Читать книгу Pit Summerby und die Magie des Pentagramms - Hans Günter Hess - Страница 6

Schulalltag

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„Pit, du musst aufstehen, es wird Zeit!“, klang eine ferne Stimme. Der nächste Morgen verschlang die Minuten seiner Mutter im Eiltempo. Jule, die auch zum Unterricht musste, ließ ihr kaum Zeit für ihn. Gehetzt klopfte sie noch kurz an die Tür bevor sie ging. Als gelernte Kindergärtnerin betreute sie die Kinder in dieser Woche vormittags. Vorher ließ sich seine Schwester noch zur Schule bringen. Sein Vater bekam meist von all dem nichts mit. Er arbeitete in einem Forschungslabor der Kreisstadt und musste früh los. Der morgendliche Stress blieb deshalb an ihr hängen. Das Pochen rüttelte Pit endgültig wach. Er hatte fast verschlafen. Gerade noch rechtzeitig verließ er das Bett, duschte sich kurz ab und sprang in seine Klamotten. Mit zerknittertem T-Shirt und ungekämmtem Haar stürmte er in die Küche, trank einen Schluck Apfelmost, griff sein Frühstück und im Flur seine Schultasche. Dann schlüpfte er in seine ausgetretenen Turnschuhe. Boldi kam und zog Aufmerksamkeit heischend am Schnürsenkel. „Das fehlt gerade noch!“,

fuhr er den Hund an und verscheuchte ihn mürrisch. Gott sei Dank hatte sich das Band nicht gelöst, denn das Auf- und Zubinden betrachtete er nur als lästige Mühe. Die nächste Hürde erwartete ihn im Hof. Das Rad, wo hatte er es abgestellt? Vorsorglich von seinem Vater noch am Abend zuvor in der Garage eingeschlossen, konnte er es nirgends entdecken. Ihn juckten meist solche Vorkehrungen weniger, es handelte sich schließlich nicht um sein Geld, das man für so einen Renner aufbringen musste. „Verdammt, jetzt ist die Karre auch noch weg.“,

schimpfte er entmutigt. Im letzten Moment dachte er an die Garage. Glücklicherweise war sie nicht verschlossen. Die Tür ließ er danach einfach offen.

„Mist! Heute ist ja Sport, da brauche ich mein Sportzeug“,

fiel ihm gerade noch rechtzeitig ein. Er rannte zurück ins Haus, holte den Beutel, sprang aufs Rad und raste davon. So wie heute Morgen bestritt er schon seit geraumer Zeit sein Dasein, leichtfertig und wenig rücksichtsvoll.

Da Burgroda etwas abseits lag, gab es nur eine schmale asphaltierte Zugangsstraße von Neuburgroda. Als der jüngere Ort, stellte er aber den größeren von beiden Gemeinden. Er lag an einer alten Handelsstraße und verfügte seit 1915 über einen Bahnanschluss. Die Bevölkerung entwickelte sich aufgrund der günstigeren Verkehrslage und der damit verbundenen wirtschaftlichen Entwicklung schneller und besaß deswegen die vierfache Einwohnerzahl gegenüber ihrem älteren und kleineren Nachbarn. Heute befanden sich dort auch das Verwaltungszentrum und die Albert-Schweitzer-Gesamtschule. Burgroda gehörte jetzt nur als ein Ortsteil zum Gemeindeverband.

Pit trat in die Pedalen. Wenn er Pech hatte, würde er sich verspäten. Er fuhr als Einziger nicht mit dem Schulbus, auch nicht bei schlechtem Wetter. Trotz häufiger Spötteleien seiner Schulfreunde ließ er sich nicht davon abbringen. Schließlich gab es Prinzipien. Der Schulhof empfing ihn mit gähnender Leere. Er schloss sein Fahrrad an einen Zaunpfosten, denn im Fahrradständer gab es keinen Platz. Dann hastete er ins Schulhaus. Vor dem Klassenzimmer im Erdgeschoss stand zu allen Übeln auch noch Rektor Hirschwald. Er hatte die offene Tür noch in der Hand.

„Na, Pit, hast du verpennt?“,

empfing er ihn und stellte sich in den Weg.

„Stimmt, Herr Hirschwald. Entschuldigung. Soll nicht mehr vorkommen!“.

stammelte er verlegen.

„Los, rein!“,

kommandierte der Rektor ärgerlich und gab den Weg frei. Pit stürzte in die Klasse. Fast wäre er gestolpert. Alle lachten. Leicht verwirrt nahm er auf seinem Stuhl neben Fauli Platz. Da erst bemerkte er, dass vorn am Lehrertisch eine junge Frau saß. Sie trug ein rosa T-Shirt. Das passte zu ihrer Gesichtsfarbe. Auf ihrer Nase ruhte eine schmale Brille. Das Haar trug sie streng nach hinten gekämmt. Fauli flüstert, als er Pits verdutzten Blick bemerkte:

„Das ist Frau Seidenfad, die neue Referendarin. Sie soll heute Berg vertreten, der hat was in der Stadt zu tun ".

Jemand hinter ihnen kicherte.

