Читать книгу Die Ehre der Stedingerin - Eike Stern - Страница 6
4. Kapitel
ОглавлениеGegen Mittag kehrten die vermissten Mädchen müde und verzweifelt zum Aumundhof zurück. Ulrike quälte der Gedanke an Timke, die sie am Unfallort der Obhut Klaas überlassen mussten. Antje, die Herrin vom Aumundhof, nahm sich ihrer rührend an, ja bemutterte sie förmlich, und brachte sie vorübergehend in der Kammer von Schorse unter. Was aber nach anfänglicher Wiedersehensfreude aus Timke hervorsprudelte, ließ Ulrike erstarren.
„Er schnaufte… verdrehte die Augen, war außer sich und hat sich nach dem Hammer gebückt, als wolle er gleich wem den Kopf einschlagen“, berichtete Timke.
Ulrike fühlte das Bedürfnis, sich bei ihrem Vater auf den Schoß zu setzen, sich anzulehnen und bei ihm Trost zu holen. Nun begriff sie, von Lüder fehlte jede Spur. Sie sah in die hilflosen Augen ihrer kleinen Schwester, die auf den Versuch, mehr aus ihr herauszuschütteln, erst einmal schlucken musste. Timke fügte mit belegter Stimme hinzu, „nicht einmal die Schürze nahm er ab… und sagte nicht wohin er wollte…“
„Zur Burg doch sicher“ folgerte Ulrike.
Timke nickte. „Ja, glaube ich auch…“
Ulrike drängte es, in der alten Schmiede nach ihm zu sehen. Im Schritt brannte es wie eine unsaubere Wunde, aber versäumte sie das, würde sie es sich hinterher ewig vorwerfen. Noch blieb ein Funken Hoffnung, obwohl ihr der gesunde Menschenverstand flüstertet: Ihr Vater war ein vernünftiger Mann, und ein vernünftiger Mann hätte sich zuerst vergewissert, ob es Timke gut ging, nachdem man ihn an der Burg vermutlich abgewiesen hatte. Allerdings wäre genauso denkbar, er bezog Prügel, und die Burgbesatzung warf ihn hinterher achtlos vor die Schmiede. Die Unordnung um Amboss und Arbeitsplatz sprach dagegen. Ulrike hockte anschließend mit ihren zerschlagenen Hoffnungen trübsinnig an dem kleinen Tisch an der alten Herdstelle - bis es schummrig wurde und sie den Herd anzünden musste, wollte sie nicht im Dunkeln sitzen. Sie konnte sich nicht aufraffen, mit dieser Enttäuschung gleich wieder zum Aumundhof zu gehen, die Ängste um ihren Vater lähmten sie. Mit aufgestütztem Kinn versuchte sie, sich vorzustellen, wohin ihr Vater sonst gegangen sein könnte, falls nicht zur Burg… aber ihr Vater schäumte vor Wut und nahm den Hammer mit… Und erneut meldete sich ein unangenehmes Ziehen im Unterleib. Egal, wie sie sich hinsetzte, diesmal hielt das an, und sie konnte nicht normal gehen, so weh tat es. Jeder Atemzug erinnerte sie an den Mann, dem sie es verdankte, ein atemberaubend ekeliger Geruch umfing sie wie eine Wolke und haftete an ihr, dass ihr schlecht darüber wurde. Beim Aumundhof floh sie auf ihre Kammer und wusch sich sorgfältig, und kaum streckte sie befreit die Füße übers Bett und faltete die Hände zum Nachtgebet, grübelte sie erneut über der Frage, wo ihr Vater steckte. Vielleicht hatten sie ihn verprügelt oder gefoltert, und er kroch gerade übel zugerichtet irgendwo an einem Deich aus den Büschen und brauchte Hilfe. Sie wollte ihn suchen… beschloss sie, doch es war drei Tage her seit Lüder sich zornig auf den Weg machte! Ulrike witterte, es musste einiges geschehen sein. Was könnte sie tun, schmachtete ihr Vater wirklich im Turm der Lechterburg? Sie zog das ernsthaft in Erwägung, da setzten Krämpfe im Unterleib ein, die alles Erlebte in den Schatten stellten. Ihr Blick fiel auf eine hellrote Spur an ihrem Bein, die darauf schließen ließ, ihr Schoß war nicht nur wund, es blutete sogar - und sie bekam Angst. Ähnlich war es, als mit viel Unwohlsein und Beschwerden die Regelblutungen über sie hereinbrachen. Wie vermisste sie damals die Mutter. Aber das jetzt musste eine andere Ursache haben, das war ein Krampf.
Es ging auf elf zu, da hatte Ulrike eine halbwegs schmerzfreie Haltung herausgefunden, saß mit auf die Knie gestütztem Kinn auf dem Bett und wünschte mit jeder Faser ihres Körpers, sie wäre als Junge auf die Welt gekommen.
