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Martina Bethe-Hartwig
ОглавлениеDer Glücksbringer
Auch an diesem Morgen konnte Jeremias nicht an dem Laden von Herrn Moritz vorbeigehen, ohne sich die Auslage in dem kleinen Schaufenster anzusehen. Herr Moritz besaß eine Pfandleihe, und die Dinge, die in die Auslage wanderten, gehörten Menschen, die von Herrn Moritz Geld geliehen und sie als Sicherheit zurückgelassen hatten. Neben Schmuck und Uhren fanden auch immer Dinge ihren Weg in das Schaufenster, die Jeremias sonderbar und geheimnisvoll erschienen.
Seit vier Tagen stand wieder so ein merkwürdiger Gegenstand hinter der Schaufensterscheibe. Neben einer großen silbernen Taschenuhr und zwei Schneekugeln blickte eine daumengroße bronzene Figur den Neugierigen an, der vor der Auslage stehen blieb. Es war eine sonderbare kleine Statue, halb Mensch, halb Tier. Auf einem menschlichen Körper thronte der Kopf eines Stieres. Eine derartige Figur hatte Jeremias noch niemals zuvor gesehen.
„Das wäre der richtige Glücksbringer für mich“, dachte er.
Mit seiner behandschuhten Hand rieb er an der Scheibe, dann drückte er seine Nase gegen das kalte Glas. Er seufzte. „Acht Euro“ stand auf dem Preisschild, das neben der Figur lag. Zu viel für ihn. So viel Geld hatte er noch nie besessen. Er bekam zwar einen Euro in der Woche, aber den gab er immer rasch aus. Etwas Süßes, und schon war das Geld weg.
„Acht Euro“, dachte Jeremias. „Acht Euro für ein bisschen Glück.“
Er stellte sich vor, wie sich der bronzene Stiermensch in seiner Hand anfühlen würde: glatt und zuerst sicherlich kalt und dann immer wärmer. Er müsste die Figur nur lange genug halten.
„Ich könnte sie in mein Mäppchen legen“, dachte Jeremias, „dann würde das Glück direkt in meinen Füller übergehen.“
Er seufzte erneut und krauste die Nase.
„Und wenn ich mir den Stiermenschen zu Weihnachten wünsche?“, überlegte er, schüttelte aber gleich darauf den Kopf. „Nein, dann ist es zu spät. Weihnachten ist erst in neun Tagen, aber die Mathearbeit schreiben wir schon in drei. Bis Weihnachten kann ich nicht warten. Wenn ich den Glücksbringer hätte, würde ich die Matheaufgaben sicher schaffen, aber so ...“
Schon zweimal hatte Herr Felber, sein Mathelehrer, ihm die schriftliche Division erklärt. Nun traute sich Jeremias nicht mehr, ihn ein weiteres Mal zu fragen. Zehner, Einer, Addieren, Dividieren, Multiplizieren – Begriffe und Zahlen purzelten nur so durch seinen Kopf. Ihm wurde schon beim Denken daran ganz schwindelig. Jeremias’ Oma nannte Mathe noch immer Rechnen. Na ja, sie war schon alt und hatte Mathe so wie er nie in der Schule gehabt.
„Ich könnte Papa fragen. Vielleicht erklärt er mir die Matheaufgaben oder er kauft mir den Glücksbringer. Ach nein.“ Jeremias biss sich auf die Unterlippe. „Papa hat nie Zeit. Und Geld für solchen Krimskrams gibt er nicht aus. Wenn doch Mama da wäre. Mama hätte mir die Aufgaben erklärt. Wenn wenigstens Tom und Merle ...“
„Du bist doch mein großer Junge“, sagte sein Vater neuerdings immer. „Und große Jungen schaffen das schon alleine.“
Alleine! Wie ein aufgeblasener Ballon schien das Wort über Jeremias’ Kopf zu schweben. Alleine!
„Auch große Jungen“, murmelte er gegen die Schaufensterscheibe, „brauchen manchmal Hilfe.“
Er löste seine Nase vom Glas und trat einen Schritt zurück. Ein Windstoß packte sein schulterlanges blondes Haar und blies ihm Nässe ins Gesicht.
Plötzlich ging mit einem Glockenton die Tür der Pfandleihe auf. Herr Moritz, eingemummelt in eine Wolljacke und in einen dicken Schal, erschien in der Türöffnung. Als er Jeremias entdeckte, machte er zwei Schritte auf ihn zu. Jeremias sah zu ihm auf. Herrn Moritz’ braune Hornbrille saß wie immer schief auf seiner spitzen Nase.
„Guten Morgen, Jeremias“, sagte er und rückte seine Brille zurecht. „Wie geht es deiner Mutter? Wird sie bald aus dem Krankenhaus entlassen?“
„Mmm“, antwortete Jeremias. „Seit gestern darf sie wieder aufstehen. Weihnachten soll sie nach Hause kommen.“
„Weihnachten … soso.“ Herr Moritz verzog die Lippen. „Bis dahin sind es noch ein paar Tage. Da hat dein Papa mit Merle und Tom wohl alle Hände voll zu tun. Und das bei der vielen Arbeit, die er sowieso schon hat.“
Jeremias senkte seufzend das Kinn.
