Читать книгу Alles über Jesus - Eckhard Lange - Страница 5
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ОглавлениеHaben wir nun alles zerstört, was doch fromme Gemüter so anrührt? Haben wir nicht nur die Weihnachtsromantik entzaubert, sondern auch den Glauben erschüttert, der doch den eingeborenen Sohn des Vaters, die Jungfräulichkeit seiner Mutter bekennt und die Empfängnis durch den heiligen Geist? Was bleibt uns noch, wenn das alles nur Legenden sind, was Lukas und Matthäus uns da hingeschrieben haben?
Es bleiben – ja, eben die Legenden. Denn sie wollen ja keine bloßen Fakten referieren, sie haben ihre eigene Botschaft. Wir, die Wissenschaftsgläubigen, die Kritiker und Kritikaster, müssen erst wieder lernen, darauf zu achten, hinzuhören, diese verborgene Botschaft zu entschlüsseln, um die Wahrheit hinter den Bildern aufzuspüren. Und was ist nun diese Wahrheit?
Es bleibt als erstes die Erkenntnis, daß Gott nicht „von oben her“ eingreift, um seine Welt zu retten, sondern „ganz unten“ beginnt: Wer damals den Messias erwartete – also den König der Endzeit aus dem Geschlecht Davids – der sah ihn als Herrscher, als Befreier. Der Futtertrog in der Herberge war zwar durchaus eine gute Notlösung, aber er bezeichnete doch einen Ort, der eines Königskindes unwürdig war. Er gehörte in die Arbeitswelt statt in eine Feierwelt; er war den kleinen Leuten zugeordnet.
Und wer damals mehr auf jenen apokalyptischen Menschensohn setzte, von dem (nicht nur) der Verfasser des Danielbuches träumte, der erwartete dessen Ankunft auch direkt vom Himmel herab als Weltenrichter im Auftrag Gottes. Da passte eine Geburt im Viehstall auch nicht gerade.
Es ist also dieses Eintauchen des von Gott Gesandten in unsere Alltagswelt, diese Nähe des Göttlichen zum Allzumenschlichen, diese Solidarisierung mit den „Armen und Elenden“, die hier verkündet wird. Und es ist der unübersehbare Hinweis darauf, daß jener Mann, dessen Geburt hier geschildert wird, einmal derjenige sein wird, der das qualvolle Sterben am Kreuz auf sich nimmt, um auch das Leiden des Menschen zu teilen.
Das zweite, was unübersehbar bleibt: Dieses Nebeneinander von Engeln und Hirten. Was uns inzwischen selbstverständlich erscheint, war den Lesern, an die sich Lukas wandte, wohl eher aufregend, unwahrscheinlich, vielleicht sogar ärgerlich. Gottes Boten kommen zu den Lieblingen Gottes, zu Auserwählten, Begnadeten. Und das waren diese Hirten nun weiß Gott nicht. Nein, sie waren damals keine stolzen Herdenbesitzer mehr, Nomadenfürsten wie Abraham oder angesehene Männer wie Isai, der Vater Davids, Abbild noch für einen fürsorglichen Gott wie in Psalm 23.
Hirten waren „Mietlinge“, wie es einmal im Johannesevangelium heißt, Lohnarbeiter auf der untersten Stufe der Skala von Berufen. Ihre Leistungen ließen sich schwer messen, also mussten sie die Verluste in einer Herde selbst ersetzen. Ihre Aussagen ließen sich selten genug nachprüfen, also untersagte man ihnen, als Zeugen vor Gericht zu erscheinen. Ihr Leben am Rande der Steppe war zugleich ein Dasein am Rande der Gesellschaft, die sie verachtete. Hirten war oft genug verkrachte Existenzen, die man nicht als brave Knechte auf dem Hof haben wollte. Und das zu Recht.
Und sie sollten nun jene Engelsbotschaft empfangen und weitergeben, sie, denen doch niemand glauben würde? Es ist diese revolutionäre Umkehr der Werte, diese Hinwendung zu denen, die nicht nur Parias waren, sondern diesen Ruf auch verdienten, die uns Lukas verkündet. Und hat sich denn der Mann aus Nazareth später anders verhalten?