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Das Leben in einem toten Universum

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Als eine Perspektive ist es wichtig, die Vorstellung von einem toten Universum sorgfältig zu untersuchen. Vor allem in der Welt der Wissenschaft trifft man auf die Sichtweise, dass wir in einem Universum leben, dessen Grundlagen Emotion, Bewusstsein und Lebendigkeit fehlen. Diese Ansicht ist nicht ungewöhnlich und kommt zum Beispiel bei der Autorin Susan Blackmore, die über das menschliche Bewusstsein schreibt, deutlich zum Ausdruck, wenn sie sagt: »Wir leben in einem sinnlosen Universum. Es gibt keinen Grund für unser Dasein. Es gibt keine Seele. Es gibt keinen Geist. Wir werden nicht ewig in irgendeiner Art von Himmel leben … es gibt keine übernatürlichen Phänomene, auch wenn ich das nicht mit Sicherheit sagen kann.«2

Blackmore liefert die ernüchternde Beschreibung eines leblosen oder toten Universums – und steht damit nicht allein da.3 Es ist seit dreihundert Jahren die etablierte Überzeugung vieler Wissenschaftler. Seit dem betrachtet die Wissenschaft das physische Universum als »alles, was es gibt«: Alles, was existiert, sind unterschiedliche Verbindungen lebloser Materie, und wer etwas anderes suggeriert, verfällt zurück in den Aberglauben. Es wird davon ausgegangen, dass Materie auf der Ebene der Atome von sich aus kein Leben enthält. Im Gegensatz dazu sind Leben, Gedanken und Gefühle Phänomene, die auf mysteriöse Weise auftauchen, wenn Materie sich in ihrer physischen Struktur zu höheren Stufen der Komplexität entwickelt und Wesen wie uns hervorbringt. Die ganze Existenz wird allein auf materieller Ebene erklärt (außer dem Teil, bei dem sich Leben spontan organisiert und sich seiner selbst bewusst wird). Anscheinend besteht keine Notwendigkeit eines unsichtbaren Bewusstseins, da sich die Prozesse des gesamten Universums durch die Prozesse von Materie erklären lassen. Da davon ausgegangen wird, dass Leben, Gedanken und Gefühle der Menschen aus chemischen Reaktionen zwischen leblosen Arten von Materie hervorgebracht werden, wird der Tod des physischen Körpers als das Ende des Bewusstseins angesehen. Verständlicherweise enthalten »primitivere« Formen von Materie (Atome und Moleküle) nach dieser Vorstellung vom Universum offensichtlich weder Leben noch irgendeine Art von Bewusstsein.

Wenn die Grundlagen des Universums als leblos angesehen werden, dann scheint »Leben« erst vor relativ kurzer Zeit entstanden zu sein, das sich irgendwie aus Materie zu immer höheren Stufen der Komplexität entfalten konnte – das sich aus Atomen zu Molekülen zu Zellen zu Organismen entwickelt hat. Das Bewusstsein – oder eine wissende Fähigkeit – wird als ein biologisches Phänomen angesehen, das im physischen Gehirn angesiedelt ist.

Wenn wir davon ausgehen, dass das Universum in seinen Fundamenten leblos und ohne Wissen ist, nehmen wir automatisch an, dass das Leben keinen höheren Sinn und auch keine Bedeutung hat. Liebe und Glücksgefühle sind dann reine chemische Reaktionen im Körper, die weder von Bedeutung noch von Wichtigkeit sind. Dann gibt es auch keine Aussicht auf eine Zukunft, die über unsere körperliche Existenz hinausgeht. Da das Universum sich zerstreuen und die Sterne erlöschen werden, wird alles Leben irgendwann absterben und in Vergessenheit geraten. Es wird keine Bedeutung mehr haben. Materielle Besitztümer und Leistungen sind der wichtigste Ausdruck der Identität des Einzelnen und daher eine wichtige Glücksquelle.

Aus dieser rein materiellen Vorstellung vom Universum wird es völlig logisch zu schlussfolgern, die, die am intensivsten leben (wir Menschen) hätten das Recht, das, was tot ist (Materie und der Rest der Natur), für unsere eigenen Zwecke auszubeuten. Die Natur ist unser Warenhaus, angefüllt mit Ressourcen für unseren täglichen Bedarf. Welchen Bezug sollen wir zur Welt haben? Den der Ausbeutung dessen, was tot (Natur) ist, zugunsten der Lebenden (wir selbst). Die Tendenz zum Materialismus, Hedonismus und der Ausbeutung der Natur sind die vorhersehbaren Folgen einer Vorstellung, das Universum sei tot.

Trotz dieser trüben Aussichten bedeutet die Vorstellung vom toten Universum eine wichtige und notwendige Phase auf der langen Reise der Menschheit hin zum Erwachen. Indem wir uns von der Natur und voneinander zurückziehen, sind wir gleichzeitig als Individuen viel stärker und differenzierter geworden. Nach meinem Gefühl haben wir Menschen uns von der Einheit mit der Natur so weit entfernt, wie wir es je tun werden. Nun haben wir keine große Wahl: Wenn wir uns weiterhin entwickeln und unsere Potenziale als Spezies verwirklichen, müssen wir uns unserer Partnerschaft mit der Natur und untereinander bewusst werden.

Obwohl der Wechsel zur industriellen Gesellschaft und zum Hyperrationalismus eine starke Trennung zur Natur mit sich gebracht hat, glaube ich, dass wir für eine neue Stufe der Naturverbundenheit offen werden – vor allem in der Wissenschaft. Vom elektronischen Mikroskop über das Hubble-Teleskop bis hin zum menschlichen Genom sind wir dabei, die Art und Weise zu verändern, wie wir das Universum und uns selber sehen und verstehen. Je näher wir hinsehen, umso deutlicher erkennen wir das Universum als einen Ort von atemberaubend enormem Umfang, erstaunlicher Subtilität und undurchschaubarer Mystik.

Das Lebende Universum

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