„Miss Piggy“ stand auf einem Zettel, der rumgereicht wurde. Das Kichern und Lachen hörte man noch öfter. Die junge Frau schaute ins offene Klassenbuch und machte Anwesenheitskontrolle. Einige hatte sie schon abgehakt. Pits Erscheinen quittierte sie mit einem strengen Blick, unterließ es aber, etwas zu sagen. Der Rektor hatte ja schon seinen Segen gegeben.

„Martin Faulstich“,

fuhr sie fort. Fauli sagte:

„Ja!“

und hob dabei die Hand. Sie blickte kurz auf und musterte ihn. Der nächste Aufruf galt Giuseppe Fellini, er drehte als Sitzenbleiber eine Ehrenrunde in der 7 b. Jetzt schoss er in die Höhe und antwortetet mit singender Stimme „Jaaaa“. Wieder lachten viele. Irritiert schaute die junge Frau zu ihm hin. Vor ihren Augen posierte ein hoch gewachsener Junge mit langen dunklen Haaren und einem ausgesprochenen südländischen Teint. Obwohl erst vierzehn Jahre, sah er aus wie siebzehn. Er besaß den Ruf, der größte Casanova an der Schule zu sein und hatte in den oberen Klassen schon vielen Mädchen erfolgreich den Hof gemacht. Triumphierend checkte er die Runde. Doch die Referendarin beachtete ihn nicht weiter. Sie rief den Nächsten auf.

„Reinhard Katzmann“,

so lautete Stinkis richtiger Name, wurde aufgerufen. Er saß hinten allein auf der Bank.

„ Hier!“ rief er, meldete sich aber nicht. ‚Miss Piggy‘ sah sich suchend um.

„Bist du das da hinten?“,

fragte sie.

„Warum meldest du dich nicht?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Komm vor und setz dich neben das Mädchen in der zweiten Reihe!“

„Iiih“;

schrieen Einige,

„der doch nicht, der stinkt!“

Am lautesten protestierte Locke. Zu ihr sollte er sich nämlich setzen.

„Wenn der vor kommt, haue ich ab“,

drohte sie. Ihr blonder Lockenschopf hatte ihr zu dem Beinamen verholfen. Eigentlich hieß sie Floriane Dietzel. Sie war nicht nur hübsch sondern auch gut entwickelt. Das wusste sie und betonte ihre körperlichen Reize mit entsprechenden Klamotten. Die Ohren und den Bauchnabel schmückten Piercings. In der Klasse suchte sie keine Freundschaften. Anscheinend legte sie auch keinen Wert darauf. Das Hauptfeld ihrer Aktivitäten lag bei den Jungen der Zehnten. Ihren Zwillingsbruder Florian, auch Flori genannt, mochten dagegen alle. Sein Herz gehörte dem Fußball. Er spielte in der hiesigen A-Jugend. Aufgebracht herrschte er seine Schwester an:

„Sei nicht so zickig, Locke, sonst gibt es Stress!“

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, hielt aber den Mund. Ratlos verfolgte die Referendarin dem Geplänkelt. Für eine derartige Situation besaß sie kein Rezept. Im Studium wurden solche Probleme nicht besprochen. Mit der Fortsetzung der Anwesenheitskontrolle wollte sie jetzt ihre Unsicherheit überdecken. Deshalb rief sie Pit auf:

„Peter Summerby!“

Der saß geistesabwesend da, reagierte nicht. In Gedanken wiederholte er nämlich die Binomischen Formeln. Es klappte noch, das machte ihn froh. Fauli knuffte ihn in den Arm:

„Alter, du bist dran!“

Pit schaute verwundert auf. Er sollte gerade einen Abwesenheitsstrich bekommen.

„Hier bin ich“,

protestierte er,

„aber ich heiße Pit und nicht anders.“

„Gut“,

entgegnete sie,

„ich werde es mir merken.“

Nach einer Viertelstunde schloss sie endlich die Kontrolle ab. Die dadurch ausgelöste Unruhe in der Klasse steigerte sich inzwischen so, dass kaum einer merkte, wie eine Überschrift an die Tafel geschrieben wurde. Die junge Frau versuchte händeringend, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jetzt, wo sie stand, wurde noch deutlicher, wie treffend die Bezeichnung ‚Miss Piggy‘ zu ihr passte. Nicht besonders groß, mit einer molligen Figur, ergänzte sie diesen Eindruck. Bei Sprechen schob sie ihren Mund vor. So hätte sie auch gut in die ‚Muppet- Show‘ gepasst. Irgendwie spürte man das auch. Plötzlich forderte sie mit schriller Stimme Ruhe ein. Erschrocken folgte ein Großteil der Klasse, und es wurde danach merklich leiser.

„Euer Klassenlehrer hat euch aufgetragen, die Binomischen Formeln übers Wochenende zu lernen “,

begann sie und schaute ins Klassenbuch.

