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Im Großraumbüro herrschte der übliche ohrenbetäubende Lärm: Am Fenster zankte sich eine große Runde über einen Slogan, dessen Beurteilung, die weithin zu hören war, zwischen unterirdisch und genial schwankte, in der Mitte telefonierte Hubert aufgeregt mit einem Kunden, der offensichtlich gerade das ganze Konzept umgeschmissen hatte, und auf der anderen Seite, dort, wo die Glaswand nur auf den Gang hinaus schaute, gackerten einige Mädels über den Probeabzügen einer Anzeige, die einen bildschönen nackten Mann als Blickfang hatte.Leonie schüttelte den Kopf und verzog sich in ihr Büro, eines der Glaskabuffs am Ende des Raums, die den besseren Leuten zustanden. Die Kampagne für SUNPERFECTION war fertig – Anzeigen, Spots, Plakate, ökologisch einwandfrei und nicht mehr mit nackter Frauenhaut werbend als allgemein vertretbar.Ethisch bewegte Auftraggeber waren eine Pest. Sehr ehrenwert, sicher, und eigentlich auch sehr wünschenswert, aber jeder Blickfang war ihnen zu sexistisch oder zu primitiv oder dem Kunden gegenüber nicht ehrlich genug. Wieder verwertbare Flaschen, die Lieblingsidee des Herstellers, waren an den Hygienevorschriften und am Widerstand des Handels gescheitert, wie nicht anders zu erwarten. Immerhin, jetzt war das Projekt erledigt, der Kunde hatte alles genehmigt und der Chef hatte befriedigt genickt. Tiefenbacher war schon okay.

Sie warf ihre Unterlagen auf den Schreibtisch, zog den Blazer aus und krempelte die Ärmel hoch. Erstmal aufräumen, und dann sehen, was als nächstes anlag! Ein ziemlicher Haufen Post war auf ihrem Schreibtisch gelandet, und sie machte sich daran, ihn zu sichten. Eine Sekretärin müsste man haben, die wenigstens schon einmal die Umschläge öffnete!

Einladung zu einem ziemlich unwichtigen Kongress, Anfang September – schon vorbei, konnte weg. Wieso hatte sie das eigentlich nicht rechtzeitig bekommen?Überstundenabrechnung – ab in die Tasche, das gehörte zu ihren persönlichen Unterlagen.Anfrage von W&P wegen einer Zusammenarbeit bei einem Projekt für die Stadt Leisenberg. Der Brief klang witzig:

Leisenberg ist anders ja ein schamloses Plagiat wäre und es sonst nicht viel gibt, womit man ehrlich werben könnte, fühlen wir uns alleine ein wenig überfordert...“

- wer hatte das geschrieben? Ach, die Zierer. Die war gut. Sie würde Tiefenbacher fragen, ob er einverstanden war. Mit einem grellfarbenen Post-it verziert, kam der Brief auf einen separaten Stapel.Werbung – Werbung – Werbung... In einer Werbeagentur konnte man so etwas nicht völlig unbeachtet wegwerfen, also sah sie alles flüchtig durch, ob man wenigstens gute Ideen klauen konnte. Nein, alles Mist, und sie brauchte weder dubiose Geldanlagen noch eine preiswerte Zahnbehandlung in der finstersten Slowakei, und ein völlig neues Diätkonzept ging ihr auch am Arsch vorbei.Erfolgreiche Frauen machen keine Diät, ärgerte sie sich, das ist Beschäftigungstherapie, von Männern ersonnen, um die Frauen als Konkurrenz auszuschalten. Erfolgreiche Frauen haben ihre Gesundheit im Griff und denken nicht dauernd darüber nach, basta. Weg mit dem Mist!Der Rest war Kleinkram, eine Anfrage von der Personalabteilung, zwei Zeitschriften, die sie für die Abteilung abonniert hatte (und sofort nach draußen trug, wo sie wahrscheinlich keine dieser Nasen lesen würde, obwohl es ihnen nicht schaden würde) – und ein Notizzettelchen, dass Petersen sie sprechen wollte.

Huch, Petersen? Der Obermotz? Sie hatte ihn noch nie gesehen, denn Tiefenbacher hatte sie eingestellt. Wollte er sich die „Neue“ mal anschauen? Nach rund drei Jahren und ungefähr zwanzig erfolgreichen Projekten, vom täglichen Kleinkram ganz zu schweigen? So verschnarcht konnte der doch gar nicht sein, schließlich war er kein Tattergreis, sondern höchstens vierzig.

Sie rief bei Petersen an und bekam seine Sekretärin an die Strippe – wie nicht anders zu erwarten – die ihr einen Termin für drei Uhr gab. Gut, dann hatte sie noch Zeit, die Personalabteilung anzurufen und mit Tiefenbacher wegen dieser Zusammenarbeit mit W&P zu sprechen.

Tiefenbacher war einverstanden, wollte aber auf dem Laufenden gehalten werden, und die Personalabteilung teilte ihr lediglich mit, dass Astrid Weiters zum nächsten Ersten gekündigt hätte. Warum? „Ja, da fragen Sie Ihre Kollegin doch am besten selbst, nicht? Hat sie denn mit Ihnen gar nicht gesprochen?“Was waren das denn für Töne? Sollte das heißen, sie war so bissig, dass ihr keiner etwas anvertrauen wollte? Aber war sie denn die Mutter der Kompanie? Abteilungsleiterin war sie nicht, es gab nur Teamleiter und ein paar alleine arbeitende Kreative wie sie selbst, die bei Bedarf eine der Gruppen einspannen konnten bzw. ein fertiges Konzept zur weiteren Ausarbeitung an eine Gruppe übergaben. Und die Weiters war genau in der Gruppe von ununterbrochen hysterisch kichernden Weibern, die sie am seltensten anforderte, weil sie sie wahnsinnig machten. So weiblich... Wahrscheinlich gingen die tatsächlich gemeinsam Schuhe kaufen und erzählten sich ihre letzten Sexabenteuer. Wie in Sex and the City eben. Na, über Sexabenteuer konnte sie sich auch nicht beklagen – in einer Höhle mit einem total Unbekannten, das hatten diese Hühner bestimmt nicht vorzuweisen!Immerhin wusste sie mittlerweile, dass diese hirnrissige Aktion – und obendrein ohne Kondom – folgenlos geblieben war. Natürlich, wenn er so was regelmäßig machte, konnte er sie mit sonst was angesteckt haben. Aber das glaubte sie eigentlich nicht, und der erste Test war auch negativ gewesen.Trotzdem, so was würde sie nie mehr machen. Es war ja auch eine Ausnahmesituation gewesen, die so nie wieder vorkommen konnte – eine Klammwanderung kam ihr bestimmt nicht mehr in den Sinn!Nein, beim nächsten Mal gab es wieder soliden Strandurlaub in der Toskana, in einem anständigen Hotel. Als Bewegung reichte es völlig, je einen Vormittag durch San Gimignano und durch Siena zu wandern und ansonsten ein bisschen parallel zum Strand herum zu schwimmen. Oder an der Wasserlinie entlang zu wandern, in Bikini und Pareo und mit einer Blüte im Haar, bis sie sich vorkam wie ein Model von den Seiten So werden sie die perfekte Strandschönheit. Genau, und jede Menge Frauenzeitschriften lesen und alle halbe Stunde nachcremen.

