Читать книгу Neukonzept - Elisa Scheer - Страница 2

Prolog

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Sie hatte ja schon öfter blöde Ideen gehabt, ärgerte sich Leonie, aber das hier war bei weitem die allerblödeste. Sie trottete hinter den anderen her und rückte zum hundertsten Mal ihren Rucksackträger zurecht. Ohne Erfolg, er scheuerte immer noch, da half alle schonende Polsterung nichts. Dieser Trottel im Sportgeschäft, hatte er nicht gesagt, das sei das bequemste, komfortabelste, praktischste Modell seit Anbeginn der Zeiten?

Nein, der Trottel war sie selbst. Eine Woche Urlaub, und was tat sie? Buchte eine geführte Bergwanderung in der Schwarzenbachklamm. Es regnete von oben, die Gischt schäumte von der linken Seite, die Mücken kamen von rechts, und es war so feuchtschwül, dass man sich nicht einmal etwas überziehen konnte, um gegen Nässe und Viehzeug geschützt zu sein – mehr als ein Trägertop und dreiviertellange Cargohosen konnte sie zumindest nicht ertragen, den Rest hatte sie an den Rücksack gebunden.

Gestern hatte die Sonne geschienen, was ihr eine rote Nase eingebracht hatte, heute nieselte es heftig. Toll aussehen tat es hier ja schon, fast wie im Regenwald, und die Böschung rechts war interessant bewachsen – aber seit wann hatte sie denn etwas mit Natur am Hut?

Der Schwarzenbach rauschte heftig neben ihr. Sie schaute nach links – wild schäumendes dunkles Wasser über großen Steinen. Ob die Steine wohl so schwarz waren oder woher kam die dunkle Tönung? Von mitgeführter Erde? Das Wasser sah aber eigentlich ganz klar aus.

Die anderen waren alle schneller, das waren so richtige Profiwanderer, solche, die jedes Wochenende loszogen und vor lauter Hornhaut schon gar keine Blasen mehr kriegten. Das konnte sie von sich nicht behaupten. Jetzt hielten sie ganz da vorne, wo ein wackliger Holzsteg über den Bach führte, anscheinend ging der Weg auf der anderen Seite weiter. O Gott, da hinten führte eine Treppe den Berg hinauf! Sie hasste diese glitschigen nassen Holztreppen – man rutschte, man keuchte, man stellte fest, dass man weder Kondition noch Gleichgewichtssinn hatte und schämte sich ganz grundlos. Wanderer waren nämlich nicht automatisch die besseren Menschen! Und diese Tussi im roten Windbreaker schon gleich gar nicht, die sicher mal wieder andächtig an den Lippen des Führers hing, obwohl der höchstens auf Bartnelken, Nagelflu oder ein altes Vogelnest hinwies und sich auch gar nicht für seine treue Verehrerin interessierte.

Jetzt bekam sie links wirklich eine Blase, und das, wo doch die anderen schon über die Brücke trappelten! Da musste sie nachher regelrecht rennen, um sie wieder einzuholen. Scheiß-Urlaub! Jetzt irgendwo auf eine Liege herumlungern, Meeresrauschen, ein nettes Börsenmagazin und einen möglichst gruseligen Krimi zur Auswahl, ab und an einen Campari Orange... War sie denn vom wilden Affen gebissen, stattdessen durch ein verregnetes frühherbstliches Oberbayern zu humpeln? Soo gesund war Wandern auch wieder nicht.

Die anderen würden schon merken, dass sie sie verloren hatten, jetzt war eins von diesen komischen Gelpflastern angesagt, basta.

Sie hinkte noch einige Schritte weiter, bis sie vor einer Art Höhle stand und darin einen sehr zweckdienlichen Sitzfelsen vorfand. Ideal! Sie setzte sich, zog Trekkingschuh und Spezialwandersocke aus (auch so eine Geldverschwendung) und kramte in sämtlichen Taschen und Fächern ihres Rucksacks herum, bis sie das Mäppchen mit ihrer Wanderapotheke gefunden hatte. Das Pflaster kühlte sofort, als sie es aufdrückte, und als sie sich auch noch ein Paar frische Socken gegönnt hatte, fühlte sie sie sich durchaus imstande, die anderen in geschmeidigem Trab wieder einzuholen – wenigstens so lange, bis sie wieder auf ihren beschuhten Füßen stand: Naja! Wenigstens scheuerte es nun deutlich weniger.

Sie stampfte ein paar Mal probeweise auf und stellte mäßig erfreut fest, dass der Regen stärker geworden war. Da sollte sie wohl doch mal das Regencape aus dem Rucksack holen... Sie hatte es gerade herausgekramt und den Rucksack wieder verschlossen, als sie ein eigenartiges Donnern hörte und mittendrin einen unterdrückten Schrei – dann wurde es dunkel vor ihrem höhlenartigen Standpunkt.

Sie schüttelte den Kopf und zwinkerte ein paar Mal verwirrt. Was war das denn? So dunkel konnte es doch nicht einmal bei Gewitter werden! Sicher, Gewitter in den Bergen waren nicht ungefährlich, das wusste sogar sie (wieder ein Argument für einen gepflegten Sandstrand), aber es konnte selbst hier weder so stockfinster werden noch so lange nachgrollen. Das klang auch anders – so rollend, so, als bewegte sich etwas. Und die Schwärze vor der Höhle war nicht Nacht oder eine dicke schwarze Wolke, sondern einfach Erde. Schwere, nasse Erde.

Na Klasse! Ein Bergrutsch. Eine Mure oder wie man das nannte. Sie kannte das auch nur aus dem Nachrichtenkanal, wo man immer die Bilder von halbzerstörten Bauernhöfen und darüber die lange Spur einer Mure auf dem Hang sah. Oder gesperrte Alpenübergänge. Sie konnte ja bloß froh sein, dass sie in dieser Höhle gestanden hatte, sonst wäre sie jetzt wohl tot.

Tot!

Der Gedanke missfiel ihr so, dass sie zu zittern begann und sich ziemlich abrupt wieder auf den steinernen Sessel setzen musste. Was für ein Ende! Die erfolgreiche PR-Frau Leonie Sambacher, das coole City-Girl, nur Hightech und Gewinne im Kopf, von der Rache der Natur eingeholt und in einem Bergrutsch erstickt. Nee... hochbetagt als große alte Dame der Werbung (und außerdem steinreich) friedlich einschlafen – so war das geplant!

Kein Problem, sie hatte ja ein Handy dabei, und „der Ernstl“, der Bergführer, hatte allen seine Nummer diktiert. Sie würde ihn anrufen, er würde ein paar Leute herbeizitieren, und die würden sie ausgraben. Eine Sache von höchstens einer Stunde, sie waren ja schließlich im hochtechnisierten Bayern.

