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Der See ist der See

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An einem wunderschönen Sonntagmorgen irgendwann im Mai eines unbenannten Jahres wurde Mister Miracle von den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster seiner kleinen Hütte herein fielen, geweckt.

Er reckte sich und streckte sich und schon kam auch sein kleiner, schwarzer Mischlingshund auf sein Bett gesprungen um ihm freudig ‚guten Morgen‘ zu sagen.

„Guten Morgen, Hundchen, da bist du ja. Hast du gut geschlafen, mein Kleiner?“, rief Mister Miracle laut aus und streichelte das kleine Wesen, das aufgeregt mit seinem kleinen Stummelschwänzchen wedelte.

Nach der Begrüßungszeremonie schwang Mister Miracle seine Beine aus dem Bett, zog die Pantoffeln an, die unter dem Bett standen, und schlurfte dann zu seinem kleinen Kleiderschrank, wo er sich seine bequemen Hosen, ein T-Shirt und sein langes Gewand, das ihm als Schutz gegen Wind und Wetter diente, überzog. Sein Hundchen folgte ihm dann zur Miniküche, wo er ein Glas Wasser trank und dem Hund ein kleines Stückchen Fleisch vom Vortag zuwarf, was sofort verschlungen wurde. Dann wandte er sich zur Haustür um, zog seine selbstgemachten Lederschuhe an und fragte den Hund, ob er mitkommen wolle. Der meinte nur „wuff“ und stand schon abmarschbereit an der Tür.

Sie gingen los, zunächst durch den kleinen Garten, dann auch den Sandweg aus dem kleinen Wäldchen hinter sich lassend in Richtung Küste. Für Mai war es an diesem Morgen schon sehr warm und Mister Miracle öffnete sein Gewand, um ein wenig mehr Luft an seinen Körper zu lassen. Tief atmete er die Frühjahrsluft in seine Lungen, schloss für einen Moment die Augen und lächelte die Sonne an.

„Was für ein herrlicher Morgen!“, rief Miracle aus und schaute sich zu seinem Hund um, der schnüffelnd von Baum zu Baum lief und den Spaziergang sichtlich ebenso genoss wie sein Herrchen.

Schon sehr bald kamen sie an den nahegelegenen See, der glatt inmitten des Wäldchens ruhte. Nur leicht kräuselte sich die Wasseroberfläche, ansonsten war alles still. Aber dem aufmerksamen Miracle entging nicht, das linksseitig in einiger Entfernung etwas anders war als sonst. Pink leuchtete es am Wasser sonst nicht, wo sich sonst nur Bäume und der weite Himmel im Wasser spiegelten.

Mister Miracle schloss die Augen ein bisschen, um die Sehschärfe einzustellen und entdeckte eine junge Frau am Rande des Sees sitzen. Sie saß auf einer grasbewachsenen Uferkante, hatte einen leuchtend pinken Jogginganzug an und die Arme um ihre Beine geschlungen. Ihren Kopf hatte sie zwischen den Beinen versteckt und ihre langen, braunen Haare fielen locker um ihren Kopf herum.

„Da stimmt etwas nicht“, meinte Mister Miracle zu seinem Hund Charly und war mit diesem schon auf dem Weg in Richtung der jungen Frau, die er auch bald erreichte.

Schon von weitem rief er „hallo“ und machte damit auf sich aufmerksam, aber der Kopf der jungen Frau bewegte sich nicht. So trat Mister Miracle näher heran, versuchte es noch mehrfach mit einem freundlichen „hallo“, bekam aber keine Antwort.

Einige Meter von der Frau entfernt, blieb er stehen und wartete einen Moment. Er schloss die Augen, atmete langsam tief ein und aus und nutzte seine Gabe der Hellfühligkeit, um die Energie der Frau zu spüren. Sogleich machte sich eine tiefe Traurigkeit in ihm breit, die selbst den gestandenen Mann in Bruchteilen von Sekunden zu Tränen rührte.

Nochmal atme er durch, ließ in seiner Vorstellung an seinen Füßen imaginäre Wurzeln entstehen und ließ beim nächsten tiefen Ausatmen die Traurigkeit durch die Wurzeln in Mutter Erde entweichen. Er verharrte noch einige Sekunden in Stille und setzte sich dann neben die Frau ans Ufer.

„Bitte lassen Sie mich in Ruhe“, drang es da schniefend aus den Haaren hervor. Die Frau hatte eine angenehme, warme Stimme, sie musste jedoch schon in mittleren Jahren sein.

„Ich bin hier, um dir zu helfen“, meinte Mister Miracle dann seelenruhig während er gedankenverloren auf das ruhige Wasser des Sees blickte.

„Wie sollten sie mir wohl helfen?“, meinte die Frau leicht trotzig, blickte aber dennoch erstmals hoch, um mehr über den Mann zu erfahren, der da plötzlich an ihrer Seite saß.

„Das weiß ich noch nicht“, meinte Miracle ehrlich, „aber wir können es ja herausfinden.“ Er korrigierte seine kerzengrade Haltung ein wenig, legte seine Hände ineinander und öffnete die Handflächen nach oben. Er atme langsam und bedächtig durch seine Nase ein und schloss erneut die Augen, nahm das Bild des ruhenden Sees mit in seine Innenwelt.

