Читать книгу Durch die Bank - Dieter Lüders - Страница 4
ОглавлениеClaudia fuhr mit ihrem kleinen Trendflitzer die Elbstrasse entlang. Zurück, in Richtung nach Hause. Manuel war hinter ihr. Sie sah immer wieder in den Rückspiegel und konnte sich nicht genug freuen, dass Manuel ihr so gut gefiel. Doch plötzlich schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: sie hatte einen Auftrag. Die Landmaschinenfirma ihres Vaters sollte sie retten. Wie würde ihr Vater es aufnehmen, wenn er erführe, dass sie jetzt für die Bank arbeitete? Würde er es begrüßen? Würde er diesen Schuss vor den Bug wahrnehmen? Ein letzter Rettungsanker. Sie wollte ihm helfen, wollte ihm den Lebenssinn wiedergeben. Er hatte für siebenundvierzig Angestellte und Arbeiter zu sorgen, die ihm egal geworden waren. Sie hatten auch Familien und Angehörige. Denen mussten sie täglich erklären, warum ihr Job auf der Kippe stand. Manch einer musste auch seiner Bank sagen, warum er den Kredit für sein Haus nicht mehr tilgen konnte. Urlaube fielen aus, und Anschaffungen konnten nicht gemacht werden, weil Horst Wohlert einfach ausgestiegen war. Hätte er seinen Posten nicht geordnet zurücklassen können? Er hätte nur einen Geschäftsführer einstellen müssen, um Zeit und Ruhe ohne Ende zu haben. Auch die Landwirte in der Region hatten unter diesen Umständen ihre Sorgen bekommen; ihre Maschinen wurden nicht mehr repariert. Es gab aber auch Nutznießer. Es waren jene Pappenheimer, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlten. Sie freuten sich, dass keine Mahnungen mehr kamen. Auf die hatte es Claudia besonders abgesehen. Als sie daran dachte, dass es manchen Leuten gut tat, dass ihr Vater vor die Hunde ging, da fasste sie sich ein Herz. Sie hatte eine Mission zu erfüllen. Was ihr besonders am Herzen lag, das war ihr eigenes Herz. Ihre Seele litt unter dem unnötigen Niedergang ihres Vaters. Ihr eigen Fleisch und Blut. Ihre Mutter lebte schon nicht mehr. Um so mehr galt es, den Vater zu beschützen. Sie hatte die Macht und den Willen. Aber eines musste sie versuchen. Sie musste mit Horst ins Gespräch kommen. Einige wenige Unterschriften waren nur nötig. Wenn nur nicht das Insolvenzverfahren schon angelaufen wäre! Der vorletzte Strohhalm war, dass das Insolvenzverfahren noch nicht eröffnet war. Der Termin stand noch nicht fest. Bis dahin also erst mal „Plan A“ - und den ging sie jetzt an. Manuel überholte sie. Sie winkte ihm kurz zu und wählte die Nummer, die sie in Erfahrung gebracht hatte. Dort sollte ihr Vater erreichbar gewesen sein. In der Telefonanlage ihres Autos erklang das Freizeichen. Lange hatte sie nicht gebraucht, um in Erfahrung zu bringen, wo er sich aufhielt. Dazu überwand sie sich schon einmal. Sie telefonierte mit einer Kneipe. Dort, wo er schon in früheren Zeiten oft verkehrte. Da gab man ihr weitere Hinweise. Irgendeine Kneipenbekanntschaft hatte er gemacht, und da war er wohl untergekrochen. Bisher hatte unter dieser Telefonnummer aber noch niemand abgenommen. Jetzt aber meldete sich tatsächlich eine Frauenstimme.
„Was wollen Sie?“ Es war ein eieriger Tonfall, ein raues Timbre, eine Mischung aus Aggression, Angriffslust und Gleichgültigkeit. Ein Mensch ohne Ziele, mit dem Rücken zur Wand. Abwehren, mauern und blocken. Dieser Mensch brauchte eine klare Ansprache, einen Befehl und Orientierung. Claudia hatte es intuitiv erkannt.
