Читать книгу Das Orakel von Hahm - Eliandra Murr - Страница 4
1.) Indo und Koperian
ОглавлениеUnendlich erstreckte sich die Dunkelheit, so finster, wie sie selten war. Der Regen peitschte mit seinen großen und kalten Tropfen in die Bäume, deren Blätter der nassen und hart aufschlagenden Kraft des Wassers kaum Widerstand entgegen brachten. Der Wind pfiff schrill und unheimlich durch die nassen und ächzenden Bäume, die bedrohlich zu wanken und kippen schienen. Äste brachen laut krachend ab und flogen durch die unheimliche Finsternis.
Das Unwetter rüttelte unerbittlich am Laubdach, so dass die Nässe furchterregend schnell den Boden des Waldes erreichte und man sah die Hand vor Augen nicht. Rinnsale waren zu kleinen Bächen angeschwollen. Der Boden glich eher einem Moor, als einem festen Untergrund.
Es war eiskalt und unheimlich. Kein Tier wagte sich aus seinem Versteck, kein nächtlich umherziehender Räuber jagte. Außer dem Heulen des Windes und Toben des Sturmes war kein natürlicher Laut zu hören.
Dies hier war keine Nacht wie die anderen zuvor, nein. Es war keine gute Nacht.
Etwas Furchtbares, etwas von Furcht getriebenes lag in der Luft. Doch keiner ahnte, was dies war.
Mit der morgendlichen Helligkeit ließ der Regen schlagartig nach. Die Wolken rissen auf und die Sonne trat zögerlich, aber wohltuend und wärmend heraus. Der Tag begann, als wäre nichts gewesen.
Indo saß da und schüttelte den Kopf:
„So eine Nacht! So schlimm, so grauenhaft!
Ich hab kein Auge zugemacht!
Hab manch Gewitter schon erlebt ….“
Das kleine Wesen macht eine Pause, so als fehlten ihm die Worte. Er seufzte tief und fuhr dann fort:
„Doch in dieser Nacht, so glaubte ich,
fänd ich den Tod! Ganz sicherlich.
Meine Angst so groß,
das Gewitter so nah….
Koperian? Was war das bloß?
Kann ich glauben, was ich da sah?"
Der kleine Gambur, eine Koboldunterart, fröstelte bei den Gedanken an die letzte Nacht. Das ellenlange Kerlchen begann sein dunkles, silbergraues Fell zu putzen. Dann legte er, wie es sonst bei Katzen üblich ist seinen ebenso langen und buschigen Schweif um sich herum und stocherte mit seinem dürren, langen Fingern im Frühstück.
Der Gambur hatte die Statur eines jungen schlanken Halbaffen. Sein Fell war am Körper kurzhaarig und am Schwanz lang und buschig. Er hatte spitze lange Ohren, an deren Enden jeweils ein Büschel langer schwarzer Harre wegstand. Sein Gesicht glich dem eines Koboldes und er hatte riesige schwarze, kugelige und warme Augen. Gamburen waren sehr klug und konnten sprechen. Allerdings hatten sie von Natur aus eine etwas, hm, man könnte sagen - extrem poetische Aussprache.
Obwohl mit Kobolden verwandt, waren die Gamburen mit weniger Boshaftigkeit und einem ausgeprägt gutmütigen und treuseligen Charakter ausgestattet. Zudem schlummerten in ihnen bestimmte magische Fähigkeiten, die erst zu Beginn ihrer Reifung zum Erwachsenen anfingen zu wirken und ihnen somit erst während dieser Zeit langsam bewusst wurden.
Indo schob die Holzschale mit Früchten und Korn, die vor ihm stand von sich weg. Er hatte keinen Hunger. Zu tief steckte ihm der Schrecken der Nacht noch in der Seele:
„Hier stimmt `was nicht, das spüre ich."
Koperian, sein Gegenüber, sah nicht auf. Der im Gesicht sehr fein und zierlich geschnittene Elf mit den grünen und intensiven Augen war tief in Gedanken versunken. Auch er schien keinen Hunger zu haben. Träge stocherte er in seinem Holzschälchen herum, als eine seiner rötlichen und langen Locken, die er eher vergeblich zu einem lockeren Zopf zusammen hielt, herabfiel und sich um seinen Löffel wickelte.
Die Stimmung in der Höhle war gedrückt. Es herrschte eine gedrückte Stimmung in der Höhle.
Indo rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und betrachtete seinen „Ziehvater“.
Koperian schreckte hoch, entwirrte langsam Löffel und Locke, blickte hoch und sagte freundlich:
„Komm Indo, lass uns gehen."
Mit eleganten Bewegungen nahm er die zwei Holzschalen auf und warf das Frühstück in das Feuer des Steinherdes, der hoch gemauert im Zentrum der Räumlichkeit der Beiden stand.
Ihr zu Hause, eine große runde und behaglich mit Fellen, Webteppichen und vielen verschiedenen Bündeln zu trocknender Kräuter eingerichtete Höhle, hatte Koperian vor langer Zeit aus einer natürlichen Ausbuchtung des massiven Felsens des Obanisch-Gebirges geschlagen. Die offene Vorderfront hatte der Elf dann mit dicken und stabilen Holzbalken geschlossen und mit einer massiven, gut verschließbaren Holztür und einer ebenso kleinen, mit einer Klappe versehenen Fensterluke gestaltet.
Der Eingang der Höhle führte vom Felsmassiv weg in das dichte und Wildnis versprechende Waldgebiet von Tasmanorb, so nannten zumindest die Menschen das Gebiet, in dem die zwei Gefährten ihre Wege zogen und lebten.
