Читать книгу Die Ehre der Stedingerin - Eike Stern - Страница 4

2. Kapitel

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Bis zum Erntedankfest wären noch zwei Tage gewesen, und schon gegen Morgen blies von der Weser her ein heftiger Wind, der die bei den Van Hartjens erwachten Hoffnungen verwehte. Graue Wolken zogen über Osterstade auf, wie am Vortag, und diesmal blieb Stedingen nicht verschont. Eike von Bardenfleth und seine Helfer fingen an, mit Sensen gerüstet das reife Feld abzuernten, doch nach knapp einer Stunde empfahl es sich, schleunigst zu einem Unterstand zu fliehen. Bei Hemmelskamp fielen vereinzelt erste große Tropfen auf den trockenen Sandweg. Dann entlud sich die Schwüle in einem Unwetter; über Stunden stürmte es, Regen peitschte über die reifen Felder. Der Wolkenbruch knickte die Ähren um und drückte alles in den Matsch. Und es regnete einen vollen Tag weiter. Wen die Umstände hinderten, die Ernte einzufahren, für den bedeutete die leer gebliebene Scheune den Ruin. Hinterher hob sich ein Regenbogen ab von dem diesigen Himmel über dem Huntedeich, und das war der Hohn. Aber die Sonne kehrte zurück, und der Spätsommer begann. Vor allen Türen hingen Ährenkränze oder Kränze mit Herbstblumensträußen.

Ulrike versuchte, ein wenig die Stimmung der Jahreszeit einzufangen. Sie stellte eine Bastschale auf den Tisch in der Essecke am Herd, die überquoll von saftigen Früchten, polierte die Äpfel, bis sie appetitlich glänzten, legte goldgelbe Birnen dazu, Quitten und blaue Zwetschgen. Ein darüber rankender Hagebutten-Zweig rundete das Bild ab. Mit dem Eindruck, es könnte Gefallen finden, betrachtete sie ihr Werk. Plötzlich betrat ihr Vater den Raum, das Gesicht verbissen, und Ulrike erschrak. „Was ist Vater? Hat einer mit Haller Pfennigen bezahlt?“

Lüder zog einen festen Mund, und das kündigte stures Schweigen an. Er rieb sich die Nase, dann warf er ihr einen wilden Blick zu, um seinem Ärger doch Luft zu machen. „Du weißt, in Berne soll eine Burg… oder sagen wir ein Herrenhaus für den Oldenburger Grafen erbaut werden.“

Ulrike hantierte noch mit den Händen an den Birnen und nahm die Finger von der Schale. Sie nickte ihm zu. „Ja, ich weiß.“

Lüder stieß einen dumpfen Seufzer aus. „Dann will ich mal ganz offen sein, du lässt ja doch nicht locker“, erwiderte er. „Gestern, als du kurz zum Knochenhauer warst, haben sie bekannt gegeben, dass wir neuerdings zum Lehen der Grafschaft Oldenburg gehören. Und wie dieser Puderarsch den Inhalt der Bulle heruntergeleiert hat, hat mich zur Weißglut gebracht. Vielleicht hast‘ den Rest ja noch mitgekriegt. Jedenfalls habe ich das Maul aufgerissen und bin davon angefangen, dass wir sieben Jahre von jeder Steuer befreit sind, nämlich durch die Verlängerung des Alten Deiches an der Olle.“

Ein Zucken um ihren Mund verriet, wie heftig sie genau das beunruhigte. „Du bist und bleibst ein Hitzkopf. Das war unklug, Vater. Und du weißt das.“

„Das muss ich mir von meiner Tochter sagen lassen“, seufzte er, setzte sich vor die hübsch hergerichtete Obstschale an den Küchentisch und vergrub den Kopf in die schwieligen Hände.

„Ärgere dich doch nicht…Vater. Das Gewitter mag so manchen teuer zu stehen kommen, trotzdem ist es nun einmal geschehen… und es trifft uns ja nicht selbst."

Ulrike blickte ihm forschend in die traurigen Augen - runzelte die Stirn, und er schnitt ein wütendes Gesicht, die Brauen erhoben, den Atem angehalten. Dann atmete er schnaufend durch. „So? meinst du? Ja, wenn das schon alles wäre, was mir im Magen liegt“, entfuhr ihm. „Hier, in dem Haus, in dem ihr geboren wurdet, dürfen wir nicht bleiben. Alles ist hin, das tut so weh. Seit zwanzig Jahren verbringe ich in der Schmiede meine Tage, beschlage den Leuten die Pferde und bessere ihnen die Pflüge aus, und das war es nun.“

Entgeistert starrte Ulrike ihn an. „Was?“

„Ja“, raunte er. „Eben war Ehlert da, des Grafen rechte Hand. Du kennst ihn, den Mann mit dem goldbestickten Barett, der am letzten Sonntag die Bulle anschlug und die Erneuerung des Zehnten bekannt gab. Er stellte mich vor die Wahl: Entweder ich bin bereit, der Burgschmied des Oldenburger Grafen zu werden, oder wir verlieren Heim und Herdstelle. Sie benötigen den Platz für den Bau des Herrenhauses, das Haus wird abgerissen.“

Ulrike unterdrückte einen Aufschrei. „So bringt der Graf die zum Schweigen, die sich herausnehmen, ihm die Meinung zu sagen. Gott, ist das mies. Ja, ja, die Burgen bringen nichts Gutes, das sagtest du oft.“ Dann dachte sie nach. „Und was willst du tun, Vater? Wollen wir uns eine andere Bleibe suchen? Ich bin befreundet mit Birte, der Tochter der Aumunds, und der Deichgraf bewirkte bei den Aumunds ein Wunder. Allen in Berne und Elsfleth führte er vor, was es ausmacht, helfen wir uns gegenseitig und unterstützen einander. Vielleicht hilft Birtes Vater uns.“

„Ich weiß nicht, ob ich das möchte“, erwiderte Lüder. Die große Erleichterung verschaffte es ihm nicht. Es klang eher knurrig und unzufrieden, ohne wirklich Hoffnung zu schöpfen.

Dann öffnete sich die Küchentür, Wibke erschien, die kleine Timke an der Hand. „Was zieht ihr für Gesichter?“

„Wir werden von hier vertrieben“, erklärte Ulrike.

Lüder verbesserte sie. „Entweder ich füge mich, künftig für den Grafen zu arbeiten, oder sie zerren uns mit Gewalt aus dem Haus und wir schauen ohnmächtig zu, während sie vor unseren Augen die Schmiede abreißen.“

Auch Wibke schluckte heftig auf die böse Neuigkeit. Timkes Hand verkrampfte sich in die der Schwester, ihre Augen nahmen einen nassen Schimmer an. Sie barg das Gesicht an der Schürze von Ulrike und schluchzte. Ulrike strich ihr über das Haar und versuchte, sie zu trösten. „Vater malt schnell den Teufel an die Wand. Ob es uns so schlimm trifft, wie es sich in seinem Brass anhört, wollen wir mal sehen.“

„Vielleicht noch schlimmer“, bellte Lüder. „Oh wie ich ihn hasse - diese Ratte mit Sporen.“ Er schüttelte den Kopf über die fatale Lage und bekam offenbar selbst feuchte Augen.

„Also ich gehe jetzt zu Birte“, entschied Ulrike und beschloss, das nicht lange aufzuschieben. Die Augen streiften von Wibke zu Timke, wie eine Aufforderung, ihr zu folgen. Die beiden Schwestern nickten einander zu, und sie ließen den Vater allein in seinem Groll. „Wir müssen uns danach sputen und schleunigst zum Hemmelskamper Wald“, gab Wibke der Älteren zu bedenken. „Alle helfen auf der Rodung, fällen Bäume und beladen die Fuhrwerke.“

„Jeden Tag verspätet sich der eine oder andere“, beruhigte Ulrike sie. „Hauptsache wir sitzen mit am gemeinsamen Mittagstisch. Gewöhnlich geht dann der Konrad mit dem Ehlert durch die Bänke und kontrolliert, wer fehlt.“

Auf der hölzernen Huntebrücke erzeugten ihre Schritte ein dumpfes Poltern. Sie hielten einen Augenblick inne. Der heftige Regen hatte die Hunte über Nacht wieder in einen reißenden kleinen Fluss verwandelt, und den Bauch ans Geländer gelehnt, bebte die Brücke spürbar unter der schäumenden Flut. Die überschwemmte Wiese am abgewandten Schilffeld glänzte wie sonst im April; es stank nach dem Regen wie aufgefrischt nach Kuhmist, wenn die verrotteten Felder auch nicht mehr sichtlich dampften. Drei Reiher pirschten verstreut durch das gelb gemusterte Feuchtgebiet mit den Binsen und einer Badebucht. In der Ferne vor dem Birkenwald entdeckte Ulrike auch den Storch, der auf dem Dach der Aumunds wohnte. „Weißt du, was das Unwetter für die Bauern bedeutet?“, fragte sie Timke.

