Читать книгу Sommer am Pont du Gard - Gudrun Lochte - Страница 6

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Kapitel 2

Christina war schon einige Stunden unterwegs. Nachdem sie gestern Abend ihr Ziel gefunden hatte, packte sie schnell einen Koffer und eine Reisetasche. Sie brachte die Schlüssel zu ihrer Nachbarin. Frau Jablonska war eine kleine zierliche Dame mit silbergrauem Haar. Sie half immer, wenn Not am Mann bzw. an der Frau war. Sie nahm ihre Pakete an und goss ihre Blumen, wenn sie nicht zu Hause war. Manchmal stand ein Topf mit Suppe vor der Wohnungstür. Der Mann von Frau Jablonska war früher Musiker in einem Orchester. Oft hatte sie ihn auf seinen Reisen begleitet und war so in der Welt herumgekommen. Seitdem er vor vier Jahren verstorben war, lebte sie allein mit ihrer Hündin Paula. Christina kam mit der Frau gleich in der ersten Woche im Treppenhaus ins Gespräch. Seit dem Tag hatte Frau Jablonska ein Auge auf sie. Die alte Dame freute sich immer, wenn sie mit ihr ein paar Worte wechseln konnte und sie nahm sich gerne die Zeit. Die Handynummer hatte Christina ihr vorsorglich dagelassen. Sie hatte ihr Gepäck im Auto verstaut und war losgefahren. Über Nacht war die Autobahn nicht so voll. Mit ein paar Pausen sollte sie gegen elf Uhr am nächsten Tag ihr Ziel erreicht haben.

Sie fuhr auf der Autobahn in Richtung Orange. Noch ungefähr eine Stunde, dann müsste sie da sein. Die Sonne schien, das Autoradio spielte leise, die Fahrt ging besser als gedacht. Die nächste Abfahrt bei Remoulins fuhr sie runter von der Autobahn. Es wurde Zeit, dass sie ihr Ziel erreichte, und eine Unterkunft musste sie sich auch noch suchen. Das Beste wäre, sie würde sich für zwei oder drei Nächte ein Hotelzimmer nehmen, dann hätte sie Zeit, sich nach einer kleinen Wohnung oder einem Haus umzusehen. Sie wollte den Rat der netten Bedienung in dem Bistro annehmen. Christina genoss die letzten Kilometer der Fahrt in der Sonne. Es war früh und noch nicht so heiß. Rechts der Straße lagen Weinfelder, ein paar Kilometer weiter fuhr sie an einer Ölmühle vorbei. Die Landschaft war wunderschön. Die vielen Hinweistafeln am Straßenrand wiesen den Weg zu einigen Weingütern.

Christina fand in Uzès einen Parkplatz an einer großen Kirche am Rand der Altstadt. Sie nahm ihre Handtasche, holte die Reisetasche aus dem Kofferraum und ging weiter in die Stadt hinein, wobei sie nach einem Hotel Ausschau hielt.

Es war viel Verkehr auf der Durchgangsstraße. Dabei hatten die Sommerferien in Frankreich noch nicht einmal begonnen. Da, hundert Meter vor ihr wies ein Schild auf ein Hotel hin, „Le Pont d’or“. Sie ging darauf zu, öffnete die Tür und stand in einer kleinen Halle. Die Einrichtung hatte schon bessere Zeiten gesehen, aber es sah alles sauber und ordentlich aus. Das Licht, das durch das große Fenster fiel, tauchte das Holz der Rezeption in eine warme rötliche Farbe. Am Fenster stand ein kleiner runder Tisch mit zwei schwarzen Sesseln. Niemand war zu sehen. Christina schaute sich um. Die Tür hinter der Rezeption war nur angelehnt.

„Hallo“, rief sie. Ein junges Mädchen kam mit schnellen Schritten aus dem hinteren Bereich.

„Bonjour, Madame“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln.

„Bonjour, Mademoiselle“, erwiderte Christina. „Ich suche ein Zimmer für zwei oder drei Nächte.“

„Ja, wir haben noch ein Einzelzimmer. Sie reisen doch allein?“

Das Mädchen schaute auf ihr Gepäck. Sie sprach schnell und gestikulierte dabei mit ihren Händen und ihr ganzer Körper war in Bewegung. Ein paar blonde Strähnen waren aus ihren hochgesteckten Haaren gerutscht.

