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Kapitel 2

Renate hatte es eilig. Sie wollte gegangen sein, wenn Annika und Lars aufstanden. Ihr Gesicht verriet Spuren eines schlechten Gewissens. Das bekam sie nicht wegen ihres Todeswunsches für Franz. Sie spürte, dass sie ihre Kinder für etwas leiden ließ, wofür die beiden am wenigsten etwas konnten.

Ich weiß, dass ich möglicherweise Mist baue, ja. Aber verdammt nochmal, einmal im beschissenen Leben möchte ich wichtig sein, einfach nur genießen, nicht das, was Roland und der alte Knacker mir abverlangen. Ich habe lange eine Rolle gespielt. Sie passt mir jetzt nicht mehr. Bei genauem Hinsehen lehnte ich sie schon seit geraumer Weile ab. Nachgeben, dachte ich, wäre eine verständliche Sache, die mal er, mal ich praktizierte. Roland meinte, ich als Weib hätte toujours das zu machen, was der Alte oder er wünschten. So nicht, meine Herren.

Roland lag noch im Bett und schnarchte. Üblicherweise stand er um 5.30 Uhr auf, das bedeutete für sie, spätestens um fünf Uhr das Haus zu verlassen.

Die Horrorvorstellung, wenn sie hierbliebe, den lästig gewordenen und übergriffigen Schwiegervater weitere ungewisse Tage pflegen zu müssen, trieb sie in ihr Auto.

»Nicht eine Sekunde länger mache ich den Unsinn mit. »

Sie wollte weg, nicht weit, aber weg. Sie hatte keine Zukunftspläne. Vom Ort der jahrelangen Aufopferung für einen todgeweihten und anstrengend gewordenen Franz einige Kilometer entfernt zu sein - das reichte ihr zunächst. Noch so nahe, dass sie Annika und Lars an Weihnachten zu sich holen konnte, falls sie die Krise nicht mehr bewältigten und getröstet werden mussten. So weit wirkte dann ihr mütterlicher Instinkt dann doch noch. Ihre Wehrlosigkeit verstanden ihre Mitmenschen als fiese Retourkutsche, vielleicht als Rache für entgangene Lebensfreude. Dass man nach jahrelanger, pausenloser und aufopferungsvoller Pflege eines schwerkranken und schwierigen Menschen am Limit der Kräfte angekommen sein könnte, dämmerte weder Roland noch seinen Angehörigen. Es hatte bislang bestens geklappt. Und für die Geschwister kam die Hausübergabe wie ein Affront vor. Roland musste sich seine Bevorzugung durch harte Arbeit verdienen. Nachträglich. Die Geschwister ließen ihren Bruder alleine mit den Sorgen um Franz. Sie halfen ihm nicht. Sie dachten nicht daran. Im Gegenteil: Mit Argusaugen verfolgten sie in ihrer Verbitterung, wie der väterliche Kronensohn mit Franz umging. Von jenem hatten sie Abstand genommen und besuchten ihn kein einziges Mal. So enttäuscht waren sie.

Renate startete den Motor ihres Fiat Punto und schlich leise vom Hof. Tränen schossen ihr ins Gesicht, sie kam sich als Rabenmutter vor. Sie liebte ihre beiden »Goldschätze«, musste aber ab dem Zeitpunkt ihrer Entscheidung in erster Linie an sich denken. Ihr Selbstbewusstsein sank in all den Ehejahren auf Erbsengröße. Roland und die Kinder nahmen ihre Wünsche entweder nicht wahr oder ignorierten sie. Sie erlebten Renate als energiegeladene und vor allen Dingen liebevolle Ehefrau und Mutter, der die Wünsche und Sehnsüchte der Familie äußerst wichtig waren. Bis sie selbst im Familienchaos untergegangen war. Die emotionalen Hilfeschreie verpufften in der Pflege von Franz und den Diensten an der Familie. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch, den Roland ignorierte. Stattdessen forderte er Renate auf, »ihre Schauspielereien« sein zu lassen. Es gäbe schließlich wichtigere Dinge, als ihre Hirngespinste auszuleben. Solche Äußerungen verletzten sie tief. Sie wehrte sich nicht, bis sie am vorigen Tag die Kraft aufbrachte, auf den Tisch zu hauen und mit ihrem Wegzug zu drohen. Was sie in diesem Moment in die Tat umgesetzt hatte. Und trotzdem waberten im Hinterkopf Gewissensbisse, die sie, um sich selbst die vielleicht letzte Lebenschance zu ermöglichen, verdrängte.