Dabei traf man garantiert niemanden, der einen so vom rechten Weg abbringen konnte. Sie starrte vor sich hin und klopfte sich aus alter Gewohnheit mit dem Kuli gegen die Zähne. Wie hatte er eigentlich ausgesehen? Sie konnte sich gar nicht mehr richtig erinnern, vielleicht, weil sie ihn nur die paar Momente nach der Rettung im Tageslicht gesehen hatte. Ziemlich gut, glaubte sie im Nachhinein. Dunkelhaarig, dunkeläugig, mit Bartstoppeln (logisch), in verdreckten Jeans und einem Windbreaker. Scharfe Nase, dichte Augenbrauen, sexy Mund. Oder war das bloß, weil sie eben mit ihm geschlafen hatte?

Wahrscheinlich würde sie ihn nicht einmal mehr wiedererkennen, und das war auch gut so, weil sie ihn nämlich nie wieder sehen würde und außerdem weiß Gott Wichtigeres zu tun hatte!Es war schon kurz vor drei, und sie schnappte sich ihren Filofax und machte sich auf den Weg in die Chefetage von XP. Was Petersen wohl von ihr wollen konnte? Hatte sie etwas versiebt? Hastig durchforstete sie ihr Gewissen, aber ihr fielen nur rauschende Erfolge ein – sie war ja auch gut, und das wusste sie. Und Petersen musste es auch wissen, sonst hätte XAM! sie bestimmt nicht extra von GlobalAdvertising abgeworben, was man übrigens als hervorragende Idee loben musste, weil das Arbeiten bei GA die absolute Hölle gewesen war – Kunden, die nicht wussten, was sie wollten, Vorgesetzte, die nicht wussten, was sie wollten, Mitarbeiter, die sich vorzugsweise auf Kosten anderer profilieren wollten, und überhaupt keine Hemmungen, was das Niveau der Kampagnen betraf.Petersen residierte im obersten Stock, wie es sich gehörte. Und so wie auch das ranghöchste Pavianmännchen immer auf dem höchsten Felsen saß. Männer waren eben doch Steinzeitwesen.

Wenn schon, die meisten Frauen waren doch auch nicht viel besser – immer auf der Suche nach dem Ernährer und gerne bereit, dafür ein Leben lang die Höhle auszufegen. Nein, das war nicht wahr, die meisten rechneten eher damit, dass sich der Ernährer rasch wieder vom Acker machte, und kümmerten sich selbst um die Mammutjagd, von fehlenden Teilzeitmöglichkeiten und blödsinnigen Kita-Öffnungszeiten nach Kräften behindert.

Und an Höhlen sollte sie jetzt lieber nicht denken, sonst verirrten sich ihre Gedanken nur in Bereiche, in denen sie während eines Chef-Gesprächs absolut nichts zu suchen hatten.

Immerhin war die oberste Etage nicht so chefmäßig ausgestattet wie in anderen Firmen – der gleiche Teppichboden, die gleichen Möbel, nicht mal die Palmen waren größer oder besser gegossen. Das Sekretariat von Petersen hatte die Tür einladend geöffnet, und die Sekretärin winkte sie sofort durch.Trotz des freundlichen Empfangs fürchtete Leonie sich nun doch, als sie den relativ großen Raum betrat. Petersen erhob sich hinter seinem Schreibtisch, groß, hellhaarig und sehr helläugig. Ganz nett eigentlich.Leonie fürchtete sich trotzdem immer noch. „G-guten Tag, Herr Petersen. Sie wollten mich sprechen?“„Stimmt. Setzen Sie sich doch. Möchten Sie einen Kaffee?“Sie schüttelte heftig den Kopf und er grinste vergnügt. „Soviel Muffensausen? Ganz überflüssig.“ Sie atmete gut hörbar auf. „Aber einen Kaffee brauche ich jetzt trotzdem nicht, vielen Dank.“„Ich will Sie nicht zum Konsum von Genussgiften verführen.“ Erschrocken sah sie von ihren verschränkten Fingern auf, aber er amüsierte sich immer noch.„Also, kommen wir zur Sache, bevor Sie mir hier noch kollabieren. Sagt Ihnen der Name Veit etwas?“

„Sankt Veit ist ein Ort in Kärnten“, brachte sie zaghaft hervor.

„Ich bin sicher, Orte mit diesem Namen gibt es überall. Nein, ich meinte als Firma. Die Veit KG?“ Leonie dachte nach. „Dunkel... die stellen Bleistifte her, oder? Etwas altmodisch, glaube ich... hier in Leisenberg. Aber Einzelheiten hab ich jetzt leider nicht parat.“„Das reicht für den Anfang auch schon. Veit braucht ein generelles Neukonzept, vom Design bis zur Vermarktung, und da der Inhaber ein sehr guter Bekannter von mir ist, möchte ich mich seiner gerne annehmen und ihm eine meiner besten Kräfte schicken – Sie.“„Danke. Das ist ein großer Vertrauensbeweis“, brachte Leonie hervor, ganz schwach vor Erleichterung. „Wann kommt denn jemand von Veit vorbei?“„Gar nicht“, antwortete Petersen zu Leonies großer Überraschung. „Ich möchte, dass Sie dort arbeiten. Natürlich können Sie auf alle unsere Ressourcen zurückgreifen, aber Marius Veit hält es aus verschiedenen Gründen für sinnvoll – und ich stimme ihm da zu -, dass Sie sozusagen vor Ort sind.“Sie sah ihn verblüfft an. „Aus welchen Gründen?“, fragte sie dann.

