Читать книгу Drei Musketiere - Eine verlorene Jugend im Krieg, Band 8 - Frank Hille - Страница 4
Fred Beyer, 17. September 1942, Russland, Nowosil
ОглавлениеDie letzten Wochen waren für die Männer vergleichsweise ruhig gewesen. Russen und Deutsche lagen sich in gut ausgebauten Stellungen im Bereich der Heeresgruppe Mitte gegenüber und bis auf örtlich begrenzte Angriffe hatte es nur wenige Aktivitäten gegeben. Üblicherweise beschossen sich die Gegner mit der Artillerie aber aufgrund der gut ausgebauten Stellungssysteme war die Wirkung nicht sonderlich hoch. Beide Seiten hatten die Zeit genutzt, die Deckungen ausgebaut und pioniermäßig verstärkt. So waren Beyer und seine Männer in einem mit einer massiven Holzdecke gut geschützten Erdbunker untergekommen. Durch die relative Ruhe auch an den anderen Fronten war die Stimmung der Soldaten nicht schlecht, und da auch der Nachschub funktionierte, gab es keinen Mangel an Munition und Verpflegung. Die deutsche Aufklärung hatte gestern festgestellt, dass südlich von Nowosil an der Bahnlinie zwei Panzerzüge aufgefahren waren, was als Indiz für einen bevorstehenden Angriff in dieser Gegend gedeutet wurde. Da an Beyers Frontabschnitt momentan nichts auf Attacken der Russen hindeutete, hatte man die Panzerkompanie bereits in den Morgenstunden in Richtung Nowosil in Marsch gesetzt. Dort waren die deutschen Infanteriekräfte nur schwach aufgestellt und sollten durch die Panzer verstärkt werden. Das Wetter war bis vor kurzem angenehm gewesen, aber vor drei Tagen hatte andauernder Nieselregen eingesetzt, der die Wege wieder schlecht passierbar machte. Beyer erinnerte sich gut an die Schlammperioden im Frühwinter und im Frühjahr und er erwartete wieder Probleme beim Marsch. Trotz dieser Befürchtungen kam die Einheit gut voran, und da der Aufmarschraum ungefähr nur 40 Kilometer entfernt war, trafen die Fahrzeuge schon am Nachmittag dort ein. Obwohl die Wehrmacht die Panzer üblicherweise selbst über kurze Strecken mit der Bahn verlegte, war das diesmal nicht möglich gewesen, da keine Eisenbahnlinie in vertretbarer Entfernung lag.
Die Panzer hatten sich hinter den Infanteriestellungen in dem dahinter liegenden Wald getarnt. Die Stellungen waren sinnvoll angelegt worden und das durchgehende Grabensystem befestigt. Einige Pak und Feldgeschütze standen gut gedeckt mit am Waldrand, überdachte MG-Nester waren in die Verteidigung geschickt eingebaut. Vor den Stellungen lag freie Fläche, so dass die Panzer zeitig in den Kampf eingreifen könnten. Die Russen hatten die Gegend mit einigen kurzen Artillerieschlägen abgetastet und schossen sich offenbar ein. Beyer und seine Männer waren im Panzer verschwunden und die Infanterie in die Gräben abgetaucht. Zwischen den Einschlägen stiegen riesige Sprengwolken hoch, es mussten größere Kaliber sein, die jetzt vor den deutschen Stellungen hochgingen. Das Feuer hielt schon eine ganze Weile an und die Explosionen näherten sich den deutschen Stellungen. Selbst in dem 25 Tonnen schweren Panzer war die Wucht der Einschläge zu spüren und Fred Beyer war unbehaglich, als festes Ziel nichts tun zu können. Dann dachte er aber an die Männer in den Gräben, die zwar in ihren Erdbunker Schutz suchen konnten, aber der Gewalt einer größeren Granate würden die Holzdecken kaum standhalten können. Das Feuer steigerte sich nochmals aber die deutsche Artillerie antwortete nicht, um die eigenen Stellungen nicht zu enttarnen. Als die deutschen Geschütze dann doch losdonnerten wussten die Männer, dass die Russen den Angriff begonnen hatten. Das Gefechtsfeld war nahezu deckungslos und die Russen würden die Strecke bis zu den deutschen Stellungen schnell überwinden müssen. Sie waren gegenüber den Deutschen im Nachteil, denn deren schwere Waffen waren gut getarnt und die vorgehenden Angreifer mussten diese erst einmal ausmachen. An der Spitze fuhren auseinandergezogen zirka 15 T 34 und dahinter einige BT 7. Die Infanterie war knapp 1.500 Meter vor dem deutschen Grabensystem abgesessen und folgte