Читать книгу Das Orakel von Hahm - Eliandra Murr - Страница 6
3.) Setchal und Triminort
ОглавлениеHoob lag fest verschnürt in seiner Decke, wie eine Raupe im Kokon. Er zuckte, wie in der Nacht zuvor und hatte die Augen verdreht. Es schien im nicht gut zu gehen, doch seine geringen Lebenszeichen wurden von dem Dämon erhalten. Hoob selber lag sicher aus den verschiedensten Gründen in tiefer Bewusstlosigkeit.
Der Trupp erreichte gegen Mittag das Boot, welches für vier elfengroße Wesen und deren Hab und Gut gebaut worden war. Allerdings war man davon ausgegangen, dass zwei der Lebewesen rudern, manövrieren und auf ihr Gleichgewicht achten konnten. An einen halbtoten Menschen hatte Koperian beim Bau des Bootes nicht gedacht. So ließ sich der aus einem großen Baumstamm gefertigte und mit Leder überspannte Kahn im Wasser nur schwer lenken. Die erste Strecke war für den erschöpften Druiden leicht zu meistern, doch im letzten Abschnitt des Flusses gab es Stromschnellen, denen der Elf nur mühsam und mit Hilfe seiner Magie ausweichen konnte. Indo hatte sich vorne am Bug niedergelassen, wurde aber schon auf dem ersten Kilometer eines Besseren belehrt. In einer großen Welle, in der das Boot fast senkrecht zu stehen schien, flog der kleine Gambur in hohem Bogen nach hinten und Koperian konnte den Halbkobold gerade noch schimpfend vor dem „über Bord gehen“ auffangen. In der Abenddämmerung erreichten sie die letzten Bäume des Dschungels. Vor ihnen erstreckte sich die Arbic-Ebene, welche von den Menschen die Triman-Ebene genannt wurde. Sie sahen kleine Weiden, auf denen ein paar Kühe und Schafe standen. Ein paar alte Obstbäume spendeten den Tieren tagsüber Schatten. Ungefähr eine halbe Stunde weiter südlich ragten die Umrisse von Lehm und Fachwerkhütten wie dunkle Schatten aus dem Boden. Aus den kleinen Fenstern blinkte Licht. Rauch stieg aus den Schornsteinen. Vor ihnen lag das Dorf Ischya. Indo war aufgeregt, denn er war noch nie mit bei den Menschen gewesen. Mit viel Energie half er das Boot zu entladen. Kaum konnte er es erwarten, die Siedlung von nahem zu sehen. Sie hatten nicht mehr viel Zeit. Die Dunkelheit, und damit Hoob´s Dämon, saß ihnen im Nacken. Koperian verstaute wie gewöhnlich sein Boot im Dickicht. Dann sah er den kleinen Gamburen an und meinte: „Wir können mit Hoob nicht einfach ins Dorf marschieren. Einfach lebende Menschen sind sehr abergläubisch und würden uns mitsamt dem alten Mann töten oder verjagen.“
Indo stutzte erst und fuhr dann empört auf: „Wie bitte? Nicht ins Dorf gehen? Wofür haben wir dem Tod dann ins Gesicht gesehen?“
„Wir werden zu Hemnial, der Dorfmerbel gehen und ihr unser Problem schildern", beschwichtigte ihn Koperian. ,,Sie wohnt westlich, etwas außerhalb des Dorfes und wir können aufsuchen, ohne im Dorf aufzufallen."
„Was ist denn eine Dorfmerbel?" fragte Indo.
„Das ist eine Zauberkundige, die nicht die Magier- oder Priesterschulen der Menschen besuchen konnte und ihre Magie durch das Leben entwickelt hat. Die Menschen bezeichnen sie im besten Fall als Kräuterfrau und Wundheilerin und im schlimmsten Fall als Akah, als Hexe. Als Kräuterfrau wird sie verehrt, als Hexe aber oft verbrannt."
Der kleine Gambur wunderte sich. Waren das die so unterschiedlichen, ja unberechenbaren Seiten der Menschen, von denen Koperian immer sprach? Schnell schüttelte er seine Gedanken ab, denn der Elf schulterte den in der Decke eingewickelten Kranken. Dieser hatte aufgehört zu zucken und hing nun schlaff über der Schulter des Druiden.
„Indo, wir müssen uns beeilen!", sagte der Elf, „Ich glaube, der Dämon wird wieder stärker, denn die Sonne geht unter.“
Zügig folgte der kleine Gambur seinem schwer beladenen Freund nach Westen. Als sie die ersten Weiden durchquert hatten, die einen kleinen Hügel umgaben, sahen sie auf der anderen Seite, am Fuße dieses Hügels ein Holzhäuschen in einer kleinen Baumgruppe liegen. Als sie näher heran kamen erkannten sie eine Person in der Dämmerung, die vor dem Haus in einem Beet arbeitete. Hemnial war eine schlanke ältere Frau, mit weißem Haar und feinen Gesichtszügen. Als sie auf ihre Besucher aufmerksam wurde, lehnte sie sich an einen Baum und sah den dreien gelassen entgegen, als hätte sie sie bereits erwartet.
„Guten Tag Elf von Lahlon, oder sollte ich lieber Elf von Tasmanorb sagen?", begrüßte sie die Ankömmlinge freundlich in der Menschensprache von Triman. Der Elf war verblüfft über das Wissen der Merbel. Anscheinend kannte die alte Frau elfische Bezeichnungen. Er hatte die Menschin gerade einmal flüchtig in Ischya an ihm vorbei schlendern sehen.
„Ich grüße dich Hemnial, Kräuterfrau von Ischya", gab er freundlich in ihrer Sprache zurück. Koperian hatte das Trimmenisch einst von Hoob gelernt und dann Indo darin unterrichtet.
- Man konnte nie wissen... -
Als der Elf und der Gambur mit ihrem Paket etwas näher gekommen waren, fuhr die Frau fort: „Ich weiß, warum und mit wem ihr hier seid Doch meine Kräfte reichen hierfür nicht aus. Folgt mir." Die Merbel wandte sich zum gehen.
„Wohin gehen wir?"; fragte der Elf. „Zu Nogan, einem alten Magiermeister, der sich in Ischya zur Ruhe gesetzt hat". entgegnete Hemnial. „Ich bin häufig bei ihm zu Gast. Der alte Magier und ich, wir beide profitieren von unserem Wissen und von unserer Kraft. Ich kenne ihn inzwischen gut. Er wird uns helfen.“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren brachen sie auf. Die Menschenfrau führte sie nach Nordwesten. Hoob stöhnte, gab gurgelnde Geräusche von sich und spannte seinen Körper an. Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichten sie ein kleines aus Stein erbautes Anwesen in mitten eines Baumhaines. Dreimal klopfte Hemnial Die Tür schwang von selbst auf. Alle traten in einen Vorraum, der von einem großen Kerzenleuchter erhellt wurde, der von der Decke fast bis zum Boden herabhing. Die Gäste mussten um diesen herum zur großen geschwungenen Holztür laufen, die mit wilden Runen und Zeichen geziert war, die Koperian nicht kannte. Als sie die Tür erreichten, öffnete diese sich plötzlich. Ein großer hagerer Mann in mittleren Jahren stand vor ihnen. Narben schwerer Verbrennungen bedeckten seinen fast kahlen Schädel. Er trug einen rotbraunen langen Hausmantel aus dickem Stoff, einen langen weichen braunen Schal um den Hals. Er schien nicht aus dieser Gegend zu stammen, denn die Menschen von Triman waren eher hellhäutig und hatten hellbraune oder blonde Haare, wie die Elfen. Nogan war dunkelhäutig und hatte braunschwarze weiche Augen. Seine Haltung verriet Würde. Seine Arme hatte er in den Taschen seines Umhangs verborgen. Neugierig und interessiert musterte er seine Besucher.