Marianne Haberer, 38, 1,80m groß, schwarze Haare und schlank, die jüngere Schwester von Renate, wusste um ihre Situation. Sie kannte die Pläne Renates und war ihrer älteren Schwester in der Trennungserfahrung voraus: Vor drei Jahren ließ sie sich von ihrem Mann Holger scheiden. Als Renate ihr Leid klagte, riet Marianne zur baldigen Trennung, bevor sie dazu die Kraft nicht mehr aufbrachte.

»Seit ich Holger los bin, habe ich Luft zum Atmen und Kraft für neue Erfahrungen«, gab sie Renate zur Antwort, als diese an dem Trennungsratschlag zweifelte. Denn Marianne hatte keine Kinder, Annika und Lars brauchten Renate dringender denn je. Das zwölfjährige Mädchen kam in die Pubertät und suchte oft den mütterlichen Halt, während Lars die Hilfsdienste Renates in Sachen Hausaufgaben und Schule gerne beanspruchte.

»Was haben die beiden von mir, wenn ich kraftlos bin, und ihnen die Hilfe verweigere?«, sprach sie zu sich. Dies Mantra artige Bekenntnis sollte die argumentative Grundlage sein für den Fall, dass irgendjemand eine Rechtfertigung für den mutigen Entschluss erfragte. Und jener Gedanke befähigte sie zu dem schmerzhaften Affront ihren Kindern gegenüber, die an diesem zwanzigsten Dezember aufwachten und erstmals ihre Mutter vermissen mussten. In Hebelbach wurde man wie eine mittelalterliche Hexe behandelt, wenn man die Familie im Stich ließ. Um die Härte ihres Entschlusses abzumildern, schrieb die verzweifelte Mutti ihren Kindern einen Brief:

»Liebe Annika, lieber Lars,

wenn ihr diesen Brief lest, bin ich nicht mehr zu Hause bei euch. Ich weiß, dass ihr sehr darunter leidet. Das tut mir sehr Leid. Ihr habt bestimmt bemerkt, wie verzweifelt ich unter Opas Pflege gelitten habe. Wie mich alles angekotzt und nur noch geekelt hat. Ich will und kann das nicht mehr und da Papa mich nicht unterstützt, bleibt mir nur übrig wegzugehen. Ich muss erst zu mir finden. Wenn ihr wollt, können wir gemeinsam Weihnachten feiern, aber nicht zu Hause, sondern an einem anderen Ort. Schreibt mir eine Nachricht, ich melde mich dann. Ich habe euch immer lieb. Auch wenn ihr meinen Weggang nicht verstehen werdet.

In Liebe

Mama.«

Den Brief las zuerst Annika. Er lag auf dem Küchentisch. In einem Umschlag ohne Sichtfenster, dennoch auffällig in der Tischmitte. Dort fand ihn die Zwölfjährige, als sie kurz nach dem Aufstehen etwas zu trinken suchte. Sie brach in Tränen aus und informierte ihren Bruder. Roland bemerkte das Fehlen Renates, nachdem er aufgewacht war:

