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Die schwarzen Wasser von Anahim

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„Hallo, Boys, her zu mir!“

Mister Perkins, der Boß selber, stand jenseits des Weidezaunes auf der Straße und winkte Bill und Peer zu sich heran. Sein sonst funkelnder Pacard war heute bis zu den gekrümmten Sichtscheiben hinauf über und über verstaubt, und selbst das graumelierte Haar des Herrn über zwanzig Cowboys und zwanzigtausend Rinder erschien heute fast weiß. Mister Perkins hatte eine weite Autofahrt bis zu den entlegensten Weideflächen hinter sich. Es hatte seit Wochen nicht geregnet, und auf den Feldwegen lag knöcheltief der Staub.

Bill Sattler klopfte das Herz heftig, als er mit einem Schwung aus dem Sattel sprang und über die Weide lief. Peer folgte ihm wortlos. Bill riß den Riegel aus dem Pfahl des Weidetors und stieß das knarrende Gatter dem Bruder fast auf die Nase: Dann stand er schnell atmend vor dem obersten Chef der Ranches.

Mister Perkins zog sein Gesicht breit und knallte seinen zwei jüngsten Cowboys die Hände auf die Schultern.

„Hallo, Boys, wann geht es also los?“

„Morgen, Mister Perkins!“ riß sich Bill zu einer ebenso lauten Antwort zusammen. Peer nickte nachdrücklich dazu.

„Eigentlich sollte ich ein finsteres Gesicht machen, wenn mich gleich vier Cowboys auf einmal verlassen. Den beiden Alten hab’ ich auch meine Ansicht gründlich gesagt. Aber euch Jungen kann ich nicht böse sein. Verdammt noch mal, ich möchte auch wieder jung sein und hinausreiten zu den äußersten Weidegründen hinter fernen Horizonten!“

Bills Herz machte einen fröhlichen Sprung. Es gab wohl gar kein Donnerwetter! Er versuchte schon wieder grinsend seine weißen Zähne zu zeigen, doch er wagte noch kein Wort der jubelnden Erwartung auszusprechen. Weiß der Teufel, was der Boß noch hinten hatte! Er war bei den Cowboys beliebt und gefürchtet zugleich.

Perkins ließ seine Hände von den Schultern der Jungen gleiten und betrachtete Bill und Peer genauer.

„Eigentlich tut ihr mir auch wieder leid, ihr zwei Milchgesichter, so in die hinterste Wildnis verschlagen zu werden. Elche jagen und Grizzlys begegnen mag ja recht romantisch sein, aber es bringt keine Dollars ein. Auf meiner großen Rinderranch hättet ihr einen raschen, einträglichen Aufstieg vor euch gehabt.“

Ich pfeife auf deine Dollars! dachte Bill, aber er sprach es natürlich nicht aus. Das Grinsen auf seinem Gesicht verging wieder.

„Ich habe mir die Landschaften Anahim und Batnuni ein wenig beschreiben lassen“, fuhr Perkins fort. „Ein Telefongespräch mit Williams Lake am Fraser River war mir das wert. Man meint dort, hinter den letzten Bergen gebe es vielleicht noch Weideland, aber welcher Narr ziehe dorthin, wenn es auf den Ranches nahe den Städten Verdienst genug gebe! Man wird euch also dort drüben nicht beneiden, Boys!“

Wir pfeifen auf diese Städter und ihre Meinung, dachten Bill und Peer im gleichen Augenblick. Jetzt wünschten sie sich von den scharfen, stahlblauen Augen ihres Chefs weit fort. Nicht aussprechen dürfen, was man sich denkt, das erschien ihnen schwerer, als auf einem bockigen, beißenden Pferd zu reiten.

Mister Perkins kniff ein Auge zu. „Zieht in Frieden, meine Boys! Möchte gern später einmal hören, wie es euch ergeht. Und wenn das Unternehmen zusammenkracht, kommt wieder zu mir. Habt ihr mich verstanden?“

„Okay, Mister Perkins!“ atmete Bill erleichtert auf. Das wäre also überstanden. Eben wollte er sich umwenden und wieder zu seiner gemächlich weidenden Stute zurücklaufen, da drückte ihm der Boß einen größeren Dollarschein in die Hand. Auch Peer geschah dasselbe.