„Giuseppe, wie lautet die Erste?“

„Pech für Fellini“,

dachte Pit,

„warum benimmt er sich immer so auffällig?“

Selbstgefällig tönte selbiger:

„Ich kann sie nicht, weil ich diesen Quatsch sowieso nicht brauche, wenn ich Schlagersänger werde.“

„Du musst es ja wissen. Dafür gibt es nur ein ‚ungenügend‘ “,

lautete die Konsequenz. Meli meldete sich. Miss Piggy, der Spitzname hatte inzwischen die Runde gemacht, hörte sie ab und lobte die fehlerfreie Ansage. Mia, ihre Banknachbarin, sollte sie an die Tafel schreiben. Nur zögernd, fast ängstlich bewegte sie sich nach vorne. Körperlich konnte sie mit den anderen Mädchen nicht mithalten. Klein und durch eine Krankheit geschwächt, litt sie fürchterlich unter diesem Makel. Das prägte auch ihr Selbstbewusstsein. Sie reichte kaum an die Stelle auf der Tafel, wo sie die Formel hinschreiben sollte. Meli sprang nach vorne, zog die Schreibfläche runter und blieb neben ihr stehen. Sie nickte und ermutigte ihre Banknachbarin mit einem aufmunternden Blick. Erst jetzt schrieb Mia die Gleichung sauber und einwandfrei an. Gleichzeitig senkten einige ihre Köpfe in der Hoffnung, nicht dran zu kommen. Pit meldete sich. Die Referendarin missachtete seinen erhobenen Finger und forderte stattdessen Stinki auf, die zweite Formel aufzusagen. Der trug sie fließend vor, er hatte ja die Tafel als Vorlage, ersetzte nur Plus durch Minus.

„Es gibt einen Fehler, denke nach!“

Der Erwähnte, überzeugt alles richtig gemacht zu haben, schaute verlegen auf seine Bank. Pit und Meli meldeten sich. Diesmal bekam er den Vorzug und sollte die Formel entsprechend berichtigen. Unbeholfen, ganz gegen seine Gewohnheit, hechtete er an nach vorne und wäre beinahe gestürzt. Mit krakeliger Schrift schrieb er die zweite an. „Richtig“,

lobte Miss Piggy,

„und nun du da hinten, hast du den Fehler erkannt?“

Stinki knurrte so etwas wie „Ja“. Er hätte auch gerne mal ein Lob kassiert. Die dritte Formel musste Anne ansagen. Weil sie richtig geantwortet hatte, durfte sie sie auch gleich anschreiben. Der Unterrichtsablauf normalisierte sich wieder. Offenbar übertrug sich das auch auf die junge Anwärterin, die wieder sicherer wurde. Sie ließ noch von Anne die Tafel schließen, um so den Anschrieb zu verdecken.

„Jetzt bin ich gespannt, wer die drei Formeln fehlerfrei zustande bringt“,

wandte sie sich erneut an die Klasse. Gespannte Ruhe. Pit und Meli hoben zögernd die Hände. Ihr Blick fiel wieder auf Pit. Mit einem wohlwollenden „Mach mal, Pit!“ forderte sie ihn diesmal auf. Leiernd und fehlerlos präsentierte er das mühsam Gelernte. Dass sie ihn Pit genannt hatte, schätzte er besonders.

„Das war eine sehr gute Leistung“,

lobte sie zudem,

„ich werde es Herrn Berg übermitteln.“

Sie ‚Miss Piggy‘ zu nennen, kam ihn nach den anerkennenden Worten plötzlich respektlos vor. Aufmerksam folgte er jetzt dem Unterricht, fand ihn sogar interessant. Sie kündigte den nächsten Schwerpunkt, nämlich die ‚Anwendung und Nützlichkeit der Formeln‘ in allen möglichen Situationen an. Einige notierten den Tafeltext. Danach ergänzte sie mündlich:

„Berechne mit Hilfe einer Binomischen Formel das Quadrat von 21 im Kopf!“

Zusätzlich schrieb sie die Aufgabe 21² an die Tafel. Dicki meldete sich wie verrückt. Auch Meli hob den Arm. Er bekam aber den Zuschlag:

„Du da hast das Ergebnis schon?“

„241“

verkündete er stolz und schaute sich triumphierend in der Klasse um.

„Gut !“,

quittierte sie die Antwort,

„Nun erkläre uns noch, wie du die Lösung gefunden hast.“

Dicki wurde puterrot und murmelte:

„Das kann ich nicht!“

Einige Proteststimmen riefen:

„Der hat doch den Taschenrechner benutzt, der ist doch viel zu blöd, um die Lösung im Kopf zu finden.“

Dicki besaß tatsächlich einen raffiniert getarnten Rechner in seiner Federmappe, von dem keiner wissen sollte. Jetzt hatten sie ihn entlarvt, das machte ihn missmutig und schweigsam, er schaltete um auf stur. Die Referendarin verzichtete auf weiteres Nachfragen und ließ Meli als Nächste vortragen. Sie bestätigte das Resultat und erklärte auch, wie sie gerechnet hatte, nur es entsprach nicht der Aufgabenstellung. Da sich niemand mehr meldete, sollte Fauli überlegen, wie man denn mittels der Formeln rechnen könnte.

