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ОглавлениеDas Wochenende war wirklich fad gewesen, dachte Leonie, als sie am Montagmorgen pünktlich (sogar schon um fünf vor acht!) auf den Parkplatz der Veit KG fuhr und sorgfältig darauf achtete, ja keinen der markierten Parkplätze zu erwischen, sondern ganz bescheiden zwischen den Büschen zu parken.
Lena war zwar auf dem Handy erreichbar gewesen, aber mit Kindergeburtstag und Besuch der Schwiegermutter voll ausgelastet. Und dieser Nichtsnutz Torsten hatte sich natürlich mal wieder vom Acker gemacht, dringendes Mandantengespräch. Aber sich als toller Vater feiern lassen, der in diesen schlechten Zeiten, wo das Rentensystem wegen der Faulheit egoistischer Weiber vor die Hunde ging, drei Kinder in die Welt gesetzt hatte! Dass Lena die drei ernährte und erzog, während er kaum wusste, wie sie hießen, geschweige denn, wie alt sie waren, erzählte er natürlich nicht herum. Gut, Lena verdiente als freiberufliche Illustratorin erstaunlich gut und konnte sich und die Kinder alleine durchbringen, solange sie nicht so dumm war, sich an der Abzahlung des Hauses zu beteiligen, das nur auf Torstens Namen lief. Trotzdem war es unfair, wie sehr Torsten für gar nichts bewundert wurde.
Und Rieke – Rieke hatte auch keine Zeit gehabt, denn der süße neue Typ aus der Exportabteilung hatte sich mit ihr im Happy´s verabredet, und sie musste dringend überlegen, was sie da am besten anziehen sollte. Leonie konnte sich so richtig vorstellen, wie sie ratlos vor den Bergen stand, die sie aus dem Schrank gerissen hatte. Ja, natürlich würde sie am Samstag anrufen und erzählen, wie´s gewesen war. Kein Anruf am Samstag, keiner am Sonntag. Das konnte natürlich bedeuten, dass sie mit dem süßen Typen zwei Tage im Bett verbracht hatte und dann nach Las Vegas zum Heiraten geflogen war (Riekes Lieblingsfantasie), aber leider war es erheblich wahrscheinlicher, dass der Typ eine Pfeife war – schwul, verheiratet, frisch geschieden, bindungsgeschädigt, ein Mamasöhnchen, blöd, angeberisch, ein Macho, ein Softi, politisch extrem links oder rechts, orthodox fromm oder sonst etwas, was Rieke nicht leiden konnte. Die zweite Option war wahrscheinlicher, wie Leonie aus Erfahrung wusste, und nun traute sie sich kaum, bei Rieke anzurufen. Also hatte sie das Wochenende mit Fernsehen, Spazierengehen und diversen Wellness-Aktionen wie Ölbad, Gurkenmaske, Sonnenbad und Augenbrauenzupfen verbracht und weiter über Konzepte für die Veit KG nachgedacht.
Jetzt war sie immerhin so schön wie möglich und hatte eine ganze Mappe voller Ideen, von denen die meisten wahrscheinlich sofort verworfen werden würden. Sie schloss den Wagen ab und betrat das Gebäude, von einem müden Pförtner wortlos beäugt. Sollte der nicht fragen, wer sie war und was sie hier wollte? Schlechtes Personal, registrierte sie, bei XP wäre das nicht passiert.
Im vierten Stock stieg sie aus dem Lift und suchte nach dem Büro von Patrick Veit. Dort musste sie prompt warten, obwohl es schon fast Viertel nach acht war. Hatte er einen früheren Termin oder schlicht und einfach verschlafen?Eher Letzteres, überlegte sie, angesichts der Verlegenheit seiner Sekretärin.Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und in einem Wirbel kühler Luft kam ein Mann hereingestürzt. Nett, registrierte Leonie automatisch, bevor sie sich erhob und die Hand ausstreckte.„Entschuldigung“, keuchte der Neuankömmling, „Veit... Sie sind Frau Sarbach... stimmt´s?“„Sambacher“, korrigierte Leonie und lächelte freundlich. „Von XP. Wir hatten telefoniert.“„Genau. Geben Sie mir noch eine Sekunde, bitte!“Er verschwand in seinem Büro, und Leonie sah ihm nach, nicht ganz ohne Kopfschütteln. Die Sekretärin seufzte leise und eilte ihm mit einer Unterschriftenmappe hinterher.