Endlich schien der Schmerz sich zu verflüchtigen, sie untersuchte sich mit stockendem Atem genauer. Unten wirkte alles bedrohlich geschwollen und entzündet, und sie fühlte sich mit dieser peinlichen Geschichte überfordert, allein und hilflos… Bei dem bloßen Gedanken an die Notzucht durchlief sie ein Schaudern, bei dem sie mit den Zähnen klapperte und aufheulte. Es überkam sie wie ein Anfall und hinterließ heiße Wangen, so regte sie sich auf. Der nächste Krampf überraschte sie kaum noch, dauerte dafür umso länger, und das Brennen beim Wasserlassen brachte sie schier um den Verstand. Sie ahnte langsam, sie durfte es nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber in Betracht zu ziehen, die Freundin deshalb aufzusuchen, verursachte rasendes Herzklopfen. Der Mond leuchtete schon durchs Fenster, und Birte wäre imstande, ihr scharfe Worte an den Kopf zu werfen – um diese fast schon frühe Stunde. Während ihr das im Kopf herumging, schlich sie im spärlichen Licht der Mondsichel über den nächtlichen Hof, und in der Heimlichkeit mit dem kleinen Herzfenster hustete jemand. Ihr zitterten die Finger, mit blind vorgestreckten Händen ertastete sie im Halbdunkel der Diele die Tür, hinter der sich Birtes Kammer befand. Ehe ihr der Mut schwand, klopfte sie an.
Es dauerte, bevor Birte öffnete. Sie rieb sich müde die Augen. „Was ist denn geschehen?“
Ein Blick in Ulrikes angestrengte Miene weihte sie augenblicklich ein, und sie holte schwer Luft, weil sie aus dem gleichen Grund noch wach war. „Hast du auch solche Unterleibschmerzen?“
Ulrike fasste bedrückt nach ihrem Schoß. Das nasse Glitzern in ihren Augen verriet, wie nahe sie daran war, jede Selbstbeherrschung zu verlieren. „Bei mir ist alles wund. Das halte ich nicht aus. Ich kann nicht mehr richtig laufen, so glüht das. Jede Haarspitze tut mir weh. Was ist das?“
„Ob Geldis schon schläft?“, überlegte Birte. Sie stand im Nachthemd vor Ulrike und strich es fahrig herab auf die Knie. „Die Tür zur Schlafstube vom Gesinde ist die letzte auf dem Flur. Also... kein Laut, verstanden? Nicht, dass auf einmal das ganze Haus auf den Beinen ist. Oh Gott, ich mag nicht daran denken. Sei bloß ruhig.“
Barfuß, wie sie war, ging Birte voraus, um zu nachtschlafender Stunde lautlos die Tür zur großen Gesindekammer aufzuziehen. Sie knarrte dennoch, und Geldis saß gleich mit zurückgeschlagener Leinendecke senkrecht im Bett. Ansonsten erfüllte das leise Schnarchen von etlichen Mägden die Kammer. Geldis hüpfte auf die Bretter und schlich um ihr Bett zur Tür, drückte die Tür sachte in den Rahmen zurück und stand dann mit ihnen auf dem Flur. „Was ist passiert?“
Ulrike und Birte empfingen sie mit angespannten Zügen. Ulrike atmete tief durch, bemüht ruhig zu bleiben. „Mir tut unten alles weh, als müsste ich sterben. Birte auch… und du? Alles in Ordnung, Geldis?“
Verwundert nickte Geldis. „Nun ja. Besonders gut fühle ich mich nicht“, flüsterte sie. „Da ist so ein inneres Kneifen, ähnlich dem nach saurer Milch, und es juckt so heiß. Ich dachte, das geht von allein wieder weg. Außerdem, wer kann uns da schon helfen?“
Birte fühlte sich angesprochen und schlug betreten die Augenlider nieder. Man sah ihr an, es kostete sie Überwindung, die Initiative zu übernehmen. „Meine Mutter... muss helfen. Ich wecke sie. Bei Gott, ich weiß ja, es ist spät, und auch wie nötig sie ihren Schlaf braucht. Aber außer ihr fällt mir niemand ein.“
„Sollen wir mitkommen?“, fragte Ulrike.
„Ja“, verlangte Birte. „Wartet draußen, lasst mich vorgehen.“
Birte schlich auf Zehenspitzen voraus, sie kannte sich aus, und eine Stunde nach Mitternacht suchten alle drei die Schlafkammer der Bäuerin auf. Es genügte, ihrer Mutter behutsam an den Fuß zu fassen, und die schlug die Augen auf. Kein Vorwurf, kein Geschrei. Ulrike beneidete sie um ihre Mutter.
Antje Aumund mochte einmal schön gewesen sein wie Birte. Heute war sie eine behäbige Frau mit breitem Becken und rotbackigen, gutmütigen Zügen, die durchaus auch streng aussehen konnte. Meistens trug sie das ergraute Haar zu Zöpfen geflochten. Unter den besonderen Umständen fiel es ihr lang, dicht und ungekämmt auf die Schulter, wirre Strähnen über der breiten Stirn, und sie blinzelte verschlafen. „Du machst mir Sorgen“, seufzte sie kopfschüttelnd, ehe sie mit einem Zunderhalm und kurzem Pusten ein Flämmchen aus dem Ofen barg. Damit entzündete sie die auf der Kommode stehende Öllampe, worauf ein diffuser Schummer die Räumlichkeit erfüllte. Das Bett ächzte, sie ließ sich mit ihrem Gewicht nieder, und Birte wies Ulrike und Geldis zu deren Erleichterung endlich die beiden am Fenster und in der Ecke befindlichen Stühle, während sie gleich dichter an ihre Mutter heranrückte.
