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Kapitel 4
ОглавлениеDer vernarbte Kapitän
Obwohl Nicht von Ungefähr Kringskranx noch einmal eindrücklich nahegelegt hatte, sich direkt an den Reichsverweser Puntigam zu wenden, wenn sie schon nicht die polizeilichen Institutionen in der Sache einschalten wollten, lehnte dies der Hurvenik erneut ab. Er hatte nicht vor, das Risiko einzugehen, dass ihrem Impresario, wegen einer falschen Entscheidung seinerseits, ein Leid geschehen sollte.
Nicht von Ungefähr stand dieser Meinung des Kleinen skeptisch gegenüber. Im Grunde wusste er nicht, wie er vorgehen sollte. Konnte er wirklich herausbringen, wo sich dieser Kammergarn befand, wenn der denn überhaupt noch am Leben war? Hinzu kam, dass Puntigam aus Prinzip schon von den Machenschaften der Monarchisten unterrichtet werden sollte, sozusagen aus Gründen der staatlichen Sicherheit.
Nun es waren immerhin noch einige Tage hin bis zur Aufführung des Theaterstückes, das vom politischen Gegner wohl zur Aufstachelung der Fürsten verfasst worden war, wie Nicht von Ungefähr mutmaßte. Er war bisher nur dazu gekommen, den Text kurz zu überfliegen. Allerdings schienen ihm die Dialoge abenteuerlich wirr, wie im Grunde ebenfalls die Handlung; der Detektiv hatte nicht das Gefühl, dass tatsächlich Wohl und Gedeih des Staates von diesen literarischen Schmierereien abhängen könnten.
Kaum hatte Nicht am nächsten Morgen sein Büro betreten, da stand auch schon die oberste Putzfrau des Kontinents vor seiner Tür. Marianne meinte, sie hätte sich heute eigens einen Tag freigenommen, um ihm in dieser Sache, wie sie den Fall der Entführung des Impresarios der Theatertruppe Karbunkelkraut nannte, zur Verfügung zu stehen. Selbstverständlich war es nichts anderes als brennende Neugierde, die sie zu so früher Stunde hergetrieben hatte.
Im Grunde jedoch war dies dem Detektiv aber auch wieder ganz recht. Er schickte Marianne hinaus nach Lachapelle und wies ihr die Adresse der von Fallerslebens an. Nicht wusste nicht, wie sie mit einer der Hausangestellten in Kontakt treten wollte, empfahl Marianne aber aufs Eindringlichste vorsichtig zu sein und nicht allzu unverblümt nachzuhaken, nach dem, was bei der Herrschaft so vor sich ginge. All dies hätte wohl eigentlich keinerlei Erwähnung bedurft. Ja, Marianne schien sogar ein klein wenig eingeschnappt zu sein, wegen der Warnungen des Detektivs in dieser Hinsicht.
„Ich bin ja wohl nicht blöd!“, hatte sie nur noch gesagt und sich alsbald auf ihrem Velociped auf den Weg gemacht. Es war eines dieser neueren Modelle, die der jugendliche Minister Osthoven konzipiert hatte, mit einer neuen Kettenübersetzung, drei Ritzeln und vor allen Dingen mit diesen wunderbar leichtlaufenden Kugellagern ausgerüstet, konnte man mit den Dingern eine enorme Geschwindigkeit erreichen, wie Nicht von Ungefähr feststellen konnte, als er nachdenklich aus dem Fenster blickend, Marianne unten in Windeseile entschwinden sah.
„Wahnsinn!“, murmelte er. Wenn man bedachte, wie diese Dinger noch vor wenigen Jahren ausgesehen hatten! Mit dem riesigen Vorderrad war es beinahe unmöglich gewesen, unbeschadet um eine enge Kurve zu fahren. Und nun? Allerdings handelte es sich bei dem Gefährt, das Marianne zu Testzwecken überlassen worden war, lediglich um einen sogenannten Prototypen. Der Reichsverweser war skeptisch, ob man ein solches Gefährt wirklich auf den Straßen der Hauptstadt zulassen sollte. Er hielt die Geschwindigkeit, die das Velociped erreichte, besonders wenn es in Weentbehl-Lachapelle einmal bergab ging, doch für gar zu halsbrecherisch. 'Vielleicht wäre es besser sich einen Helm der städtischen Garde aufzusetzen', dachte Nicht noch, als Marianne um die Ecke bog und beinahe mit einem riesigen Brauereigaul kollidierte, der gerade eine Lastkutsche, beladen mit mehreren Fässern hinter sich herziehend, aus der anderen Richtung angetrabt kam.
Währenddessen setzte sich Krautschuk mit dem Oberkapellmeister des ehemals kaiserlichen Orchesters auseinander. Krautschuk war zwar in der Lage, die Noten, die für die einzelnen Arien und Chorgesänge vorgesehen waren, halbwegs in Tonschrift zu übertragen, die ein rein aus Menschen bestehendes Orchester lesen können würde, benötigte jedoch unbedingt die Hilfe eines wirklichen Profis, der daraus eine Partitur schmieden sollte. Für das Libretto zeigte sich der Knirps ganz alleine verantwortlich, immerhin musste ja nur hie und da ein wenig an den Worten geknappst und alles in Reimform gezwängt werden.