„Das werden Sie ziemlich schnell selbst feststellen“, antwortete Petersen und schob Papiere auf seinem Schreibtisch zusammen. „Sprechen Sie mit Veit. Und halten Sie mich auf dem Laufenden, ja? Hier“, er kritzelte etwas auf einen Zettel, „das ist meine E-Mail-Adresse. Ich hätte gerne eine tägliche Information.“

Sie steckte den Zettel ein, noch verblüffter. „Und – Herr Tiefenbacher? Ich meine, normalerweise halte ich ihn doch auf dem Laufenden?“

„Das hier ist sozusagen Chefsache. Herr Tiefenbacher ist aber selbstverständlich informiert, und Sie dürfen auch gerne Rücksprache mit ihm halten.“

Leonie stand auf. „Danke. Das werde ich auch tun.“Er sah lächelnd zu ihr auf. „Richtig so. Man sollte niemandem trauen.“Sie spürte, wie sie rot wurde. „N-nein, das ist es nicht, aber...“

Er erhob sich auch und reichte ihr die Hand. „Doch, Sie haben wirklich Recht. Sonst könnte Herr Tiefenbacher noch glauben, Sie wollten ihm etwas verheimlichen.“

„Genau“, antwortete sie erleichtert. „Wann soll ich bei Veit anfangen?“„Heute ist Freitag... am Montag. Morgens um halb neun.“„Gut. Dann bekommen Sie am Montag die erste E-Mail.“Draußen verwahrte sie sorgfältig den Zettel mit der Adresse und merkte dann erst, dass sie gar nicht wusste, wo die Veit KG eigentlich firmierte - aber das musste sich rauskriegen lassen. Komisch war das Ganze schon; es kam so gut wie nie vor, dass XAM! Leute an den Kunden quasi auslieh – wer ein Werbekonzept wollte, musste sich schon hierher bemühen.Na, vielleicht hatte dieser Veit keine Zeit, dauernd hier vorbeizuschauen. Oder das Konzept war so kompliziert, dass man den Betrieb sehen musste, um entscheiden zu können. Oder – egal, sie würde es schon erfahren. Auf dem Weg nach unten schaute sie bei Tiefenbacher, ihrem direkten Vorgesetzten, vorbei, der bereits informiert war, auch nicht wusste, was Petersen vorhatte, und ihr sowohl die Adresse der Veit KG als auch einige Basisinformationen gab.

Demnach hatte der Inhaber, Marius Veit, den Laden vor drei Jahren von seinem Vater geerbt, eine kleine Klitsche, die vor allem Bleistifte in einem sehr altmodischen Design herstellte und Gerüchten zufolge gerade plante, auf den Kugelschreiber-, Fineliner- und Füllermarkt vorzudringen. Tiefenbacher hatte auch einen Werbeprospekt, den anscheinend noch Veit senior eigenhändig und zittrig entworfen hatte. Richtig rührend! Ansonsten behauptete er, bei dieser Firma stimme etwas nicht – aber was... nein, er habe bloß so ein komisches Gefühl.

„Na toll“, sagte Leonie, „wahrscheinlich gerate ich da in wüste Intrigen und am Ende zieht Veit den Auftrag zurück und Petersen putzt mich runter.“„Herr Petersen putzt Sie ganz bestimmt nicht runter. Ich bin sicher, er weiß, dass bei Veit etwas im Argen liegt. Schauen Sie sich einfach mal um. Und halten Sie Herrn Petersen auf dem Laufenden – das wollte er doch?“„Ja. Und Sie? Soll ich Ihnen jeweils eine Kopie der Mails schicken?“Tiefenbacher schüttelte den Kopf. „Davon hat Herr Petersen nichts gesagt. Ab und zu, wegen des Konzepts, okay. Und ich höre ja auf jeden Fall von Ihnen, wenn Sie technische Fragen haben oder etwas brauchen, nicht?“

Leonie verabschiedete sich seufzend und kehrte in ihr Kämmerchen zurück. Was um Himmels Willen war das denn für ein schräger Auftrag?

Sie studierte den Prospekt. Sehr altmodisch, wirklich... die Bleistifte waren dunkelgrün lackiert und trugen in Fünfziger-Jahre-Schnörkelschrift in Gold die Aufschrift Veit; es gab sie in drei Härten und wahlweise mit und ohne Radiergummi am Ende. Bescheidenes Angebot. Altmodisch eben – und dafür ein ganz neues Werbekonzept?Man könnte das Altmodische zum Kern machen, überlegte Leonie. Tradition... Stifte, mit denen schon Bismarck an der Emser Depesche herumgebastelt hat... aufwendige Anzeigen, wegen der Kostüme. Aber die Hoflieferantenmasche zog immer ganz gut. Sie machte sich Notizen.Oder Leisenberger Gewächs, sozusagen. Örtliche Arbeitsplätze, kurze Wege, ökologischer Ansatz. Nicht wie Joghurt, der nach Polen gekarrt wurde, damit die dort um zwei Cent pro Zentner billigeren Erdbeeren hineingerührt werden konnten. Also a) Tradition und b) Bodenständigkeit... wie konnte man das Design entsprechend anpassen?Sie war schnell so in ihre Aufgabe versunken, dass sie erst verspätet merkte, dass zwei Leute von der Fenstergruppe in der Tür standen.„Äh – Frau Sambacher?“

Tobias Späth und Gabi Treuchtlein, mal wieder.

„Ja, was gibt´s denn?“ Die beiden rissen einen doch immer wegen irgendwelchen Blödsinns aus den besten Ideen!

„Ja, also... es ist wegen der Astrid, nicht?“„Sie hat zum nächsten Ersten gekündigt, ich hab´s schon gehört“, antwortete Leonie geduldig. „Wissen Sie übrigens zufällig, warum?“„Ja, weil sie doch jetzt diesen Zahnarzt hat, nicht?“, erklärte die Treuchtlein. „Und der will, dass sie bei ihm die Buchhaltung macht. Da spart er eine Sprechstundenhilfe ein.“„Aha“, machte Leonie, „Ehering statt Gehalt und Rentenansprüchen? Ich hätte Frau Weiters für gescheiter gehalten. Oder hat sie wenigstens für einen wasserdichten Ehevertrag gesorgt?“„Äh – ich glaube nicht, dass sie den heiraten will“, meinte Späth und trat von einem Fuß auf den anderen, „mehr so – zusammenziehen.“Wieder machte Leonie „Aha“ und verzog das Gesicht: „Das heißt, unbezahlter Job ohne Arbeitsvertrag und mit Option auf einen zusätzlichen Putzjob? Haben Sie ihr das mal klar gemacht?“„Wir haben es versucht“, gab Späth zu. „Aber sie ist eben verliebt, nicht?“, ergänzte die Treuchtlein. „Was wir aber eigentlich fragen wollten: Haben Sie eine Idee, was wir ihr zum Abschied schenken könnten?“„Einen Ratgeber“, antwortete Leonie mürrisch. „Dein Recht als ausgebeutete Geliebte oder so. Eine Küchenschürze wäre wohl zu grob, was? Die gesammelten Werke von Eva Heller... ein Emma-Abonnement - gibt´s Emma überhaupt noch?“„An ein Abo haben wir auch schon gedacht, vielleicht Home&Garden oder so... der Zahnarzt hat eine Villa in Henting, hat sie erzählt. Emma kenne ich gar nicht.“„Das ist die einzige Emanzenzeitschrift, die es je gegeben hat“, erklärte Leonie müde, „aber die wird ihr wahrscheinlich nicht gefallen, wo sie jetzt gerade in ihr Unglück rennt. Ja, gut, so ein Abonnement könnte ganz passend sein. Und wenn etwas nicht klappt, soll sie sich bei uns rühren, wir bringen sie schon wieder unter. Wollen Sie eine Feier machen?"„Am dreißigsten, das ist doch ein Freitag. So ab vier? Hier im Büro?“

„Hier drin?“, fragte Leonie erschrocken.

