Читать книгу Durch die Bank - Dieter Lüders - Страница 3
Herankommen lassen
ОглавлениеPeter hatte Claudia die übrigen Akten der Landmaschinenfirma mitgegeben. Sie wusste erst nicht, wohin damit. Auch sie hatte ein ansehnliches Büro bekommen. Endlich war sie wieder im Spiel, und das nicht zu den schlechtesten Konditionen. Zwar war ihr Gehalt nicht üppig, aber dieses Büro. Da konnte manche Zweigstellenmitarbeiterin nur von träumen. Sie hatte einen ebensolch spektakulären Blick über die Elbe wie ihr Chef. Noch immer hatte sie die drei Aktenordner im Arm, als es an der Tür klopfte.
„Herein!“, rief sie.
Die Tür ging auf, und Eva-Maria Berg trat ein. Sie hatte einen simplen Pappkarton bei sich. Claudia legte die Ordner auf den Schreibtisch, um Eva-Maria zu begrüßen.
„Berg, mein Name. Eva-Maria Berg. Ich bin hier das Mädchen für alles.“
„Hallo! Claudia Petersen.“
Sie reichten sich die Hände. Claudia fühlte sich angekommen.
Eva-Maria war offiziell die Chef-Sekretärin von Peter Schlüter. Doch auch Manuel bediente sich ihrer Fähigkeiten, und das ziemlich oft. Er schaffte es nie, eine eigene Assistentin einzustellen. Er war ja so selten in der Firma.
„Hat Herr Schlüter sich Verstärkung geholt?“, scherzte Eva-Maria. Sie war etwa in Peters Alter, Anfang sechzig, und sah so aus, wie man sich eine langgediente Chefsekretärin vorstellte. Die Haare zu einem Dutt zusammengebunden, eine Brille, wie man sie vor zwanzig Jahren chic fand, und einen Rock hatte sie an, klassisch dezent.
„Die Bankenkrise macht viel Arbeit“, zwang Claudia sich eine Antwort ab.
„Ist das nicht nur eine Medienkampagne?“, fragte Eva-Maria und stellte den Pappkarton auf den Schreibtisch.
„Ja und nein“, resümierte Claudia. „Einerseits fällt viel weg, andererseits kommt manches Neue hinzu.“
„Ja, ja, der Lauf der Dinge, stetig ist nur der Wandel.“ Eva-Maria wartete auf eine Reaktion.
Claudia sah sie nahezu ehrfürchtig an. Eva-Maria hatte Klasse. Sie war nicht so wie die gehetzten jungen Fräuleins, die so viel Zeit mit ihren Smartphones und ihren Äußerlichkeiten verbrachten. Eva-Maria hingegen lag ihre Arbeit am Herzen. Sie machte nicht ihre Arbeit, ihre Arbeit machte sie.
„Ich bringe Ihnen Visitenkarten und Briefpapier, Kalender und Kugelschreiber, wegen der Corporate-Identity“, sagte Eva-Maria. „Wenn Sie möchten, dann können Sie sich unser Firmenlogo in ihre Blusen einsticken lassen. Wir haben da einen erstklassigen Schneider an der Hand.“
„Danke. Ich komme eventuell darauf zurück.“
„Wenn etwas ist, dann können Sie immer zu mir kommen. Ich habe hier die Fäden in der Hand, bei mir läuft alles zusammen. Willkommen in unserer Firma.“ Erneut reichte Eva-Maria ihr die Hand.
„Sie sind sehr nett, Frau Berg.“
Als Eva-Maria wieder gegangen war, kehrte für einen Moment Ruhe ein. Claudia sah sich um. Was für ein Büro! Edel und hochwertig, ein paar Blumen hätten noch gefehlt. Da klopfte es erneut. Peter kam herein.
„Frau Petersen, ich bin es noch einmal.“
Claudia setzte sich in ihren Chefsessel. Peter zog sich einen Drehstuhl heran und setzte sich ebenfalls hinter den Schreibtisch. Er kam Claudia ziemlich nah.