Der fiel spontan auf, „sämtliche Gräben sind voll und die Kornfelder böse zugerichtet. Na und die Apfelbäume drüben, sehen ganz schön gerupft aus.“

Wibke zog die Nase kraus. „Eben. Den meisten ist die Ernte verdorben…“

Erschüttert blickten Timkes Augen ins Leere. Wibke nickte verbissen. „Sonntag ist Erntedank. Alle müssen eine halbe Fuhre Weizen dem Speicher der Lechterburg abgeben. Bei manchen reicht‘s Korn kaum, für Herbst und Winter bei Aumunds Brot backen zu lassen. Etliche dürften bald auf der Straße hocken – ohne eine Bleibe.“

„So wie wir? Och Mensch. Was wird nun aus uns? Wo schlafen wir überhaupt, wenn die uns auf die Straße jagen?“, bemerkte die Kleine ängstlich.

Ulrike seufzte betrübt, mehr nicht, auch wenn sie sich das Selbe fragte. Und doch wehrte sie sich dagegen, den Kopf hängen zu lassen. „Es gilt jetzt, zu tun, was in unserer Macht liegt, damit es gar nicht so weit kommt. Ich weiß was ich tue und hoffe auf Birte. Wenn’s klappt, ist das Problem umschifft. Unsere Mutter sagte gerne, Aufgeben ist Schwäche - nur der Schwache verzagt.“

Pfützen glänzten auf dem Aumundhof. Sie brachen barfuß auf und trugen nicht, wie das Gesinde hier, Trippen aus Holz. Mit nassen Füßen ließen sie den Stall links liegen, wo sich eine stattliche Trauerweide erhob, und Ulrike dachte darüber nach, wie es auf ihre neue Freundin wirkte, wenn sie derartige Sorgen bei ihr ablud. Unversehens öffnete sich knarrend die Stalltür. Birte hatte die Schweine gefüttert, und die Freundinnen schlossen einander in die Arme. „Mein Vater“, begann Ulrike, „hat sich am letzten Sonntag um Kopf und Kragen geredet…“

Nie vorher begegnete die Freundin Ulrike feinfühliger. Birte streichelte ihr die Schultern, schaute sie bewegt an. „Wir haben ausreichend Platz. So viel sage ich dir jetzt schon zu. Unsere Magot, die Küchenmagd, hat als einzige vom Gesinde eine eigene Kammer gehabt, und seit Mariä Namen wohnt und arbeitet sie nun zu aller Überraschung am Almershof, weil sie Nachwuchs gekriegt hat und uns weggeheiratet wurde. Übel, dass sie ausfällt, aber hat ja nun auch etwas Gutes. Die Kammer liegt seitdem verlassen, ungenutzt… Ich rede mit Vater. Er hat ein Herz für Lüder. Der ist so aufrecht, betont er, so oft er auf den denkwürdigen Auftritt vor dem Rathaus zu sprechen kommt, und dann kriegt er sich gar nicht wieder ein und lacht sich scheckig darüber, wie der werte Graf Lüder einen Augenblick angeglotzt hat.“

Das Giebeldreieck des Gutshauses trug ein kleines Dwalm, und es hatte drei Türen, in der Mitte ein großes Doppeltor und zwei kleine, die zum Kuh- und Pferdestall führten. Ulrike folgte Birte durch den großen Eingang auf die festgeklopfte Diele, wo im Winter das Korn gedroschen wurde. Auf einer Seite drängten sich in Pferchen die Kühe, auf der anderen reihten sich die Raufen und Krippen des Pferdestalls. Es raschelte im trockenen Stroh, eine braune Glucke mit Küken flüchtete vor der einfallenden Sonne hinter die Pferdekrippe. Da Ulrike sich aufmerksam umschaute, hielt es Birte für angebracht, sie auf den Bretterboden über der Diele hinzuweisen: „Das ist der Balken. Der Raum dient der Aufbewahrung des frisch vom Feld kommenden Getreides. Unter der Schräge über den Ställen bewahren wir unser Brennholz auf und natürlich Torf und Stroh.“

Die Herdstelle lag im hinteren Teil der Diele, mit der Rauchfangluke darüber, doch Sibo Aumund suchten sie vergebens. Birtes Mutter war darin vertieft, einen Berg von Wurzelgemüse in feine Scheiben zu schneiden. „Zur Hölle soll er fahren, dieser Scheißkerl von Herold“, schimpfte sie und legte ärgerlich das Messer aus der Hand. „Wie der unseren Vater zur Sau gemacht hat, na hättest mal hören sollen. Sibo sei jung genug für den Frondienst, er solle sich nicht erdreisten, seine Knechte vorzuschicken. Ist deinem Vater ganz schön gegen den Strich gegangen. Aber Gott sei Dank, er lässt sich ja was sagen. Herrgott, wenn der… Na grüß ihn schön.“

Dann wandte sie sich wieder dem Zwiebelbrett zu, und sie mussten einen kurzen Spaziergang auf sich nehmen, um mit ihm zu sprechen, und auf der langen Wegstrecke über den Ochtumsdeich dachte Ulrike über ihren Vater nach. Lüder vermochte zu schweigen wie ein Grab, aber den Mund ließ er sich nie verbieten, und sie liebte ihn dafür. Was könnte einem solchen Menschen bitterer schmecken, als hinterher klein beizugeben? Alle, die ihn für seine Unbeugsamkeit bewunderten, würden bald heimlich mit dem Finger auf ihn zeigen.

Es stank nach einem Exempel, ganz ohne Daumenschrauben und Peitsche. Seine gereizte Art und die nassen Augen passten nicht zu ihm, das ließ ihr keine Ruhe. Ihr Blick streifte mit klammem Herzen die überschwemmten Ufer der Ochtum, und sie fühlte sich an eine gruselige Geschichte erinnert. Eike erwähnte kürzlich, in Friesland erzählten die Eltern ihren Kindern gern vom Drängler, damit sie rechtzeitig vom Spielen den Heimweg antraten. Ein gespenstisches Wesen mit nassen Armen geisterte plötzlich durch ihre Gedanken. Es lauere an den entlegenen Deichstrecken dem späten Spaziergänger auf, und auch in Stedingen war schon so mancher Wandergeselle auf rätselhafte Weise von heute auf Morgen spurlos von der Bildfläche verschwunden. Zeugen gab es nicht. Wem er begegnete, der endete ja in der Ochtum. Der Drängler zieht und drängt sein Opfer unbarmherzig zum Wasser, und wen es trifft, der fühlt sich entsetzlich beengt, wie mit schweren Ketten umschlungen. Vergebens klammert das Opfer sich an Baum und Strauch, wehrt und sträubt sich. Ein Rangeln auf Leben und Tod wird daraus, ehe die Kraft schwindet und das grässliche Wesen den Erschöpften ersäuft. Was der Graf ihrem Vater antat, lief auf das Selbe hinaus, er brach seinen Lebensmut und trieb ihn in die Verzweiflung.

Nach dem überfälligen Wolkenbruch kam die Sonne wieder durch, da erschienen die vier Mädchen auf der Rodung am Hemmelskamper Wald. Die hübsche Birte Aumund sorgte für Pfiffe und anzügliche Sprüche unter den Männern.

„Das ist die Tochter von Sibo“, tuschelte einer der breitschultrigen Burschen, die sich um Eike von Bardenfleth scharten.

„Heda, Rike“, rief Eike sie an, und Ulrike hob das Kinn. Sie ahnte, was ihm das Herz schwermachte und wandte sich Birte zu, als sei sie anderswo gefordert, da stemmte er enttäuscht die Arme in die Hüften.

Überall lagen Birkenstämme im Heidekraut, und fleißige Hände befreiten sie von den Zweigen. Während Ulrike mit Wibke und Timke darüber hinweg stelzte und Birte Ausschau nach ihrem Vater hielt, klang wieder das Hämmern der Äxte über die Heidefläche an dem immer ansehnlicher werdenden Kahlschlag am Birkenwald. Sibo reckte lächelnd den Kopf und ließ die Axt sinken. Seine Tochter und drei junge Mädchen steuerten ihn an. Der Mann, der einen der zwanzig reichsten Höfe im Stedinger Land besaß, ähnelte oberflächlich Birtes kleinem Bruder Klaas, doch das Leben hatte ihn gezeichnet, sein Haar war schon grau und schütter wie das Seggegras am Weserstrand. Eine kurze Erklärung genügte, ihm Einblick in den Sachverhalt zu vermitteln. Er schlug Ulrike vor: „An deines Vaters Stelle würde ich das Angebot des Grafen annehmen. Auf einer Burg sind ständig Pferde zu beschlagen und Rüstungen auszubessern.“

„Er will das ums Verrecken nicht“, beteuerte Ulrike hastig.

