Читать книгу neukunst oder der Maulwurf - Dr. Wolfgang Mehringer - Страница 6

3 Die Begegnung

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Das Ziel lag irgendwo in dieser langen Straße, in einem dieser einstöckigen, weißen , äußerst langweilig wirkenden Häusern. Sie betraten die Hofeinfahrt und hörten Töne: Selbige kamen aus einem Keller, dessen Türe offen stand, und welche auf einer ziemlich wild und roh bearbeiteten Geige erzeugt wurden. Philip konnte das Stück, das da „beübt“ wurde, sogar erkennen (obwohl das nicht ganz einfach war) - es handelte sich um einen Part aus Johann Sebastian Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen: „Allegro“ - in dieser „Interpretation“ als brachialen Urgewalt. Mireille kam ihnen entgegen, als sie die Treppe hinuntergingen. Nach der herzlichen, mit Umarmung zelebrierten Begrüßung, nahmen sie an einem Camping - Tischchen in dem schmalen Gang Platz. An der Seite lehnten, dicht aneinander gedrängt, ziemlich große Bilder. Dahinter waren viele kleinere in Regale geschichtet. Auf dem Tischchen lockte ein großer dunkelbrauner Schokoladekuchen. „Jean hat den `schwarzen Tiger` extra für Euch gebacken“. Mireille lachte. Kaffee oder Tee? Jean kommt später. Er müsste noch üben, hat er gesagt, für morgen. Da spielt er zusammen mit seinem Freund - einem guten Geiger - der es ihm beibringen will. Er spielt erst seit einem dreiviertel Jahr. Das Doppelkonzert - das war schon immer sein Traum. Er übt wie verrückt! Sie lachte. Das ist so seine zweite Natur. Er meint, in ihm stecke ganz gewiss ein Künstler - und er müsste halt noch ausprobieren, wo seine größten Talente lägen. Er spielt auch Theater - in einer Amateurgruppe. Immer ziemlich wilde Typen - und hat damit sogar einen Riesenerfolg. Sie lacht. Denn er wirkt immer unglaublich komisch. Die Leute lachen sich kaputt über ihn. Das stört ihn aber nicht. Er hat Erfolg - das ist die Hauptsache. Er malt auch. Sie lachte wieder. Er wird Euch davon erzählen. Marina war noch nicht zufrieden; Und seine „erste“ Natur? Mireille lächelte. Er ist - - ein sehr guter „Hausmann“. Ich muss dafür - - das Geld verdienen.

