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5. Kapitel

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Am Sonntag fuhr Larsson nach Kleinmachnow zurück. Seine Frau Monika hatte ihn mit dem Auto ihrer Freundin nach Stralsund an die Bahn gebracht. Dort stieg er in den Zug nach Neustrelitz. In Neustrelitz musste er umsteigen. Das war das große Fragezeichen in der Planung Larssons, denn die Zeit zum Umsteigen betrug exakt 4 Minuten. Aber er hatte Glück. Der Anschlusszug kam mit dreiminütiger Verspätung. Der Zug von Stralsund nach Neustrelitz war pünktlich. Und so kam er kurz nach drei am Nachmittag am Hauptbahnhof in Berlin an. Dort nahm er sich ein Taxi nach Kleinmachnow, sodass er kurz nach vier vor der für ihn neuen Behausung aussteigen konnte.

Die erste Feststellung, die ihn traf, war, dass der kleine Ford nicht mehr vor der Eingangspforte stand. Die zweite Feststellung, dass man ein Schild mit dem Namen Baumgaertner an der Klingel angebracht hatte. Also musste während seiner Abwesenheit jemand im Haus gewesen sein. Das wird wohl noch des Öfteren vorkommen, dachte Larsson.

Auf dem Tischchen vor dem Spiegel im Flur lag ein Zettel, den man unter einer Vase festgeklemmt hatte. In der Vase stand ein Blumenstrauß. Larsson hatte das nicht erwartet, nahm es aber freudig entgegen. Dann las er den Zettel.

Hallo Lasse, der Ford steht in der Garage. Der Schüssel zur Garage hängt am Schlüsselbrett neben dem Eingang. Im Kühlschrank findest Du eine Erstversorgung. Was Du nicht vorfindest, musst du selbst unterwegs besorgen. Ich wünsche dir einen guten Einstieg im Druckzentrum. Niclas

Er brachte den Koffer hoch ins Schlafzimmer. Wieder im Parterre angekommen, ging Larsson in die Küche. Er würde sich erst einmal einen vernünftigen Kaffee machen. Während die Maschine mit ihrer Arbeit begann, inspizierte er zuerst die Küche. Der Kühlschrank war soweit aufgefüllt, dass er nicht zu hungern brauchte, so wie es Niclas Schorn ihm auf dem Zettel beschrieben hatte. Sogar in den Tiefkühlfächern fand er bereits geputztes Gemüse und diverse Fleischstücke vor. Als der Kaffee fertig war, nahm er eine Tasse aus dem Schrank und befüllte sie. Dann stellte er die Badetasche auf die Bank vor dem Tisch. Ihr entnahm er den RD-10 von Lawmade, mit dem er überprüfen würde, ob das Haus verwanzt war. Er hatte sich für den RD-10 entschieden, der Aufspürgerät und Kameralinsendetektor in einem war. Er setzte sich neben die Badetasche auf die Bank. Das kleine 40 Gramm schwere Gerät, das nunmehr sein ständiger Begleiter sein würde, musste noch zum Leben erweckt werden. Er legte zwei AAA-Batterien ein. Sofort zeigte das Gerät an, dass es betriebsbereit war.

Als er die erste Tasse Kaffee getrunken hatte, begann er, die typisch neuralgischen Punkte der Küche abzusuchen. Auf dem Bord über der Arbeitsplatte waren verschiedenen Tüten mit Gewürzen und fertigen Zutaten. Zwischen der Tüte mit Bologneser Gratin von Maggi und einem Glas Gemüsebrühe von Knorr stand eine Tüte mit Lorbeerblättern. Nur bei einer besonders gründlichen Kontrolle wäre ihm aufgefallen, dass die Lorbeerblättertüte schon einmal geöffnet wurde. Er würde das anders prüfen. Als er mit dem RD-10 an dem Bord entlangfuhr, begann es, die Tüte als Strahlungsquelle auszuweisen. Das war die einzige Wanze, die man in der Küche hinterlassen hatte. Im Wohnzimmer fand er eine weitere Wanze, die hinter einem Aquarell der Dresdner Frauenkirche so geschickt angebracht war, dass sie nur bei absolut abgenommenem Bild zu erkennen gewesen wäre. Larsson machte sich Notizen, dann ging er ins Obergeschoss. Auch das kleinere Zimmer war verwanzt. Und im Schlafzimmer, in dem er schlafen würde, fand er eine winzige Kamera in der Fuge der Kopfteile des Schranks.