„Guten Abend Nogan", begrüßte ihn die Merbel, ,,Ich habe Besuch, der dringend Hilfe braucht“
„Guten Abend, Hemnial. Hmmm, ein Aghil, ähm... Elf. Es ehrt mich, mein seltsamer Besucher", entgegnete er gebrochen in der Sprache der Menschen von Triman.
„Das ist Koperian, der Elf von Lahlon und das ist ein Gambur, eine Art Kobold."
„Ich bin Indo! Begleiter von Koperian. Den Kobold maße ich mir niemals an“, erklärte Indo verärgert.
„Ein Gambur, also, und mit Namen Indo", entgegnete der Magier beschwichtigend und fuhr fort, „Sehr erfreut, kleiner Härr. Was führt euch zu mir? Derr Mann in Decke?“
„Ja, so ist es“, entgegnete Koperian schnell, der sehr erschöpft war und kaum mehr sein Gepäck mit Hoob halten konnte. Der Einsiedler zuckte in dem hellen Raum wieder. Während die Besucher eingelassen wurden, erzählten Indo und der Elf, was sich in der Hütte des alten Mannes zugetragen hatte. Still und nachdenklich hörten Nogan und Hemnial hörten zu. Sie kamen in einen großen und gemütlich mit Holzmöbeln eingerichteten Wohnraum. Rasch schaffte die Kräuterfrau in der Mitte Platz, damit sie den Besessenen dort ablegen konnten. Der Elf zitterte vor Anstrengung, bis er sich von seiner Last befreien konnte. Während der Magier und Koperian interessiert zusahen, und der Gambur den Raum inspizierte, untersuchte die Menschenfrau den Kranken gezielt und sachkundig. Indo bestaunte die vielen Bücher des Magiers. Koperian hatte in Tasmanorb nur ein einziges. Hoob zuckte und murmelte seltsame, unzusammenhängende Wortfetzen. Als die Kräuterfrau den Körper des Einsiedlers aus seinen zerfetzten Kleidern wand sahen alle entsetzt die Verwahrlosung und Zerstörung von Muskeln und Sehnen. Der alte Mann hatte viel Blut verloren, stank nach Urin und Kot. Hemnial sprach in einer seltsamen beschwörenden Sprache, als sich der Einsiedler plötzlich kurz aufbäumte und ihr in ähnlich klingenden Worten etwas entgegen schrie.
„Es muss ein Finsterfürst vom Stamm der Gazuwilen sein", erklärte die Merbel. „Woher sie kommen weiß ich nicht, aber meist sind sie die ersten, wenn dass Gleichgewicht der Natur erschüttert worden ist", fuhr sie fort.
Verwundert nickte Koperian. Anscheinend sah Hemnial, ähnlich wie die Elfen, die natürlichen Kräfte. Alle anderen Menschen, die der Druide kannte, ordneten Gut und Böse immer auf die Herrschaft von Göttern zu. Elfen glaubten an ein natürliches Gleichgewicht von Leben und Tod, von Liebe und Leid und an einen Schicksalsweg. Nur sehr langlebige Kreaturen konnten dieses empfindliche Gleichgewicht beeinflussen oder durch Unwissenheit stören. Nach Meinung der Elfen musst das Leben in Geduld und Lernen seinen Schwerpunkt haben. Koperian betonte Indo gegenüber immer:
„Alles ist so, wie es ist. Wer das erkennt, kann den Verlauf einer Situation für oder gegen sich lenken, und egal, was er macht, er kann immer daraus lernen.“
Menschen waren in dieser Hinsicht den Elfen meist zu impulsiv und handelten unüberlegt. Koperian vermutete, dass die Frau einen dem druidischen verwandten Glauben lebte, den es nur selten bei den Menschen gab und in dieser Gegend sogar von den Priestern verboten wurde. Die Merbel versteckte einen schamanistischen Glauben in ihren Worten und der Magier schien dies zu tolerieren. Folgte man den Schamanisten, gab es das Hauptgleichgewicht zwischen guten Geistern, guten Raumenergien und den Dämonen und Finsterfürsten. Wenn intelligente Wesen von ihrer inneren Gefühlsbestimmtheit eher gut oder eher schlecht gestimmt waren, so wurden sie auch durch die im heiligen Raum lebenden Mächten der jeweiligen Seite in Versuchung oder auf die rechte Seite geführt.
„Der Körper Hoobs macht diesen Zustand nicht mehr lange mit", erklärte Hemnial und riss Koperian aus seinen Gedanken, „Es ist nicht sicher, dass er überleben wird, selbst wenn der Gazuwile verschwunden ist. Wir sollten so rasch wie möglich dem Finsterfürst zeigen, wo er hingehört."
Alle Umstehenden nickten bedächtig. Nach einer kurzen Weile fuhr sie fort: „Ich werde ihm jetzt erst einmal einen Heiltrank einflößen, der ihn stärken soll. Nogan, hole dreizehn Kerzen, Kreide und deine Kristallkugel. Ich brauche die Kraft aller Anwesenden hier. Du musst für mich die Verbindung zu ihnen herstellen.“
Nogan nickte, erhob sich und verschwand in einer hinteren Ecke des Wohnzimmers. Wenig später kam er mit allem, was er bringen sollte, zurück. Die Kräuterfrau zeichnete eine große Rune auf den Boden, die Hoob und sie mit einschloss. Dann stellte sie in einer festgelegten Zeremonie zwölf Kerzen auf die Rune.
„Keiner von euch darf jetzt noch den Kreis betreten", erklärte sie ernst.
Dann warf sie dem Magier die Kreide und die dreizehnte Kerze zu. Dieser postierte sich knapp außerhalb des Kreises, und setzte sich im Schneidersitz hin. Dann legte er sich seine Faustgroße Kristallkugel auf den Schoß und zeichnete einen kleinen Kreis mit Kreide um sich. Koperian und Indo wurden nun angewiesen, sich rechts und links von dem Kreis des Magiers zu setzten. Sie mussten so nahe wie möglich an die Rune heran, wurden aber nochmals ermahnt die Kreidezeichnung keinesfalls zu berühren, zu verwischen oder ihr magisches Luftfeld mit dem Körper zu durchfahren. Hemnial summte eine rhythmische Melodie. Sie zog aus ihrem Umhang einen Tierschädel und einen Beutel. Mit dem rötlichen Pulver aus diesem Lederbeutel begann sie sich und Hoob mit seltsamen Zeichen im Gesicht und auf dem Hals zu bemalen. Dann schien es, als würde sie immer und immer wieder dieselbe Melodie wiederholen. Dabei warf sie immer wieder kleine Kochen, Zähne, Perlen und getrocknete Kräuter über sich und den Einsiedler, der inzwischen ganz schlaff und unbeweglich dalag. Nun begann auch der Magier lautlos seine Lippen zu bewegen. Plötzlich erhellte sich die Kugel: Ein weißer blendender Lichtstrahl fuhr direkt in die Augen von Indo, Koperian, einer in die Augen des Magiers und einer zu Hemnial. Der Magier klammerte sich an die Kristallkugel in seinen Händen. Offenbar fügte diese ihm Schmerzen zu. Geräuschlos bewegte er seine Lippen. Der Rhythmus der Merbel wurde schneller und hektischer. Der Gambur und der Elf fühlten sich sonderbar wohl sie entspannten sich. Hemnial veränderte ihre Melodie, die etwas Trauerndes und Unheilvolles in sich barg. Plötzlich schrie sie auf. Der Magier blieb unverändert bei seiner Tätigkeit, doch Indo und Koperian fühlten, wie eine Macht in sie eindrang. Sie mussten schneller atmen Schweiß troff von ihrer Stirn. Alle Muskeln waren angespannt und schienen zu zerreißen. Der Kopf schmerzte, das Herz raste. Plötzlich ergriff die Kräuterfrau den Tierschädel, der von einem Reh stammen musste und hob ihn langsam mit ihren Händen, bis über ihren Kopf. Ihre Stimme wurde wieder dumpf und beschwörend und sie ließ den Schädel los, der nun von selbst in der Luft schwebte. Blitzschnell schlug sie ihre Arme über Kreuz und berührte fast im selben Augenblick den alten Mann. Der bäumte sich stöhnend auf. Die Merbel schrie. Indo fiel ohnmächtig nach hinten. Der Druide spürte, wie noch einmal zusätzlich Energie von ihm gefordert wurde. Er taumelte, hielt sich aber tapfer bei Bewusstsein. Dunkler Rauch quoll aus Hoobs Mund und verschwand in dem der Kräuterfrau. Dann fiel diese nach hinten um und zuckte mit gurgelnden Geräuschen am Boden. Der Magier begann nun laut zu sprechen setzte sich und Koperian noch einmal entsetzlich zu und leitete all seine Kraft zu Hemnial hin. Die Hände des Magiers rauchten und bluteten, es roch nach verbranntem Fleisch. Plötzlich schoss ein grauer fast undurchsichtiger Rauch aus dem Mund der Merbel und formte sich zu einem buckeligen schlangenförmigen Etwas, das vom Licht gehetzt zur Wand, dann in den Schädel des toten Tieres sauste. Die Merbel lag jetzt still da. Mit einem lauten Schrei sanken Koperian und der Magier vorne über. Ihnen wurde schwarz vor Augen.