„Nachzahlung für fleißigeil Dienst, und vergeßt nicht zu schreiben!“ Er blickte lachend den davoneilenden Jungen nach.

„Gesundes Blut“, murmelte er. „Die gehen nicht unter.“

Das fürchteten auch Bill und Peer nicht, als sie am nächsten Morgen in die hochbepackten Autos krochen. Peter Sattler hatte in der letzten Woche noch eine Fahrt nach Nelson unternommen und seinen Chevrolet gegen einen starken, aber klapprigen Austin-Kombi vertauscht. So war es zuletzt doch noch gelungen, das wichtigste Reisegut aufzupacken. Wer kannte auch die Preise in den kleinen Städten dort oben am Rand der Wildnis? Auf jeden Fall kaufte man im Süden von British Columbia wesentlich billiger ein. Aber dennoch schmolzen die Dollars zusammen wie der Schnee im Mai von den Bergen der Gold Range.

Die Liste Mac Leans war in diesen zwei Wochen noch um einiges länger geworden. Alles Nötige zu einer Expedition ins Unbekannte mußte bedacht werden.

„Und dabei kehren wir von dieser nicht einmal mehr zurück!“ lachte Mac Lean fröhlich, als von Peter Sattler dieses Wort gefallen war.

Der Frau gab es einen schmerzhaften Stich, als sie das Wort hörte. Nie mehr zurück, vergraben, verschollen hinter den fernsten Bergen, für immer! Nun, da der Aufbruch bevorstand, spürte sie eine ungeheure Last der Sorge auf den Schultern. Doch sie ließ kein klagendes Wort aus ihrem Mund. Peter, der Mann und Vater, hatte ein Ziel gefunden, und das mußte auch ihr genug sein.

Bärbi Sattler saß schon im Wagen; Bill und der Vater kletterten noch auf der Ladefläche des kleinen Lastwagens herum.

„Sind die Reitsättel gut verstaut, Bill?“

„Ja, Vater; auch Rossys nagelneuer.“ Er lachte. „Er wird ihr ja noch viel zu groß sein. Übrigens muß sie ja auch dort oben bald wieder zur Schule!“

Alle Cowboys der Ranch, die es an diesem Morgen einrichten konnten, umstanden die kleine Karawane. Lachende Zurufe wechselten hin und her. Tom Seter, der nach der Kündigung Mac Leans zum Chef der Cowboys aufgestiegen war, half Mac Leans Gepäck festzurren.

„Du wirst keine hundert Kilometer weit kommen, dann kannst du deine Pfannen und Äxte stückweise am Straßenrand wieder suchen, wenn du nicht alles besser verschnürst!“ nörgelte er. Dann lief er in die Garage und kehrte mit neuen Riemen zurück. „Es täte mir doch leid, wenn du am zweiten Tag schon wieder angerattert kämst. Ein solches Aas wie dich möchte man nicht ein zweites Mal um sich haben.“

Mac Lean verstand den Spaß. Aber er kniff seine Augen zu einem Spalt zusammen. „Vielleicht komme ich wieder – nach ein paar Jahren, wenn ich Cowboys für meine Großranch am Tetachuk Lake suche.“

Tom Seter lachte. „Inzwischen hat dich längst ein Grizzly verspeist. Wünsche ihm gute Zähne für diesen Knochenhaufen!“

Inzwischen schien auch auf Mac Leans Auto alles festgebunden zu sein. Peter Sattler war ebenfalls von seinem Wagen gestiegen. Peer durfte in Macs Auto kriechen, damit die Last ein wenig gleichmäßig verteilt war. Die Mutter und Rossy saßen eng zusammengepreßt im Fond des Austin. Peter Sattler und Bill wollten abwechselnd am Steuer sitzen.

Mac steckte den Schlüssel in den Starter und horchte auf das singend anspringende Summen des Motors. Jetzt kam es auf diesen an, daß er treu tausend Kilometer und mehr lief. „Verdammt, kann ihm nicht einmal wie einem Pferd die Schenkel tätscheln!“ murmelte er. Er blickte zu Peter Sattler hinüber und hob die Hand.