„Geben Sie mir bitte meinen Vater!“
„Der ist nicht zu sprechen.“
Nun gab es zwei Sorten von Menschen: die einen reagierten, und die anderen agierten. Claudia gehörte in ihrer Verfassung zur zweiten Kategorie. Die der ersten hätten verunsichert gefragt, ´warum nicht´ ? Eine kurzgedachte Weiterführung. Man hätte nur weitere Ausflüchte geerntet.
„Das stimmt nicht; geben Sie mir meinen Vater.“
„Er ist nicht da.“
„Geben Sie ihm jetzt bitte den Telefonhörer!“
Es war einen Moment still. Die Frau musste es begriffen haben. Dann folgte das, was immer folgte, wenn man jemanden zu etwas überredete. Nur hier war es so, dass Claudia postwendend mitbekam, wie sehr sich ihre Manipulation niederschlug. Sie musste mit anhören, wie die Frau am Telefon Ärger bekam. „Ich bin nicht zu sprechen, wie oft soll ich dir das noch sagen?“ Es war die Stimme ihres Vaters, aufgebracht und wütend.
Claudia war der Meinung, dass das ein gutes Zeichen war. Er sollte sich in seinem Domizil nicht auch noch wohlfühlen. Rauswerfen hätte sie ihn sollen, oder er sie. Mit so einer Frau durfte ihr Vater nicht länger zusammensein.
„Was willst du von mir?“
Claudia war rechts rangefahren.
„Papa! Hör mir bitte einen Augenblick zu, nur kurz!“
„Du hast mir nachspioniert!“
Jemand musste geredet haben, und es kam noch schlimmer.
„Wenn du jetzt auch noch für die Bank arbeitest, dann bist du nicht mehr meine Tochter!“
Seine Stimme war nicht abweisend. Es klang viel mehr wie ein Hilferuf. Er wartete auf ihre Antwort. Er legte nicht auf. Er wollte sie noch einen Satz sprechen lassen. Sie konnte ihn jetzt gänzlich verärgern oder am Ball bleiben. Sanfte Worte, und bloß keinen Druck ausüben. Eben noch bestimmend, und jetzt sollte sie ihre Liebe ausdrücken. Worte der Versöhnung waren gefragt. Claudia hatte diese Begabung. Sie war echt und ehrlich. Es fiel ihr leicht, und sie musste nicht lange überlegen. Sofort als sie seine Stimme hörte, egal in welchem Zustand, sie liebte ihn und fand die richtigen Worte.
„Papa, bitte! Ich möchte dich sehen. Wir haben beide in der letzten Zeit nicht die besten Tage gehabt. Komm schon, gib dir einen Ruck!“
Jetzt stellte Claudia den Motor ab. Jetzt begriff sie, dass sie ihn tatsächlich erreicht hatte. Sie hatte es gehofft, und es fiel ihr unendlich schwer, diesen Schritt zu tun.
„Lass mich kurz vorbei kommen“, bat sie ihn.
Horst war derart nachdenklich geworden, dass er nicht mehr widersprechen konnte. Er wollte es auch nicht. Sich gegen sein Schicksal zu stemmen, war immer kraftraubend. Wenn aber noch jemand kam, der einem Erleichterung versprach, dann fielen Mauern.
„Weißt du denn, wo?“
„Ich bin in zehn Minuten da.“
Genug ist genug! Claudia wollte ihrem Bauchgefühl nicht weiter folgen. Zu gerne hätte sie sich wie ein Wasserfall offenbart, aber das ging nicht. Kein Dank, keine Freude. Es war nicht die Zeit. Alles hing an einem seidenen Faden. Er war nicht reif für ihre Gefühle. Schweren Herzens blieb sie stumm und hörte nur noch, dass aufgelegt wurde.