Wie gerädert erwachten sie bei Tagesanbruch. Hoob war tief bewusstlos und atmete kaum. Obwohl sich auch Hemnial sehr schwach auf den Beinen bewegte, versorgte sie die Wunden des Einsiedlers, während der Magier schwankend den Raum verließ und Kräutertee, Brot und Honig brachte.
„Auch jetzt weiß ich nicht, ob er durchkommen wird", sagte die Kräuterfrau, „Aber ich werde mein bestes geben.“
„Wie kommt es, dass ihr über unser Problem Bescheid wusstet und warum habt ihr uns ohne zu zögern geholfen?", fragte der Elf.
„Weil die Nächte hier immer seltsamer werden und ich immer häufiger besessene Tiere beobachten kann. Ich hatte erwartet, dass auch Hoob bald auftauchen würde. Als ich euch sah, war mir klar, was passiert sein musste. Hoob hat mir einst das Leben gerettet, als mich Räuber bei der Pilzsuche überfielen und nach Lahlon verschleppten. Ich konnte mich aus ihrer Knechtschaft befreien, doch lange irrte ich in der Wildnis umher. Er fand mich, als ich kaum noch bei Kräften war, pflegte mich gesund und brachte mich zurück nach Ischya. Wir hatten eine sehr schöne Zeit zusammen. Jetzt kann ich ihm vielleicht seine Hilfe vergelten“, gab Hemnial zurück. Indo wunderte sich, wie freundlich sich die Frau rechtfertigte.
„So kann ich also Hoob in deiner Obhut lassen", fragte der Elf weiter.
„Ja, doch wollt ihr wirklich in den Wald zurück?", kam die besorgte Gegenfrage.
„Nein", entgegnete Koperian, „Ich will herausfinden, warum die Nächte so seltsam werden und Lahlon stirbt.“ Der Magier hatte die Unterredung mitgehört, während er seinen Gästen das Frühstück richtete. Nun kam er heran und sagte:
„Wenn ich dort willkommen wäre, würde ich nach Hahm reisen.“
„Was ist Hahm?", fragte Koperian erstaunt.
„Hahm ist die große Magierschule der Gilde der Magier der roten Wanderfalken. Hahm wurde auf dem Platz eines alten Orakels erbaut. Man munkelt, dass die roten Falken dieses Orakel noch zu nutzen verstehen.“ Indo wunderte sich, dass ein Magier bei Magiern nicht willkommen war. Als er nachfragen wollte, sagte der Zauberer auch schon: „Wir Magier der Gilde des grauen Gesteins verstehen uns mit diesen gottesfürchtigen roten Falken nicht besonders, sonst würde ich sofort mit dorthin gehen.“
Indo schloss seinen Mund.
- So -, dachte er bei sich: ,,Magier, die sich nicht verstehen und ganz unterschiedliche Wege gehen,
Mal sehn, was ich noch so lernen kann.
Seltsam, alles fängt so seltsam an. -
„Wo liegt Hahm?"; fragte Koperian.
„Hahm liegt nicht weit von der Hafenstadt Nomrebslevar im Land Gónhaven. Es ist eine lange und beschwerliche Schiffsreis bis dorthin, die nicht ungefährlich ist. Hier im Land ist nicht mehr zu erfahren, als du von Hemnial nicht auch schon weißt. Die Nächte hier sind ungemütlich, viele wilde Tiere aus dem Wald flüchten in Irrsinn aus ihrem Lebensraum heraus und sterben in Triman. Der Arbic ist verdreckt und die Flussfischer fangen nur noch wenig Fische. Viele Fremde müssen in Triminort anlegen, weil die Nächte auf dem Mahar-Meer vor Henvobar und Triman unbefahrbar sind. Was in Henvobar geschieht erfährst du eher in Triminort, unserer Haupt- und Hafenstadt. Hier kommen nur verfälschte Gerüchte an, so dass ich diesen kein Ohr schenken würde. Von Triminort findest du vielleicht auch ein Boot, welches dich mit mach Gónhaven nimmt.“
"Hab vielen Dank für deinen Rat, Nogan, Magier der Gilde des grauen Gesteins.“
Damit war die Unterredung beendet und alle begannen erschöpft ein bisschen zu essen und zu trinken.
Der Druide und der Gambur blieben noch den Rest der Nacht und den nächsten Tag bei der Merbel um sich von den vorangegangenen Strapazen erholen zu können. Früh am Morgen verabschiedeten sie sich dann von Nogan und Hemnial und brachen zur nächst gelegenen Stadt, nach Setchal auf.
Indo und Koperian überquerten den Arbic über die Brücke in Ischya und wanden sich dann nach Nordosten direkt am Flußlauf entlang, an dessen Ufern eine gut gepflegte Handelsstraße direkt nach Setchal führte. Sie waren die einzigen Reisenden in den Morgenstunden, da die meisten Menschen mit den Fährschiffen auf dem Arbic fuhren, die erst am späteren Vormittag in See stachen. Koperian hatte jedoch noch kein Menschengeld und zog somit den Fußmarsch vor. Rechts von den Wanderern schlängelte sich der beachtlich große Fluss, der an seinen breitesten Stellen ungefähr zwei oder drei Baumlängen maß. Die beiden Freunde waren noch keine Stunde unterwegs, als sie plötzlich ein herrenloses Pferd ohne Geschirr und Sattel am Wegrand stehen sahen. Die Stute schien in der Sonne zu dösen, war sehr zierlich gebaut und hatte ein isabellfarbenes Fell. Neugierig und zahm blinzelte sie den beiden Ankommenden zu und schien sich ihnen anschließen zu wollen. Koperian versuchte durch einen schnelleren Gang dem Pferd zu zeigen, dass es nicht mitkommen sollte, doch es half nichts. Dann hob der Elf wild gestikulierend und schreiend die Hände um das Tier zu verscheuchen, doch die Stute blieb ungerührt vor ihm stehen. Nun versuchte der Elf die Stute mit einem schnellen Lauf abzuhängen und gab nach einer Weile nach Luft ringend auf. Ohne viel Mühe war ihm das Tier auf dem Fuße gefolgt. Indo, der noch nie ein Pferd gesehen hatte, war von ihrem Anblick fasziniert. Wie versteinert blieb er auf des Elfen Schultern sitzen und betrachtete sie. Irgendwie schien die Stute in ihm geheime Erinnerungen zu berühren. Vielleicht hatte er ja als kleines Kind schon mal ein Pferd gesehen und konnte sich nicht mehr daran erinnern. Indo war verwirrt. Schnell schüttelte er seine Gedanken ab, als der Druide zu sprechen anfing. „Das herrenlose Pferd ist wohl von einer Koppel ausgebrochen, doch halt", Koperian untersuchte die Stirn des Tieres und sah dann Indo an.