Kapellmeister Arnoldo Bellemonti war eine echte Berühmtheit auf dem Kontinent. Einige Jahrzehnte nun schon leitete er das symphonische Orchester auf eine Art und Weise, die nicht immer von seinen Untergebenen als angenehm empfunden wurde. Immer wieder war es zu lebhaften Diskussionen gekommen über eine Neubesetzung dieses hohen Amtes, auch da des Öfteren die Besetzung des Orchesters wechselte. Manch einer der zartbesaiteten, hervorragend ausgebildeten Musikanten hatte schon das Handtuch geworfen, wenn er wieder und wieder Bellemontis Zetern, Klagen und dessen wüste Beschimpfungen eine Zeitlang über sich ergehen hatte lassen müssen. Lieber war man da an den Hof eines der unzähligen Fürstenhäuser gegangen, um dort selbst als Kapellmeister dieselben Unarten zu entwickeln, unter welchen man vormals gelitten hatte. Immerhin konnte man auf diese Art und Weise einen gehörigen Batzen Dukaten im Jahr einsäckeln, ganz im Gegenteil zu dem eher schmalen Gehalt, das man als einfacher Musikus im Orchester der Hauptstadt erhielt.
Insbesondere das Feuilleton des Weentbehler Anzeigers hatte immer wieder die Ernennung Bellemontis in Frage gestellt, man hätte es lieber gesehen, jemand anderen, insbesondere für die in höchstem Maße beliebten Opernaufführungen zu verpflichten, als den aus dem tiefen Süden des Kontinents stammenden Mann. Obwohl doch gerade diese seine Abstammung eigentlich für ihn als Kapellmeister sprechen sollte. Immerhin hat dieser Landstrich die allermeisten der Kompositeure hervorgebracht, die den Stil des Operngenres bis zum heutigen Tage prägen. Man denke nur an Giuseppe Verdani, Giulio Caccini oder Giacomo Periscopi! Namen, die doch jedes kleine Kind wohl immer noch kennt. Die Kritik an Arnoldo Bellemonti entsprang der Neigung der Musikredakteure, besonders jener vom konservativen Abendblatt und aus der Redaktion des Zeitenhobel, alles was der Mann auch unternahm für zu modern zu halten. Diese kritische Haltung Bellemonti gegenüber hatte nun keineswegs nur mit der Musik an sich zu tun, an der Virtuosität der Musikanten konnten die Verrisse der Aufführungen ebenfalls unmöglich liegen. Dennoch war den Schreiberlingen alles zu modern, mochte es sich um die Interpretation einer antiken Liebestragödie handeln oder auch um ein zum Schlachtengemälde aufgeblasenes, vaterländisches Rührstück. Entweder zuviel Pathos, dann wieder zuwenig. Den Streichern fehle der richtige Impuls, das Werk entsprechend zum Schwingen zu bringen; die Kostüme sahen aus, als ob sie vom Lumpensammler gestohlen waren; und das Bühnenbild war von einer derartigen Unkenntlichkeit, so dass man in dem finstren Tann, den es darstellen sollte, genauso gut einen Jahrmarkt unter einem sonnigen Frühjahrshimmel würde erkennen können. So ging das jahrein und jahraus!
Im Grunde hätte es an Oberbürgermeister Martensen gelegen, Bellemonti zu entlassen, doch der war im selben Alter wie der Hofkapellmeister und die beiden kamen seit Jahrzehnten hervorragend miteinander aus. Der Reichsverweser Puntigam mischte sich in diese Angelegenheit in keiner Weise ein, ihm war die ganze Sache im Grunde schnurzegal, wie er selbst sich ausgedrückt hätte. Außerdem hatte er für dies Gesinge so gar keine Ader. Puntigam bevorzugte die groben, volkstümlichen Gassenhauer, zu welchen man mit grabestiefer Stimme, auch nach drei vier Humpen Bier noch mitgrölen konnte.
Bellemonti also besah sich die Niederschrift der Melodien, die der Hurvenik Krautschuk angefertigt hatte, mit einem skeptischen Blick. Auf den Blättern schienen wesentlich mehr Fähnchen an den einzelnen Tönen angebracht zu sein als allgemein üblich. Doch ließ sich der von der Last der Jahre gebeugte Mann von solcherlei Kleinigkeiten keineswegs schrecken. Mit einer Auffassungsgabe, die man im Kopf des Alten kaum mehr vermutet hätte, nahm er in Windeseile alles in sich auf, holte eigenes Notenpapier hervor und begann unverzüglich die Partitur anzufertigen. Er hatte die Melodiebögen auf der Stelle im Kopf, die Krautschuk ihm mit seinem Gekrakel hatte aufzeigen wollen, so unglaublich dies auch klingen mochte. Nur hatte er erhebliche Probleme damit, alles so umzusetzen, dass auch ein gemeiner Musikant dies würde vom Blatt weg spielen können. Wenn Unsicherheiten auftauchten, fing Krautschuk an, die jeweilige Melodie dem Oberkapellmeister vorzusingen, und der schrieb dann sogleich weiter, so dass es nicht lange dauerte und die gesamte Partitur dieses neuen geradezu bahnbrechenden Werkes war fertiggeworden. Merkwürdigerweise musste sich Arnoldo Bellemonti nicht einmal beim Gesang des Hurveniks die Ohren zuhalten, dies musste wohl daran liegen, dass der Dirigent, ebenso wie der Hausmeister des Weentbehler Staatstheaters, seit langem schon stocktaub war. Möglicherweise handelt es sich hierbei um eine Art Berufskrankheit.