Auf dem Flur fiel sein Blick wieder auf die Klappe zum Boden. Es war die ausfahrbare Leiter, die hinter der Klappe befestigt war. Was ihm fehlte, war der Stock mit dem Haken, um die Klappe zu öffnen und die Leiter herunterzuziehen. So sehr er sich auch bemühte, den Stock zu finden, umsonst. Er dachte daran, dass er auch eine Taschenlampe brauchte, würde er dort oben kein Licht vorfinden. Da würde er morgen Abhilfe schaffen. Larsson überlegte, ob er mit Schorn über die Wanzen sprechen sollte. Er beschloss, die Entdeckung vorerst für sich zu behalten.

Larsson nahm den Garagenschlüssel und ging hinaus. Der kleine Ford war ordentlich abgestellt worden. Er öffnete die Fahrertür, stieg ein und nahm sein RD-10. Sowie er es eingeschaltet hatte, begann es zu piepen. Je näher er dem Armaturenbrett kam, umso intensiver wurde es. Die Burschen haben nichts ausgelassen, dachte er. Sie haben es dahinter montiert, und zwar so, dass das Mikrofon durch den Schlitz in der Heizungsanlage die Schallwellen einer Unterhaltung aufnehmen konnte. Sie haben also dieses ganze Armaturenbrett ausgebaut, um da ranzukommen. Jetzt wusste er, warum der Wagen nicht draußen belassen wurde. Man brauchte keine Zuschauer, die sich über die Männer, die den Einbau der Wanze tätigten, Gedanken machten. Und neugierige Nachbarn, die sich für den neuen Hausherrn interessierten, gab es sicherlich auch in Kleinmachnow.

Als er ins Haus zurückkam, dachte er an die Weinflaschen im Keller. Er beschloss, sich mit einem der Weine für den Abend zu rüsten. Den Keller hatte er ja schon mit Schorn besucht. Oberflächlich betrachtet, war da auch alles in Ordnung. Jetzt ging er beherzt die Treppe hinunter. Dabei schaute er sorgfältig, ob irgendetwas Verdächtiges sein Misstrauen erweckte. In einer Ecke stand ein beschädigter Biedermeierschrank. Nicht besonders wertvoll, doch zumindest ungewöhnlich. Wer hatte das Haus bewohnt? Und wer hatte diesen Schrank hier etabliert? Er öffnete den Schrank. Eine sehr markante Herrenjacke in Übergröße hing dort ganz allein. Es handelte sich um sehr teure Wolljacke, die aus verschiedenen Farbteilen, aber gleichen Wirkstrukturen zusammengesetzt wurde. Auf der linken Brusthöhe gab es ein ovales Schild mit einem gestickten Doppeldecker. Offensichtlich war es die Jacke eines Mannes, der etwas mit historischen Flugzeugen zu tun hatte. Larsson machte ein Foto mit dem Smartphone. Dann untersuchte er alle möglichen Ecken nach Wanzen, fand aber keine. Offensichtlich hatte man den Keller ausgelassen. Er nahm sich eine Flasche Bordeaux mit. Aus der Küche rief er seine Frau in Loddin an.

»Hallo Monika«, sagte er, als sie sich gemeldet hatte. »Ich bin seit gut einer Stunde hier.«

»Dann hast du ja den Anschlusszug in Neustrelitz bekommen.

Wie fühlst du dich?«

»Wie immer, wenn ich von Zuhause weg bin. Ich wäre gern bei dir. Aber du kannst ja mal für ein paar Tage mit Elina herkommen, wenn ich mich eingelebt habe.«

»Wirst du dich einleben?«

»Es ist ja nur für sechs Wochen. Immerhin habe ich mir für den Abend aus dem Keller eine Flasche Bordeaux geholt. Ich denke, es ist ein guter Anfang.«

»Vielleicht komme ich am nächsten Wochenende«, sagte sie.

