und war es nicht. Peter war selig: „Frau Petersen, sie sind jetzt die direkte Vorgesetzte von meinem Sohn. Manuel, du machst, was sie dir sagt, und dann wird alles gut.“

Aus Manuels Ohnmacht wurde erst Verzweiflung und dann Aggression. Er kochte innerlich, dachte an seine Kreditkarte und den Sportwagen. Das Feuer in ihm wurde größer, und es brodelte in ihm wie in einem Vulkan, dessen größtes Verlangen es war, dieses Büro mit geschmolzenem Gestein durchzuspülen... Manuel nahm die Zettel, auf denen die Zahlungseingänge aufgelistet waren, und zerriss sie.

„Na bitte. Wir haben uns also verstanden?“, fragte Peter und sah sich die beiden vergewissernd an. Auch er nahm seine Zettel und zerriss sie. Claudia fiel nichts besseres ein, als den neiden ihre zerrissenen Papierreste abzunehmen und sie in den Papierkorb zu werfen.

„Sein oder nicht sein. Nie wieder verlieren!“, kommentierte Claudia das.

Manuel sah sie kurz an, er meinte verstanden zu haben, dass sie schon einmal verloren hatte. Ihm war der Gedanke des Verlierens fremd. Er hatte ja noch nie gekämpft, nicht mit dem Abitur und auch nicht während des Studiums. Er hatte immer alles, was er brauchte, gutes Essen, viel Bewegung auf dem Tennisplatz, allem voran, und so konnte er auch sorglos die besten Noten liefern. Nur das mit dem Studienabschluss fehlte noch. Mit dem „Master of Business Administration“ in der Tasche, besser bekannt als „MBA“, wären die lustigen Zeiten vorbei. Sein Vater hingegen hatte schon so manchen Gegner aus dem Feld geschlagen. Der fing nach dem Krieg als Aktenbote in einer Bank an. Dann ließ er sich eine Lehre anerkennen und machte sein erstes Geschäft als Geldverleiher. Mit eben diesem Horst Wohlert, der nun nicht mehr zahlte. Manuels Wut auf seinen Vater war verflogen. Jetzt aber war es Peter, der wütend wurde - auf Horst.

„Die Zahlen sprechen Bände“, sagte Peter. „Kleine Planänderung, ihr müsst die Landmaschinenfirma wohl leider abwickeln, beziehungsweise, seht mal, was ihr da noch rausholen könnt.“

Jetzt ging Claudias Puls hoch. „Was?“, rief sie.

Sie war angetreten, das Lebenswerk ihres Vater zu retten, und nun sollte sie vom Gärtner zum Bock gemacht werden?

„Das geht doch gar nicht“, sagte sie und meinte, dass diese wenigen Worte einen Peter Schlüter hätten umstimmen können. „Das Insolvenzrecht sieht eine Sanierung vor.“

„Das weiß ich auch. Aber erstens ist die Eröffnung der Insolvenz noch in relativ weiter Ferne, und zweitens“, fuhr er fort, „Sie, Frau Petersen, Sie haben da sicherlich gewisse Möglichkeiten, die die anderen Gläubiger nicht haben.“

Manuel hatte zwar immer gute Noten, aber Praxis fehlte ihm gänzlich. Er konnte nur zuhören. Aber viel hörte er nicht mehr, denn Claudia Petersen ging zur Tür.

„Ich kündige!“, sagte sie nur noch, verließ das Büro und schloss die Tür hinter sich.

„Ich kann da wenig mitreden, aber eins weiß ich: Wenn ich einmal so werden sollte wie du, dann erschieß mich!“ Manuel hatte einen bestimmenden Ton. Noch nie hatte er so entschlossen zu seinem Vater geredet. Er kannte das nicht von sich. Peter hatte Manuel auch noch nie so erlebt. Hatte er hier wirklich etwas falsch gemacht? Als Privatbankier taten ihm die Verluste der Wohlert Landmaschinenfirma persönlich weh, und das über eine längere Zeit. Er meinte richtig gehandelt zu haben. Er gab Claudia eine berufliche Chance und fühlte sich sogar noch als Samariter, aber er zweifelte tatsächlich, und er äußerte seine Bedenken.

„Manuel, es tut mir leid! O.k.! Es war Quatsch von mir. Da sind zwei Menschen, die etwas anderes von mir erwartet haben. Aber warum ist sie einfach abgehauen?“

„Vielleicht glaubt sie, dass es keinen Sinn hat, mit so einem harten Kerl wie dir zu reden. Ich bin dann auch weg. Ich geh jetzt endgültig, um die Welt zu umsegeln. Mach's gut Papa“, sagte Manuel und sah Peter in der Hoffnung an, er möge klein beigeben. Er tat es.