Am Nachmittag schon kam Marianne zurück in Nicht von Ungefährs Büro. Gerade hatte sich der Detektiv niedergesetzt, um sich dem täglichen Ritual von Alkohol und Nikotinzufuhr zu widmen, das er für so unerlässlich hielt für das Handwerk, das er eigens für sich selbst kreiert hatte, da kam Marianne einfach ohne anzuklopfen hereingeschneit.
„Oh, Malzwhiskey!“, rief sie gleich darauf aus, als sie den käsigweißen Nicht in seinem Sessel sitzend, halb ohnmächtig vorfand. „Und Zigarren! Das ist jetzt genau das Richtige!“ Ohne überhaupt auf die Idee zu kommen, nachzufragen, steckte sie sich eine der Zigarren in den breiten Mund und fand auch rasch ein Glas, das sie bis zum Eichstrich einschenkte.
Nicht von Ungefähr betrachtete die oberste Putzfrau des Kontinents; ihm wurde beinahe noch einmal schwindlig, als er sie wie besessen an dem Stumpen ziehen sah, dessen glühendes Ende sich in Windeseile ihrem Mund zu nähern schien. Sie trug unter einem Strickwestchen ein beiges Kleid mit einer Art Muster, von dem Nicht nicht hätte sagen können, was es darstellte. Darunter lugte ein weißes Unterkleid hervor, welches jedoch zerrissen zu sein schien, und noch dazu mit schwarzen, schmierigen Flecken bedeckt war. Marianne, die seinen Blick bemerkt hatte, meinte nur: „Bin in der Kette hängengeblieben, da sollte er sich aber wirklich mal was überlegen, der Herr Minister!“
Nicht von Ungefähr schien kein Wort verstanden zu haben. Endlich hatte er sich wieder berappelt und erkundigte sich danach, ob es Marianne gelungen war, von einem oder einer der Hausangestellten, etwas über die Gepflogenheiten der von Fallerslebens herauszufinden.
„Tja“, begann die reichsverweserische Reinigungsfachkraft, „das war gar nicht so einfach, mein lieber Nicht. Aber ...“
„Na, dann rück schon mit der Sprache raus, Marianne!“ Diese Frau hatte eine Art am Leibe, die einen in den Wahnsinn treiben konnte, fiel Nicht wieder einmal auf. Kein Wunder, dass sie nie geheiratet hat, oder war sie etwa verwitwet und hatte womöglich schon mehrere Ehemänner in ein frühes Grab gebracht? Seltsamerweise wusste Nicht so gut wie nichts von Mariannes Privatleben. Selbst wenn sie sich im 'Tschooker‘ zusammen mit Humphrey und dem Uhrmachermeister Stundenruh auf eine Partie Rommee trafen, war die Rede bisher nie auf ihre Lebensumstände gekommen. 'Vielleicht war sie früher ja ein dufter Käfer gewesen, wie man in den anrüchigeren Etablissements wohl sagen dürfte?' Was im Übrigen ein vollendeter Blödsinn ist, so lyrisch drückt man sich dort nun wirklich nicht aus! 'Ob sie wohl etwas zu verbergen hatte?' All diese vollkommen nutzlosen Gedanken gingen dem Detektiv innerhalb von Millisekunden durch den hübschen Kopf.
„Na gut“, begann endlich Marianne und hielt ihm das leere Glas hin, welches Nicht nun zu einem Drittel füllen wollte, aber erst, nachdem es halbvoll war, erfolgte ein zufriedenes Nicken des grauen Lockenkopfes mit der Moppfrisur. „Ich war so um zehn Uhr endlich vor Ort, unterwegs war mir einmal die Kette vom Ritzel gerutscht, das System ist irgendwie doch noch nicht so ausgegoren, wie der Herr Minister meint. Aber ich hab‘ da schon eine Idee, es müßte reichen, wenn man mittels eines Langlochs, die Achse des Hinterrades ein kleines Stückchen weiter nach unten bringen könnte, dann ...“
„Marianne!“ Der Detektiv wurde nun langsam aber sicher etwas ungeduldig.
„Gut, schon gut! Ihr jungen Leute habt es aber auch immer eilig! Ich legte mich also hinter einer Hecke, allerdings stehenderweise, auf die Lauer und behielt eine geschlagene Stunde den Hintereingang des Fallerslebenschen Anwesens im Auge. Irgendwann kam ein Knabe heraus, der die Möpse ausführen sollte. Die haben sieben Stück von diesen kleinen, hässlichen Kläffern, kannst du dir das vorstellen? Na egal …, hättest du vielleicht noch einen von diesen Stumpen?“
Nicht von Ungefähr stand vom Stuhl hinter seinem Schreibtisch auf, reichte Marianne eines dieser Stinkestäbchen, gab ihr Feuer und lief hinüber zum Fenster, das auf den Hinterhof hinabblickte und riss es sperrangelweit auf; er hatte langsam das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen.
„Aber dann", fuhr Marianne endlich fort, "nochmal eine halbe Stunde später, verließ eine Frau in den besten Jahren im landläufigen Dienstbotenkostüm den Hintereingang und kam direkt auf mein Versteck zu. Ich trat hervor und tat so, als ob ich mir den Schnürsenkel binden müsste, dabei ließ ich meinen Schlüsselbund aufs Pflaster fallen, gerade als sie vorübergehen wollte. Daraufhin sprach sie mich direkt an, kein Wunder, an meinem Schlüsselbund befinden sich an die hundertfünfzig Schlüssel und Schlüsselchen. Der ehemals kaiserliche Palast ist nun einmal nicht das allerkleinste Wohngebäude der Stadt.“
Tja, viele, viele Schlüssel und viele, viele Schlösser, dachte Nicht von Ungefähr amüsiert, dennoch hatte er selbst vor etwa drei Monaten nächtens beinahe problemlos hinauf ins Amtszimmers des Reichsverwesers gelangen können.