Leonie sah auf die Uhr. Fünf vor halb... immerhin war sie angemessen gekleidet – dunkelgraue Nadelstreifenhose, grauer Blazer, blassrosa T-Shirt. Wie eine abgerissene Werberin sah sie nicht aus, dieser Veit konnte sich eigentlich etwas höflicher benehmen. Jungenhaft gutes Aussehen rettete einen über solche Patzer nicht lange hinweg. Endlich bat die Sekretärin Leonie herein.
„Also, Frau Sarbacher -“„Sambacher“, korrigierte Leonie geduldig.„Sambacher, entschuldigen Sie. Nehmen Sie doch bitte Platz... worum geht es denn jetzt eigentlich?“Leonie sah ihn betont befremdet an – er war auch dafür, dass er nicht der richtige Veit zu sein schien, bemerkenswert schlecht informiert. Dafür musste er ein bisschen büßen!„Ich dachte eigentlich, Sie hätten mit Herrn Petersen gesprochen... ich komme von XAM!, Sie wollten doch ein neues Marketingkonzept?“„Marketingkonzept?“ Das Bubengesicht unter der perfekten blonden Fönwelle verzog sich bis zur Stupidität.„Ja, das hatten Sie doch mit Herrn Petersen ausgemacht.“ Er war ganz offensichtlich morgens nicht in Bestform, wie Leonie feststellen musste. Hatte er das Telefongespräch vom Freitag auch schon wieder verdrängt? Und sich mit dem anderen Veit gar nicht abgesprochen?„Petersen... Petersen von XP?“„Natürlich“, antwortete Leonie mit einem genau berechneten Hauch von Unglauben und Arroganz. Gab es denn in Leisenberg noch einen anderen Petersen? Er atmete tief auf. „Ach so... das ist ein Freund von Marius.“Marius – na endlich. Aber das sollte er ruhig etwas genauer erklären! Leonie zauberte also eine Spur von Unverständnis auf ihr Gesicht.„Mein Cousin. Der ist nur leider momentan nicht im Hause... Er dürfte das wahrscheinlich alles veranlasst haben.“„Es sieht ganz so aus. Sie leiten die Firma gemeinsam?“ Es war immer schlecht, wenn man die Machtstrukturen beim Auftraggeber nicht kannte, dann überzeugte man nachher die Falschen und verplemperte seine Energie.„Ja – ja, gemeinsam. Ich bin sozusagen der Geschäftsführer.“
Dafür sind Sie aber auffallend schlecht informiert, lag es Leonie auf der Zunge, aber sie verkniff sich die Bemerkung – vielleicht war sie noch auf seinen guten Willen angewiesen und Lieber Herr Petersen, ich war um Viertel nach acht da und um Viertel vor neun hatte ich bei Herrn Veit bereits komplett verschissen war nicht die Sorte E-Mail, die sie gerne abschicken wollte.
„Ja, was machen wir nun mit Ihnen? Ich meine, Sie brauchen ja einen Schreibtisch – arbeiten Werbeleute sonst nicht immer in ihrer Agentur?“
„Herr Veit scheint das mit Herrn Petersen so abgesprochen zu haben. Ich weiß, dass es unüblich ist. Ein Schreibtisch wäre nützlich. Ich habe übrigens ein paar vage erste Entwürfe dabei...“ Sie legte die erste Mappe auf den Tisch. „Und einige Beispiele für meine früheren Arbeiten, damit Sie sehen, dass ich keine Anfängerin bin.“ Die zweite Mappe folgte, und Veit winkte ab. „Danke, ich glaub´s Ihnen auch so. Soll sich Marius damit befassen. Er müsste am Mittwoch eigentlich wieder im Hause sein.“Sie steckte ihre Mappen achselzuckend wieder ein. Veit erhob sich und lächelte sein Reuiger-Schulbub-Lächeln. „Tut mir Leid, dass Sie von uns einen so unorganisierten Eindruck gewinnen müssen, aber ich besorge Ihnen jetzt sofort einen Schreibtisch.“ Er drückte einen Knopf der Sprechanlage. „Frau Dahlmann? Bitte kümmern Sie sich darum, dass Frau – äh – Sambacher einen Schreibtisch bekommt, an dem sie ihr Marketingkonzept ausarbeiten kann.“ Er lächelte wieder, und Leonie lächelte unwillkürlich zurück. Niedlich war er ja schon!Aber ein Depp.