Davon wollte Sibo Aumund nichts hören und redete gelassen weiter. „Bestelle ihm einen gut gemeinten Gruß. Ich bin gewillt, euch und auch Lüder unterzubringen, und ich helfe gern. Aber ihr müsst einsehen, ich kann euch nicht auf Dauer umsonst durchfüttern. Darum werdet ihr euch nützlich machen auf dem Hof. Unser Großknecht wird euch einweisen. Und Lüder soll mir, so oft die Schmiede etwas abwirft, ein paar Silberpfennige abgeben, das ist billig.“

„Ich will es ausrichten“, versprach Ulrike erleichtert, aber sie wusste um den Starrsinn des Vaters.

„Gut Mädchen. Und mach‘ ihm klar: Andernfalls wird Graf Moritz einen fremden Schmied auf die Burg holen, und der wird fett werden im Dienst des Oldenburgers. Er aber wird als zweiter Schmied von Berne leben wie ein Bettelmann. Es ist ein Gebot der Klugheit, solch ein Angebot nicht abzulehnen.“

Erleichtert nickte Ulrike. Nun lag an Lüder wie es weiterging mit ihnen… und ihr selbst mangelte es nicht an der nötigen Einsicht.

Wibke entgegnete für sie: „Er braucht doch bloß seinen Männerstolz einmal hintenan zu stellen. Meine Güte, für uns, uns zu Liebe. Das wird er sich von mir zumindest anhören müssen.“

„Von mir auch“, fügte die Kleine bei, und Sibo stimmte es vergnügt. Seine Worte fielen bei den Mädchen auf fruchtbaren Boden, und ihr Vater war alt genug, zu begreifen, er konnte sich bei drei aufgeweckten Töchtern nicht einfach in Schweigen hüllen.

Aber ihr Vater tat sich schwer, eine Entscheidung zu fällen. Wenigstens zeigte er sich so weit einsichtig, Ulrike nahe zu legen, sie sei alt genug, aus dem Haus zu gehen. Den alten Hausstand zu räumen wollte er sich nicht durchringen. Lüder stellte es Wibke und Timke frei, ob sie bis zum letzten Tag in der Schmiede wohnen wollten, oder es vorzogen, sich mit seiner Ältesten bei den Aumunds einzuquartieren.

So ergab es sich, dass Birte die Freundin nach dem gemeinsamen Mittagstisch zu sich winkte und einlud, in ihr kleines Gemach neben der Diele. Ulrike offenbarte sich eine ihr bisher fremd gebliebene Welt. Sie fühlte verunsichert über die Oberkante der fein gedrechselten Kommode. Ein ebenso vorzüglich gearbeiteter, turmartiger Schrank nahm die Ecke an der Tür ein. Sie konnte den Blick gar nicht wieder davon losreißen; hinter kleinen Glastürchen schimmerte feines, blau marmoriertes Geschirr, und obendrauf eine Elfenbeindose mit einer zierlichen Gravur um den Deckel.

„Sag‘ mal Rike“, fragte Birte sie unter vier Augen, „hast du schon eine Vorstellung, was du anziehst, morgen nach dem Kirchgang, wenn der Festplatz geschmückt wird?“

Überrascht blinzelte Ulrike. „Warum fragst du? Na den Kittel hier.“

Die Freundin betrachtete sie kopfschüttelnd und zeigte auf eine runde Eichenholzscheibe, die zum Backen diente und auf der Kommode stand. „Nimm dir. Es ist gewöhnlicher Butterkuchen, aber aus unserem eigenen Backofen, ich bin stolz darauf.“

Das ließ sich Ulrike nicht zweimal sagen. Butterkuchen bot sich sonst bloß auf Hochzeiten oder Beerdigungen. Ungehemmt langte sie zu und merkte, Birte musterte sie von oben bis unten.

„Also so nehme ich dich nicht mit zum Tanz morgen“, gab ihr die schon ein wenig vertraute Freundin fassungslos zu verstehen.

Ulrike verzog trotzig die Stirn. „Was hast du denn?“

„Guck dich doch mal an“, empfahl ihr die Freundin und verschränkte nachdrücklich die Arme. „Du kannst doch nicht mit diesem lumpigen Kittel zu einer Feier gehen, wo auch Burschen sind. Also ich würde mir in so einem Zottel vorkommen wie eine Gänsemagd. Du bist erstaunlich, da fehlen mir ja die Worte.“

Es stimmte Ulrike betroffen. Eben noch mit vollen Backen kauend, stand ihr Mund ernüchtert still. „Du bist gemein. Ich habe‘ doch nur diesen Kittel.“

„Gemein ist, dich so losziehen zu lassen auf ein Fest, zu dem sich jede andere in deinem Alter fesch herausputzt.“

Was Birte meinte, war Ulrike durchaus bewusst. Ihr Kittel wirkte schäbig und fleckig, auch wenn sie das nicht störte. Oft wischte sie beim Kochen die Finger daran ab. Sie nahm sich ein zweites Stück vom Butterkuchen, biss ab und kaute wieder. Aus dem Gefühl, sich wehren zu müssen, brachte sie undeutlich hervor: „Ich weiß gar nicht, was du hast...“

„Zunächst - rede nicht, so lang du noch kaust, Rike, sonst hält dich jeder brauchbare Mann für ein Trampel.“

Ulrike schluckte. „Ja? Weißt du, auf so etwas habe ich nie geachtet“, entfuhr ihr, aber Birte überging es und als sie ihren Kleiderschrank aus hellem Buchenholz aufschlug, war das schon nicht mehr wichtig. Angesichts ihrer Kleidersammlung staunte Ulrike sie überwältigt an. Da hing eine tiefblaue Surkotte, die sie allenfalls in ihrem Zimmer anziehen durfte. So etwas zu tragen, blieb den Hofdamen von Adel vorbehalten; ein wenig erwachte bei Ulrike der Neid. Birte hatte selbst für derart eitle Anwandlungen genügend Geld.

Doch Birte ging es um sie. Die zeigte ihr ein friesisches Trachtenkleid, mit zierlicher Stickerei längs des Ärmels und der Säume. „Das ist von meiner Muhme. So laufen sie im Wangerland herum. Aber hat doch was, oder?“

Obendrein boten sich in Birtes Sammlung einige dezent bestickte Röcke und Kleider in hellblau, weiß und violett, jedes Stück aus weichem Linnen. Alles war gefällig und erweckte einen gepflegteren Eindruck als das, was sie am Leib trug, und Birte schob alles beiseite und empfahl ihr ein blütenweißes Sommerkleid. „Wir sind etwa gleich groß. Probiere es einfach an.“

Sie riss sich ihr abgetragenes Kleid über den Kopf, warf es auf Birtes Bett und zog sich das Sommerkleid über, strich es um sich glatt. Nie trug sie etwas Vergleichbares. Weich und sehr leicht und luftig fühlte es sich an, war nicht aus kratziger Wolle gewebt, sondern bestand aus feinstem Linnen. Auch einen passenden Gürtel in hellem Blau reichte ihr Birte, der die Taille unter ihren Busen verlagerte und sie gertenschlang machte, als sie den mit einer Schleife zuband.

„Na schau mal an“, lobte Birte und nickte zufrieden. „So kannst du dich sehen lassen, Rike.“

Sie waren unter sich in Birtes Kammer. Also stopfte sich Ulrike ungeniert den letzten Bissen ihres Butterkuchens in den Mund, und nachsichtig lächelnd deutete die Freundin auf den Standspiegel neben der Zimmertür. Ulrike hob entzückt das Kinn und strich beeindruckt das Kleid um sich glatt. „Du hast ja Recht, Birte. Ich kenne mich selbst nicht mehr. Nur… wie stehe ich vor dir da, wenn ich das annehme?“

„Meinst du, ich werde gerade das Kleid vermissen? Willst du es nicht geschenkt, leihe ich es dir.“

Auf ihr Augenzwinkern wandte sich Ulrike der Tür zu, um sich den wartenden Schwestern zu präsentieren. Sie streckte kaum die Hand aus nach der Tür, da blickte sie Birte erneut beschwörend an. „Du wirkst noch immer wie eine Fünfzehnjährige.“

Langsam wurde es Ulrike zu bunt, beständig von der Freundin belehrt zu werden. Sie drehte sich hochfahrend um und betrachtete sich gekränkt noch einmal ganz kritisch in dem großen Wandspiegel, ehe die Freundin hinter sie trat und sich herausnahm, ihr den Zopf zu öffnen. „So muss mich jeder Mann für eine Walküre halten“, scherzte sie, und es klang verletzt.

„So sollst du ja auch nicht zum Tanz gehen.“ Birte wandte sich mit kreativ gespitzten Sinnen der Eichenkommode zu und überflog den Inhalt der kleinen, bunt bemalten Steinschale, die neben dem Butterkuchen ihren Platz hatte. Ein Kamm fand sich darin, scheinbar aus Silber, sowie eine Haarspange aus dunklem Horn und eine Perlenkette. Birte kämmte energisch ihr Haar durch, egal wie grausig das ziepte, bis es geschmeidig glänzte, dann entnahm sie die Perlenkette und wies die Ulrike. „Halte dir mal die Haare hoch. Nur um zu sehen, wie das aussieht.“

Ulrike raffte das Haar im Nacken zusammen, und Birte verschlang es ihr zu einem kunstvollen Knoten, dem sie mit dem Perlenband Halt verlieh. Ihre ungewöhnlich geschickten Finger wirkten gepflegt wie die einer Burgdame, und hinterher war der Haarbausch zierlich mit silberweißen Perlen umbunden und konnte durchaus einen Windstoß überstehen.