Laptop und Lederhose

Hoffentlich war hier nicht bloß Lederhose pur angesagt!

Das Handy war schnell gefunden, und sie tippte ihren Code ein. Rechter Balken – hoch. Gut, der Akku war ja auch frisch aufgeladen. Linker Balken – gleich Null. Scheiße, kein Netz. Obwohl... sie rief die Nummer vom Ernstl auf.

Nein, nichts.

Toll. Scheiß-Bergwanderung. Scheiß-Schwarzenbachklamm. Scheiß-Urlaub.

Sie ließ das Handy eingeschaltet, aktivierte die Tastensperre und schob es wieder in den Rucksack. Vielleicht konnte man sie ja trotz Funkloch orten... Der Ernstl musste doch merken, dass sie fehlte? Schließlich zählte er doch ununterbrochen durch und schimpfte, wenn sich jemand unerlaubt von der Truppe entfernte.

Anscheinend schimpfte er schon jetzt, jedenfalls erklang wütendes Gegrummel von jenseits der Wand aus Erde und Steinen. Sie trat näher an den Höhleneingang. „Hallo? Hier bin ich!“

„Und ich bin – Scheiße!“, war die Antwort. Das war nicht der Ernstl, nicht mal mit dem Mund voller Erde. Hochdeutsch und eine Bassstimme – und der Ernstl hätte nicht Hochdeutsch sprechen können, wenn sein Leben davon abgehangen wäre. Außerdem sprach er nicht annähernd so tief. Da war einer von der Lawine mitgerissen worden!

Sie inspizierte die Wand genauer und entdeckte schließlich etwas, was wie schlammverkrusteter Gummi aussah. Vorsichtig fasste sie danach. „Hallo? Kann es sein, dass ich Ihren Fuß erwischt habe?“

„Logisch!“, kam die dumpfe Antwort. „Ziehen Sie mal. Ich hab hier eine Luftblase, aber nicht mehr lange. Los doch!“

Sie zog, aber es rührte sich nichts. „Fester, Mensch!“

„Und wenn Sie sich dabei verletzen?“

„Mein Risiko. Los, ordentlich ziehen!“

Sie zerrte aus Leibeskräften, und schließlich bewegte sich der Stiefel. Hoffentlich hatte sie ihn seinem Besitzer nicht bloß vom Fuß gerissen! Nein, der Fuß steckte noch drin, und es folgte ein langes Bein in völlig verdreckten Jeans. Aber nur eins! Er musste in einer saublöden Haltung im Schlamm stecken. Sie zog weiter und bekam eine Ladung Erde und Kieselsteine ins Gesicht. Prustend ließ sie den Fuß wieder los und wischte sich den Dreck aus dem Gesicht. Es roch nach Blut, aber sehen konnte sie fast nichts, weil das bisschen Licht, das durch eine Felsspalte in der Decke fiel, nicht ausreichte. Als sie immerhin die Erdwand wieder sehen konnte, entdeckte sie, dass ein zweiter Fuß aufgetaucht war. Wütend packte sie beide und zerrte ruckartig daran, bis in einer Ladung von Schlamm und prasselnden Steinen der ganze Körper auftauchte und auf den Boden aus trockener Erde fiel.

Er blieb regungslos liegen und Leonie erfasste eisiger Schrecken: War er tot? Hatte sie so langsam gezogen, dass er die Luftblase verloren hatte und erstickt war? Sie tastete nach seinem Gesicht und schlug ihm leicht auf die Wangen, ohne Ergebnis. Sie kramte in ihrem Rucksack hastig nach der Taschenlampe und leuchtete ihm ins Gesicht – eine Masse aus trocknendem Schlamm. Flüchtig kratzte sie den Schlamm um seinen Mund weg, holte tief Luft und presste ihre Lippen auf seine. Er schmeckte nach Erde, kaum verwunderlich, und reagierte nicht. Sie versuchte es erneut, immer mit der dumpfen Angst, etwas falsch zu machen – der Sofortmaßnahmenkurs war einfach schon zu lange her. Endlich hustete er und wandte sich zur Seite. Sie blieb neben ihm hocken und wartete, bis er Erde und Kies ausgespuckt hatte und sich blinzelnd aufsetzte. „Oh du Scheiße!“, sagte er dann, sich umsehend.

Danke schön hätte es auch getan“, tadelte Leonie und versuchte, ihn zu betrachten, soweit das bisschen Licht aus der winzigen Taschenlampe und aus dem Felsspalt das möglich machte.

„Ja, Entschuldigung. Danke“, knurrte er. „Aber Sie haben mich ja reingezogen!“

„Raus konnte ich ja schlecht, wenn ich selbst drinnen bin“, gab sie ärgerlich zurück, erhob sich und knipste die Taschenlampe aus. „Wenn Sie natürlich lieber in den Dreckhaufen zurückwollen... soll ich schieben?“

Er fuhr sich durch das dreckverklebte Haar. „Nein... schon gut. Ich dachte eben nur, ich würde mich im Freien wiederfinden. Was ist das hier?“

„Wonach sieht´s denn aus?“ Da landete man mit einem Kerl in einer gottverlassenen Höhle, und dann war er hochgradig beschränkt. Und schlecht erzogen obendrein. „Geht´s dahinten vielleicht noch weiter?“

„Stellen Sie sich vor, ich hatte noch keine Zeit, nachzusehen“, fauchte sie. „Fehlt Ihnen sonst noch was? Ich meine, außer Manieren und Hirn? Kopfweh? Was gebrochen?“

„Nein...“

„Dann setzen Sie sich mal besser auf den Stein da, das ist sicher nicht ganz so kalt von unten.“

Er gehorchte schweigend. Sie konnte erkennen, dass er ziemlich groß war, wahrscheinlich größer als sie selbst, und eine dunkelblaue Jacke trug. Ansonsten schien er nur aus Schlamm zu bestehen.

Sie horchte in die Stille. Ab und an hörte man es von draußen rieseln, aber darunter war ein anderer Laut zu vernehmen, etwas wie ein ganz leises Plätschern.

„Irgendwo gibt es hier Wasser“, stellte sie fest. „Ich gehe mal gucken.“

Ohne seine Reaktion abzuwarten, machte sie sich auf den Weg. Der dünne Lichtstrahl tanzte über den felsigen Boden, der hier und da mit Erde bedeckt war. Die Höhle machte eine Biegung und wurde breiter und niedriger; an ihrem Ende floss tatsächlich ein schmaler Bach, der zwischen riesigen Felsen auf der einen Seite hervorquoll und zwischen ebensolchen Felsen auf der anderen Seite wieder verschwand. Etwas Größeres als eine Maus passte aber dort nicht hindurch. Und einen dritten Raum gab es auch nicht. Na, immerhin Sauerstoff und Wasser. Und in ihrem Rucksack hatte sie noch zwei Energy-Riegel und einen Apfel. Sie kehrte um.