Frau Dahlmann kam herein und verdrehte hinter Veits Rücken ganz leicht die Augen. Leonie fand das sehr bezeichnend – als Chef war er anscheinend wirklich nicht sehr fähig, wenn nicht einmal seine Sekretärin loyal zu ihm stand. Leonie hätte sich Tiefenbacher gegenüber nie so etwas herausgenommen. Ihn im Round-Table-Gespräch offen angreifen, okay, aber hinter seinem Rücken Grimassen schneiden – niemals. Das tat man einfach nicht. Sie bemühte sich, Frau Dahlmann möglichst harmlos-neutral anzusehen, um es sich auch mit ihr nicht gleich zu verderben, und folgte ihr auf den Gang hinaus.
„So auf Anhieb fällt mir nichts Geeignetes ein“, bekannte Frau Dahlmann draußen, „jedenfalls haben wir kein separates Büro frei. Bloß im großen Raum vor dem Sekretariat vom Chef müsste noch ein Schreibtisch frei sein...“„Vom Chef?“ Leonie sah sich suchend um – das Sekretariat von Patrick Veit hatte nur eine Tür, durch die sie gerade getreten waren, und die führte auf einen ziemlich schmalen Gang.„Von Herrn Marius Veit“, präzisierte Frau Dahlmann. „Ihm gehört die Firma. Er dürfte Sie auch angefordert – äh, ich meine, er dürfte Herrn Petersen um Ihre Mitarbeit gebeten haben."
„Sie sind gut informiert“, stellte Leonie so neutral wie möglich fest.
„Danke. Meinen Sie, Sie halten es in einem Großraumbüro zwei Tage aus?“
Leonie lächelte. „Warum denn nicht? So haben wir doch alle mal angefangen. In der Werbung wenigstens“, fügte sie hastig hinzu, als Frau Dahlmann ein Gesicht zog, als wollte sie so bescheidene Anfänge energisch bestreiten.
Im Vergleich zu XAM!, wo der große Raum immer vor Energie summte (auch wenn sich nur ein Teil dieser Energie auf die eigentliche Arbeit richtete), war es hier verblüffend still. Leonie sah sich um. Gleich links vom Eingang standen drei Schreibtische, zwei von echten Zauberfeen besetzt, einer leer; dahinter war eine Tür zu sehen, auf der stand Sekretariat M. Veit. Weiter hinten gab es einen einzelnen Schreibtisch, der verwaist, aber in Gebrauch war, jedenfalls war er mit Papieren, Akten und Büchern übersät und der Rechner schien zu laufen, dahinter befand sich ebenfalls eine Tür, deren Aufschrift Leonie auf die Entfernung nicht entziffern konnte. Im Hintergrund gab es links und rechts je eine Dreiergruppe Schreibtische, besetzt von den üblichen smarten Anzug- und Kostümtypen. Rechts in der Mitte, von einer gewaltigen Grünpflanze halb verdeckt, schienen die Nebenräume – Toiletten, Pausenraum, Ausgang zum Lift, zu sein. Alles mit künstlichem Licht, nur die Chefkabuffs hinter den Dienstbotenschreibtischen hatten offenbar Fenster nach draußen. Ziemlich ähnlich wie bei XP, stellte sie fest, anscheinend wurden Büroetagen immer gleich gebaut und eingerichtet. In Fernsehserien, die in Firmen spielten (ausgenommen natürlich Anwaltsserien in feudalen Altbauetagen), sah es auch ziemlich genauso aus.Niedrige Trennwände schirmten die Bereiche voneinander ab – oder hätten es tun sollen, nur waren sie so gestellt, dass sie allen den Blick zum Lift und zum Treppenhaus gewährten. Neugierige Bande, vermerkte Leonie im Stillen.„Hier haben Sie alles, den Chef, den Marketingleiter, die Personalchefin, den Finanzmenschen und die Produktplanung. Und die jeweiligen Arbeitsgruppen.“„Dann ist nur Herr Veit nicht hier untergebracht? Warum eigentlich?“Frau Dahlmann zuckte die Achseln. „Vielleicht war hier kein Platz mehr. Aber man kann die Wände der Büros recht leicht versetzen, da hätte man sicher noch so ein Kabuff rausschnitzen können. Ich glaube, er thront ganz gerne über den anderen.“ Wieder so eine despektierliche Bemerkung. Informativ, ja, aber auch verräterisch. „Soll ich Sie allen Leuten vorstellen? Sie werden sich zwar garantiert nichts merken können...“„Doch, das wäre nett. Ich kann mich ja nicht stumm hersetzen, um dann von Schreibtisch zu Schreibtisch zu wandern und mein Sprüchlein aufzusagen...