„Es hat genauso ein Mal auf der Stirn, .... so wie du Indo"; sagte er nachdenklich. "Vielleicht ist es uns deswegen so zugetan.“ Der Elf überlegte einen Moment. „Wir werden es mit uns nehmen. Wenn irgendjemand dieser Gegend Anspruch auf die Stute erhebt, dann geben wir es seinem Besitzer zurück. Aber ich habe so ein Pferd in dieser Gegend noch nie gesehen.“
Indo verstand nicht ganz, was der Elf meinte. Vielleicht sahen nicht alle Pferde aus wie sie und vielleicht vor allem die Pferde dieser Gegend nicht. Indo nahm sich vor die Augen aufzuhalten und nach Pferden Ausschau zu halten.
„Achtung Indo"; rief der Elf, welcher der Stute kurz seine Hand auf die Stirn gelegt und sich geistig mit ihr verbunden hatte. Nach Elfengewohnheit, die ihre Tiere immer ohne Zügel und Zaumzeug ritten saß er auf und der kleine Gambur konnte sich bei dem Sprung auf das Pferd gerade noch rechtzeitig am Hals seines Freundes festhalten. Dann setzte sich die Stute geschmeidig in Bewegung.
„Wie wollen wir sie denn nennen", fragte der Elf seinen kleinen Freund.
„Lihn", antwortete der Gambur wie mechanisch,
„Der Name kam mir in den Sinn. Ich weiß nicht warum aber sie heißt Lihn."
Koperian war über die bestimmende Reaktion seines kleinen Freundes etwas verwundert, lächelte aber dann heimlich und akzeptierte des Gamburen Worte. Er vermutete den Einfluss der Einhörner und behielt sein Geheimnis für sich. Indo fand nun den Hals seines Freundes nicht mehr Attraktiv genug. Das neue Gefühl des Reitens faszinierte ihn und nahm ihn ganz für sich ein. Er kletterte am Rücken des Elfens herunter und hangelte sich auf die Kuppe von Lihn. Die behutsam auf den kleinen Gamburen achtete indem sie immer wieder leicht zu ihm nach hinten schielte. Der Halbkobold setzte sich direkt an den Ansatz des besch-weißen Schweifes und betrachtete die Gegend. Indo hob sein Kinn und drückte seine Brust heraus, als wolle er der ganzen Welt zeigen, dass er reiten konnte.
Am späten Nachmittag erreichten sie Setchal. Die Stadt wirkte nicht viel anders, als das Dorf Ischya nur, dass sie um einiges größer war. Gerne wäre Indo in der fremden Menschenstadt, die ihn sehr faszinierte, auf Erkundung gegangen, doch Koperian brachte sie sofort in ein kleines Gasthaus namens Schewea - Nord. Der Wirt kannte den Elfen bereits von seinen früheren Handelsbesuchen. An den kleinen Gamburen musste er sich jedoch erst gewöhnen. Doch Koperian wusste, dass sie hier sicher waren. Der Wirt war für menschliche Verhältnisse sehr alt. Er war in seiner Jugend viel gereist und hatte für einen Menschen schon sehr viel gesehen. Der Anblick eines Elfen versetzte in nicht mehr in Erstaunen. Lihn sorgte bei den Menschen im Stall für Aufruhr. Sie hatten ein solches Tier in Setchal noch nie gesehen und Indo erkannte jetzt, was Koperian und die Menschen so verwunderte. In den Stall standen vier Pferde, die zur Arbeit auf den Feldern oder zum Ziehen von Wägen und Karren verwendet wurden. Entweder waren es kleinere Ponys, die zotteliges Fell aufwiesen und meist schwarzbraun gescheckt waren, oder riesengroße braune oder schwarze Tiere mit dicken Beinen und langen Haaren an den Fesseln. Gegen sie wirkte Lihn wie ein zartes und gebrechliches Wesen.
Der Elf brachte Indo in ihr Zimmer und verschwand ohne Zeit zu verlieren in Setchal. Zum einen musste er Ware verkaufen, so dass sie sich die Übernachtung leisten konnten und zum anderen wollte er sich ein bisschen umhören. Mit dem Einbruch der Dunkelheit und passend zum Abendessen kam er wieder in das kleine Gasthaus und holte Indo aus seinem Zimmer. Schweigend aßen sie in der Wirtsstube Brot, Bohnen und Fleisch und tranken ein wenig Bier mit Honig versetzt. Ein Barde verdiente sich seine Brotzeit und sein Zimmer mit Liedern, die von den Menschen in Triman erzählten und Indo hörte ihm aufmerksam zu. Sie hielten sich nicht lange in der Wirtsstube auf, sondern gingen bald schlafen. Es war anstrengend den vielen neugierigen Blicken der Gäste des Hauses stand zu halten. Das Haus war bis zum Platzen gefüllt. Keiner wollte sich den Anblick des Elfen und seines Begleiters entgehen lassen.
Koperian hatte auf dem Markt nicht mehr erfahren, als er eh schon wusste. Morgen wollten sie frühzeitig aufbrechen um nach einer weiteren Übernachtung in Eschal am zweiten Tage Triminort, die Hauptstadt von Triman zu erreichen.
Als sie Triminort am Abend vor sich liegen sahen waren Indo und Koperian von dem Erscheinungsbild der Stadt sehr beeindruckt. Während der Elf sich jedoch schnell wieder fassen konnte, verschlug es dem Gambur für mehr als eine Stunde die Sprache. Sie ritten auf eine riesige Stadtmauer zu, die durch ein von Menschen bewachtes Tor zu durchqueren war. Der Fluss Arbic trat durch ein schweres metallenes Gitter, welches in der Stadtmauer eingelassen war. Am Tor wurden die Freunde von zwei schwer bewaffneten Menschen angehalten. Erstaunt fragte einer von ihnen: „Ein Elf? Elf, was ist euer Begehr?“
Koperian antwortete „Felle und Kräuter zu verkaufen und eine alte Freundin zu besuchen.“
Die Wache schien durch den kleinen Gambur etwas abgelenkt zu sein, fasste sich aber ziemlich schnell wieder und fragte: „Ihr meint die alte Elfe Diléhriel".
„Richtig", antwortete Koperian.
„Ihr könnt passieren", mit diesen Worten trat die Wache einen Schritt zurück und gab den Weg frei.
Der Druide wandte sich noch einmal fragend an ihn und meinte: „Wisst ihr, wo Diléhriel wohnt?“
„Reitet die Hauptstraße entlang bis zum Marktplatz. Dann wendet euch nach Osten und fragt dort wieder. Jeder aus Triminort weiß, wo die einzige Elfe der Stadt zu finden ist.“
„Vielen Dank, Mensch", gab Koperian zurück und ritt los.