„Oh Gott-oh-Gott.“ Antje stöhnte, weil sie ihrer Tochter an der Nasenspitze ansah, die lehnte sich nicht von ungefähr so bei ihr an. Sie drückte Birte die Hand aufs Knie, um sie zum Reden zu ermutigen. „Was ist so wichtig, mich um die Nachtruhe zu bringen?“
Es war an Birte, ihr die grässlichen Nachwirkungen zu schildern, von dem, was man im Rittersaal der Lechterburg mit ihnen anstellte. „Ach Mutter, es tut so weh, und ich… halte es einfach nicht länger aus“, jammerte die Freundin.
Antje, die schon bessere Zeiten auf dem Aumundhof erlebte und auf ein erfülltes Dasein schaute, ließ betroffen den Kopf hängen. „Erinnerst du dich an Liese, unsere frühere Gänsemagd? Die kam eines Morgens auch an und klagte über solche Unterleibschmerzen.“
Birte blinzelte verunsichert. „Ich war noch sehr klein, als sie in die Weser gegangen ist. Aber ich sehe sie noch vor mir, so eine ganz leise und sehr verschlossen.“
Es traf Ulrike wie ein aufkommendes Frieren im Spätsommer, und Antje schlug mit Daumen und Zeigefinger ein Kreuz vor der Brust. „Heilige Mutter Gottes, alle haben sich den Mund darüber zerrissen“, flüsterte sie. „Sie wurde von einem Bettler in die Büsche am Alten Deich gezogen, beteuerte sie, aber wenige nahmen ihr das ab.“
„Und dann…?“ Erschrocken blickte Birte die Mutter an, da sie die Geschichte derzeit tief berührte.
Antje kratzte sich um milde Worte verlegen die gefurchte Stirn. Sie seufzte, statt fortzufahren, doch Birte wollte es genauer wissen. „Weshalb nahm sie sich das Leben?“
Gern kam die Bäuerin nicht zur Sache. „Hauke war damals der jüngste Knecht am Hof und half früher oft am Torfstich aus. Der ist mit ihr ins Moor gegangen“, erklärte sie und verfiel ins Flüstern. „Tief im Herzen des Huder Moores lebt in einer kleinen Kate die alte Agnes, bekannt als die Hexe vom Maybusch. Die bereitete ihr eine Salbe aus Kräutern. Das linderte die Schmerzen, doch die Schande, Mädchen… die Schande brachte die arme Liese um.“
Sie schloss mit einem dumpfen Seufzer. „Hütet eure Zunge und weicht jeder Frage aus“, riet Birtes Mutter. „Seid auf der Hut, was Männer angeht. Es gibt rücksichtlose, denen der eigene Bauch über alles geht, und die Blender. Eitel daherreden, das können sie, behalten nichts für sich, und sind schuld am Tod unserer Liese.“
Es war eine Hoffnung am Rande des Möglichen. Ulrike, Geldis und Birte wechselten betretene Blicke; die Vorstellung, sich ins Moor zu wagen, machte ihnen Angst. „Ob der Hauke den Weg wiederfinden würde?“, wagte Birte leise zu fragen.
Ihre Mutter zog angestrengt Atem ein, fuhr sich über Nachthemd und Busen und senkte betrübt die Stirn. „Ich frage ihn“, versprach sie, und kaum wich Birte aus der Schlafkammer und schloss hinter Geldis die Tür, hörte Ulrike die Alte dahinter vernehmlich schluchzen. Es war wie ein Urteilsspruch, und jedes der Mädchen stahl sich mit bedrückenden Gefühlen auf seine Kammer. Ulrike wälzte sich im Bett herum, bis der Hahn krähte.
Mit dem Moment des Erwachens, als sie die Decke abwarf, um sich zu recken und den neuen Tag anzugehen, meinte sie, sich auf einen Ameisenhaufen gesetzt zu haben, und die scheußliche Entzündung verdrängte mit Macht alles Wohlbefinden aus ihrem Bewusstsein. Sie schüttelte sich - ging ja nie gerne mit, brachen alle zum Torfstich auf. Etwas trostloses, gruseliges, lastete auf dem Gelände, das hinter dem Erlenbruch begann, wo der Grund federte unter jedem Schritt und nichts gedieh, es sei denn Wollgras und Binsen.
