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Der Treck ins Unbekannte

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Die Sattlers und Mac Lean richteten sich zum erstenmal auf ein Nachtlager im Freien ein. Der Platz, an dem die Autos angehalten hatten, konnte nicht schöner und einladender dafür sein. Ein schmaler Streifen hochstämmiger Douglastannen säumte das Ufer einer weiten Wasserfläche, das völlig unbewohnt dalag, so weit das Auge sehen konnte. Das südliche Seeufer war ebenso bewaldet, gegen Westen hin erhob sich in großer Ferne eine felsige Gebirgskette, auf deren nordseitigen Hängen noch Schnee lag.

Bill, Peer und Rossy waren sogleich zum Seeufer hinabgerannt. Das Wasser der Bucht dunkelte schwarz, und selbst die Steine an dem schmalen Strand waren von schwarzgrauen Flechten überzogen.

Rossy bückte sich und plätscherte mit den Händen in der reglosen Flut. „Das Wasser ist warm. Am liebsten möchte ich hineinspringen und über die schmale Bucht schwimmen!“

Auch Bill und Peer lockte es mächtig. Doch dann sahen sie abseits vom Ufer die nackten Äste abgestorbener Bäume aus dem Wasser ragen. Ein weiter Uferstreifen schien moorig. Das kühlte ihren Eifer wieder ein wenig ab. Aber Peer schnellte noch einen flachen Stein über den blanken Spiegel hin. Dieser hüpfte fünf-, sechs-, siebenmal auf und ließ wachsende Kringel zurück. Dann sank er lautlos in die Tiefe hinab.

„Hallo, Boys, wer baut die Zelte?“ rief Mac Lean lachend von der Höhe herab. „Ein richtiger Cowboy drückt sich niemals von der Arbeit!“

Am Lower Arrow Lake hatten die Jungen hundertmal sich im Zeltbau geübt. Sogleich standen die zwei Brüder Bill und Peer wieder unter den Tannen und breiteten die Zeltplanen auf dem trockenen Boden aus. Sie trieben die kurzen Pfähle in den Boden und hoben vorsichtig die Zeltstäbe, bis ein richtiges Zeltdach entstand. Auf die undurchlässige Bodenlage breiteten sie die dicken Wolldecken.

Aus einem kleinen, plätschernden Wasserlauf neben dem See trug Rossy Wasser, während Bärbi Sattler schon den Dreifuß über das Feuer gestellt hatte. Das Wasser brodelte bald, die harzigen Zweige knatterten im Feuer. Als die Dämmerung fahler wurde, saßen die Ranchers friedlich im Kreis und stärkten sich mit Wurst und Tee.

Unter den Bäumen war es inzwischen dunkel geworden. Der flackernde Schein des Lagerfeuers warf bald das eine, bald das andere Gesicht ins Helle, während die übrigen im tiefen Schatten saßen. Die Autos kauerten neben den Zelten wie unförmige schlafende Tiere.

Mac Lean schlug sich eine Zigarette in die hohle Hand. Als sie glühte, lehnte er sich an den Stamm der Tanne zurück.

„Also, Boys, was sagt ihr zu Anahim-Land?“

Es war eine rhetorische Frage, denn von Anahim-Land hatten die Jungen noch nicht mehr gesehen als einige schweigsame stolze Indianer, ein schmutziges Dorf der Chilcotins und das unbewohnte Ufer des Tatla-Sees. Zu ihren Häupten dunkelten jetzt die gleichen Tannen wie unten im Selkirk-Gebirge.

Bill blickte um sich. „Wo sind die Ranchers, von denen wir die Pferde und Rinder kaufen wollen?“

In diesem Augenblick knackten im Gebüsch hinter ihnen einige Zweige. Bill und Peer schnellten empor und starrten in das Dunkel. Peter Sattler faßte die Hand seiner Frau, die plötzlich blaß geworden war. Nur Mac Lean hatte das Klügste getan, er war mit einem Schritt in das Dunkel hinter der mächtigen Tanne getreten.

Jetzt hörten die Lauschenden das Schnauben eines Pferdes. Ein Reiter mußte irgendwo zwischen den Bäumen stehen. Mac Lean tastete nach dem Revolver in seinem Gürtel.

„He, wer ist da? Tritt ans Licht!“ rief er kurz und scharf.

Die Tritte knackten stärker. Aus dem Schatten schob sich die Gestalt eines langen, bärtigen Mannes, der ein Pferd am Halfter führte. Seine Kleidung hatte er schon lange nicht mehr erneuert. An der roten, da und dort eingerissenen Hemdbluse fehlten einige Knöpfe, die weite, ausgefranste Hose war mit dicken Schnüren zusammengehalten. Der farblose Schlapphut hatte schon viele Winter und Sommer gesehen.

„Ah, komfortable Weekendfahrer“, knurrte der Fremde mit polterndem Lachen. „Dachte schon an Ranchers auf großem Treck!“

Der Fremde ließ sich ohne viel Umstände am Feuer nieder, nachdem er den Leitriemen des Pferdes um einen dünnen Stamm geschlungen hatte.

Mac Lean steckte den Revolver ungesehen wieder in den Gürtel. Er trat langsam vor und blieb neben dem fremden Besucher stehen.

„Willkommen, Mister Unbekannt, an unserm Feuer! Dachten schon, das ganze Anahim-Land wäre menschenleer. Woher und wohin, wenn die Frage erlaubt ist?“

Der Fremde sah mit einem schiefen Blick zu dem, wie es ihm schien, ganz neu eingekleideten Cowboy empor.

„Habe vorher auch so etwas wie eine Frage getan, die noch keine Antwort gefunden hat.“

„Ach, Ihr meint die Weekendfahrer oder die treckenden Ranchers? Wir sind das erste nicht und wollen, wenn es gutgeht, das zweite werden!“

„Also doch auf der Fahrt aus dem Süden dort unten?“

„Nach dem Westen weiter, wenn es Euch recht ist“, lächelte Mac Lean.

Der Fremde wiegte langsam den Kopf. „Nach dem Westen hin gibt es nicht mehr viel Rechtes zu sehen. Ihr werdet einige Ranches treffen, tageweit auseinander, und an den Rainbow-Bergen vorbei kommt ihr wieder hinab an das Meer bei Bella Coola, vorausgesetzt, daß eure Klapperwagen nicht eher in ihre Bestandteile auseinanderfallen!“

„Und wie sieht es mehr nach Norden zu aus?“ fragte Mac Lean nun.

Der Besucher wiegte langsam den Kopf. Er wurde nicht recht klug aus den Cowboys, die sich da mitsamt ihrer Familie am Tatla-See niedergelassen hatten. Es gab nichts zu verheimlichen hier oben im Land der großen Einsamkeit.