Verwundert sahen ihm die Wachen nach. Nie war ein Pferd von diesem Aussehen in die Stadt gekommen und noch nie hatten sie einen Reiter ohne Sattel und Zaumzeug gesehen. Elfen waren schon etwas Seltsames und Fremdes. Langsam und nachdenklich wendeten sie sich wieder ihrer Arbeit am Tor zu und kontrollierte ein und ausgehende Passanten. Anders wie die Dörfer im Norden war Triminort ganz aus Stein erbaut worden. Die Gassen waren gepflastert und die Häuser bunt bemalt. Die Freunde erweckten viel Aufsehen und Kinder sprangen neugierig um sie herum. Mit nur wenig Verzögerung, verursacht durch gaffende Menschen, erreichten sie den Marktplatz wo sie von lautem Händlergeschrei und vielen fremdartigen Gerüchen begrüßt wurden. Immer wieder beeindruckte den Elfen die Größe und Wuchtigkeit der Menschen. Koperian wandte sich nun nach Osten und fragte die Kinder, die ihn umringten nach der Behausung der Elfe von Triminort. Ohne zu zögern liefen die Kinder voraus und Koperian folgte ihnen. Indo war wieder auf den Hals des Elfen geklettert, nachdem die Kinder ständig nach ihn gegrapscht und ihn zu fassen versucht hatten. Jetzt war er erleichtert, dass die jungen Menschen nach vorne stürmten und streckte ihnen heimlich die Zunge hinterher.
Endlich gelangten die Freunde zu einem der wenigen unscheinbaren und schlicht bemalten Häuser der Stadt. Das einstöckige Gebäude war rostrot angemalt und die Fensterrahmen und -läden waren dunkelbraun, mit grünen Schnörkeln verziert. Ein pflanzenreicher Garten umgab das Anwesen und ein erschrockener Vogel flatterte mit großem Geschrei auf, als sie Kinderhorde in den Garten lief. Die Tür öffnete sich und eine ältere Elfe zeigte sich verwundert den Menschenkindern. Dann sah sie Koperian und ihr Gesicht erstrahlte. Sie hatte weißes langes Haar, stahlblaue Augen und helle und sehr zarte Gesichtszüge. Sie stand aufrecht da und trug ein über die Hüften fallendes, langes rotbraunes Kleid aus Leinen. Dieses wurde mit einem bestickten Ledergürtel gehalten, von dem aus ein Zierband über dem Kleid entlang, schmal nach unten viel, um mit den rotbraunen Falten zu spielen. Mit einer freundlichen Geste empfing sie den Elfen und den Gamburen, die vor dem Haus abstiegen. Lihn verschwand gleich darauf im Grün des kleinen Elfengartens und begann dort zu grasen. Sie blieb dabei ungerührt von dem Lärm der vielen neugierigen Menschenkinder, welche Koperian und die alte Elfe umgaben. Diléhriel gab den jungen Menschen einen Lederschlauch voll Honig und verwies sie freundlich aus ihrem kleinen Reich. Noch den ganzen Abend über sah man die kleinen Menschen um das Haus herum lauern und auf Neuigkeiten warten.
Koperian und Indo entspannten sich erst einmal im Inneren der Behausung, welches nach Elfenart nur aus einem einzigen Zimmer bestand. Die Elfe bot Tee an und wartete geduldig, bis die beiden sich gestärkt hatten. Indo war verzückt von dem Erscheinungsbild Diléhriel und begann leicht zu schweben. Die Elfe registrierte es kurz, lächelte und zwinkerte dem Gamburen zu, der dabei so erschrak, dass er fast sein Teeglas hätte fallen lassen. Die Elfe wandte sich an Koperian und musterte ihn neugierig. Dann sagte sie etwas in einer wohl und melodiös klingende Sprache, die der Gambur nicht verstand und Koperian antwortete in derselben zurück. Beide Elfen legten die Handflächen beider Hände ineinander und verneigten sich voreinander. Dann wandte sich Diléhriel dem Gamburen zu.
„Entschuldige lieber Indo", sagte sie lächelnd, „Aber ich habe schon seit Jahrzehnten keinen Landsmann von mir gesehen und schon lange nicht mehr meine Muttersprache gesprochen."
Der Halbkobold antwortete leicht verlegen: „Och, das ist schon in Ordnung."
Der kleine Kerl atmete erleichtert auf, als Koperian die Aufmerksamkeit wieder auf sich lenkte und Diléhriel ihre ganze Geschichte erzählte, die sie bis jetzt erlebt hatten. Schweigend hörte die Elfe zu und meinte dann nachdenklich:
„Du bringst fürwahr keine guten Nachrichten, Koperian. Wir wussten nicht, wie schlimm es im Norden schon ist. Hier sind zwar die Nächte auch nicht gerade angenehm, aber so extrem noch lange nicht. Was du über die Tiere von Tasmanorb und Hoob, dem Menschen erzählt hast ist erschreckend.“
Sie machte eine kurze Pause und sah Indo an:
„Das Mal auf Indos Stirn, sagst du, ist von Einhörnern? Das kann ich nur schwer glauben, da es in keinen Legenden und Geschichten vorgekommen ist, dass sich Einhörner anderen Wesen offenbaren? Ein Druide, der keine Macht über sein Element hat und dem die Bäume nicht mehr gehorchen? Das sind Omen für eine seltsame und schlimme Zeit.“
Wieder machte sie eine Paus und nippte an ihrer Tasse.
„Mit deinen Erzählungen bestätigst du viele Gerüchte dieser Gegend. Wir sind die größte Hafenstadt von Triman und normalerweise werden wir durch unsere und durch viele fremde Händler über die wichtigsten Ereignisse rund um Triman informiert. Von Norden kamen jedoch schon lang keine Schiffe mehr, da dort die Meere unbefahrbar geworden sein sollen. Von Henvobar, unserem Nachbarland haben wir schon seit einem Jahr nichts mehr gehört und von Osten her sind immer mehr Piraten unterwegs. Nur noch der südliche Weg direkt an der Küste entlang ist relativ ungefährlich, vorausgesetzt man ignoriert die Küsten von Targun, von denen aus schon immer Piraten ihr Unwesen trieben. Die Menschen von Targun sind ein böses Volk und sie werden wohl auch in dieser Zeit immer stärker und dreister. Die freien Städte von Triman sind im Moment die nördlichste Grenze, von denen aus noch Handel und Schiffahrt betrieben wird.
Da der Handel mit Henvobar nicht mehr möglich ist und seit zwei Monaten auch weniger Schiffe aus dem Süden kommen, da die Händler zunehmend Angst vor den Küsten von Targun haben, geht es Triminort und den anderen freien Städten schlecht. Die Armut war noch nie so schlimm, wie in diesen Tagen und wir wissen nicht, ob wir uns den ganzen Winter über alleine von unseren Nahrungsmitteln ernähren können. Die Preise steigen ins unermessliche und fast alle Kinder stehlen und betteln auf den Straßen. Man hat das Gefühl, dass die grauen Ratten, die Diebe der Diebesgilde in Triminort bald die ganze Stadt kontrollieren. Wir haben inzwischen sogar einen Sklavenmarkt hier! Ist das nicht schrecklich?"
„Ich will nach Hahm", sagte Koperian entschieden, "Die Magier der roten Falken sollen ein Orakel haben. Vielleicht erfahre ich etwas wichtiges, was uns weiterhelfen könnte.“
„Hmmm, du wirst kaum mehr ein Schiff finden, welches jetzt noch Triminort verlässt. Lass mich morgen in die Stadt gehen. Ich werde bei den hier ansässigen roten Falken und am Hafen mal nachfragen, was das sinnvollste ist", entgegnete Diléhriel.
„Gut", sagte Koperian, "es wäre sehr nett, wenn du mir helfen könntest. Ich muss auf den Markt um Felle zu verkaufen. Wir haben kein Geld mehr.“
„Dann begeben wir uns morgen früh gemeinsam nach Triminort. Indo, an deiner Stelle würde ich hier bleiben“, sagte die Elfe, "Oder willst du von den Menschenkindern verfolgt und in einen Sack gesteckt werden?"