“Also plärrte Frau Dahlmann unvermittelt los: „Aufgepasst! Das ist Frau Sambacher, die sich um ein neues Werbekonzept kümmern wird. Sie sitzt bei Tessa und Jenny!“Leonie sagte „Guten Morgen“, winkte in die Runde und stellte ihre Tasche mit den beiden Mappen auf den leeren Schreibtisch. „Frau Ehring dahinten kümmert sich um Ihr Passwort. Wenn Sie was brauchen, fragen Sie mich – meine Nummer ist 48 – oder Frau Ehring. Und Sie sollten sich Herrn Mühlbauer extra vorstellen, er ist der Marketingchef und fühlt sich schnell auf den Schlips getreten, wenn man ihn übergeht. Oder wenn er sich das einbildet“, fügte sie halblaut hinzu.Nützlich war die Frau, das konnte man nicht bestreiten. Gut, die Vorstellung war etwas unzureichend, aber immerhin hatten sie jetzt alle gesehen, und vertiefen konnte sie die Bekanntschaft immer noch selbst.
Sie begann mit den beiden Frauen an der ersten Dreierkombination, denn denen würde sie am nächsten sein. Beide reichten ihr zimperlich eine perfekt manikürte Hand mit silbrigrosa beziehungsweise golden lackierten Krallen, so lang, dass Leonie sich fragte, wie die beiden eigentlich tippten, ohne dass die Pracht abbrach. Dann packte sie erst einmal ihre Mappen aus und fuhr den Rechner hoch, bevor sie auf Wanderschaft ging. Der nächste Assistentenschreibtisch war immer noch verwaist, und den Großmogul im Büro dahinter mochte sie jetzt noch nicht stören, lieber stellte sie sich der Personalabteilung vor. Sandra Ehring lächelte nett und schrieb ihr ein sehr intelligentes Passwort auf (12345). „Bitte sofort ändern!“
„Oder auch nicht“, meinte ihr Kollege. „Damit rechnet ja dann keiner, also ist das fast genauso geheimnisvoll. Meyer.“„Sambacher. Guten Morgen. Ja, aber beim Rumprobieren versucht er´s vielleicht mit dieser Option, nicht? Ich werde es doch lieber ändern und ich verspreche auch, das neue Passwort nicht auf einem Post-it am Monitor zu befestigen.“Die Ehring lachte. „Sehr brav!“Die letzte Kombination war wieder verwaist. Meyer folgte Leonies Blick. „Die sind drinnen, am Planen. Denen können sie sich auch später vorstellen. Wer hat Sie hergebracht, MV oder PV?“Leonie stutzte kurz, dann verstand sie. „Oh, MV, vermute ich. Ich habe ihn noch nicht kennen gelernt, aber Petersen hat mich hergeschickt.“„Petersen? Sie kommen von XAM!? Welch Glanz in unserer Hütte! Dann bekommen wir jetzt endlich Werbung, die auch Umsatz schafft?“Leonie lachte. „Ich will´s doch hoffen! Sagen Sie, ich sollte mich einem Herrn Mühlbauer vorstellen, aber sein Assistent/seine Assistentin ist nicht da... ist es unhöflich, einfach zu klopfen?“Die Ehring erhob sich. „Ich stelle Sie vor. Keine Ahnung, wo Diana hin ist. Sonst sitzt sie da wie festgetackert.“Mühlbauer beäugte Leonie missvergnügt, als sie vor seinem Schreibtisch standen. „Marketingkonzept? Soso. Davon weiß ich nichts.“„Ich denke, ich soll erst einmal ein paar Ideen sammeln“, versuchte Leonie zu begütigen. „Natürlich soll nichts an Ihnen vorbei geschehen.“„Das möchte ich mir aber auch ausgebeten haben!“ Er sah sie über seine Halbbrille stirnrunzelnd an, ein sehr gepflegter Mann um die Fünfzig, in dreiteiligem Anzug und brutal gestärktem Hemd, dessen Kragen grausam scheuern musste. Merkwürdigerweise fehlte an einer seiner Manschetten ein Knopf – das fiel ihr auf, weil die Sakkoärmel etwas zu kurz zu sein schienen. Und die Krawatte, in Schlammbraun und Mittelgrau mit rostfarbenen Schlieren, war scheußlich, passte aber nicht schlecht zum Dunkelgrau des Anzugs. Er ließ einen kritischen Blick über Leonie gleiten, die sich recht korrekt gekleidet fand, und dann einen über die Ehring, die Jeans und einen türkisgrünen Samtblazer trug, darunter eine historisierende Rüschenbluse, die teuflisch zu bügeln sein musste, und entspannte sich etwas.