„O.k.! Du bist der Dritte, der von mir etwas anderes erwartet hat. Manuel, sag mir, was soll ich tun?“

„Wenn du das nicht weißt, Papa, dann bestätigt das meine Entscheidung.“

Manuel wollte nun wirklich gehen, aber Peter wusste genau, was man von ihm verlangte. Er realisierte es nur zaudernd.

„Manuel! Herrgott noch mal! Bleib hier, du störrischer Bengel.“

Manuel blieb stehen. Er stand da wie Lots Frau, die sich umgedreht hatte und zur Salzsäule erstarrte. Manuel hatte sich aber noch nicht umgedreht. Er hielt die Türklinke in der Hand und lauschte. Peter suchte nach Worten, und es dauerte recht lange, bis er von seinem Ross herunter war.

„Ihr könnt die Landmaschinenfirma sanieren. Meinetwegen beisst euch die Zähne daran aus. Das könnte ich verkraften, aber ich will dich nicht verlieren.“

Manuel drehte sich um. Die Hand behielt er aber an der Türklinke. Peter sah das. Manuels Blicke deuteten in die Richtung der eben verschwundenen Claudia Petersen.

„Moment!“ Peter wandte sich ab, er schloss die Augen, atmete tief in den Bauch und zählte bis vier. Beim Ausatmen zählte er bis sechs. Manuel wusste, es handelte sich um eine neue Atemtechnik für Choleriker. Wobei dieser Begriff auf alle Menschen angewendet werden konnte, die nicht zu den Lethargikern gehörten. Gleich würde er seine Augen als anderer Mensch wieder öffnen. Melancholiker oder Phlegmatiker konnten in Konfliktsituationen, also wenn sie herausgefordert wurden aus ihrem Schneckenhaus, schnell überfordert reagieren. Bei Peter war es jedenfalls ganz genau so. Wenn nicht alles wie gewohnt am Schnürchen lief, dann ging nichts mehr. Manuel fragte sich, warum sein Vater so überreagierte. Stimmte etwas mit Claudia nicht? Hatte er da jemanden eingestellt, der etwas zu verbergen hatte?

„Jetzt geht es wieder“, sagte Peter. „Moment, ich bring das wieder in Ordnung!“

Peter ging zum Fenster. Manuel folgte ihm.

„Frau Petersen!“, rief Peter auf den Parkplatz.

Claudia stand an der Schranke. Sie konnte nicht vom Parkplatz fahren, sie hatte ja keine Fernbedienung für die Schranke. Claudia drehte sich in Richtung des offenen Fensters. Manuel stupste Peter an.

„Es tut mir leid, Frau Petersen“, rief Peter. Manuel stupste ihn erneut. Peter sah ihn streng an und wandte sich wieder Claudia zu. „Ich habe einen Fehler gemacht. Kommen Sie bitte noch mal hoch?“

Claudia kam nachdenklich die Treppen hinauf. Den Aufzug hatte sie gemieden, weil er unterwegs war und sie nicht warten wollte. Sie dachte an Adrenalinabbau und Cortisolkompensation. Stufe um Stufe kam sie empor und überlegte sich, warum sie auf diese Entschuldigung eingegangen war. Ihr neuer Chef hatte unüberlegt geantwortet. Unüberlegt! Was hieß das eigentlich? Sollte man jedes Wort auf die Goldwaage legen, bevor man es aussprach?

Das Treppenhaus war nüchtern und zweckmäßig. Weiße Farbe an den Wänden, hier und da ein Hinweisschild auf Notausgänge und Etagennummer. Claudia war mit diesem Laden fertig! Trotzdem erklomm sie die Treppen. Schuld und Sühne. Sie dachte an ihr Vergehen. Sie hatte eine Bank ruiniert, und die guten Taten? Die Besuche in der Seniorenanlage? Aufregungen beschwor das jüngste Gericht herauf. Alles irgendwie Greifbare kam auf die Anklagebank und wurde zur Sprache gebracht. Geschworene stimmten für und wieder - noch eine Etage - sechzehn Stufen. Die Wartezeit war wie eine Untersuchungshaft. Man konnte nichts tun, außer sich Verteidigungsargumente zurechtzulegen. Endlose Treppenstufen, Aufzüge, in denen alle Etagentasten gedrückt waren, und rote Ampeln. Jedes Mal, wenn sie ungewollt warten musste, dann ging es wieder los, außer vorhin im Auto, als ihr Manuel begegnet war. Da wurde die Spirale unterbrochen. Sie hätte an ihre Sorgen gedacht, wenn er nicht gewesen wäre. Ging sie für Manuel die Stufen wieder hoch? War er Medizin für sie?