Was würde sie für Abgründe vorfinden? Es waren nur noch wenige Häuserblocks, eine Adresse in Altona. Es gab schönere Stadtteile in Hamburg. In letzter Zeit gab es aber einige Veränderungen, was die Stadtentwicklung anging. Altona hatte sich gemausert. Viele Neubauten waren entstanden, in etwa so viele wie in der Hafencity. Claudias Einschätzungen avancierten ihr Ziel, wie manche Kreditsicherungsanstalten. Sie schätzten die Bewohner, unter wenigem anderen, nur nach ihrem Wohnort ein. Es nannte sich Geo-Scoring. Kreditwürdig waren dabei nicht die Bewohner von Lurup oder Steilshoop; wer in einem der sozialen Brennpunkte wohnte, hatte von vornherein einen Punkteabzug. Das galt aber nicht für ganz Altona. Denn zu Altona gehörte auch Blankenese. Bahrenfeld, Ottensen und Othmarschen waren absolut nicht einschätzbar, Pöseldorf war klar, die `Creme dé la Creme`, eine Arbeitslosenquote, die gegen Null ging. Ein Durchschnittseinkommen, welches Bankkaufleuten Dollarzeichen in den Augen bescherte - und Nienstedten erst! - direkt an der Elbe gelegen und superreich.
Friedensallee, die Straße, in der auch die Filmschule Hamburg-Berlin ihren Sitz hatte. Künstler und Studenten, Nummer einunddreißig. Claudia musste vorbeifahren. Es gab keinen Parkplatz weit und breit. Straßencafés und rostige Fahrräder an den Baumschutzbügeln. Lieferwagen und Kinderwagen. Wenige Städte hatten so ein vielschichtiges Leben zu bieten. Junge Leute, Kinder mit Schulranzen auf dem Rücken, Auszubildende, ältere Leute mit Rollatoren, Frauen mit langem Mantel und Kopftuch und ein Pizzalieferant mit Turban. Alles da, nur kein Parkplatz!
Claudia dachte längst nicht mehr an Manuel. Der junge und dynamische Sohn eines Bankdirektors hatte in ihrem Kopf Platz gemacht für die Suche nach einem Parkplatz. Absurd und ironisch. Es ging um einen wichtigen familiären Anlass, und das Schicksal sträubte sich. Ihr Vater wartete womöglich. Mehr oder weniger hoffnungsvoll hätte er ihr dabei zusehen können, wie sie sage und schreibe fünfmal an dem Haus vorbeifahren musste.
Aus den angekündigten zehn Minuten wurden fünfundvierzig! Zu lange für eine einfache Lösung. Horst hatte den Glauben aufgegeben und öffnete inzwischen eine weitere Flasche. Fünfunddreißig Volumenprozent - Korn. Getreide, was zum Brot des Lebens hätte verarbeitet werden können, wurde zu Schnaps destilliert. Schnaps, zur Freude und als Absacker erfunden, degenerierte zum Frustverstärker. Weil Claudias Ankunft sich verspätete, gab Horst seine Hoffnung auf. Wie einst Jakob seinem Bruder Isaak den Segen gegen ein Linsengericht eintauschte, so sehr setzte auch Horst Wohlert auf die schnelle Bedürfnisbefriedigung. Wie ein Tiger im Käfig, so kreiste er im Zimmer umher. Er brüllte seine Kneipenbekanntschaft an und auch sich. Er hoffte für Minuten auf seine Tochter, doch sein Glaube war zu schwach. Nicht, dass er die Hoffnung auf Rettung aufgab, nein! Er machte nur einen faulen Kompromiss. Dafür hasste er sich, und dieser Selbsthass wollte wachsen. Er wollte weiterwachsen und größer werden und Früchte tragen. Die Zerstörung suchte nicht nur in Horst eine Wohnung, sie vermehrte sich auch noch. Ungepflegte Hoffnung verfaulte zu einem billigen Kompromiss.
Claudia hatte geklingelt. Die Haustür war offen gewesen, und sie war in die dritte Etage gegangen.
„Was wollen Sie?“, hatte eine Frau im Morgenmantel sie gefragt.
Vier Uhr nachmittags - und ein Morgenmantel? Hatte sie den noch an oder schon wieder? Ihre Haare - ein jämmerlicher Mittelscheitel. Halb hellgrau und halb dunkelgrau. Diese Falten, Tränensäcke! Wenn Chantal das gesehen hätte... Die Tapeten vergilbt und Plastiktüten von Discounters im Flur. Claudia hatte mit vielem gerechnet, aber das durchfuhr ihre Glieder, so dass sie vieles vergaß. Sie hätte an Peter Schlüter, ihren neuen Chef, denken können; Disziplin und schnurgerade geparkte Luxuslimousinen.