„Na, fangen Sie halt mal an. Ich werde mit Herrn Veit sprechen, sobald ich ihn erwische. Ach, Frau Ehring, wenn Sie gehen, schicken Sie mir doch rasch Frau Weiblinger rein, ja?“
Die Entlassung war deutlich. Draußen war allerdings immer noch niemand am Schreibtisch. Frau Ehring steckte noch einmal den Kopf ins Büro. „Diana ist nicht am Platz, tut mir Leid.“„Was? Na, egal. Das kann auch noch warten.“„Dann sind Sie jetzt erstmal durch“, stellte die Ehring draußen fest und reichte Leonie die Hand. „Sandra.“„Leonie. Vielen Dank für die nette Einführung. Ich dachte mir schon, dass sich Herr Mühlbauer kränken könnte, Frau Dahlmann hatte mich gewarnt.“
„Macht nichts. MV hat schon Recht, wenn er ein neues Gesamtkonzept will, so geht´s schließlich nicht weiter. Mühlbauer war schon beim alten Veit, und so sind auch seine Ideen. Na, eigentlich hat er gar keine.“
„Ideen hab ich genug“, versprach Leonie und verzog sich an ihren Schreibtisch, wo der Rechner mittlerweile ungeduldig die Anmeldemaske zeigte. Sie meldete sich an, änderte das Passwort, wartete kurz und checkte dann die vorhandene Software durch. Na, für den Hausgebrauch reichte es. Kompliziertere Sachen musste sie eben bei XAM! machen.Sie zog ihre Entwürfe heraus und tippte die paar Ideen – den historischen Ansatz, die möglichen Erweiterungen der Produktpalette, die Managerlinie – schnell ein, legte einen Ordner an und speicherte die Datei auf die allgemeine Festplatte. Nett, aber das reichte nicht. Speichermedien? Welche Festplattenpartition war die richtige? Papier, Stifte, Hüllen? Wo stand das Laminiergerät?Sie fragte die Frau ihr gegenüber nach der Festplattenpartition und erntete ein großäugiges Staunen. Immerhin unterbrach die Dame den Versuch, ihre wunderschönen blonden Haare nur dadurch in Locken zu verwandeln, dass sie sie unablässig um den Finger drehte, und wandte sich an ihre ebenso schöne, aber dunkelhaarige Kollegin: „Jenny? Weißt du, welche Festplattenpartition die richtige ist?“
„Welche was?“, gab die zurück und legte Spiegelchen und Pinzette auf einen Stapel unbearbeiteter Post. „Nee, tut mir Leid. Worum geht´s denn da überhaupt?“
„Wohin speichere ich meine Unterlagen so, dass ich niemanden störe und auch nicht irgendwo lande, wo es gleich wieder gelöscht wird?“
„Oh, ach so, ja...“ Man konnte die beiden förmlich nachdenken sehen. Schweres Geschäft – und erfolglos. „Wissen wir nicht“, gaben sie schließlich zu. „Wir müssen nie was speichern. Aber die Frau Weiblinger weiß das bestimmt.“ Leonie sah zu deren Schreibtisch hinüber. Immer noch leer, aber überquellend. Sehr hilfreich!