„Ich muss noch mal kurz mit Ihnen reden, damit wir uns nicht missverstehen“, setzte er an.
„Es tut mir leid, dass mein Vater Ihnen so viele Sorgen bereitet hat.“
„Das ist unser Geschäft, Frau Petersen, darum geht es nicht. Mir geht es hauptsächlich darum, dass Sie vielleicht noch etwas Einfluss auf Ihren Vater nehmen können.“
„Ich weiß, nicht wegen meiner Reputation, das ist mir klar“, bestätigte sie.
„Wenn Sie es schaffen, dass unser Schaden möglichst klein bleibt, oder wenn Sie das Wunder vollbringen, dass die Landmaschinenfirma wieder in die schwarzen Zahlen kommt“, Peter runzelte die Stirn, weil er daran nun wirklich nicht glaubte. „dann bleibt das mit den USA unter uns.“
„Weil ich die Bank da drüben ruiniert habe? Woher wissen Sie das eigentlich so genau?“
„Achtzig Mitarbeiter, wegen der Immobilienkrise? Das stand in der englischen Fachpresse. Wie haben Sie das gemacht?“
„Wie viele andere auch. Wir haben gut an den Bauherren verdient. Nach und nach sind die Bedenken zerflossen, bis wir letztendlich keine Sicherheiten mehr verlangt haben. Alle haben das so gemacht, und ich nicht anders.“
„Sie sind sehr ehrlich. Woher haben Sie das?“
„Ich habe ein Gewissen, was über mich wacht. Bei mir war es auch die Freude, dass amerikanische Familien sich ihr eigenes Häuschen leisten konnten. Es war nicht nur die Gier.“
„Unglaublich! Was musste da für eine Goldgräberstimmung geherrscht haben! Da konnte man ja nur verlieren.“ Peter ging wieder auf Abstand.
„Es hat alle erwischt. Der Immobilienmarkt war so ziemlich das Lukrativste. Wein und alte Autos gehen noch immer, Büros kommen auch wieder, das ist wie hier.“
„Die Globalisierung! Verstehe! Schön, dass mal von jemandem zu hören, der das mitgemacht hat“, erklärte Peter. „Wissen Sie, reden tun sie alle darüber. Experten schreiben sich die Finger wund. Aber so richtig dabei, das waren die Wenigsten. Und wenn, dann sind sie jetzt erst mal weg vom Fenster.“
Peter stand wieder auf und schob den Drehstuhl auf die andere Seite des Schreibtisches. Claudia wurde etwas leichter ums Herz. Niemand mochte es, wenn einem der Chef derart auf den Pelz rückte.
„Ich bin Ihnen unglaublich dankbar, dass Sie mir eine Chance gegeben haben“, ergänzte Claudia. „Eigentlich sogar zwei Chancen.“
„Ach, Sie meinen, wegen vorhin.“
„Hmm.“
„Da können Sie sich bei meinem Sohn bedanken. Er hat mich da zurück auf den Boden geholt.“
„Das werde ich. Und ich werde Sie nicht enttäuschen. Ich habe nämlich etwas mitgebracht, aus Amerika.“.
„Eine Erfahrung?“
„Ja. Ich habe gelernt, dass man für Geld nicht alles machen darf. Die Sicherheit, die Geld verspricht, hat Grenzen, und die können einem ein überraschendes Ende bereiten.“
„Ganz meiner Meinung. Immer den Verstand benutzen und sich auch mal auf den Boden der Tatsachen holen lassen. Wir verstehen uns!“ Peter ging zur Tür.
Claudia war es plötzlich unangenehm, dass Peter sich entfernte. Sie spürte eine Leere um sich herum. Kälte umschlich sie, und sie wünschte sich, er wäre noch geblieben. Seine Stimme klang jetzt so entspannt und nicht mehr so unsicher herrisch. War es Vertrauen? Es konnte nur Vertrauen gewesen sein. Peters Unsicherheit war gewichen. Er hatte sie angenommen und ihr geglaubt.