„Allons – vorwärts!“

Die hochbepackten Autos schnellten ratternd vorwärts wie ungeduldig wiehernde Cowboypferde, der Staub auf dem Hof der Ranch wallte in Wolken auf. Die Cowboys sprangen zurück und rissen die ledernen Hüte schwingend über die Köpfe. Was sie riefen, verstanden die Fahrer nicht mehr, aber sie wußten es dennoch: „Fare well – gute Reise – and good luck!“

Viel Glück, viel Glück!

„Verdammt noch mal, das brauchen wir jetzt!“ murmelte Mac Lean seinem dröhnenden Motor zu. Er hatte nicht viel Zeit, zuletzt noch in Rührseligkeit zu verfallen. Die ausgeschlagene Straße, die von der Ranch am Broadwater gegen den Fuß des Selkirk-Gebirges hinführte, verlangte alle Aufmerksamkeit. Die Cowboys schauten den Ausziehenden gewiß noch nach, und wie hätten sie gebrüllt, wenn jetzt schon der verpackte Plunder auseinandergefallen wäre!

Peter Sattler fuhr hinter Mac Lean und blickte scharf durch die Staubwolke auf den Pfad. Wenn es ihn in ein tiefes Regenloch schleuderte, duckte er sich horchend, ob hinter ihm nicht schon die ganze Ladung sich selbständig machte. Bill kurbelte das Fenster herab und beugte sich einen Augenblick in den Staub hinaus. „Alles hängt noch fest“, nickte er dem Vater zu.

Bärbi Sattler hatte die Augen geschlossen. Der Trubel und die Mühen der letzten Tage forderten jetzt ihr Recht. Schon als sie ins Auto stieg, war sie so erschöpft, daß sie kaum ihre Beine mehr trugen. Jetzt ließ sie sich willenlos hin und her schütteln, und hinter den Schleiern der Jahre stieg noch einmal ihre Jugend herauf.

„. . . Willst du wirklich mit diesem Deutschen gehen, Barb?“ hörte sie wieder die Mutter fragen.

Das war vor der kleinen Blockhütte in Weyburn im Staate Saskatchewan gewesen. Bärbis Vater war sein Leben lang Farmarbeiter gewesen, aber die Mutter hatte dafür gesorgt, daß ihre Tochter eine gute Schulbildung bekam. Und jetzt wollte das Mädchen mit einem Mann gehen, der nichts weiter besaß als seine starken Fäuste und viel guten Willen.

„Peter ist gut, Mammy, einen besseren Mann finde ich nicht mehr. Und auch mein Großvater war ein Deutscher.“

Dad und Mammy hatten in die Heirat eingewilligt, und die nächsten Jahre in der Nähe der Stadt Regina wurden überaus glücklich. Bill und Peer torkelten bald durch Küche und Zimmer, dann kam noch Rossy, die Jüngste. Ihr Mann verdiente gut, und sie litten keine Not.

Manchmal erzählte Peter aus seinem früheren Leben. „Weißt du, wir besaßen ein großes Gehöft mitten in Ungarn. Und wären wir nicht vertrieben worden, mähte ich jetzt den eigenen Weizen!“

Bärbi wußte, daß der Mann nun wieder tagelang den Kopf hängenlassen würde. „Dann hätten wir uns nie kennengelernt, und es gäbe keinen Bill und Peer, keine Rossy!“ versuchte sie den Traurigen zu trösten.

Peter schwieg, doch in seinem Kopf bohrte es weiter: auf eigenem Boden gehen, Bauer sein, Rancher!

Und diese heimliche, niemals stillbare Sehnsucht war es, die Peter Sattler mit seiner Familie immer weiter nach dem Westen getrieben hatte. Lange Zeit lebten die Sattlers auf den Viehranches im Staate Alberta. Einen Winter lang war Peter mit zwei anderen Holzfällern im North Wood, dem endlosen Waldgürtel, der bis zur Tundra hinaufreichte, gefahren – auf einem Motorboot – und hatte hundert Meilen nördlich von Prince Albert am Twoforce River Kiefern und Tannen gefällt. Ein kalter, harter Winter, der viele Dollars einbrachte.