Die Frau war ein wenig irritiert. Sie verstand nicht, was der mittelalterliche Mann jetzt vorhatte. Sie spürte aber die seltsame Ruhe, die von ihm ausging und konnte sich nicht dagegen wehren, selbst ruhiger zu werden und zum ersten Mal an diesem Tag nahm sie das zauberhafte Bild, das sich ihren Augen bot, richtig wahr.

Durch den weit geöffneten Mund atmete sie tief ein und durch die Nase langsam wieder aus. Tränen des Loslassens liefen auf ihren Wangen herunter und der ureigene Atemrhythmus stellte sich nach und nach ein. Mit dem Einatmen tankte sie jetzt Energie, mit dem Ausatmen entließ sie die Gefühle der Wut, der Trauer und der Enttäuschung. Mit jedem Atemzug immer mehr.

Nach einer Weile sagte sie ruhig, während ihr noch immer Lösungstränen die Wangen herunter liefen: „Ich … Ich weiß eigentlich nicht weiter. … Ich …“, sie seufzte laut. „Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich habe keinen Plan von meiner Zukunft. … Was soll ich bloß tun?“

„Atmen“, meinte Mister Miracle ernst und seelenruhig. „Der See gibt dir die Antwort.“

Die Frau blickte verdutzt den meditierenden Mann neben sich an. „Das ist alles?“

„Ja.“ Der Hund von Mister Miracle kam in diesem Moment näher heran und setzte sich ruhig zu ihm. „Alles kommt zu seiner Zeit.“

„Na, Sie sind ja gut“, meinte die Frau und warf stürmisch und vielleicht auch ein wenig trotzig ihre langen Haare nach hinten. „Als wenn das alles so einfach wäre!“

„Das Leben ist so einfach wie das Ein- und Ausatmen, das wir in jeder Sekunde erleben. Schau auf den See, der ruhig vor dir liegt. Er fragt nicht, was morgen wird. Er ist einfach da. Er macht sich keine Sorgen, dass vielleicht ein Sturm kommen könnte oder Regen oder Kälte. Der See ist der See ist der See … Nur wir Menschen haben einen Verstand, der den Sturm an den See holt, obwohl die Sonne scheint.“

Die Frau runzelte die Stirn und blickte erst den unbeweglichen Mann an, dann den stillen Hund neben ihm, der es sich inzwischen gemütlich gemacht hatte und ebenfalls auf den See rausschaute, den Kopf auf den Pfoten.

Da schaute die Frau hinaus auf den See und versank in seinem ruhigen Anblick. Und je länger sie schaute, desto ruhiger wurden ihre Gedanken, desto ruhiger wurde ihr Atem. Der seichte Wind trocknete die Tränen und der Moment versank komplett im jetzigen Augenblick.

Plötzlich war sie nur noch Energie, sie spürte die Grenzen von sich und ihrer Umwelt zerfließen. Alles wurde eins. Alles war ein einziger, gigantischer Kreislauf von Kommen und Gehen, ein stetiger Wandel, der ganz von selbst ablief ohne Dazutun von sorgenvollen Gedanken.

Die Frau schloss die Augen, um dieses Gefühl noch tiefer erleben und die Idee der Sorglosigkeit in den Tag mitnehmen zu können. Dann sah sie auch vor ihrem inneren Auge den ruhenden See und spürte in ihrem ganzen Körper eine nie dagewesene Leichtigkeit. Alle Schwere des trüben Morgens war dahin, wie vom Winde verweht, und ihr Geist war so ruhig und unberührt wie der See, der vor ihr lag und gänzlich ungerührt den Sonnenschein des Tageslichtes reflektierte.

Plötzlich tauchte aus dem See in einem Wirbel etwas auf. Die Frau sah genauer hin: Eine alte Truhe wirbelte in einem Strudel, stieg empor und der Deckel sprang auf. Tausende Goldstücke ergossen sich in den See und sanken auf den Grund. Dann schloss sich der Deckel wieder und die Truhe versank im Strudel, das Wasser glättete sich wieder und beruhigte sich.

Die Frau dachte einen Moment nach und sagte dann laut: „Alles geschieht zu seiner Zeit, nicht wahr?“

„Ja“, war die knappe Antwort von Mister Miracle.

„Alles regelt sich im Kreislauf des Lebens – früher oder später. Ich muss nur weitermachen und meine Gedanken beruhigen. Richtig?“

Und wiederum war die Antwort nur ein schlichtes „Ja“. Die Frau schloss noch einmal die Augen und versuchte die Erinnerung an diesen Moment zu speichern.

„Wenn alles zu seiner Zeit kommt, dann wird auch für mich gesorgt, richtig? Dann kommt das Geld, das ich für Miete und Essen brauche, auch zu mir, richtig?“

Und wieder war die Antwort schlicht „Ja“.

Als sie einige Zeit später die Augen wieder öffnete, waren Mister Miracle und sein kleiner Hund schon ein Stück des Weges weiter gegangen. Sie wollte ihm nachrufen, sich bei ihm für diesen Moment bedanken, aber es kam vor Rührung kein Ton aus ihr heraus.

Sie wusste auch, dass das nicht nötig war, denn dieser Mann verstand etwas vom Kreislauf des Lebens. Er hatte ihn ihr gezeigt.

Dankbar blieb sie noch eine Weile sitzen und schaute ihm nach, wie er im Wäldchen verschwand. Dann stand sie auf und ging mit einem ruhigeren Geist nach Hause, um dort zu tun, was endlich getan werden wollte.


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