„Nein, nein, draußen natürlich. Würden Sie sich beteiligen? So mit zehn Euro?“„Klar.“ Sie gab Späth zwanzig. „Passt schon. Was haben Sie sich denn vorgestellt? Ein Buffet? Soll jeder etwas mitbringen? Dann sollten wir aber mal den Bürokühlschrank entrümpeln, da tobt sicher schon wieder das Leben drin.“„Iih“, machte die Treuchtlein, „das sind bestimmt wieder deine abgelaufenen Fruchtzwerge, Tobi.“

„Ja, wenn jeder etwas mitbringt, das wäre wohl das Beste... Könnten Sie wieder diesen Super-Garnelensalat machen? Der ist einfach toll.“ Leonie versuchte, nicht geschmeichelt dreinzuschauen, und versprach den Salat.

„Und versuchen Sie, Frau Weiters ein bisschen Vernunft beizubringen“, bat sie die beiden, die schon im Gehen waren, „damit sie sich von ihrem Zahnarzt nicht völlig über den Tisch ziehen lässt.“Sie vertiefte sich wieder in den mickrigen Prospekt. Hatte Petersen nicht was von Expansion gesagt? Nein, Tiefenbacher... Füller und so – im gleichen Design? Bei Füllern gab es drei Möglichkeiten – poppig (Zielgruppe: Schüler unter sechzehn, rosa Herzchen oder Fußballer...), traditionsfixiert (ältere Herren und Leute, die ab und an eine wichtige Unterschrift leisten mussten) und spacig, aus gebürstetem Edelstahl (Managertypen jeden Alters und Geschlechts). Wenn man natürlich das Poppige mit dem Edelstyle verbinden könnte – niemand war so markengeil wie Teenager, deshalb ja die dauernden Debatten über Schuluniformen - das brächte Umsatz. Vielleicht mehrere Linien. Oder das Poppige bei den Finelinern, damit schrieben die Schüler doch sowieso am liebsten. Und für Erwachsene schöne Sets – Füller, Kugelschreiber, Druckbleistift, dünner Marker... und ja keine eigenständige Patronenform, das schreckte bloß ab. Die Standardform war das Beste. Überhaupt, gute Tinte in interessanten Farben – und wirklich gute Kuliminen, die nicht schmierten – oder wollte Veit das nicht selbst produzieren? Sie notierte sich die Fragen in ihren Filofax auf einer neuen Seite und schrieb groß VEIT darüber.Halb fünf – sollte sie da noch anrufen? Ach, warum nicht?Bei Veit schien die Linke nicht zu wissen, was die Rechte tat, jedenfalls dauerte es etwas, bis sie zu Patrick Veit durchgestellt wurde, der am Telefon recht sympathisch klang, aber reagierte, als habe er von XAM! und dem entsprechenden Auftrag noch nie gehört. Na, vielleicht wollte er nur solche Dinge nicht am Telefon besprechen? Oder er war nicht der, mit dem Petersen gesprochen hatte. Hatte der nicht Marius geheißen? Gab´s da eine Doppelspitze? Egal, am Montag würde sie es ja sehen. Dieser Patrick bat sie jedenfalls am Montag um Viertel nach acht zu sich und erklärte auch, wie er zu finden war. Damit war das Problem auch abgehakt.

Leonie stellte aus älteren Kampagnen einen netten kleinen Ordner zusammen, der ihre bisherigen Erfolge widerspiegelte, und fand dann, dass es für heute reichte – draußen war es ohnehin schon verdächtig ruhig.

Tatsächlich, als sie nachschaute, war niemand mehr da – aber natürlich hatten sie wieder mal das Licht angelassen. Das beschrieb diese Bande ziemlich gut, fand sie und musste grinsen. Rasch löschte sie die Lichter und klemmte sich ihre Tasche und ihre frisch zusammen gestellte Mappe unter den Arm, dann schloss sie alles ab und verzog sich auch ins Wochenende. Auf dem Parkplatz standen nur noch vier Wagen außer ihrem eigenen – ein großer dunkler BMW, der wahrscheinlich Petersen gehörte, ein schrottreifer Polo der allerersten Generation (der musste älter sein als sie selbst, überlegte sie), ein VW-Bus, der sie an Zurück in die Zukunft erinnerte und ein gesichtsloser silberner Japaner.Wem die anderen Wagen wohl gehörten? Sie schloss ihren Golf auf und stieg ein. Vielleicht sollte sie bei Veit vorbeifahren, damit sie am Montagmorgen nicht kostbare Zeit damit vertrödelte, den Laden zu suchen. Heisenbergweg... das konnte nicht allzu weit weg sein, nachdem die XP im Max-Planck-Weg residierte. Eigenartig, dass die Zollinger MiniCity nicht nach irgendwelchen Wirtschaftsgrößen benannt war, wenigstens Friedrich List oder Alfred Krupp, sondern nach Wissenschaftlern, die mit der kommerziellen Umsetzung ihrer Erkenntnisse nicht viel am Hut gehabt hatten, soweit sie wusste.Sie studierte den Plan: Wenn sie den Max-Planck-Weg bis zur nächsten Ecke fuhr und dann die Einsteinstraße nahm (die örtliche Hauptstraße) und die nächste wieder links fuhr, dann musste sie doch eigentlich im Heisenbergweg landen... Dann war Veit ja genau hinter ihnen? Sie hätte zu Fuß gehen können, einfach über den Parkplatz und am Gebäude vorbei! Gut zu wissen, falls bei Veit die Parkplätze knapp waren.Eigenartig, fand sie, als sie zweimal links abgebogen war und das Gebäude der Veit KG aufmerksam studierte: hochmodern, richtig spacig, verspiegelt und auf Säulen, die das Erdgeschoss ersetzten. Schick. Aber wie passte das zu der sonst eher altmodischen Produktpalette? Besser Palettchen, dachte sie sich abfällig. Veit musste erst kürzlich hierher gezogen sein; wenn sein Vater so verbissen an diesen Bleistiften Marke Fünfziger Jahre festgehalten hatte, hätte er dieses Gebäude sicher scheußlich gefunden. Sie gab Gas und schlug den Weg nach Hause ein.Fünfziger Jahre... man könnte Bleistifte zu verschiedenen Epochen gestalten... Retrolook perfekt... und diese historischen Anzeigen gefielen ihr immer noch. Vielleicht geteilt... links einer im Vatermörder oder mit Gelkopf, in einem richtig alten Büro – und rechts jemand von heute, schicker Anzug, Handy, fetter Vertrag, Unterschrift mit Veit-Füller... Damals wie heute: Gute Tradition.