Mireille steckte einen Tauchsieder in die Teekanne. Philip hatte nebenbei schon eine ganze Weile ein großes Bild im Auge, das ein paar Meter weiter ihm gegenüber an einer Wand lehnte. Das ist vielleicht ein guter Ausgangspunkt, dachte er. (Er hatte sich zu Hause schon einiges überlegt, wozu er Mireille - in einer sehr dezenten Weise natürlich - „intensiv befragen“ wollte). Von dem Bild hatte er „einen ersten, ganz passablen Eindruck“, und er würde es sich nachher aus der Nähe noch genau ansehen. Vor allem aber wollte er hören, was Mireille ihnen zu diesem Bild erzählen würde. Er begann also mit einer (in solchen Fällen recht typischen) vermeintlich unverfänglichen Frage: Ein neues Bild von Dir? (wobei er in Richtung des Bildes seinen Kopf ein wenig nach oben hob). Mireille erklärte, es sei bereits vor zehn Jahren - oder mehr – entstanden, und sollte jetzt endlich mal eine Firnisschutzschicht bekommen, Dann fragte sie: Was ist Euer Eindruck von dem Bild? - bitte ganz ehrlich! Marina reagierte spontan. Sie sei doch überrascht von der Schönheit des Bildes, ganz besonders auch, weil heutzutage kein Mensch (sie verbesserte sich lachend) - also nur noch wenige Künstlerinnen und Künstler etwas wirklich schönes malen wollten. Mireille meinte dazu, bei vielen Autodidakten, und eben auch bei ihr, stünden aber sicherlich eine ästhetisch ansprechende Form der Darstellung, die man, wenn man wollte, eben „schön“ nennen könnte, durchaus als ein zentrales Ziel vor Augen. Damit arbeiteten sie im Rahmen einer Tradition, die Jahrtausende Bestand gehabt hätte .Bis man merkwürdigerweise gerade in der heutigen Zeit im „elitären, professionellen Kunstbetrieb“ (Philip registrierte aufmerksam ihre Wortwahl) „beinahe gewaltsam“ versuche, diese Tradition zu beseitigen. Ein „positiv ansprechender Gesamteindruck“ sei letztlich das entscheidende bei der Gestaltung ihrer Bilder. Sie würde solange an ihnen arbeiten - manchmal käme es auch nach Jahren noch zu kleineren Korrekturen - bis sie alles als „stimmig“ empfände. Philip hatte kein Problem dabei, ihr zu sagen, dass auch er, bei seinem ersten Eindruck von diesem Bild, so etwas empfunden hätte. Gegenständlich, wie es sei, lade es ihn geradezu ein, darin spazieren zu gehen. Er stand auf und schilderte dann, vor dem Bild stehend, seine Eindrücke: Ich seh`s jetzt genauer - ein gigantisches Zahnrad, verrostet, zerbrochen - das steckt im Sand, in den Dünen einer Wüste. Ganz klein, im Vordergrund, ein sommerlich gekleidetes Paar, das hinwandert zu dem Zahnrad. Hierzu müsste allerdings noch eine tiefe Schlucht durchstiegen werden. Das Rad ist oben aufgebrochen, ist innen hohl, seine riesigen Zähne ragen seitwärts in den blauen Himmel. Mireille unterbrach ihn. Ihr seht dabei, wie viel Spielraum ins Abstrakte so eine gegenständliche Szenerie bietet - bei der Struktur des Rostes und des Himmels, zum Beispiel - oder auch für den ganzen Bildaufbau. Marina pflichtete ihr bei. Ja, auch beim Schatten, der auf den Betrachter zukommt und dann auf der linken Seite, wo ein Teil dieses Zahnrads aufragt, wandelt sich der blaue Himmel wie in den Anbruch der Nacht oder kündet ein Gewitter an. Mireille freute sich über den Zuspruch. Ja, es stecken da eine Menge an Gefühlen drin - auch solche, das zerbrochene Zahnrad betreffend, die mit der Entwicklung unserer Industriekultur zusammenhängen. Philip hatte inzwischen vor diesem linken Zahnradteil, in größerer Entfernung noch ein paar winzige Figuren entdeckt, die da irgendwie herumkletterten. Er meinte dazu, so ein Objekt wäre natürlich, rein touristisch gesehen, ein Riesenhit. Aber - er zögerte - hattest Du Dir dabei vielleicht auch eine Situation vorgestellt, weshalb da gar nicht mehr viele Touristen kommen? Mireille wollte diese Frage offensichtlich nicht beantworten und lächelte nur. Philip wollte jetzt noch eine ganze Menge von „seinen Fragen“ stellen, aber Marina kam ihm erst einmal zuvor. Wie kommst Du denn auf solche Ideen? Es war die uralte Frage nach den Ursachen von Kreativität - und Mireille beantwortete sie leider auch nur in der sich immerwährend wiederholenden Form. Sie kommen einfach - und wenn Du dann anfängst, mit ihnen zuspielen, in Gedanken, auf dem Papier zu einem Entwurf oder auch schon beim Arbeiten auf der Leinwand, da verändern sie sich immer wieder, neues kommt hinzu, und auch die Frage: gegenständlich oder irgendwie abstrakt, beantwortet sich eigentlich wie von selbst. Bei größeren Bildern mache ich aber immer erst einen groben Entwurf auf der Leinwand. Und dann, beim Malen, experimentiere ich bei vielen Details - (sie lacht) - auch der Zufall bietet ja viele Chancen. Es missglückt Dir irgendetwas, aber es sieht doch interessant aus, und Du merkst, da kann man was draus machen! Ich bin der Meinung, wenn man etwas - also eine so genannte Technik völlig beherrscht (sie lacht) - oder sagen wir besser, beherrschen will, ist das Ergebnis solcher Kunst auch einigermaßen in der Gefahr, irgendwie leblos zu werden. Deswegen experimentiere ich ja auch immer wieder mit ganz verschiedenartigen Techniken Ich zeig Euch nachher ein Album mit Fotos. Um uns durch die Bildersammlung hier durchzuwühlen, bräuchten wir sonst ein paar Tage.

Philip brauchte nicht „nachzufragen“. Mireille erzählte nach einer kurzen Pause weiter: Die arrivierten Künstlerinnen und Künstler lassen heute viele Möglichkeiten ganz unbeachtet. Da sind die Zwänge des sogenannten Kunstmarkts - sicher! Damit meine ich nicht nur den enormen Spielraum wie man etwas darstellt, mit allen Schattierungen zwischen Abstraktem und Gegenständlichem, sondern auch gerade die möglichen Themen der auf uns wirkenden Umwelt. Dabei könnten wir uns auch anregen lassen von allen Kunstströmungen aus der Vergangenheit. Ich selber kombiniere in meine Arbeiten auch gerne Abstraktes mit Gegenständlichem. Mireille schwieg plötzlich,

Philip fand endlich eine Möglichkeit, etwas „in seinem Sinne nachzufragen.“: Du hattest also nie die Idee, so etwas - äh - völlig neuartiges zu schaffen? Mireille sah ihn ziemlich verwundert an und sagte: Wie ich es Euch angedeutet habe, gibt es da doch tausenderlei Möglichkeiten, von Mischtechniken angefangen, die sonst niemand macht. Zum Beispiel habe ich mit dem Spachtel billige Dispersionsfarben aus dem Baumarkt in Verbindung mit Wasser auf Papierbögen gemischt und strukturiert, so ganz spontan - irgendwie, und danach mit Wachsmalkreiden detailliert, meiner Phantasie folgend, bearbeitet. Das ist wirklich ein irres Spiel. Da ist alles dabei - das Spontane, wie das gewisse Kunstrichtungen hochhalten, dann aber, in der Nacharbeit, wird man auf eine ganze Wiese von Eindrücken, Gedanken und Gefühlen geführt. Eine spontane und gleichermaßen lautstarke Reaktion war nun bei Marina zu erleben; „Wobei einem bei dem krassen rohen Zeug, was einem so diese Spontanheinis zumuten, das große - ich möcht nicht sagen was, überkommt“. Mireille begab sich ein wenig auf die Seite der Spontanis. Nicht alles davon ist schlecht, meinte sie. Aber - (sie lächelte) – zur Selbstkritik sind diese Leute wohl leider oft nicht recht disponiert, wollen ihre Werke eben weitgehendst für genial gehalten wissen. Da sehen sie dann auch großzügig darüber hinweg, wenn so etwas den meisten Leuten - dem Pöbel auf der Straße also, wie sie meinen - überhaupt nicht gefällt.