„Näher dem großen Ziel!“ hatte Peter frohlockt, als er endlich im Mai, als die Flüsse im North Wood aufbrachen, wieder zu seiner Familie im Süden heimgekehrt war.

Aber die ganz großen Möglichkeiten sollte es eben doch nur in Britisch-Kolumbien geben. Im nächsten Sommer hatten die Sattlers den Staub Albertas von den Schuhen geschüttelt und waren mit Einrichtung und Geschirr beladen auf dem wackligen Chevrolet weiter nach Westen gewandert. Nun saßen sie seit zwei Jahren auf der Großranch Perkins & Sons zwischen dem Selkirk- und dem Goldgebirge. Peters Unruhe hatte sich allmählich gelegt – bis Mac Lean, der Pläneschmied und Possenreißer, auftauchte . . .

Frau Bärbi preßte die Augen fester zu. Zwei große, helle Tränen erschienen in den Augenwinkeln.

„Mammy, du weinst. Bist du krank?“ wisperte Rossy und drückte sich enger an die Mutter.

Das brachte die Frau jäh wieder in die Wirklichkeit zurück. Sie wischte verlegen lächelnd die Tränen fort.

„Ich hab’ nur geträumt, Kind, von meiner eigenen Jugend. Das Rütteln, die Müdigkeit. Wo fahren wir denn schon?“

Rechts und links der Straße wuchsen dichte, schattende Tannen. Das kilometerweite Weideland an den Ufern des Arrow-Sees war hinter dem Horizont hinabgetaucht. Wo die Bäume einmal einen Blick zum Himmel freiließen, standen die Selkirk-Berge näher herangerückt, und weiße Gutwetterwolken segelten von Norden herab.

Die Autoreise nach dem fernen Nordwesten begann mit einer meilenweiten Fahrt nach Osten. Über die Gold Range jenseits des Arrow-Sees im Westen führte keine Fahrstraße hinweg, erst weit im Norden bei Needles lief der im Ausbau befindliche Highway Nr. 6 bis nach Vernon an die große Femstraße 97, die an den Fraser River und dann hoch nach Norden hinauf führte.

Mac Lean war bisher unentwegt vor Peter Sattler hergefahren. Nun rückte er näher an den Rand der schmalen Straße und winkte Peter, er sollte vorfahren. Als sie auf gleicher Höhe waren, hupte er fröhlich und trat auf die Bremse.

Auch Peter Sattler hielt fragend an. Mac Lean sprang aus dem Wagen, reckte und streckte sich. Dann ging er forschend um den Austin der Sattlers herum. „Ihr fahrt so sorglos hinter mir drein, als ginge es nur zu einem Weekend-Ausflug. Mein Gerümpel habt ihr ja immer im Auge, aber was ist mit eurem Riesengepäck?“ Er sprang auf das Schutzblech des Hinterrades und zog an den Stricken und Lederlassos. „Nachspannen, nachspannen!“

Es zeigte sich bald, daß Mac Leans Sorge nicht unbegründet gewesen war. Er zuckelte schon wieder eine Weile sorglos vor den Sattlers her, da begann plötzlich die Plane über seiner Ladefläche zu flattern, schlug über den Wagen hinaus und verfing sich im nächsten Augenblick am Aststummel einer Tanne am Straßenrand. Ratsch! riß sie mitten durch.

Peter Sattler hupte wie besessen, doch es half nichts. Erst als er wild auf das Gas trat und zum Überholen ansetzte, merkte Mac Lean, daß etwas faul war.

„Hallo, was soll das Wettrennen unserer zwei alten Mähren?“ fragte er gummikauend.

„Deine Ladung ist fort!“ schrie Peter hinüber.