„Was soll denn das Zimmer kosten?“

„51 Euro plus 5 Euro Frühstück. Sie können ein Zimmer nach vorne raus haben. Die nach hinten liegen zum Garten. Da ist es schöner und Sie haben es ruhiger.“

„Bonjour Madame.“ Eine ältere Dame trat aus dem hinteren Raum an die Rezeption. Sie war klein und zierlich, mit silbergrauem Haar.

„Excuses-moi, ich hoffe, Loulou hat sie nicht gleich überfallen.“

„Grand-mère!“, protestierte Loulou mit zusammengezogenen Augenbrauen und einem entrüsteten Blick.

„Nein, es ist alles gut, Madame.“, sagte Christina lächelnd. „Loulou hat das wunderbar gemacht. Ich würde gerne das Zimmer zum Garten nehmen.“

„Aber gerne. Ich gebe Ihnen Nummer 3 im Parterre, da haben Sie direkten Zugang zum Garten. Es ist eines unserer schönsten Zimmer.“

Loulou drehte sich schnell um und nahm den Schlüssel vom Schlüsselbrett, bevor ihre Großmutter es tun konnte. Sie reichte ihn Christina mit einem strahlenden Lächeln.

„Wenn Sie dann noch die Anmeldung ausfüllen würden. Sie können sie mir später zurückgeben und wenn Sie etwas benötigen oder eine Frage haben, nur zu. Ich helfe Ihnen gerne weiter. Mein Name ist Binette Legrand.“ Madame Legrand schob ihr ein Formular über den Tresen.

„Vielen Dank, Madame.“ Christina nahm den Schlüssel und die Anmeldung und ging an der Rezeption den Gang hinunter. Die zweite Tür auf der linken Seite war Zimmer 3. Als sie die Tür öffnete, wehten die leichten Gardinen im Wind. Die Terrassentür stand auf. Sie hörte leises plätschern von einem Brunnen. Das Zimmer war geschmackvoll eingerichtet und strahlte eine angenehme Atmosphäre aus. An der Tür zum Garten standen ein kleiner Tisch und ein zierlicher weißer Sessel. Das Bett war mit einer wunderschönen pastellgrünen Decke bedeckt. Die verschiedenen großen Kissen waren farblich genau darauf abgestimmt. Christina stellte ihre Reisetasche ab und ging in den Garten. Er lag in einem Innenhof und in der Mitte stand der Brunnen, dessen Plätschern sie schon im Zimmer gehört hatte.

Lavendel, Oleander, Rosmarin verströmten ihren Duft. Einige Pflanzen kannte sie gar nicht. Es summte und brummte, die Bienen hatten ihre helle Freude daran. Wenn diese Vielfalt erst einmal in voller Blüte war, dann würde es das Paradies sein. Mit geschlossen Augen stand sie da und zog den herrlichen Duft ein. Sie ging zurück ins Zimmer und legte sich auf das Bett. Nur ein paar Minuten ausruhen. Sie merkte jetzt die Müdigkeit nach der langen Fahrt.

Christina öffnete die Augen und schaute sich um. Sie musste sich erst besinnen, wo sie war. Wie spät war es? Ihr Blick ging zu ihrer Armbanduhr und dann setzte sie sich erschrocken auf. Es war früher Abend. Sie hatte doch tatsächlich einige Stunden geschlafen. Dabei war ihr Schlaf sehr unruhig gewesen. Zu Hause drehte sie sich auch von einer Seite auf die andere und alle Stunde wurde sie wach. Sie holte ihre Kulturtasche aus dem Reisegepäck und ging ins Bad, um sich frisch zu machen. Danach füllte sie für Madame Legrand noch schnell das Anmeldeformular aus, nahm ihre Handtasche und verließ ihr Zimmer. Vorne an der Rezeption war niemand und auch auf ihr rufen rührte sich nichts. Christina legte das Meldeformular auf den Tresen und damit es nicht herunterrutschen konnte, stellte sie den Kugelschreiberhalter darauf. Madame würde es schon sehen.