„Kommt nur erst einmal bis an den Anahim-See! Einst hieß dies die Gegend, wo alle Straßen enden. Heute findet ihr vielleicht auch noch einen Reitpfad nach Norden in die Algack-Berge oder in die Sümpfe, wo die Ulgatchos leben. Was wollt ihr dort oben suchen? Eure Klapperwagen habt ihr inzwischen doch längst in die Garage stellen müssen.“

Peter Sattler und Mac Lean blickten sich an. Warum sollten sie mit ihren Zielen und Absichten lange hinter dem Berg halten? Vielleicht erfuhren sie aus dem Mund dieses seltsamen Besuchers auch manches Neue, das ihnen von Nutzen sein konnte.

„Wir suchen neues Weideland jenseits der Jawnie-Berge. Seid Ihr etwa ein wenig vertraut mit dem Land dort oben?“

In die Augen des Fremden trat auf einmal ein neuer Ausdruck. Er schüttelte voll Staunen den Kopf. „Hätte nie gedacht, daß noch einmal neue Pioniere unser verlassenes Anahim-Land aufsuchen. Nun muß ich wahrhaftig annehmen, ihr seid auf großem Treck.“

Bill und Peer warfen neues Holz in das Feuer, und lodernde Glut zerriß wieder die Dunkelheit. Peter Sattler gab seiner Frau einen Wink mit den Augen, und bald zog der Duft von Kaffee würzig und stark durch die Luft unter den schweigenden nächtlichen Tannen.

Der fremde, seltsame Besucher taute jetzt auf. „Nennt mich Dean Poker! Auf den Ranches im Anahim-Land kennt mich jedes Kind. Ich besaß selber einmal eine Ranch in den Algack-Bergen, nicht weit vom Musketweg. Aber anfangs verstand ich es nicht recht, mit den Ulgatchos-Indianern gute Freundschaft zu halten. Sie stahlen mir die Tiere von der Weide weg, und als ich einmal nach ihnen schoß, da begann mitten in der Nacht meine Blockhütte zu brennen. Nun gut, ich hatte mir vielleicht nicht den besten Platz für meine Ranch ausgesucht, hätte mich gleich mit einem zweiten Cowboy zusammentun sollen, dann wäre nicht meine Ranch oft tagelang unbewacht dagestanden. Damals war ich sogar froh, daß ich am Anahim-See und in Klenna Kleene wieder unter Menschen sein durfte. Wenn es mich auch seither nirgends mehr lange hielt, so können sie doch auf jeder Ranch eine Aushilfe brauchen, die Ledersättel zu nähen versteht, ein Lasso schwingt, wie es die Jungen nicht mehr können, und die auch freiwillig wieder Abschied nimmt, wenn sich nichts mehr zu tun findet.“

Dean Poker schlürfte den kochend heißen Kaffee mit großem Behagen. Dann stopfte er sich seine Pfeife und lehnte sich behaglich zurück.

„Hätte euch gern noch ein wenig begleitet, wenn ich nicht gerade auf dem Weg nach Williams Lake wäre. Aber ihr könnt euch ja nicht verirren. Es gibt nur eine Straße bis an den Anahim-See. Ob ihr dort einen Schuppen findet für eure Cadillacs, das kann ich nicht sagen. Am besten wird es wohl sein, ihr vertauscht sie gegen gute Reitpferde, da ihr ja nicht mehr umzukehren beabsichtigt.“

Mac Lean erhob sich und nickte Dean Poker zu. Viel Neues erfuhr er ja doch nicht mehr von diesem reisenden Cowboy. Er gähnte laut. „Es ist Schlafenszeit!“

Dean Poker verstand den Wink. „Wenn ihr nichts dagegen habt, wickle ich mich hier neben dem Feuer in meine Decken. Es bleibt in der Nacht doch ein wenig wärmer als draußen vor den Bäumen.“

Bill und Peer hätten gern noch mehr aus dem Mund dieses seltsamen wandernden Ranchers erfahren. Diese Anahim-Leute waren noch echte Hinterwäldler, wilde Gesellen, die sich nicht so leicht aus ihrem Gleichmut bringen ließen. Sie schliefen einfach ohne Zelt irgendwo unter Bäumen, und wenn sie einmal ein paar Tage lang nichts zu essen fanden, dann hungerten sie eben.

Die Mannschaft in den Zelten wurde so verteilt, daß Bill und Peer zu Mac Lean hineinkrochen und Bärbi und Rossy mit Peter Sattler das Zelt teilten.

Lange lagen die Jungen noch wach und horchten auf die abklingenden Laute des Waldes. Das Pferd kaute hinter dem Zelt an den harten Blättern, und Dean Poker begann bald zu schnarchen, als schlafe er im teuersten Hotel von Williams Lake.

Als die Ranchers am nächsten Morgen aus ihren Zelten krochen, war Dean Poker bereits wieder fort. Er mußte sein Pferd ganz behutsam aus der Nähe der Schlafenden geführt haben, und kein Zeichen war von ihm zurückgeblieben als die Asche seiner Pfeife.

Die Jungen liefen an den See hinab und wuschen sich in dem kühlen Wasser die Augen blank. Eigentlich erschien ihnen die große Reise immer noch wie ein längerer Ausflug, wie sie ihn im Auto auch früher im Süden öfter unternommen hatten.

Als die Wagen endlich losratterten, entdeckte Mac Lean am Rande des Waldes auch wieder so etwas wie eine Straße. „Mein Wort von der Endstation war also leicht übertrieben! Wer gute Augen hat, findet immer noch eine Straße.“

Einen ganzen Tag lang mühten sich Mac Leans Ford und Peter Sattlers Austin noch wacker durch grundlos schlammige Strecken und rauschendes Gesträuch zu beiden Seiten. Die Fahrer rissen die Wagen über jähe Felshügel hinauf, und wenn das Wasser im Kühler zu kochen begann, dann wurde es aus einer Pfütze am Rand der Straße wieder nachgefüllt. Mehrere Male blieb auch ein Wagen stecken. Dann scherte der zweite Wagen aus, kroch über Büsche und Steine am ersten vorbei und zog ihn wieder aus dem Schlamm. Als Cowboys hatten die Männer auch mit der spanischen Winde umzugehen gelernt, die aus einem langen Tau bestand, das um einen Pfosten gewunden wurde und so wieder mit einer kräftigen Hebelwirkung den eingesunkenen Wagen aus dem Schlamm hob.