Hätte sie Zeit gehabt für den Gedanken, dann hätte sie ihn noch gehabt. Als Peter aus der Tür war, da klopfte es erneut, und Manuel trat herein. Dann hatte sie den Gedanken nicht mehr, dass sie sich solche Wärme auch vom Sohn gewünscht hätte. Aber sie spürte es. Die Leere wich, es wurde nicht kalt um ihr Herz, als er näher kam. Gerne hätte er sich auch den Drehstuhl nehmen und sich auf ihre Seite des Schreibtisches setzen können. Doch er behielt Distanz, und schnell war Claudia klar, dass es hier in diesem Büro um Geschäfte ging - und in diesem speziellen Fall um ein heikles Unterfangen, an welches niemand mehr glaubte.
„Und? Schon mal wegen einem Zimmer telefoniert?“, fragte Manuel sie.
„Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“
„Ich lasse Frau Berg zwei Zimmer buchen. Für morgen oder übermorgen? Ich weiß nicht, wie Sie es geplant haben?“
„Ich will mir auf alle Fälle erstmal die Akten ansehen.“
„Das ist ja schon mal ein guter Anfang“, bestätigte Manuel. „Da haben wir echt einen schweren Fall. Wenn da schon ein vorläufiger Insolvenzverwalter seinen Daumen drauf hat.“
„Dafür hätte ich schon eine Idee, aber das müsste Ihr Vater absegnen.“ Claudia sah Manuel an. „Wir müssten vielleicht unsere Forderungen herunterschrauben, dann würde der Insolvenzgrund wegfallen.“
„Das ist eine sehr gute Idee. Aber Sie haben recht, das müsste mein Vater absegnen, und Ihr Vater eventuell auch, sonst wäre das Geld wirklich weg. Er sollte es doch trotzdem zurück geben müssen.“
„Ja! Es ist grenzwertig.“
„Geradezu unfair!“ Manuel grinste dabei sichtlich. Wieder fiel ihm ihre Entschlossenheit auf. „Ich habe ein sehr gutes Gefühl, was unsere Zusammenarbeit angeht.“
„Es beruhigt mich etwas, dass wir uns verstehen.“ Claudia lehnte sich in ihrem Sessel zurück und schlug die Beine übereinander.
Manuel rollte an den Schreibtisch heran und sah, dass dort die Aktenordner der Landmaschinenfirma waren. Sie waren auseinander gerutscht, wie Ringordner auseinander rutschten, wenn man versuchte, sie übereinander zu legen. Der Pappkarton mit den Visitenkarten stand an der Tischkante. Claudia wollte ihn später auspacken. Diesmal wollte sie den Schreibtisch anders einrichten, nicht mehr so wie in der letzten Bank. Nicht, dass sie abergläubisch gewesen wäre, es hätte sie nur zu sehr erinnert. Eine Wunde, die nur ein nächster Erfolg heilsam verpflastern konnte.
„Darf ich?“ Manuel deutete an, dass er in die Ordner sehen wollte.
„Klar; das ist jetzt unser Projekt.“ Claudia schob ihm einen Ordner entgegen. Sie zog sich einen weiteren heran. „Kontoauszüge und Betriebswirtschaftliche Auswertungen. Oh Mann!“ Nachdem Claudia die Aufschrift auf dem Ordnerrücken gelesen hatte, schlug sie ihn auf. „Kopien, Originale, und das über drei, vier, fünf...“ Sie blätterte. Dann rutschte ihr Finger von den Papierecken. Das Blättern gelang ihr nicht mehr. Sie feuchtete ihren Finger an, was Manuel in seinen Gedanken unterbrach. Sie blätterte weiter. „sechs, sieben Jahre.“
Wie sie ihren Zeigefinger mit der Zungenspitze berührte, das ging Manuel nicht mehr so schnell aus dem Gedächtnis. Sie trug roten Lippenstift und etwas Wangenrouge. Die Augenlider, die Wimpern und auch die Haare waren perfekt zurecht gemacht. Manchmal fehlte an den Mundwinkeln etwas Lippenstift, oder auf der Oberlippe wurde versucht, etwas hinzu zu mogeln. Hier nicht. Keine Klümpchen an den Wimpern, alle parallel. Er wusste nicht, dass sie vor wenigen Stunden noch im Beauty-Center von Chantal gewesen war. Und sie wusste nicht, wie sehr dieser Besuch gerade seine Wirkung entfaltete. Ihre Haare waren schulterlang, dunkelbraun und schwangen sich in großen Wellen um ihr schlankes Gesicht, so dass es ihn fast an die Frisuren der achtziger Jahre erinnerte. Chantals Laden war ein Geheimtipp.