Die Sonne durchflutete das Büro, es sah sehr aufgeräumt aus. Die Sitzecke musste ein Designer angefertigt haben. Claudia hatte so etwas noch nie gesehen. Vorhin war ihr das nicht aufgefallen, nun gefiel es ihr sogar. Ihr neuer Arbeitsplatz war plötzlich zu einem Hauptgewinn geworden. Zudem hatte sie das erste Mal ihre Meinung durchgesetzt. Sie war wieder in der Spur. Sie hatte ihre Linie wiedergefunden, und ihr Traum lebte wieder auf. Sie konnte jetzt die Firma ihres Vaters retten, und das mit diesem attraktiven Mann an ihrer Seite.

„Frau Petersen. Wie Sie sehen, machen wir es uns nicht leicht. Wir sind nicht nur hinter dem Geld her, aber wem erzähle ich das?“ Peter deutete mit einer weiten Handbewegung auf die Sitzecke. „Bitte nehmen Sie Platz. Wir sollten uns kurz abstimmen, was das weitere Vorgehen angeht.“

Manuel lächelte sie an. Insgeheim bewunderte er ihre Entschlossenheit. Sie legte alles in die Waagschale. Sie war tatsächlich gegangen, nur weil es nicht nach ihrem Willen gegangen war. Entscheidungen zu treffen, war für ihn nie ein Leichtes gewesen. Sein Vater machte das so oft für ihn, dass er diese Fähigkeit nie sonderlich entwickelt hatte. Tatsächlich rückte sein Bedürfnis, um die Welt zu segeln, in weite Ferne, als Claudia sein Lächeln erwiderte.

Aus der Sitzecke heraus erkannte Claudia den Schreibtisch erst richtig. Bestimmt war der nicht vom Tischler um die Ecke. Sie tippte auf einen internationalen Designer. Eine Figur aus Messing stand neben der Ablage für Schreibutensilien. Sie war sehr stilisiert, surreal, gar abstrakt. Aber dass sie dem Bullen vor der New Yorker Börse ähneln sollte, das erahnte sie nicht.

„Es tut mir leid, dass Sie meinetwegen in Streit geraten sind“, sagte Claudia.

„Wo gehobelt wird, da fallen eben nun mal Späne. Wichtig ist, dass wir uns jetzt klar darüber werden, wie es weiter geht.“ Peter merkte schnell, dass es gar keine Entscheidung zu treffen gab. Die Landmaschinenfirma hatte den Rubikon überschritten. Er konnte nur noch auf Schadensbegrenzung hoffen und dass sich alles wieder zum Guten wenden würde, aber mit Hoffnungen hatte er es nicht so. Es widerstrebte ihm zutiefst, die Geschicke seiner Bank, wenn auch nur in einem kleinen Teil, Claudia Petersen anzuvertrauen. Sie hatte so eine ganz andere Sicht auf die Dinge, was die Landmaschinenfirma anging. Und vor allem auch, was Horst Wohlert, ihren, Vater anging. Wenn Peter sich erst einmal entschlossen hatte, seine Schäfchen wieder ins Trockene zu holen, dann galt sein Wort. Wozu gab es Gerichtsvollzieher? Seine Gedanken kamen wieder beim Ausgangspunkt an.

„O.k. Langer Rede kurzer Sinn: ihr fahrt da mal hin und seht, was ihr da machen könnt. Ich vertraue euch. Auch dir, Manuel.“

„O.k. Wir versuchen unser Bestes.“ Manuel verschränkte die Arme vor der Brust.

„Versuchen?“, hakte Peter nach.

Peter wartete auf eine Reaktion von Manuel. Er dachte an seine Frau. Sie würde sich im Grabe umdrehen, wenn Manuel, ihr einziger Sohn, keinen Erfolg haben würde. Er hatte so vieles versucht. Er hatte schon mal eine Tauchschule in der Karibik eröffnet, einen Tennisclub hatte er mal übernommen und sich als Importeur von WLAN-Routern versucht - je nachdem, was für Ideen seine Geschäftsfreunde gerade hatten. Er war der Sohn eines Bankiers; ihm wurden viele Geschäftsideen unterbreitet. Diesesmal ging es um die Idee seines Vaters. Auch Manuel wusste, dass jede Fahnenstange auch ein Ende hatte.

„Papa, du kannst dich auf uns verlassen. Wir haben unser Handwerk gelernt, und es geht um dein Geld.“

Es wurde ruhig. Man lehnte sich zurück und spürte die Kraft, die nur der Einigkeit innewohnte.

*

Durch die Bank

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