Und wie bist Du dann zu den verschiedenen Techniken gekommen? Es war klar, dass Marina sich bei dieser Frage entweder nicht mehr an Mireille´s „Erklärung“ zur Kreativität erinnern konnte oder auch nicht wollte. Irgendeine Spur einer begreiflichen Ursache, dachte sie wohl insgeheim, sollte es doch geben. (Philip andererseits hatte es schon seit vielen Jahren aufgegeben, darüber nachzudenken).

Sie möchten vielleicht etwas mehr darüber wissen, wie man sich als Autodidaktin entwickeln kann, dachte Mireille. So begann sie zu erzählen von den verschiedenen Kursen, in denen sie vieles gelernt hatte im Zeichnen und Malen, und dabei aber auch bei den Techniken - wobei sie dann manches eigenständig ausprobiert hatte. Philip fühlte sich zuletzt ein wenig abgelenkt von Mireille`s Erzählungen. Der Anblick der Torte und ein etwas hohles Gefühl in seiner Magengegend wirkten dabei zusammen. Mireille merkte das und meinte, sie könnten ja schon mal anfangen mit Tee und Kaffee. Marina hatte ihr Interesse in diesem Augenblick allerdings mehr auf das Rezept für den „schwarzen Tiger“ gerichtet, und Mireille versprach es ihr - falls sie es denn, auch nachdem sie den Geschmack erlebt hätte, noch haben wolle. Im Moment allerdings (zu Philips Leidwesen) war ihr Appetit erst noch auf eine Antwort zu einer, wie sie meinte, zentral wichtigen Frage gerichtet. Sie wollte nämlich wissen, was denn eigentlich - „vielleicht auch erst mal viel später“ - mit den vielen Bildern geschehen solle? Mireille lächelte ein wenig und erzählte von ihren drei Ausstellungen, von denen Philip und Marina bislang gar nichts gewusst hatten. Es gab gute Kritiken in den Zeitungen, sagte Mireille, aber kaum ein Besucher wollte etwas kaufen. Es hängt ja auch schon so viel in den Wohnungen. Und in Verbindung mit Geld ist das noch eine ganz besondere Wertfrage! Geld! - braucht man eben meist für was ganz anderes. Für mich wär`s halt schön, wenn ich wüsste, dass das Zeug nicht alles im Müll landet. - also auch in der Zukunft irgendjemand daran Freude hat. Ja, und warum sie denn überhaupt einfach so weitermache, wollte Marina noch wissen. Mireille lachte. Es ist ganz einfach - - die Freude, die Spannung, das Risiko dabei! Und für die Zukunft - Mireille zögerte einen Augenblick und erzählte dann von ihren Versuchen, ihre Arbeiten Kunst sammelnden Institutionen zu schenken.

Ich hatte die Idee, meine Arbeiten einer Kunstsammlung zu schenken. Zunächst habe ich eine große private Institution angeschrieben. Die Antwort möchte ich Euch vorlesen. Mireille schleppte einen prall gefüllten Aktenordner herbei und holte einen Briefbogen heraus: „Wir danken Ihnen für die Zusendung der ausführlichen Fotodokumentation Ihrer fulminanten, eindrucksvollen Arbeiten“. Danach sei dann eine mit entsprechenden „leider.leider“ geschmückte, sich windende Ablehnung erfolgt, garniert mit der keineswegs sehr tröstlich erscheinenden Empfehlung: „Vielleicht versuchen Sie es einmal bei einer kleineren staatlichen Einrichtung“. (Es war das erste Mal, dass Philip in ihrem Gesicht so etwas wie einen Hauch von Ironie bemerken konnte). Man könnte das, wenn man die heutige Situation in der Kunstszene ein wenig kennt, für blanken Zynismus halten. Aber - (nun lächelte sie wieder) die ganze Geschichte hat vermutlich einen doppelten Boden. Die mit der Anfertigung dieser Ablehnung beauftragte Dame, es könnte sich um eine ausgebildete Kunstwissenschaftlerin gehandelt haben, legt maskiert, sozusagen, ihre Zwangsjacke ab und äußert sich, symbolisch versteckt mit dem Wort `fulminant`. Wenn sie meine Arbeiten somit - und das wohl ganz persönlich - als „großartig“ charakterisiert und zugleich im Auftrag ihrer Institution, also den am aktuellen Kunstmarkt orientierten Maßstäben ablehnt, so ist das meiner Meinung nichts anderes als ein exemplarischer Fall der herrschenden Schizophrenie im Bereich der Kunst. (Philip nickte anerkennend). Mireille lachte: Damals war ich ja wirklich ungeheuer naiv - weil eben auch unwissend. Inzwischen hab ich eine gewisse Ahnung, was in dieser Institution so gesammelt und als wertvoll eingeschätzt wird. Das betrifft vor allem den Preis am Kunstmarkt - und danach kommt lange nichts! (Sie lacht nochmals, sehr „herzhaft“ wie es später Marina nennt). Man glaubt es nicht! Ich habe damals doch tatsächlich in einem zweiten, ausführlichen Schreiben versucht, diesen Leuten einige Besonderheiten in meinen Arbeiten ans „Herz“ - wenn man so ein Wort im Sinne meiner damaligen Verständnislosigkeit verwenden möchte - zu legen. Ich versuchte deutlich zu machen, dass es mir besonders um eine Auseinandersetzung mit Erfahrungen der heutigen Welt ginge, die in vielen Bildern eingeflossen ist. Angefangen von dunklen Wolken in einer idyllischen Landschaft, einer Andeutung von Frauenschicksalen, von zerstörten Landschaften, technischen Pannen, Katastrophen, bis hin zum Schicksal der Obdachlosen neben dem Irrsinn der Extremsportarten und der ganzen Palette industriell erzeugter Destruktivität. Ein wenig müde, resignierend ergänzte Mireille dazu: Das hat diese „Firma“ natürlich nicht im mindesten interessiert - ganz im Gegenteil! Sie wurde nun außerordentlich deutlich in ihrer abweisenden Haltung.