„Meine Ladung?“ Über den jähen Schrecken in dem ledernen Gesicht des Cowboys mußte selbst Frau Sattler lächeln. Mac Lean drückte die Handbremse hinein, sprang aus dem Wagen und rannte zurück. Er mußte einige weite Kurven hinablaufen, bis er sein verlorenes Stück Plane wiederfand. Er wickelte sie zusammen und warf sie wie eine eroberte Fahne über die Schulter.

„Alles hab’ ich mitgenommen, starke Nähnadeln und Bindfaden zum Flicken, aber wo die Sachen stecken, weiß ich nicht. Werde wohl den halben Laden ausräumen müssen.“ Zum erstenmal wurde auch Mac Lean kleinlaut.

Frau Bärbi aber stand schon mit Nadel und Zwirn bereit. „Die Sache ist halb so schlimm“, lächelte sie. „Ruht euch einmal vom Fahren aus. Wenigstens kann auch ich mich auf der Reise etwas nützlich machen.“

Die Wagen erreichten Vernon erst tief in der Nacht. Sie schlichen scheu die Hauptstraße entlang, und alle waren froh, als sie endlich in einer Nebengasse ein Restaurant fanden, das keinen protzig herausfordernden Eingang hatte. Ein hohes Holztor öffnete sich knarrend, und die müden Wagen rollten auf einen kaum beleuchteten Hofplatz.

Aber in der dunkel getäfelten Gaststube saß es sich gut.

„Kinder, was haben wir von protzigen Fassaden?“ sagte Mac Lean gut gelaunt. „Die müßten wir doch beim Essen und Schlafen mitbezahlen! Wir sparen unser Geld lieber für die ,Villa Grizzlybär’!“ Er schielte dabei zu Rossy hinüber, ob sie nicht ein wenig erschrak.

Das Mädchen schnitt indes verzweifelt an dem zähen Steak herum, das der tonnendicke Wirt aufgetragen hatte. Mac Lean hatte Mitleid mit ihr. Er zog sein scharf geschliffenes Bowiemesser aus der Lederscheide im Gürtel, und bald war das Lendenstück des wohl zwanzigjährigen Rindes klein geschnitzelt.

„Das ist die Zugabe für den niedrigen Preis!“ lachte Mac Lean und hatte mit seinen Späßen die schon etwas gesunkene Stimmung wieder gehoben.

„Unsere Schlafzelte sollten wir schonen, bis das letzte Hotel hinter uns liegt, das meint wohl auch ihr!“ hatte Mac Lean schon am Nachmittag vorsorglich verkündet. Jetzt Zelte aufstellen mit den mürb gerüttelten Knochen? Alle sanken mit einem erleichterten Seufzer in die federnden Betten des Restaurants „Zum Prospektor“.

Der Highway 97 machte am folgenden Tag selbst Mac Lean kleinlaut und still. Sie drückten sich mit ihren alten, hochgetürmten Klapperkisten ganz an den Rand der Asphaltstraße. Was neben ihnen vorbeihuschte, nein, zornig schnob, das hatten die einfachen Cowboys schon fünf Jahre nicht mehr gesehen. Die schneeweißen Continentals, die blauen Vauxhalls und schwarzen Pacards schnitten mit ihren breitgezähnten Kühlern höhnische Gesichter über die beiden alten Buschklepper, die sich da auf den Highway verirrt hatten. „Fahrendes Volk“, schienen sie zu spotten, „seht zu, daß ihr wieder hinabrollt auf die Buschstraßen und Tramppfade, wohin ihr gehört!“

Unermüdlich aber polterten die Kolben, rollten die Räder: einhundert, zweihundert Meilen weit. Sie ratterten durch das freundliche Kamloops, das sonnig auf einer Hochfläche lag. Forellenbäche sprudelten von den Bergen im Norden herab, und viele tausend scheckige Rinder weideten bis zu den Knien im Gras.

„Die Landschaft wird immer schöner, Mutter! Wann beginnt denn das wilde, leere Land, von dem Mac immer sprach?“ wagte Rossy endlich zu fragen.

„Es ist noch eine schöne Weile dorthin“, entgegnete die Mutter. Sie ertappte sich bei dem heimlichen Wunsch, es möchte immer so bleiben, bis sie durch alle nordwestlichen Weideländer hindurch an die Küste des Pazifischen Ozeans kämen. Sie verbarg solche Gedanken rasch wieder, denn sie wußte längst, daß das Leben aus Wirklichkeiten und nicht aus Träumen bestand.