Der Slogan war gar nicht schlecht, fand sie und hielt bei der erstbesten Gelegenheit an, um ihn zu notieren. Bis Montag musste sie eine Fülle von Ideen haben, um ihrem Ruf gerecht zu werden!

Nach einem kurzen Umweg zum Supermarkt und zur Reinigung kam sie endlich zu Hause an, bepackt mit Tasche, Ordner, zwei Kostümen in Folie und drei Tüten voller Lebensmittel inklusive Duschgel und Reinigungsspray.

Na, dann an die Arbeit! Schließlich wollte sie ja das Wochenende über in Ruhe ein paar Konzepte für Veit skizzieren und ansonsten nett spazieren gehen, mit Lena und Rieke telefonieren, falls es sich ergab, vielleicht diesen Gruselkrimi fertig lesen, in dem die Gliedmaßen verschwundener schöner Frauen nur so herumkullerten, und sich ein langes, heißes Ölbad gönnen. Der Gedanke Eigentlich muss ich noch putzen und waschen würde da nur stören.

Sie sortierte rasch die Schmutzwäsche durch und stopfte eine Ladung in Blautönen in die Maschine, gab zwei Tabs und einen Schuss Weichspüler dazu, knallte die Tür zu und schaltete die Maschine ein, dann verräumte sie ihre Einkäufe, hängte die Kostüme in den Schrank, zog ihr Bett ab, raste mit dem Staubtuch durch alle drei Zimmer, schaltete bei der Gelegenheit gleich den Rechner ein, holte den Staubsauger hervor, sammelte eine abgelaufene Fernsehzeitschrift und die Tageszeitungen der letzten Woche ein und warf sie in den Altpapierkorb, holte die fertige Wäsche aus der Maschine und hängte sie auf, ärgerte sich, weil sie jetzt um das Gestell herumsaugen musste, stopfte Bettwäsche und Handtücher in die Maschine, legte Decke und Kissen in die Abendsonne auf dem Balkon, saugte die Matratze ab und gleich den Schlafzimmerboden, ging Müll und Altpapier entsorgen, saugte Wohnzimmer und Arbeitszimmer durch (wie schön das Ahornparkett glänzte, wenn die Staubmäuse verschwunden waren!), stopfte die zweite Wäscheladung in den Trockner und füllte die Waschmaschine zum dritten Mal, räumte den Flur auf und putzte ihn, stellte den Staubsauger in die Abstellkammer zurück, holte das Bettzeug wieder herein und bezog es frisch (weicher Baumwollsatin in zarten Blau-, Türkis- und Lavendeltönen, ihr liebster Bezug), versprühte etwas Jasminduft im Schlafzimmer, putzte im Bad Becken, Wanne, Dusche und Toilette und wischte über die zartgelben Kacheln, hängte neue Handtücher auf, räumte die Spülmaschine ein, wischte alle Arbeitsflächen und schließlich auch den Küchenfußboden und sah sich schließlich etwas atemlos um. Nicht schlecht, knapp zwei Stunden. Wenn die Wäsche nicht immer so lange dauern würde, könnte sie noch schneller fertig werden.

Immerhin, jetzt kam die Maschine jaulend zum Stehen; sie räumte sie schnell aus und schaltete dafür die Spülmaschine ein.

Während das Geschirr der vergangenen Woche wieder sauber wurde, hängte sie die restliche Wäsche auf (morgen früh war Bügeln angesagt) und faltete das Zeug aus dem Trockner zusammen und verräumte es. So, jetzt sah man nicht mehr, dass sie unter der Woche zu nichts kam! Kein Wunder, wenn man erst um halb acht zu Hause war, ausgelaugt und wirr im Kopf vor lauter abstrusen Ideen, wie man Dinge vermarkten konnte, die eigentlich niemand brauchte.Erschrocken hielt sie auf ihrem Kontrollgang inne – seit wann dachte sie denn so negativ über ihre Arbeit? War das so was wie ein Burnout-Syndrom? Himmel, sie war erst achtundzwanzig und seit fünf Jahren im Geschäft, das konnte ja wohl nicht wahr sein! Wahrscheinlich hatten sich nur wieder die negativen Ansichten ihrer Eltern nach oben gearbeitet. Ab und zu tauchten sie wieder auf, egal, wie tief man sie begrub und wie bescheuert man sie eigentlich fand. Wie aufs Stichwort klingelte das Telefon. Leonie seufzte – eigentlich hatte sie sich gerade etwas zu essen machen wollen. Na gut, Familienpflichten zuerst. Dann konnte man das wenigstens auch abhaken.Tatsächlich, ihre Mutter. „Von dir hört man ja gar nichts mehr! Muss ich wirklich bis Freitag warten, um dich mal zu erreichen?“„Unter der Woche arbeite ich doch länger“, erklärte Leonie zum wiederholten Mal. „Was gibt´s denn, Mama?“„Wie – was gibt es? Muss ich jetzt einen Anlass haben, um meine eigene Tochter anzurufen? Soll ich mir vielleicht noch einen Termin geben lassen oder wie?“„Nein“, murmelte Leonie erschöpft und ließ sich aufs Sofa sinken. „Aber es gibt doch sonst immer irgendwas.“„Nein, ich wollte dir nur etwas erzählen. Also, pass auf – du hast doch jetzt Zeit?“„Ja“, gab sich Leonie geschlagen. „Schieß los.“„Sei doch nicht so ungeduldig. Kannst du dich noch an die Patricia erinnern?“„Patricia?“„Sie wohnten zwei Ecken weiter, und du warst mit ihr in der Grundschule. Dann sind sie ja weggezogen, nach Rothenwald -“, ihre Mutter seufzte, denn dort hätte sie für ihr Leben gerne auch gewohnt.

„Na, jedenfalls, die heiratet jetzt. Einen Zahnarzt, einen ganz reichen! Ich sag dir, die hat ausgesorgt! Obwohl, wenn die Familie in Rothenwald wohnt, hat sie wahrscheinlich ohnehin keine Probleme... die muss sich nicht so mühsam durchschlagen wie du. Und nicht mitten in der Stadt wohnen, wo die Luft so schlecht ist!“

„Ich wohne gerne hier“, erklärte Leonie matt – das hatte sie auch schon unendlich oft gesagt, aber es wurde nie beachtet. Für ihre Mutter wohnten nur gescheiterte Existenzen in der Stadt, die voller Abgase und jugendlicher Krimineller war.„Aber weiter draußen könntest du abends auch mal rausgehen, spazieren oder so.“„Das kann ich hier auch. Und Schaufenster gucken.“„Gib dein bisschen Geld nicht so unüberlegt aus, Leonie! Wenn du schon keine Anstalten machst, endlich mal zu heiraten, musst du doch für dein Alter sparen. Das kommt schneller als man denkt, und du willst doch nicht, dass es dir so geht wie mir, oder?“