„Dahinten fließt ein Bächlein, aber raus geht´s da auch nicht.“

Er sah auf, nun deutlicher erkennbar – zum einen hatten sich ihre Augen wohl an das Dämmerlicht gewöhnt, zum anderen hatte er eine Kerze angezündet und auf den Boden geklebt. Was manche Leute so in ihren Rucksäcken spazieren trugen...

Sie sah einen langgliedrigen Mann in verdreckter Kleidung und mit schlammverschmiertem Gesicht, dunklen Haaren und dunklen Augen, soweit das Kerzenlicht sie nicht trog, die sie musterten. Er sah wohl eine ebenfalls langgliedrige, schlanke Frau in verschwitztem Trägertop, verbeulten Cargohosen und Trekkingstiefeln, mit zurückgebundenem, schulterlangem Haar undefinierbarer Farbe (aber eher hell), schmalen Augen und mäßig freundlichem Blick.

„Hallo“, sagte er, als er mit der Musterung fertig war, „und vielen Dank nochmal.“

„Ach, jetzt doch? Wo ich Sie doch erst in die Katastrophe reingezogen habe? Ich sag´s Ihnen lieber gleich, hier geht kein Handy. Funkloch oder so.“

Er ließ seinen Blick über die flackernden Schatten auf den Felswänden wandern. „Kein Wunder. Waren Sie alleine unterwegs?“

Sie setzte sich auf einen zweiten, etwas niedrigeren Felsen. „Nein, mit einer bescheuerten Gruppe. Blöde Idee. Aber die müssten mich eigentlich irgendwann vermissen. Luft und Wasser haben wir, und heute ist erst Mittwoch.“

„Was hat der Wochentag denn damit zu tun?“

„Ich hab die Woche Urlaub. Solange ich nicht unentschuldigt fehlen muss, kann ich´s hier aushalten. Dieser Wanderurlaub hat mir eh nicht gefallen."

„Völlig verbucht?“

„Kann man so sagen. Sie auch?“

„Naja, verbucht… vielleicht. Eher einfach verschätzt. Ich muss das vorübergehend für eine gute Idee gehalten haben. Mann, ich könnte jetzt in einer schönen Stadt sein! Paris, Wien, Barcelona, London...“

„Ja, ich hab´s verstanden.“

„Was besichtigen, zwischendurch in ein Café, abends anständig essen gehen...“

Sie schielte zu ihm, um zu gucken, ob man ihm die Fresslust schon ansah, aber dafür war es immer noch nicht hell genug. Also seufzte sie ausdrucksvoll. „Und ich könnte jetzt direkt am Meer sitzen, lesen, die Sonne genießen, abends vielleicht durch eine malerische Altstadt bummeln... stattdessen mache ich hier einen auf Ich war bei einer echten Naturkatastrophe dabei.“

„Eher ein Kataströphchen, oder? Mir kam es zwar recht eindrucksvoll vor, als mich diese Dreckflut mitgerissen hat, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass wir einem Nachrichtensender eine Sondersendung wert sind.“

Leonie musste kichern. „Stellen Sie sich das mal vor, wir sitzen hier drin, und draußen steht diese Reporterin, die sie da immer haben, wenn irgendwo das Wasser kniehoch steht, und brabbelt mit betroffener Miene ins Mikro – über den Bergungsfortschritt und ob wir wohl noch Sauerstoff haben...“

Er lachte ebenfalls. „Und sobald wir raus sind, bitten wir um das Video, zur Erinnerung?“

„Wir könnten auch in die Kamera winken, wenn wir rauskommen.“

„Und grüßen – alle, die mich kennen.“

„Unbedingt!“, freute sich Leonie. „Das ist absolut unverzichtbar.“ Dann wurde sie wieder ernst. „Wir hätten aber auch tot sein können.“

„Ja. Na, wenn schon. Mir weint keiner nach.“

„Mir auch nicht“, entgegnete sie, „aber ich hätte es doch schade gefunden. Ich hätte eigentlich schon noch so einiges vorgehabt.“

Schweigen breitete sich aus, vielleicht, weil das Ende des Gesprächs doch etwas arg persönlich gewesen war, überlegte Leonie. Sie kannte den Kerl ja gar nicht, sie hatte ihn nicht mal richtig gesehen. Wollte sie ihn denn kennen lernen? Wozu, überlegte sie, innerlich die Achseln zuckend, und starrte auf ihre Schuhe.

Auch ihm schien es zu weit gegangen zu sein, jedenfalls wandte er sich ab und begann in seinem Rucksack zu kramen. Schließlich förderte er ein Handtuch und eine kleine Flasche zutage, außerdem ein verknittertes Hemd.

„Da hinten ist ein Bach, sagten Sie? Dann werde ich mal versuchen, ob ich den Berg von mir runterkriege.“

Er schritt vorsichtig an ihr vorbei in die Düsternis, und sie grübelte weiter vor sich hin. Verflixt, wann fiel es dem Ernstl denn endlich auf, dass sie verloren gegangen war? Sollten nicht schon längst Leute von der Bergwacht oder der Feuerwehr oder vom THW draußen graben und rufen? Sie sah auf die Uhr – halb fünf. Um zwei waren sie in Unterschwarzenbach losgegangen und etwa zwei Stunden lang durch die Klamm gelaufen... dann war sie erst eine halbe Stunde hier drin? Unvorstellbar.

Trotzdem, der Ernstl zählte doch sonst auch dauernd ab, und gerade, wenn er abbog und die Klamm überquerte, musste er doch gucken, ob nicht jemand falsch abgebogen war! Verantwortungsloser Sack, nur darauf aus, junge Touristinnen anzugraben. Wie so ein dämlicher Skilehrer im Winter.