Von Cache Creek aus hielt der Highway 97 ununterbrochen nördliche Richtung ein. „Clinton“ las Peter Sattler an der Straßentafel, als die beiden Wagen in eine langgestreckte Viehzüchterstadt mit ihren typischen einstöckigen Holzhäusern rollten. Sie hatten die alte „Karibu-Straße“ erreicht, einen ehemaligen Buschpfad, auf dem die ersten weißen Pioniere vor siebzig Jahren den Norden von Britisch-Kolumbien geöffnet hatten. Bill Sattler saß jetzt am Steuer. Obwohl er achtsam die Straße im Auge behielt, entging ihm auch die Landschaft zu beiden Seiten des Highway nicht.

„Das Ackerland bleibt zurück, wir haben den Rand des großen Graslandes erreicht, Vater!“

Peter Sattler nickte schweigend. Nun wurde es allmählich ernst.

Die Rasthäuser an der Straße trugen jetzt eigenartige Namen: „70 Mile House“, „100 Mile House“. Als die Fahrer auf unabsehbar staubfreier Straße an dem „150-Meilen-Haus“ vorbeiratterten, ging auch dieser endlos lange Sommertag allmählich zu Ende. Im letzten Sonnenlicht rollten beide Wagen gemächlich nach Williams Lake hinein.

Die Viehzüchterstadt mit ihren farbenfrohen roten und hellblauen Holzhäusern lud geradezu zur Rast ein. Daß hier im hohen Nordwesten reichlich Land vorhanden war, spürte man an den breiten, hohen Fußsteigen und den noch viel breiteren Chausseen. Die unechten, pompösen Fassaden der alten Kneipen und Drugstores waren noch ein Überbleibsel aus dem Leben im „Wilden Westen“ vor achtzig Jahren. Zwischen den Häusern tauchten Backsteinbauten der Schlachthöfe und Fleischfabriken und dahinter endlose Viehgehege auf.

„Der Umsatz blüht“, stellte Mac Lean nüchtern fest. „Höchste Zeit, daß wir uns noch den letzten Zipfel des Weidelandes sichern!“

Im etwas abseitigen „Restaurant Anahim“ fanden die Tramper Abendbrot und Quartier für die Nacht. Es hatte sich bald gezeigt, daß alle Gasthöfe der kleinen Stadt belegt waren.

Frau Sattler ging nach dem Abendessen mit Rossy auf ihr Zimmer. Die vier Männer aber schlenderten noch die Hauptstraße entlang und betraten ein Bierlokal. Seltsam gemischtes Volk traf sich hier. Freundliche breitgesichtige Viehhändler aus Vancouver saßen neben zerlumpten Viehtreibern. Hochgewachsene, scharfblickende Ranchers in schwarzen Lederanzügen unterhielten sich mit dunkelhäutigen Indianern, die ihr blauschwarzes Haar straff gescheitelt trugen. Alle jedoch saßen und lehnten sorglos an Tischen und Theken und nickten auch den vier Fremden freundlich zu. Bald saßen die mitten in einem Kreis rauchender, schwatzender Männer.

„Hallo, wo kommt ihr her? Auf Arbeit aus?“ fragte der Wirt, als er das Bier vor sie hinstellte.

Mac Lean verzog sein Gesicht ein wenig. „Auf der Durchreise. Wollen ein wenig noch hinter die letzte Ranch sehen.“ Er hob nachlässig den Arm und deutete nach Westen.

Augenblicklich zogen die Neuen alle Aufmerksamkeit auf sich.

„Ihr seid richtig!“ lächelte endlich einer in das plötzliche Schweigen. „Die Ranchers in Anahim fühlen sich einsam genug, geben euch gern noch einen Streifen Weideland ab!“

Ein anderer beugte sich vor. „Ihr müßt von weit her kommen, ihr Narren, wenn ihr das Geld nicht hier“ – er deutete mit dem Daumen nach unten – „auf der Straße liegen seht. Arbeit gibt es in Williams Lake genug. Warum in die Sümpfe hinter Anahim gehen?“

Peter Sattler wurde allmählich Verwirrt. Die Einsamkeit scheute er nicht. Doch wenn es dort nur Sümpfe gab?