„Mit so einem Klimbim befasse ich mich erst gar nicht, wozu gibt es denn einen Taschenrechner“,

antwortete er aufmüpfig und bekam von mehreren Seiten Zustimmung. Verärgert über ihn, versuchte nun die junge Frau, ihm die Unsinnigkeit seiner Antwort zu erklären. Sie stieß aber bei den meisten Schülern auf Ablehnung. Er wurde zunehmend lauter, und der Unterricht geriet erneut aus den Fugen. Sie beschloss, an einigen Beispielen den Rechenweg zu erläutern. Die Zahl 21 zerlegte sie in die Summe 20 + 1, klammerte sie und erhob sie ins Quadrat. Jetzt wollte sie wissen, ob jemandem eine Gemeinsamkeit zu den Formeln aufgefallen sei. Da nur noch Wenige zuhörten, war die Resonanz mager. Anne meldete sich.

„Man könnte für a die 20 einsetzen und für b die 1. Dann braucht man nur noch im Rest der Formel das Gleiche tun.“

Frau Seidenfad nickte zustimmend und ergänzte an der Tafel: 20² + 2 x 20 x 1 + 1².

„Das kann man relativ leicht im Kopf ausrechnen“,

überlegte Pit. Er merkte, dass man auf diese Weise schnell und einfach zu einem Ergebnis kam. Auf einmal schien es ihm nützlich, die Formeln zu kennen. Leider betraf es nur Wenige, die so dachten wie er. Die Meisten schienen davon überzeugt, dass im Zeitalter des Taschenrechners solche Gehirnakrobatik überflüssig sei. Im zunehmenden Tumult ging die Stunde zu Ende. Alle waren froh, sicherlich auch die Referendarin. Sie packte ihre Tasche und verließ wortlos den Raum.

In der beginnenden kleinen Pause spielte der verkorkste Unterricht schon keine Rolle mehr. Man tauschte vielmehr Neuigkeiten vom letzten Wochenende aus. Es klingelte. Frau Engelmann trat in die Klasse, jeder suchte schnell seinen Platz auf. Dann wurde es still. „Guten Morgen“, grüßte sie, warf einen Blick in die Anwesenheitsliste, schaute in die Runde, nickte und schloss das Klassenbuch wieder. Ihr Gruß wurde nur von Einigen erwidert. Straff und ohne Kompromisse führte sie die Klasse durch die Literaturstunde. Lessings Fabeln standen auf dem Plan. Die Geschichte vom ‚Fuchs und dem Raben‘ sollte heute tiefgründiger beleuchtet werden. Am Schluss forderte sie Locke auf, herauszuarbeiten, was Lessing den Menschen mittels der Tiersprache wohl sagen wollte.

„Der Fuchs hat dem Raben den Käse abgeschwatzt.“,

so ihre Antwort,

„Oder?“

„Bei dir wundere ich mich nicht, Floriane, du solltest vielleicht noch mal über deine Antwort nachdenken“,

wurde ihr geraten. Locke schaute verdutzt in die Runde. Sie konnte sich keinen Reim auf die Bemerkung machen, außerdem hatte sie andere Sachen im Kopf. Da klingelte es schon wieder. Das deutliche „Auf Wiedersehen!“ der Lehrerin ignorierten wieder die meisten, gedanklich befanden sie sich bereits in der großen Pause.

Auf dem Schulhof liefen fast alle auseinander. Die Clique traf sich hinten am Zaun unter der Linde. Nur Fauli fehlte noch, er hatte seit einiger Zeit ein Auge auf Anne geworfen und wollte sie heute abpassen. Sie ging aber an ihm vorbei, schenkte ihm nicht mal einen Blick. Enttäuscht gesellte er sich zurück zur Truppe. Die diskutierte bereits heftig über seinen Ausrutscher in der Mathestunde. Pit befand, dass der Unterricht der Referendarin gar nicht so übel gewesen sei und bekam Zustimmung von Meli. Er schlug vor, sie künftig wieder Frau Seidenfad zu nennen, erntete aber nicht die ungeteilte Zustimmung der Anderen. Dicki präsentierte eine Tüte mit Spritzgebäck. Gönnerhaft reichte er sie rum. Stinki und Fauli nahmen ein Teil, Pit und Meli lehnten dankend ab. Er selbst vertilgte genüsslich den größten Teil des Restes. Unerwartet näherte sich Rocky aus der 8b mit seinen beiden Kumpanen Schlepptau. In ihren Punkerklamotten fielen sie sofort auf. Provozierend baute sich Rocky vor Dicki auf.

„Na, du alter Fresssack, stopfst dich wieder voll? Wenn’s mal knallt, dann weißt du warum, dann bist du nämlich geplatzt.“

Danach lachte das Trio wiehernd über den vermeintlichen Spaß. Der Geschmähte wich ängstlich zurück. Stinki ging drohend auf sie zu.

„Halt dein blödes Maul und verzieh dich, sonst kriegst du eins aufs Zifferblatt!“

Er überragte Rocky mindestens um Kopfgröße. Alle wussten, dass Stinki unangenehm werden konnte. Die Kerle quittierten seine Ansage zwar mit einem höhnischen Lacher, verzogen sich aber.