Zum Frühstück gab es wie jeden Morgen Biersuppe. Geldis wartete zwischen den anderen Mägden und Knechten am langen Tisch in der Diele. Gerade wurde der Deckel von einem Fass abgehoben. Der ältesten Magd fiel es zu, eine Steingutkanne voll zum Trinken abzuschöpfen, und an jedem Platz stand eine gedrechselte, tiefe Holzschale. War so weit gedeckt, brachte die Bäuerin einen schweren Topf voll dampfender Suppe. In Stücke geschnittenes Altbackenbrot und Mehlklöße wurden mit aufgekocht. Hielt einer die Schale hoch, bekam er eine Schöpfkelle voll. Dazu stand eine Bastschale mit grobkörnigem Brot aus Dinkel und Gerste und Semmeln griffbereit. Wer zum Gesinde vom Amundhof zählte, hatte das Glück, sich alle Tage satt essen zu dürfen. Vor dem Essen sprach die Bäuerin am Kopfende der Tafel ein Gebet, bevor alle hungrig nach der Schale fassten, und ein vielschichtiges, genussvolles Schlürfen einsetzte. Hinterher stellte ihnen die Bäuerin Hauke vor. Das flachsblonde Haar, längst nicht ergraut, umspielte ein starkes, leicht vorspringendes Kinn, doch war er hagerer geworden und ließ sich einen feinen, dünn gebliebenen Bart stehen. Hauke verweilte mit tonlos bewegten Lippen und suchte krampfhaft eine Ausflucht, bevor er Antje Aumund ein schiefes Lächeln entbot, weil er nicht nein sagen durfte. „Sicher, sicher… ich habe ja oft genug beim Torfstich ausgeholfen, und von dort zur Kate ist ein Katzensprung.“
Er klatschte sich die Reste Stroh von den Händen und hob das Kinn. „Das ist ein gehöriger Marsch, bis zum Abend kaum zu bewältigen. Ich kann da nichts versprechen.“
„Nehmt euch Zeit, und ist die Agnes zugänglich, schlaft eine Nacht in ihrer Kate“, empfahl ihnen Antje Aumund. Sie schnürte ihnen ein Bündel. Darin befand sich eine geräucherte Mettwurst und eine Seite Speck als Zugabe für die Kräuterfrau, um sie milde zu stimmen, ebenso Schmalz, und ein Stück Gekochte zum Verzehr unterwegs. „Deine Hand“, forderte sie von Hauke, und da er sie öffnete, legte sie ihm ein Markstück und einen Kupferpfennig darauf.
„Du weißt, Hauke, das ist viel Geld“, gab sie ihm auf den Weg. „Aber wir wollen was von der Agnes, und ich lasse mich nicht lumpen. Den Backofen heize ich jetzt nicht an. Kaufe für den Kupferpfennig auf dem Markt einen ofenfrischen Laib Brot und gebe das Silberstück dem Kräuterweib, dann wird es sein Bestes geben.“
Somit führte sie der Weg über Berne, um am Backkarren ein heißes Brot zu kaufen. In der Nacht fiel reichlich Regen, und sie wanderten auf einem zu Matsch aufgeweichten Weg, der neben dem Bächlein verlief, das hieß wie die Ortschaft Berne. Die Tage wurden schon spürbar kürzer, und sie kamen im Halbdunkel des grauenden Tages an Weiden vorbei, auf denen Rinder gelassen wiederkäuten. HHinter einem Graben erhob sich der Neuenkooper Wald aus Birken und hintergründigen Buchen und Eichen. Das hell- und vollgelbe Herbstkleid der Birken hob sich in der aufgestiegenen Sonne malerisch ab vom flammenden Rot der hohen Buchen, und der Wald wirkte bunt wie niemals vorher im Jahr. Den Wegesrand säumten halb verrottete Überbleibsel eingezogener Stauden sowie kreuz und quer geknickte Stängel und Schäfte. Krause, braungelbe Reste der Blütenkerzen des Blutweiderichs ragten heraus und deuteten an, das Jahr neigte sich dem Winter zu. Ulrike spürte die Vergänglichkeit an allem, was sie umgab und besann sich schmerzlich des vermissten Vaters. Sie wünschte, der stumm voraus trottende Knecht könnte sich zu einem Gespräch ermannen. Als der sein brütendes Schweigen brach, klang es vorwurfsvoll. „Auch, wenn ich bloß ein Kerl zweiten Ranges für euch bin, fände ich es angebracht, mir für den Weg wenigstens einen Kupferpfennig zuzustecken, wirft man schon der Hexe nobel eine Mark in den Rachen. Überhaupt frage ich mich, wofür eine Mark…?“
Ulrike verzog herablassend den Mund. „Für was braucht ein Knecht einen Kupferpfennig? Du isst den gleichen Gerstebrei wie dein Bauer und lebst sorglos auf dem Hof.“
Die Entgegnung machte Hauke erst recht unzufrieden. „Es sind zehn Jahre ins Land gegangen, seit ich ein Weib zur Huder Hexe führte. Damals war es die Liese. Ihr mögt für euch behalten, um was es geht, aber dann gehe ich davon aus, bei euch ist es aus dem gleichen Grund.“
„Na du folgerst allerhand“, versetzte Geldis flapsig. „Und warum zügelst du dann nicht deine Schritte? Wir sind nicht mit den Waffenknechten des Kaisers unterwegs. Es verursacht Schmerzen, muss ich so große Schritte machen.“
„Aha“, raunte Hauke und nickte bei sich. Ulrike fuhr sich entsetzt durchs Haar, über Geldis Dummheit. Die trieb es auf die Spitze, indem sie trotzig anhielt und sich unter Haukes ernst werdender Miene mit einem Schmollmund an den Feldrain setzte.