Mac Lean aber winkte alle Sprüche leichthin ab. „Unser Plan ist nicht von heute, Boys; er steht längst fest. Von Quesnel fahren wir mit unseren Cadillacs so weit nach Westen, wie es möglich ist. Dann satteln wir um auf Tragpferde und reiten bis hinter das Jawnie-Gebirge. Dort züchten wir das beste Vieh – und ihr alle könnt uns einmal besuchen, wenn wir uns eingerichtet haben!“

„Ho, oho!“ Laute, verwunderte Ausrufe wurden hörbar. Plötzlich wurden die vier Fremden betrachtet wie große Helden. Oder waren sie nur auftrumpfende Spaßmacher?

Ein alter Rancher schob sich heran. „Von Quesnel nach Westen wird euch der Pfad bald verlegt werden. Ihr kommt nur bis Nazko, dem schmutzigen Indianerdorf. Alles Weideland dahinter, mitsamt den Gebirgen wohl ein paar Millionen Morgen, gehört der Batnuni Company. Die lassen euch nicht hinein, es sei denn, ihr laßt euch als Cowboys anheuern!“

Peter und Mac horchten auf. Lean zog seine verknüllte Karte von Britisch-Kolumbien aus der Tasche und breitete sie auf dem Tisch aus.

„Zeig mir, was du gesagt hast!“

Der Rancher fuhr die eingetragene Straße von Quesnel bis Nazko entlang und zog dann einen Kreis, der das Itcha- und Poplar-Gebirge noch in sich einschloß. „Das ist Batnuni, längst für neue Ranchers gesperrt. Aber hier“ – er fuhr die Straße von Williams Lake direkt nach Anahim-Ranch im fernen Westen entlang – „das ist die einzige Hintertür, durch die ihr noch bis zu den Jawnie-Bergen vorstoßen könnt!“

„Kennst du das Land dort drüben?“ fragte Mac Lean atemlos.

Der Rancher verzog sein Gesicht. „Und ob ich es kenne! Irgendwo in den Algack-Bergen könnt ihr noch meine Ranchhütte finden, wenn sie nicht schon verfallen ist. Herrliche Weide, gutes Land! Aber mich hat die Einsamkeit angenagt, der Koller hat mich befallen, und mitten im Winter bin ich mit meinen zwanzig Rindern nach Anahim getreckt. Ein Glück, daß uns nicht die Wölfe gefressen haben.“

„Komm mit uns, wir sind sechs Leute, mit dir sieben!“ machte Mac Lean ein rasches Angebot. Der alte Rancher besaß vielleicht viel Erfahrung, er wußte neue Weiden!

Der Mann schüttelte den Kopf. „Ich hänge hier fest; die Stadt, die Kneipen, das Bier. Die Freiheit dort draußen fordert zuviel!“

„Nicht für uns!“ Bill warf jetzt heftig den Kopf zurück. Er sah den unruhig hinhorchenden Vater und fühlte, daß alle Pläne wieder auf des Messers Schneide standen. „Kommt, gehen wir!“

Diesmal folgten die beiden Älteren schweigend. Als sie auf der Straße standen, hing der Himmel voller Sterne. Das Lärmen und Gegröle der Kneipe blieb zurück, eine kühle Nachtluft kam von Westen herüber. Aus dem tiefen Flußeinschnitt rauschte der mächtige Fraser River herauf, der sein Wasser aus den schneebedeckten Rocky Mountains mehr als tausend Meilen weit bis nach Vancouver im Süden hinabtrug. Autolichter flitzten vorüber; irgendwo schrie eine Mutterkuh nach ihrem Kalb.

„Der alte Rancher war uns viel nütze. Wir werden nicht bis Quesnel fahren“, begann Mac Lean zu reden.