Nein, das war unfair. Die Tussi in der roten Jacke hatte jedenfalls keinen Erfolg bei ihm. Außerdem war ihr das Liebesleben vom Ernstl herzlich gleichgültig, sollte er doch flachlegen, was ihm über den Weg lief – solange er jetzt, in diesem Moment, endlich stehen blieb und die anderen fragte: „Mei, wo is jetzt die Frau Sambacher bliem?“

Aufgeregtes Durcheinandergerede, stellte Leonie sich vor – und dann würde einer der Intelligenteren (aber die waren in dieser Gruppe eher dünn gesät) nach hinten zeigen. „Da hab ich sie zuletzt gesehen, vor dieser Höhle." Und der Ernstl würde sich die Höhle genauer anschauen, vielleicht mit dem Feldstecher, und feststellen, dass sie hinter einer Mure verschwunden war. Und dann... spätestens in einer halben Stunde musste jemand zu graben anfangen. Um sechs konnte sie schon draußen sein, bei einem einigermaßen akzeptablen Essen im Schwarzen Bären in Unterschwarzenbach. Mit Schwarz hatten sie´s hier. Wenn die da bloß nicht so fettig kochen würden! Sie hatte sich ihren BMI von knapp zwanzig mühsam genug antrainiert, da würde sie sich von so einer Dorfwirtschaft nicht wieder alles ruinieren lassen. Naja, einen Salat konnte sie essen, da war nur diese klassische Essig-Wasser-Sauce dran.

Langweilig war es hier. Ja, wenn man Wachsmalkreiden dabei hätte, könnte man die Höhle mit Steinzeitmalereien verzieren und abwarten, ob später jemand glaubte, urzeitliche Dokumente entdeckt zu haben.

Wenn... sie inspizierte ihren Rucksack. Reserve-T-Shirt, Reserveslip, ein bisschen Duschgel, ein Handtuch, die beiden Energy-Riegel, der Apfel, eine völlig überflüssige Sonnenbrille (aber kein Schirm!), Handy, Taschenlampe, Notfallkit mit Pflastern, Kopfschmerztabletten und Handcreme (Minitube für 50 Cent, Sonderangebot aus dem Drogeriemarkt). Und ein Kärtchen vom Rucksackhersteller – sehr nützlich.

Jetzt vernünftiges Licht und was zu lesen... egal was. Leise Schritte signalisierten ihr, dass der Mann zurückkam. Sie warf ihm einen mäßig interessierten Blick zu, registrierte aber, dass er sich anscheinend gründlich entschlammt hatte – jedenfalls konnte man sein Gesicht jetzt wieder erkennen, soweit das schwache Licht es zuließ. Gar nicht so übel... gut, wenn er eine schwere Akne hatte, konnte man das nur bei Tageslicht feststellen, aber die Gesichtszüge waren nicht schlecht. Etwas hart vielleicht, aber das konnte ja auch am Licht liegen.

Als er wieder saß und in seinem Rucksack herumwühlte, sammelte sie ihrerseits Handtuch, Duschgel und frische Klamotten ein und verzog sich an den Bach, der einen ganz brauchbaren Badezimmerersatz darstellte. Es war zwar etwas mühsam, in den Bach zu pinkeln, aber es gelang ihr. Männer hatten es eben doch einfacher, wie immer. Sie zog sich aus, wusch sich den kalten Schweiß von der Haut, trocknete sich ab und zog sich wieder an, dann schrubbte sie Slip und T-Shirt gründlich mit Duschgel, spülte sie aus und drückte das eisige Wasser heraus. Trocknen würden sie kaum, aber sie hatte keine Lust, verschwitzte Klamotten im Rucksack herumzutragen.

Sie raffte alles wieder zusammen und kehrte in die Wohnhöhle zurück. Dort sah sie sich ratlos um, bis sie eine eigenartige Felsnase entdeckte, über die sie T-Shirt und Slip drapierte, den Slip natürlich diskret unter dem T-Shirt. Der Mann saß immer noch auf dem Sitzfelsen, hatte seinen Rucksack wieder geschlossen und starrte vor sich hin. Haha, er hatte auch nichts Sinnvolles darin entdeckt.

Sie räumte alles Trockene wieder in ihren Rucksack, schloss ihn, breitete das feuchte Handtuch darüber und setzte sich ebenfalls. So, und was jetzt?

Eine Zeitlang amüsierte sie sich mäßig dabei, das Spiel der flackernden Schatten auf den Höhlenwänden zu verfolgen, aber die Kerze brannte langsam herunter, und lange würde dieser schwache Fernsehersatz nicht mehr vorhalten. Ihr XAM!-Anhänger am Rucksackreißverschluss blinkte im dürftigen Kerzenlicht immer schwächlicher. „Müsste Ihre Reisegruppe nicht allmählich gemerkt haben, dass Sie abgängig sind?“

„Eigentlich schon“, antwortete Leonie lustlos, „aber so besonders schlau sind die alle nicht.“

„Wir könnten natürlich schauen, ob wir diesen Berg etwas abtragen können“, schlug er vor.

Jetzt? Jetzt, wo sie gerade frisch gewaschen waren?

„Womit?“, fragte sie. „Haben Sie einen Spaten dabei oder etwas Ähnliches?“

„Nein“, bekannte er. „Aber keine Lust mehr, hier zu bleiben.“

„Die hab ich auch nicht. Und nicht mal einen Suppenlöffel zum Graben. Höchstens... mit einem Stein?“ Sie sah sich suchend um, entdeckte aber nichts. Er stand auf und suchte ebenfalls. „Hier – der könnte gehen, oder?“

Sie betrachtete sich den Stein, der relativ groß und flach war. „Ja, der ist nicht schlecht. Jetzt brauchen wir bloß noch einen zweiten Stein, damit es schneller geht. Man müsste halt wissen, wie dick diese Dreckwand ist.“

„Und wie stark dieser Dreck schon getrocknet ist. Getrockneter Schlamm ist wie Zement, das hab ich gemerkt, als ich mir das Zeug runtergewaschen habe.“

„Heitere Aussichten“, murmelte Leonie und suchte weiter, bis sie ein abgebrochenes Felsstück gefunden hatte, das wenigstens als Pickel dienen konnte. „Also, auf geht´s!“

Sie hackte auf die Erdwand ein, aber viel passierte nicht, nur etwas Erde und Kies rieselten nach innen in die Höhle.

Er schaufelte direkt neben ihr und sie konnte nicht umhin wahrzunehmen, dass er gut duftete. Er musste ein richtig teures Duschgel in seinem Rucksack herumschleppen, nicht so ein Drogeriemarktfläschchen wie sie selbst. Außerdem war er den idealen halben Kopf größer als sie, jetzt konnte sie es genau feststellen. „Verdammt, das Zeug ist schon steinhart“, fluchte er, und sie brummte zustimmend, während sie weiter hackte.