Als Christina vor das Hotel trat, wurde sie wieder von der Realität empfangen. Gerade eben war sie noch im Paradies, aber hier tobte das Leben. Auf beiden Seiten des Boulevards Gambetta parkten Autos und der Verkehr ging nur mühsam voran. Und trotzdem strahlte alles eine gewisse Leichtigkeit aus. Sie schaute sich um und entschied sich dann, rechts die Straße entlangzugehen. Alte Platanen standen auf beiden Seiten. Die Sonne schien durch das Blätterdach. Die Wurzeln der Bäume hatten im Laufe der Jahre den schwarzen Asphalt hoch gedrückt. Bistros und Cafés reiten sich aneinander. Dazwischen ein Blumenladen, eine Bank und ein Zeitschriftenladen. An der nächsten Querstraße entschied sich Christina, in die Altstadt abzubiegen. Einfach nur drauflosgehen, nicht auf die Zeit achten zu müssen. Zeit war uninteressant. Keiner wollte was von ihr. Sie konnte es noch gar nicht fassen. Auch hier reihte sich ein Geschäft an das andere. Christina blieb vor einem Schaufenster stehen und bewunderte die Auslagen in einer Parfümerie. Seifen aus der Provence, Glasflacons mit Lavendel- oder Rosenwasser und wunderschöne Seifenschalen. Sie würde die nächsten Wochen noch genug Zeit haben, alles ausgiebig zu erkunden. Auf einmal merkte sie, wie sich ihr Magen meldete. Wann hatte sie eigentlich das Letzte gegessen? Dann sah sie auf der rechten Seite ein kleines Restaurant. Genau das Richtige für heute Abend. Sie setzte sich an einen Tisch zur Straße und konnte den Blick von dem bunten Treiben gar nicht lösen. Touristen schlenderten vorbei, die Lokale füllten sich langsam. Zwei kleine Jungs spielten Fußball und dribbelten den Ball gekonnt um die Menschen herum. Ein älterer Herr mit Hut kam aus einem Büro de Tabac und schimpfte mit ihnen, weil sie ihn beinahe umgerannt hätten.

„Bitte schön, was darf es sein?“ Christina schreckte zusammen und schaute hoch. Vor ihr stand ein junger Mann. Schwarze Hose, weißes Hemd, braune Augen, lockige dunkle Haare und ein strahlendes Lächeln.

„Oh, Entschuldigung. Ich habe noch gar nicht nachgeschaut.“ Sie griff schnell zur Karte und blätterte ungeschickt die Seiten um.

„Dann schauen Sie in Ruhe. Ich komme gleich noch einmal wieder.“

Er ging an einen anderen Tisch. Christina kam sich etwas albern vor. Warum war sie so nervös? Sie studierte die Karte wieder von vorn. Ein Menü wollte sie jetzt nicht essen. Sie entschied sich für einen großen Salatteller. Dazu würde sie zur Feier des Tages ein Glas Weißwein trinken. Immerhin war dies ihr erster Urlaubstag nach langer Zeit. Sie legte die Karte auf den Tisch mit der rot-weißen Tischdecke und setzte sich entspannt zurück. Aus dem Innenraum des Restaurants erklang leise Musik. Der junge Mann kam zurück.

„Haben Sie sich entschieden?“, fragte er freundlich.

„Ich hätte gern einen großen Salatteller und ein Glas trockenen Weißwein, bitte.“ Er nahm die Karte.

„Avec plaisir.“

Christina fiel plötzlich ein, dass sie vergessen hatte, ihre Eltern anzurufen. Sie wollte ihnen doch wenigstens sagen, dass sie gut angekommen war. Sie wussten ja noch nicht, dass sie schon losgefahren war. Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und wählte die Nummer. Am anderen Ende klingelte es nur zweimal.

„Christina, endlich! Ich habe schon auf deinen Anruf gewartet.“

„Entschuldige, Mama. Ich habe es total vergessen.“

„Geht es dir gut? Wo bist du?“, sie hörte die Besorgnis aus der Stimme ihrer Mutter.

„Ich bin in Uzès in Südfrankreich und sitze gerade in einem wunderschönen kleinen Restaurant, um etwas zu essen.“

„Das ist schön. Papa hat schon dauernd gefragt, ob du dich gemeldet hast. Er hat mich ganz verrückt gemacht.“ Sie lachte leise.

„Sag ihm, dass alles in Ordnung ist. Ich melde mich wieder bei euch. Bis bald, Mama.“

„Lass es dir gutgehen, mein Schatz und pass auf dich auf.“ Christina beendete das Gespräch. Im gleichen Moment kam ihr Essen.

„Bon appétit.“ Der junge Mann stellte den Teller und das Weinglas vor sie hin. Der Salat sah köstlich aus.