„Siehst du, wie recht ich habe? Oder möchtest du dich wieder umziehen und lieber zum Tanz gehen wie ein kleines Mädchen?“

Je mehr Ulrike Gefallen an ihrem verwandelten Äußeren fand, desto mehr taute sie auf in Birtes Gesellschaft und fing an, sich mit ungeübten Händen die ungewohnte Frisur mit dem Perlenband zurechtzurücken. „Du bist meine erste richtige Freundin“, gestand sie Birte.

Die zwinkerte ihr vergnügt zu. „Und du meine Beste.“

Für einen guten Bürger hatte es Tradition, den Sonntag des Erntedankes mit einem Kirchenbesuch zu beginnen. Für Lüder und seine Töchter lag die Kirche von Berne mit ihrem großen freien Platz, auf dem zwei alte Linden standen, auf der gleichen Warft, eigentlich um die Hausecke. Die Glocke rief auch an diesem Sonntag zum Gottesdienst wie zu einer Pflicht, der jeder gern nachkam, und sie klang weithin über das Land. Jeder in Berne lebende Stedinger war stolz auf die zum Großteil aus Stein bestehende Kirche. Durch das bunte Mosaikfenster im Hintergrund der Eichenholzkanzel, flutete gedämpftes Sonnenlicht in das Kirchenschiff. Bestieg Pfarrer Wilke Holms die hohe Kanzel und überschaute mit einem feierlichen Ausdruck im hageren Gesicht die Köpfe seiner Schäflein, erhob sich die über zwanzig Bankreihen verteilte Gemeinde zum Singen. Ulrike hielt heimlich Umschau, wer fehlte. Eigentlich widerte sie die sonntägliche Heuchelei an. Freilich, jeder ging in die Kirche, allerdings zur Unterhaltung, weniger wegen des Gottesdienstes. Wilke Holms war ein begnadeter Redner, ein Talent, das fesseln konnte. Seine Predigten sorgten für Gesprächsstoff und Abwechslung nach all der Plackerei und Mühsal, die den Alltag füllte - mehr nicht. Wer außer ihr hörte schon richtig hin?

Heute schmückten alle Nischen bunte Blumengebinde. Zu Füßen der Kanzel bildeten Astern, Levkojen, Studentenblumen, Sommerrittersporn und Löwenmäulchen eine farbenprächtige Augenweide. Auf dem Altar war eine Auswahl aus 16 geweihten Heilkräutern angeordnet, und zwar so, dass in dessen Mitte eine majestätische Königskerze mit einer leuchtend gelben Blütensäule thronte, um welche man die anderen Pflanzen büschelweise gruppiert hatte, vornean Johanniskraut, Schafgarbe, Kamille, Wermut, Beifuß, Baldrian und Arnika.

Ulrike richtete es ein, dass sie bei Birte Aumund sitzen konnten, rechts von ihr die Schwestern und der Vater, links von Birte deren Brüder Klaas und Herse sowie Sibo Aumund, das Familienoberhaupt. Dann erfüllte frommer Gesang die Kirche, und in die einkehrende Stille hinein sprach Wilke Holms über Weisheit und darüber, alles habe seine Zeit. „Es gibt den Herbst, um zu pflügen, den März, um zu säen und den späten Sommer, um zu ernten. So wie es eine Zeit gibt, zu trösten und die Momente, in denen wir Trost brauchen. Wir geben, damit andere uns geben, sind wir in Not“, beschloss es der Pfarrer und segnete die Gemeinde.

Erneut galt es, sich von der harten Bank zu erheben und nach weiterem Lobgesang auf den Herren breitete sich Unruhe im Hauptschiff aus. Während Birte in der Beichtkammer verschwand und die Leute lautstark schwatzend aus der Kirche schwärmten, hob Ulrike den Blick zu der Madonna, die in Kerzenschein gehüllt milde zu ihr herab lächelte, und sie vertiefte sich in ein stilles Gebet. Ein Luftzug von der Kirchenpforte ließ die Kerzenflamme am Marienaltar zittern, und Ulrike dachte an die schwere Entscheidung, die der Graf von ihrem Vater forderte. Sie fühlte sich dem lieben Gott an diesem Ort nahe. Glaube kann Berge versetzen, klang es zuweilen von der Kanzel. Sie wusste das zu deuten, so sehr, niemals einzuschlafen, ohne ihr Nachtgebet. Da der liebe Gott bekanntlich alles sah, bemühte sie sich von Herzen, ein guter Mensch zu sein, aber ähnlich erging es wohl den meisten. Nur heimlich, ohne es jemals vor Timke oder Wibke zuzugeben, glaubte sie daran, für Gott eine gewisse Rolle zu spielen, und sie fügte mit feierlichem Nachdruck das „Amen“ hinzu. Hinter den Pfeilern, am Rand der Sitzreihen, steckten die Frauen mit Haube leise tratschend die Köpfe zusammen. Die schwer über den Steinboden schlurfenden Schritte eines Handwerksmeisters nahmen sich wie ein Poltern aus im Gemurmel. Nach der Andacht fühlte sie sich wundersam befreit und mit sich im Reinen, ganz so, als sei ein heimliches Abkommen aufgefrischt, welches ihr von klein auf viel bedeutete. Die meisten verließen die Kirche hingegen, ohne ihr schweres Herz erleichtert zu haben. Die Masse strebte schiebend, in winzigen Schritten dem Ausgang zu, um sich draußen auf die festgetretene, freie Lehmfläche und die Wege mit Buden und Ständen zu verteilen, wo nur zum Rand hin noch Gras gedieh.

Draußen flötete eine Amsel in der Linde, und sie musste an Eike denken. Wie früher ärgerte sie seine ungestüme Art, die Dinge anzupacken. Die Freundin stieß eben wieder zu ihr, und Ulrike bemerkte leise: „Eike regt mich auf. Bolke stellt klar, es sei gefährlich, Renke van Hartjen zu helfen, und der lässt es glatt darauf ankommen, will beweisen, was er für ein Kerl ist. Das war dumm, ich frage mich, was geschehen wäre, hätte das Unwetter nicht alles umgeworfen.“ Sie ahnte, Birte würde es nur missverstehen; eigentlich fand sie es anfangs ja auch tapfer, wie Eike seinem Vater nacheiferte. Und Birte blinzelte überrascht. „Durch dich steige ich nicht durch. Uns hast du begeistert geholfen, bei Renke van Hartjen nennst du es dumm. Weshalb?“

Ulrike lachte trocken. „Das Gerangel auf dem Wertherhof hätte sich Ocko besser verkniffen. Der Werther könnte noch leben, und es hat den Vogt verärgert. Sowas tönt man doch nicht heraus wie Eike und treibt es noch toller.“

„Na gut, Eike handelt mitunter unüberlegt. Aber das trifft auf die meisten Kerle zu.“

Ulrike schnitt ein leidgeprüftes Gesicht und seufzte, als sei es ihr zu unwichtig, sich deswegen zu streiten. „Schon, aber sicher ist, der Bessere der beiden will dich.“