Weitere kleine, in der Nähe liegende natürliche Höhlen des Felsmassives sorgten zusätzlich für gute Möglichkeiten, in denen Koperian Vorräte wie Holz, Wurzeln, Kräuter und Felle lagern konnte. Auch diese hatte er in den letzten Jahrzehnten mit Türen versehen, um wilde Tiere von seinen Vorräten fern zu halten.
Koperian lebte schon lange bevor der kleine Gambur dem Elfen begegnet war, als Einsiedler in Tasmanorb. Er unterzog sich der druidischen Schule der Wildnis, welcher er als sein Studium und sein Leben bezeichnete. Über seine wirkliche Herkunft und Kinderstube schwieg sich der rothaarige Druide aus. Indo vermutete, dass Koperian ein Elf aus dem legendären Elfenstaat Saraganthiél von Tasmanorb war, von dem man nur noch aus wenigen und sehr alten Liedern und Erzählungen wusste.
Einst wohl ein sehr reicher und bekannter Elfenstaat und in vielen Liedern besungen und bestaunt, verschwand er plötzlich aus dem Bewusstsein aller an dem großen Waldgebiet wohnenden menschlichen und nichtmenschlichen Völker. Woran das lag blieb bis heute ein Rätsel. Und die wenigen Elfen, die es in dieser Gegend noch gab, schwiegen sich alle aus.
Koperian machte hierzu keine Ausnahme.
- Die Elfen brauchen wohl solche Geheimnisse -, dachte sich der Gambur und beließ es bei seinen Vermutungen.
Indo beobachtete seinen Ziehvater. Schlank, flink und doch immer elegant bewegte sich der Elf durch das, was seit zwei Jahren ihr gemeinsames zu Hause war.
Während Koperian die Teller säuberte, dachte Indo daran, wie er zu seinem „Ziehvater“ gekommen war.
Indo hatte kaum Erinnerungen an die Zeit, in der er bei Seinesgleichen gelebt hatte. Damals, als noch sehr kleines Kind lebte er mit seinen Eltern und ihrer Gamburensippe etwa drei Tagesmärsche nördlich von hier, im Hochland von Bandahr. Das Hochland setzte sich aus vielen kleinen Bachläufen und den felsigen Ausläufern des Bandarer-Gebirges zusammen. Der Boden war karg und die Gamburen lebten hauptsächlich von den dornigen und kleinen Kräutern und Büschen der Umgebung und von Fisch. Sie hausten in Höhlen und Nischen, die der Wind über lange Zeit geschaffen hatte.
Der Fluß Tezeena kam tief aus dem Gebirge und hatte im Hochland schon eine beträchtliche Größe erreicht. An den Ufern des Flusses trafen sich die Gamburen und ließen ihre Kinder herumtollen. Koperian kam damals regelmäßig in diese Gegend, um die dortige Vegetation und die Halbkobolde zu studieren. Er hielt sich dabei stets abseits und von den Halbkobolden unbemerkt.
Dann, an dem einen schicksalshaften Tag, den Indo in seinem Leben nie wieder vergessen würde, verfinsterte sich plötzlich der Himmel. Ein riesiger Schwarm Esmodihlen, aggressive aus dem Gebirge kommende Kleindrachen, landeten am Tezeena genau dort, wo die Gamburen zu Hause waren. Die Esmodihlen schrien laut und schrill durcheinander und waren sehr aufgebracht. Manche bluteten, einige torkelten nur durch die Luft und viele von ihnen schienen rasend vor Wut.
Überraschend und blitzartig schossen sie vom Himmel herab und setzten alles, was sie sahen, mit ihrem Feueratem im Brand. Sie stürzten herab und stießen ihre langen und scharfen Krallen in die Körper der Gamburen und trugen diese unter grausigem Geschrei hinweg.
Rasch breitete sich das Feuer in dem trockenen Gestrüpp aus. Der Wind schien es förmlich vor sich herzutreiben. Die entstehende Feuerwand schnitt den entsetzt fliehenden Halbkobolden den Weg zu ihren Höhlen ab und trieb sie auf die offene Ebene oder in das Wasser des Tezeena. Die Esmodihlen hatten leichtes Spiel: Sie töteten fast alle Gamburen.
Die Wenigen, welche in den Teezena sprangen, überlebten den flammenden Atem der Esmodihlen und flohen später nach Tasmanorb hinein.
So ein furchtbares Gemetzel hatte Koperian noch nie gesehen. Die Kleindrachen raubten und verbrannten alle Gamburen, die nicht schnell genug das Weite suchen konnten. Indos Vater war eines der ersten Opfer. Die Mutter des kleinen Hablkoboldes schnappte ihn unter Todesangst, jagte mit ihren kleinen Sohn wie wild nach links und rechts, bis sie plötzlich das rettende Wasser erspähte. Noch in dem Moment, in dem sie ihr kleines Bündel vor sich her trug und dann in das Wasser gleiten lies, gruben sich große und grobe Krallen tief in ihr Fleisch und trugen sie schreiend davon. Das kleine Gamburenkind glitt vom Ufer ins Wasser und versank, während es langsam von den regelmäßig schlagenden Wellen mitgezogen wurde.
Koperian glitt leise aus seinem Versteck in das kalte Wasser und tauchte nach dem Bündel. Mit einem Ruck zog er den kleinen Kerl an die Luft und floh mit ihm nach Tasmanorb hinein.
Indo versuchte sich Bilder seiner Eltern aus seiner Erinnerung hochzuholen, doch sie verblassten immer mehr. Nun war Koperian sein Freund, Vater, sein Ein und Alles.