„Wenn ich noch etwas für sie tun kann, sagen Sie einfach Bescheid.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen. Vielen Dank.“

Während des Essens dachte Christina an ihre Eltern. Ihnen gehörte eine kleine Reederei vor den Toren Hamburgs. Ihr Vater führte sie in dritter Generation. Nachdem er vor einigen Jahren einen Herzinfarkt hatte, wurde die Firma von seinem langjährigen Mitarbeiter Thomas Paulsen geführt. Ihr Vater hatte sich zurückgezogen, in der Gewissheit, dass die Firma bei Paulsen in den besten Händen war. Die Firma lief gut. Er konnte nicht klagen. Thomas machte das hervorragend. Wenn er in Urlaub ging, dann übernahm ihr Vater für die Zeit wieder die Führung. Es fiel ihm nach seiner Krankheit nicht leicht, kürzer zu treten.

Ihre Mutter hatte eine kleine Galerie in Hamburg, die sie gemeinsam mit einer Freundin leitete. Der Krankenhausaufenthalt ihres Vaters und die Zeit danach waren für beide schwer. Ihre Eltern mussten einen neuen Tagesablauf finden. Ihr Vater wusste nichts mit sich anzufangen. Sein ganzes Leben hatte er gearbeitet und nun sollte er auf einmal die Hände in den Schoß legen? Er war unzufrieden.

Plötzlich tauchte er vormittags in der Galerie auf und versuchte, sein handwerkliches Geschick einzubringen. Zuerst glaubten alle, dass das nicht gutgehen könnte. Er und Mama und dann noch ihre Freundin dazwischen. Aber mit viel Geduld von allen Seiten zeigte sich, dass das doch keine so schlechte Idee war. Es gab immer etwas zu tun.

Christina wurde aus ihren Gedanken geholt. Eine Drei-Mann-Kapelle stand plötzlich an der Straßenecke und machte Musik. Junge Männer mit Saxophon, Akkordeon und Geige. Die Menschen blieben stehen und hörten zu und bewegten sich im Takt der Musik. Ein kleines Mädchen in einem roten Kleid begann zu tanzen. Nach jedem Lied wanderten ein paar Münzen, manchmal sogar ein Schein, in den Hut, der auf der Straße lag. Aus irgendeinem Grund ging ihr Blick zur Eingangstür des Restaurants. Am Türrahmen lehnte ein Mann und schaute sie an. Ihre Blicke trafen sich und leicht neigte er grüßend den Kopf. Wie lange mochte er sie schon anschauen? Sie grüßte zurück. Der Mann war schlank, dunkelhaarig und er trug eine schwarze Hose und ein schwarzes Sweatshirt, die langen Ärmel lässig nach oben geschoben. Christina schaute zu den Straßenmusikern zurück. Als ihr Blick wieder in Richtung Tür ging, war der Mann fort. Sie musste zugeben, sie war etwas enttäuscht.

Der junge Mann, der sie bedient hatte, kam an ihren Tisch.

„War alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragte er.

„Danke, wunderbar. Würden Sie mir bitte einen Espresso bringen und auch gleich die Rechnung.“

„Aber gerne.“

Nachdem Christina den Espresso ausgetrunken und die Rechnung bezahlt hatte, stand sie auf und ging den Weg zurück, den sie gekommen war.

Im Hotelzimmer öffnete sie die Tür zum Garten und atmete den wunderbaren Duft ein, der über ihm lag. Sie setzte sich in einen der Liegestühle und schaute in den Himmel. Langsam schloss sie die Augen. Sie wollte nur zwei Minuten innehalten und zu sich kommen. Es war schwer. In ihrem Kopf war es plötzlich so laut. Wie konnte das sein. Es war doch so schön still. Wie konnte Stille so laut sein? Sie richtete sich auf, öffnete die Augen und atmete ein paarmal tief durch. Der Brunnen plätscherte leise und das Zirpen der Zikaden sagte ihr, dass sie doch nun endlich im Urlaub war. Sie wollte abschalten und nicht an die Arbeit denken. Was mochten die nächsten Wochen ihr bringen?