„Jedenfalls musste ich mir, nachdem ich mich nach ihrer Herrschaft erkundigt hatte, ich täuschte eine geradezu unmäßige Neugierde vor, eine geschlagene halbe Stunde all den Klatsch und Tratsch anhören, den man genausogut auch im ‚Goldenen Blättchen‘ hätte lesen können. Wir haben schließlich eines der Kaffeehäuser in der Innenstadt aufgesucht, da Mathilde heute ihren freien Tag hatte.“
„Mathilde?“, fragte Nicht von Ungefähr, dessen Gedanken des Öfteren zum Abschweifen neigten.
„Na, das Dienstmädchen der Fallerslebens. Hörst du mir denn überhaupt zu?“
„Ja doch, Mathilde, klar!“, stammelte der Detektiv und bemühte sich dabei ein konzentriertes Gesicht zu machen.
Wirklich konnte sich Nicht von Ungefähr keinen rechten Reim auf die Informationen machen, mit denen Marianne nun aufwartete. Außerdem berichtete sie von all den Liebesaffären, die die unterschiedlichen Kinder der Familie unterhielten, auf eine Art und Weise, die ihre vorherige Behauptung, sich dieses nur mit Widerwillen angehört zu haben, ad absurdum führte. Mariannes Augen hatten begonnen seltsam zu strahlen, als sie erzählte, wie die arme Mathilde den Erstgeborenen des Grafen, Leonard, in flagranti mit einem jungen Mann im Bett erwischt hatte. All dies aber war Nicht von Ungefähr gänzlich egal. Seine Gedanken begannen schon wieder abzuschweifen; vom offenen Fenster her tönten die jauchzenden Ausrufe spielender Kinder herauf, bald würde es Zeit fürs Abendessen sein und dann aber ab in die Falle. Doch plötzlich meldeten seine Ohren ihm, dass sich irgendetwas im Tonfall von Marianne verändert hatte, und er horchte auf.
„...es war, als ob Geister mit den Ketten rasselten, mit denen sie noch hier auf unserem großen Pfannkuchen festgehalten werden, da sie sich sündig gemacht haben und ihnen nun das Himmelreich verwehrt bleiben würde!“ Die Putzkraft hatte diese Worte auf eine spöttische Art betont. Nicht vermutete in Marianne eine unbekehrbare Atheistin. „Und noch dazu hätten die Stimmen dieser Geister noch ein gequältes Stöhnen von sich gegeben.“
„In dem alten Lagerhaus?“, der Detektiv erinnerte sich, dass Marianne kurz zuvor solch ein Gebäude erwähnt hatte, dass weit außerhalb des Zentrums, am äußersten Rand Lachapelles, im Norden der Stadt also, lag. „Stöhnen und Kettenrasseln?“
„Ja doch, aber ich denke, die Gute hat sich das lediglich eingebildet, sie kommt mir vor, wie eine von denen, die wegen jedem Pipifax gleich zum Herrn Pfarrer rennen, um sich die Beichte abnehmen zu lassen. Am besten noch von so einem fetten, verfressenen Kerl, der sich am Inhalt des Klingelbeutels ausgiebig bedient!“
'Eindeutig eine handfeste Gottesleugnerin, unsere Marianne. Hoffentlich kam dies nicht einmal dem Erzbischof von Weentbehl-Lachapelle zu Ohren. Na ja, den Titel oberste Putzfrau des Kontinents hatte sich Marianne wohl selbst verliehen. Eine so wichtige, für die Regierungsgeschäfte des Herrn Reichverwesers unverzichtbare Person war sie nun auch wieder nicht,' dachte der Detektiv.
„Und sie wollte diesen Dingen nicht auf den Grund gehen?“, fragte er schließlich.
„Ach, wo denkst du hin, sie und Heiner, der Hilfskutscher haben gemacht, dass sie von da wegkommen! Sie haben das alte Porzellanservice geschnappt, das sie von dort abholen sollten und haben sich in Windeseile vom Acker gemacht. Stehenden Hufes, sozusagen!“
„Aber du weißt wohl nicht, wo sich dieses Anwesen genau befindet?“
„Na, du weißt vielleicht, wo früher das Zeughaus der Stadt gelegen war?“
„Das ehemalige Waffenlager zur Verteidigung von Weentbehl vor den nordischen Fürsten?“
„Genau, vor zweihundert Jahren, als sich die Nordallianz unter Führung dieses blonden Riesen, der ein wenig wie ein Berggorilla aussah ...“
„Lord Lanchester, ich nehme an, du sprichst von dem?“
„Genau, der Albinoaffe!“
Nach der Niederlage Lord Lanchesters, die zur Inhaftierung des armen Kerls auf Lebenszeit führte, hatten die Schlachten und Historienmaler jener Zeit den Fürsten tatsächlich immer wieder äußerst affenähnlich dargestellt. Auf manchen der Ölschinken schien er überhaupt keine Stirn zu haben, woran man sehen kann, dass die Siegerjustiz auch vor der hohen Kunst nicht immer Halt macht. Nun wusste Nicht von Ungefähr, wo das Gebäude, um das es hier ging, sich in Lachapelle befand. Diesem Gemäuer würde er heute Nacht einmal einen Besuch abstatten.