»Verdammt, jetzt ist Renate doch tatsächlich abgehauen und lässt mich mit den beiden und Vater im Stich.« Diesen Husarenritt trauter er Renate wirklich nicht zu. Sie kriegte die Kurve immer wieder. Renate wurde in dem Augenblick fremd. Sie nahm ihre Verantwortung und Aufgaben ohne Ausnahme ernst und erfüllte sie gewissenhaft. Das sollte just in dem Moment anders sein. Er versuchte, Renate auf deren Handy zu erreichen, sie blockte ab. Und fuhr an den Straßenrand, weil sie merkte, wie sie mit ihren Nerven am Ende war. Sie ließ ihre Tränen zu und stieg nicht aus dem Auto aus. Ein alleingelassenes Fahrzeug würde am ehesten die Aufmerksamkeit erregen. Man kannte sie auch im zehn Kilometer entfernten Sieblach, wo sie momentan stand. Renate atmete tief durch und öffnete das Fenster, damit frische Luft reinkommen konnte. Sie wurde sich selbst fremd. Sie erfüllte gewohnheitsmäßig, was von ihr erwartet wurde, das empfand sie bis gestern als richtig und notwendig. Allmählich dämmerte ihr, wie wertlos sie sich selbst vorkam, von anderen nichts zu verlangen. Wer nichts wollte, bekam auch nichts. Verkaufte das Leben unter Wert. Damit sollte Schluss ein. Für immer. Roland und die anderen würden nach und nach kapieren, welchen Wert sie für die Familie eingenommen hatte. Sie beruhigte sich allmählich und fühlte sich an den Moment erinnert, in dem sie entschied, ihr Leben ohne Roland und Franz weiter zu führen. Der Gedanke, den unerträglich gewordenen Schwiegervater und den unsolidarischen Ehemann los zu sein, erwärmte ihr Empfinden. Die Entscheidung war vor einem Tag richtig gewesen. Sie hatte Energie getankt und voller Kraft die Koffer gepackt. warum jetzt alles verflogen? Weil sie die Gegenwehr Rolands und der Kinder fürchtete? Die plante sie ein. Weil sie durch den Wegzug gegen die Dorfmoral verstieß? Die war ihr egal. Es war das Geständnis, schwach zu sein. Sie, die immer ihre Aufgaben akkurat und zufriedenstellend erledigte versagte plötzlich. Sie war am Ende der Kräfte. Dieses Eingeständnis war ehrlich und richtig. Und deswegen fasste sie erneut den Mut, zu ihrer Schwester zu fahren und sich von nichts und niemand beirren zu lassen. Denn, »ja« zu seinen Stärken und Schwächen zu sagen, bedeutet eine liebevolle Selbstannahme. Und die kann unter keinen Umständen falsch und verwerflich sein. Nachdem die Tränen weggewischt, die Nase geputzt war, ließ sie den Motor an und fuhr weiter nach Happbach, wo Marianne wohnte. Fünfzehn Kilometer von Hebelbach entfernt. Bei ihrer Schwester traf sie auf eine anfangs verständnisvolle Beschützerin. Sie baute sie zunächst auf und gab ihr Rückhalt. Vor Roland. Der hatte Respekt vor Marianne, die ihn schon das eine oder andere Mal in den Senkel gestellt und ihm gedroht hatte, ihn der Pflegekasse zu melden, weil er Geld einstrich und den Vater übel behandelte. Statt ins Krankenhaus zu verlegen, rief er den Rettungsdienst. Aus Angst vor den pharisäischen Geschwistern, denen er Erbsenzählerei unterstellte, was der Begriff »Pflege bis zum Tod« anbelangte. Mit Marianne war nicht gut Kirschen essen, das wusste Roland. Trotzdem fuhr er hin. Wegen Renate, der einstigen Liebe seines Lebens.

Kapitel 3

Annika kam von der Schule nach Hause mit einer interessanten Hausaufgabe. Roland arbeitete noch im Wald. Für die Erledigung der Aufgabe benötigte sie ihren Vater händeringend.

»Papa, wann kommst du heim? », fühlte Annika per WhatsApp vor.

»Wenn ich fertig bin. Kann spät werden. » Das passte der Schülerin absolut nicht in den Kram. Einmal bräuchte sie Roland für Schularbeiten und dann sägt er im Wald Bäume.

»Mama, hast du Zeit für ein paar Fragen? »

»Ich hole dich ab. Dann stehe ich dir zur Verfügung. » Eine knappe Viertelstunde verging und Renate hupte vor dem Haus. Die Kleine packte die Fragen und einen Block mit Schreibzeug in ihre Umhängetasche, zog ihre rehbraune Lederjacke an und kämmte das lockige Haar zurecht.

»Hallo, Mama, schön, dass du Zeit für mich hast. »

»Wir fahren in den Löwen. Dort können wir ungestört reden und nebenher die Aufgaben machen. »

Die beiden bestellten ihre Lieblingsgetränke. Annika Eistee mit Zitronen- und Maracujageschmack, Renate einen karamellisierten Cappuccino mit Schokostreuseln. Die Tränensäcke Renates verrieten einen unterdurchschnittlichen Schlaf, außerdem einen tränenreichen Kampf. Das Mädchen reagierte ein wenig erschrocken, wollte den Schrecken unterdrücken, was ihr misslang.