„Ich bleibe da, das ist ganz klar", erwiderte der Gambur schnell,
„Ich bin zu schade für Kinderspiele,
Ich hab für mich da bessere Ziele.“
„Spielen werden sie nicht viel mit dir", meinte Diléhriel nachdenklich. „Die Armut treibt viele Menschen dazu fast alles zu verkaufen, was zu verkaufen möglich ist. Du bist etwas Fremdes und sehr Exotisches. Für dich könnte man auf dem Schwarzmarkt sicher einen enormen Preis bekommen.“
Nach den Worten der alten Elfe war es für Indo klar: Er blieb im Haus, bis seine Freunde vom Markt zurückkamen. Immer mehr verstand der Gambur die Angst des Elfen aus Tasmanorb. Menschen konnte man nicht vertrauen. Sie waren und blieben auf eine seltsame Art und Weise unheimlich und die Nachrichten über ihre Verhaltensweisen trugen nicht dazu bei, sich unter ihnen wohler zu fühlen.
Am nächsten Morgen brachen die beiden Elfen dann auf, um auf den Markt zu gehen. Diléhriel bog am Rande des Marktes ab und ging ihren Weg zu der Magiergilde der roten Falken. Koperian blieb alleine in Triminort zurück.
Der Marktplatz roch nach Kräutern, Fisch, Fleisch und Gemüse. Verängstigte Tiere schrieen und Menschen handelten hart miteinander und schimpften laut. Anhand der teuren Waren und der wenigen Menschen hier, konnte man schnell sehen, dass die Geschäfte schlecht liefen. Es gab kaum etwas Außergewöhnliches. Anscheinend liefen kaum mehr fremde Schiffe den Hafen an. Der Elf überquerte den Hauptplatz mit den meisten Ständen und sah sich um. Dann packte er seine Felle und Kräuter aus und begann diese zu verkaufen. Er nahm an Geld, was ihm geboten wurde. Bis zum Sonnenuntergang hatte er alles verkauft. Müde schlenderte er wieder in Richtung Diléhriels Behausung, als plötzlich eine Gruppe Sklavenhändler abgemagerte „Ware“ in die Mitte des Marktplatzes zerrten. Koperian fand die Menschen, die ihr eigenes Volk versklaven konnten verabscheuungswürdig und wandte sich sofort ab. Mit schnellem Schritt ging er über den Platz, den die Sklaventreiber für sich zu nutzen begannen, als ein Peiniger einer Sklavin lautstark zu beschimpfen und auf sie einzuschlagen begann: „Steh auf, du elende Kröte! Für dich bekomme ich mehr Ärger als Lohn!“
Koperian musste unweigerlich seinen Blick auf Sklavin und Händler werfen. Er sah am Boden ein jugendliches Mädchen kauern, welches kaum noch richtige Kleidung trug, aus fiebrigen Augen blickte und fror. Der Elf erschrak, als er in ihren Zügen eine elfische Abstammung zu erkennen glaubte. Es war ein Halbelfenkind, das verstört zu wimmern begann. Der Sklaventreiber trat und schlug nach ihr, als Koperian über den Platz zu den beiden hin lief und schrie:
„Halt, lasst das Kind in Ruhe!"
„Wer zum Teufel.... Oho, einer aus deiner Sippe, Hexe! Vielleicht hat der ja ein weiches Herz und kauft dich.“
Dann wandte er sich an den Druiden: „Werter Herr, eine kleine Sklavin gefällig? Sie ist nicht teuer, denn sie ist eine Wilde und versteht kein einziges Wort."
„Wie könnt ihr es wagen ein Kind zu schlagen", fauchte Koperian wütend zurück.
„Guter Herr, ich tue nur meine Arbeit“, knurrte der Mensch bedrohlich. „Was ist? Kommen wir ins Geschäft oder muss ich wütend werden, weil ihr mir meine Zeit raubt?“
Der Elf sah sich um. Die Leute auf dem Platz hatten neugierig angehalten und sahen dem Schauspiel zu. Die anderen Sklavenhändler, die schwer bewaffnet waren, hatten einen Halbkreis um Koperian und seinem Widersacher gebildet, um notfalls einschreiten zu können. Noch nie in seinem Leben waren dem kleinen Druiden die Menschen so bedrohlich und so groß vorgekommen. Sein Herz schlug bis hoch in den Hals und er begann zu frösteln. Feindselig und überlegen blickten Sklavenhändler auf den Elfen herab und warteten auf seine Reaktion.
„Wie viel verlangst du für das Kind", gab Koperian langsam und mit steinernem Blick zurück. „Etwa 15 Drachonen", entgegnete der Peiniger ungerührt.
„WAS?!“, schrie der Druide, "Das kann ja kein Fürst bezahlen!“
„Wie viel hast du denn bei dir?", fragte der Mensch, grinste falsch und zeigte seine faulig-schwarzen Zähne.
„Vier Drachonen", entgegnete der Druide. Die Sklaventreiber lachen laut.
„Das ist ein guter Witz, Langohr“, entgegnete einer der Peiniger. Koperian konnte seinen Zorn kaum mehr unterdrücken.
„Also gut, weil ich noch nie einen Elf gesehen habe und heute gnädig bin“, sagte der Händler, direkt vor ihm übertrieben freundlich. Dann streckte er seine Hand mit bösem Blick aus und Koperian musste fast unter Zwang sein schwer verdientes Geld überreichen.
„Hier hast du die kleine Hexe!" Mit diesen Worten warf der Händler das Seil, mit dem das Mädchen gefesselt war, Koperian zu und drehte sich um.
„Woher kommt das Kind?", fragte der Elf laut. „Aus den Straßen des Armenviertels natürlich. Wenn du ihre Eltern suchen solltest, dann wirst du das vergeblich tun. Sie muss vor einer Woche als blinder Passagier von Bord eines Schiffes gekommen sein!" Lachend wandte sich der Sklaventreiber zu seinen Kumpanen und war für den Elfen nicht mehr zu sprechen. Koperian befreite das zitternde Mädchen und hing ihm seinen Umhang über. Das Kind begann zu weinen und brach in den Armen des Elfen zusammen. Behutsam hob Koperian die Halbelfe auf und trug sie zu Diléhriel.
Indo schüttelte nur den Kopf. So ein armes kleines Mädchen und so krank. Er musste daran denken, was er für ein Glück gehabt hatte, dass Koperian ihn zu sich genommen hatte und schauderte bei dem Gedanken an die Sklaverei. Irgendwie kam ihm das Mädchen bekannt vor. Er wusste, dass es noch keinen Namen hatte, doch was bedeutete das?
- So ein Unsinn -, dachte der Gambur bei sich,
- ich fang an zu spinnen! Ich kenne dieses Mädchen nicht
und sollte mich auf Wichtiges besinnen! -
Diléhriel schüttelte nur den Kopf.
„Das Kind hat hohes Fieber. Lang hätte es nicht mehr überlebt", sagte sie, als sie die kleine Halbelfe untersuchte.
Das Mädchen bäumte sich in Alpträumen auf und versuchte nach ihrer Umgebung zu fassen. Koperian hielt sie fest. Die alte Elfe flößte ihr eine kräftige Brühe ein. Langsam sank das Mädchen in einen tiefen, erschöpften Schlaf. Die Freunde konnten sich in eine andere Ecke des Zimmers zurückziehen. Koperians Rettungsaktion hatte einen Nachteil gehabt. Jetzt hatte er kein Geld mehr. Diléhriel war bei den Magiern gewesen und hatte erfahren, was diese beabsichtigten. Die Menschenzauberer wollten eine Gruppe von den ihren nach Hahm schicken. Wann sie es vorhatten, war ihr noch nicht bekannt. Doch hatten die Magier der roten Falken hatten der Elfe versprochen, einen Boten zu schicken, wenn die Reise beginnen sollte. Wahrscheinlich war es erst in drei oder vier Tagen soweit. Koperian hatte die Erlaubnis, mitziehen zu dürfen, musste dabei aber für sich selber sorgen. Die Zeit des Wartens war dem Druiden sehr willkommen. Irgendwie musste er Geld verdienen, um die Reise bezahlen zu können. Lange überlegten die Freunde, was ein Elf in dieser Stadt anbieten konnte, doch ihnen fiel nichts Ergiebiges ein. Koperian beschloss am nächsten Tag, über den Markt zu laufen, um sich dort vielleicht Anregungen holen zu können. Inzwischen war es schon spät geworden. Alle schlüpften müde und mit leichten Unbehagen über ihre Zukunft in ihre Lager.