Sie arbeiteten etwa eine halbe Stunde und praktizierten eine recht ordentliche Kuhle in die Wand, aber ohne nach draußen zu gelangen, die Schlammlawine musste einfach zu dick sein. Schließlich sahen sie sich an, heftig atmend und schwitzend. „Und dafür haben wir uns gewaschen“, murrte sie. Er lachte. „Satz mit x, was?“

„Verdammt, ja. Ich meine, wir haben doch echt was weggegraben, aber das bringt gar nichts. Vor dem Eingang muss ein wahrer Berg sein. Scheiße, wenn die Leute von meiner Gruppe sich die Höhle nicht genau angeschaut haben, merken sie vielleicht gar nicht, dass sich hier was verändert hat. Die können ja sonst wo suchen! Und jetzt ist es – was, schon halb sieben?“

„Noch zwei Stunden“, tröstete er, „dann wird es dunkel. Aber ich glaube auch, dass wir uns auf eine Nacht hier einrichten müssen. Haben Sie irgendeine Unterlage dabei?“

Sie sah sich zweifelnd nach ihrem Rucksack um. „Naja, nichts wirklich Brauchbares. Eine Picknickdecke – und eine Isomatte.“

„Nicht schlecht. Ich habe auch eine Isomatte und einen Daunenschlafsack.“

„Toll“, murrte sie, „an einen Schlafsack hätte ich auch denken sollen. Die Picknickdecke reicht locker für zwei, aber so ein Schlafsack...“

„Den kann man ganz aufmachen und als Decke nehmen. Und die Rucksäcke als Kissen – wenn man den harten Kram nach unten stopft. Das kriegen wir schon hin.“

„Hoffentlich. Aber ein bisschen sollten wir doch noch weiter graben... So was wie einen Speer müsste man haben, vielleicht könnte man damit durchstoßen bis nach draußen.“

„Ja, wenn man einen hätte. Tauschen wir mal? Vielleicht kann ich den Pickel tiefer in die Wand stoßen. Und Sie graben.“

Männer! Müssen doch immer mit ihrer Stärke protzen... Aber er sah wirklich einigermaßen kräftig aus, also warum nicht? Sie reichte ihm den Pickel, und er hackte mit aller Kraft in die Wand – mit genauso wenig Erfolg wie sie. Sie grub eifrig, aber außer einem kleinen Häufchen auf dem Boden brachte sie nichts zustande. Er hämmerte wie ein Besessener auf die Wand ein, aber das einzige Ergebnis war eine Staubwolke, die sie beide husten ließ.

„Das bringt auch nichts“, keuchte Leonie schließlich und sah ihn verzweifelt an. „So kommen wir hier nie raus. Wieso trocknet dieser Schlamm denn so schnell?“

„Außen ist er bestimmt noch nass. Es hat ja schließlich ganz schön geregnet. Aber Sie haben Recht, so wird das nichts. Verdammt! Ich habe nicht die geringste Lust, hier den Rest meines Lebens zu verbringen.“

„Ja, glauben Sie, ich vielleicht? Ich will hier raus, und das zügig.“

„Da sind wir uns ganz wundervoll einig.“ Grinste er etwa? Konnte nicht schaden, die Sache mit Humor zu nehmen. Sie grinste versuchsweise zurück.

„Und was jetzt?“, fragte sie. „Auch wenn wir hier übernachten können, ist das doch keine Perspektive auf Dauer.“

„Vor allem, weil wir bald ziemlichen Hunger kriegen dürften“, stimmte er zu. „Ich habe bloß noch ein Brot dabei.“

„Was ist da drauf?“, fragte Leonie begierig, denn sie hatte jetzt schon Hunger.

„Leberpastete.“

„Igitt! Das dürfen Sie alleine essen, ich nehme meine Energy-Riegel und den Apfel.“

„Wieviele Riegel haben Sie denn da drin?“ Anscheinend gierte er auch schon nach Kalorien.

„Zwei. Und die sind leider ganz klein. Ich dachte doch, um die Zeit sitze ich schon im Schwarzen Bären.“

„Und ich wollte längst in der Post in Oberschwarzenbach sein. Da soll das Essen fast einen Stern verdienen...“

Sie seufzten einträchtig. „Na, essen wir erstmal zu Abend“, schlug Leonie vor, „dann fühlen wir uns vielleicht nicht mehr so selbstmitleidig. Und danach können wir ja noch ein bisschen hacken...“

„Gute Idee.“

Sie setzten sich ordentlich nebeneinander auf die beiden Sitzfelsen, die aussahen, als hätten sie auf Übernachtungsgäste gewartet. Leonie verspeiste bedächtig den einen Riegel, der unglaublich trocken schmeckte, wenn man nichts dazu trank, und verzehrte dann den Apfel mit Stumpf und Stiel. An seinem Pastetenbrot kauend, sah er ihr fasziniert zu. „Essen Sie die Kerne mit?“

„Alles Nahrung. Ich kann´s mir nicht leisten, etwas wegzuwerfen. Außerdem – wer weiß, ob ein Apfelbutzen nicht Ratten anlockt?“

„Das auch noch!“, stöhnte er. „Auf Ratten stehe ich nicht wirklich. Ich hab da mal einen Film gesehen -“

„Danke, den kenne ich auch. An den würde ich jetzt eigentlich lieber nicht denken. Ihr Brot sieht genauso trocken aus wie mein Energyriegel. Einen Becher haben Sie nicht zufällig in ihrem Rucksack?"

„Nein. Haben Sie etwa was zu trinken dabei?“

„Ich hatte an den Bach gedacht. Das Duschgel hat sich ja mittlerweile hoffentlich Richtung Tal davongemacht.“

„Dann müssen wir wohl die hohle Hand nehmen... fertig? Dann kommen Sie!“

Sie stolperten einträchtig zum Bach und knieten gleichermaßen ungeschickt nieder.

„Verflixt harter Boden“, murrte Leonie und begann, Wasser zu schöpfen. „Pritscheln Sie nicht so rum, Sie wühlen ja das Wasser auf.“

„Sie auch!“, behauptete er sofort.

„Ich bin aber weiter unten!“

„Ach ja? Wie Wolf und Lamm, was?“

Sie musste kichern. „Haben Sie das auch mal mühsam aus dem Lateinischen übersetzt?“

„Schulaufgabe“, brummte er und pritschelte weiter. „Immerhin, fünf minus, dem Fragenteil sei Dank.“

„Sehr beeindruckend!“ Sie erhob sich ungelenk und balancierte über die nassen Felsen bis zu dem schmalen Spalt, durch den der Bach wieder nach draußen verschwand – in die Freiheit. Dort versuchte sie noch einmal, zu telefonieren – immer noch ohne Ergebnis: Trotz der Felsspalte gab es kein Netz.

Wütend kletterte sie zurück, rutschte kurz vor der Tränke natürlich aus und setzte sich abrupt in das eiskalte Wasser, was eine Flut recht farbiger Flüche auslöste. Immerhin war das Handy nicht nass geworden, aber als sie wieder stand – nicht ohne die Hilfe ihres Leidensgefährten – war sie bis zur Taille klatschnass und fror erbärmlich. Gemeinsam tappten sie zurück.