Eine Zigarettenkippe war irgendwann einmal aus dem Aschenbecher gefallen. Sie hatte es nicht bemerkt, und ihr Hausschuh schob sie an die Schwelle. Sie trampelte auf ihrem Abfall herum. Hier wohnte also inzwischen ihr Vater. Claudia hätte jetzt an Manuel denken können. Sie hätte sich vorstellen können, wie sie mit ihm an einem Südseestrand Longdrinks schlürfen würde. Ein einsamer Strand. Nur das Säuseln der Palmwedel im Wind und das Rauschen seichter Wellen. Aber an Realitäten wie diesen zerbrachen schon ganz andere Träume. Zu sehen, wie sie eine Zigarettenkippe mit ihren Plüschlatschen über das PVC-Parkettimitat schob und es noch nicht mal zu bemerken schien. Das schien ihr das Niedrigste und Verwerflichste zu sein, was einem Menschen widerfahren konnte; es nicht mehr mitzubekommen.
Oder war es Absicht, so zu leben? War diese Frau vom Leben zur Ohnmacht verdammt worden? Warum hatte sie sich aufgegeben? Hatte sie sich nicht aufgegeben, weil sie gar nie lebte? Claudia wusste nicht, ob sie jetzt hassen oder lieben sollte. Verwahrloste Leute verwirrten schon immer auch ihre Mitmenschen. Sie hielten sie von guten Gedanken ab und zerrten wie ein Abschlepphaken an ihnen, um sie in ihren Abgrund mit hinunter zu reißen. Claudia ließ keine Wut aufkommen. Groll war das Gift, das man Anderen verabreichte und an dem man selber erkrankte. Sie hatte sich diese Reaktion schon zurecht gelegt, weil sie auf ihren Vater treffen sollte. Das konnte gewiss sehr ähnlich ablaufen, hören konnte sie ihn schon. Er lallte.
„Annette!“, versuchte er zu rufen.
Er torkelte, das war das erste, was Claudia sah. Mit seinen Händen stützte er sich an der Wand ab. Jeden Meter neu. An der Garderobe verfing er sich in einem Mantel.
„Annette! Schick sie weg!“ Horst stand an der Tür, und Claudia bekam vor Schreck weiche Knie.
„Was willst du noch von mir?“ Er hielt sich im Türrahmen fest. Annette war nicht mehr zu sehen. „Ihr Banken habt mir mein Leben kaputt gemacht. Mein Haus habt ihr mir genommen, und du arbeitest für die? Geh mir aus den Augen!“
„Brüll da nicht so rum!“, mischte Annette sich ein.
„Es geht dich nichts an, wie ich mit meiner Tochter rede.“
„Deinetwegen verlier ich noch meine Wohnung!“, kam Annette in Rage.
„Papa! Wie kannst du um diese Uhrzeit schon so betrunken sein? Ich bin gekommen, weil ich dir helfen wollte.“
„Ich brauche keine Hilfe.“
„Das ist doch nicht normal, was du da machst. Wo soll das enden?“
Dann sackte er zusammen. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Claudia wollte ihn stützen, aber er rutschte ihr aus den Händen und glitt zu Boden. Annette stand weit hinter der Tür und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Sie weinte. Es waren viele Tränen - stumme Tränen. Sie musste oft geweint haben. Es waren ihre eigenen Tränen. Sie wurden geweint, um von anderen nicht gesehen zu werden. Verzweiflung und Hilflosigkeit, nur noch ein Häufchen Elend.
„Ich will dich nicht mehr sehen. Dein Anblick erinnert mich nur noch an euch Scheißbanken.“ Er versuchte sich hinter die Tür zu bewegen. Es sah aus wie dieser russische Kosakentanz, der Kasatschok. Doch dann stieß Horst mit dem Hinterkopf an die Wand. Schmerzen verspürte er nicht. Aber Claudia erschrak zu Tode.