Als der Druide am nächsten Morgen aufbrach, schlief das kranke Mädchen ruhig einen tiefen und inzwischen erholsamen Schlaf. Das Mittel, welches Diléhriel ihr verabreicht hatte, tat seine Wirkung und senkte das Fieber. Unschlüssig schlich der Elf über den Markt, verwirrt über die vielen Eindrücke, die sich ihm boten. Gegen dieses Gewühl war das Leben der Tiere in Tasmanorb eine Oase des Friedens und der Ruhe. Missmutig bog er um einen Kräuterstand, als er plötzlich mit einem seltsamen Zwerg zusammen stieß. Verdutzt stand der kleine dicke Kerl, der dem Elfen bis zum Kinn reichte eine Weile auf der Straße und rieb sich seine Nase, die er bei dem Zusammenstoß auf den Rippen des Elfen umgebogen hatte und die nun rot anlief.
„Potz Blitz", stieß er hervor.
„Ich bitte vielmals um Verzeihung, Herr Zwerg", sagte Koperian, der als erster seine Fassung wieder erlangt hatte und den Zwerg fast belustigt musterte. Dieses Wesen sah nie im Leben wie einer der Zwerge aus, den die Legenden der Elfen beschrieben. Ein Zwerg hatte ein Schlachtbeil, war bis an die Zähne bewaffnet und stets ein stolzer und fast immer betrunkener Krieger mit langem Bart. Dieses Etwas, welches vor Koperian stand, hatte nur den Bart und die langen Haare mit seinen Artverwandten gemeinsam. Die Haare waren dunkelrot. Den Bart hielt der Zwerg durch eine feuerrote kitschige Bartspange zusammen und seine Haare hatte er in Form von Zöpfen zumindest versucht zu ordnen. Koperian musste bei dem Anblick dieses Zwerges unweigerlich lächeln. Er entsprach so gar nicht Koperians Vorstellungen.
Mit seinen weiten Lederhosen und dem Hemd aus weichen und gefleckten Ziegenfellen sah er kein bisschen kriegerisch aus. Am Hals hatte er eine kleine und unscheinbare Tätowierung, die wie eine Kette aus lauter kleinen Perlen um den Hals verlief. Durch den Bart war sie nur im Nacken richtig zu sehen. Ein Dolch und eine kleine Armbrust waren seine einzigen Waffen. Dafür war er über und über mit Ketten aus Knochen, Zähnen und Holzamuletten behängt, was Koperian auf die Idee brachte, etwas zu schnitzen und dann zu verkaufen. Der Zwerg hatte dunkelbraune Augen und eine inzwischen sehr rote Nase. Auch der Zwerg fing nun an den Elfen scharf zu mustern.
„Ah, der Elf von Lahlon. Ihr könnt euch wohl im Dickicht besser bewegen, als auf offener Straße, hä?", gab er halb belustigt und halb entrüstet zurück.
„Mein Name ist Koperian, aber woher wisst…“ Er wurde von dem Zwerg unterbrochen.
„Typisch Elf, entschuldigt bitte", er begann besserwisserisch zu lächeln.
„Ihr und die Elfe von Triminort seid die einzigen bekannten eurer Art in dieser Gegend. Warum wundert es euch dann, dass euch jeder kennt", fragte der Zwerg, ohne auf eine Antwort zu warten. „Mein Name ist Borion Drum Wurwur und ich bin ein Zwerg aus Halbain", stellte er sich vor. Halbain sagte Koperian nicht das Geringste, doch er vermutete, dass der Zwerg seine Heimatbinge mit Halbain meinte.
„Sehr erfreut"; entgegnete der Elf. „Das nächste Mal hätte ich Lust auf eine weniger schmerzvolle Begrüßung, Herr Koperian", erwiderte der Zwerg, verabschiedete sich mehr belustigt über die Situation und ging seines Weges. Der Druide blieb noch einen kurzen Moment verwirrt stehen und machte sich auf den Weg nach Hause. Fieberhaft sammelte Koperian nun jede Art von Holz. Dann begannen er und Indo drei Tage lang Figuren, Becher, Püppchen, Tiere, Pflanzen, Broschen, Kettenanhänger und Kämme zu schnitzen. Am vierten und fünften Tag verkaufte der Elf ihre Wertsachen, die alleine deshalb, weil sie von einem Elfen gearbeitet worden waren, den Besitzer wechselten. Als er am fünften Tag müde nach Hause kam, saß ein Bote der roten Falken bei Diléhriel und erwartete den Elfen. Der Bote informierte die Freunde über den Fahrtpreis für Koperian, Indo und das Pferd und wies den Elfen an, noch an diesem Abend das Schiff „Harvel“ aufzusuchen, um Gepäck und Pferd dort verladen zu können. Bei Sonnenaufgang am nächsten Tag sollte das Schiffchen dann in See stechen. Koperian hatte viel mit seinen Holzschnitzereien eingenommen, doch es reichte nicht ganz um die Fahrt bezahlen zu können. Diléhriel verschwand in einer der vielen Ecken ihrer Behausung und kam mit dem noch fehlenden Geld zu Koperian. „Hier, damit eure Mission nicht gefährdet ist", sagte sich lächelnd und drückte dem verlegenen Druiden das Geld in die Hand. Das Halbelfenmädchen war an diesem Tag zum ersten Mal mehrere Stunden wach gewesen und sah schon wesentlich besser aus. Sie sprach aber kein einziges Wort und schien auch nichts von dem zu verstehen, was die Elfen miteinander sprachen. Den einzigen intensiveren Kontakt hatte sie zu dem kleinen Gamburen. Indo war in der ersten Stunde der Halbelfe gegenüber etwas schüchtern und misstrauisch gewesen. Doch im Laufe des Tages hatte das Mädchen sein Zutrauen gewonnen. Schließlich hatte Indo den Rest der Zeit, in der sie wach gewesen war, bei dem Mädchen verbracht und sich irgendwie mit ihr verständigt. An dem Abend schien sie zu merken, dass eine Aufbruchstimmung herrschte und war beunruhigt. Alle Versuche Diléhriel, sie zu beruhigen schlugen fehl. Als dann Koperian die Stute Lihn und ihr Gepäck zusammen mit Diléhriel zu der Harvel gebracht hatten und wieder nach Hause gekommen waren, fanden sie den kleinen Gamburen in einer Truhe eingeschlossen vorgefunden und das Mädchen war verschwunden. Es wurde ein durch diesen Vorfall getrübter Abend und alle Gedanken waren bei dem wilden Kind, das sich nun wieder selbst durchs Leben schlagen würde. Alle gingen früh zu Bett, um am Morgen rechtzeitig und frisch zu erwachen. Am nächsten Tag verabschiedeten sich Indo und Koperian von der Elfe, dankten ihr für die Gastfreundschaft und das Geld, welches ihnen gegeben hatte. Der kleine Gambur schlüpfte in die Kapuze des Druiden, als sie gemeinsam loszogen.