„Den werde ich noch mal wie eine Laus zerquetschen“,

stieß der Hüne ärgerlich hervor, und das galt als eine ernst zu nehmende Drohung. Rocky, der Sohn eines Autohändlers, mimte seit längeren den Großkotz auf dem Pausenhof. Er verfügte über reichlich Geld. Damit kaufte er sich ihm willfährige Freundschaften. Seine beiden Kumpane durften schon mal heimlich im Feld mit einem Golf fahren, den er wiederholt aus der Firma seines Vaters heimlich ‚entlieh‘. Das Punkertrio hatte außerdem noch eine Menge anderer Übeltaten auf dem Kerbholz. Sie brachten dadurch auch ständig die Schule in Verruf. Leider konnte oder wollte man ihnen viele der kriminellen Machenschaften nicht nachweisen. Auch jetzt verdrückten sie sich in eine abgelegene Ecke des Schulhofes. Sicherlich rauchten sie dort Gras.

Draußen vor dem Schulgelände knutschte Locke mit einem aus der Zehnten. Sie erprobte so im Laufe des Schuljahres fast das gesamte männliche Potenzial der oberen Klassen. Nur fünf Jungen kamen nicht zum Zuge, blieben ungeküsst auf der Strecke. Entweder sie wollten nicht, oder Locke lehnte sie ab. Einer von denen verzieh ihr das nicht, war deswegen stinksauer auf sie. Etwas abseits hinter einem Busch standen drei weitere Mädchen aus Pits Klasse. Zusammen mit einigen Jungen aus den achten Klassen rauchten sie. Eine blickte ängstlich zur Hofaufsicht. Sie wollte nicht erkannt werden. Da sie draußen auf der Straße standen, schützte sie das wenigstens vor den Zugriffen der Aufsichtslehrer. Am nächsten Tag sollte es aber aus diesem Grunde gewaltigen Ärger geben.

Das Vorklingeln der dritten Stunde ertönte. Schubsend und drängelnd bewegte sich der Schülerpulk zum Eingangsportal. Die Großen etwas langsamer als die Kleinen. An der Tür wurden die Drängelei und das Geschrei noch ärger. Frau Birnstiel als Aufsichtsführende stieß man zur Seite, als sie versuchte, Ordnung zu schaffen. Erst als die Größeren kamen, ging es etwas gesitteter zu.

Schließlich befand sich das Gros im Schulhaus. Auch die Lehrerin verschwand. Rocky und seine Gang tauchten verspätet auf. Mit Absicht. Da es bereits zur Stunde geklingelt hatte, wurden sie nicht mehr in die Klasse gelassen. Darauf zielten sie scheinbar ab. Ungestört inspizierten sie in den Fluren die Feuerlöscher und zogen sich dann in eine Ecke zurück. An ihrem Getuschel konnte man erraten, dass sie etwas planten. Rektor Hirschwald kam aus dem Sekretariat und erwischte das Trio. Sie gaben sich als Unschuldslämmer aus und beschwerten sich über den Lehrer, der sie nicht mehr in die Klasse gelassen hatte, dabei ihre Pünktlichkeit beschwörend. Der Rektor versprach Klärung und ging. Als sich die Luft wieder reinigte, schlich Rocky zur Kellertreppe und hob einen Pulverfeuerlöscher aus der Halterung. Verdeckt unter seiner Jacke schaffte er ihn rasch ins Obergeschoss. Seine Kumpane hatte er beauftragt, Schmiere zu stehen. Als sie das Zeichen gaben, dass nichts zu befürchten sei, versteckte er das Gerät im Lichthof unter einem Blumenkasten. Da hier nur zweimal pro Woche gereinigt wurde, rechneten sie kaum mit einer Entdeckung. Dann verdrückte sich die Gang wieder unauffällig in eine Ecke. Der erste Teil eines unrühmlichen Unfugs schien geglückt.

In der dritten Stunde stand Sozialkunde auf dem Plan. Herr Specht, ein Lehrer kurz vor der Pensionierung, ließ sich über die Geschäftsfähigkeit im Kindes- und Jugendalter aus. Er wirkte müde und antriebslos. Das Stundenthema trug er emotionslos vor, schrieb einiges an die Tafel und ließ sich auf kein Gespräch mit den Schülern ein. Bei Vielen unterrichtete er schon ihre Väter und Mütter. Früher galt er als ein sehr beliebter Lehrer. Die meisten Eltern duldeten es deshalb nicht, dass ihre Sprösslinge respektlos auftraten. Deswegen ließen sie den Unterricht meist auch geduldig über sich ergehen. Stinki schlief sogar, wurde aber nicht gerügt. Ohne besondere Vorkommnisse ging die Stunde zu Ende.

In der Pause gähnte einer.

„War das ätzend langweilig!“

Aber niemand beachtete die Bemerkung. Dicki verdrückte noch schnell das letzte Gebäckstück. Einige rannten aufs Klo. Meli kam zu Pit und Fauli.

„Habe Lust, morgen baden zu gehen. Kommt ihr mit?“

Pit hatte Lust.

„Wenn mich meine Alten weglassen, komme ich auch“,

knurrte Fauli ärgerlich, denn er stand noch immer unter Stubenarrest. Stinki hatte im Unterschied zum Waschwasser keine Berührungsängste mit dem Baggersee. Seine Zusage stand so gut wie sicher fest. Dicki faselte etwas von Internet, als sie ihn fragten. Schließlich sagte er aber zu, damit sie ihn in Ruhe ließen.