Marina war ganz von Mitleid erfüllt. Das war schon wirklich ein harter Hieb für Dich! Mireille war diesem „Anfangsstadium ihrer Erfahrungen“, wie sie es nannte, aber offensichtlich bereits völlig entwachsen und erzählte, emotional kaum bewegt, von ihren nachfolgenden „Abenteuern“: Ich bin damals also tatsächlich den „Empfehlungen“ dieser „Firma“ gefolgt und habe bei drei staatlichen Kunstsammlungen höflich angeklopft. Und dabei eine Ablehnung erfahren, die noch um einiges kaltschnäuziger war als bei meiner ersten „Firma“. Ich les Euch noch kurz einen von diesen Briefen vor. (Sie holte dazu einen Briefbogen aus dem danebenliegenden Aktenordner): „Wir haben Ihre Arbeiten diskutiert und können Ihnen leider keine Zusammenarbeit in Aussicht stellen. Vielleicht wenden Sie sich mit ihren Wünschen an eine der zahlreichen Galerien. Zudem liegen uns bereits eine Fülle von Anträgen aus dem regionalen Raum vor, die in erster Linie zu berücksichtigen sind“. Einiges davon ist natürlich auch einsichtig, meinte Marina. Jede und jeder zweite malt heute, stellt seine Werke aus, hofft auf Anerkennung und versucht auf allerlei Wegen sein Glück. Mal ganz abgesehen von der sich mehrenden Zunft der akademisch gebildeten Künstlerinnen und Künstler - die es nur in seltenen Fällen schaffen, sich einen renommierten, also finanziell gut gepolsterten Platz im Kunstmarktgeschehen zu ergattern.

Das alles führt uns zu einem wichtigen, oder sagen wir besser, dem eigentlich zentralen Punkt von vielen Miseren, dachte Philip. Hier sehen wir ja kaum mehr als die Spitze eines Eisbergs. Es war nirgends auch nur andeutungsweise die Rede von irgendwelchen konkreten Bewertungskriterien. Sie „fehlen“ wohl nicht nur, sondern werden wahrscheinlich auch für mancherlei Zielsetzungen absolut nicht erwünscht sein. Er fragte dann aber, wie es beim Malen zu den Widerspiegelungen gewisser Umweltwahrnehmungen käme, von denen Mireille in ihrem Brief geschrieben hatte. Diese Frage fand Mireille „wirklich spannend“. Denn vieles davon entstünde eigentlich mehr im Unterbewusstsein. Ich hab auch gelernt, sagte sie, nicht unbedingt etwas allzu gezielt anzugehen, also die Kunstarbeit direkt in den Dienst irgendwelcher politischer Ziele oder Ideen zu stellen. Denn - (sie lacht) - da wird’s nix! Ich muss es einfach so laufen lassen, Ideen und Gefühle zwanglos - miteinander. Ich weiß, das ist schwer zu beschreiben. Philip fragte nach: Ist das immer so? - Meinst Du, dass diejenigen Künstlerinnen und Künstler, die mittels ihrer Kunst direkt bestimmte politische Ziele verfolgen, auch irgendwie - sagen wir, was die Qualität ihrer Kunst betrifft, weniger überzeugend sind? Mireille überlegte. Da findet man natürlich auch sehr gute Leute - denk an die Plakate vom Staeck. Aber, auch wenn ich Dir keine klare Antwort geben kann, ich könnte mir schon vorstellen, dass man genügend Leute finden wird, denen die politische Botschaft ihrer Arbeit über alles geht - und die somit auch irgendwelche ästhetischen Ansprüche weitgehend hintanstellen. Sie möchten einen konkreten sozialen Sinn mit ihrer Arbeit verbinden, alles andere zählt im Grunde nichts. Eine hohe moralische Haltung hat aber eben mit ästhetischer Qualität nichts zu tun - leider, könnte man da sogar sagen! In meinen Augen sind solche Leute Sozialarbeiter, die man jedenfalls wegen ihres Engagements schätzen sollte.