den Panzern. Die schweren T 34 sollten die deutschen Stellungen aufreißen, und die BT 7 und die Fußsoldaten dann die deutsche Infanterie vernichten um weiter durchstoßen zu können. Als die ersten Panzer bis auf ungefähr 1.000 Meter herangekommen waren eröffneten die deutschen Panzer und Pak das Feuer, die Feldgeschütze beschossen die gruppenweise vorgehende russische Infanterie. Erste Männer gingen zu Boden, aber die Panzer kamen schnell näher. Sie fuhren mit Höchstgeschwindigkeit und bildeten so schwer zu treffende Ziele. Lahmann schoss zweimal daneben, erst die dritte Granate traf einen T 34 am Bugblech, schlug aber nicht durch. In diesem Moment beging die russische Artillerie einen verhängnisvollen Fehler. Am Tag zuvor hatte eine Polikarpow 2 Aufklärung geflogen und die Lage der deutschen Stellungen fälschlicherweise 200 Meter zu weit östlich angegeben. Die Männer an den russischen Geschützen gingen davon aus, dass die jetzt nicht mehr weiterrückende Feuerwalze direkt in die deutschen Stellungen einschlug. In Wahrheit gingen die Geschosse aber auf oder neben den eigenen Panzern nieder und vernichteten einige Fahrzeuge. Bei den Russen herrschte totale Verwirrung und diese undurchsichtige Situation nutzen die Deutschen mit dem Einsatz ihrer schweren Waffen aus. Panzer, Pak und sogar die Feldgeschütze schossen im direkten Richten auf die russischen Panzer und nochmals gingen einige Fahrzeuge in Flammen auf. Von den angetretenen ungefähr 20 russischen Panzern waren 16 abgeschossen worden und die übrig gebliebenen drehten ab. Die russische Artillerie hatte in der Annahme, dass die Gräben genommen worden wären, die Feuerwalze weiter nach hinten verlegt und ließ die Granaten jetzt auf die eigene Infanterie regnen. Damit brach der Angriff endgültig zusammen und artete zu einer panikartigen Flucht aus. Die sich mit Vollgas zurückziehenden Panzer walzten eigene Verwundete in den Boden und hinterließen eine blutige Spur. Die deutschen Geschütze setzten noch drei Salven in die Reihen der fliehenden Russen, dann stellten sie das Feuer ein.
Fred Beyer hatte die Turmluke geöffnet und beobachtete die Gegend. Pulverdampf zog an seinem Körper vorbei nach draußen. Über dem Gefechtsfeld standen rußige Qualmwolken der ausbrennenden Panzer, ging in den zerstörten Fahrzeugen noch MG-Munition knatternd hoch und waren leise Rufe von Verwundeten zu hören. Der Kampf sah einen eindeutigen Sieger: die deutschen Einheiten. Es war nicht ihre Abwehrleistung gewesen, die den Ausschlag gegeben hatte, sondern der verherrende Fehler der russischen Infanterie. Die Russen hatten etliche Panzer und Infanteristen verloren, die Deutschen waren mit geringen Verlusten davongekommen. Für Beyer war klar, dass der Angriff wiederholt werden würde, aber momentan war damit nicht zu rechnen, die russischen Truppen mussten erst wieder formiert werden. Er stieg aus dem Panzer aus, die anderen Männer auch.
„Jetzt werden bei den Iwans ein paar Köpfe rollen“ meinte Bergner „die haben doch direkt auf ihre eigenen Truppen geschossen, unfassbar. Wie kann so was bloß passieren?“
„Also ich kann mir das gut vorstellen“ erwiderte Lahmann „ich sehe unsere Ziele durch die Optik direkt. Die Kanoniere stehen mit ihren Waffen aber ein paar Kilometer hinter der Front und müssen sich auf die Angaben der Aufklärung verlassen. Die sehen doch rein gar nichts. Und wenn die den Winkel der Rohrerhöhung um ein paar Grad ändern kann das eine ganze Menge an Abweichung bedeuten. Da kommst du ohne Mathematik nicht weiter. Wäre nicht mein Ding. Deins etwa, Anton?“
„Ach, geh! Ich brauche in meiner Schmiede n gutes Auge und Kraft. Ich muss da nichts rechnen. Aber ich muss wissen, wie ich die Stoffe zu mischen habe und wann die richtige Temperatur erreicht ist. Das is auch nich so einfach.“
Fred Beyer stellte sich vor, wie kompliziert es sein musste, über so große Entfernungen ein Ziel genau zu treffen. Er war froh, dass der Panzerkampf auf geringere Distanz erfolgte und er erfahrene Männer an Bord hatte.