„Erstens kaufe ich nichts“, entgegnete Leonie, allmählich doch gereizt, „und zweitens wüsste ich nicht, dass es dir so schlecht ginge. Du wohnst doch in einem Vorort, wie du ihn immer erträumt hast, du hast genug Geld von deinen Eltern geerbt und Papa zahlt auch noch jeden Monat, und das nicht zu knapp. Was willst du denn noch?“

„Also bitte! Mönchberg ist doch die reinste Kleinbürgergegend! Und das bisschen, was dein Vater zahlt... Frau Doktor Helmrich und Frau von Grasmann fahren im Oktober nach Mexiko, und sie haben mich gefragt, ob ich mitkommen möchte – aber dein Vater hat sich geweigert, mir diese Reise zu finanzieren. Und da behauptest du, mir ginge es gut! Naja, im Vergleich zu dir vielleicht. Du wirst ja nie nach Mexiko kommen... du, ich glaube, die Patricia hatte doch auch einen Bruder... ich höre mich mal um, ob der noch zu haben ist. Der war älter als sie, also wäre er für dich doch genau richtig, oder?“„Lass das bitte. Wenn die so fein und reich sind, dann verachten sie mich doch bestimmt“, spottete Leonie. „Wo ich doch von meiner Hände Arbeit leben muss.“„Ja, das ist schon ein Manko“, stimmte ihre Mutter arglos zu. „Aber das musst du ihm ja nicht sofort erzählen. Erst, wenn er sich schon ein bisschen in dich verliebt hat.“„Warum sollte er das denn tun?“, wunderte sich Leonie. „Wenn ich mich richtig erinnere, hat er mir mal eine gescheuert, weil ich sein Fahrrad madig gemacht habe.“„Das hat er doch bestimmt vergessen! Leonie, es wird wirklich höchste Zeit für dich!“„Ach, Mama. Ich mag meine Arbeit und ich mag nicht heiraten, nun glaub´s mir doch endlich“, seufzte Leonie entnervt.„Unsinn. Jede Frau will heiraten. So ein alberner Bürojob, das ist doch nur was Vorübergehendes. Sicher, damit kannst du deine Aussteuer finanzieren – dein Vater wird dir ja wohl keine Mitgift geben können...“„Aussteuer? Mitgift?“, japste Leonie. „Sag mal, in welchem Jahrhundert lebst du denn? Mama, bitte, lies doch nicht immer diese Courths-Mahler-Heftchen, und vor allem, halte das doch bitte nicht für die Wirklichkeit. Ist dir eigentlich klar, was ich verdiene? Und dass ich gut in meinem Beruf bin? Dass ich studiert habe?“„Ja, leider. Das ist auch so ein Manko“, jammerte ihre Mutter. „Ich hätte dich nie Abitur machen lassen sollen, das hat dir nur Flausen in den Kopf gesetzt. Studierte Frauen kommen bei Männern schlechter an, das hab ich erst neulich gelesen.“„Wahrscheinlich beim Friseur“, höhnte Leonie.„Woher weißt du das? Auf jeden Fall haben Männer Angst vor studierten Frauen, vor allem vor solchen, die einen Männerberuf haben.“„Also einen, in dem man ordentlich verdient, nicht bloß ein Taschengeld“, folgerte Leonie. „Mama, lass gut sein, ich verdiene lieber selbst viel Geld als meinen Herrn und Gebieter um ein Taschengeld anzubetteln. Und was ist, wenn ich geschieden werde? So eine Ehe ist doch keine Lebensversicherung!“Musste sie dieses blödsinnige Gespräch eigentlich jeden Freitagabend führen? Hatte ihre Mutter kein Kurzzeitgedächtnis mehr? Mit Anfang fünfzig?„Wenn du auch einen Zahnarzt heiratest, dann schon“, beharrte ihre Mutter auf ihrer Überzeugung. Verdammt, heute wurde sie wohl von Zahnärzten verfolgt! Wahrscheinlich war der, der die arme Astrid Weiters als Gratisbuchhalterin und Gratisbetthasen wollte, der gleiche, den die schnöselige Patricia heiraten würde.„Mama, ich bin müde. Und jetzt glaub´s mir doch mal, mir geht es gut, meine Arbeit macht mir Spaß, und ich verdiene genug, um mir ein anständiges Alter sichern zu können.“

Ihre Mutter seufzte. „Na gut, meine Kleine. Schön, dass du so tapfer bist. Das hast du bestimmt von mir.“

Leonie betrachtete ungläubig den Hörer. „Ja, Mama. So wird´s sein.“Als das Gespräch endlich vorbei war, atmete sie auf und ließ den Kopf auf die Sofalehne sinken. Unglaublich. Ihre Eltern litten beide an totalem Realitätsverlust! Mama als tapfere Frau? Sie nörgelte ununterbrochen – Papa zahlte zu wenig, sie war arm und krank und ungeliebt... Sie hatte netto fast dreitausend im Monat, schließlich waren die Großeltern nicht gerade arm gewesen, sie war pumperlgesund (Leonie zwang sie einmal im Jahr zu einem Check) und sie hatte ungefähr dreimal so viele Freundinnen wie ihre Tochter und obendrein den einen oder anderen Verehrer, der ihr die Hand küsste, sie mit Gnädige Frau ansprach und sie in die Oper ausführte. Heiraten wollte sie natürlich nicht mehr, denn dann müsste Papa nicht mehr zahlen, und das gönnte sie ihm nicht.Papa war auf seine Art auch nicht besser. Eine gescheiterte Existenz, die aber gar nichts dafür konnte. An seiner misslichen Lage waren schuld:a) seine Eltern. Er war das Produkt einer hastigen Kriegsehe zwischen zwei Teenagern; der Vater war kurz nach der Trauung gefallen, und Oma Lieselotte war mit dem umtriebigen Sohn schlicht überfordert gewesen.b) seine Exfrau. Wie hatte sie einfach schwanger werden können, so dass er sie heiraten musste?c) Leonie. Ohne ihr Auftauchen hätte er nicht heiraten müssen und hätte den Kopf frei gehabt, um die ganz, ganz große Karriere machen zu können.d) diverse missgünstige Konkurrenten. Sie erfanden bahnbrechende Dinge einfach früher als er und ließen sie sich auch noch schützen, sie machten ihn bei seinen Chefs madig, sie redeten ihm ein, dass eine frühzeitige Pensionierung viel Geld und viel Freizeit bedeutete und sagten gemeinerweise nicht dazu, dass man dann doch etwas weniger bekam als bei termingerechtem Ruhestand und dass so ein Rentnerdasein, auch gut abgesichert, langweilig war.