Allmählich stiegen im Norden und Westen die Berge immer höher über den Horizont herauf. Peter Sattler hatte Bill das Lenkrad seines Autos übergeben, und nun musterte er kritisch die Formen und Einschnitte der fernen, hoch hinauf mit Wald bewachsenen Berge. Irgendwo mußten sie über diese hinwegkommen, damit sie das Land ihrer Sehnsucht erreichten.

Bärbi Sattler hatte sich allmählich an das Schütteln und Rütteln gewöhnt, sie verstand auch, der vielen freien Zeit, die sie plötzlich besaß, seit sie sich auf die Reise begeben hatten, etwas abzugewinnen, und strickte an einem Wollsweater für Peer oder Bill. Rossy saß die meiste Zeit still neben ihr, und manchmal verspürte sie auch schon wieder eine leise Sehnsucht nach dem Schulleben in Nelson. Jetzt seufzte sie auf: Wenn nur einmal die Autofahrt zu Ende wäre!

Am späten Nachmittag gewannen die Reisenden plötzlich einen Blick in eine weite Talwanne hinab. Ein breites, in der Sonne flirrendes Gewässer spiegelte sich dort unten, aus einer endlosen Ferne im Süden reichte schwarzer Wald bis an den See heran. Im Norden lagen die Ufer frei, bevölkert von vielen Weiderindern und Herden galoppierender Pferde.

„Der Anahim-See!“ schrie Mac Lean durch das Rattern des Motors seinem Begleiter Peer Sattler zu. Peer hätte allzugern auch einmal am Steuer gesessen. Aber die Straße und die hohe Ladung des Autos erlaubten es nicht. Sobald jedoch das Auto einmal entladen sein würde, sollte er mit Mac Leans Auto einige Runden fahren dürfen.

Dort unten lag wunderbares Weideland, flach wie ein Flugplatz. Peer freute sich auf nichts mehr als auf die Fahrt mit dem Auto.

Langsam rollten die beiden Autos zwischen zehn, zwölf hingeduckten Rancherhütten aus. Da und dort traten Leute aus der Tür und blickten auf die Besucher herüber. Niemand aber stieß sich an dem seltsamen Aufzug der beiden Gefährte.

Mac Lean winkte einen der Viehhirten heran. „Der Anahim-See?“ fragte er. Als sein Gegenüber nickte, drückte er die Tür auf und stieg ächzend hinaus. Er fühlte an seinen Beinen entlang und versuchte, einige Schritte zu gehen.

„Wo finde ich so etwas wie ein Hotel?“ fragte er.

Der Viehhirt lächelte nachsichtig. „Sie meinen wohl Pans Ranch?“

„Pans Ranch, ganz richtig! Zum Teufel, wie konnte mir dieser Name entfallen!“ lachte Mac Lean und schlug seinem Gegenüber auf die Schulter. „Habe mächtig müde Knochen. Was wäre dagegen ein Tagesritt in den Bergen!“

Nun standen sie alle ein wenig ratlos auf dem weiten, von vielen Rinderhufen zertretenen Platz und wußten auch nicht, wo sie Pans Ranch finden konnten. Der Viehhirt erbarmte sich ihrer und führte sie bis an den Rand des Sees hinab. Die zwei alten Autos blieben indessen verlassen und verloren mitten auf dem Platz stehen.

„Willkommen, Friends! Was steht zu Diensten?“ Ein bärtiger Rancher trat ihnen auf der Schwelle von Pans Ranch entgegen.

Mac Lean wies auf die fünf Sattlers, die stumm hinter ihm standen. „Zunächst einmal weiche Federbetten für diese Nacht. Wir wissen nicht einmal, ob wir alle noch heile Knochen besitzen. Und dann“, er lachte schon wieder, „eine genaue Karte mit den Wegmarkierungen in das Gebirge dort oben!“ Dabei wies er mit der Hand nach Norden gegen die Algack-Berge.

Der Rancher Pan riß die Augen auf. „Ihr seid also Touristen und wollt in die Algacks wandern?“

Mac Lean machte eine wegwerfende Handbewegung. „Darüber hinweg! Wir wollen nicht mehr zurückkehren!“

Der Rancher Pan ging auf diesen Scherz ein. „Abgemacht! Wollt ihr nun die blaue oder die rote Markierung benützen?“

Indessen hatten sich mehrere Cowboys und Ranchers um die Gruppe versammelt. Sie hielten mit lachenden, anzüglichen Bemerkungen nicht zurück, und bald hatte sich eine rege Unterhaltung angebahnt.

Der Rancher Pan hatte seine Gäste auf die gedeckte Veranda hinter der Blockhütte eingeladen und schleppte eine Kiste Bier aus dem Keller herauf. Rascher, als es anfangs schien, wußten die Leute von Anahim-Ranch, um was es den Neuangekommenen ging. Sie fanden es viel verständlicher als die Leute von Williams Lake, daß es noch Menschen gab, die auch vor der fernsten Wildnis keine Angst besaßen.

Pan wiegte überlegend den Kopf. „Da habt ihr noch zwei Tagereisen nach Norden bis zu Seters Ranch vor euch. Dann beginnt der große Sumpf, und ihr müßt in die Algacks hinauf. Vielleicht weiß Pat Handle, was dann noch dahinter liegt. Ich bin nie weiter hinüber gekommen.“

Die Trecker fanden in Pans Ranch auch für die Nacht eine Unterkunft. Allerdings bestand sie nicht aus weichen Federbetten, sondern aus trockenem, würzigem Bergheu. Den Frauen Bärbi und Rossy bot der Rancher zuvorkommend seine eigenen Ehebetten an. Seine Frau Nelly hatte die Arme breit in die Hüften gestützt und nickte kräftig dazu. „Mir macht es gar nichts aus, wieder einmal im Heu zu schlafen!“

Natürlich mochte Bärbi dieses Angebot nicht annehmen, und sie stieg bald nach dem Abendessen zu ihrem Heulager hinauf. Die Männer aber saßen noch lange beisammen auf der Veranda, die Neuangekommenen wie selbstverständlich aufgenommene Freunde mitten unter den Anahim-Leuten, und bald begann ein lebhafter Handel um die Autos.

„Wißt ihr was, Mister“, schrie Pat Handle, „wir versteigern die beiden Autos. Dem Meistbietenden sollen sie dann ohne Widerrede zufallen.“

Mac Lean wiegte langsam den Kopf. „Dann muß ich wohl gleich den Rufpreis so ansetzen, daß ich dabei nicht allzuviel verlieren kann.“

Und schon begann die Versteigerung: „300 Dollar zum ersten – 350 zum zweiten – 400 zum ersten – 400 zum zweiten – 450 zum ersten – zum zweiten – und zum dritten!“

Mac Lean verzog schmunzelnd sein Gesicht. 450 Dollar hätte er mit bestem Willen nicht herauszuschlagen gehofft. Er konnte zufrieden sein. Wenn es auch mit Sattlers Auto in derselben Weise geschah, so konnten sie sich für diese Nacht beruhigt schlafenlegen.