Die Zacher erschien mit gewohnt forschem Schritt in der Klasse. Sie, eine etwa 30-jährige attraktive Frau, trat stets sehr energisch auf. Ihren Unterricht gestaltete sie interessant. Sie begrüßte die Schüler freundlich, aber bestimmt. Nachlässigkeiten wurden von ihr nicht geduldet. Am Anfang des Schuljahres hatte sie das Grüßen mehrfach exerziert, als es nicht klappen wollte. Heute ertönte von allen:

„Guten Morgen, Frau Zacher!“,

zurück. Die Meisten hatten auch vorschriftsmäßig Lehrbuch und Biologieheft vor sich liegen. Mit einem kurzen Blick überflog sie die Klasse, nickte und forderte Flori auf, kurz auf den Inhalt der letzten Stunde einzugehen.

„Wir haben die Buchengewächse behandelt, speziell die Rotbuche“,

antwortete er. Dann begann er alles, was er über die Rotbuche wusste, vorzutragen.

„Ist gut, Flori“,

bremste sie seinen Eifer,

„ich merke, du weißt Bescheid.“

Fast enttäuscht hielt er inne. Sie konnten sich beide offenbar gut leiden, Flori gehörte zu den Besten in ihrem Unterricht.

„Du hast deine Eins sicher.“

Damit beendete sie die Wiederholung, und der Gelobte strahlte.

„Ein weiteres Buchengewächs steht auf dem Programm“,

verkündete sie danach.

„Wer kennt eins?“

„Weißbuche“, „Blutbuche“,

lauteten die einzigen Antworten.

„Alles richtig“,

bestätigte die Lehrerin,

„ich meine aber die Eiche.“

Fast alle blickten sich ungläubig um. Anne wagte sogar, Widerspruch anzumelden.

„Sind Sie ganz sicher, Frau Zacher, irren Sie sich auch nicht?“

„Warum sollte ich nicht sicher sein?“

lachte sie und schrieb mit gelber Kreide ‚Die Eiche‘ an die Tafel. Um zu betonen, dass sie zu den Buchengewächsen gehörte, ergänzte sie in der zweiten Zeile mit weißer Kreide: ‚gehört zur Familie der Buchengewächse (lat. Fagaceae)‘. Anne guckte etwas betreten. Alle schrieben im Heft mit, was sonst weniger üblich war. In der Einleitung trug sie der Klasse vor, dass zirka 600 verschiedene Arten von Eichen auf der Welt vertreten wären, als Bäume oder auch als Büsche. In den wärmeren Ländern gäbe es immergrüne Arten im Vergleich zu den Eichen in Deutschland. Alle kannten die ‚Alte Eiche' in der Werlaaue und stimmten zu. Dann fuhr sie fort. Baumeichen könnten sehr groß und alt werden. Ihr Stammdurchmesser messe mitunter drei Meter und mehr, und sie könnten Höhen bis zu fünfzig Metern erreichen. Am liebsten würden sie einen feuchten und lehmhaltigen Boden bevorzugen, wüchsen aber auch auf lehmigen Sandböden. Eine starke, tief in die Erde reichende Pfahlwurzel sichere ihren Wasserbedarf und verleihe ihr neben mehreren regelmäßig verteilten Flachwurzeln eine hohe Standfestigkeit. Sie könnten mehr als 1000 Jahre alt werden. Im Mittelalter hätten sie eine große wirtschaftliche Bedeutung gehabt und wurden außerdem in der Heilkunde verwendet. In der Antike und auch später galten sie als Sitz von Göttern. Zudem wurden damals die Plätze unter Eichen als besondere Orte von den Menschen angesehen. Es gäbe viele mythische Geschichten um diese Bäume, die bis in die heutige Zeit hinein wirkten. Als Beispiel nannte sie das Eichenlaub auf den deutschen Euro-Cent-Münzen. Damit schloss sie ihren Vortrag und befragte die Klasse nach Kenntnissen bezüglich des Baumes. Pit meldete sich.

„Ich weiß, dass man Korken und Schuhsohlen aus einer südländischen Eiche macht.“ „Richtig!“.

„Diese Eichen heißen Korkeichen und wachsen im Süden, zum Beispiel in Ländern wie Portugal, Spanien und anderen rund ums Mittelmeer. Die Korken und vieles mehr würden aus der Rinde gewonnen. Dazu müssten die Bäume alle zehn Jahre geschält werden. Soviel Zeit seit nötig, um eine neue, verwertbare Rinde auszubilden.“

Bingo meldete sich. Er habe gehört, dass in einer spanischen Region Schweine mit den Eicheln größerer Eichenhaine aufgezogen werden. Die Schweine lebten dort in freier Natur und müssten sich ihre Nahrung selbst suchen. Dadurch wüchsen sie langsamer, ihr Fleisch wäre aber dann besonders zart und hätte einen exzellenten Geschmack. Der daraus hergestellte Schinken sei bei Kennern in der ganzen Welt sehr beliebt, wäre aber so teuer, dass sich nur Millionäre den Genuss leisten könnten. Frau Zacher zeigte sich beeindruckt und sagte das auch. Sie konnte Bingos Beitrag nicht bestätigen, weil sie darüber noch nichts gehört hatte.