Last but not least war natürlich auch seine Derzeitige an allem schuld. Leonie grinste vor sich hin. Die arme Thea! Eigentlich eine nette Frau, nur mit einem grässlichen Männergeschmack, wenn sie immer noch bei Papa blieb, der nichts tat als zu jammern, wie gemein das Schicksal mit ihm umgesprungen war – bloß, weil Thea gut verdiente und er selbst ungefähr einen Tausender im Monat an Mama zahlen musste.

Seitdem Leonie mal der Kragen geplatzt war und sie ihm gesagt hatte, dass es ihm immer noch besser gehe als den zahllosen Hartz IV-Empfängern und dass er damals ja bloß Kondome hätte benutzen müssen, um sich den ganzen Ärger zu ersparen, galt sie bei ihm als undankbares Gör und hatte Hausverbot. Mit Thea telefonierte sie ab und zu, auf Papa konnte sie gut verzichten. Dass er ihr nach dem Abitur verboten hatte zu studieren, weil er sich das angeblich nicht leisten konnte, hatte sie ihm wiederum nie verziehen. Natürlich hatte sie doch studiert, sie konnte das schließlich mit ihrem Schmalspurtrading locker selbst finanzieren. Offenbar hatte er keine Ahnung, wie viel Geld sie wirklich besaß, sonst wäre er bestimmt netter zu ihr gewesen.Und würde sie pausenlos anpumpen. Besser so!Wieso hatte sie eigentlich so durchgeknallte Eltern? Ein, zwei Geschwister wären nett, mit denen könnte man sich lustvoll über die beiden das Maul zerreißen – aber die Ehe ihrer Eltern musste ja schon auf dem Standesamt als gescheitert betrachtet werden. Leonie konnte es sich so richtig vorstellen – die Braut mit kleinem Bäuchlein, Papas Mutter, Oma Lieselotte, ängstlich und stolz zugleich, weil der wilde Bub doch eine so gute Partie machte, und Mamas Eltern, die Stölzls, die grimmig dreinschauten – ihre hübsche höhere Tochter genötigt, diesen Proleten zu heiraten, weil er sie geschwängert hatte.

Die Stölzls waren immer unangenehm gewesen, erinnerte sich Leonie. Erst bei der Scheidung waren sie aufgeblüht, und sie hatten versucht, ihre Tochter dazu zu überreden, Leonie bei ihrem Vater zu lassen und selbst nach Hause zurückzukehren: „Irmchen, wir sind sicher, wir finden noch einen wirklich guten Mann für dich. Papa kennt doch so viele honorige Menschen! Aber mit diesem Kind, das dich immer nur an diesen Fehlgriff erinnern wird...“

Leonie hatte damals, neun Jahre alt, an der Tür gelauscht und sofort kapiert, dass sie abgeschoben werden sollte. Sie hatte Angst bekommen, weil sie nicht bei Papa leben wollte, der sie meistens gar nicht zur Kenntnis nahm und sie wahrscheinlich kurzerhand in ein Heim gesteckt hätte. Über Heime wusste sie Bescheid, die Uschi in ihrer Klasse lebte in einem und fand es grässlich, obwohl alle ganz nett waren und das Essen nicht so schlecht. Ja, ein SOS-Kinderdorf... darüber hatte sie damals gerade ein Jugendbuch gelesen, das hätte sie sich vorstellen können...Kopfschüttelnd dachte Leonie an die alten Zeiten. Noch heute spendete sie den SOS-Kinderdörfern jedes Jahr einen anständigen Betrag, weil sie deren Existenz damals als Trost empfunden hatte: Wenn es zu furchtbar würde, würde sie abhauen und in so ein Kinderdorf ziehen! In diesem Buch war es ganz toll gewesen, dort zu leben...

Papa war dann allerdings verschwunden, bevor die Stölzls ihre Tochter weich gekocht hatten, und so behielt Irmchen Leonie notgedrungen bei sich.

So schlimm war es auch wieder nicht gewesen, erinnerte sich Leonie. Sie hatte mehr oder weniger machen dürfen, was sie wollte – beziehungsweise hatte Mama ihr alles geglaubt: dass sie mit Kira Make-up und Klamotten ausprobiert hatte, dass sie in der Stadt waren zum Schaufensterbummel, dass sie in der Theater-AG war... in Wahrheit hatte sie Nachhilfestunden gegeben oder im Drogeriemarkt an der Kasse gesessen. Und an ihrem achtzehnten Geburtstag hatte sie mit dem ersparten Geld ein kleines Depot eröffnet und vorsichtig zu spekulieren begonnen. Immerhin hatte sie so schon beim Abitur genug Geld gehabt, dass sie allen Beteiligten sagen konnte, wie egal es ihr war, ob sie ihr das Studium finanzierten. Und der High-Tech-Boom kurz vor der Jahrtausendwende hatte sie ziemlich reich gemacht, reich genug, um diese Wohnung hier zu kaufen (im feinsten Waldburgviertel) und noch ein hübsches Polster übrig zu behalten. Gut, sie konnte nicht jetzt schon aufhören zu arbeiten und von ihrem Vermögen leben, dazu war es doch noch zu wenig (außerdem machte ihre Arbeit ihr schließlich Spaß), aber in zehn Jahren etwa... Dann konnte sie immer noch ein Kind haben – wenn sie bis dahin Lust darauf hatte, in diesem Land und bei diesen Verhältnissen.

Mama nahm nicht zur Kenntnis, dass sie schon fast ausgesorgt hatte, denn in Mamas Welt sorgte frau aus, indem frau klug heiratete und diese Ehe dann entweder krampfhaft aufrecht erhielt oder sich sehr geschickt scheiden ließ. Noch besser wahrscheinlich eine reiche Witwe wurde. Und in Papas Welt war alles, was ihn nicht unmittelbar betraf, sowieso uninteressant. Von ihm hatte sie schon vor dem großen Krach selten gehört und es auch nicht weiter vermisst.

Sollte sie Thea anrufen? Ach, lieber nicht heute. Es war Freitagabend, verdammt, und schlimm genug, dass sie nichts vorhatte. Da konnte sie sich ja wohl wenigstens ein anständiges Schinkenbrot machen und danach ein bisschen spazieren gehen!