Peter Sattlers Kombi-Wagen erreichte 570 Dollar. Er hatte ihn um 500 im Süden gekauft und konnte mit dem Wertzuwachs ganz zufrieden sein. Seit die Straße von Bella Coola am Meer hinüber nach Williams Lake durch Anahim lief, besaßen die Anahim-Leute Geld. Sie wurden ihre Rinder zu guten Preisen los, und auch die Pferdezucht blühte.

Es war schon fast Mitternacht, als sich die Freunde und Gäste in Pans Ranch erhoben. Peter Sattler trat noch einmal vor die Ranch-Hütte, nachdenklich wanderte er einige Minuten am See entlang.

Gegen Norden hin stand immer noch ein grüner Tagesschein, und die Sterne flimmerten am mondlosen Himmel in lebhaftem Feuer.

Fast unbewußt war Peter Sattler in dieses große Abenteuer hineingeschlittert. Heute noch hätte er umkehren, auf zwar schlechten, aber gebahnten Straßen, und wieder zurück in den gewohnten Tageslauf der Cowboys gehen können. Morgen verließ er den letzten vorgeschobenen Posten der Zivilisation, und es ging unwiderruflich in die leere Einsamkeit hinaus. Irgendwo in den Bergen würden sie noch eine letzte Ranch finden, dann aber war für viele hundert Kilometer des weißen Mannes Land zu Ende.

Wenn Peter Sattler die Augen schloß, dann sah er vor sich zwischen Wäldern, die noch kein Weißer durchschritten hatte, grünes, blühendes Weideland bis an den Horizont wogen. Ein Bach lief aus dem Wald, ein stiller See füllte eine Bucht, und am Rand stand, umgeben von einem weiten Zaungehege, das Blockhaus am Tetachuk-See.

Peter Sattlers Gedanken kehrten wieder in die Wirklichkeit zurück. Morgen mußte der letzte Einkauf getätigt werden: Reit- und Tragpferde, Rinder und Stiere, die den Anfang einer großen, wachsenden Herde bilden sollten. Ob auch die Dollars reichten? Er hatte schon nach den Preisen gefragt. Diese lagen um fast die Hälfte niedriger als unten im Süden. Aber sie durften auch nicht die letzten Dollars ausgeben, ein Jahr lang würden alle Einkünfte fehlen!

„Hallo, Peter, was träumst du?“ kam Mac Lean hinter ihm hergeschritten. „Es ist Zeit zu schlafen, morgen müssen wir ein tüchtiges Stück Weg hinter uns bringen!“

„Und der Einkauf?“ fragte Peter langsam.

„Ist schon so gut wie abgeschlossen. Zweitausend Dollar für acht Pferde und sieben Rinder. Wir müssen morgen nur das Rechte wählen.“

Morgen – morgen – morgen. Allmählich glitt Peter Sattlers Denken hinüber in den Schlaf, in den Traum.

Am Morgen des 5. Juli herrschte in der Anahim-Ranch ein großer Trubel. Cowboys jagten die Weidepferde in das umplankte Gehege, drüben bei den Kühen schritt Mac Lean mit einigen Ranchers hin und her.

„Ich will den gekauften Rindern gleich unser neues Brandzeichen geben lassen, damit wir sie wiederfinden, wenn uns einmal etliche durchgehen und zurück bis nach Anahim traben sollten!“ lachte Mac Lean zu seinem neuen Plan. Peter Sattler, Bill und Peer aber waren mit den neuen Tragtieren und den Reitpferden beschäftigt. Sie paßten ihnen sorgfältig die neuen Reit- und Tragsättel auf. Wer sich auf den Weg in die Wildnis begab, für den gab es nichts Wichtigeres als gut sitzende Pferdesättel. Hatten sich die Tiere einmal an einem Sattel wundgescheuert, dann dauerte es manchmal Wochen, bis sie wieder die volle Last tragen konnten.

Bis zum Mittag waren alle Lasten aus den Autos den Tragtieren aufgeladen. Allerdings hatte Mac Lean zu den acht Pferden noch zwei weitere dazukaufen müssen, damit alles untergebracht werden konnte, was man in die Wildnis mitnahm.

Mac Lean hatte die Listen an sich genommen und Stück um Stück der Ausrüstung abgehakt. Zuletzt faltete er sie zusammen und schob sie in eine seiner tiefen Taschen. „Nichts ist vergessen. Nun aber vorwärts! Auf die Pferde!“

Mit Überlegung hatte Mac Lean nur ein paar zahme Stuten und einige alte Wallache ausgewählt. So geschah es auch, daß keines der Pferde ausbrach oder bockte, als sich der lange Zug in Bewegung setzte. Es gab ein lautes Abschiedrufen und fröhliche Wünsche hin und her, als der Treck langsam aus dem Hofplatz der Anahim-Ranch hinaustrieb. Mac Lean und Bill ritten an der Spitze des Zuges, Peter Sattler und Peer beschlossen ihn, Bärbi und Rossy Sattler durften ungehindert im Zug reiten, aber sie hielten sich stets neben den zahmen Rindern auf.

Noch liefen eine Strecke weit Wagengleise nach Norden und zeigten den Reitenden die Richtung. Später mußten sie sich nach anderen Zeichen richten, nach ausgeschlagenen Waldschneisen, nach kurzen Ästen und Aststücken, die in der Pfadrichtung an alte Bäume geheftet waren, nach Spuren auf dem Boden, nach der Himmelsrichtung und den Sternen.

Als sich bereits ein Waldstück zwischen die Reiter und die Anahim-Leute geschoben hatte, jagte hinter ihnen noch ein Cowboy daher. Peter Sattler und Peer, die am Ende des Zuges ritten, hielten an. Hatten sie etwas Wichtiges vergessen? Der Cowboy schwang ein kleines Paket in der Hand, als er sie atemlos einholte.

„Mister Pan, mein Chef, läßt euch grüßen! Er hat euch Moskitosalbe und Moskitonetze eingepackt, damit euch hinter den Bergen die Mücken nicht fressen!“

An die Mücken hatte selbst Mac Lean nicht gedacht!

Der kleine Trupp ritt an diesem Tag über zwanzig Meilen weit nach Norden. Anfangs waren sie noch an Weideflächen mit Rindern vorbeigekommen, aber allmählich nahm der Wald immer mehr zu, und zuletzt ritt die Truppe in einem langgezogenen, flachen Tal dahin. Hier und da konnten sie in der Ferne den Dean River sehen, der in einem weiten Bogen nach Norden fließt, zuletzt nach Westen und dann in den Pazifik mündet.