Der Tisch vor ihm war inzwischen abgeräumt und sauber, als Indo aus seinen Gedanken hoch schreckte. Koperian hatte bereits seine Lederstiefel und seinen Umhang angezogen und seine Jagdtasche gepackt. Er ergriff Pfeil und Bogen, seine von Elfenschmieden magisch gehärtete, ganz aus Eichenholz gearbeitet Machete, seinen Wanderstab und war bereit zu seinen gewohnten Rundgang durch den Wald aufzubrechen. Der Gambur sputete sich, auf die Schultern des Elfen zu kommen, um mitgenommen zu werden.
Sie traten aus der Höhle ins Freie. Auf der kleinen Lichtung vor ihrem Wohnort spiegelten sich die Sonnenstrahlen im Tau der Blätter auf unnatürlich stumpfe Art und Weise. Ein paar Schmetterlinge wirbelten um die sich gerade öffnenden Blüten der Blumen und Sträucher.
Es musste in dieser Nacht sehr gestürmt und sehr viel geregnet haben. Der Platz vor der Höhle erschien wie eine riesige Pfütze. Koperian versank bis zu den Knien im Schlamm. Indo war froh über seinen trockenen Platz auf den Schultern des Freundes. Er verstand nicht, warum der Elf nicht zauberte, um sich das Gehen in diesem Morast zu erleichtern und stattdessen auf sich nahm, drch den Schlamm zu waten. Aber Koperian hatte wiederholt aufs heftigste betont, das Wirken von Magie nur für den Notfall vorgesehen war.
- Naja -, dachte der Gambur, - es waren ja nicht Indos Füße, die nass und dreckig wurden. Koperian würde wohl erst zu zaubern beginnen, wenn er bis zu Hals im Schlamm versunken war. -
Der Elf stapfte prustend, unter viel Anstrengung durch den Morast zum gegenüberliegenden Waldrand. Dort führte ein kleiner Pfad zum Dickicht.
Indo fing an, sich auf den Schultern des Freundes gemütlich, aber demonstrativ zu putzen.
„Ja, ja Indo, ich weiß", lächelte der Elf.
„Du würdest an meiner Stelle jetzt eines leichteren Schrittes wandeln. Lass dir etwas Neues einfallen Gambur", sagte er liebevoll.
„Mit euch Langbeinern ist eben nicht zu reden.
Was würd ich für ein bisschen Einsicht bei dir geben.",
entgegnete Indo, und fügte nach einer kleinen Weile hinzu:
„Was hätt ich gerne dieses Talent!
Den Nutzen des Zauberns DU nie erkennst."
Koperian lächelte geheimnisvoll und schwieg. Bald würde Indo seine Kräfte entdecken und zu diesem Thema etwas weniger vorlaut sein. Als sie sich dem Waldrand näherten, wurde der Boden wieder etwas fester und der Druide kam besser voran. Allerdings wirkte das Blattwerk wie ein nasser Schwamm. Koperian zog die Kapuze seines Mantels tief ins Gesicht. Indo schlüpfte mit hinein und wickelte sich um den Hals des Elfen. Zwar wurde der Umhang von außen nass und schwer, aber im Inneren hielt er alles trocken und warm. Der Druide stapfte auf seinem gewohnten Weg durch das Dickicht, sammelte hier und da Pflanzen und Beeren, hielt nach bestimmten Tieren Ausschau und beobachtete die verschiedensten Spuren und Tierpfade auf dem Waldboden. Da er auf seinem gewohnten Weg, den er mit der Machete frei geschlagen hatte, leicht vorankam, konnte er seine alltäglichen Wanderungen über ein großes Areal von Tasmanorb ausdehnen. Selten plante er jetzt, wie er es früher häufig getan hatte, große mehrtägige Wanderungen.
Koperian kannte die Umgebung wie seine Westentasche. Er kannte jedes Tier, wusste, wie viele Nachkommen zu erwarten waren und welche Tiere starben oder weg zogen. Jeden Tag verfolgte er das Treiben im Wald und konnte aus jedem kleinsten Zeichen, wie zum Beispiel aus einem umgeknickten Ast ersehen, ob da ein Tier vorbei gegangen war, oder gefressen hatte. Auch wusste er meistens, um welches Tier es sich handelte.
Indo war das alles viel zu langweilig. Bei gutem Wetter kletterte er gerne durch das Geäst der Bäume und horchte nach ihm bekannten Lauten und Geräuschen. Bei Regen und Kälte dagegen, döste er lieber unter der Kapuze des Freundes. Manchmal summte er dabei eine Melodie oder erfand kleine Verse, in denen er seinen Freund gerne etwas neckte.
Heute war dem Gamburen das Wetter egal. Er hatte die letzte Nacht nicht viel geschlafen und war müde. Es dauerte nicht lange, da schlief er auch schon tief und fest in der Kapuze Koperians ein. Der Elf hatte große Mühe, Indo, der wie ein nasser Sack auf seinen Schultern lag, davor zu bewahren, herunterzufallen. Immer wieder stieß er den schlafenden kleinen Kerl in die Kapuze zurück.
Koperian sah sich immer wieder, mit besorgter Miene, die nassen Blätter der Bäume und Sträucher an. Das Regenwasser sah nicht normal aus. Alle Pflanzen schienen von einer zähen, grauen Flüssigkeit überzogen zu sein und langsam abzusterben. Er hörte kaum einen Vogel oder ein anderes Tier. Alles wirkte wie ausgestorben.