„Ich weiß, Henning, dass man früher die Schweine mit Eicheln gefüttert hat und dass Wildschweine heute noch gern nach Eicheln graben. Ihr seht, mein Wissen über Eichen ist auch nicht vollständig. Es gibt sicherlich noch viel Unbekanntes, das man erforschen könnte. Ich werde euch am Ende der Stunde dazu einen Vorschlag machen“,

versprach sie. Als das Stichwort ‚Eichel’ fiel, meldete sich Locke ununterbrochen.

„Na, was hast du zum Thema ‚Eichel’ zu sagen?“,

sollte sie jetzt darlegen.

„Ich habe gehört, dass die Jungen da unten an ihrem Ding etwas haben, was man auch Eichel nennt, oder?“

Sie schaute herausfordernd in die Runde und kicherte. Einige Kerle johlten kurz, hörten aber sofort wieder auf, weil sie auf die Antwort der Lehrerin lauerten.

„Eigentlich müsstest du Bescheid wissen, Floriane. In der sechsten Klasse haben wir bereits über die Geschlechtsmerkmale von Mann und Frau gesprochen. Das Ding da unten heißt Penis, und der vordere Teil wird wegen seiner Form Eichel genannt. Möglicherweise hast du da gefehlt oder nicht aufgepasst“,

antwortete sie im sachlichen Ton. Locke errötete und senkte beschämt ihren Kopf. Sie schwieg. Die Blamage schien ihr unter die Haut gefahren zu sein. Mit einem Lächeln lenkte Frau Zacher das Gespräch auf die in Deutschland am meisten beheimatete Eichenart. Sie schrieb an die Tafel ‚Die Stieleiche‘ und darunter in Klammern ‚lat. Quercus robur'. Dann erklärte sie, dass dieser Baum wegen seiner Robustheit als Symbol für Stärke, Ausdauer und Standfestigkeit galt und gilt, daher auch die Bezeichnung ‚robur’; und dass es darüber auch deutsches Liedgut gäbe und dass er bereits im 12. Jahrhundert zum deutschen Wappenbaum erklärt wurde. Kaum Einer wusste darüber etwas. Ein Großteil davon interessierte sich vermutlich auch jetzt nicht für diese Tatsache. Davon ging ebenfalls die Lehrerin aus. Sie forderte deshalb im nächsten Stundenabschnitt von der Klasse, mittels Lehrbuch folgende Schwerpunkte herauszuarbeiten:

-Kurze Beschreibung der Stieleiche

-Verbreitungsgebiete in Deutschland

-Nutzung früher und heute

Die Aufgabe erwies sich nicht als besonders schwierig, weil im Buch sowieso nur das Wesentlichste stand. Die Mehrzahl bearbeitete schon den zweiten Punkt, als sich Meli meldete.

„Frau Zacher, was ich nicht verstehe“,

fragte sie,

„wenn die Stieleiche eine typischen deutsche Eiche ist und noch dazu Symbolbaum der Deutschen, warum gibt es bis auf die ‚Alte Eiche' in der Werlaaue weit und breit keine Eichen?“

„Das stimmt so nicht, in den Laubwäldern des nahen Kurlandes ist sie vereinzelt vertreten. Dass es hier keine Eichenwälder mehr gibt, hat einen Grund. Die Eiche galt bei den Germanen als Sitz des Donnergottes Donar und wurde als religiöser Baum verehrt. Im Zuge der Christianisierung ließ der ‚Heilige Bonifatius‘ als Apostel der Deutschen im Jahr 725 die so genannte Donareiche bei Fritzlar fällen, um den zu bekehrenden heidnischen Germanen zu beweisen, dass ihr Gott ohnmächtig sei und sie nicht schützen könne. Danach wurden noch viele Eichen gefällt, so dass man sie in manchen Regionen gar nicht oder nur selten antrifft.“

Diese Antwort hatte keiner erwartet. Bei einigen erweckte sie deshalb Neugier und Interesse. Für Pit eröffnete sich eine neue Dimension. Er wollte sofort noch weitere Fragen stellen. Die Lehrerin blockte aber ab, ließ sich von Anne, Bingo und Fauli den Inhalt ihrer Ausarbeitungen vortragen, korrigierte kurz und ordnete an, zu Hause das Ganze noch einmal gründlich in Augenschein zu nehmen. Dann kündigte sie an, in der Projektwoche wäre es bestimmt von Bedeutung, wenn man zu dem von ihr geplanten Vorhaben ‚Alte Eiche' solide Grundkenntnisse zusammen trüge. Sie würde es selbst betreuen und dazu die entsprechenden Aufgaben im Schaukasten des Flures aushängen. Flori sollte als Klassensprecher Interessierte in einer Liste erfassen und diese bis Freitag bei ihr abliefern. Damit beendete sie die Stunde. Keiner maulte darüber, dass die Stunde bereits mit zwei Minuten über der Zeit lag.

Henning von Schambach stürzte zur Klassentür und hielt Frau Zacher auf.