„Ziehen Sie sich aus“, forderte er, als sie wieder vor den steinernen Sesseln standen. „Bitte?“

„Herrgott! Schuhe, Strümpfe, Hose – das ist doch alles tropfnass, Sie erkälten sich bloß. Hier, das Handtuch ist wenigstens nur feucht. Ich kann mich ja umdrehen.“

„Darum möchte ich auch gebeten haben!“, schnappte sie, riss ihm das Handtuch aus der Hand und nestelte ihre Stiefel auf. Es war mühsam, sich die klammen und klebrigen Klamotten vom Leib zu schälen, aber schließlich hatte sie alles zum Trocknen ausgebreitet und sich selbst in das leicht feuchte Handtuch gewickelt, das sie aber nur unzureichend bedeckte – wie ein sehr knapper Minirock. Fröstelnd setzte sie sich wieder.

„Sie können sich wieder umdrehen“, verkündete sie dann zähneklappernd.

Er betrachtete sie betont sachlich. „Sie frieren ja immer noch! Warten Sie!“ Er schnallte seinen Schlafsack los, zog den Reißverschluss rundherum auf und breitete ihn über sie.

„Danke“, murmelte sie und stopfte ihn fest, „bis wir ins Bett gehen, bin ich hoffentlich wieder warm. Äh – ich meine, bis es Schlafenszeit – oder besser, bis wir uns hier ein Nachtlager – ach, Scheiße.“

„Schon gut“, sagte er, „wie soll man es denn sonst formulieren... Ich hacke noch ein bisschen, und Sie wärmen sich erst einmal richtig auf.“

„Ich sollte eigentlich mithacken“, protestierte sie.

„Unsinn. Wir wissen nicht, wie lange wir hier bleiben müssen, und eine Erkältung sollten Sie hier nicht riskieren.“

„Lieber Hungertod als Lungenentzündung, was?“ Sie sah ihm zu, wie er im Licht der sterbenden Kerze zur Dreckwand ging und wieder heftig den steinernen Meißel schwang. Zwischendurch sah sie auf die Uhr – kurz von neun. Da kam jetzt garantiert keiner mehr, es war draußen sicher auch schon fast dunkel. Das monotone Geräusch der Hiebe gegen den getrockneten Schlamm ließ sie eindösen, und als er mit einer Art Karateschrei einen besonders heftigen Schlag führte, schreckte sie hoch. „Sind Sie durch?“

„Aber nicht doch“, antwortete er, schwer atmend, „ich stelle nur fest, wie befreiend das ist. Ich glaube, wenn ich jemals hier herauskomme, kaufe ich mir einen Sandsack und reagiere jeden Frust daran ab.“

„Vergessen Sie nicht, ein Porträt Ihres Chefs darauf zu malen“, schlug sie vor.

„Meines Chefs? Ach so, ja. Machen Sie das auch?“

„Jetzt nicht mehr. Mein jetziger Chef ist okay. Aber vorher – ich hatte ein Foto auf einer Dartscheibe, und manchmal musste ich abends erstmal ein bisschen Pfeile werfen. Leider habe ich selten getroffen.“

Er lachte und vollführte einen weiteren Hieb. „Das Zeug scheint wirklich meterdick zu sein! Langsam müsste ich doch wenigstens in den feuchten Bereich vordringen, sollte man meinen. Ach, ich hab keine Lust mehr.“

Wie aufs Stichwort erlosch der Kerzenstummel. Leonie hörte einen unterdrückten Fluch und das Geräusch, als der Meißel auf den Boden fiel, und beugte sich hastig vor, um nach der Taschenlampe zu kramen. Nicht, dass er noch hinfiel und sich etwas brach!

Der dürftige Lichtstrahl zeigte ihr, dass er noch auf den Füßen stand und sich das Schienbein rieb. „Ich bin einigermaßen trocken“, behauptete sie. „Legen wir uns schlafen. Vielleicht sieht man morgen ja auch ein bisschen mehr. Die Taschenlampe ist nämlich auch schon ziemlich am Ende.“

Er brummte eine Art Zustimmung. Sie reichte ihm die Picknickdecke, und er faltete sie geschickt mit der gummierten Außenseite um eine der Isomatten, breitete sie aus und legte die zweite Isomatte darauf.

„Ganz schön schmal“, kritisierte sie.

„Mein Gott, es wird uns kalt genug werden, auch ohne dass wir mit einem Schwert zwischen uns schlafen.“

„Tristan und Isolde?“, fragte sie.

„Ja, klar. Wir sollten unsere Körperwärme nutzen. Oder finden Sie die Vorstellung allzu abstoßend?“

„N-nein. Wahrscheinlich haben Sie ja Recht.“ Sie erhob sich von ihrem Felsen und hüpfte, die Daunendecke umgewickelt, zu diesem improvisierten Nachtlager. Nach etlichen Verrenkungen hatte sie sich dort ausgestreckt, hart an der Kante, um ihm noch genügend Platz zu lassen, und stellte fest, dass das Lager erstaunlich bequem war. Sie lobte ihn dafür und registrierte sein leises Lachen. „Warten Sie, wie es sich nach einigen Stunden anfühlt.“

„Dann schlafe ich hoffentlich so tief und fest, dass ich die blauen Flecke gar nicht mehr wahrnehme. Kommen Sie, Sie müssen nach dieser Hackaktion doch müde sein.“

„Und wie. Ich hätte nie gedacht, dass Urlaub so anstrengend sein kann“, seufzte er und streckte sich neben ihr aus. Sie schob ihm die Hälfte der Decke zu, er rückte etwas näher zu ihr und stopfte die Decke auf seiner rechten Seite fest.

Er berührte sie, stellte sie fest. Damit war ihre rechte Seite eindeutig der wärmste Körperteil. Links fror sie, obwohl sie den Schlafsack ebenfalls sorgfältig festgesteckt hatte. Sie seufzte: Eine tolle Nacht würde das wohl nicht werden – weich ja, aber eben auch kalt. „So kann ich nicht schlafen“, brummte er. „Darf ich mich auf die Seite drehen?“

„Logisch“, murmelte sie.

„Dann müssen Sie aber auch“, erklärte er. „So sparen wir Wärme.“

Gehorsam drehte sie sich auf die Seite und er presste sich von hinten dicht hinter sie. „So ist es tatsächlich wärmer“, stellte sie fest und protestierte auch nicht, als er einen Arm um ihre Taille legte und sein Gesicht in ihrem Haar vergrub. Das konnte keine Freude sein, überlegte sie, die Haare waren bestimmt verschwitzt und hatten außerdem den Kellergeruch dieser Höhle angenommen. Aber das Gefühl, ein Heizkissen im Rücken zu haben, war durchaus einschlaffördernd...

