Читать книгу Pit Summerby und die Magie des Pentagramms - Hans Günter Hess - Страница 5
Wundersame Geschichten
ОглавлениеDraußen in der Natur fühlte er sich frei, und es machte ihm Spaß, auf dem Feldweg Kurvenlinien zu fahren. Nach einer Viertelstunde stand er vor dem alten Windmühlenwrack. Neugierig aber auch ängstlich trat er vorsichtig näher. Offenbar war der mittlere Balken des Bockes gebrochen, der Grund für die Schieflage des Mühlenhauses. Das Gerippe ermöglichte einen Blick ins Innere. Oben im Dach konnte man ein großes Rad erkennen, das sich auf einer hölzernen Welle befand. Das mächtige Rundholz besaß außen noch drei Stümpfe, wohl die Reste der Flügel.
Eine wundersame Geschichte, die ihm Oma in seiner Kindheit oft erzählt hatte, fiel ihm jetzt ein. Die Mühle sollte früher einmal einem Müller namens Heinrich gehört haben. Sie könne sich auch erinnern, dass man in ihrer Kindheit noch von der Heinrichsmühle sprach. Da der Klapperkasten, wie sie besonders erwähnte, immer im Wind stehen musste, hatte er auf der Rückseite einen langen Balken, auch Stert genannt, mit dem der Müller unter großem Kraftaufwand das Mühlenhaus samt Flügel in die richtige Lage drehen konnte. Dieser brach einst, zermürbt durch die ständige Benutzung. Ein neuer, geeigneter musste her. Der Müller hatte in der ‚Alten Eiche' einen leicht gebogenen kräftigen Ast ausgemacht. Weil die Menschen in der damaligen Zeit ohne eine Getreidemühle vor Ort nicht auskamen, erteilte der Dorfschulze die Genehmigung, diesen Ast herauszuschneiden, um damit den Stert zu ersetzen. Doch der Einbau brachte kein Glück. Die Mühle wurde danach ständig durch Unwetter beschädigt, bis der Müller aufgab und sie wegen der hohen Reparaturkosten nicht weiter betrieb. Die Bauern nutzten in ihrer Ausweglosigkeit wieder eine der geschmähten Wassermühlen. Auch die ‚Alte Eiche' rächte sich. Über Jahre kümmerte sie dahin und brachte keine Früchte hervor. Die Ärmsten im Dorf, die mit den Eicheln ein Schwein fütterten, litten danach große Not. Die vielen Überschwemmungen der Werla, zwei Dürrejahre und ein fürchterlicher Hagelschlag, der damals die gesamte Ernte vernichtete, wurden ihr deshalb angelastet. Jemand wollte seinerzeit eine Stimme nahe des Standortes gehört haben, die verkündete: „Fünf Jahre sollt ihr für den Frevel an meiner Krone büßen. Danach sei euch verziehen!“ Später wagte niemand mehr, den geschändeten Baum anzurühren. Er erholte sich wieder. Die Lücke in der Baumkrone aber blieb bis heute. In den fünfziger Jahren wurde der knorrige Riese zum Naturdenkmal erklärt. Er stand jetzt unter amtlichem Schutz, und niemand durfte sich an ihm vergreifen. Soweit die Überlieferung.
Pit umkreiste das sagenumwobene Bauwerk. Er suchte den Balken, den man Stert nannte. Er fand nur ein abgesplittertes Stück Holz unterhalb der Öffnung, die wohl mal eine Tür gewesen sein musste. Die Geschichte über die Mühle und ‚Alte Eiche' gab ihm zu denken. Er beschloss, diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Irgendetwas Unbekanntes trieb ihn plötzlich, sich dieser Aufgabe zu stellen. Er erinnerte sich auch an einem Sturz in der Nähe, wo er glaubte, eine Stimme gehört zu haben, die zusätzlich seine erwachende Entdeckungslust anstachelte. In den Sommerferien wollte er diesen Rätseln nachgehen, vorläufig war aber Schweigen angesagt. Er schwang sich wieder aufs Rad und fuhr in Richtung Werla. Den vor ihm liegenden Burgberg hatte die Abendsonne in eine rot leuchtende Glocke gehüllt. Nur zweimal war er bisher dort oben gewesen, fiel ihm ein. Außer Gestrüpp und ein paar Mauerresten gab es nach seiner Meinung nichts Lohnenswertes zu sehen. Die Burg, die dort gestanden haben sollte, wurde in der hiesigen Gegend als ‚Fünf-Ecken-Burg' bezeichnet. Den Grund für diese ungewöhnliche Bezeichnung kannte er nicht. Doch bald schon sollte sich das ändern.
Er bog rechts zum Fluss ab und hielt an. Am anderen Ufer standen einige Betonpfosten. Sie trugen noch immer ein verwittertes Fischgrätenmuster aus schwarz-rot-goldenen Streifen. Dort verlief vor Jahren die innerdeutsche Grenze, über die nichts Gutes erzählt wurde. Seine Mutter Bärbel stammte von drüben. Noch während der ersten Grenzöffnung vor der Wiedervereinigung hatte sie seinen Vater kennen gelernt. Ein halbes Jahr später waren sie verheiratet. Seine Verwandten im Osten besuchte er öfters. Mit dem Rad war es leicht, denn es gab inzwischen wieder eine Brücke über den Fluss. Drüben hatte er unter den Mädchen und Jungen seines Alters neue Freunde gefunden. Sie verstanden sich prima. Meistens verbrachte er aber seine Freizeit mit denen hiesigen im Ort. Es dunkelte bereits, als Pit zu Hause ankam. Sein Fahrrad ließ er einfach am Hofeingang stehen und verschwand sofort in seinem Zimmer. Eine gesunde Müdigkeit drängte ihn ins Bett. Doch vorher quälte er sich nochmals die zu lernenden Formeln ab. Es klappte noch halbwegs. Danach zog er sich aus, warf seine Sachen in alter Manier auf einen Haufen und legte sich hin. Wenig später schlief er tief und fest. Seine Mutter überzeugte sich später besorgt von seiner Anwesenheit. Kopfschüttelnd registrierte sie den neuerlichen Klamottenberg.