Trotz dieser stürmischen Nacht, war Koperians eigener Trampelpfad ordentlich geblieben und schien wie von einem Besen ausgekehrt worden zu sein. Der Druide beschloss sehr wachsam zu sein und nur einen kurzen Rundgang zu machen. Nach drei Stunden erreichten sie den kleinen, vom Fluss Tezeena gespeisten See. Der Fluss kam aus dem Bandarer-Gebirge und floss hinunter nach Tasmanorb.
Der Tezeena-See lag idyllisch in einer kleinen Talsenke, in welche der Gebirgsfluss über einen großen Wasserfall tosend hinab stürzte.
Die Feen, die hier lebten nannten diesen Wasserfall Flawoor. Um den Tezeena-See blühte es fast das ganze Jahr. und die Tiere und Pflanzen dieser Gegend hatten, seit der Druide sie kannte, noch nie schlechte Zeiten erlebt. Die Feen von Flawoor, wie sie sich selber nannten, waren sehr stolz auf ihre hohe Kultur, ihre vielen Feste und Gesänge. Koperian und Indo waren schon oft von den kleinen fliegenden, etwa eine Handspanne großen Wesen zu Festen eingeladen worden und der Druide war inzwischen ein guter Freund des Feenkönigs Koran Sminda. Aber heute sah das Tal eher grau und trostlos aus. Auch hier schienen die Pflanzen zu sterben, und das sonst so kristallklare Wasser des Sees sah wie eine giftige, schleimige Brühe aus.
„Was war das bloß für eine Nacht?" fragt sich Koperian erschüttert. „Was geschieht hier bloß? Alles stirbt.“
Der Elf runzelte die Stirn.
- Vielleicht wussten die Feen mehr über diesen seltsamen Regen -, dachte er und bahnte sich seinen Weg durch die Büsche, die um den See wuchsen.
Dort wo er sonst immer ausgelassen singende und mit einander spielende Feen angetroffen hatte, war es totenstill und ihr Platz am Wasserfall war leer.
Als der Elf näher an das Wasser kam, wich er erschrocken zurück. Der See stank. Fische trieben leblos und mit dem Bauch nach oben am Ufer. Kein einziger Vogel war zu sehen, die Pflanzen schienen sich in einem verzweifelten Todeskampf zu winden. Der Druide spürte, wie das Leben vor ihm mit jedem Atemzug, den er machte, starb. Tränen stiegen ihm in die Augen.
„Ein schrecklicher Anblick", kam eine weiche Stimme von hinten. Koperian drehte sich um. Vor ihm flog Sambtwah, eine kleine Fee, kaum größer als eine Hand, umgeben von einer in allen Grüntönen schimmernden Aura. Sambtwah hatte schillernde dunkelblaue Augen und Haare. Ihre Haut leuchtete in einem dunklen Grün. Ihre perlmuttartig schattierten, schmetterlingsartigen Flügel schlugen schnell, um das kleine seltsam anmutige Wesen in der Luft zu halten.
Eng lagen ihr die silbernen Kleider auf der Haut. Nur das kleine Diadem auf ihrer Stirn pendelte im Rhythmus des Fluges hin und her.
Sambtwah sah den Druiden ernst und traurig an. Der Elf antwortete mit einem leichten Kopfnicken auf ihre Feststellung und weckte dabei Indo auf.
Der Gambur reckte sich und schaute umher. Als er die Fee erblickte, hielt er verzaubert in seinen Bewegungen inne. Wie hypnotisiert starrte er auf die Fee.
Koperian gab seinem kleinen Freund einen Stoß mit der Schulter, bis er sich wieder zu regen begann. Vorsichtig lugte Indo aus der Kapuze des Elfen heraus, um Sambtwah zu begrüßen.
Doch als er ihr ernstes Gesicht erblickte, erschrak er.
- So hatte er noch keine Fee erlebt! -
Schnell stammelte er ein schüchternes „Hallo“ und schaute sich um. Der Anblick und der scharfe Geruch des toten Sees trieben den Gamburen wieder tiefer in Koperians Kapuze zurück. Der Druide streckte der Fee seine geöffnete Handfläche entgegen, Sambtwah ließ sich auf ihr nieder. Erwartungsvoll blickte sie zu ihm auf. Beide schwiegen eine Weile.
„Ich grüße dich Koperian, Druide von Tasmanorb", begann die Fee zu sprechen.
„Auch ich grüße dich Sambtwah, vierte Prinzessin von Flawoor", antwortete Koperian.
„Hallo, Indo", rief die Fee in Richtung Kapuze, „heute so verschreckt?"
Indo spitzte aus seinem Versteck hervor und sah die Fee mit großen Augen an.
„Der Situation entspricht der Zeit,
die Zeit ist schlecht
und das Glück ist weit", entschuldigte sich der Gambur für sein misstrauisches Benehmen.
„Du hast Recht Indo, die Zeit ist im Moment sehr schlecht", antwortete die Fee.
Koperian spürte, wie Indo unter seiner Kapuze langsam hervor lugte und wie plötzlich das Gewicht dieses kleinen Kerlchens von den Schultern des Druiden verschwand.
„Vater Sminda ist sehr krank und wir sind alle sehr besorgt um ihn", fuhr Sambtwah leise fort.
Dabei beobachtete sie Indo, besser gesagt die Kapuze des Elfen, die immer größer zu werden schien. Unbehagliches Schweigen machte sich breit.
„Woran leidet König Sminda denn?", fragte Koperian, dem das lange Schweigen peinlich wurde.