Lüder trug zur Feier des Tages ein Hemd mit dem Ansatz eines Kragens, darüber einen langen braunen Leinenmantel mit Ledermanschetten; man hätte ihn für einen Zunftmeister halten können. Ulrike war stolz auf ihren Vater. Ihre Augen streiften hinüber, zu dem Bühnengerüst mit Stiege, an dem zwei Zimmerleute ihre letzten Handgriffe ausführten und noch gehämmert wurde. Davor reihten sich Sitzbänke und acht Fuß lange Schanktische. Nahe dem Halbschatten der Linde errichteten kräftige Burschen einen Erntebaum, fast so hoch wie das Rathaus. Ein aus Ähren gebundener Kranz schmückte die Spitze, umweht von bunten Bändern. Die Umstehenden jubelten und beklatschten heftig die aufgepflanzte Erntekrone aus Rogge, Gerste und Hafer, die einen Vergleich mit der von Elsfleth nicht zu scheuen brauchte. Für Ulrike war es diesmal mehr als nur der übliche Rummel, der alle Jahre wiederkehrte, fand sich unter der Erntekrone die Jugend zusammen. Schausteller und ein dressierter Bär waren angekündigt, ein Barde sollte zum Tanz aufspielen. Vor allem aber hatte sie heute ein wunderschönes Kleid an. Diesmal würde sie nicht allein hingehen und freute sich, eine Freundin gefunden zu haben. Plötzlich bemerkte sie, ihr Vater fehlte, und das ließ ihr keine Ruhe. Timke wollte unbedingt am Sackhüpfen teilnehmen, überlegte sie und sah sich beunruhigt nach dem Vater um. Wibke machte sie im Gedränge des Standes aus, der heiße Pfannkuchen mit Marmelade anbot, und sie zog Birte mit sich, um nach Lüder zu suchen. In Gedanken überflog sie den Kreis der Freunde, zu denen es ihn verschlagen haben könnte. Der Kreis begrenzte sich auf einen eigenbrötlerischen Köhler, den sie aber nicht antrafen, und einen Freund, den er schon vor der Auswanderung aus Westfalen kannte. Der machte kürzlich von sich reden, durch den Bau einer Gerberhalle, die allen anderen Gerbern das Wasser abgrub. Sie mussten durch das wenig vornehme Westviertel, wo Fischer, Gerber und Färber ihrem anrüchigen Handwerk nachgingen. Auf ihrem Weg scheuchten sie in einem engen Durchgang ein entlaufenes Schwein auf, das im Schweinsgalopp vor ihnen her zuckelte und sich, als sie schneller ausschritten, durch ein Hundeloch unter einem Bretterzaun verdrückte. Früher oder später würde es in einem Vorgarten beim Räubern im Rübenbeet erwischt werden und doch noch auf dem Tisch landen. Ulrike seufzte - so war es nun einmal in der Welt. Ein Feldweg, von dem aus man die Hunte hörte, führte zu Fordolts Mühle, von der die Aumunds ihr Korn mahlen ließen. Die Grillen zirpten, und wo sich klappernd das Wasserrad der Mühle drehte und es immerzu plätscherte, tollten einige Kinder auf der Badewiese umher. Das Brausen vom Wehr wurde lauter und schwoll an, während sie sich langsam Eikes Angelstelle näherten. Sie entdeckte Eike schon von weitem. Keinen Steinwurf entfernt saß er am Ufer, und Ulrike rief die vorausgepreschte Freundin vom Wehrgang zurück, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln und ihn nicht völlig zu übergehen. Eike von Bardenfleth lehnte an seinem Stammplatz an der Weide und beschäftigte sich gerade mit der Angel. „Nein, dein Vater ist hier nicht vorbei gekommen“, klärte er sie auf, wickelte Schnur ab, tat ein kleines Schrotkorn daran und ließ forschend die Augen über das sie umgebende hohe Hafergras schweifen, auf der Suche nach einem Köder. Flink fasste er zu und erwischte eine grüne Heuschrecke, die er dann konzentriert auf den kleinen Haken spießte. Erst dann widmete er sich den Mädchen. „Setzt euch zu mir“, forderte er, und als Ulrike sich zu ihm hockte, lachten seine Augen anzüglich. „Ich finde Lüder großartig. Der traut sich was“, gab er zu. „Aber was hat jemand wie er mit diesem Gnatterpott von Gerber zu schaffen? Das wüsst‘ ich gern.“

Von den in der Sonne verrottenden Feldern her lag dumpfer Heu- und Öhmdgeruch auf dem Land, und Ulrike rieb sich die Nase, eigentlich schien es wichtiger, ihren Vater aufzustöbern, aber sie bezähmte sich und erklärte es ihm geduldig. „In Soest, wo Vater aufwuchs, arbeiteten sie zusammen in der Saline. Salinen sehen aus wie riesige hölzerne Bienenhäuser mit Türmen, hoch wie unser Erntebaum und vollgestopft mit Reisig. Im Reisig sammelt sich Sudsalz, und im Eifer des Gefechts stieß Hinnerk oder Lüder einen vollen Sack um. Auf wessen Kerbholz es tatsächlich ging, darüber haben sie sich nie einigen können. Hinnerk nahm es auf seine Kappe, und das verbindet.“ Sie wollte ihm nicht die Fische verscheuchen und ließ sich nicht länger aufhalten, warf aber ein Auge auf den Melkbottich am Schilf. Drei Rotfedern schwammen darin, die hin und wieder leise plätscherten. Eike deutete mit dem Kinn stumm auf das klare Wasser. Die Weißfische, auch die ältesten und größten lockte die Wärme empor, um sich zu sonnen, und einige umkreisten die in der Strömung wippende Federpose.

„Wie ich Lüder einschätze“, gab Eike ihr auf den Weg, „hockt der in der Schmiede und hadert mit sich und der Welt. Ich will eine Nacht in einem Bett voll Brennnesseln schlafen, sollte ich mich irren. Aber Lüder wirkte nie wie jemand, der sich bei Freunden ausweint.“

Ulrike wunderte, warum ihr das nicht selbst einfiel. „Danke“, warf sie ihm zu, und auf einmal zog es sie unwiderstehlich zur alten Herdstelle. Von dieser Stunde an mochte sie Eike wieder irgendwie; der nüchterne Wink zeugte von gesundem Menschenverstand und bewies, Eike machte sich Gedanken. Durch ihn wieder zuversichtlich gestimmt, wandte sie sich der überschaubaren Dorfstraße zu, und der Himmel über Berne war enzianblau wie Birtes Augen. Die Freundin sah sie zwinkernd an. „Ist doch ein Lieber, der Eike… musst du zugeben. Außerdem könnte ich mir dann leicht Bolke angeln. Einen für dich, einen für mich.“

Die klappernde Mühle und das tosende Wehr blieben hinter ihnen – es zog Ulrike mit beschleunigten Schritten zur alten Schmiede. Dort fanden sie ihren Vater. Lüder rieb sich grüblerisch den Stoppelbart und konnte sich nicht entschließen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Die Stirn gesenkt, stierte er aus glasigen Augen auf den Pott mit Most, zu dem er sonst eher selten griff. Wie viel von dem scharfen Obst er sich bereits einverleibte, zeigte die rote Nase. Er lallte hörbar, mit ihm zu reden, hätte sie sich sparen können. Er schob sich eine triefende Pflaume in den Rachen und kaute langsam und genießend. Vom Rummel wollte er nichts wissen - bevor Birte die Geduld verlor und empfahl, sie könne vorausgehen.

Endlich machte Lüder sich Luft. „Dieser aufgeblasene Hundsfott wird mich schikanieren“ stellte er brummig in den Raum. „Du kennst mich als Gemütsmensch, Rike, mir fällt es verdammt schwer, dann nicht gereizt zu klingen.“ Er schlug krachend die Faust auf den Tisch, die Augen sprühten vor Zorn. „Ich bin keiner, der katzbuckelt… und das hier aufzugeben, das heißt, einem Hund gleich den Schwanz einzukneifen.“

„Vater, nimm das Gute mit, das dir der Graf anbietet. Arbeite vorläufig am alten Amboss, dann an dem, den er dir hinstellt und komme zu uns, mit auf den Aumundhof, die Kammer ist allemal so groß wie das hier. Obendrein hättest du stets was zu tun. Ich erinnere mich, oft fehlte uns das Geld fürs Brot. Vergiss nicht, wie dir zumute war… hast du in der Schmiede gesessen und die Daumen gedreht.“

Es traf den Punkt, den er in seiner Verzweiflung vergessen hatte. Lüder erhob sich unbedarft, wankte heftig, und grinste als sie ihn stützte. „Du bist so klug wie deine Mutter war, Rike“, lobte er sie mit mühsam gebändigter Zunge. “Was soll aus uns werden… hält Eike auf einmal um dich an?“

Sie schüttelte den Kopf dazu und schmunzelte hintergründig. Er hütete sich, noch ein Wort darüber zu verlieren. Dann hakte sie sich bei ihm ein, und sie kehrten mit ihrem heftig schwankenden Vater auf den freien Platz am Rathaus zurück. Den Einzug der mit Blumengirlanden geschmückten Erntewagen hatten sie verpasst, ebenso das Ritual, in dem ein Junge die letzte Garbe vom Stoppelfeld bringt, und das Sackhüpfen der Kinder. Auf dem Stuhl des Bühnengerüsts saß ein grün und gelb gekleideter Barde. Er griff kraftvoll in die Saiten, und der Klang der Laute fuhr ihr in die Knie. Sie sang gern und genoss den Zauber des ihr fremden Instruments. Es war ein trauriges Lied von einem edelmütigen Ritter, dem die Geliebte schmollte, weil er ihr einen Freund erschlug. Wurde zum Tanz aufgespielt, war üblich, eine Seite der Bankreihen den Männern zuzuordnen, die andere Hälfte, von den Linden bis zum Tor mit der Bernebrücke blieb den Frauen. Scheue Blicke wechselten von hier nach dort, ehe ein mutiger Jüngling sich der weiblichen Gemeinde näherte.

Vor der Bühne tanzten bereits einige, da stieß Birte Ulrike an. Ihr Blick zielte auf Eike von Bardenfleth, der sein Angelzeug bei sich hatte und quer durch die Sitzreihen gezielt auf sie zu steuerte. „Birte… nein“, raunte sie. Bisher gelang ihr, sich vor dem Tanzen zu drücken; sie fürchtete, sich zu blamieren, und seine Absicht war klar.