„Und sonst? Frau Weiblinger ist nicht an ihrem Platz.“
„Echt nicht? Die ist doch immer da!“ Tessa kicherte. „Wir haben schon überlegt, ob die sich abends eine Isomatte unterm Schreibtisch ausrollt, verstehen Sie?“ Leonie lächelte, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. „Wer könnte das noch wissen?“
„Die Sandra Ehring muss das wissen“, fiel Jenny schließlich ein, „die ist doch für die Computer zuständig, nicht?“
Sandra Ehring telefonierte gerade, und als sie frei war, schoss Leonie zu ihr hinüber. Sie sah sie ratlos an. „Ich hab gerade Frau Dahlmann und die Produktion gefragt – Diana ist nirgendwo! Das gibt´s doch nicht!“
„Vielleicht musste sie dringend weg?“, mutmaßte Leonie. „Zum Zahnarzt zum Beispiel oder zu einem Außentermin, ganz plötzlich.“
Sandra schüttelte den Kopf. „So dringend ist es nie, dass man sich nicht abmeldet. Bei mir oder doch wenigstens am Empfang. Zu irgendwas müssen die beiden Hühner doch gut sein!“ Sie nickte zu Tessa und Jenny hinüber.„Die machen bloß den Empfang? Zu zweit?“, staunte Leonie. „Sonst nichts?“„Naja, die Post verteilen sie auch noch. Aber sonst – sie sind sehr dekorativ, aber nicht gerade die Hellsten.“„Aha“, machte Leonie. Das war ihr auch schon aufgefallen. Immerhin konnte Sandra ihr sagen, dass die Ordner der Mitarbeiter in der Partition D untergebracht waren und dass man seine Unterlagen am besten durch ein extra Passwort schützte. „Sonst gibt es hier hemmungslos Ideenklau. Rechte Maustaste, du weißt ja Bescheid.“„Ja, klar. Diese Diana – vielleicht ist ihr auf der Toilette schlecht geworden?“„Ich schau sofort nach!“ Sandra rannte quer durch den Raum, und Leonie kehrte an ihren Platz zurück, um alles zu sichern und sich ein besonders fieses Passwort für den Ordner Sambacher zu überlegen. Schließlich nahm sie ihre Lieblingskrimifigur Harriet Vane und tippe HDVane ein. Darauf sollte erstmal jemand kommen, vor allem in dieser Schreibweise, die Harriet selbst ja nur für das Namensschildchen in ihrem Talar verwendet hatte (was ihr ein paar obszöne Nachrichten eingetragen hatte). Aufruhr in Oxford sollte sie mal wieder lesen, überlegte sie.Sandra kehrte zurück und zuckte die Achseln. Langsam war das wirklich seltsam, dachte Leonie. Naja, vielleicht war diese Diana ja die absolute Sirene und vernaschte gerade irgendeinen Obermotz. So, wie´s hier zuging, war doch wohl alles möglich.
Sie stand wieder auf und erkundigte sich bei den beiden Wächtern vor der Produktplanung, ob sie Proben der aktuellen Produktion haben konnte. Carla Niklas drückte ihr eine Schachtel dieser altmodischen grün-goldenen Bleistifte in die Hand. „Ansonsten haben wir im Moment nur Buntstifte, aber die produzieren wir in Lizenz für andere Hersteller, also ist unser Logo nicht drauf. Haben Sie schon Logoentwürfe?“
Leonie schüttelte bedauernd den Kopf und wunderte sich auf dem Weg zurück zu ihrem Schreibtisch. Bloß Bleistifte – und No-Name-Buntstifte – und das rechtfertigte immerhin drei Etagen in diesem Bau? Plus das Hintergebäude mit der Produktion?