„Er stirbt, wie der Wald stirbt. Wir wissen es nicht“, entgegnete die Prinzessin traurig.
„Kann ich irgend etwas tun, ... irgendwie helfen?", fragte der Elf bestürzt.
„Du kannst für uns nicht mehr tun, als Ihwar selbst schon getan hat. Besten Dank, Koperian", Sambtwah sah ihm traurig lächelnd in die Augen.
Ihwar, die Älteste der Feen hatte Koperian schon so viele ihrer Geheimnisse verraten. Und doch hatte sie dem Druiden in ihrem Metier noch so viel voraus. Wenn die Künste Iwahrs nicht mehr ausreichten, dann war hier wirklich etwas nicht in Ordnung.
„Es tut mir leid, dass wir uns unter solchen Umständen wieder sehen", begann die Prinzessin erneut.
„Doch ich bin in Eile", Sambtwah machte eine kleine verlegene Pause.
„Ich will die anderen Hüter des Waldes finden."
Koperian wusste, was die Fee mit ihren Worten gemeint hatte. Feen, Elfen und Einhörner waren die großen magischen Hüter der Wälder. Allein durch ihre Anwesenheit legte sich ein Schutzzauber über Pflanzen und Tiere. Die Waldbewohner solch eines Gebietes waren vor jeglichem Unbill geschützt. Wurde mit dunkler Macht versucht, in diese Wälder einzudringen, dann spürten die Schutzvölker das sofort. Einzigartig an Tasmanorb war, dass hier zumindest zwei dieser Völker wachten und damit den Schutz doppelt gewährten. Es waren die Feen und die Ishahilen, die Einhörner, wie sie bei den Menschen hießen. Von dem dritten magischen Volk gab es zumindest einen Vertreter, Koperian. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie noch nie zueinander Kontakt aufgenommen und die Absicht der Fee erschreckte den Elfen.
- Normalerweise war es für das eine Volk niemals notwendig, die Hilfe des anderen zu suchen. Seit der Elf denken konnte, waren die Hüter der Wälder in keiner einzigen Legende aufeinander angewiesen gewesen. Keine Macht war so groß, die Magie der Wälder auch nur ein bisschen aus ihrem Gleichgewicht zu stoßen. Keines der Waldvölker hatte sich jemals um die Geschicke eines der anderen gekümmert. Es konnte kein gutes Omen sein, wenn die Hüter ein Ungleichgewicht in ihrem Element, dem Wald, zu spüren bekamen! -
Der Elf erwachte ruckartig aus seinen Gedanken. Er war durch seine Streifzüge und sein druidisches Geschick schon einmal auf die Einhörner aufmerksam geworden. Er wusste, wo sie sich normalerweise aufhielten und kannte durch seine Beobachtungen ihre Pfade.
Er vermutete, dass auch er ihnen bekannt war. Aber es war noch nie zu einem direkten Kontakt zwischen ihnen gekommen.
„Prinzessin, ich weiß wann und wo die Einhörner zu finden sind. Ich kann euch behilflich sein."
Die Fee lächelte ihn erleichtert an:
„Ich wäre dir für deine Hilfe sehr dankbar, Elf von Tasmanorb. Es könnte eine Zeit anbrechen, in der sich alle Hüter des Waldes kennenlernen sollten."
Damit spielte die kleine Prinzessin auf die Legenden um die Elfen von Tasmanorb an.
„Ich denke, dass dies Alle erkennen und danach handeln werden", erwiderte der Druide geheimnisvoll und lenkte vom Thema ab:
„Ich würde mich freuen, wenn eure Hoheit uns in unsere Behausung folgen würde, damit wir morgen in aller Frühe nach den Einhörnern suchen können“
„Ich stehe zutiefst in deiner Schuld und nehme die Einladung sehr gerne an", sagte die Fee lächelnd und verbeugte sich dankend auf der Hand Koperians.
Sambtwah erhob sich in die Luft und wandelte sich. Sie nahm die Form einer Kerzenflammen großen, grünsilbrig leuchtenden Kugel an und verschwand dann im Dickicht des Seeufers. Kaum war sie fort, so spürte Koperian wieder das normale Gewicht des Gamburen auf seinem Nacken.
- Indo scheint erwachsen zu werden, - dachte Koperian.
Eine zweite Fähigkeit des Gamburen schien zu reifen. Verzaubert, durch den Anmut dieser Fee, fing der kleine Kerl an zu schweben. Ihm selber war das noch nicht bewusst, aber das würde die Zeit mit sich bringen.
Koperian schmunzelte kurz. Selbst dieses Ereignis vertrieb nicht die dunklen Ahnungen des Elfen. Hier drang irgendetwas ganz gewaltig in die Magie des Waldes ein. Und der See zeigte deutlich, wie schlimm es schon um alle stand. Koperian fühlte sich nicht wohl. Er verstand, warum die Vögel im Wald nicht sangen und warum sich alle Tiere von Tasmanorb verkrochen hatten.
- Es lag etwas unheimliches, etwas sehr mächtiges in der Luft. Und vor allem in den Nächten trieb es sein Unwesen.-
Eilig wandte sich der Elf von dem toten See ab, in der Hoffnung Sminda, den Feenkönig, irgendwann dort wieder sehen zu können. Als sich Koperian vom Wasser entfernte, formte sich der trübe und stinkende See leise zu gleichmäßigen dunklen Wellen, die in seine Richtung wallten. Ein Schwall des intensiven Gestankes fuhr über sie hinweg. Indo stellte plötzlich sein Fell auf, erschauderte und sagte mit zitternder Stimme:
„Koperian ich habe Angst,
spürst du auch des Bösen Hand?"