Mac Lean hatte sich nach den Auskünften der Cowboys in Anahim-Ranch eine kleine Kartenskizze angefertigt. Irgendwo mußten sie in zwei Tagen Rob Seters Ranch entdeken. Dann sollten sie sich selbst außerhalb des Gebirges zwischen Wald und Sumpf einen Weg nach Norden bahnen. Irgendwo müßten sie einen Übergang über die Berge finden, vielleicht konnten sie dann von einer waldfreien Höhe das Land im Norden überblicken.

Die Sonne stand bereits wieder tief im Westen, als der Trupp auf eine sumpfige Waldwiese hinauskam. Silbern schimmernde Weiden und bärtige Tannen wuchsen ah ihrem Rand.

„Okay, ein Lager, wie für uns geschaffen!“ murmelte Mac Lean und hielt den Trupp an. Sattler und Bill kamen nachgeritten. Auch sie waren mit der Wahl des Lagers gern einverstanden. „Genügend Wasser und Weidefutter. Wer kann sich Besseres wünschen!“ nickte Peter Sattler.

Die Jungen liefen mit den Ledereimern zu einer stehenden Wasserlache und trugen Wasser heran. Nachdem den Pferden die Packen und die Sättel abgenommen waren, goß Peter Sattler jedem der widerstrebenden Tiere einen Eimer Wasser über den Rücken und rieb sie dann kräftig trocken. Dies war das beste Mittel, um ein Wundscheuern unter dem Sattel zu verhüten.

„Die Pferde koppeln wir an, und die Rinder lassen wir auf der Weide frei laufen!“ beschloß Mac Lean. Peter Sattler stimmte ihm bei. Wohin sollten auch die Kühe entweichen, da sie doch rundum dichter Wald umgab. Außerdem hängte Bill zwei Tragpferden noch Schellen um den Hals, damit die Tiere auch in der Dunkelheit sich wiederfinden lassen sollten.

Peter Sattler blickte glücklich auf die Kühe, die sich an dem frischen grünen Gras gütlich taten. Er sah auch, daß sie den offenen Sumpfstellen schnaubend auswichen. Er brauchte keine Angst zu haben, daß eine der Kühe auf der Weide versank.

Zum Abendessen kochte die Frau heute Schinken und Reis. Sie hatten alle eine schmackhafte, kräftige Mahlzeit verdient. Das Teewasser brodelte bald im Kessel, und als die Jungen die Zelte wieder aufgestellt hatten, war alles für den Abend bereit.

„Uah!“ gähnte Mac Lean genußvoll. „Heute nacht kann mich kein Kanonenschuß wecken.“ Nach einem Gang zu den Pferden kroch er in sein Zelt.

Von den Bergen herab fiel ein leise ziehender Abendwind in die Wipfel. Bill und Peer horchten noch eine Weile hinaus, aber dann fielen auch ihnen die Augen zu. Im Zelt der Frauen war längst schon Ruhe eingekehrt.

Peter Sattler kroch am nächsten Morgen als erster aus dem Zelt. Irgendwo hinter den Tannen im Osten mußte schon wieder die Sonne emporgekommen sein. Sie warf lange Morgenschatten über die Weide.

Weide – Weide! Plötzlich erstarrte er.

Die angepflockten Pferde grasten ruhig neben den Bäumen. Wo aber waren die Kühe hingekommen? Im nächsten Augenblick riß er den Vorhang von Mac Leans Zelt auseinander. „Die Kühe sind weg!“

Die drei Schläfer sprangen so rasch empor, daß sie eine Zeltwand einrissen. Als sie sich aus den Hüllen befreit hatten, starrten auch sie auf die leere Weide hinaus.

„Auf und den Kühen nach! Sie sind wieder nach Anahim zurückgerannt!“ rief Mac Lean sogleich. Eine heftige Unruhe erfüllte das Lager. Daß die Kühe ausbrechen würden, daran hatte niemand gedacht. Aber sie konnten in der Dunkelheit zwischen den Bäumen noch nicht weit gekommen sein. Die Männer sattelten sofort die Pferde, aber Mac Lean hielt Peter Sattler zurück. „Bleib du bei den Frauen, wir drei holen die Rinder wieder zurück!“

Inzwischen hatte sich Frau Sattler schon am Feuer zu schaffen gemacht, und bis die Männer zum Fortritt bereit waren, konnte sie ihnen bereits einen heißen Haferbrei hinstellen. Sie verbrannten sich dabei heftig die Zunge, doch als der Napf geleert war, schwangen sie sich auf die unruhigen Pferde und stürmten zwischen den Bäumen zurück.

Peter Sattler und die Frauen hörten noch eine Weile den Hufschlag der Pferde. Allmählich verlor er sich in der Ferne, und eine tiefe Stille sank über das Lager herab. Peter Sattler wußte eine Weile nicht, was er anfangen sollte, um sich die Zeit zu vertreiben. Er trug hartes, dürres Holz zusammen und hackte es neben dem Lager kurz. Dann bündelte er es zu mehreren Packen, damit sie bei den kommenden Lagern nicht lange mit Holzsuche sich abgeben mußten.

Auch Rossy legte nicht die Hände in den Schoß. Sie blickte auf die Mutter, die wieder an dem Sweater strickte, und fragte: „Vielleicht gibt es schon Beeren im Wald?“ Obwohl Peter Sattler den Kopf schüttelte, suchte sie doch am Waldrand gegen die Wiese hinauf eine Weile entlang. Sie fand die ersten roten Erdbeeren und entfernte sich suchend immer weiter. Als sie sich einmal umblickte, konnte sie das Lager nicht mehr sehen. Sie erschrak. Aus welcher Richtung war sie gekommen? Es zeigte sich, daß die Sumpfwiese noch tief in ein Seitental hinein sich verzweigte. Das Lager mußte draußen in dem schmalen Haupttal zu finden sein.

Rasch entschlossen überquerte Rossy die schmale Wiese und lief am jenseitigen Waldrand wieder zurück. Sie lief eine Viertelstunde weit – nichts – nichts! Allmählich befiel sie Bangigkeit und Angst, sie könnte nicht mehr zurückfinden. Ich muß meine eigenen Spuren suchen! dachte sie und wandte sich, tief über den Boden gebückt, wieder zurück. Hier ein abgetretener Halm und dort eine Absatzspur im Boden, dann eine zertretene Grasstelle und – weiter nichts!