„Du bist nicht mehr meine Tochter.“ Er versuchte gegen die Tür zu treten.
„Wenn du mit Mutter auch so umgegangen bist, dann ist es wirklich kein Wunder, dass sie sich was angetan hat.“
Dann erwischte er mit dem Fuß die Tür. Sie krachte ins Schloss. Claudia trat wütend von außen gegen die Tür. Dann war es still.
Als Claudia wieder in ihrem Auto saß, versuchte sie ihr Make-up zu retten, verlaufen und verwischt. Alleine dieser Anblick brachte sie zum Weinen. Alles andere von eben konnte man mit Tränen nicht ausdrücken, nicht an einem Tag. So gehörte Familie nicht. Aber wer sollte helfen, wenn einer sich nicht helfen lassen will? Trennen wäre eine Möglichkeit, aber das ging zwischen Blutsverwandten nicht. Man blieb verwandt. Bei einer Ehe oder anderen Verhältnissen, wie im Job oder im Verein, ging das mit einem Neuanfang!
Ihre Kosmetik war wieder ansehnlich, da klingelte ihr Autotelefon. Eine Handynummer erschien im Display. Claudia nahm den Anruf entgegen.
„Ja? Petersen.“
„Schlüter hier.“ Es war Manuels Stimme. „Der Junior.“
„Ah!“ Claudia war sehr überrascht. Mit vielem hätte sie gerechnet, aber damit nicht. Und es kam noch besser.
„Frau Petersen. Ich wollte sie fragen, ob sie heute abend etwas Zeit hätten!“
Claudia hatte Zeit. Nur wusste sie nicht, ob sie das so schnell einfach zugeben sollte. Es fiel ihr aber auch nichts dagegen ein.
„Warum nicht?“, sagte sie kurz und bündig.
„Schön. Strandperle, heute abend um sieben?“, fragt er.
„Gerne.“
Und schon war der Anruf wieder beendet. Kurz, aber wirkungsvoll. Endlich konnte sie an etwas Schöneres denken als an den Zustand ihres Vaters und daran, was er aus seiner Firma gemacht hatte. Weder das eine noch das andere beschäftigte sie. Es war wieder Manuel in ihrem Kopf. Michelangelo musste so etwas als Vorbild gehabt haben, als er den David aus Stein meißelte, der noch heute in der „Galleria del´ Accademia“ in Florenz steht.
Claudia unterlag einem Trugschluss. Es war wie bei der Partnersuche. Wer sich selber als sportlich, groß und schlank einschätzte, der war damit nicht zwangsläufig auf der Seite der Mehrheit. Hier war es genau umgekehrt! Claudia hatte Manuel in viel zu guter Erinnerung. Ihre Phantasie überhob Manuel zu einem Übermenschen. Es gab einen Namen für dieses Phänomen. Da, wo der Verstand aufhörte, fing die Leidenschaft an. Viele hätten hier voreilig Liebe diagnostiziert. Die ja mit einer Sehstörung namens „Blindheit“ einhergeht. Bisher gab es aber keinen Liebesbeweis.
Die Schlaglöcher der Stadt setzten ihrem kleinen Wägelchen zu. Sie wich auch gar nicht aus. Sie schwebte auf Wolke sieben. Vor kurzem hatte sie noch schlaflose Nächte, weil sie nach zig Bewerbungen noch nicht einmal ein Vorstellungsgespräch bekam. Ihre Ersparnisse gingen zu Ende. Die Reparatur der Waschmaschine wollte sie sich schon nicht mehr gönnen, dann ging auch noch das Radio kaputt. Sie war auch froh, dass sie den elektrischen Fensterheber am Auto nicht hatte reparieren lassen. Das Geld hatte sie sich lieber aufgehoben. Am Anfang der nächsten Woche, wenn sie den zweiten Teil ihrer Rundumbehandlung bei Chantal bekäme, würde sie es ausgeben können - und das nicht für den Fensterheber. Der war erst dran, wenn das erste Gehalt auf ihrem Konto war.