„Berne ist ja noch in Sicht“, bemerkte er ärgerlich. „Wir können nicht so früh rasten. Ich dachte eigentlich, gegen Mittag bei der Kate zu sein.“
„In meinem Unterleib ist die Hölle los“, klagte Geldis und streckte die Füße von sich, die Augen schweiften in den Himmel, wo Krähen flatterten und das auf sie wartende Birkenwäldchen anflogen. Hauke musterte sie mürrisch und blies sich eine Strähne aus der Stirn. „Ich habe es mir ja gedacht.“
Ulrike spitzte die Ohren. „Was?“, warf sie ihm zu. „Hast du dir gedacht?“
Ein leises Beben um die Mundwinkel verriet, es rutschte ihm heraus, und er war verlegen um eine Ausrede. „Ich weiß vor allem, seit Sonntag bin ich verantwortlich für alle vom Gesinde, ob Kerle oder Weib. Schorse ist verunglückt…“
Nachzuhaken wirkte auf Geldis kleinlich. Ulrike gefiel es, wie Birte sich einschaltete. „Du folgerst, wo es wenig zu folgern gibt“, gab sie dem frischgebackenen Großknecht Wind von vorn. Ihre Hände fingerten über das Kleid, um sich zu fangen, ehe sie die in die Hüften stemmte und das Kinn richtete wie ihre Mutter, galt es, Schelte zu verteilen.
„Ich will es dir nicht verübeln. Männer denken ja selten über die eigene Hutschnur hinaus. Doch ein gestandener Mann sollte eines wissen: Erreicht ein Weibsbild das heiratsfähige Alter, verändert es sich, reift zur Frau und lernt, damit umzugehen, wenn es in den Tagen, die der Mond wechselt, blutet. Das ist bei manchen kaum der Rede wert, bei anderen schlimmer… Und damit genug. Das muss dir genügen, um deine Neugierde zu stillen.“
Das weckte bei Ulrike Bewunderung für die Freundin. Geldis hatte sich eine Möhre als Wegzehrung mitgenommen, biss den Wurzelfaden ab wie ein Hase und erhob sich widerstrebend. Hinter dem Birkengehölz öffnete sich das Gelände zu einer überschwemmten Wiese, gelb gesprenkelt von Hahnenklee, bis an ein Schilffeld, das früher ein Teich war. So sah es aus, nahe der Schlenken, die dem Moor anheimfielen. Frühnebel wallten über Sonnentau und hellgrünen Torfmoospolstern, ein buntes Gemisch aus flockigem Wollgras und Zwergsträuchern schwebte über der Landschaft wie ein filigranes Muster. Für Ulrike ein eher vertrauter Anblick, sie hatte den Eindruck: Birte wollte dem Knecht noch mehr dazu sagen und gesellte sich ihrerseits mit ein paar schnelleren Schritten zu Geldis. „Du hast wie ich von der Liese gehört“, hielt sie die an. „Auch Liese hat Hauke derzeit ins Moor geführt. Welche Schuld sie trifft, dass ein Bettler am helllichten Tag über sie herfiel, und warum sie das entehrte, geht für mich über den Verstand. Aber ein Schandmaul ist schuld an der Tragödie. Von irgendwem bekamen die Leute in Berne Wind davon, weshalb sie bei der Hexe gewesen ist. Es liegt nahe, sie verdankt es Hauke.“
Geldis zuckte unbekümmert mit den Schultern. „Ach was… Jeder könnte getratscht haben.“
„Unfug, die Liese sah zwar irgendwie komisch aus, mit ihren mädchenhaften Zöpfen, aber redselig war die weiß Gott nicht und wird die Peinlichkeit für sich behalten haben. Es sei denn, sie hat‘s dem Pfaffen im Beichtstuhl geflüstert.“
„Na dann war’s der eben“, bemerkte Geldis schnippisch und zog belustigt die Brauen hoch. „Ist doch wurscht.“
„Bist du arglos“, zischte Ulrike sie an. Bald erreichten sie den Erlenbruch in der Nähe des Torfstichs. Hohe Birken mit Buschwerk beschatteten eine Sandkuhle und einen Hang mit hellbraun in der Sonne leuchtendem Torfmull. Zwei davor gestapelte Pyramiden aus frisch gestochenen Torfstücken muteten noch feucht an, und ein leises Rascheln aus den Birken verriet den aufkommenden Wind von der Weser. Hauke spähte suchend umher, tat einige halbherzige Schritte am Torfhang und blieb wie angewurzelt stehen.