»Ja, Annika, ich habe viel geweint. Oder meinst du, mein Wegzug fiel mir leicht? » Unsicher nahm das Mädchen einen Schluck aus dem mittlerweile servierten Eistee, ehe sie antwortete:

»Ich glaube, du hast mit deiner Aktion mehr Chaos angerichtet. » Renate wollte zur Gegenantwort ansetzen, Annika fiel ihr ins Wort: »Die Sache musst du mit Papa klären. Ich brauche jemand, der mir die Geschichte von Franz erzählen kann. »

»He, wieso brauchst du die Lebensstory des alten Stinkers? » Renates Gesicht lief rot an. So wütend war sie.

»Mama, bitte: Opa ist wichtig für mich, auch wenn du ihn nicht leiden kannst.«

Renate schluckte zweimal, schaute auf den Boden und fragte:

»Was ist eure genaue Aufgabe?«, fragte sie Annika zu ihrer Irritierung.

»Wir müssen die Geschichte eines alten Menschen aufschreiben, der uns vertraut ist. Da fiel mir Opa ein. Geschichtshausi.«

»Ich kann nur das erzählen, was ich von deinem Vater, Franz persönlich und den anderen Verwandten noch in Erinnerung habe. Garantieren kann ich für nichts. »

»Ich habe ein paar Fragen, okay? »

»Schieß los. »

»In welchem Jahr wurde Franz geboren? »

»1937.«

»Was passierte in dem Jahr? »

»Nichts Besonderes. Hitler bereitete den Zweiten Weltkrieg vor. Aber für Opa hatte der Krieg kam Auswirkungen. Er wurde in einen Bauernhof hineingeboren und hatte immer genug zu essen. »

»Wo besuchte er die Schule? »

»In Hebelbach. Die gesamte Schulzeit. »

»Was weißt du noch über seine Erlebnisse in der Schule? »

»Er hatte einen sehr strengen Lehrer, den alten Kürner. Wenn Franz mal nicht gespurt hatte oder eine falsche Antwort gab, schlug Kürner zu. »

»Tat das weh? »

»Eine Ohrfeige mit dem Handrücken? Schläge mit dem Eisenstock? Mädchen, du stellst Fragen. »

Annika fiel in eine ungewöhnliche und tiefe Nachdenklichkeit. Sie hatte ihre Fragen für einen Augenblick auf Eis gelegt und dachte nach. Wie Franz in der Schule leiden musste. Wenn er eine falsche Antwort gegeben hatte. Sie überlegte, wie viele Schläge sie eingesteckt hätte, wenn sie zur Zeit ihres Großvaters die Schule besucht hätte. Da hatte sie es richtig gut. Sie wurde nie geschlagen, das durften ihre Lehrer nicht. Ein wenig meinte sie, man könnte Franz besser verstehen. In seiner Grobheit. Er gab nur weiter, was er persönlich erlebt hatte.

»Was hatte Opa eigentlich gelernt? »

»Schlosser, hier in der Metallfabrik. Nach dem Krieg wurden alle Kräfte für den Wiederaufbau Deutschlands benötigt. Deshalb konnte er mit dreizehn Jahren die Schule verlassen und eine Ausbildung anfangen. »

»So früh? Dann müsste ich in einem Jahr auch eine Ausbildung beginnen. Ich fühl mich viel zu jung dafür. »

»Keine Angst. Das musst du nicht. »

Renate wirkte geistesabwesend. Annika fragte nicht mehr. Sie entschied für sich, den Rest der Fragen an ihren Vater zu stellen. Was die Beziehungen von Franz anging, würde Roland wahrscheinlich besser Bescheid wissen.

Renate kämpfte. Mit sich, den Gefühlen, den Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Die Fragen Annikas setzten unkontrolliert Emotionen frei, die auf eine Verarbeitung warteten.