Aber die Art, wie sie es sagte, klang nicht so, als habe sie das wirklich gemeint. Sie war froh, wenn sie in Loddin war. Es bedeutete ihr viel, mit Elina in Sichtweite des Achterwassers oder auf der anderen Seite, an der Ostsee spazieren zu gehen.

»Überlege es dir, Liebes«, sagte Larsson. »Wir haben hier einen schönen großen Garten und Potsdam ist nur zehn Kilometer entfernt. Wir haben den großen Wannsee unweit und die Pfaueninsel. Es wird dir gefallen.«

»Mal schauen«, sagte sie lapidar.

»Ja, mal schauen.«

»Bis morgen.«

»Ja, wenn du magst, dann bis morgen.«

Als die Verbindung unterbrochen war, überlegte er, was er Sinnvolles machen könnte. Immer wieder spukte die Dachluke in seinem Kopf herum. Er nahm einen der Küchenstühle und trug ihn in den oberen Flur. Als er auf dem Stuhl stand, musste er einsehen, dass ihm noch gut 20 Zentimeter bis zu der Öse fehlten, mit der sich die Luke öffnen ließ und man die Leiter herausziehen konnte. Nun ging er in das kleinere Schlafzimmer. Im Schrank fand er einige leere Kleiderbügel. Wenn es ihm gelänge, den Haken einer der Kleiderbügel in die Öse der Luke einzufädeln, ließe sich diese mit großer Sicherheit öffnen. Larsson musste feststellen, dass auch diese Variante nicht zum Ziel führen konnte.

In einer Ecke des Kellers unter der Treppe hatte er Eimer und Scheuerlappen, Handfeger und Besen gesehen. Also ging er noch einmal hinunter, um zu sehen, was er davon gebrauchen könnte, um sein Ziel zu erreichen. Er entschied sich für den Schrubber. Wieder oben angekommen, steckte er ein Teil der Bürste durch den Rundbogen des Kleiderbügels. Es bedurfte ein klein wenig Geschick und Ausdauer, mit dem Schrubber den Haken des Kleiderbügels in die Öse der Bodenklappe einzufädeln. Letztlich war er der Sieger. Doch nun merkte er, dass seine Hoffnung, die Klappe öffnen zu können, nicht erfüllt wurde. Jetzt sah er, dass man die Dachluke mit zwei Kreuzschrauben festgesetzt hatte. Was, in Gottes Namen war dort so geheimnisvoll, dass man das Dachgeschoss unzugänglich gemacht hatte? Je schwieriger es wurde, umso interessierter war Larsson, Zugang zu dem geheimnisvollen Ort zu bekommen.

Plötzlich wurde er durch das Klingeln an der Haustüre aus seinen Gedanken gerissen. Flugs stellte er den Stuhl und den Schrubber in das große Schlafzimmer. Den Kleiderbügel legte er aufs Bett. Dann hastete er hinunter, wo es bereits zum dritten Mal geläutet hatte. Es war Niclas Schorn. Er trug einen kleinen Ordner.

»Junge, wo bleibst du denn?«

»Ich war gerade dabei, meine Sachen auszupacken.«

Sie gingen in die Küche, setzten sich an den großen Tisch.

»Riecht gut hier. Wann bist du denn wieder eingeflogen?«

»Gegen vier«, sagte Larsson. »Möchtest du einen Kaffee haben?«

»Es ist ein verlockendes Angebot. Aber danke, wenn ich so spät Kaffee trinke, kann ich nachts nicht schlafen.«

»Weshalb bist du dann gekommen?«

»Ich möchte, dass du weißt, mit welchen Kollegen du in den nächsten Wochen zusammenarbeitest.« Er öffnete den Ordner. »Ich habe dir ein Dossier zusammenstellen lassen, das die Arbeitsverträge und die Tätigkeit deiner Mitstreiter in der künftigen Arbeitsstelle beschreibt.«

»Oh«, sagte Larsson nur.