„Rossy! Rossy!“

Aus weiter Ferne hörte sie diesen Ruf. Himmel, das war die Stimme des Vaters! „Jaaa, Vater, hierher!“ schrie Rossy, so laut sie konnte.

Die Stimme kam näher und näher. Als sich Vater und Tochter gegenüberstanden, waren sie beide sehr blaß.

„Das darfst du nicht mehr tun, Kind!“ sagte der Vater nur und nahm das Mädchen an der Hand.

Es stellte sich jetzt heraus, daß Rossy einmal einen schmalen Waldstreifen überquert und eine neue Waldwiese für die frühere angesehen hatte. „Vielleicht hätte ich nie mehr zurückgefunden ohne deinen Ruf, Vater!“ meinte Rossy nachdenklich. „Wir sind doch nicht mehr am Lower Arrow Lake.“

Auch die Mutter hatte große Angst ausgestanden. Ihr war es gewesen, als hätte Rossy das Lager in entgegengesetzter Richtung verlassen. „Zwischen Wäldern geht die Orientierung am schnellsten verloren“, stellte der Vater fest.

Am Mittag waren Mac Lean und die Jungen noch immer nicht zurückgekehrt. Den ganzen Nachmittag lauschten die drei Menschen auf einen Laut der sich nähernden Pferde. Sie glaubten manchmal, in der Ferne Hufschlag zu hören, aber sie täuschten sich immer wieder. Je größer die Sehnsucht und das Verlangen nach einem bestimmten Laut ist, um so eher bildet man sich diesen ein.

Die Sonne sank bereits wieder bis an den Waldrand hinab. Wenn die Jungen jetzt nicht bald kamen, mußten sie irgendwo draußen im Wald übernachten.

Keiner der drei Wartenden besaß Appetit zum Abendessen, das Bärbi Sattler wieder mit viel Liebe bereitet hatte. Der Speck in der Pfanne verbrutzelte, und die Zwiebelscheiben trockneten langsam aus.

Über der sumpfigen Wiese stieg schon leichter Abenddunst empor. Hoch über dem Wald zog mit klagendem Ruf eine Schar Wildgänse gegen Norden. Einige Sumpfvögel schnappten in dem schmalen Sumpfstreifen nach Insekten.

Als die Sonne vollends hinabgesunken war, warf Peter Sattler neue Holzstücke in das Feuer. Die Funken sprühten hoch auf, und dann stand eine still flackernde Flamme zwischen den Stämmen.

Die Wartenden blickten sich plötzlich fragend an. Hatte nicht jetzt der Boden dumpf gedröhnt? Nun hörten sie es wieder. Es war das Trappeln und Stampfen von Rindern. Zwischen den Stämmen tauchten die erschöpften Tiere auf, hinter ihnen die Reiter mit den schwingenden Lassos. Bill und Peer ritten noch auf der Weide rund um die Rinder, bis sie sich endlich zu einer Gruppe geschlossen hatten.

„Da sind wir wieder!“ Mac Lean sprang lachend von seinem Pferd. „Wir mußten die Strecke nach Anahim zweimal zurücklegen – man merkt sie sich dann besser! Habt ihr einen Eimer Tee ans Feuer gestellt? Einen Durst haben wir!“

Mit glücklichen Augen holte Bärbi Sattler das Versäumte nach. Als alle vereint um das Lagerfeuer saßen, beratschlagten sie, wie sie das Ausbrechen der Rinder ein zweites Mal verhindern könnten. „Einer muß immer wachen, solange wir so nahe an Anahim sind. Wir lösen uns in der Wache ab. Wir dürfen die Rinder nicht aus den Augen lassen!“ sagte Peter Sattler.

Er nahm die erste Wache. Die anderen drei krochen müde in das Zelt, und auch Bärbi und Rossy durften sich zurückziehen. Die Rinder weideten friedlich auf der Waldwiese. Peter Sattler hatte sich vorgenommen, bis gegen den frühen Morgen zu auf Wache zu bleiben. Er hielt sein Pferd gesattelt und schritt langsam zwischen den Stämmen dahin. Seltsame Laute der Nacht wurden wach. Je weiter er sich von den Rindern entfernte, desto hilfloser kam er sich plötzlich vor. Über der großen Stille schien ein ferner Klang zu schweben, der sternenhoch hereinsank. Bald war er wie das Brausen einer unendlich fernen Brandung, dann wieder eine Glocke, weit hinter den Wäldern versunken. Zuletzt erschien er ihm wie das Steigen und Fallen des Blutes in seiner eigenen Brust.

Er kehrte wieder um. Die Pferde schnaubten leise, die Rinder hoben die Köpfe. Vielleicht trugen sie sich schon wieder mit dem Plan einer neuerlichen Umkehr. Aber als Peter zwischen den Stämmen hinaustrat und eine der Kühe mit einem beruhigenden Murmeln kraulte, da ließ sich ein Rind nach dem andern wiederkäuend zu Boden gleiten.

Bald nach Mitternacht stand Mac Lean neben ihm. „Nun verkriech du dich, ich hab’ für diese Nacht genug geschlafen!“

Die Nacht verlief ohne weitere Störung. Am nächsten Morgen brach der Treck in voller Ordnung auf. Allmählich stieg die Landschaft an. Der Wald wurde niedriger und rauhbärtiger und die eingestreuten Waldwiesen immer spärlicher. Feuchte, versumpfte Talböden strichen von Osten herauf, und die Buchten der Sümpfe forderten lange Umwege.

An diesem Tag verschleierte sich allmählich der Himmel. Die Sonne stand wie eine gelbe Lampe hinter dem dichten Dunst, und die Tiere und Menschen warfen keine Schatten mehr. Sie ritten am Rand eines langen, grauen Sumpfes entlang, der sich unendlich weit nach Westen hin dehnte und auch den Horizont im Norden überschritt.

„Vielleicht haben wir Rob Seters Ranch bereits verfehlt“, sagte Mac Lean am Nachmittag, als Peter Sattler zu ihm geritten kam und nach der Richtung des weiteren Zuges Ausschau hielt.

„Und wenn schon, wir kehren nicht mehr um!“ sagte Peter Sattler fest. „Die Algack-Berge scheinen nicht mehr höher zu werden, und irgendwo werden wir wohl den Nordrand dieser stinkenden schwarzen Sumpfwelt finden.“

Nun half den wandernden Ranchers keine Landkarte mehr weiter. Die Pferde, Rinder und Menschen wanderten in einen großen, unbekannten Raum hinein, der menschenleer und unvermessen wie am ersten Schöpfungstag vor ihnen lag. Bill, der eine kurze Strecke weit vorausritt, stieg es heiß zum Herzen, als er dachte: Unerforschtes Gebiet!