„Was ist?“, fragte Ulrike verwundert. Hauke atmete tief durch, der kleine Finger deutete warnend auf die halbdurchsichtigen, silbrig in der Sonne schillernden Schlangenhäute zu seinen Füßen. „Hier sonnen sich sonst die Kreuzottern, aber scheinbar halten die schon Winterschlaf.“
Er erstieg ohne Umschweife die Höhe mit den Birken, und Ulrike fragte irritiert, „was suchst du?“
„Irgendwo befand sich ein kleines Gestrüpp“, erklärte er, so leise als sei ihm egal, ob er verstanden wurde. „Ich meine, es war ein Busch mit roten Beeren. Eine Matte aus Ästen beginnt an der Stelle, und über den Pfad erreichen wir gefahrlos den Torfstich.“
Geldis folgte ihm neugierig auf den Hang und wies ihm eine Eberesche, gut acht Schritt hoch und schwer von Vogelbeeren. „Dort vielleicht?“
Sie hatten Glück, und es ging weiter auf diesem dünnen Pfad, der einen Bogen um den Hang mit Brombeergeflecht schlug. Geldis fühlte sich froh über ihre Entdeckung und raffte vor ihnen das Kleid, um hüftschwingend den Hang zu nehmen. Hauke sah ihr sehnsüchtig aufs Hinterteil und heftete sich leichtfüßig an ihre Fersen.
Ulrike bemerkte es durchaus und sah sich an Eikes Aussetzer erinnert. In der Hinsicht schienen die Männer alle gleich zu sein. Außer Dirk, überlegte sie, oder erweckte sein höfisches Benehmen bloß den Anschein, er könnte anders sein? Nein, einmal wollte er sie umarmen und ging brav auf Distanz, bei ihrer Reaktion. Sie sehnte sich auf einmal nach ihm…
Oben erstreckte sich ein mit blühender Erika bewachsener Damm. Vereinzelte Birken leuchteten schneeweiß im Sonnenlicht, und zahlreiche Wespen kreisten aufgeregt um eine von gelbem Blattwerk verhangene Astgabel. Im Nachhinein kam Ulrike in den Sinn, Hauke könnte es demnächst darauf anlegen, Geldis auf dem Flur zu begegnen, der zum Schlafraum des Gesindes führte. Soviel Stärke, seiner Schmeichelei mit der nötigen Kühle entgegen zu treten, also Sillschweigen über ihr Geheimnis zu bewahren, traute sie ihr früher zu, heute weniger, nachdem sie Geldis besser kannte.
„Seltsam“, bemerkte Hauke. „Warum ist hier niemand?“ Überall fand sich zu Pyramiden gestapelt, feuchter Torf, um in der Sonne zu trocknen, und Ulrike registrierte, von der hiesigen Heide, zuletzt mit sechs gesehen, blieben einzig und allein diese Dämme im Moorsee übrig. Sie setzte tapfer den nackten Fuß an die Kante und blickte hinab, da glänzte unten tiefbraunes Kolkwasser. Am Gegenufer des Kanals begann ein weites Feld mit Schilf und Rohrkolben. „Wir sollten uns auf dem Rückweg ein paar Lampenputzer mitnehmen“, überlegte Birte.
„Ich kann mir denken, weshalb hier niemand arbeitet, obwohl gar nicht Sonntag ist“, fiel Ulrike ein. „Der Frondienst ist schuld. Alle sind auf der Rodung am Hemmelskamper Wald, oder bei der Säge am Berne-Kanal, um Holz zu verladen.“
Die letzte Meile über den Torfdamm forderte Ulrike das Äußerste an Willenskraft ab. Bei jedem Auftreten fuhr der Schmerz durch ihren Leib wie ein Messer und trieb ihr Tränen in die Augen, und eine befremdende Angst stieg in ihr auf, angesichts der sie umgebenden kargen Moorlandschaft mit ihren Birken und Sträuchern und den unwirtlichen Wasserlöchern. Ein Rudel Rehe hob sich zwar anmutig, fern und reglos lauschend aus weißen Schleiern ab, aber die nahm sie nur oberflächlich wahr, so heiß war ihr im Kopf, und so hundeelend fühlte sie sich von innen her.
Wenigstens gelangten sie über eine lückenlose Astmatte zu einem Wäldchen aus herbstlichen Birken und Erlen, wo sich unter welk gekräuseltem Blattwerk ein mit Schindeln gedeckter Schuppen verbarg, auf dessen Schattenseite Knöterich wucherte. Die Kate und der angebaute kleine Pferch umschloss ein Kleid aus Ranken, überschneit mit weißen Blütenrispen, ein Dutzend bunte Hühner suchten empört gackernd vor den Besuchern das Weite. Es war längst noch nicht Mittag, und sie bereits am Ziel, doch Ulrike klopfte das Herz zum Zerplatzen, und Birte, als würde ihr Mut schwinden, zog betreten die Unterlippe über die Zähne. „Wer geht vor?“, fragte Geldis. Sie schauten verzagend den Knecht an.
„Auch das noch“, knurrte Hauke, klopfte derbe an und erblasste, kaum öffnete sich tatsächlich die Tür. Ein uraltes Weib mit eingefallenen Wangen schaute sie aus Triefaugen misstrauisch an und forschte in Ulrikes Gesicht. Die schluckte einen Kloß herunter.