»Eigentlich wollte ich, dass du völlig unbefangen dort reingehst. In der heutigen Mittagsbesprechung der Sondergruppe war man der Ansicht, es sei besser, wenn du schon eine Ahnung hast.«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass du auch die Unterlagen der des LKA in Eberswalde dabei hast.«

»Ja, aber nur so weit, wie der Stand jetzt ist.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Wir haben das Verfahren an uns gezogen.«

»Wieso? Haben die Kollegen vom LKA es nicht geschafft.«

»Das ist nicht der Grund.«

»Sondern?«

»Das LKA hat fast fertig ermittelt. Wir haben das erst einmal gestoppt.«

»Weil?«

»Wenn wir den Hauptverdächtigen jetzt hochgehen lassen, zerstören wir Erkenntnisse über einen geplanten Anschlag, den wir unbedingt verhindern müssen.«

»Das ist höhere Mathematik«, sagte Larsson grinsend.

»Armleuchter«, frotzelte Schorn. »Manchmal muss man einen Schritt zurücktreten, um zwei Schritte nach vorn zu gehen.«

Larsson schaute in den Ordner.

»Hier sind zwei Helfer angegeben, die für das Bereitstellen und Nachfüllen der Druckfarben, Annahme und Sortieren der Druckplatten und Vorbereiten der Blindplatten, was immer das ist, vorgesehen sind.«

»Und genau das ist das, was für dich zugeschnitten ist. Wir haben veranlasst, dass du in der Schicht mit Alem Manuel Diogonis zusammen arbeitest.«

»Ein Ausländer …«

»Einer der beiden Männer, die aus Mosambik kommen. Sieh zu, dass du mit ihm warm wirst. Ein gutes Arbeitsklima ist viel wert, doch das allein wird nicht ausreichen. Deine Schicht fängt morgen am Nachmittag an. „Du solltest gegen 14.00 Uhr dort vorsprechen.«

»Du hast das alles schon geregelt«, stellte Larsson fest. »Es ist sicher überflüssig, festzustellen, dass du einen direkten Kontakt ins Druckhaus hast.«

Schorn nickte. »Wir sind so weit, dass wir keinerlei Unzulänglichkeiten dulden können, sonst fliegt uns die Chose um die Ohren.«

»Das klingt gefährlich«, sagte Larsson.

»Das klingt nicht nur so.« Schorn stand auf. »Pass gut auf dich auf, Lasse. Ich möchte nicht, dass du einem Unfall zum Opfer fällst.«

Larsson begleitete Niclas Schorn zum Ausgang.

»Wir sehen uns am Dienstag. Bis dann«, sagte Schorn.

Larsson wartete, bis Niclas Schorn in seinen Wagen gestiegen war und abfuhr. Dann ging er in die Küche, um sich dem Dossier zuzuwenden. Was ihn besonders interessierte waren die Vernehmungen der beiden Mosambikaner. Wie jeden Tag, so waren sie auch an jenem Tag, an dem der 64-jährige Ulrich Werfel erschlagen wurde, zusammen zum Dienst in der Druckerei erschienen. Eine Mordwaffe war nicht gefunden worden.

*

Der Montag begann für Lasse Larsson mit einer Fahrt zum Toom-Baumarkt in Potsdam-Babelsberg. Dort kaufte er einen fünfstufigen Tritt, mit dem er an die Bodenluke herankommen würde, eine Taschenlampe und einem Akkuschrauber mit Zubehör. Zurück im Haus brachte er die Sachen in den oberen Flur. Mit dem Akkuschrauber drehte er die beiden Sicherungsschrauben heraus. Danach ließ sich die Luke öffnen, und er konnte die Leiter ausziehen. Mit der Taschenlampe bewaffnet, stieg er hoch zum schrägen Dachgeschoss. Was er hier fand, hätte er nicht einmal im Traum erwartet. Zuerst entrdeckte er einen Lichtschalter an einem der stehenden Dachbalken. Dann fiel sein Blick auf eine Art Router, der die Bilder und Unterhaltungen aufzeichnete und sie sofort weiterleitete. Offensichtlich war er voll in Betrieb, denn etliche Lichter flammten auf, verlöschten wieder, um gleich an anderer Stelle wieder aufzuflackern. Es gab für jeden der Räume im Haus eines dieser Lichter, wie er feststellte. Es waren neun Lichtmöglichkeiten angeschlossen. Wohnzimmer und Küche, Korridor unten, zwei Räume oben und der Flur. Er hatte in der Garage eine Wanze gefunden. Das waren sieben. Wo waren die restlichen zwei?