Koperian streichelte seinen Freund kurz, sagte aber nichts. Er wusste, dass der Gambur noch empfindlicher als er unheilbringende Dinge in seiner Nähe spüren konnte.
-Was war hier nur los? Was war das für eine dunkle Macht die in den Nächten kam und gnadenlos tötete! Was war das für eine dunkle Kraft, welche die Magie der Einhörner, Feen und Elfen einfach übergehen konnte? -
Koperian wusste nicht was er tun sollte. Er hatte keine Ahnung, was die Nacht gebracht hatte. Das Unheil hatte nichts Bekanntes an sich und der Druide konnte die letzten Geschehnisse nicht einordnen. Er dachte an vergangene Zeiten, dachte an die sonnigen Tage in Tasmanorb.
Still machten sie sich auf den Heimweg. Es war bereits Mittag. Tief in Gedanken versunken betrat er seinen gewohnten Pfad und drang ins Dickicht ein. Koperian schritt zügig voran. Er wollte vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein, denn er fürchtete die Nacht.
- Die Dunkelheit musste das todbringende Element im Spiel der magischen Kräfte sein! - Krampfhaft überlegte Koperian, ob er nicht doch etwas gegen diese böse Macht im Wald tun konnte.
- Er war nun ein junger und unerfahrener Druide im Spiel der Zeiten. Wenn sogar der Schutzzauber ganzer Völker versagte, was konnte da ein einziger Druide, der sich wirklich nur perfekt in seinem heimischen Gefilden zurecht fand schon bewirken? -
Koperian schmerzte der Gedanke beim Sterben zusehen zu müssen und er vermutete, dass auch ihn hier irgendwann das Unheilvolle töten könne.
- Nein! Soweit durfte es nicht kommen. Schließlich war er immerhin der Druide von Tasmanorb, der Elf, der schon ganze 50 Jahre ohne Probleme als Einsiedler überlebt hatte! -
„Nein! Der Wald stirbt nur über meine Leiche", murmelte er.
„Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um Tasmanorb zu retten. Das gelobe ich als Elf von Saraganthiél."
Indo lächelte.
Der Wald riss den Druiden aus seinen Gedanken.
„Bei allen Dornen des Waldes", rief der Elf erstaunt und Indo schreckte hoch.
Sie waren noch keine zehn Schritt weit gekommen, als sich ihr Pfad nach einer kleinen Biegung plötzlich verändert hatte. Ihr Weg war praktisch nicht mehr zu erkennen. Sie standen vor undurchdringlichem, dornigem Gestrüpp und herumliegendem toten Geäst. Es sah aus, als hätte der nächtliche Sturm vor allem auf Koperians Weg gewütet. Irgend etwas versuchte, ihren Vorankommen zu verhindern. Koperian zog seine Machete aus dem Gürtel und begann sich einen neuen Weg durch das Dickicht zu schlagen. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Wenn sie Glück hatten, dann würden sie bei Sonnenuntergang an ihrer Höhle sein.
Stunde um Stunde arbeitete sich der Elf durch das Unterholz vor. Es ging nur langsam und schleppend voran und es war ihm, als wollte ihm sein Wald absichtlich den Weg versperren. Es war bald abzusehen, dass die Freunde nicht vor Anbruch der Dunkelheit Koperians Lichtung erreichen würden.
Keiner sprach ein Wort. Indo zitterte und verkroch sich in die Kapuze seines Ziehvaters. Koperian schlug sich mit ganzer Kraft voran und seine Knie und Arme zitterten bereits vor Anstrengung.
Der Wind frischte zu einem Sturm auf, der ihnen entgegen blies. Viel zu früh setzte die Dunkelheit ein und es begann zu regnen.
Zwar konnte Koperian mit seinen Elfenaugen auch in wolkenlosen Nächten noch gut mit dem spärlichen Licht umgehen, aber dieses Mal nicht. Diese Nacht war so schwarz, wie der Bauch der Erde. Koperian musste kurz halt machen, um eine Laterne anzuzünden. Es donnerte und blitzte und Indo zuckte jedesmal zusammen. Kein Tier war zu sehen oder zu hören. Ein gellender und langgezogener Schrei durchbrach die Nacht. Den Freunden gefror vor Schreck das Blut in den Adern.
Plötzlich brach ein großes Tier aus dem Dickicht und blieb vor den dem Elfen stehen. Die Augen dieses Wesens starrten irr und wie unter Todesangst zu Koperian hinüber. Es war ein Reh, es blutete am Rücken, an Brust und Beinen. Das Tier musste wie von Sinnen durch das Dickicht gerannt sein und hatte sich an den Pflanzen tiefe Verletzungen zugezogen. Nun stand es einige Sekunden vor dem Druiden, besann sich dann und jagte plötzlich direkt auf ihn zu. Koperian stürzte seitwärts ins Gebüsch. Das Reh jagte knapp an ihm vorbei und verschwand auf dem von Koperian neu angelegten Pfad in die Dunkelheit. Entsetzt starrte der Elf starrte ihm hinterher, bis es nicht mehr zu hören und zu sehen war. Der Schreck saß ihm tief in den Knochen. Zitternd stand er auf und setzte wie ein verängstigtes Tier seinen Weg fort. Knapp eine Stunde Fußmarsch vom schützenden Heim entfernt stieß Koperian auf seinen alten Weg. Seltsamerweise war dieser an dieser Stelle, wie am Morgen beim Aufbruch unversehrt. Der Druide war schweißgebadet, völlig erschöpft und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Hastig schlug er seinen gewohnten Weg ein und lief in Richtung Höhle.