Sie war schon fast weggedöst, als sie etwas an ihrem Hintern spürte. Auf ihren leisen Protestlaut hin entschuldigte er sich verlegen.

„Macht nichts“, murmelte sie, „das sind eben so Automatismen, nicht?“

„Ja, vielleicht. Ich versuche, an etwas Unangenehmes zu denken, vielleicht hilft das.“

Sie kicherte. „Wie wär´s mit Gefangen in einer blöden Höhle in den bayerischen Alpen? Nicht mal exotisch ist das, nur lästig.“

„Das wirkt nicht“, brummte er, „die Situation beginnt mir zu gefallen.“

„Das ist ja pervers“, schimpfte sie.

„Meinen Sie wirklich?“ Der Arm um ihre Taille bewegte sich sacht nach oben und streifte ihre Brust unter dem dünnen Top. „Pervers, ja?“

„Es gibt Perverseres“, gab sie zu und kuschelte sich neu zurecht.

„Also, jetzt sind Sie aber schuld“, stellte er fest, „wenn Sie so herumzappeln, kann ich nichts für meine Reaktionen.“

„Klar. Männer sind nieee an etwas schuld“, gab sie zurück und genoss insgeheim seine warme Hand, die mittlerweile ganz ungeniert ihre rechte Brust umfasste und sie so sehr angenehm wärmte. Nicht nur wärmte, stellte sie fest – ihr Körper reagierte genauso verräterisch wie seiner. Die Art, wie er leise in ihr Ohr lachte, verriet ihr, dass er die harte Brustwarze sehr wohl bemerkt hatte. Sollte sie behaupten, daran sei bloß die Kälte schuld? Aber ihr war schon gar nicht mehr kalt. Eigentlich war ihr sogar ziemlich heiß, wenn sie ehrlich war.

Abartig. Sie wusste nicht mal, wie er hieß, und sie wollte es auch eigentlich gar nicht wissen. Aber eine schöne langsame Nummer – warum eigentlich nicht? Er gefiel ihr, und sie konnte sicher sein, dass sie ihn nie wieder sah. Sex ohne Verpflichtungen, ohne Frühstück danach (naja, schon, die Retter würden wohl kaum vor dem Frühstück kommen), also gut: Sex ohne eine lästige Beziehung danach, ohne moralische Erpressung, für einen anderen das eigene Leben aufzugeben. Frauen müssen eben immer verzichten... die dummen Sprüche ihrer Eltern hallten ihr immer noch in den Ohren.

Sie seufzte probeweise auf eine hoffentlich erotische Art und es funktionierte prompt: Er hielt sie noch fester an sich gedrückt, und seine Erektion hatte kein bisschen nachgelassen – im Gegenteil, sie presste sich immer noch sehr eindrucksvoll gegen ihr Hinterteil. Sie wetzte ein bisschen herum und entlockte ihm ein halb gequältes, halb lustvolles Stöhnen. Jetzt nach einem Kondom zu fragen, würde fürchterlich stören. Aber nicht zu fragen, war leichtsinnig – vielleicht trieb er sich ja täglich mit verschütteten Touristinnen herum? Nein, den Eindruck machte er nicht. Sie belog sich selbst, das wusste sie, und morgen würde es ihr Leid tun, wenn sie ihren – und seinen - Gelüsten jetzt freien Lauf ließ. Aber wenn nicht, würde es ihr jetzt sofort noch viel mehr Leid tun!

Sie gab ein zustimmendes, wohliges Geräusch von sich, als seine Hand sich von ihrer Brust entfernte und tiefer glitt. Viel tiefer. So tief, dass es ihm ein anerkennendes heiseres Lachen entlockte: „Ist das auch so ein Automatismus?“

„Wahrscheinlich“, antwortete sie erstickt, als sein Finger sehr kundig tätig wurde. Der wusste, wie man Frauen glücklich machte...

„Soll ich aufhören?“, murmelte er ihr ins Ohr, und sie spürte seinen Atem heiß auf ihrer Haut. „Jetzt musst du dich entscheiden, danach werde ich nicht mehr aufhören können.“

„Mach weiter“, flüsterte sie. Dass sie sich plötzlich duzten, fand sie ganz normal – in dieser Situation.

„Schau mich an“, raunte er und zog seine Hand zurück, was ihr ein unerklärliches Verlustgefühl bescherte. Sie drehte sich ungeschickt um, so dass sie ihm gegenüber lag. Er drehte sie wieder auf den Rücken und beugte sich über sie. Sie versuchte, sein Gesicht zu studieren, aber es war zu dunkel, mehr als einen Schatten konnte sie nicht ausmachen. Aber spüren konnte sie ihn – seine Lippen auf ihren (küssen konnte er mindestens genauso gut wie alles andere) seine Hand an ihrem Gesicht, an ihrem Hals, auf ihrer Brust...

Als er schließlich in sie eindrang, keuchte sie gierig auf. Er hielt sofort inne. „Tue ich dir weh?“

„Nein, nein!“ Sie umschlang ihn, so fest sie konnte, und ließ ihre Lippen über seinen Hals wandern. Er küsste sie wieder gierig und steigerte sein Tempo, aber so bedachtsam, als wollte er Rücksicht auf ihre eigene Geschwindigkeit nehmen. Das war ihr ja auch noch nie begegnet, dachte sie flüchtig, bevor sie gar nicht mehr denken konnte und sich nur noch ihren Empfindungen und der übermächtigen Gier nach seinen Berührungen überließ.

Sie kam vor ihm (auch das war ihr noch nie passiert) und registrierte zufrieden sowohl das wohlige Klopfen tief in ihr als auch den überraschten Laut, mit dem er auf ihr zusammenbrach. Er stützte sich aber sofort wieder auf und schien sie in der Dunkelheit zu mustern, dann küsste er sie noch einmal, ohne Gier, nur liebevoll – so schien es ihr wenigstens. Danach zog er sich langsam aus ihr zurück und legte sich neben sie.

Einen Moment lang starrten sie beide an die Decke, die sie gar nicht wahrnehmen konnten, dann regte er sich und griff nach ihrer Hand. „Und jetzt?“

„Wie meinst du das?“, fragte sie vorsichtig zurück.

„Ich meine – uns. Gibt es ein uns? Oder sollen wir, wenn man uns befreit hat, einfach unserer Wege gehen? Was ist dir lieber?“

Leonie wusste es auch nicht. „Das wäre wohl besser, oder? Ich meine – wir kennen uns doch gar nicht... du könntest verheiratet sein... ich könnte verheiratet sein..."