Jean war zu hören. Dies zwar ständig, aber aufgrund ihrer Konzentration im Gespräch, war er bei Marina und Philip doch sehr in den Hintergrund geraten. Im Augenblick aber lief es bei Jean um einiges schlechter. Er verspielte sich ständig, versuchte offensichtlich unter Einsatz zusätzlicher Kräfte, die bösartigen Hindernisse zu beseitigen, spielte lauter und schneller, mit noch geringerem Erfolg. Man hörte ihn zwischendurch schimpfen. Plötzlich Stille. Philip beschrieb diesen Moment später, er habe so ein Gefühl gehabt, als ei ein Gewitter abgezogen. (Unwillkürlich hatten wohl alle unfreiwilligen Zuhörer in diesem Augenblick ein gewisses Gefühl der Erleichterung). Es dauerte etwa eine halbe Minute, dann kam Jean mit gerötetem Kopf und Schweißtropfen auf der Stirn aus einem Verschlag. Sein “Hallooo!“ klang ausgesprochen freundlich. Dann wandte er sich an Mireille. Hast Du schon Kaffee für mich?! Die Basis für meinen Wiederaufbau ! - erklärte er lachend den beiden Besuchern. Mireille bejahte. Sie hatte bereits bei den von ihr wahrgenommenen Anzeichen seiner Ermattung den gefüllten Kaffeefilter mit kochendem Wasser übergossen. Bei der anschließenden nun doch sehr persönlichen Begrüßung flachste Philip, (er bedauerte später den ein wenig kritischen „Beigeschmack“), ihr Gespräch mit Mireille sei für sie ja um vieles bequemer gewesen als Jeans „Annäherung“ an Johann Sebastian. Jean lachte nur. Inder Musik, meinte er, weißt Du wenigstens einigermaßen, wo´s lang geht, anders als in der Scheißmalerei! Bei seinen letzten Worten war Jean im Tonfall ein wenig scharf geworden., was selbst Mireille zu überraschen schien. Jaaa - sagte sie, Jean plagt sich auch damit! Jean reagierte gereizt: „Was heißt da `plagt sich` !!“ Er zog ruckhaft eine Kaffeetasse zu sich hin. Philip hatte das Gefühl, es könnte jederzeit wieder ein „Gewitter“ (diesmal etwas ernsterer Art) losbrechen. „Sicherheitshalber“ - damit Marina nicht allzu eilig flüchten könnte - nahm er sich ein zweites Stück von der Schokoladentorte (auf das er nur in der Not verzichten wollte). Es wirkte nun auch beruhigend, dass Jean nach einem ebensolchen angelte, genauer gesagt nach dem erkennbar größten. Philip merkte, dass sein Gefühl ihn nicht im Stich gelassen hatte - mit der Vermutung, dass dieses „Gewitter“ wohl kaum Orkanstärke erreichen könnte - als Jean mit leicht blaffend-heiserer Stimme begann, in die soeben angesprochene „Reizwelle“ tiefer einzutauchen: „Es geht ja doch - um Landnahme, Pionierarbeit ist das . Pflöcke muss man da einrammen - für ein Land, was ein Volk ernährt - wie`s in der Bibel steht - oder Gott weiß wo. Mireille schaltete sich ein, sehr sanft: Ja, Jean will Glück verbreiten - - mit seinen Werken. Das ist möglich, natürlich - er malt stets das - gleiche Bild.- -. Jean hatte die Augen geschlossen, als Mireille sprach, öffnete sie dann und sprach leise und mit äußerster Konzentration: Der Witz! - das neuartige auf das es ja leider ankommt! - besteht hierbei darin, dass alle Elemente in diesem Bild sich von Bild zu Bild wandeln - obwohl es sich oberflächlich betrachtet um das gleiche Bild zu handeln scheint. Mireille ergänzte (es klang ein wenig matt): Jean malt einen Sonnenuntergang am Meer mit einer Palme - -. Jean explodierte geradezu: Genau das ist es, was die Leute wollen, wonach sie sich sehnen, so eine Art Paradies! Und ich verkauf drei Stück davon in der Woche! - ganz im Gegensatz zu Dir. (Jean Stimme klang recht mitleidsvoll, dabei aber auch plakativ). Das ist doch nur vorgeschoben, dass Du gar nicht verkaufen willst. Du kannst Deine Arbeiten nämlich nicht loswerden, weil Du die Gesetze des Marktes missachtest! - um es deutlich zu sagen: weil Du eben nicht das Neue findest! Nur das würde Dir eine Chance geben! Mireilles Mundwinkel, beinahe lächelnd, schienen minimal in Bewegung zu sein, bei Jean`s „grotesken und groben Unterstellungen“ (nach Marina`s Meinung). Mireille blieb auch weiterhin entspannt, als Jean zu noch mehr `Schlägen` ausholte: Wenn Du schon niemanden glücklich machen kannst – dann hast Du nur Erfolg, wenn Du die Leute spüren lässt, dass sie Spießer sind, Sklaven, Arschlöcher, Penner und Idioten! Du musst Ihnen zeigen, was in Dir steckt, dass Du ihre sklerotische Kopfnickerei verachtest! Sauf Blut, meinetwegen, mitten aus dem Bauch eines Schweines, das auf der Bühne geschlachtet wird.