„Du bleibst“, verlangte Birte. „Zeig‘ Courage, Rike. Der Eike ist ein brauchbarer Kerl. Stoß ihm nicht vor den Kopf. Hörst du?“

Also ließ sie sich auffordern, brachte mit Eike ihren ersten Reigen hinter sich und floh schleunigst wieder an ihren Platz. Erneut beschwor er sie, mit ihm den Heuschober aufzusuchen, ja drängte sie, und die strengen Regeln von Sitte und Anstand geboten, unberührt zu bleiben, bis die Glocke von Berne in den Hafen der Ehe rief. Die Bitte nach einem zweiten Tanz schlug sie barsch ab und blieb auch hart, als er sich verstohlen entschuldigte. Jedenfalls zog Eike traurig ab. Birte weigerte sich, das stumm hinzunehmen. Ihr Gespräch wurde lebhafter. Birte klang vorwurfsvoll, und Ulrike sträubte sich, noch einmal auf Eike zuzugehen. Ja, sie behauptete kühn, sie könne auf Eike verzichten, ebenso auf jeden anderen Kerl. Lüder sorge für genug Aufregung. Sie übertrieb, aber es tat gut, danach über das zu reden, was sie wirklich belastete, und die Zeit verging darüber wie im Flug.

Als ein kunterbunter Gaukler die Bühne betrat und eine lohende Feuerlanze in die Luft spie, hielt Ulrike fasziniert wie alle den Atem an. Es dämmerte allmählich, ein Häscher im Oldenburger Wappenrock entzündete Talglichter und steckte am Rand des Festplatzes einige Fackeln in den festgetretenen Lehm. Ulrike blies ungeduldig über ihre dampfende Schale mit Biersuppe, da erschien jemand in hohen Reitstiefeln vor der Bank, an der Ulrike mit ihren Schwestern und der Freundin saß. „Ist der Platz neben dir frei?“

Ein freudiger Schreck spiegelte sich in ihren Zügen. Sie erkannte das fein geschnittene Gesicht des humorvollen Edelmanns wieder, der ihnen zu nächtlicher Stunde am Brookdeicher Gehölz begegnet war, weil sein Pferd lahmte. Wieder lächelte er sein breites, unbefangenes Lächeln. Auch er hatte nicht vergessen, wer ihn damals zu später Stunde zu einem Schmied brachte. In seinen wachen, dunklen Augen blitzte ehrliche Wiedersehensfreude. Ulrike brauchte einen Moment, ehe ihr unsicher „äh… ja“ heraus rutschtet.

Schon saß er bei ihr, stellte seinen Bierkrug bei ihnen auf den Tisch. „Meine Freunde nennen mich Dirk“, stellte er sich vor. „Weißt du noch…?“

Sie registrierte das Wappenbild, ein goldener Schild mit zwei roten Balken. Im Vordergrund glänzten matt zwei gekreuzte silberne Schlüssel. Ansonsten schimmerte das Hemd in der Bleiche eines Kohlweißlings und ließ sich durch Bänder enger schnüren, bei kühler Witterung. Als sie stumm blieb und vor Verlegenheit rot anlief, fragte er leise: „wie heißt du?“

„Ulrike“, brachte sie tonlos vor.

„Wie geht es deinem Vater?“

Sie musste überlegen, wo sie anfangen sollte… und wollte ihm von den vielen erzählen, die in den letzten Tagen Hab und Gut verloren, da lockten Fiedel und Sackpfeife mit frischer Kraft zum Tanz. Als die Laute einstimmte forderte er sie mit einem feurigen Blick auf, die Hemmungen über Bord zu werfen und sich zu beteiligen. Die Paare fanden sich gerade und Schwung kam auf, sie wirbelten im Kreis, dass die Röcke flogen, und Ulrike genoss es wie in einem Taumel, bis sie völlig außer Atem abbrach. Glücklich wieder am Tisch und völlig aus der Puste, wagte sie endlich, ihn offen anzuschauen. „Seid Ihr ein Ritter, Herr von Keyhusen?“

Er nickte bloß, für ihn schien es nichts, vor dem sie Ehrfurcht haben müsste. „Hör zu, Ulrike, ich bin letztlich ein Mensch wie du“, gab er zu verstehen, und sie griff schweratmend nach ihrer Bierschale und strahlte ihn vergnügt an, gespannt auf seine Geschichte.

„Meine Burg steht nahe Rastede, bei dem gleichnamigen Kloster, weißt du. Hast du schon vom Zwischenahner Meer gehört?“

Ulrike schüttelte den Kopf. Sein Gesicht gefiel ihr, und seine Wesensart zog sie an wie kein Mann vor ihm. Doch wie sollte sie es ihm zeigen? Ihn offen anzulächeln wäre aufdringlich bei einer ihres Standes. Abweisen wollte sie ihn auch nicht, und sie ahnte, wie verstockt sie auf den angenehmen Junker wirkte. Zum Glück hielt ihn ihre Schüchternheit nicht ab, gesprächig zu werden. „Ich bin mit einem Freund hier in Berne. Ein Waffenbruder aus früheren Tagen lud uns ein auf Burg Lechtenberg, doch geriet ich im Rittersaal mit Graf Moritz von Oldenburg aneinander. Er ist ein Welfe, und ich bin ein Staufer... und gut über Philipp von Schwaben zu reden, genügte einem selbstherrlichen Protz wie ihm, mich nicht länger zu mögen. Graf Moritz ekelte mich von der Burg, könnte man sagen. Ich sah keinen Anlass, mich deshalb dem Erntedankfest fern zu halten. Du brachtest mich ja derzeit im Gasthof Bunter Hahn unter, und die alte Absteige war noch frei.“

Sie seufzte. Endlich wagte sie vorsichtig zu fragen: „Woher kennt Ihr den Grafen von Oldenburg?“

Dirk rieb sich andächtig das Kinn und beschloss ehrlich zu sein. „Dieser Schweinehund ist seit einem halben Jahr mein Lehnsherr. Nach dem Fall Heinrichs des Löwen hielt man es für klug, das Lehen Sachsen zu beschneiden, und Moriz von Oldenburg war zur Stelle, um den Erzbischof zu umgarnen. Heinrich hätte ihm beinahe den Garaus gemacht, aber bei Hartwich scheint er gute Karten zu haben. Jedenfalls überließ ihm sein neuer Landherr aus dem ehemaligen sächsischen Lehen Zwischenahn und Stedingen, und ich habe das hinzunehmen.“ Er blickte ihr tief in die unruhigen Augen.

Sie wich ihm irritiert aus.

„Und… wenn wir uns so unterhalten“, flüsterte er über den Tisch. „Sag‘ bitte Du zu mir. Ich hasse Standesdünkel.“

Ulrike schmunzelte verlegen, wusste nicht mehr, wie sie sich zu verhalten hatte. Sie rang sich zu einem Blinzeln durch, um ihn wenigstens zu ermuntern, es nicht aufzugeben. Warum, fragte sie sich befangen, vertiefte er das Gespräch so? Der Standesunterschied forderte, nach diesem Abend unterschiedliche Wege zu gehen…

Er schien sie ohne Worte zu verstehen. „Ich kenne Konrad von Burg Lechtenberg“, erklärte er. „Wir tranken auf einem Turnier in Lüneburg einige Maß Burgunder zusammen und schlossen Freundschaft. Er lud mich ein nach Berne, und nachdem Graf Moritz überraschend abgereist ist, wohne ich wieder bei ihm, auf Lechtenberg.“

Ulrike nickte zögernd.

„Du bist eine sehr stille, habe ich den Eindruck. “

„Warum?“

„Na, ich erzähle dir aus meinem Leben, und du guckst mich an, als hättest du deine Zunge verschluckt. Wortkarg ist gar kein Ausdruck dafür. Oder ist es, weil ich Graf Moritz von Oldenburg kenne?“

„Möglich“, gestand sie. Dann brach heraus, was sie für sich behalten wollte. „Mein Vater hat dem Grafen von Oldenburg öffentlich widersprochen, und es ist besser, dem nicht aufzufallen.“

„Das kommt nun etwas überraschend für mich“, gestand ihr der junge Ritter.

„Ja“, sagte Ulrike gedämpft. Ihr Vater würde ihr dazu den Spruch auftischen, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und seine Freundlichkeit wunderte sie. Dirk ließ sich nicht beirren, schaute ihr aus ehrlichen Augen in das Gesicht, das ihn so seltsam anzog. Sie hob vorsorglich die Hand und fing damit seine Hand ab, die ihr zärtlich über die Schläfe streichen wollte, wie einem kleinen Mädchen, um dessen Vertrauen er kämpfte. „Bitte glaube mir, Ulrike, ich mag dich und will das Beste für dich.“

Ulrike presste die Lippen aufeinander wie unter Schmerzen, überlegte – und nickte ihm einverstanden zu. Nicht, weil ihr sein Gesicht gefiel, sondern weil seine Stimme angenehm klang und etwas in ihr bewegte.