Nachdem der Detektiv die gute Marianne verabschiedet, und ihr angeraten hatte, besser in ihrem Zustand nicht mehr auf dieses selbstmörderische Vehikel zu steigen, trat er wieder zum Fenster, wo er schließlich eine recht wackelige Abfahrt der obersten Putzfrau des Kontinents beobachten konnte.
‚Seltsame Geschichte das‘, dachte Nicht von Ungefähr. ‚Stöhnen und Kettenrasseln. Dennoch sollte man dem eventuell einmal nachgehen.‘ Er blickte noch einmal die Notizen durch, die er sich zu seinem letzten Fall gemacht hatte, den er heute Abend zum Abschluss bringen wollte. Eine leidige Ehebruchsache, es war immer dasselbe!
Als er sich diesen Beruf ausgedacht hatte, glaubte er anfangs, dass alles irgendwie abenteuerlicher sein würde. Gut, die Suche nach seinem Erzeuger, die der Anlass für seine Berufswahl im Eigentlichen ja gewesen war, hatte ihn schon ein paarmal in brenzlige Situationen gebracht. Der Umgang, den der selige Clown Zaparello pflegte, war nicht immer der Allerbeste gewesen. Noch dazu hatte dieser auf dem gesamten Kontinent Schuldenberge angehäuft. Meist war er selbst, wenn er Erkundigungen nach dem Verbleib des Vaters einzog, für einen der vielen Gläubiger gehalten worden, der einfach sein Geld wiederhaben wollte und deshalb so hartnäckig dem Clown auf den Fersen war.
Aber der ganz normale Arbeitsalltag stellte sich dann später als wesentlich langweiliger heraus, als Nicht sich das ursprünglich vorgestellt hatte. Meist war er hinter irgendeinem Frauenzimmer her, das auf Abwege geraten war. Merkwürdigerweise wurde er meist von seiner eigenen Gesellschaftsklasse engagiert, was sich zuallererst Nicht gar nicht wusste zu erklären, bis ihm einfiel, dass die Lords und Ladies eher einem der ihrigen so weit vertrauten, dass nichts, was ihm vom Treiben der betreffenden adligen Familie bekannt wurde, an die Presse weitergeleitet würde. Insbesondere an das Goldene Blättchen hätte der Detektiv mittlerweile durchaus schon einige Geschichten vermitteln können. Die zweifelhaften Herrn Redakteure dieser Institution würden sich nach solchen Skandälchen die Finger lecken. Jedoch wäre solch ein Vertrauensbruch Nicht niemals in den Sinn gekommen, insofern schätzten ihn seine Klienten durchaus richtig ein.
Ja, wirklich hatten mittlerweile einige, wenige Male sogar adlige Damen seine Dienste in Anspruch genommen, auch in diesen Fällen handelte es sich selbstverständlich um Ehebruchsachen. Nicht hatte festgestellt, dass dies aber immer nur vorkam, wenn es sich bei der weiblichen Person um eine echte Herzogin oder Contessa handelte, die einen ganz simplen Von oder Zu zu ihrem Ehemann gemacht hatte. Meist ging es darum, den Kerl ein für allemal loszuwerden, und wirklich gaben die Gerichte zumeist den betrogenen Frauen recht und die Herren konnten sich auf ihr meist winziges Landgut zurückziehen und den Adelstitel an einen rostigen Nagel in der Wand eines ihrer Schweineställe hängen. Gut, nur zweimal war es vorgekommen, dass ihn eine Frauensperson zu diesem Zweck engagiert hatte, doch glaubte er, dennoch schon ein Muster erkennen zu können.
Heute allerdings war es ein Graf Omellettin, der seine Frau hatte beschatten lassen. Und wirklich war es Nicht gelungen, herauszufinden, dass die gute Edwina sich tatsächlich einen Liebhaber hielt, sozusagen eine Art männlicher Mätresse, oder müsste es etwa Matreur heißen? Die vornehme welsche Sprache hatte Nicht von Ungefähr, ungeachtet seiner hervorragenden Ausbildung, immer erhebliche Probleme bereitet. Jedenfalls sollte er um Acht mit dem Mann zusammentreffen, dann könnte er ihm darlegen, was er recherchiert hat, und eine nicht unerhebliche Summe kassieren. Man glaubt gar nicht, was die Leute alles so springen lassen, um einer untreuen Gefährtin ledig zu werden? Im Grunde ersparten sich die Kerle dann auch die Unterhaltskosten für das untreue Eheweib, allerdings würden sie bei einer neuerlichen Verheiratung mindestens die gleiche Summe an die Hl. Kirche entrichten müssen, die sich immer wieder zögerlich verhielt, eine Scheidung zu akzeptieren. Auch der Paabst auf seiner Vatikaninsel wollte schließlich leben.