Die Empörung in Marinas Schrei war mehr als deutlich. Philip reagierte eher trocken: Sollte das dann auch eine irgendwie originelle oder gar sinnvolle Tat sein? Neuartig ? - auch nur beinahe. Und was wäre das Ziel? Sag mir wohin es führen soll - insbesondere bei den von Dir so harsch eingestuften Mitbürgerinnen und Mitbürgern? Jean wurde bei dieser Frage keineswegs verlegen, kam vielmehr sofort wieder in Fahrt: Es soll befreien! Es soll die Maskeraden zerstören! Philip widersprach sofort: Ich denke, die allermeisten Menschen sind von solchem Zeug lediglich angewidert und wenden sich ab. Jean warf sich nochmals in eine Attacke (mit der er wohl zu hoffen schien, letztendlich doch zu überzeugen): Dieser, dieser erste Schock ist dabei doch gerade das wesentliche! Philip bewegte sich keinen „Millimeter“ weg von seiner Haltung: Und was wären die Folgen eines solchen Schocks? Kunstverständnis etwa?! Moralische Besserung? Die Erweckung von Kreativität? Genau davon war aber bei all dem kruden Unfug, der in dieser Richtung abgespult wird, noch nie irgendeine Rede! Und nach meinem Empfinden kann Rohheit und Gewaltsamkeit auch niemals eine tragfähige Basis guter Kunst sein.

Jean wendete sich hastig und wortlos seinem Kaffee zu und verschlang anschließend das restliche, ziemlich gro0e Eck seines Tortenstücks. Es schien, dass er nun ganz in Schweigsamkeit versinken würde. Doch auf einmal blickte er wieder sehr herausfordernd in die Runde und tönte stimmgewaltig: Das Neue!! - (er benötigte noch einen Moment um den ersten großen Bissen eines neuen Tortenstücks zu bewältigen) - das Neue - das braucht den Bruch!! Die Tradition, das Kleinklein, das kann man doch nicht ständig so weitermachen. Immer dasselbe - das ist doch stumpfsinnig! Dazu noch das Schauspiel irgendeiner komischen Welt in den Bildern, die es gar nicht gibt - bourgeoise Verbeugungen sind das. Die Kunst - die braucht den schnellen Zugriff! - das Schlagartige - den Gegensatz zur Engherzigkeit!

In Marina kochte einiges an Wut. Wenn ich Dich recht verstehe, ist es dann so was wie ein Höhepunkt der Kunst, wenn ich einige mit Farbe gefüllte Eimer in einen Saal schütte und dazu noch mit einem Bagger den Bauschutt eines abgerissenen Hauses drauf kippe?! Jean blieb ruhig und verkündete ihr feierlich: Du – verstehst - nichts - vom Wesen - des Symbolischen. Eben dieses ist das Überzeugende dabei. Marina schnappte innerlich nach Luft: Hab nicht gewusst, dass ich durch solchen Krempel von irgendetwas überzeugt werden sollte - ich bin mir nur darüber im Klaren, dass solche sogenannten Kunstwerke mir das gleiche bieten wie irgendwo ein Müllberg! Philip stand ihr bei und meinte dazu, sehr trocken: - wo dieses so genannte Kunstwerk ohne jeden Zweifel früher oder später auch hingelangen wird.

Jean blieb gefasst. Er sprach fast wie ein Heiliger: Auf dieser Ebene erübrigt sich jegliches Gespräch. Wieder entstand eine Pause. Jean bedurfte augenscheinlich der weiteren Zufuhr - noch größerer Mengen - von Kaffee und Torte und Philip war dankbar, dass er in Ruhe Torte und Tee genießen konnte. Er hoffte dabei, dass „nun auch schon ein ´gutes` Ende dieser unseligen Debatte“ erreicht wäre. Es zeigte sich jedoch, dass Jean nicht nur bei der Bearbeitung seiner Geige ungeheure Ausdauer besaß. Nach der Beseitigung der letzten Tortenkrümel sprang er auf und schleuderte weiterhin, übermächtig dröhnend, seine Doktrin in das Kellergewölbe (Marina fand dieses „Schauspiel“, wie sie es später nannte, allerdings zunehmend „absurd“, und musste sich gelegentlich zwingen, nicht in „wildes Lachen“ auszubrechen): Schocken muss man sie - die Spießer! Dass sie sich verkriechen in ihren Mauselöchern oder sie mit Wut aufladen - bis hin zum Schlaganfall! Philip verkniff sich die Bemerkung, dass diesen sogenannten Spießern vielleicht die von Jean gemalte „Idylle“ besonders gefallen könnte, und wo er denn dann seine Schockwirkung ansiedeln wollte. Stattdessen wollte er Jean lieber auf eine Ebene hin bugsieren, die vielleicht im Sinne von Glatteis zu einer bedächtigeren Vorgehensweise führen könnte. Er fragte also: Jean, Du würdest beispielsweise eine leere Wand, die irgendein Künstler dem Publikum zumutet, ganz genau so wie dieser als ein Kunstwerk bezeichnen? Wobei ich allerdings meine, dass mit solcherlei Eskapaden anstelle eines Schocks nur mehr ein müdes Lächeln provoziert wird und nicht einmal mehr die Empfehlung für eine psychiatrische Behandlung zur Diskussion ansteht. Jean runzelte die Stirn, er bemerkte die Falle, in die ihn Philip hineinlocken wollte. Aber er hatte die Sache im Griff. Seine Augen leuchteten, als er langsam und wohltönend- salbungsvoll erwiderte. Jaaaa - das ist Kunst. Denn damit - - ist die Freiheit!! - das allerwichtigste in der Kunst – zurück gewonnen!! Marina gab sich aufs äußerste erstaunt: Ist das denn Freiheit, wenn die Künstlergilde ihre Mitglieder dazu zwingt, nichts!! - mehr zu machen - vielleicht verstehst Du im Augenblick das „Symbolhafte“ in Philips Beispiel nicht ganz. Jean verzog (fast wie angeekelt) seine Mundwinkel nach unten, rollte dann mit den Augen in Richtung der Kellerdecke und fixierte schließlich Marina mit einem starren Blick (so etwa, meinte sie später, wie eine Python das vor ihr sitzende Kaninchen betrachtet). Seine Stimme glich nun eher so, wie beim Gespräch des Psychiaters mit einer schwerstens psychisch angeschlagenen Patientin: Damit - - - (seine Stimme erhob ein ganz klein wenig) stellt die Kunst das Geheimnis ihrer Seele in den Raum. - - -. Auch Philip hatte nun Mühe, nicht zu lachen. Jean merkte das und forcierte seinen Ernst: Nenne das - - - (er machte wieder eine große Pause, deutete mit dem sehr kräftig entwickelten Zeigefinger der rechten Hand zur Beleuchtung in einer Kellerecke und bewegte dazu heftig seine Augenlider) - - - Geist!! - diese Idee - des - Werks!! Er brach ab, wie erschöpft, setzte sich und richtete einen starren Blick auf den Kellerboden. Philip gönnte ihm wenig Zeit zur „Erholung“: Wenn ich Dich richtig verstehe, Jean, hast Du gerade jene Ideologie ins Spiel gebracht, mit der behauptet wird, der Kern eines jeden Kunstwerks sei die Idee, die dahinter steckt. Von da ist`s dann nur noch ein Schrittchen bis zu den Kunstideologen, die es den Neukünstlerinnen und Neukünstlern besonders bequem machen, indem sie sagen: Die Idee - - - die ist!! - - bereits das Kunstwerk. Malen wir also einfach einer Kopie der Mona Lisa von da Vinci einen Schnurrbart auf die Oberlippe - leider ist das wirklich äußerst schwierig beim Original zu realisieren, das bekanntlich in Paris in einer Panzerglasvitrine zur Ruhe gekommen ist und dabei noch streng bewacht wird – ja! – und fertig ist ein grandioses, mehr noch, ein revolutionäres Kunstwerk! Sowas hattest Du doch im Sinn, Jean, oder? Philip hatte keinerlei Zweifel, mit seinem Beispiel `diesen ganzen Schwachsinn` (oder sollte man es nicht eher Irrsinn oder gar Wahnsinn nennen?!) ein für allemal `entlarvt `zu haben.