Manuels Ordner enthielt die Details zu den Bilanzen. Die Aufstellung des Inventars, was, wann und um wie viel Prozent abgeschrieben wurde. Ganz hinten war ein ausfaltbarer Kontenrahmen eingeheftet, falls mal ein Auszubildender oder ein Praktikant in den Ordner sah und die Kontonummer nicht auswendig wusste.
„Typisch! Warum hat er nicht auch noch gleich einen Taschenrechner mit eingeheftet?“ Manuel klappte den Ordner zu. „Wollen wir das wirklich alles haarklein nachvollziehen?“, fragte er sie.
„Besser wäre es.“ Auch sie schloss ihren Ordner.
Dann bemerkten sie beide gleichzeitig, dass da noch ein Dritter lag. „Schriftverkehr“, las sie laut vor und schlug ihn auf.
Als sie das Wort ‘Verkehr’ aussprach, wusste Manuel nicht, ob er sich hassen oder akzeptieren sollte. Er wollte die anderen Bedeutungen dieses Wortes jetzt nicht bedenken! ‘Verkehr’ ist Bewegung, Bewegung ist Leben. Schiffe und Lastwagen. Musste Straßen-und Schiffsverkehr immer etwas mit Schmutz zu tun haben? Informationslogistik wäre ein unbefleckter Begriff. Nur nackte Informationen! Unbefleckt, nackt! Manuel sehnte sich nach Reinheit in seinem Kopf. Waren Gedanken denn nicht auch so eine Art von Motor, die nicht ohne Umweltverschmutzung auskamen? Oder wurden bisher nur noch keine Antriebstechniken für Gehirne erfunden, die bei ihrer Krafterzeugung nicht auch gewisse Flurschäden anrichteten?
Entweder würde es Jahre dauern oder nie gelingen, die Wörter ‘Information’ und ‘Logistik’ nicht mit Schlafzimmerdunst zu benebeln. Genugtuung machte sich in ihm breit, und die Unruhe wich, als er so dachte. Das Zusammenklappen des Ordners holte Manuel zurück in die Realität. Claudia hatte genug gesehen und schlug den Ordner demonstrativ zu. Sie legte ihn nahezu achtlos zu den anderen.
„Das ist also alles, was uns die Landmaschinenfirma gegeben hat.“ Claudia bemerkte, dass Manuel jetzt ruhiger war. Vor ein paar Minuten war er angespannt, als ob er eine kleine Reise gemacht hätte - in Gedanken. War Manuel ein Phantast? Er trug keine Armbanduhr. Wo andere Uhren trugen, die möglichst teuer waren, da trug er noch etwas Teureres - nichts. Zeit war Geld, und Zeit schien er wie Heu zu haben. Oder hatte er die Uhr nur vergessen? War er ein wirrer Träumer, ein Grübler, ein Zweifler und Bedenkenträger? Ein Visionär gar? Sie hatte so einen Blick erst ein einziges Mal gesehen. Pupillen, die einem das Gefühl vermittelten, dass man in die Linse einer Videokamera sah. Gleichzeitig versprachen seine Augen den Blick in ein Kaleidoskop. Aus dieser Entfernung konnte sie nichts erkennen. Sie hätte ihm so nahe sein müssen wie einem Schlüsselloch, um in seiner Welt etwas zu erkennen.
*