Da war ein neues Marketingkonzept wirklich dringend notwendig! Sie arbeitete ungefähr eine Stunde lang konzentriert, wobei sie versuchte, sich nicht von Tessa und Jenny ablenken zu lassen, die über das Fernsehprogramm vom Vorabend redeten, anstatt die Post zu sortieren und zu verteilen. Erst als sie von Sandra Ehring einen Anschnauzer erhielten, machten sie sich an die Arbeit. Sandra sauste an ihnen vorbei und klapperte draußen die Treppe hoch – suchte sie diese Diana jetzt bei Patrick Veit? Am Morgen war sie dort jedenfalls nicht gewesen.Leonie starrte vor sich hin, weil ihr die Ideen ausgegangen waren, und zog dann die Schubladen ihres Schreibtischs auf. Wenigstens ein Tacker musste doch hier sein! Und Druckerpapier. Fehlanzeige – nichts als Staubflusen und in der untersten Schublade eine einsame verbogene Büroklammer. Sie warf sie in den Papierkorb. Wo kriegte man hier Büromaterial?Sie fragte die beiden Tussis gegenüber, die strahlten, weil sie das wussten. „Wir gehen immer in den Materialraum, da liegt das alles rum, in den Regalen. Einfach so zum Mitnehmen. Kulis, Papier -“„-Klarsichthüllen, TippEx und diese Dinger zum Laminieren“, ergänzte Tessa.„Danke“, antwortete Leonie trocken und verkniff sich ein Ich hab´s begriffen, „und wo ist dieses Paradies, bitte?“„Ach so... na, drüben, gegenüber vom Klo. Neben dem Pausenraum.“„Na gut. Danke. Ich hole mir mal eben das Nötigste; wenn jemand nach mir fragt, ich bin gleich wieder da.“
„Wer sollte denn nach dir fragen?“, staunte Tessa, aber Leonie war schon unterwegs. Eigenartige Aufteilung, stellte sie hinter der wuchernden Grünpflanze fest – die Toiletten waren riesig und auch picobello sauber, und auf der anderen Seite mussten sich der Pausenraum und das Materiallager den gleichen Raum teilen. Ergebnis: Der Pausenraum war eine hässliche kleine Hucke mit einem winzigen Fenster direkt unter der Decke, möbliert mit altem, ehemals feuerrotem Plastikequipment und intensiv nach altem Rauch stinkend. Das kam wohl von dem überquellenden Aschenbecher auf dem vordersten Tisch. Neben drei Tischen und verschiedenen wackligen Stühlen gab es nur noch einen Getränkeautomaten, der aber außer Betrieb war. Da wäre es doch ehrlicher, den Raum gleich aufzugeben! Leonie konnte sich jedenfalls nicht vorstellen, hier ihre Mittagspause zu verbringen. Zu essen bekam man hier offenbar auch nichts.
Schäbig. Dieser Veit brauchte nicht nur ein Marketingkonzept, der ganze Laden brauchte eine Generalüberholung, von Corporate Identity bis hin zu einer anständigen Cafeteria. Und Empfangsdamen, die sich nicht eine Gehirnzelle teilten. Okay, das war unfair, die beiden waren ganz nett und sehr dekorativ, aber hohlköpfig.
Jedenfalls konnte der Pausenraum so nicht bleiben. Zu klein war er außerdem auch, gerade mal so groß wie die Damentoilette.
Dem Herrenklo entsprach dann der Materialraum, der war nämlich relativ groß und durch diverse freistehende Regale recht unübersichtlich. Mein Gott, dachte Leonie, wie kann man einen Raum denn so bescheuert einrichten! Wer war hier eigentlich für so etwas zuständig? Mindestens zehn raumhohe Stahlregale, teils an den Wänden, teils so im Raum, dass düstere Gänge entstanden, und vollgerümpelt mit Pappkisten und Ordnern. Vollen Ordnern – war das hier etwa auch das Archiv? So eine Schlamperei war ihr schon lange nicht mehr untergekommen!In den Pappkisten lag alles Mögliche, nur nicht das, was sie brauchte. Den Typenreiniger musste noch der Großvater des heutigen Veit angeschafft haben, und wahrscheinlich hatte er für den Riesenposten Rabatt gekriegt. Daneben stand auch tatsächlich eine mechanische Schreibmaschine im Regal. Sicher noch funktionsfähig, aber schätzungsweise Baujahr 1931.Na endlich, Klarsichthüllen! Und Druckerpapier in rauen Mengen – wieso stand das nicht direkt neben dem Eingang, das wurde doch garantiert am häufigsten gebraucht? Nein, dafür musste man ganz ans Ende eines Gangs traben.Leonie klemmte sich ein Paket Papier unter den Arm und wandte sich nach links, in der Hoffnung, auch noch Stifte zu finden, vielleicht sogar ein Lineal, falls sie (wie in der Werbung so ungewöhnlich nicht) mal etwas zeichnen musste. Zwei Schritte kam sie voran, eifrig in die Kisten spähend, dann stieß sie mit dem Fuß gegen etwas Weiches. Als sie sah, was es war, schrie sie halblaut auf, bevor sie ihren Kram in das nächstbeste Fach legte und davoneilte, um Sandra Ehring zu verständigen, die ihr noch am vernünftigsten vorkam.