Mireille war eine ganze Weile schon sprachlos geblieben und lächelte nur gelegentlich „milde“ (wie es Marina nannte) zu Jean`s „Ausführungen“. Sie reagierte aber nun auf Philips Einwurf. Ist tatsächlich passiert, sagte sie. Dabei ist die „Idee“ in diesem Fall ja noch beinahe tiefsinnig, kein Zweifel, dass da manche Vertreter dieser Zunft - ich glaube, es waren primär eben gerade männliche - dafür wahnsinnig gerne die alles krönende Bezeichnung „revolutionär“ verwenden und auch immer wieder hören wollen. Ihr Ziel war, weg zu kommen von der Tradition. Was gibt es dafür besseres, als die alten Kunstwerke, mit dem „Geniestreich“ eines Schnurrbarts beispielsweise, mit einem Schlag „wertlos“ zu machen und dabei gleichzeitig das Neue den Wert des alten übernehmen zu lassen. Mit der Idee, das heißt eben nur `irgend etwas` zu machen, ist diese Kunst dann auch schon praktisch am Ziel. Irgendeine `Kunstfertigkeit` bei der konkreten handwerklichen Gestaltung? - vergiss es! Das ist für diese Ideologen vollkommen bedeutungslos. Bequemer geht’s nicht, Du hattest völlig Recht. Philip. Es ist fast nicht zu glauben, da gibt es tatsächlich jede Menge Idioten, renommierte Museen und Sammler dabei, die für irgendeine gerade neu erscheinende Idee einen irren Haufen Geld hinwerfen. Philip und Marina waren verblüfft - Mireille hatte bei ihren Worten tatsächlich einiges von ihrer sonstigen Sanftheit „vergessen“.

Gleich darauf war es ausgerechnet Jean, der sie verblüffte. Denn sie glaubten Jean`s inhaltliche und `szenische Kapriolen`, die sie durchaus für einen Ausdruck seiner realen, reichlich `kruden` Meinung hielten, inzwischen zu kennen. Jean lachte laut: „Du sagests“. Sein Lachen klang auf einmal `völlig normal`. „War ich gut?“, fragte er, „ein guter Advocatus Diaboli?!“ Marina kam ihm entgegen: Wirklich - alles nur gespielt?! Ein Unterton in ihrer Stimme hätte Jean warnen müssen. Entweder glaubte sie nicht, dass es nur Theater gewesen war, was er da „aufgeführt“ hatte - oder aber sie hatte bereits seit einiger Zeit bemerkt, dass es wirklich nur „Theater“ war, und somit auch kein besonders gutes. Für Jean allerdings schien diese Frage eine vollkommene Bestätigung seiner Leistung zu sein: „Du sagests“ kam nochmals von ihm, begleitet von einem sehr breiten Grinsen. Dabei holte er sich ein weiteres Stück von der dunklen Torte, blickte in seine Kaffeetasse und dann zu Mireille - die den Blick sofort verstand und nochmals den Tauchsieder einschaltete. Philips linker Mundwinkel hatte kurz gezuckt bei Jeans letzter Bemerkung. Weshalb schlüpfte er da quasi in die Rolle des biblischen Jesus? Für strenger gläubige Christen mochte das anmaßend klingen, sicherlich. Damit wäre Jean ja gerade auch in die Fußstapfen jener Provokateure getreten, die er zu karikieren suchte. Persönlich empfand Philip so ein `Getue einfach nur als lächerlich`. Dahinter, im Unterbewusstsein von Jean, mochte sich allerdings seine Attitüde als Künstler breit gemacht haben. Eine Attitude, die nichts weniger beanspruchte als „Göttlichkeit“ - womit dann natürlich auch der ganze Mystizismus, betreffend die „Unmöglichkeit“ einer Bewertung von Kunst mit rationalen Kriterien, zusammenhing.