„Wenn ihr dafür Tasmanorb und vielleicht Triman rettet, dann war das noch extrem wenig, was ich tun konnte", sagte Diléhriel lächelnd und winkte den zum Hafen schlendernden Freunden nach. Es war ein schöner Sonnenaufgang, der sie bei den Schiffen erwartete. Die Harvel lag friedlich am Kai und schwankte leicht hin und her. Auf zwei anderen Fischerbooten, die in der Nähe lagen, machten die Menschen Schiffsputz vor dem Auslaufen. Sie warfen alte stinkende Fischreste über Bord und ungewöhnlich wenige Möwen zankten um die Leiber im Wasser. Vor der Harvel, einem kleinen Einmaster aus Holz, standen der zwar mürrische und doch sehr um Mannschaft und Gäste besorgte Kapitän namens Trovat Oig und zwei weitere Gesellen. Sie waren in grau-rote Umhänge gehüllt, die über und über mit kleinen und fliegenden roten Falken bestickt waren. Der eine schien schon sehr alt zu sein, denn er hatte fast keine Haare mehr auf dem Kopf und die wenigen, die er noch besaß waren ergraut. Dem anderen Mann wirbelten für die Gegend ungewöhnlich helle Locken in dichten Büscheln um den Kopf. Er hatte einen kurzen Vollbart und schaute mit seinen blauen Augen zur aufgehenden Sonne.
„Ah, hier sind unsere besonderen Gäste", begrüßte Oig Indo und Koperian.
„Vielen Dank guter Kapitän, guten Morgen", erwiderte der Druide freundlich.
„Das hier ist Falkran", der Seemann zeigte auf den alten Magier, "von der Gilde der roten Falken. Er ist ein Meister aus Triminort und leitet die Reise nach Hahm. Sein Lehrling, der Magier Silven, ist der blonde Mann aus Henvobar. Er lebt schon seit zehn Jahren in Triminort.“ Als Koperian erstaunt schien über das, was der Kapitän über seine Gäste alles wusste, meinte dieser:
„Ich fahre für die Magier regelmäßig. Ich kann in einem Seitenhaus der Gilde nächtigen und kenne die meisten ihres Ordens aus Triminort.“
„Guten Tag", sagte der ältere Magier freundlich, noch bevor der Elf zum Sprechen kam. „Ihr seid sicher der Druide von Lahlon“, fragte Falkran.
„Ja, der bin ich", entgegnete der Elf, ,,Mein Name ist Koperian und ich freue mich, dass ich mich ihrem Wege anschließen darf.“
„Ein Gast aus", er runzelte die Stirn, als müsse er kurz überlegen und sagte dann: „Tasmanorb ist uns immer willkommen.“
„Ihr kennt Wörter der Elfensprache?", fragte Koperian verwundert.
„Ein wenig, ich habe lange Zeit Diléhriel besucht und mich mit ihr angefreundet. Zurzeit erlauben es aber meine Pflichten so gut wie nie, die Gilde zu verlassen. Es sind schwere Zeiten gekommen und so werde ich zu unseren Brüdern nach Hahm gehen.“
„Wisst ihr, was uns zugestoßen ist?", fragte Koperian, dessen Herz plötzlich bis zum Hals schlug. „Leider gibt es nur sehr viele Gerüchte, die Barden und Händler verbreiten und die zum Teil sehr fragwürdig sind", erwiderte der Magier nachdenklich.
„Tatsache ist, das seit einem Jahr Schreckensgeschichten aus Henvobar kommen und seit dem der Sommer seinem Ende zugeht wurden es immer weniger Schiffe, die uns sicher aus dem Norden anliefen. Seit zehn Tagen ist jeglicher Kontakt zu Henvobar und seinen nördlichen Nachbarn unterbrochen. Auch über magische Wege können wir unsere Brüder dort nicht mehr erreichen. Es scheint als läge ein dichter dunkler und sehr giftiger Nebel über dem Norden, der sich immer mehr auszubreiten scheint und Menschen und Tiere in den Wahnsinn treibt."
Koperian dachte an Hoob und die vor dem Wahnsinn der Nacht fliehenden Tiere des Dschungels. Indo zitterte leicht.
„Viele dunkle magische Mächte sind entfesselt und führen zu einem mächtigen Chaos. Devorm, unser Meister der Sinne, ist bei seinem letzten Versuch Kontakt zu unseren Brüdern in Agrevan, der Hauptstadt von Henvobar aufzunehmen, zusammengebrochen. Seit dem kichert er nur noch vor sich hin und versucht sich und andere zu verletzten. Wir mussten ihn auf sein Lager festbinden“, erzählte Falkran weiter.
„Warum wollt ihr nach Hahm, Koperian?", fragte er interessiert.
„Mir wurde gesagt, in Hahm existiere ein Orakel, welches mir vielleicht helfen könnte", erwiderte der Druide. Der alte Magier schmunzelte.
„Ihr seit noch nicht viel herum gekommen oder?“, lächelte ihn der Magier an.
„Nun ja, ich kenne Lahlon wie meine Westentasche, aber mehr auch nicht. Mich zog es nie weg aus meiner Heimat und auch jetzt bin ich nur aus dem Grund der Not unterwegs", entgegnete der Elf geduldig.
Er merkte wie der Magier gerne dazu noch etwas gesagt hätte, es sich dann aber anders überlegte und das Thema wechselte:
„Hahm ist die Muttergilde der roten Falken, unser Zentrum und unser Rat. Dort beraten und verhandeln wir auch mit Magiern anderer Gilden soweit wir uns mit ihnen einigermaßen verstehen. Ab und zu haben wir sogar die große Ehre, ein oder zwei Priester der Nachbarschaft als Besucher empfangen zu können. Wie ihr sicher wisst, stehen sich Priester und Zauberer der Menschen eher feindselig gegenüber, aber das ist ein anderes Thema.“
Koperian verstand nicht, warum sich Priester und Zauberer nicht mochten, sagte aber nichts. Zu anderer Zeit hatte er schon den Unterschied zwischen Kräuterfrau und Hexe kennen gelernt und versuchte sich über dieses Verhalten auch die Aussage des Magiers zu erklären.
„Hahm", so fuhr Falkran fort, „wurde auf den Ruinen von Traal erbaut, einem Tempel einer längst vergangenen Kultur. Die Menschen von Traal, so steht in der Überlieferung, konnten mit Hilfe des Zentrums dieser Stadt in die Zukunft sehen, doch uns ist der Nachvollzug dieser Geschichten nicht geglückt.“
Für den Druiden brach eine Welt der Hoffnung zusammen. Was sollte er jetzt tun?
„Es könnte sich für sie dennoch als nützlich erweisen, mit uns zu ziehen", sagte der alte Magier schnell als er die Enttäuschung in Koperians Gesicht las. Es kommen Magier und Zauberer aus allen Richtungen. Wir werden Berichte aus Henvobar und mit eurer Unterstützung auch aus Lahlon hören und wir können zusammen nach den Ursachen der dunklen Mächte forschen. Vielleicht könne wir eine Lösung erarbeiten.“
„Besten Dank für die Einladung Magiermeister von Triminort. Ich werde mitfahren und mein Bestes geben damit Henvobar und Lahlon besseren Zeiten entgegen sehen können", erwiderte Koperian der durch die Worte des Magiers wieder Mut schöpfte. Vielleicht konnte er ja dazu beitragen das Orakel wieder in Gang zu bringen. Der Kapitän, der kurz auf seinem Schiff verschwunden war um Anweisungen zu geben räusperte sich kurz von der Reling herab und meinte zu seinen Passagieren:
„Edle Herren, wir müssen aufbrechen. Der Wind wird nicht mehr günstiger stehen, als jetzt.“
So rafften sich zwei Menschenmagier, ein kleiner Gambur und ein elfischer Druide zu ihrer Reise auf und bestiegen das kleine Segelboot Harvel, welches noch friedlich im Wasser schaukelte.