Das Sumpfland umschloß die Ranchers mit feuchten, schlammigen Armen. Selbst nach Osten hin griffen seine Arme weit in die Wälder hinein. Die Reitenden konnten sich nur sicher fühlen, solange sie sich unter hohen Bäumen aufhielten.

Die Ranchers waren einem lichten, hohen Waldstreifen gefolgt, bis es sich herausstellte, daß er wie eine Halbinsel weit in das Sumpfland hinausreichte. Kaum einen Kilometer weit entfernt sahen sie jenseits in dem dumpfen Zwielicht wieder Wald vor sich.

„Sollen wir es wagen?“ knurrte Mac Lean und starrte über das hohe Gras hinaus. Sie würden sich fast einen halben Tag ersparen, wenn sie die tiefe Bucht nicht ausreiten müßten.

„Eine Kuh nach vorne!“ rief Mac Lean über die Schulter zurück. Bärbi Sattler trieb mit freundlichen Zurufen eines der Rinder an den Pferden vorbei. „Geh, geh nur!“ drängte sie das Tier langsam auf den feuchten Wiesenboden hinaus. Die Kuh zögerte erst, dann schritt sie langsam und tappend auf dem leise glucksenden Boden dahin. Mac Lean und Bill folgten ihr in einem kleinen Abstand. Meter um Meter wagte sich der Zug der Ranchers immer weiter voran. Die Kuh rupfte bald da, bald dort ein Büschel Gras, hob lauschend die Ohren und wagte sich allmählich immer tiefer nach links hinaus.

„Wohin führt uns das Biest?“ murmelte Bill unruhig.

„Nur ruhig Blut! Kühe sind die besten Wegführer über unsicheres Land!“ beruhigte ihn Mac Lean.

Später sahen sie an der Stelle, auf die sie zureiten wollten, einen moosbedeckten Sumpf. Unter der harmlosen Oberfläche lauerte dort drüben eine tödliche Tiefe. Die Kuh aber steuerte nun unentwegt auf den gegenüberliegenden Waldrand zu.

„Ist das nicht kühn!“ lachte Bill. „Wir hätten uns todsicher in dem Sumpf verirrt, und wer einmal eingebrochen ist, wird verschlungen.“ Mit einem dankbaren Aufatmen erreichte die Karawane wieder den trockenen Waldboden. Die Männer blickten zurück. In einem Zickzack-Zug waren sie über die Wiesenfläche gezogen.

„Ein guter Lagerplatz für diese Nacht!“ stellte Peter Sattler fest. Nur das Wasser fehlte. Aber Mac Lean wußte sich zu helfen. Er zog einen Spaten aus dem Gepäck und stach eine kleine Grube auf der feuchten Wiese draußen aus. Sogleich stieg darin das Wasser hoch. Als sich die Trübung nach einer Weile gelegt hatte, besaßen sie genug, um Tiere und Menschen damit zu laben.

Nun machten die Rinder keine Anstalten mehr, wieder umzukehren. Sie weideten vorsichtig am festen Waldrand entlang, und die schnaubenden Pferde wagten sich noch weniger weit in die grüngraue Unendlichkeit hinaus.

In aller Frühe brachen die Ranchers wieder auf. Nun schlossen sie auch von Norden her die Berge ein, und es schien, als müßten sie nun endlich einen Durchbruch über die Höhe suchen.

Der Wald rückte dicht und dunkel heran, und die Wieseneinschnitte blieben zuletzt ganz zurück. Am Vormittag bereits begann es zu regnen. Es war zuerst nur ein zartes Rieseln und Nebelziehen, bald aber gerieten Menschen und Tiere mitten in eine schwere graue Wolke hinein, und ehe sie sich versahen, rann das Wasser in dichten Schnüren vom Himmel. Zum Mittag fühlten sich alle bis auf die Haut durchnäßt. Niedriges Gestrüpp auf dem Boden machte das Vorwärtskommen schwer. Mac Lean und Bill mußten ihre Bowie-Messer aus dem Gürtel nehmen und das gröbste Gesträuch abhauen.

„All devils!“ versuchte Mac Lean noch immer zu spaßen. Über hohe Wurzeln und umgesunkene, halb vermoderte Tannen hinweg schleppten sich die schwer beladenen Tiere weiter. Nur der Kompaß zeigte ihnen jetzt den Weg nach Norden. Die Rinder brüllten hungrig, glitten aus und erhoben sich keuchend.

Unerwartet sank eine frühe Dunkelheit herab. Es ließ sich keine Spur eines offenen Lagerplatzes finden, auf dem die Ranchers ihre Zelte aufschlagen und die Tiere sich niederlassen konnten. Bis ein kleiner Fleck Boden halbwegs gesäubert und die Zelte aufgestellt waren, umgab sie schon tiefe Nacht. Die Rinder standen eng zusammengedrängt und erwärmten sich gegenseitig mit ihren Leibern. Die Pferde ließen die Köpfe hängen und knabberten mißmutig am Gebüsch. Nach vieler Mühe erst konnten die Erschöpften ein rauchiges Feuer entfachen, und es dauerte noch eine lange Weile, bis jeder einen heißen Schluck Tee in den Magen bekam. Naß bis auf die Haut krochen die sechs Ranchers in ihre Zelte. Allmählich fühlten sie sich zwischen den feuchten Decken warm werden und dachten mit Sorge an die armen, ungeschützten vierbeinigen Gefährten, die die ganze Nacht dem Regen preisgegeben standen.

„Ade, elendes Regenloch“, fluchte Mac Lean, als am nächsten Morgen die Tiere wieder gesattelt standen und Schritt um Schritt aufwärts weiterstiegen. Die Mutter blickte besorgt auf Rossy, doch es stellte sich heraus, daß das Mädchen den besten Mut besaß. Es zeigte fröhlich trotzend seine weißen Zähne, und heute war es sogar bereit, von Bill einen Streifen Kaugummi entgegenzunehmen.

Langsam schlichen die Stunden dahin. Auf einer freien Blöße voll vermoderter Stämme, die vor vielen Jahren ein Wirbelsturm niedergerissen hatte, wurden die Ranchers auf einmal von ganzen Schwärmen Moskitos überfallen. Jeder schlug um sich, soviel er konnte, aber bald quollen Wangen und Hände von den Stichen auf. Die Rinder stellten die Schweife steil empor und versuchten brüllend auszubrechen. Bill und Mac Lean aber waren auf der Hut. Sie trieben ihre Pferde durch das dichteste Gebüsch und ließen die Lassos sausen, bis auch das letzte Rind wieder trottend hinter den andern einherging.