Das Treffen mit dem Grafen Omellettin sollte in einer der eher finsteren Spelunken Weentbehls stattfinden. Der adlige Herr wollte wohl keinesfalls das Risiko eingehen, in einem der Clubs oder der Lokale für die Bessergestellten mit Nicht von Ungefähr gesehen zu werden und noch dazu sich dabei beobachten zu lassen, wenn Kuverts ausgetauscht würden. Es hatte sich in den Kreisen, denen der Detektiv immerhin ja selbst angehörte, herumgesprochen, mit welchen Dingen er sich zum Verdienst seines Lebensunterhalts beschäftigte, und hierüber rümpfte man, was nicht verwunderlich ist, die feine, edle Adlernase. Das Herumschnüffeln in internen Familienangelegenheiten stieß im Grunde allgemein auf Missfallen. Dennoch konnte sich Nicht nicht über Mangel an Kundschaft gerade aus dieser, seiner gesellschaftlichen Klasse beschweren.
Die ‚Lorelumpe‘ war, wie man sich denken kann, eine Spelunke ganz in der Nähe der Hafenanlagen. Auf dem Weent wurde mittels der Dampfschifffahrt so einiges an Warenverkehr abgewickelt, ob es sich um Stoffe aus den skötischen Landen handelte, oder gar um Importe von den Inseln; Waren, die zumeist im Hafen von Brisbane auf die kleineren Flussdampfer umgeladen wurden. Bei der Lorelumpe handelte es sich im Übrigen um eine Sagengestalt, die dereinst auf einem Felsen im Flusse Weent sitzend, sich ihr feuerrotes Haar kämmend, die Männerwelt, insbesondere diejenigen, die auf diesem fließenden Gewässer unterwegs waren, also die Fischer und Süßwassermatrosen, zu sich lockte, um sie mit sich hinunter auf den Boden des Weent zu nehmen, um schließlich niemals mehr gesehen zu werden. Der Sage nach, wurde man auf dem Grund des Flusses dem zukünftigen Schwiegervater, dem alten Flippflopp vorgestellt, der einem mit dem Dreizack, den er immer mit sich herumtrug, schließlich bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust stochern würde. Böse Zungen unter den Mythenforschern behaupten jedoch, herausgefunden zu haben, dass damals, zu Zeiten also, die fern jeglicher Überlieferung liegen, die Prostitution im gesellschaftlichen Leben in besonderem Maße erblüht war, nicht umsonst spricht man schließlich vom ältesten Gewerbe auf dem Pfannkuchen, und dass es sich bei der sagenhaften Lorelumpe um eine Hure gehandelt habe, die die Männer zu sich lockte und sie am Ende von ihrem Zuhälter erschlagen ließ. Aber diese Theorie ist wegen ihrer unerträglichen Profanität allgemein verpönt.
Obwohl die Gestalt der Lorelumpe sich bei den Touristen, die die Metropole besuchten, immer noch allgemeiner Beliebtheit erfreute, jedes Jahr besuchten tausende von Menschen das kupferne Denkmal der Nymphe am Ufer des Weent, handelte es sich bei dem Lokal am Hafen keineswegs um ein Etablissement, welches aufzusuchen, Provinzlern anzuraten gewesen wäre. Auch Nicht von Ungefähr wunderte sich über die Wahl der Kaschemme als Treffpunkt, entweder wusste Omellettin nicht was er tat, oder es handelte sich bei dem Mann um ein besonders kühnes Exemplar seiner Gattung.
Der Detektiv hatte sich eigens zu diesem Anlass in einen etwas fadenscheinigen, alten Mantel gehüllt, der ihm eigentlich für die Jahreszeit als zu dick erschien, doch hatte es sich, als die Sonne im Westen untergegangen war, so weit abgekühlt, dass er froh war, sich für diese Art Tarnung entschieden zu haben. Das Lokal war um fünf Minuten vor Acht schon gut besetzt, nur noch ein winziges Tischchen in der Nähe des Hinterausgangs, wo es zu den Latrinen ging, war frei und Nicht ließ sich dort nieder, nachdem er sich einen Humpen Spalterbräu, ein paar Münzen auf die Theke werfend, geholt hatte. Niemand beachtete ihn, so wie auch er so tat, als würde er sich für seine Umgebung in keiner Weise interessieren.
Kaum hatte er sich gesetzt, kam auch schon ein zerlumpter Kerl leicht taumelnd, unsicheren Schrittes auf ihn zu. Der Kerl hatte den gebeutelten Hut, in dessen Band eine Taubenfeder steckte, tief ins Gesicht gezogen und mit einiger Verwunderung erkannte Nicht schließlich in dem Subjekt den Grafen Omellettin.
„Graf, um Himmels Willen!“, entfuhr es dem Detektiv, woraufhin er sich selbst mit der Rechten auf den Mund schlug.
„Ja, ich bin es, mein lieber von Ungefähr! Aber still!“ Bei diesen Worten hatte Omellettin sein Bierglas erhoben und stieß mit dem Humpen an, der vor Nichts Nase stand. Der Detektiv war sprachlos, dies hätte er dem Grafen nun keineswegs zugetraut, man sollte die Leute einfach nicht unterschätzen. Dann jedoch musste Nicht seine Meinung schon wieder ändern, denn obwohl Omellettins Tarnung wirklich bewunderungswürdig war, brachte er es nicht fertig, seine Nervosität und Unsicherheit in diesem Lokal voller Halunken und Halsabschneider gänzlich abzulegen.
„Gebt mir die Anschrift des Kerls und Eure beglaubigte Aussage, Freiherr! Bringen wir es hinter uns! Mir ist nicht ganz geheuer!“ Bei diesen hektisch geflüsterten Worten sah er sich mehrmals nach allen Seiten um, ein Verhalten, das unbedingt Aufsehen erregen würde, ginge das so weiter.