„Ja, so ist das.“ Herr Moritz wiegte den Kopf. „Wenn man jung ist und Familie hat, ist nie genügend Zeit. Später, wenn man alt ist, umso mehr. Dann kommt man sich überflüssig vor, weil einen niemand mehr braucht.“
Jeremias sah Herrn Moritz mit großen Augen an. „Aber, Herr Moritz, Sie haben doch das Geschäft.“
„Das Geschäft? Ja, das Geschäft ist gut, aber viel ist in meinem kleinen Laden nicht los. Manchmal fühle ich mich dort drinnen schon recht einsam.“
Jeremias bohrte seine rechte Stiefelspitze in einen matschigen Schneehaufen, hob die Schultern und ließ sie fallen.
„Ich glaube, ich muss jetzt gehen“, sagte er. „Die Schule fängt bald an.“
„Ja, das musst du wohl“, sagte Herr Moritz und blickte Jeremias durch seine Brille direkt in die Augen. „Du solltest schließlich nicht zu spät kommen … schon gar nicht so kurz vor Weihnachten. In der Weihnachtszeit sollte man Ärger vermeiden und die Tage schön gestalten. Ihr habt doch hoffentlich einen Adventskranz in der Schule?“
Jeremias nickte. „Wahrscheinlich wäre die Schule auch ganz schön, wenn nicht …“
„Wenn nicht …?“, hakte Herr Moritz nach.
Jeremias schwieg.
„Was ist denn?“ Herr Moritz berührte sacht Jeremias’ Arm.
Da konnte Jeremias die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie sammelten sich in seinen Augenwinkeln und begannen unaufhaltsam über seine Wangen zu rollen.
Herr Moritz reichte Jeremias ein weißes Stofftaschentuch mit grauen und blauen Streifen am Rand.
„Nun erzähl mal, Jeremias! Wo drückt denn der Schuh?“
Und Jeremias erzählte stockend von der Mathearbeit, die ihm wie ein riesiger Felsbrocken im Magen lag, und von dem Glücksbringer, den er dringend brauchte, aber nicht bezahlen konnte, weil er sein Taschengeld doch für Süßigkeiten ausgegeben hatte.
Als Jeremias mit seiner Erzählung fertig war, schmunzelte Herr Moritz, dann schnalzte er mit der Zunge. „Ach, so ist das!“, sagte er. „Weißt du eigentlich, dass ich ein Rechenkünstler bin? Während meiner Schulzeit war ich in Mathe immer der Beste. Deswegen habe ich heute ja auch eine Pfandleihe … Da muss man rechnen können – multiplizieren, dividieren und so. Was würdest du davon halten, wenn du nach der Schule zu mir kämst und wir beide meine Einnahmen ausrechnen? Du könntest auch gleich deine Hausaufgaben machen. Bei den Matheaufgaben kann ich dir helfen. Am frühen Nachmittag ist im Laden nicht viel los. Du wirst also deine Ruhe haben. Ja, und wenn du Lust und Zeit hast, würde ich mich freuen, wenn du mir beim Abstauben und Ausfegen helfen könntest. Du glaubst gar nicht, wie viel Staub sich in so einem Laden ansammelt. Natürlich sollst du nicht umsonst arbeiten. Ich gebe dir – na, sagen wir mal einen Euro pro Tag. Was hältst du davon?“
Jeremias blickte Herrn Moritz mit offenem Mund an, dann nickte er. „Das hört sich prima an. Papa kommt eh nicht vor fünf nach Hause und dann muss er noch Merle und Tom vom Kindergarten abholen. Ich komme, Herr Moritz, danke schön.“
„Nichts zu danken“, sagte Herr Moritz und strahlte über das ganze Gesicht. „Ich bin doch froh, wenn ich Gesellschaft habe und meine eingerosteten Gehirnzellen mal wieder in Schwung bringen kann. Heute Abend rufe ich deinen Papa an und frage ihn, ob es auch für ihn in Ordnung ist.“
„Och … Das ist es ganz bestimmt“, sagte Jeremias. „Dann komme ich kurz nach eins.“
„Gut, sehr gut, dann kannst du gleich mit mir zu Mittag essen. Es gibt Makkaroni mit Tomatensoße. So, nun lauf aber los, sonst verspätest du dich doch noch und kriegst Ärger!“
Jeremias rückte den Schulranzen auf seinem Rücken zurecht und spurtete los. Nach einigen Metern blieb er noch einmal stehen und winkte Herrn Moritz zu. Herr Moritz winkte zurück.
Die Schneeflocken hatten sich in flauschige Wattebällchen verwandelt und zauberten eine weiße Decke, die sich langsam über die Häuser, die Straße und den Gehweg legte. Die Stadt sah auf einmal ganz anders aus. Jeremias kam es vor, als befände er sich mitten im Märchen von der Schneekönigin.
„Er hat Mathe gesagt, nicht Rechnen“, dachte Jeremias, während er sich seinen Weg durch den Schneevorhang bahnte. „Und jeden Tag kann ich einen Euro verdienen, das sind acht Euros in acht Tagen. Von dem Geld kann ich mir den Stiermenschen kaufen, dann habe ich meinen Glücksbringer. Und vielleicht lässt Herr Moritz mit sich reden und gibt mir den Stiermenschen schon früher … für die Mathearbeit. Herr Moritz ist nett, sehr nett sogar.“
Jeremias streckte die Zunge aus und fing ein paar Flocken auf. Dann machte er einen Hüpfer, lief über den Schulhof und betrat beim ersten Klingelzeichen die Aula der Schule, wo sich gerade seine Parallelklasse, die 4b, versammelte, um das morgendliche Weihnachtslied zu singen. Er drängte sich an den Kindern vorbei und eilte den Gang hinunter zu der geöffneten Tür seines Klassenzimmers.