Marina war richtig aufgekratzt. Das ist dann ja doch noch total gemütlich geworden, meinte sie später, im Auto auf der Heimfahrt: Und spannend; sie hat ja wirklich schöne Bilder gemalt. Mireille hatte ihnen im weiteren Verlauf des Besuchs nicht nur ein Fotoalbum mit den „besten“ - wie sie meinte - ihrer Arbeiten vorgelegt, sondern auch (Jean war da nochmals voll im `Einsatz`) eine Menge Bilder aus ihrem `Berg` herausgezogen und an die einzige freie Wand gelehnt, wo man sie - den geeigneten Abstand zu finden war in der Enge des Kellers bzw. der darin gelagerten Dinge nicht ganz einfach - dann betrachten konnte. Mireille und Jean freuten sich wirklich sehr über das Interesse, das Marina und Philip den Arbeiten entgegenbrachten. Philip plagte dabei - alles in allem - eine gewisse Unruhe. Und, fragt er Mireille schließlich, was wirst Du letztendlich mit all den Bildern machen? Marina fand zwar `den Zeitpunkt, so was zu fragen, ziemlich unpassend`. Mireille hatte dabei aber offensichtlich überhaupt keine Probleme. Sie erklärte recht munter, so genau wüsste sie das noch nicht, hätte sich darüber auch noch wenig Gedanken gemacht. Wichtig sei ihr vorderhand nur das Arbeiten, das Malen, Zeichnen, Ausprobieren. Verkaufen - ja, auch daran wäre zu denken, vielleicht sogar übers Internet. Aber - es gäbe andererseits doch so viele Menschen - und auch immer mehr von ihnen! - die alle malten, die Ausstellungen machten und auch verkaufen wollten. Und – letzten Endes - ja, loswerden könnte man die Sachen immer noch. - - - „Und hoffentlich auch noch kurz vor unserem Einzug in die Pflegestation“. Jean fügte knurrend hinzu, er sei sich keineswegs sicher, ob nicht `all das Zeug letztendlich auf dem Sperrmüll landen` würde. Mireille suchte ihn zu `trösten` mit dem Gedanken, dass man sicherlich, bevor man in irgend so ein Heim einziehen würde, dort, aber auch woanders, viele Bilder als Schenkung übergeben könnte. Jean murmelte dazu dann halblaut: - - als ob die nicht schon genug hätten von dem Zeug - - -. Offensichtlich war damit ein Punkt ìnnerfamiliärer Auseinandersetzungen berührt worden. Philip sah auf die Uhr - es war wirklich schon sehr spät und ein baldiger Abschied unausweichlich.

Zuhause wurde es Philip klarer, was die tiefere Ursache zu seiner inneren Unruhe gewesen sein könnte. Sicher - da waren eine Menge Fragen aufgetaucht mit Jeans `diabolischem` Spiel. Aber - war es nicht diese völlig irrationale Kluft (?!) zwischen dem, was sich da als Kunst einer mehr oder weniger selbsternannter `Elite` oder `Avantgarde` auf diesem sogenannten Kunstmarkt tummelte - dieser „Neukunst“ wie er sie ironisch nannte - mit ihrem Kauderwelsch, ihren überwiegend undurchschaubaren Floskeln und teilweise abstrusen Ideen, einerseits (wobei Philip sich eigentlich nichts andere vorstellen konnte als deren Ende in Müllverbrennungsanlagen - früher oder später, abhängig von den jeweils miserablen oder auch günstigeren Lebensbedingungen für die Menschheit); dieser Kluft zu einer riesigen Menge völlig unbeachteter Künstlerinnen und Künstler - beziehungsweise deren Arbeiten -, darunter auch fast alle der autodidaktisch gebildeten, andererseits; die von einem exaltierten Markt nicht nur ignoriert, abgelehnt und hinter vorgehaltener Hand auch verspottet wurden, weil sie - eine fast unglaubliche Situation! - jahrtausende alte Traditionen in der Kunst eben nicht `locker über Bord´ warfen, sondern gerade in ihrem `Rahmen` `zeitgemäßes`, und dabei (das `schlimmste` für manche Vertreter der `Neukunst`) auch dem Anspruch nach `schönem` nicht mehr ausweichen mussten. Philip war sich klar darüber, dass ein solcher Rahmen gerade durch ein Bündel von rationalen Bewertungskriterien erfasst werden würde, wobei auch alle Elemente dieser `Neukunst` ´gerecht´ eingeordnet werden könnten.

neukunst oder der Maulwurf

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