„Ruhig Graf, ganz locker!“, meinte Nicht von Ungefähr und legte in beruhigender Absicht dem Mann die Hand auf den Unterarm, der sofort zurückzuckte, noch einmal in seine Jackentasche griff und Nicht unter dem Tisch einen Umschlag reichte.
„Mit Spesen waren es doch hundertfünfzig Dukaten, nicht wahr?“, flüsterte Omellettin.
„Genau, Graf!“, meinte der Detektiv und ließ das Kuvert in der Manteltasche verschwinden. Die Einführung dieses Papiergeldes war eine großartige Idee unseres jugendlichen Finanzministers, dachte Nicht. Schrecklich, wenn man wie früher ständig, wie es die meisten, selbst die Einwohner hier in der Metropole, immer noch taten, Geldbeutel mit schweren Münzen mit sich herumschleppen müsste.
„Ich gehe dann lieber wieder“, sagte Graf Omellettin. "Ich habe dieses konspirative Treffen für eine großartige Idee gehalten, habe es mir aber weniger abenteuerlich vorgestellt, wie ich gestehen muß.“ Bei diesen Worten war Omellettin aufgestanden, stracks durch das Lokal geeilt und gleich darauf verschwunden. ‚Seltsamer Kerl‘, dachte Nicht. 'Er hätte doch einfach in mein Büro kommen können.‘
Wirklich hatte der Graf Omellettin die Stärke seines Nervenkostüms arg überschätzt. Er war einer dieser Abonnenten der Serien von Schundliteratur, wie sie auch in den Wochenendausgaben des Weentbehler Anzeigers immer wieder abgedruckt werden, und tatsächlich hatte er sich in den Gedanken verliebt, sich einmal tief hinab in die Gosse zu begeben, wie es in diesen Heftchen in romantischer Verklärung immer so schön geschildert wurde. Die Wirklichkeit jedoch hatte alle Erwartungen des Grafen übertroffen.
„Hihihi“, Nicht musste leise in sich hineinkichern. ‚Welch ein Weichei‘, dachte er noch und befand, dass dies eine äußerst treffende Bezeichnung für den Grafen Omellettin sei.
Niemand kümmerte sich um Nicht, als er sich an diesem weit vom Geschehen entfernten Platz die Muse nahm, sein Bier in Ruhe auszutrinken und dabei die Leute zu beobachten. Hier war aber auch ein schönes Lumpengesindel zusammengekommen, dies würden zumindest die meisten seiner, Nicht von Ungefährs Klasse wohl denken, wenn es sie in dieses Lokal verschlagen hätte. Wirklich machten die allermeisten Männer und die wenigen Frauen, die sich um die Theke vorne drängten, nicht gerade einen besonders wohlanständigen Eindruck. Anscheinend hatten einige schon zu dieser recht frühen abendlichen Stunde dem Schnaps etwas zu ausgiebig zugesprochen und taten dies immer noch. Nicht hatte das Gefühl, dass es von Minute zu Minute lauter wurde. Runden wurden bestellt, die ersten Sauflieder zaghaft angestimmt, als jetzt ein Akkordeonspieler von der Straße hereinkam, der anscheinend sein Tagwerk als blinder Bettler in einem anderen Teil der Metropole beendet hatte und nun die getönte Brille abnahm und diejenigen Gassenhauer zu spielen begann, die der Zuhörerschaft auf der vornehmen Einkaufsmeile wegen ihrer anrüchigen Texte eher weniger zuzumuten gewesen waren. Bald wurde eifrig mitgegrölt, die Gesichter der Kerle wurden von Minute zu Minute röter, hatte Nicht den Eindruck, entweder sollten sie zwischendurch das Atmen nicht vergessen, oder es lag am schwarzgebrannten Wacholder, für welchen das Lokal in Trinkerkreisen berühmt-berüchtigt war. Das Zeug stand in dem Ruf blind zu machen, allerdings war es dem einzigen Blinden im Raum, nachdem er die dunkle Brille abgenommen hatte, immerhin möglich, sich zwischenzeitlich problemlos einen dicken Stumpen anzustecken.
Nicht von Ungefähr wollte gerade gehen, da öffnete sich erneut die Tür des Gasthauses und herein spazierte an der brüllenden Horde vorbei ein Mann, dessen Aufmachung in keiner Weise hier hineinpassen wollte. Wenn dem gutgekleideten Herrn jedoch misstrauische Blicke begegneten, so schien er von der Mehrheit der Gäste gleich als bekanntes Gesicht eingeordnet zu werden und man schenkte dem Neuankömmling keinerlei Beachtung mehr.
‚Interessant‘, dachte Nicht von Ungefähr, und setzte sich gleich wieder, obwohl er schon nach seinem Hut greifen und aufstehen hatte wollen. Kurz nachdem sich der Gentleman in einer Nische unweit des Tisches des Detektivs niedergelassen hatte, kam alsbald einer der Zecher und setzte sich dem Mann gegenüber. Es handelte sich um einen riesigen Kerl, an der dunklen Hautfarbe glaubte Nicht gleich den Seemann zu erkennen. Trotz des rötlich, braunen Teints des Küstenbewohners waren ihm doch viel eher die groben, bäuerlichen Züge eines Mannes aus den Nebelbergen zu eigen. Allerdings war dieses Gesicht durchzogen von einer rot hervorleuchtenden Narbe, die vom rechten Auge hinab bis auf sein ausgeprägtes Kinn verlief und in diesem Verlauf den breiten Mund des Kerls auf absonderliche Weise zu spalten schien. Auch wenn er lächelte, blieb der rechte Mundwinkel immer an seinem Ort, was seinem Gesicht etwas Janusköpfiges verlieh, wie Nicht dachte.