„Was wollt ihr?“, fragte die alte Agnes unwirsch, und Ulrike verfiel ins Stottern.
„Es ist… wir sind Frauen.“
Fast hätte sie sich verplappert - Hauke wurde gleich hellhörig. Und die Hexe lachte meckernd. „Hast du deine Zunge verschluckt?“ Sie ließ die Mädchen durch die halb geöffnete Tür in ihre Kate schlüpfen und verwehrte dem mitgekommenen Mann mit einem Schlag auf die Brust resolut den Einlass. „Du bleibst draußen.“
Für sie war ohne Belang, wie der Knecht sich draußen die Zeit vertrieb. Von Männern drohte ihr Unheil, was Besuche aus der Zivilisation angeht, hatte sie üble Erfahrungen sammeln müssen. Allerdings protestierte Hauke. „Ich führte sie... Das ist nicht dein Ernst, Alte.“
Sie schlug kurzerhand die Tür zu, hob mit ihrer verknöcherten Hand einen Eisenhaken auf, um die Rundplatte von ihrem Ofen zu hebeln, entnahm mit einem Splitter Holz eine Flamme aus der Glut und entzündete die Öllampe, die über dem alten Tisch in der Mitte des Raumes hing. Birte stieß Ulrike sanft an, und sie schnappte nach Luft, als von draußen Hauke mit den Fäusten an die Tür trommelte. Die Alte antwortete mit einem heftigen Gegenschlag von innen. Darauf kehrte Totenstille ein. Ulrike bemerkte einen getigerten Kater, der Agnes schnurrend um die Beine strich, ehe sie mit einem gedehnten Seufzer in den Schaukelstuhl am Ofen sank und anfing, knarrend hin und her zu wippen. Ohne Aufforderung setzte sich Ulrike auf einen der tristen Stühle am Tisch. Birte entschied sich für den anderen mit gedrechselter Lehne, während Geldis sich nörglerisch an die Bretterwand lehnte und die Arme verschränkte.
Verunsichert schaute Ulrike sich um. An Fäden befestigt reihten sich Trockensträuße über dem Ofen, verwelkte Molche, grobe Säckchen mit verblassten Blüten und gedörrte Pilze. Ihr wurde ganz schwumrig von dem intensiven Kräutergeruch, der in dem kleinen Raum hing, und Ehrfurcht erfüllte sie, bei dem Versuch, in dem verwitterten Gesicht der Alten zu lesen.
Die Katze lag schnurrend auf Agnes Schoß, und die kraulte ihr mit Daumen und Zeigefinger Hals und Nacken. Dann neigte sie sich aus dem Sitz über den Ofen, um vorsichtig das kleine Türchen zu öffnen und ein Stück Torf in die Glut zu schieben, schloss die Ofenklappe geschwind wieder und ließ sich ermattet in die Lehne zurück sinken. Ein unheimliches Funkeln wohnte ihren Augen inne, das von einem wachen Geist zeugte. „Wir sind unter uns“, stellte sie fest, was darauf anspielte, ihr Führer und männlicher Zaungast wäre ausgesperrt. Wie meist übernahm Ulrike es, alles zu erklären. „Vor etwa drei Jahren ließen die Grafen von Oldenburg bei uns Burgen erbauen. Wir duldeten das, obwohl keiner verstand, warum, und die Rittersleute, die einzogen, wurden immer unverschämter und zudringlicher. Was uns widerfuhr ist sicher schon anderen vor uns passiert, aber das ist kein Trost. Wir befanden uns auf einem Fuhrwerk und wollten zum Sonntagsgottesdient, und ein Achsenbruch zwang uns, den halben Weg nach Berne zu Fuß zu gehen. So sind wir den Leuten von Burg Lechtenberg genau in die Arme gelaufen. Sie hoben uns auf ihre Rosse und…“
Agnes verstand sie besser, als die Mädchen ahnten. „Sie haben um euch gewürfelt sagst du?“
„Ja, im Rittersaal der Lechterburg, und es verfolgt mich in den Schlaf, was sie taten, denn…“ In Ulrikes Augen erwachte der Hass, als sei es eben geschehen. Die Alte musste sie mit abwiegelnder Hand bremsen. Mit einem Seufzer, der eigene Erfahrungen der gleichen Art verriet, nickte Agnes.
„Wenn sich ein lieber Kerl in der Ehe als Scheusal erweist und nur noch grob ist, das ist auch ein hartes Los, das glaub‘ mal. Die meisten Männer sind plump und selbstsüchtig, bevor sich ein Weibsbild die Mühe macht, ihnen Anstand beizubringen... aber ich bin an einen geraten, der sich irgendwann in ein selbstsüchtiges Scheusal verwandelt hat.“
Ihre Lebensgeschichte war erfüllt von Bitterkeit, Traurigkeit und Enttäuschungen, und sie verfügte über ein großes Herz. Was man gern über die böse Hexe mit dem Buckel berichtete, die im Maybusch, dem entlegensten Winkel des Huder Moores, ihr Unwesen trieb, waren alles Lügen und Märchen. Die Alte kochte Wasser und bereitete ihnen einen Badezuber vor. In den mussten sie nacheinander steigen und für eine volle Stunde ein Sitzbad nehmen. Zuvor zerrieb sie eine Handvoll Alantblätter, streute Eichenrinde und Brombeerblätter in das heiße Wasser, gemahlenes Mutterkorn, Gartenraute und eine Handvoll Rosenblätter für den Duft, und sie tat viel Salbei hinzu.