Sie waren noch nicht weit gekommen, da knisterte das Gebüsch um sie herum. Indo murmelte zitternd vor Angst:
„Nicht als Großer, nicht als Kleiner,
möcht ich diese Nacht noch einmal
auch nur als Alptraum so durchleben."
„Nur ruhig, mein kleiner Freund", antwortete sein Ziehvater japsend, „bald haben wir es geschafft.“
Keinen Katzensprung vor ihrer Lichtung entfernt begann es in Strömen zu regnen. Blitze zuckten vom Himmel, schlugen in unmittelbarer Nähe ein, der Donner machte kaum mehr eine Pause. Erschöpft erreichten sie endlich die Lichtung, auf der sich auch Sambtwah in ihrer Lichtform zu ihnen gesellte. Die Lichtung hatte sich in einen großen morastigen Sumpf verwandelt. Koperian, am Ende seiner Kräfte, versuchte sich am Waldrand, auf festeren Boden entlang zu bewegen, als ihm plötzlich die Beine weggerissen wurden. Er wand sich, stand auf und versuchte hastig voranzukommen. Doch alle Äste und Wurzeln, die ihn erreichen konnten, schienen ihn aufhalten und fesseln zu wollen. Panik stieg in dem Elfen auf. Er umklammerte seine Laterne und ermahnte sich zur Ruhe. Er versuchte sich einigermaßen aufzurichten und wandte zum ersten Mal an diesem Tag einen Zauber an. Für eine halbe Minute stand er unbeweglich da und summte etwas in einer leisen, fast monotonen und sehr ernsten Melodie. Kurz zuckten die Äste und Wurzeln, schwenkten dann auseinander und gaben den Weg frei. Der Druide schnaufte schwer. Der Zauber hatte seine restlichen Reserven aufgebraucht. Langsam setzte er sich wieder in Bewegung, Indo hatte Mühe sich auf dem Nacken des schwankenden Freundes zu halten. Koperian achtete vor allem darauf, das Windlicht nicht zu verlieren und Indo in der Kapuze zu halten. Keuchend stapfte er durch den Morast, als der Elf plötzlich auf halbem Weg einen harten Ruck und einen dumpf brennenden Schmerz auf der Brust spürte. Vor Schreck ließ er fast die Laterne los. Um Hals, Rumpf, Taille, Arme und Beine rankten sich in Windeseile Wurzeln und Äste empor. Koperian schrie auf.
- Wie konnte es sein, dass seine Magie nichts ausrichten konnte? Wie konnte es sein, dass er als Druide die Natur nicht beherrschte? -
Tief schnitten ihm die Pflanzen ins Fleisch und ließen ihm kaum Luft zum Atmen. Sprechen konnte er nicht mehr. Er krallte sich an seine Laterne, die ihm die Pflanzen zu entreißen versuchten. Allerdings zuckten sie vor dem Lichtschein zurück, so gewann der Elf zumindest diesen kleinen Kampf und behielt die Laterne. Die kleine Fee sauste als Feensternchen hin und her und versuchte den Pflanzen auszuweichen, die sie fangen und schlagen wollten. Indo saß inzwischen auf dem Kopf des Elfen unter der Kapuze und war starr vor Schreck. Koperian stand nun aufrecht gefesselt da und versuchte im Dunkel der Lichtung etwas zu erkennen.
- Irgend etwas verbarg sich da. Er spürte es ganz deutlich! Etwas Scheußliches kam auf sie zu!-
Der Druide hatte Mühe, nicht in Panik zu geraten.
- Nur auf das Licht aufpassen,- dachte er bei sich, - das Licht schreckt die Schatten der Nacht!-
Aus dem Dunkel der Wiese lösten sich unförmige Schatten, die nicht vom Wind verweht wurden. Diese Schatten nahmen allmählich grobe Formen von Menschen ohne Köpfe an und bildeten wortlos einen Halbkreis um den Elfen. Dieser Halbkreis schloss Wind und Wetter aus, der weiter um sie herum zu toben schien. Koperian konnte kaum noch atmen vor Angst. Plötzlich umwehte ihn ein kalter Hauch, der den Druiden abzutasten schien. Der Elf begann panisch an seinen Fesseln zu ziehen. Das Licht der Laterne schien die Wesen zu stören, denn sie wagten sich nicht an den Elfen heran. Sie traten vor allem nie in den direkten Lichtbereich der Laterne, der sich durch die Bewegungen des Druiden mit veränderte. Koperian bemerkte, wie sich ein kleiner zitternder Körper an seinem Hals bewegte. Indo kroch langsam hervor und zog Koperians Machete, die im Verhältnis zu seinen Körper eher wie ein großes Schwert wirkte. Der kleine Gambur rief mit fester Stimme:
„Die Dunkelheit sei noch so dicht,
dem Licht widersteht sie nicht“ und leise fügte er hinzu,
„oh hab ich Angst,
ich armer Wicht!“
Koperian konnte nur ein „schwebendes“ Messer erkennen, denn der Gambur war vor Angst und Anspannung unsichtbar geworden. Geschickt und blitzschnell schnitt er die Hände und die Brust des Elfen los. Koperian schnappte nach Luft, schwenkte seine Laterne gegen die Schatten, die vor dem Licht zurückwichen. Der Druide ergriff seine Machete, schnitt sich frei und hastete so schnell er konnte in Richtung seines Hauses. Er spürte, wie sich die Schatten auf seine Fersen hefteten. Mit letzter Kraft konzentrierte der Druide sich auf einen weiteren kleinen Zauber. Er formte vor seinen Augen eine kleine Lichtkugel und ließ sie über sich steigen. Der ganze Elf erstrahlte in einem hellen Licht, welches aus blauen, grünen und weißen Elementen bestand und fast die ganze Lichtung erleuchtete. Mit letzter Anstrengung erreichten sie die Höhle. Der Elf riss die Tür auf und viel förmlich in sein Haus hinein. Der Gambur sprang auf den Boden, wartete die Fee noch ab und verschloss dann die Tür.