Ich bin begeistert, dachte Larsson. Wahrscheinlich gibt es im Badezimmer auch eine der Übertragungsmöglichkeiten. Du wirst in diesem Haus nicht einmal eine Blähung loswerden, ohne dass es irgendwo registriert wird. Er löschte das Licht, stieg die ausgezogene Leiter hinunter. Er schob die Leiter wieder hoch, stellte sich den Tritt wieder unter die Öffnung zum Dach und klinkte sie oben wieder ein. Dann nahm er die beiden Schrauben und verschloss die Klappe wieder mittels Akkuschrauber. Im Parterre suchte er mit seinem RD-10 von Lawmade erst den unteren, dann den oberen Baderaum ab. Tatsächlich haben die Burschen von BKA jeden der Räume verwanzt, sogar Bad und Toiletten. Möglicherweise wussten sie schon jetzt, dass er in den geheimnisvollen Raum unter dem Dach eingestiegen war. Ihm war bewusst, dass sie jeden seiner Schritte beobachten konnten.

Die Möglichkeit, ins Haus einzudringen, und nach irgendwelchen Dingen zu suchen, würden sie nutzen, wenn er an seiner Arbeitsstelle angekommen war. Einen Augenblick dachte er daran, seine Raptor-641.pro zu installieren. Aber er verzichtete darauf. Sollten die Abhörspezialisten beim BKA ruhig erst einmal suchen und nichts finden. Vorbehaltlich, dass sie nichts von seinem Besuch unter dem Dach mitgekriegt haben, würde er in den nächsten Tagen die kleine Kamera einrichten.

Er packte sämtliche Utensilien, die auf seine Aktivitäten hindeuteten, wieder in eine Tasche und nahm sie mit zur Garage. Die Tasche legte er in den Kofferraum des Autos. Zurück blieb die Trittleiter. Sorgfältig hatte er die im Keller zwischen die Regale gestellt. Wer nicht vorher hier aufgeräumt hat, würde sie für Eigentum des Hauses halten.

Ein Blick zur Uhr zeigte ihm, dass er sich langsam für seinen ersten Arbeitstag zurechtmachen musste. Zuvor würde er essen gehen.

Bevor er das Haus verließ, sicherte er zwei Türen durch einen Trick, um zu sehen, ob jemand nach ihm im Haus war. Er klebte jeweils ein Haar von sich auf die obere Zarge und das Türblatt so, dass es unweigerlich zerreißen würde, bewegte man die Tür auch nur um eine Handbreite. Lächelnd verließ er das Haus.

Am Stern-Center in Babelsberg suchte er einen Parkplatz. Sein Fahrzeug abgestellt, begab er sich ins Ciao, ein Bistro mit offener Küche. Da er kein Freund von Pizza war, bestellte er sich Spaghetti Bolognese, dazu ein Wasser medium.

Während der Wartezeit beobachtete er, wie er es immer tat, die Menschen in seiner Umgebung. Eine dicke Frau Mitte dreißig mühte sich, ihrem Kind Manieren beizubringen. Offensichtlich umsonst. Der Junge manschte mit den Händen im Essen herum und fraß wie ein Schwein. Zwei Jugendliche, die sich eine Pizza einpacken ließen, und ebenso schnell verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Ein älteres Ehepaar, das sich nicht mehr viel zu sagen hatte, befasste sich mit einem Nudelgericht. Das Bistro war ein Minispiegel der Gesellschaft. Drei Männer in Arbeitsklamotten, wahrscheinlich hatten sie im Haus zu tun, machten hier ihre Mittagspause. Immer wieder kamen neue Menschen herein, einige holten nur Essen für zu Hause, andere belegten die Plätze, um hier ihre Mittagspause zu nehmen.

Larssons Essen kam. Er bezahlte sofort, damit er pünktlich im Druckzentrum sein würde.

Fünfunddreißig Minuten später hielt er vor dem Pförtner, der ihn bat, den Wagen abzustellen und in die Rotunde zu gehen, um dort auf Herrn Vogelsang zu warten.