„He, der Regen hat aufgehört!“ stellte Mac Lean fest. Hinter schleierigen Nebeln war die Sonne zu ahnen, und wäre nicht die Moskitoplage gewesen, so hätten die Ranchers schon wieder Hoffnung gefaßt.

Diesmal lagerten die Ranchers schon früher am Nachmittag. Sie entfachten ein gewaltiges Rauchfeuer, in dessen Dunst Tiere und Menschen von den Moskitos verschont blieben. Sowie sich aber der Rauch wieder ein wenig emporhob, versetzte das eintönige Summen der Moskitos die Welt in eine schwüle, seltsame Unwirklichkeit. Feuer, Rauch, Stille.

In der Tiefe der abweisenden Wälder wälzten sich sechs Menschen unruhig im Zelt hin und her. Wohin waren sie geraten? Wann nahm der endlose Hang an diesem Berg ein Ende? Tagelang hatten sie Sumpfwasser getrunken, ein unaufhörlicher Durchfall war die Folge. Erschöpft erhoben sie sich am Morgen wieder, und mit Unlust stopften sie feuchtes Brot und heißen Tee in den Mund.

„Die Kühe haben Hunger!“ stellte Peter Sattler fest. In ihrer Gier versuchten sie Ahorn- und Birkenlaub zu knabbern, aber sie spien es mit einem grünen, zähen Schleim wieder aus.

Bill war eine Strecke vorangeritten. „Ein Pfad! Ein Pfad!“ schrie er plötzlich und kehrte um.

Dieses Wort weckte alle Lebensgeister wieder auf, und bald fanden Mac Lean und die übrigen höher oben durch das Dickicht so etwas wie einen Pfad. Vielleicht war es nur ein Wildwechsel der Elche oder Karibus, die im Winter über die Berge gezogen waren. Einerlei, jetzt führte er die Ranchers und ihre Tiere in einem fröhlicheren Aufstieg rasch höher hinan. Auch der Wald breitete sich wieder parkartig aus. Statt der bärtigen Tannen waren dichte Schwarzkiefern der beherrschende Baumbestand geworden. Da und dort blinkten niedrige rote Felswände herein.

Auch an diesem Tag versank die Sonne wieder hinter weißen ziehenden Wolken am Horizont und warf ihr rotes Licht auf einen unermeßlichen Urwald zu Füßen der Wandernden. Der weite, graue Sumpf war zwischen den Wäldern untergetaucht, und Woge um Woge verlor sich der Urwald nach Westen ins Blaue.

In dieser Nacht loderte ein rotes Feuer hoch zwischen den Kiefern empor. Bill und Mac Lean hatten auch für die Rinder ein Gehege aus Lassos erstellt. Sie hatten von Baum zu Baum die Riemen gespannt, und die erschöpften Tiere ließen sich bald auf das Waldmoos nieder.

Mac Lean saß eine Weile stumm am Feuer. „Warum singst du nie, Rossy?“ fragte er lächelnd.

„Singen?“ Sie hob den Kopf und verstand. „Bill und Peer, kommt her! Wir werden alle drei ein Lied singen!“ Und sie begannen zu singen: „Amerika, Amerika, du Land so weit, so schön!“

Zuletzt summten auch die Erwachsenen mit. Das Kiefernfeuer knatterte. An diesem Abend kehrte auch die Zuversicht wieder zurück.

Die Ranchers stiegen auch am nächsten Tag weiter auf dem Elchwechsel bergan. Immer niedriger wuchsen die Bäume, auf einmal standen sie vor einem weiten, grasbewachsenen Hang. Die Rinder stürzten sich mit einem frohen Schnauben darauf und ließen sich erst nach Stunden mit viel Mühe forttreiben. Heute trugen sie wieder gewölbte Bäuche, und auch die Pferde wieherten fröhlicher und trugen geduldiger an den schweren Lasten.

Peter Sattler ritt neben seiner Frau. Er blickte gespannt nach einer Krümmung des Hanges hinüber. Da riß weit vorne Bill seinen Cowboyhut in die Höhe. Was er schrie, verstanden die Sattlers nicht, aber sie wußten es dennoch: Die Sattelhöhe der Algack-Berge war erreicht!

Auf einmal hielt es keinen Menschen mehr, langsam hinter dem Treck herzureiten. Alle vier gaben den Pferden die Sporen und ritten an den Rindern vorbei, so schnell sie konnten, der Höhe zu.

Mac Lean und Bill standen auf einem hohen, grasüberwachsenen Sattel und blickten um sich. Ein einsames, stummes Waldland von ungeheuren Ausmaßen lag gegen Norden hin vor ihnen. Es fand seine Grenze verschwommen in fernen Bergen, von denen durch Dunst und Wolken noch Schnee schimmerte.

Peter Sattler und seiner Frau zog es langsam das Herz zusammen. Wo gab es das Weideland, das sie suchten?

Eine dumpfe, drohende Einsamkeit wallte den Schauenden aus der Unendlichkeit der Tannenwälder entgegen. Das farblose Grauschwarz wechselte in der Ferne allmählich in ein dünnes Blaugrün. Verloren und abgeschlossen wie die einzigen Menschen auf der Welt fühlten sich die sechs Ranchers.

Mac Lean hatte eine Weile mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne gestarrt. Die Falten um seinen Mund und in den Wangen hatten sich vertieft, und Bill neben ihm schien es, als verbisse der Cowboy einen kernigen Fluch.

Auf einmal aber verwandelte sich sein Gesicht. Er blickte auf Peter Sattler hinüber und lächelte: „Hast du’s gesehen?“

Peter Sattler hatte langsam den Mut sinken lassen. Der Traum vom Weideland im Norden, nun war er ausgeträumt!

Jetzt hob er den Kopf und schaute fragend auf seinen Kameraden.

Mac Lean hob den Arm und wies vor sich hin: „Eine schmale grüne Schneise dort unten! Die müssen wir zuerst erreichen!“

„Und dann?“ fragte Peter Sattler mit spröder Stimme.

„Wir stehen zu niedrig, um über das absinkende Land auch auf die Weiden hinauszuschauen!“ Mit einer kühnen Armbewegung wandte er sich nach rückwärts: „Was ist mit den weiten Sümpfen, an denen wir endlos entlanggeritten sind? Wohin sind die nun entschwunden?“

Er grinste mit breitem Gesicht. „Die Weiden warten! Kommt, reiten wir hinab!“

Peter Sattler folgte ihm ungläubig und doch wieder leise hoffend. Bill und Peer blickten sich an. Ihre Augen leuchteten auf, und mit einem hellen Schrei galoppierten sie dem kleinen Zug voraus, nach Norden hinab.

Die Feuer der Wildnis

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