Vollkornbrot, dünn scharfer Senf, fettfreier Schinken – solches Essen war ihr seit Jahren in Fleisch und Blut übergegangen, genauso wie viel Bewegung. Sie versuchte, während sie in ihrer wunderschönen Küche aus dunklem Holz und Edelstahl lehnte und das Brot aß, sich an die Zeit erinnern, als sie gerade volljährig geworden war – neunundachtzig Kilo hatte sie damals gehabt, der reine Frustspeck. Je schneller ihr Depot gewachsen war, desto rascher waren auch ihre Hüften geschrumpft, und heute passte sie problemlos in Größe achtunddreißig und schaffte alle Treppen bei XP ohne zu keuchen. Gute Leistung. Hinterher könnte sie vielleicht noch die wunderbaren Aprikosen essen, die sie vorhin gekauft hatte... holte sie sich morgen eben neue.Das Brot war ziemlich sättigend. Sie ging ins Schlafzimmer, freute sich auch hier an der Schönheit des Raumes (den überquellenden Wäscheständer musste man sich freilich wegdenken) und zog ihr Kostüm aus und alte, weiche Jeans und eine ebenso alte und weiche Strickjacke an. Das Kostüm landete auf einem Bügel an der Schranktür und wurde liebevoll zurechtgezupft. Dabei musste sie lachen – wie eine brave kleine Hausfrau! Wenn das Mama sehen könnte!Also, ab nach draußen.Sie schlenderte die Holbeinstraße weiter nach Norden, wo die Geschäfte lagen – ohne Schaufenster machte ein Spaziergang keinen Spaß, auch wenn man nicht vorhatte, etwas zu kaufen.An der Ecke kam schon die Boutique Janine – wovon die lebte, wusste Leonie auch nicht, sie hatte dort noch nie jemanden etwas kaufen gesehen. Kein Wunder, bei dem Angebot!

Sie bewunderte die grellrosa, paillettenbestickten Westchen und Hemdchen im Schaufenster, die höchstens magersüchtigen Vierzehnjährigen passen konnten, und die dazu gehörenden Militaryhosen mit tausend klobigen Taschen aus grauer Camouflage.

Dazu musste man wahrscheinlich rosa Glitzersöckchen und Militärstiefel tragen, überlegte sie. Nichts für sie, dafür war sie zu alt – und schön gefunden hatte sie so etwas auch noch nie.

Was gab es sonst noch? Hässliche Baumwollwäsche – fünf Slips mit lasziv sein wollenden Aufschriften für zehn Euro. Die lösten sich in der Waschmaschine wahrscheinlich sofort auf. Und dieser grobmaschige Pullover, in unsäglichem Lila mit Kanten in Orange – schlampig gestrickt und so kurz, dass man sein Bauchnabelpiercing zeigen konnte – so man hatte, hieß das. Mit solchen Verzierungen konnte sie genauso wenig dienen wie mit dem legendären Arschgeweih, das ja, wie sie voller Häme dem Fernsehen entnommen hatte, schon wieder aus der Mode war - aber verteufelt schwer loszuwerden. Tja, Mädels – blöd gelaufen!

Die Parfümerie nebenan warb mit allem, was man für eine Bikinisaison brauchte – Sonnenmilch in allen Varianten, Sonnenspray für die Haare, Anti-Cellulite-Krempel. Zufrieden dachte Leonie an ihre geraden, schmalen, dellenlosen Schenkel – wer einen geringen Anteil Körperfett hatte (und sich vergangenen Speck schön langsam angefressen hatte), musste sich weder über Cellulite noch über Dehnungsstreifen ärgern. Außerdem cremte sie sich nach jedem Duschen sorgfältig ein, allerdings mit einer ganz normalen preiswerten Q10-Lotion, denn diese Zaubermittelchen waren ja sowieso nur Augenwischerei. Eine Werbefrau sollte so etwas eigentlich nicht einmal denken, tadelte sie sich selbst. Aber deshalb stimmte es doch.Der Pareo dahinten war nett, verschiedene frische Blautöne, wie eine große Welle. Die perfekte Welle – das hörte sie immer noch gerne.Aber sie brauchte ihn nicht, sie hatte schon einen Pareo, der fast genauso schön war, und die Saison war ohnehin vorbei. Außerdem musste sie aufhören, auf alles hereinzufallen, was blau war, Lieblingsfarbe hin oder her: Sie hatte blaue Handtücher, blau gemusterte Bettbezüge, blaue Sofakissen (blaue Sofas, nicht zu vergessen) und blaues Geschirr. Das musste reichen, die Wohnung sollte ja schließlich nicht zu voll werden. Gekauft wurde also nichts – gut, dass die Läden längst zu hatten.Die Buchhandlung warb mit Reiseführern über Burgund (klang nicht uninteressant) und die Normandie (nein, der Atlantik war einfach zu kalt. Und am Kanal auch zu dreckig), außerdem mit einer ganzen Reihe isländischer Kriminalromane. Leonie bevorzugte aber das gute alte britische Ambiente, wenn schon. Oder Krimis, die im Brokermilieu spielten, wo es um betrügerische Anleihen oder feindliche Übernahmen ging – so etwas fand sie spannender als depressive, trunksüchtige Skandinavier, in deren Leben ständig Dämmerung herrschte. Vorurteil, sicher – aber warum nicht? Sie konnte doch schließlich lesen, was sie wollte!Das Cucaracha war gut gefüllt, aber sie hatte weder Hunger noch genügend Geld dabei.Sie las die Immobilienangebote der beiden Banken sorgfältig durch und freute sich an den hohen Preisen, hieß das doch, dass ihre Wohnung ihren Wert auch recht ordentlich gehalten hatte. Die Anlagenangebote waren weniger interessant, und die Videothek warb nur mit Filmen, die sie entweder schon kannte oder nicht kennen wollte. Eines Tages würde sie sich durch die linke, extra gekennzeichnete Tür hineinschleichen und sich einen Porno kaufen, weil sie so etwas noch nie gesehen hatte. Bildungslücke! Aber heute traute sie sich wie immer nicht. Grässliche Vorstellung – da reingehen und auf Tiefenbacher oder sonst jemanden stoßen, den sie kannte. Und dann herumstottern, Ich steh – nein, besser – Mein Freund steht auf Kettensägemassaker. Und dann den mitleidigen Blick aushalten: Hat die arme Sambacher das nötig? Einen gewalttätigen Freund? Soo langweilig schaut sie doch auch wieder nicht aus... Ob sie deshalb so viel arbeitet? Weil sie sich nicht heimtraut? Und dann lässt sie sich noch losschicken, diesen Mist auszuleihen...Nein, vielen Dank, das brauchte sie nicht.Im Supermarkt gab es Sonderangebote in Himbeeren und Grillfleisch. Über die Himbeeren sollte sie morgen mal nachdenken, beschloss sie, bevor sie umkehrte. Nach dem Supermarkt kamen nur noch ein Optiker, eine Wäscherei und die Tankstelle – uninteressant.Heute war irgendwie alles uninteressant, ärgerte sie sich und ging auf dem Heimweg etwas zügiger, um wenigstens etwas für ihre Fitness zu tun. Am besten setzte sie sich mit ein paar Aprikosen von den Fernseher und telefonierte morgen mal mit Lena und Rieke. Und ganz vielleicht auch mit Thea – vormittags war Papa bestimmt nicht zu Hause, sonst hätte er ja Thea beim Putzen helfen müssen. Da hatte er immer wichtige Termine im Baumarkt oder beim Elektronikhändler (obwohl er weder vom Heimwerken noch von Hightech auch nur das Geringste verstand, aber das waren eben so Männerdomänen).

Neukonzept

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