Dann fiel dem Detektiv die verblichene Jacke auf, die der Mann am Leibe trug. Hierbei handelte es sich bei näherem Hinsehen um eine uralte Kapitänsuniform, die Streifen auf den fadenscheinigen Epauletten waren zwar kaum mehr zu erkennen, doch die goldenen Knöpfe besaßen immer noch einen gewissen Glanz, sonst hätte Nicht dieses Kleidungsstück, als das, was es war, niemals identifizieren können.
Der Balken, hinter welchem die Gestalt des Detektivs verborgen war, hatte eine Breite von vielleicht vierzig Zentimetern, wenn Nicht sich etwas vorbeugte, konnte er die Männer, die nur circa fünf Meter von seinem eigenen Platz an der Wand entfernt saßen, gut beobachten. Ärgerlich nur, dass er kein Wort von der Unterhaltung verstehen konnte. Ein wirklich seltsames Paar, dachte Nicht von Ungefähr, dem das Gesicht des Edelmanns die ganze Zeit über schon irgendwie bekannt vorgekommen war. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Welch ein absurder Zufall! Nicht hätte jetzt schwören können, dass es sich bei dem Herrn um den Grafen von Fallersleben handelte. Jetzt wusste er auch, wo er erst gestern die hochmütige Visage des Mannes gesehen hatte. War nicht sein Konterfei auf Seite drei im Weentbehler Anzeiger abgebildet gewesen? Mitglied des Oberhauses von genau der Partei, mit welcher auch das Abzeichen, das er in der Bettwäsche des Entführten gefunden hatte, in Zusammenhang stehen musste, der KKP also! Was hatte da nur im Anzeiger gestanden? Zu dumm, er interessierte sich nicht sonderlich für Politik.
Obwohl Nicht von Ungefähr die meisten der Neuerungen, die der Reichsverweser Puntigam in den letzten Jahrzehnten eingeführt hatte, sehr wohl zu schätzen wusste, hielt der Detektiv es nicht für nötig, beim tagespolitischen Geschäft immer auf dem Laufenden zu bleiben. Die verschiedenen politischen Parteien, des Unter-, sowie des Oberhauses, waren ihm immer ein Rätsel geblieben. Oft handelte es sich bei ersteren lediglich um Interessensvertretungen der verschiedenen Zünfte, obwohl sie sich derart hochtrabende Namen verliehen hatten, dass man nur den Kopf hierüber schütteln konnte. 'Partei für solides, nachhaltiges Schuhwerk', Komitee zur Aufrechterhaltung öffentlicher Ordnung und Moral‘, 'Allerhöchste Kirchlichkeits Partei, Merkantiler Küstenverbund zur Belebung der Meere‘, und so weiter, und so fort. Sogar der inzwischen allgemein verpönte Alchimistenverband hatte eine Partei gegründet, den Verein zur Pflege von Forschung und Wissenschaft, und ein einzelner Abgeordneter dieser Organisation hat es doch tatsächlich bis ins Unterhaus geschafft. Böse Zungen behaupten heute noch, man hätte unzählige Wähler nur mit Zuhilfenahme sogenannter Überzeugungstränke dazu bringen können, diesem unsäglichen Verein seine Stimme zu geben. Im Übrigen saß der Magister Alchymus Nietenquartz die meiste Zeit über in der Kantine, die mit einer großen Auswahl alkoholhaltiger Getränke aufwarten konnte.
‚Tatsächlich Graf von Fallersleben, was machte der wohl in dieser Spelunke?‘, dachte Nicht von Ungefähr, der aus dem Augenwinkel heraus die beiden Männer immer noch im Auge behielt. Ein Streit schien sich entsponnen zu haben. Der Narbengesichtige fuchtelte immer wilder mit den Händen, doch konnte dies den Grafen nicht aus der Ruhe bringen. Je mehr sich der Kapitän echauffierte, desto gelangweilter blickte der Adelsmann an dem anderen vorbei. Schließlich legte von Fallersleben ganz offen ein Kuvert auf die zerkraterte Tischplatte und erhob sich gleich darauf. Der andere hörte nicht auf zu zetern, blieb aber sitzen, tippte mit dem Zeigefinger enerviert auf dem Tisch herum und brabbelte weiter in sich hinein.
Als von Fallersleben die Kaschemme verließ, heftete sich Nicht von Ungefähr an dessen Fersen. Der hochgewachsene Mann schritt mit für sein Alter erstaunlich schnellen Schritten aus, beinahe hatte Nicht Mühe mitzuhalten. Schließlich hielt er eine unbesetzte Droschke an und rief dem Kutscher die Adresse zu, die der Detektiv als diejenige der von Fallerslebens erkannte. Nicht beschloss, nicht den Versuch zu unternehmen, den Grafen weiterhin zu verfolgen, er ging davon aus, dass dieser, wäre er erst einmal Zuhause angekommen, dort wohl auch die Nacht über bleiben würde. Daher beschloss er, es für heute gut sein zu lassen. Morgen würde er nochmals versuchen über die Familie weitere Informationen zu erlangen.