Читать книгу Legionär in der römischen Armee - Филипп Матышак - Страница 9
Wer kann eintreten?
ОглавлениеOhne die römische Armee gäbe es kein Rom. Soldat sein zählt zu den besten Traditionen der Stadt. Die meisten Kaiser Roms sind Soldaten gewesen und in den Tagen der Republik konnten nur wenige Politiker vor die Wähler treten und Ämter gewinnen, wenn sie nicht bereits Roms Feinden gegenübergetreten waren und Siege auf dem Schlachtfeld errungen hatten. Romulus, Cincinnatus, Cato der Censor und Cicero standen allesamt im Gefecht. Die Männer, die sie befehligten, waren römische Bürger und noch dazu Bürger von gutem Ruf, denn die Reihen der römischen Armee waren – und sind noch – für Sklaven, Verbrecher und Taugenichtse verschlossen.
Nicht von Eltern wie diesen [Nichtsnutzen] stammten die jungen Männer, die das Meer mit Karthagerblut färbten und die Pyrrhos, den mächtigen Antiochos und den furchtbaren Hannibal schlugen. Nein, es war die mannhafte Jugend der Soldaten vom Lande, junge Männer, die gelernt hatten, den Boden mit sabinischen Hacken zu wenden und auf Geheiß einer strengen Mutter Knüppel zu bringen, die sie in den Wäldern geschnitten hatten.
HORAZ, Oden 3,6, 33–41
So schrieb der Dichter Horaz, selbst so ein Bursche vom Land, der in den Legionen diente. Obwohl Horaz seine Militärkarriere glanzlos damit beendete, dass er in der Schlacht von Philippi 42 v. Chr. seinen Schild wegwarf und um sein Leben rannte, ist doch etwas dran an seinen Worten. Römische Rekruten zerfallen in drei Gruppen – die unfreiwillig einberufenen (lecti), diejenigen, die zugestimmt haben, sich anstelle eines Einberufenen freiwillig zu melden (vicarii), und schließlich jene, die wirklich zur Armee wollen (voluntarii). Ein ständiger Zustrom italischer voluntarii mit gutem Körperbau und gutem Ruf vor dem Kasernentor ist der Traum jedes Werbeoffiziers in der Legion.
Für alle, die mit dem Gedanken spielen, die nächsten rund zwei Jahrzehnte unter Roms Adlern zu verbringen, hier eine Übersicht, was von ihnen erwartet wird.
• Römisches Bürgerrecht. In völlig verzweifelten Situationen hat man auch Sklaven und Fremde für die Legionen rekrutiert. Heute sind die Zeiten anders. Ein peregrinus (Nichtbürger), der eine Armeekarriere sucht, sollte es bei den Auxilia probieren. Ein Sklave, der in die Armee zu kommen versucht, wird für seine Frechheit in die Bergwerke geschickt oder sogar hingerichtet.
• Familienstand: ledig. Heutzutage dürfen römische Soldaten nicht verheiratet sein. Allerdings gibt es nichts, was einen unglücklich Verheirateten daran hindert, in die Legion zu flüchten. Die römische Ehe ist eher eine bürgerliche Verbindung als ein religiöses Sakrament, und der Eintritt in die Armee dient als einseitige Scheidungserklärung.
• Vollständiger und gesunder Körper. Die römische Armee rekrutiert sich mit Vorliebe aus Berufen wie Metzger, Schmied oder Erntearbeiter, die gern etwas Schlimmeres „niedermähen“ wollen. Mit Blick auf die Berufsrisiken solcher Tätigkeiten werden die Finger an jeder Hand des Interessenten sorgfältig durchgezählt. Ein fehlender Daumen oder Zeigefinger bedeutet die Erklärung der Untauglichkeit. Es hat beschämende Fälle gegeben, in denen sich bei einem dilectus (einer Aushebung in Notfällen) Leute die Finger abgeschnitten haben, um dem Militärdienst zu entgehen. Wenn sich solch eine vorsätzliche Verstümmelung nachweisen lässt, wird sie hart bestraft.
• Die Körpergröße muss mindestens 5 Fuß 10 Zoll (römisch: ca. 1,66m) betragen. Bei besonders stämmig aussehenden Einzelfällen sind Ausnahmen möglich.
• Nur für Männer. Bewerbungen von Frauen und Eunuchen sind unerwünscht. Legionsleben ist Männersache. Manchen wird es trösten, dass Traian kürzlich verfügt hat, auch diejenigen dürften dienen, die einen ihrer Hoden verloren haben.