Die Alte nutzte die Zeit, in einer Pfanne Speck auszulassen. Mit einem Pistill und einer Tonschale zerstampfte sie Schafgarbe und Bockshorn und tat Johanniskrautöl und Bienenwachs dazu, sowie drei Eigelb. Ein Pilz, der nach nächtlichem Regen unter Weiden nur so aus dem Boden schießt, verfügte über die nötige Betäubungskraft, und sie rührte das Ganze und schlug es, bis eine Salbe daraus entstand. Die füllte sie in drei runde Kupferdöschen. „Das führt ein, wo es brennt, und reinigt zuvor eure Hände. Dann lindert es den Schmerz und entspannt den Muskel in der Scheide. Wiederholt die Behandlung jeden Abend vor dem Einschlafen, bis es völlig abgeklungen ist.“
Danach ging es Ulrike nicht nur spürbar besser, sie fühlte sich auf eine befremdende Art und Weise vital - bereit, die Welt wieder anzulachen; Geldis und Birte mochten es ebenso empfinden. Birte weinte hemmungslos, weil es alle Erwartungen in den Schatten stellte, und ihr dafür eine Mark auf den Tisch zu legen, war billig. Agnes schmunzelte und sagte mit einem zwinkernden Auge: „Täglich zwei Spülungen, und achtet auf das Leinensäckchen, verliert es nicht. Von jeder Sorte eine Handvoll. Die Alantblätter gehören ordentlich zerrieben.“
Mit gründlichem Nachdenken hielt sich weder Birte noch Geldis allzu lange auf, aber Ulrike sagte sich, Sibo Aumund würde sicherlich Stillschweigen bewahren über den Vorfall auf der Burg. Sie durften sich bloß nicht selber in Verruf bringen und keinem davon erzählen. Anschließend grübelte sie über diesem Problem; und hatte sich der Floh im Ohr erst mal festgesetzt, packte sie das für sie notwendige in ihrer bestimmenden Art an. „Noch sind wir unter uns“, stellte sie fest. „Was meint ihr, wollen wir gemeinsam bei Gott und allen Heiligen schwören, niemandem ein Sterbenswörtchen von der Widrigkeit im Rittersaal zu verraten?“
Geldis war bei dem Gedanken nicht geheuer, auf Gedeih und Verderb an so etwas gebunden zu sein. „Kindisch, sowas“, schnarrte sie verdrossen und gab sich aufreizend desinteressiert. Auch Birtes Lachgrübchen reflektierten eine abweisende Haltung, weil sie schwerwiegende Entschlüsse gewöhnlich auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben pflegte.
„Sie denkt weiter als ihr“, bemerkte Agnes und wies mit dem Kinn auf Ulrike. „Haltet ihr den Mund, bleibt alles unter euch. Das ist so.“
Also beschworen sie das zu dritt und ritzten sich, um den Schwur vor Gott zu bekräftigen, mit einem kurzen, blutigen Schnitt den Handrücken, und Birte, froh, sich durchgerungen zu haben, fiel Ulrike spontan um den Hals und fächerte Geldis weitere Bedenken leichter Hand hinweg. Ulrike ahnte, sollte es kritisch werden, würde Geldis voraussichtlich eine hartnäckig sture Haltung beziehen und sich eigenwillig darüber hinwegsetzen. Hinterher konnte sie sich leicht herausreden, man habe sie einfach überstimmt und gezwungen, mitzumachen. Ein oberflächlicher Mensch wie Geldis fühlte sich an nichts gebunden, solange sich eine Ausrede finden ließ, das bereitete Ulrike Magendrücken und Kopfzerbrechen, aber Geldis hatte sich nicht ausgeschlossen, und die Anwesenheit der Hexe erhob den Schwur zu einer feierlichen Angelegenheit. „Eigentlich habt ihr es selber in der Hand, ob sich die Sache herumspricht“, ermahnte die greise Agnes sie und beschloss, was sie den Mädchen mitgab auf den Weg ins Leben zurück, mit der Bemerkung: „Versucht unter die Haube zu kommen und sprecht mit keinem über die Sünde, an der ihr so unschuldig seid wie ein Baby am Tod seiner Mutter.“
Im Schatten des Erlenbruchs wucherten Wildkräuter, und sie traten ins Freie, da nahm Ulrike zum ersten Mal in ihrem Leben wahr, wie angenehm würzig Brennnesseln duften.
Der ausgesperrte Knecht hatte es sich bequem gemacht. Er lag, die Hände unter dem Hinterkopf gefaltet, im Schatten einer Weide und schnarchte leise, als sie ihn weckten, um gemeinsam den Heimweg anzutreten.