„Warum hast du solche Angst vor dem Grafen von Oldenburg?“ Der Ton, in dem er fragte, klang vertraut, und sie erzählte ihm endlich, was ihr das Blut in Wallung brachte. „Ich frage mich, was muss das für ein Mensch sein, der so mit seinem Volk umspringt. Da beobachten die Bauern mit Argwohn das Wetter, um im richtigen Augenblick die Ernte in die Scheune zu holen, und ist es so weit, erklärt der Vogt, es gäbe wichtigeres und käme nun auf jeden Arm an, ganz schnell würden Unmengen an Holz benötigt. In meinen Augen ist das hundsgemein und schäbig, da beißt die Maus keinen Faden ab. Für ein Herrenhaus in Berne, heißt es…“

Dirk räusperte sich. „Hmmn“, brummte er. „Dazu kann ich dir was erzählen, das die Sache für dich verständlicher macht. Worum es dem Mann geht, ist nämlich für mich kein Geheimnis. Da ist zum einen ein Handelsweg… der verbindet Bremen mit Friesland und verläuft genau durch Berne. Die Bernebrücke ist der Knotenpunkt, an dem sich leicht ein ergiebiger Zoll erheben lässt. Begreifst du, Ulrike?“

Sie hob die Brauen. „Na und ob.“

Dirk lächelte, und er ahnte, wie heftig ihr das Herz schlug. „Zum anderen“, fuhr er fort, „besteht über die Olle eine Verbindung mit der Weser, und ein Herrenhaus, oder besser, eine Burg aus massivem Stein, wie es Graf Moritz vorschwebt, dient einem Zweck. Steht die, kontrolliert sie die Weser und wird von jeder Kogge, die nach Bremen will, Zoll verlangen. Der Witz ist, ein Teil davon fließt in die Kasse des Erzstifts, und er nimmt es den Bremer Kaufleuten ab.“

Ulrike stutzte. „Sagt ihr das jetzt, weil ihr das tätet?“

„Nein“, entgegnete er entschieden. „Ich musste mir nur anhören, er möchte zu Weihnachten seinen neuen Sitz in Berne beziehen… und Unmengen Geld aus diesem Land herausholen. Mir ist das zuwider. Jeder, der Zoll erhebt, treibt die Preise in die Höhe. Das trifft immer die Ärmsten.“

Ulrike fragte sich, ob er ernsthaft so denken könnte. Bolke von Bardenfleth wollte eigentlich Birte zum Tanz auffordern und ließ sich neugierig an ihrem Tisch nieder. „Und das erzählt Ihr hier ganz unverhohlen, Herr Ritter?“

Dirk hob lächelnd das Kinn. „Ich weiß nicht, wie Euch das geht, werter Herr. Ich rede über das, was mich empört, und es tut wenig zur Sache, ob ich ein Edelmann bin.“ Seine Gelassenheit sagte Bolke von Bardenfleth zu. „Ich auch“, raunte der. „Und doch werdet ihr nie und nimmer verstehen, was ein armer Bauer fühlt, wird der Nachbar über Nacht von seinem Hof vertrieben.“

Dirk nickte, ohne es als Angriff zu werten. „Und doch bin ich auf eurer Seite“, erwiderte er leise. „Ob Ihr mir das nun glauben wollt oder nicht.“

„Habt Ihr eine Burg, Herr Ritter?“

„Ja, warum sollte ich das bestreiten. Aber bei uns in Zwischenahn und Elmendorf leben nicht annähernd so viele Menschen wie hier. Das Ammerland besteht aus Moor, Erlenbruch und Birkenwald. Große Weiden und Höfe wie hier gibt’s da nicht. Aber mein Vater handhabt das mit den Steuern äußerst ungezwungen. Der Graf von Oldenburg lebt in dem Glauben, wir hätten 54 Untertanen und 37 Hunde.“

Dirk grinste. Er strich sich andächtig über das Kinn und fühlte sich als Hahn im Korb, da ihm inzwischen alle am Tisch atemlos zuhörten. „Wird es euch hier allzu ungemütlich, wandert doch aus. Wir haben einen Aufruf in Groningen und Utrecht aushängen, dass wir Siedler suchen. Auf ein paar mehr kommt es nicht an. Zehn Jahre totale Steuerfreiheit und dann… na ja, jeder das, was er erübrigen kann. Ist ein Unwetter Schuld an der Misere, geht es auch mal ohne Abgabe. Der gute Wille zählt mit… Mein Vater zeigte sich nie versessen auf Geld. Ich werde es so beibehalten… versprochen. So kriegt der Graf von Oldenburg wohl nicht ganz, was ihm zustünde, aber fragt unsere Leute, die sind zufrieden.“

Plötzlich erhob sich Dirk. „Komm“, sagte er sanft zu Ulrike, „es ist angenehm lau. Lass uns über den Rummel gehen, mal sehen, was die Buden so anbieten.“

Sie blickte misstrauisch hoch, und es war ihr nach Lachen zumute. In seinen Augen lauerte ein Glanz, der ihr galt; und sie hob die Nase - der Abendwind trug Düfte von den Garküchen am Palisadenzaun herüber.

Er versuchte, sie an der Hand mitzuziehen, und Ulrike musste sich beherrschen, nicht zuzugreifen. Doch sah es besser aus, ohne seine Hand zu halten, an den Ständen entlang zu bummeln, die sich am Palisadenzaun der Warft reihten. Über einen Tisch bot ein orientalisch gekleideter Händler mit verwittertem Gesicht und blankem Hinterkopf Öllampen feil, und bei einem hellblauen Zelt in Form eines Hausdaches handelte es sich um eine Garküche. Es gab gebrannte Mandeln und kandierte Früchte vom Rost. Dirk kaufte für zwei Kupferpfennige zwei Bratwürste. Ulrike machte einen Knicks, als er ihr eine abgab und biss im Weitergehen vorsichtig ab, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie heiß der Bissen im Mund brannte. Sie hatte den Eindruck, er wollte ihr etwas kaufen, da er bei einem Händler aus Flandern auf ein blütenweißes Leinenkleid mit fantasievoller blauer Stickerei auf den Borten aufmerksam machte. Nie hätte sie sich dazu überreden lassen, aber die Bratwurst aß sie mit sichtlichem Appetit und schlang, ausgerechnet, als er sie ansah, das letzte Stück herunter. Dadurch verschluckte sie sich. Dirk klopfte ihr sachte die Schulter, führte sie zu einem sechseckigen Zelt, das wirkte wie ein Pavillon aus weißem Leinen, wo ein Paar junger Leute Lederarbeiten ausstellte: Taschen, Schnürmanschetten, Lederbeutel, Gürtel in hellem Rindleder oder auch in dunkel eingefärbtem, und dazu Eisenschnallen. Ulrike fragte sich, um was es ihm hier ging, und er eröffnete ihr: „Ich werde morgen früh auf Burg Keyhusen erwartet – zu einer Saujagd. Und es ist ein Mordsritt zur Burg. Ich muss mich dringend auf den Weg machen.“

Sie schmeckte die Rostbratwurst noch auf der Zunge und glaubte, aus allen Wolken zu fallen. „Oh“, rutschte ihr betrübt heraus.

„Ich möchte dich wiedersehen“, beruhigte er sie galant. „In einem Monat ungefähr könnte ich wieder nach Berne. Ich klopfe einfach an und bringe dann ein wenig mehr Zeit mit.“

„In der Schmiede würdest niemanden mehr antreffen. Wir sind umgezogen zum Aumundhof. Der rückt in Sicht, sobald man die große Huntebrücke überquert.“

„Führst du mich hin, zeigst mir das Haus der Aumunds? Ich weiß nicht, ob ich es andernfalls finde, verstehst du?“

Ulrike fühlte sich in ein wahr gewordenes Märchen versetzt. Es war dunkel geworden. Hinter dem letzten der Stände am Palisadenzaun brannte ein heftig räucherndes Lagerfeuer. Zahllose Fackeln und Talglichter erleuchteten die von Blumengirlanden überhangene Festtafel, während die beiden sich über die Holzbrücke entfernten in Richtung Deich. Dort wollte er sie in den Arm nehmen, und sie entwand sich ihm. So ziemlich jeder Edelmann wäre eingeschnappt gewesen, nicht so Dirk von Keyhusen. „Ich stamme aus dem Ammerland“, ging Dirk im Plauderton darüber hinweg. „Bei uns gibt es einen See, der ist einfach riesig, deshalb nennen wir ihn das Zwischenahner Meer. Sehe ich im Sommer zum Abendrot aus dem Kaminzimmer, schaue ich auf eine Bucht, die ist blau, zugewuchert von blauen Lilien. Du wärest entzückt. Aber was rede ich. Nächstmal nehme ich dich einfach mit, du wirst schon sehen, was ich meine.“

„Du willst mich mitnehmen nach Rastede?“

„Nach Burg Keyhusen“, berichtigte er sie. „Ja, das nächste Mal möchte ich dich meinen Freunden Godeke und Ekhard vorstellen und dir die Burg zeigen… eine Burg aus Stein, mit einem Bergfried, zwischen zwei Auen. Das Dorf Zwischenahn vor unserer Haustür hieß früher einmal Zwischenauen.“

Lange verweilten sie auf der Huntebrücke, hörten den Fluss unter sich rauschen. Über allem blinkten die Sterne, und bei den Feuchtwiesen des anderen Ufers wurde es merklich finsterer. Ulrike konnte kaum noch die eigene Hand erkennen und wies ihm das im blauen Mondlicht liegende Gehöft der Aumunds.