Der letzte Gast war gegangen. André stand in der Tür seines Restaurants und rauchte noch eine Zigarette. Eigentlich wollte er sich das Rauchen schon längst abgewöhnt haben, aber die letzten Wochen und Monate hatten doch Nerven gekostet. André hatte sich von Flore getrennt und mit ihr war auch seine Tochter Maelie ausgezogen. Flore und er kannten sich zu dem Zeitpunkt elf Jahre. Das erste Mal waren sie sich in Paris über den Weg gelaufen. André arbeitete in einer Werbeagentur als Texter und Flore in einer Parfümerie. Sie führten ein unbeschwertes Leben in Paris. Sie hatten eine kleine Wohnung im 3. Arrondissement gefunden. Für die zwei Zimmer bezahlten sie zwar eine horrende Miete, aber solange sie beide arbeiteten, war es machbar. Als Flore dann schwanger war, zogen sie nach Südfrankreich zurück, wo ihre Eltern lebten. Ein Kind in der Millionenstadt aufziehen, das wollten sie beide nicht. Die Schwangerschaft und die Geburt verliefen ohne Komplikationen.

André hatte irgendwann die Idee mit dem Restaurant. Dabei hatte er gar keine Erfahrung in der Gastronomie. Aber Enzo, der ein Bistro am Place aux Herbes betrieb, hatte ihm alles beigebracht. Flore und er waren eine Zeit oft zum Essen bei Enzo. Die beiden Männer kamen ins Gespräch und so ergab eins das andere. Immer wenn André eine Frage hatte, konnte er auch heute noch zu ihm kommen. Enzo wusste immer Rat. Der Zufall brachte es mit sich, dass in der Altstadt von Uzès ein Restaurant leer stand. Es lag ideal in der Fußgängerzone. Er wurde sich mit dem Vermieter schnell einig und so konnte er bald mit den Renovierungsarbeiten anfangen. Die Eröffnung war genau auf Maelies zweitem Geburtstag. Das konnte nur ein gutes Zeichen sein, so dachte André. Es kam aber alles anders. Außer einem Koch konnte er sich noch kein Personal leisten. Also musste er selbst mit ran. Morgens früh die frischen Waren einkaufen und dann ins Restaurant. Ab zwölf Uhr war geöffnet. Dann kamen die ersten Touristen und es wurde nach und nach immer voller. In der Mittagszeit war das Restaurant fast immer ausgebucht. Die Arbeit an der Bar und die Bedienung an den Tischen übernahm André selbst. War das Mittagsgeschäft vorbei, konnte er zwei Stunden nach Hause. Abends ab achtzehn Uhr war er aber schon wieder im Lokal. Die Sommermonate mit den Touristen waren anstrengend. Flore war mit dem kleinen Mädchen viel allein. Sie fühlte sich einsam und es kam immer wieder zu Streit. Zwischendurch besuchte sie für ein paar Tage ihre Eltern, die in der Camargue lebten. Nach ihrer Rückkehr ging es dann die ersten Tage gut, aber der nächste Streit ließ nicht lange auf sich warten. Maelie kam mit drei Jahren in die Vorschule und Flore bekam die Möglichkeit halbtags in einem Biskuit-Laden zu arbeiten. Das verbesserte die Situation der beiden aber nicht wirklich. Maelie wurde älter und bekam natürlich die Streitereien ihrer Eltern mit. Sie wurde immer blasser und stiller. Eines Tages, als André und Flore im Wohnzimmer wieder stritten, kam Maelie hereingestürzt. Tränen rannen ihr über die Wangen und sie rief aufgebracht:

„Ihr sollt nicht immer streiten! Ich hasse Euch!“

Sie machte kehrt, knallte mit der Tür und war schon wieder draußen. André und Flore sahen sich schuldbewusst schweigend an. Es war unverzeihlich, was sie ihrer Tochter über einen langen Zeitraum zugemutet hatten, das war ihnen jetzt klar. Dieser Moment zeigte, dass es so nicht mehr weiterging. André zog in die Wohnung über dem Restaurant. Flore blieb mit Maelie in ihrer gewohnten Umgebung. Wenn Flore länger arbeiten musste, kam das kleine Mädchen ins Restaurant und setzte sich an einen Tisch am Fenster. Dort machte sie ihre Hausaufgaben. Danach ging sie oft eine Querstraße weiter und besuchte ihre Schulfreundin Sarah.

Ein letzter Zug an der Zigarette, den Rest drückte André aus. Er machte das Licht im vorderen Teil des Restaurants aus und schloss die Tür ab.

Sommer am Pont du Gard

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