»Hast du noch Fragen? Wenn nein, würde ich gerne zahlen und dich nach Hause fahren. »

»Nein«, log Annika. Sie verließen gemeinsam das Lokal und beide kämpften mit eigenen Gefühlen. Jede für sich alleine und beide fühlten messerscharf die persönliche Einsamkeit.

Roland wartete auf Annika. Seine Rückkehr erfolgte früher als gedacht. Ein Auftrag wurde storniert, so dass Roland schon eher Feierabend machen konnte. Irritiert blickte er in traurige Augen, als er Renate und Annika im Auto vor der Türe sah.

»Hattet ihr einen schönen Mittag? », fragte er eifersüchtig.

»Du warst im Wald und hattest keine Zeit für mich. Mama schon«, giftete das Töchterchen zurück.

»Jetzt habe ich Zeit. Wenn du noch Fragen hast, bitte. » Annika legte ihre Jacke ab, ging in die Küche, wo sie etwas getrunken hatte. Dann schlenderte sie vorsichtig in das Wohnzimmer, Roland wartete, bis das Interview endlich starten konnte.

»Was ich noch wissen will: Wie lernte Opa seine Frau kennen, also die Oma, die ich nie gekannt habe? »

»Das war auf einem Blasmusikkonzert. Meine Mama spielte Klarinette, richtig gut. Dem Opa fiel sie sofort auf. »

»Was machte er, um sie kennenzulernen? »

»Er sprach sie persönlich an, begleitete sie nach Hause. Und bald waren sie ein Paar. »

»Wann was das? »

»1955, beide waren achtzehn. Damals noch nicht volljährig. »

Annika wollte wissen, wann sie geheiratet haben und wo sie nach der Hochzeit gewohnt hatten. Roland antwortete alles wahrheitsgemäß. Dann stellte er plötzlich eine Frage:

»Interessiert dich nur der oberflächliche Kram?, Willst du wissen, wie Opa als Vater gewesen war? »

Annika fühlte sich bloßgestellt und drehte das Gesicht zur Seite. Eigentlich sah die Rollenverteilung so aus, dass sie die Fragen stellte und Roland antwortete. Der Wink mit dem Zaunpfahl brachte sie aus dem Konzept, sie antwortete:

»Doch, mich interessiert, wie Franz als Vater gewesen war. »

Roland bemerkte die merkwürdige Reaktion Annikas, strich ihr entschuldigend über den rechten Handrücken und meinte:

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht kränken. Ich denke, man lernt einen Menschen am besten über den Charakter kennen. » Annika nickte schweigend, was Roland als Bestärkung empfand und mit den Erinnerungen an Franz fortsetzte.

»Meine Geschwister sprechen unterschiedlich von ihm. Er verhielt sich oft rücksichtslos, weil er überall geraucht hatte und auf unsere Bedürfnisse keine Rücksicht genommen hatte. Das brachte viel Ärger.«

»Ärger? Haben deine Eltern gezofft? »

»Ja. Mama wollte unbedingt eine rauchfreie Wohnung. Franz sagte, dass er viel arbeitete und die Zigaretten ihm einen Ausgleicht geboten hatten. »

»Wo hat Opa gearbeitet? »

»Tags über in der Metallfabrik, nachher bei allen Großeltern in der Landwirtschaft. »

»Was?? Alle deine Großeltern hatten eine Landwirtschaft? »

»Ja. Und in beiden Bauernbetrieben arbeitete wie ein Tier. Ehrlich gesagt, konnte ich ihn schon verstehen, wenn er dann mal eine Ziggi gedrückt hatte. »

»Rauchen ist aber gefährlich. Auch für die, die danebenstehen. »

»Du hast Recht. Zurzeit von Opa wusste man das noch nicht, diese Ergebnisse kamen viel später hervor. »

»Warum lehnte dann deine Mama das Rauchen ab? »

»Sie dachte und handelte instinktiv. Außerdem nahmen die Gardinen eine kohlschwarze Farbe an. Da meinte sie, dass die Lunge ähnlich aussehen würde. Sie bekam später Recht. »

Annika wirkte beeindruckt. Die Großeltern schienen eigenständige Charaktere zu sein. Sie verstand Franz deutlich besser. Und bemitleidete ihn ein wenig. Er wurde als Arbeitskraft missbraucht und durfte nicht mal das, was er am liebsten getan hatte: rauchen.

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