»Hallo Herr Baumgaertner«, begrüßte ihn Martin Vogelsang. »Willkommen.« Gemeinsam gingen sie wieder durchs Haus, und Larsson bewunderte die Größe der Maschinen.

»Mit unserer großen Maschine im nordischen Format können wir 45 000 Zeitungen in der Stunde drucken. Sie geht über sieben Etagen und ist achtzehn Meter hoch«, sagte Vogelsang. »Viele Arbeitsschritte sind automatisiert. Aber für das kleinere, das Rheinische Format unserer Märkischen Allgemeinen, arbeiten wir mit Maschinen, die schon zwanzig Jahre auf dem Buckel haben. Dort muss fast alles per Hand gemacht werden, Farben nachfüllen, Platten wechseln, Zylinder reinigen. Das wird Ihr Betätigungsfeld sein. Aus der Geschichte im Osten bedingt haben wir hier Arbeitskräfte aus allen möglichen Berufen, sogar studierte Leute. Weil sie sehr gut bezahlt werden, sind sie geblieben. Aber wir sind europaweit auf der Suche nach neuer Technik.«

Sie gingen zur Fensterfront am Ende des Leitstandes, wo sich die Büros der Leitung Druck befanden.

»Sie sind mir avisiert worden. Während der Schichtpause werde ich Sie den Kollegen vorstellen. Offiziell heißt Ihre Funktion Fachhilfskraft. Auf die Frage nach Ihrem letzten Wohnort, die zweifellos kommen wird, sagen Sie einfach, dass Sie aus Hamburg kommen, und dass Sie sich verliebt haben. Deshalb wäre Ihnen die Arbeit im Druckhaus sehr willkommen. Heute fangen wir mit einfacher Arbeit an. Haben Sie etwas zum Anziehen mit?«

»Ja, eine Arbeitskombination.«

»Arbeitsschutzschuhe bekommen Sie von uns. Von 41 bis 48 haben wir alle Größen da. Mein Stellvertreter zeigt Ihnen dann Garderobe und Duschen und macht den Arbeitsschutzkram. Sie werden schnell sehen, wie das Nachfüllen von Druckfarben gehandhabt wird, dann die Druckplatten sortieren und Blindplatten vorbereiten.«

»Ich habe keinerlei Vorkenntnisse.«

»Das haben die anderen Helfer auch nicht. Schauen Sie sich in Ruhe alles an. Versuchen Sie in den nächsten Tagen das Vertrauen des jungen Mannes, dem ich Sie zuteilen werde, zu erringen. Aber gehen Sie behutsam Werke. Weniger ist oft mehr.«

»Das kriege ich hin«, sagte Larsson.

»Noch etwas«, sagte Vogelsang. »Hier duzen sich alle Kollegen untereinander. Abgesehen von einigen ganz jungen Mitarbeitern gilt das auch mir gegenüber. Und ganz jung bist du ja nicht mehr.« Larsson nickte zustimmend.

Vogelsang ließ Diogonis holen.

»Nós temos um novo funcionário – Wir haben einen neuen Mitarbeiter«, sagte Vogelsang auf Portugiesisch. »Versuche, mit ihm deutsch zu sprechen. Ihr beide werdet in der nächsten Zeit zusammenarbeiten. Also verbessere dein Deutsch.«

»Mas eu trabalho com o Nuguse – aber ich arbeite doch mit Nuguse zusammen«, insistierte Diogonis.

»Er geht in die andere Schicht. So könnt ihr beide eure Deutschkenntnisse verbessern«, sagte Vogelsang auf Deutsch. »Das ist Sven Baumgaertner. Du wirst ihm alles beibringen, was Hilfskräfte hier können müssen.«

Vogelsang spürte, dass Alem Manuel Diogonis diese Entscheidung nicht passte. Deshalb sagte er: »Und Sven wird deine Deutschkenntnisse verbessern. Das ist dann eine Win-Win-Situation. In Ordnung?«.

»In Ordnung, Chef«, sagte Alem Manuel Diogonis schließlich nach einem kurzen Zögern. Er streckte Larsson die Hand entgegen. »Schauen wir, dass wir lernen können, was eine Win-Win-Situation ist, Sven«, sagte er.

*

Die Potsdam-Verschwörung

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