• Gute Sehkraft. „Tryphon, Sohn des Dionysios […] entlassen durch Gnaeus Vergilius Capito […] wegen schwacher Sehstärke nach grauem Star. Untersucht in Alexandria. Bescheinigung ausgestellt im 12. Jahr des Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus am 29. Pharmouthi.“ (Urkunde über eine Entlassung aus dem Militärdienst vom 24. April 52 n. Chr., Papyrus Oxyrhynchus 39)
• Gute Führung. Eine Vergangenheit als Kleinkrimineller geht vielleicht durch, aber jeder, der sich mustern lassen will, um der Verfolgung wegen eines schweren Delikts zu entgehen, wird ohne Weiteres ausgestoßen, ebenso alle, die die Armee nutzen wollen, um sich aus der Verbannung wieder einzuschleichen.
• Das Empfehlungsschreiben. Legionsdienst ist heutzutage ein Privileg. Wie gut oder schlecht eine Soldatenkarriere anfängt, hängt wie so vieles im Römerleben von persönlichen Beziehungen ab. Wer einen Rekruten empfiehlt und mit welcher Begründung, das ist entscheidend für die künftige Laufbahn des Rekruten. Das Empfehlungsschreiben ist ein unentbehrlicher erster Schritt, und jeder, der an einen Eintritt in die Armee denkt, sollte sich darum kümmern, eine möglichst vollmundige Empfehlung von einer möglichst hochstehenden Persönlichkeit zu bekommen. Empfehlungsschreiben sind ein Teil des römischen Alltags und dienen als Referenz in allen möglichen Lebenslagen. Wer jemanden für die Armee empfiehlt, setzt sein eigenes Ansehen aufs Spiel. Es überrascht nicht, dass Empfehlungsschreiben von Armeeveteranen in der Regel sehr gut aufgenommen werden, besonders wenn sie jemand verfasst, der in der Einheit gedient hat, für die sich der potenzielle Rekrut bewirbt. Viel hängt auch davon ab, wie sehr diese Einheit zum Zeitpunkt der Bewerbung darauf aus ist, neue Rekruten aufzunehmen. Laut dem Satiriker Juvenal macht es eine Menge aus, ob man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.
Traian entscheidet
Plinius [Statthalter von Bithynien in Kleinasien] an Kaiser Traian: „Der ausgezeichnete junge Mann Sempronius Caelianus hat zwei Sklaven unter den Rekruten entdeckt und mir geschickt. Doch ich habe die Urteilsverkündung aufgeschoben, bis ich dich, den Wiederhersteller und Erhalter der Militärdisziplin, über die angemessene Strafe befragt habe. […]“ Traian an Plinius: „Sempronius Caelianus hat meinem Befehl entsprechend gehandelt, indem er solche Personen, über die im Prozess zu entscheiden ist, ob sie die Todesstrafe verdienen, an dich sandte. Es ist dabei jedoch ausschlaggebend, zu klären, ob diese Sklaven sich freiwillig gemeldet haben oder von den Offizieren ausgesucht wurden oder sich als Ersatzleute für andere meldeten [die zum Wehrdienst eingezogen wurden]. Wenn sie ausgehoben wurden, liegt der Fehler beim prüfenden Offizier; wenn sie Ersatzleute sind, bleibt die Schuld bei denen, die sie losgeschickt haben; falls sie sich aber im vollen Bewusstsein ihres Status freiwillig vorgestellt haben, muss die Strafe auf ihre eigenen Häupter fallen. Dass sie noch keiner Einheit zugeteilt sind, macht für ihren Fall keinen großen Unterschied; sie hätten nämlich am selben Tag ihre tatsächlichen Verhältnisse offenlegen müssen, als sie für diensttauglich erklärt wurden.“
PLINIUS DER JÜNGERE, Briefwechsel mit Traian (Briefe 10, 29–30)
Gallius, wer kann die Vorteile einer erfolgreichen Militärkarriere aufzählen? Denn ich hoffe, ich stehe unter einem Glücksstern, wenn mich die Lagertore als verängstigten Rekruten einlassen. Ein Augenblick echten Glücks bedeutet da mehr als ein Empfehlungsschreiben von Venus an Mars oder eins von seiner Mutter Juno.
JUVENAL, Satiren 16,1–6
Sollte die Legion keine Rekruten brauchen, kann sich der Freiwillige in einer Auxiliarkohorte oder gar im Flottendienst wiederfinden. Wenn die Auswahl an Rekruten reichlich ist, bekommen die mit den besten Empfehlungen die besten Jobs. „Halt diesen Brief vor dein Gesicht und stell dir vor, dass ich es persönlich bin, der mit dir spricht“, drängt der Schreiber eines solchen Empfehlungsschreibens einen Werbeoffizier, den er anscheinend von seinem eigenen Militärdienst her kennt.
Ein römischer Werber wie der Mann ganz rechts träumt vermutlich von so einem Andrang (wie hier auf der Traianssäule) frischer, gesunder Rekruten, die darauf brennen, sich zu einem Vierteljahrhundert Dienst bei den römischen Legionen zu verpflichten. Jeder entlaufene Sklave oder gesuchte Verbrecher in der Schlange kann sich auf Abweisung und Bestrafung gefasst machen.