„Indo, mach Feuer", flüsterte Koperian. Der Halbkobold gehorchte.
Noch ehe der Elf Luft geholt und sich soweit erholt hatte, dass er aufstehen konnte, brannte schon ein kleines Feuer im Herd. Leises Scharren an der Tür verriet, dass sie nicht alleine waren, doch das Unheil blieb draußen vor der Tür zurück. Auch die kleine Fee wirkte sichtlich erschöpft, als sie sich in ihre ursprüngliche Gestalt zurück verwandelte. Sie setzte sich mitten auf den Tisch und beobachtete, heftig atmend, Indo und Koperian. Langsam rappelte sich der Druide auf. Er blutete am Hals und an Arm- und Fußgelenken. Vorsichtig zog er seine Stiefel und seinen Umhang aus, die beide extrem mitgenommen aussahen und wusch die Wunden in einem Eimer mit heißem Wasser aus. Indo holte aus der Vorratsecke ein paar Heilkräuter und Stoffe zum Verbinden der Wunden und begann seinem Vater zu helfen. Das Feuer wärmte schnell. Das Grauen der schwarzen Nacht erreichte sie nicht mehr. Allen aber saß der Schrecken tief in den Knochen und Koperian war völlig erschöpft. Keiner der drei sprach an diesem Abend noch viel und sie legten sich gleich zum Schlafen nieder. In dieser Nacht fing Koperian an zu fiebern und Indo musste die Wunden erneut reinigen und verbinden. In seinen Fieberträumen sah Koperian vier Einhörner auf einer Einöde in grauem, kalten Nebel stehen:
Sie hatten ihre Augen geschlossen und sahen abgemagert und entkräftet aus. Ein kalter Wind wirbelte immer wieder Nebelschwaden auf und gab nur für einen Moment eine klare Sicht auf ihre Gesichter frei. Eines der Wesen schien sehr gebrechlich und von Krankheit angegriffen zu sein, was eigentlich bei diesen unsterblichen Tieren nur außerhalb ihrer Schutzwälder möglich war. Die kleine Lichtung erinnerte an den Morast, durch den die Freunde am Abend gelaufen waren. Das älteste Einhorn schien gegen eine fremde Stimme anzukämpfen, welche leise säuselnd in der Luft lag. Das Wesen wollte dabei dessen Einfluss auf sich verhindern, widerstand den ihm unbekannten magischen Kräften aber nur schwer. Durch seinen Kraftaufwand alterte es zusehend. Seine Mähne wurde lang und länger und der Glanz der Haare verschwand, bis die stumpf und brüchig gewordenen Haare abbrachen. Das schöne weiße Fell wurde erst voll und dick, dann fielen die Haare büschelweise aus und gaben die Haut frei, die das abgemagerte Tier umspannte. Schließlich trocknete die weiß-rosa scheinende Haut, wurde erst totenbleich und dann braun wie altes Papier. Sie blätterte ab und gab den Blick auf die Knochen des immer noch stehenden Kadavers frei. In dem Moment, als die letzten Überreste auseinander zu brechen drohten, blickte das Einhorn auf und Koperian tief in die Augen. Der Elf erschrak bis ins Mark: Die Augen dieses Tieres glichen dem des Rehes, welches ihnen im Wald begegnet war. Eine Stimme drang in Koperians Geist ein und wiederholte erst flüsternd, dann schreiend und kreischend die Worte:
„Es manoha es gestehnet! Es manoha es gestehnet! Es manoha es gestehnet!..."
Schweißgebadet erwachte der Elf. Benommen sah er sich um und erblickte Indo, der gerade versuchte ihm etwas heiße Suppe einzuflößen. Koperian verschluckte sich.
„Was ist geschehen?" keuchte er, als er wieder Luft bekam.
„Drei Tage lang hast du gelegen
und in Fieberwahn geredet“, erklärte Indo.
„Doch jetzt sind deine Wunden zu
und du hast vom Fieber ruh.“
Die kleine Feenprinzessin flog auf die Brust von Koperian und sah ihm mitleidig ins Gesicht:
„Guten Tag Koperian. Wie fühlst Du dich?"
„Wie viel zu heiß gebadet", erklärte der Elf mit einem schwachen Lächeln.
Der Druide schlief noch den ganzen Tag und die nächste Nacht. Diesmal war es ein heilender und erholsamer Schlaf.
Am nächsten Morgen berieten die drei Gefährten, was zu tun sei. Koperian reinigte an diesem Tag seine zerrissene Kleidung und besserte sie mit neuen Lederstücken aus. Leder hatte er dafür genügend im Lager. Indo suchte Fackeln und Lampen zusammen. Sie wollten zwar keinen Ausflug mehr unternehmen, der bis in die Nacht dauern konnte, aber der kleine Gambur wollte sicher gehen, dass sie genug Licht für den Notfall dabei hatten. Endlich waren sie soweit. Koperian, Indo und die kleine Fee brachen auf, um die Einhörner zu suchen.
Seinen beunruhigenden Fiebertraum behielt der Druide für sich.