„Bist du´s?“

„Blödsinn. Ich meine doch bloß... vielleicht ist es besser, aus einer Nacht, so schön es auch war, gleich den ganzen Beziehungsfrust abzuleiten.“

„Ja, vielleicht. Wieso sagst du Blödsinn? Warum solltest du nicht verheiratet sein?“

„Ich bin ja nicht bescheuert! Für so was eigne ich mich nicht. Doppel- und Dreifachbelastung, und nach wenigen Jahren redet man sowieso nicht mehr miteinander, er geht fremd, ich bin frustriert und plärre die Kinder an oder gerate ans Saufen... teure Scheidung, Sozialhilfe...“

„Zwangsläufig muss das nicht sein“, antwortete er leise, aber sie fand, dass er recht wenig Überzeugung in seine Worte gelegt hatte.

„Ja, mag sein, aber ich hab´s noch nie anders erlebt. Eltern, Freunde... Knatsch ohne Ende. Da lob ich mir das Singledasein. Frieden den ganzen Tag. Nein... ich glaube, wir bewahren uns lieber die schöne Erinnerung und machen sie nicht durch eine Real-Life-Fortsetzung kaputt.“

Er seufzte. „Da könntest du wohl Recht haben. Naja, lass uns schlafen.“ Er zog ihren Kopf an seine Brust und stopfte die Decke rund um sie beide fest. Sie hörte sein Herz schlagen, und der gleichmäßige Rhythmus schläferte sie ein.

Ein Donnerschlag weckte sie auf, und als hätten sie sich abgesprochen, fuhren sie auseinander und in einer fließenden Bewegung in die herumliegenden (in Leonies Fall immer noch feuchten) Kleider, dann nahmen sie das gemeinsame Lager auseinander und packten ihre Rucksäcke. Als sie gesittet nebeneinander auf den Steinsitzen saßen, musste Leonie lachen. „Hast du dich eben auch so ertappt gefühlt? Als hätten wir etwas Verbotenes getan...“

Er grinste matt, was sie nur schattenhaft wahrnahm. Heller war es auch nicht wirklich geworden, aber das wiederholte Donnern vor der Dreckwand kam tatsächlich von Schlägen und nicht etwa von einem Gewitter.

„Vielleicht haben sie doch unsere Handys geortet“, vermutete er.

In diesem Moment bohrte sich eine Stahlstange in die Höhle und ein Teil der Mauer aus Erde und Steinen brach ein. Das Tageslicht, das sich schlagartig in der Höhle ausbreitete, blendete Leonie, und sie rieb sich die Augen. Die Stange verschwand wieder und tauchte einen Moment später neben dem ersten Loch wieder auf. Wieder stürzte ein Teil der Wand ein, und nun schauten einige Männer mit Bauhelmen herein. Leonie stand auf und tappte zum Ausgang. „Fein, dass Sie da sind!“

„Na, Sie nehmen es ja gelassen. Guten Morgen. Sind Sie die einzige, die hier verschüttet worden ist?“

„Nein“, sagte der Mann, der neben ihr auftauchte. „Wir waren zu zweit. Können wir schon raus?“

„Klar. Nehmen Sie meine Hand!“

Der feste Griff ermöglichte es Leonie, über den Schlammwall zu klettern. Es schien früher Morgen zu sein, die Sonne schien und die Natur glitzerte, also hatte es wohl die ganze Nacht weiter genieselt. Kalt war es – aber diese herrliche frische Luft!

„Himmlisch“, murmelte sie und breitete selig die Arme aus, dann wandte sie sich den Rettern zu, die gerade ihrem Gefährten über die Lawinenreste halfen. Er sah gut aus, stellte sie beiläufig fest und verbot sich diesen Gedanken schnell. Wozu denn noch! Sie konnte schließlich schlecht sagen He, wenn ich gewusst hätte, dass du so vorzeigbar bist, hätte ich hier nicht die Bindungsscheue gegeben. Außerdem waren die Gutaussehenden oft ja die allerschlimmsten Machos und dachten sich am wenigsten dabei, wenn sie anderen Leuten das Leben durcheinander brachten.

„Danke, dass Sie uns gerettet haben“, sagte sie also artig zu dem, den sie für den Chef des Rettungsteams hielt. „Ich nehme an, Sie brauchen meine Adresse? Und das ist bestimmt keine billige Aktion gewesen...“

Ihr Gegenüber winkte ab. „Name und Adresse, ja. Für die Unterlagen. Aber Sie haben sich ja nicht mutwillig in Gefahr gebracht, also glaube ich nicht, dass Sie für den Einsatz zahlen müssen. War auch nicht so teuer.“ Leonie betrachtete sich das Fahrzeug mit dem Bohraufsatz. „Wie haben Sie den denn hierher gebracht? Die Wege sind doch total schmal.“

„Dahinten gibt´s eine Versorgungsstraße. Ist für Touristen gesperrt, sonst parken da alle Idioten. Waren Sie alleine hier oder mit einer Reisegruppe?“

Leonie erklärte alles und versprach, sich im Schwarzen Bären korrekt abzumelden – dass sie auf eine Fortsetzung dieses Urlaubs keine rechte Lust mehr hatte, konnten die Retter verstehen. Sie wartete außer Hörweite, während ihr Leidensgenosse seine Daten angab, und fragte sich selbst, warum sie gar nicht wissen wollte, wie er hieß und wo er lebte. Wahrscheinlich war er ein besserer Versicherungsfritze aus München, vermutete sie, aber die Sache war vorbei, und es hatte keinen Zweck, mit neuen Informationen das Interesse künstlich wach zu halten. Nein, lieber ein gründlicher Schnitt und dann ab nach Hause.

„Können Sie mich mit nach unten nehmen?“, fragte sie, als sie fertig waren, „Beziehungsweise uns? Oder wollen Sie runterwandern?“, wandte sie sich an ihren Exliebhaber. Der schüttelte den Kopf. „Runter, auschecken und ab nach Hause. Sie auch, oder?“ Sie registrierte die etwas giftige Betonung des Sie – ja, hatte er denn erwartet, dass sie ihn hier vor allen Leuten duzte, damit die Retter nachher alberne Witze darüber rissen, wie sich die beiden wohl die Wartezeit in der verschütteten Höhle vertrieben hatten?

Im Wagen unterhielt sie sich vor allem mit einem der Retter, der sich dafür interessierte, wie sie die Verschüttung wahrgenommen hatte, und ignorierte ihren Schicksalsgefährten nach Kräften. Erst als der Wagen vor dem Schwarzen Bären hielt und sie sich von allen Rettern noch einmal herzlich verabschiedet und zum wiederholten Mal eine psychologische Betreuung verschmäht hatte, wandte sie sich zu ihm um und sagte leise: „Adieu.“

Neukonzept

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