Peter Sattler nickte nur. Er fühlte, daß er nahe vor dem ganz Neuen stand: der eigenen Ranch hinter den Bergen.

Am Morgen kauften die Ranchers die letzten Sachen, die ihnen zu ihrer Ausrüstung fehlten. Die Dollars schmolzen noch einmal zusammen. Was übrigblieb, mußte für Anahim zum Kauf der Pferde und Rinder aufbewahrt werden.

Mac und Peter holten sich noch bei dem Sheriff der Stadt die Permits zur vorläufigen Erwerbung von Land. Ihre Namen wurden eingetragen, damit einem späteren offiziellen Kauf nichts im Wege stehen würde.

Das Land Chilcotin empfing die Ranchers mit Stille und Einsamkeit. Sie hatten den eleganten Highway 97 verlassen, und eine steinig rauhe Fahrstraße nahm sie auf. Bald wuchs der Busch bis an die Straße heran, dann wieder öffnete sich eine unendlich weite Prärie. Zu manchen Zeiten aber war der Horizont tausendfach getupft von weidenden Rindern.

Bärbi Sattler ging das Herz auf. Sie hatte sich ein wenig geängstigt vor tiefen schwarzen Wäldern und dunklen Gebirgen. Hier jedoch schien das Land sich friedvoll in die Unendlichkeit zu dehnen.

„Mutter, Indianer!“ Rossy drängte sich an sie. Hinter Alexis Creek war sanftes Buschland, untermischt mit spärlichen Tannen, herangekommen. Da standen unerwartet an einer Kehre der Straße fünf, sechs hochgewachsene Gestalten in schwarzer Lederkleidung, darunter zwei Frauen mit reichem Perlenschmuck um den Hals. Unbewegt schauten sie den herankommenden Autos entgegen.

Mac Lean hielt den Wagen an und stieg aus, um sich die Füße ein wenig zu vertreten. Er zog eine Zigarettenpackung aus der Tasche und hielt sie den Indianern hin. „Please, Misters!“

Sie pafften eine Weile schweigend. „Alles euer Land, rundum?“ fragte Mac einmal.

Der Indianer, der ihm zunächst stand, nickte. „Einst war alles unser Land!“

Mac Lean lächelte nachsichtig. „Ihr hättet euch untereinander längst ausgerottet, wären wir nicht gekommen.“ Er steckte dem alten Chilcotin-Indianer die ganze Packung zu. „In Freundschaft lebt sich’s am besten, das wißt ihr alle längst!“

Er fragte, ob man heute noch den Tatla Lake erreichen würde.

Der Chilcotin schüttelte den Kopf. „Eure armseligen Karren werden auseinandergefallen sein, ehe ihr zum Tatla-See kommt.“

„Was weißt du von Motoren? Sie können ebenso treu wie Pferde sein!“ lachte Mac laut, stieg in den Wagen und brummte davon.

Ein schmutziges Indianerdorf lag an der Straße. Mitten in dem Unrat und Abfall auf der breiten schlammigen Straße stand ein neuer Ford. Hunde und Kinder balgten sich vor den windschiefen Hütten. Nur eine kleine Kirche brachte etwas wie Kultur in diesen verschmutzten, verschlafenen Ort.

Und bald sank die trockene Hochfläche allmählich in sumpfige Niederungen ab. Die Räder der Autos wühlten sich durch zähen Lehm. Mac Lean verwendete eine ganze Serie liebkosender Flüche, um den hart arbeitenden Motor anzuspornen. „Lauf, mein Rößlein, lauf nur zu! Bald wartet auch für dich ein Stall. Hopp, hopp, laß dich nicht zweimal bitten. Siehst du, siehst du, noch ein Hopser – bravo, bravo, alter Recke!“

Ein bewaldetes Seeufer, ein dunkles, fast schwarzes Wasser tauchte auf. Mac Lean lenkte von der löchrigen Straße ab und bremste unter den hohen Douglastannen in unmittelbarer Nähe. Er sprang aus dem Wagen und blickte um sich.

„Die schwarzen Wasser von Anahim! Endstation, alles aussteigen!“ rief er fröhlich.

Die Feuer der Wildnis

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