Er hielt Wort und brachte sie zum Festplatz am Rathaus zurück. Wenn er nun seinen Rappen bestiegen hätte, wäre ihm einiges an Ärger erspart geblieben. Doch beschlich ihn das Gefühl, sie damit im Stich zu lassen. „Ulrike“, sagte er leise und wartete geduldig, bis sie den Mut aufbrachte, ihm noch einmal in das Gesicht zu schauen. „Gerne lasse ich dich nicht allein, ohne zu wissen, wie es mit deinem Vater weitergeht. Unser Heiland hat einmal gesagt, wer Zeuge wird bei einem Unrecht und einfach wegsieht, ist ebenso verantwortlich wie die, die es begehen. Wer das begreift, hat nie mehr das Recht, einfach wegzusehen. Und das behaupte ich nicht, um zu gefallen. Ich habe durchaus meine Fehler und Schwächen, aber, wenn ich meinen Schutz anbiete, stehe ich dazu, egal welche Kreise das zieht. Ich muss zwar jetzt zur Burg, aber wir sehen uns wieder - bin ein Edelmann mit Grundsätzen, das halte ich mir zugute.“

Er zog sich einen Goldring mit einer filigran umrankten Blüte aus Granatsplittern vom Finger. „Gib mal deine Hand“, forderte er.

Ulrike schüttelte abwehrend den Kopf, immerhin warf sie ein Auge darauf. „Bitte, kein Geschenk“, sagte sie mit Nachdruck.

„Kein Geschenk?“, wiederholte er enttäuscht. „Gut, bewahre ihn für mich auf. Und sende ihn mir, falls du einmal Hilfe brauchst.“

Sie rang mit sich, lächelte ihn darauf an. „Also gut, aber ich stecke ihn erst auf den Ringfinger, wenn wir uns wiedersehen“, stellte sie zur Bedingung. Keine Frage, dieser Junker meinte es gut mit Ulrike, und er machte sie traurig, weil er es plötzlich eilig hatte. Wenigstens versprach er: „Ich werde in etwa einem Monat auf dem Hof der Aumunds erscheinen. Versprochen. Leb‘ wohl.“ Zum Abschied gab er ihr aus dem Sattel einen Handkuss und sprengte über die Bernebrücke davon, denn das Ross des Freundes, mit dem er in Berne weilte, fehlte mittlerweile und ihn trieb ein ungutes Gefühl nach Burg Keyhusen. Ulrike schluckte trocken, als sie ihn nicht mehr sah. Dann fuhr sie sich verwirrt über die Stirn und fragte sich, ob sie die Stunden mit ihm geträumt hatte.

Der volle Mond war unterdessen ein gutes Stück gewandert, leuchtete in seinem unheimlichen Glanz zwischen dem Kirchturm und dem Rathaus. Ulrike fühlte sich auf einmal allein wie ewig nicht. Sie musste sich eingestehen, sie hatte ihre Schwestern, den Vater und die neue Freundin über diesen jungen Mann vergessen - an den zu denken ihren Puls schneller schlagen ließ. Timke wenigstens nach dem Ausgang des Sackhüpfens zu fragen, wäre das Mindeste gewesen. Niemals zuvor geriet ihre Fürsorge für die jüngeren Geschwister so gründlich in Vergessenheit, und sie beschleunigte beschämt ihren Schritt. So kam sie mit beunruhigt umherstreifenden Blicken am Lagerfeuer vor dem Palisadentor vorbei, wo die Holzbrücke über den kleinen Wasserlauf führte, der hieß wie die Ortschaft Berne. Hier, wo viel junges Volk ihres Alters in die Flammen stierte und Männlein und Weiblein zu fortgeschrittener Stunde noch miteinander scherzten und lachten, traf sie Birte wieder. Die saß bei Eike von Bardenfleth in einer bunten Runde, aus der Ulrike sonst niemand kannte, und freute sich, die Freundin in den Feuerschein treten zu sehen. „Dein Vater ist mit Wibke und Timke zu unserem Hof aufgebrochen“, beruhigte Birte sie, und für den Rest des Festes blieb Ulrike bei Eike und der Freundin. Ein hochbetagter Knecht, der einmal ein Auge verlor, weil eine Kuh gedeckt werden sollte und der Bulle wild wurde, brachte unversehens Neuigkeiten vom Nachbarhof. „Gestern besuchten Renke van Hartjen Waffenknechte. Sie haben ihn vom Gut gescheucht wie einen Bettler und drohten dem Gesinde, jeden in den Turm der Lechterburg zu sperren, den es zurückzieht.“

Eike ballte eine Faust, so erschütterte es ihn. „Renke van Hartjen verlor vor zwei Monaten seine Frau. Und jetzt das… Das hat er nicht verdient“, raunte er. „Ach, was rede ich… Insgesamt 17 Bauern brachte es um Haus und Hof, was unser Graf da in Stedingen veranstaltet hat. Das ist eine Sauerei.“

Ulrike bekreuzigte sich bei der Vorstellung, wie rasch man alles verlieren konnte. Sie widerstand nicht lange, der Freundin von ihrem ritterlichen Verehrer und einer fernen Burg bei Rastede zu berichten und flüsterte nicht leise genug. Offenbar hatte Eike sie beobachtet. Er biss sich auf die Lippe und sprang unvermittelt auf. Ein Blick aus anklagenden Augen, dann hob er hochmütig das Kinn, als habe er Besseres vor. In ihrem inneren Konflikt schaute Ulrike ihm nach und begegnete den heiteren Augen einer zierlichen Frau, ihr gegenüber am hochschlagenden Feuer, die sie für gleichaltrig einschätzte. Sie verbarg sich unter einer Decke aus Katzenfellen, die sie fröstelnd über Kopf und Schulter zog. Ein Gesicht mit Lachgrübchen, herzförmigen Lippen und hellen, forschenden Augen schaute unter der Felldecke vor, während das Mädchen knackend von einer Möhre abbiss und gedankenvoll kaute. Birte stellte sie vor. „Das ist Geldis, meine Freundin im Kreis unserer Mägde.“

Ein Gefühl wie Eifersucht schlug bei Ulrike an, doch machte es Birte eher liebenswürdiger, pflegte sie eine freundschaftliche Beziehung zum Gesinde. Allerdings ergab sich keinerlei Unterhaltung mit Geldis, als ob für die andere Dinge zählten. Wie sie waren die meisten Menschen und wendeten scheu das Gesicht ab, begegnete man ihnen in Augenhöhe, oder sie brachen blinzelnd den Blick ab. Birte hingegen lachte die Welt an. In der Kirche hatte sie die Freundin beim Beten beobachtet. Die nahm das wichtig wie sie, und genau wie sie vergaß sie niemals ihr Gebet vor dem Einschlafen, als wären ihre Seelen aus einem Holz. Auch Birte überlegte nie lange, ehe sie antwortete, war offen, so wie Lüder, so wie sie. Kein Wunder, wenn sie sich zu ihr hingezogen fühlte. Sie erwog, Birte anzuvertrauen, wie schäbig sie sich wegen Eike fühlte, aber sie wusste genau, was die ihr dazu sagen würde. So wirkte Ulrike auf alle, als wäre sie einfach nicht zu einer Nacht am Feuer aufgelegt. Ihr ging Dirk nicht aus dem Kopf. Sie hätte sich nicht träumen lassen, ihn wiederzusehen... Während des Tanzes schlug ihr das Herz bis in den Hals, sie verspürte eine eigenartige Erregung in seinen Armen, die ihr noch fremd war. Wie er sehnsüchtig auf den Ausschnitt ihres Kleides äugte, ging ihr durch und durch. Nie fühlte sie sich einem Mann körperlich näher. Es weckte beunruhigende Fantasien. Und sie fragte sich, ob sie ihn bloß mochte oder sich verliebt hatte. Sie seufzte schwermütig, die Einsicht folgte, wie wenig das ihrem stolzen Vater gefiele. Dirk war ein Blaublütiger, und ihr Vater hasste alle Edelleute, Grafen und Ritter. Der hatte sich ja längst darauf versteift, Eike von Bardenfleth solle sein Schwiegersohn werden.

Die Ehre der Stedingerin

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