„Zu Hause haben wir noch eine große Scheibe, die irgendjemand mal aus einem Eichenstamm geschnitten hat. Kann ich die zur Projektwoche mitbringen.“ „Selbstverständlich, damit kann man viele Dinge über den Baum erfahren.“

„Bingo, das mach ich!“,

lautete seine übliche Reaktion und öffnete ihr galant die Tür. Er quittierte alles, was er verstanden hatte oder seine Zustimmung fand, mit ‚Bingo’. Folgerichtig gab man ihn diesen Beinamen, den er auch widerspruchslos akzeptierte. Ansonsten forderte er nichts ein, was auf seine adlige Herkunft schließen ließ. Er trug ziemlich abgewetzte Jeans und zerschlissene Sportschuhe. Seine T-Shirts, oft genauso ausgewaschen und zerknittert wie die der anderen, deuteten eher auf eine ärmliche Abstammung. Seine natürliche Art kam bei Gleichaltrigen und Lehrern sehr gut an. Heimlich versuchten einige Mädchen und Jungen, seine Höflichkeit und galante Art zu übernehmen, was mitunter in einer lächerlichen Pose endete. Seinem Vater, Baron Baldur von Schambach, gehörte das Rittergut, etwas außerhalb des Dorfes gelegen. Seine Mutter stammte aus dem Dorf. Im Ort sprach man immer noch respektvoll von Herrn Baron und Frau Baronin, so wie man es von früher kannte. Bingos Eltern hörten das gar nicht gern, sie wollten Gleiche unter Gleichen und für die Kinder im Dorf Herr und Frau Schambach sein sowie für die Älteren Baldur und Ruth. Auf ihren Äckern betrieben sie ökologischen Landbau und hatten den größten Teil der Ländereien in der Gemarkung Burgroda unterm Pflug. Außerdem besaßen sie im Kurland einige Hektar Laub- und Nadelwald. In ihrem schönen großen Anwesen gab es schon seit einigen Jahren einen Hofladen, in dem sie ihre eigenen landwirtschaftlichen und auch Ökoprodukte anderer Erzeuger der Region anboten. Der Laden erfreute sich inzwischen einer großen Beliebtheit. Viele Kunden von außerhalb des Kreises kamen jetzt häufiger zum Einkaufen. Auch Pits Eltern und seine Großmutter gehörten zu der Käuferschar. Seine Oma holte jeden Montag frische Milch und Sahne von dort.

Doch zurück zur Schule. Die vierte Stunde verlief wie immer. Frau Helmer, sie unterrichtete Religion und das Fach Wirtschaft/Technik, beabsichtigte heute im Rahmen des W -Te-Unterrichts die gesunde Ernährung zu thematisieren. Zunächst lamentierte sie über das maßlose Essen vieler Menschen in der heutigen Zeit und die damit verbundenen gesundheitlichen Schäden. Es würde Milliarden kosten, um die Spätfolgen dieser falschen Ernährungsweise zu behandeln. Die Ausgaben müssten ja alle tragen, auch die Vernünftigen. Sie schickte einen strafenden Blick in Dickis Richtung. Außerdem ergänzten Bewegungsmangel und der zunehmende Konsum von Alkohol und Tabak diese Tendenz. Die drei rauchenden Mädchen aus der Frühstückspause guckten sich viel sagend an. Nicki errötete, das fiel sogar der Lehrerin auf.

„Dich plagt wohl dein schlechtes Gewissen, Nicola?“,

mahnte sie mit ironischem Unterton, wollte dieses Problem aber nicht weiter ausbauen. Vielmehr leitete sie über zum eigentlichen Ziel der Stunde. Als Beitrag zur gesunden Ernährung hatte sie ‚Müsli’ ausgesucht. Wer es erfunden hatte, wusste keiner, auch die Lehrerin nicht. Einige aßen es als erstes Frühstück mit Milch oder Fruchtsaft. Sie schrieben die Zutaten, die sie kannten, an die Tafel. Man könne auch Frischobst und Möhren ergänzen, schlug Nicki vor, um ihr schlechtes Gewissen zu erleichtern. Dieser Hinweis wurde von der Lehrerin lobend quittiert. Sie lenkte dann weiter auf die Frage, mit welchen Bestandteilen man bestimmte Wirkungen erzielen könne. Die Schüler rätselten, eine befriedigende Lösung wurde nicht gefunden. Deshalb unterbreitete sie der Klasse einen Vorschlag. Im Rahmen einer Projektarbeit könne man doch Müsli-Rezepte entwickeln. Sie regte an, eins für Kraft und eins für gute Laune zu erfinden, die man am Ende der Projektwoche mit einer großen Verkostung vorstellen könne. Wider Erwarten stieß dieser Vorschlag sofort auf Begeisterung. Nicki, Dicki und Bingo erklärten sich sofort zum Mitmachen bereit.

„Ich habe schon eine interessante Idee“,

verkündete Bingo ungefragt. So euphorisch, wie er sich aufführte, schenkte ihm Frau Helmer entgegen allen Regeln Gehör.

„Erzähle!“,

forderte sie.

„Wenn wir die Rezepte erfunden haben, bieten wir die Müsli in unserem Hofladen an. Die können wir ja selber herstellen. Den Erlös tun wir in die Klassenkasse.“

Seine Idee wurde freudig beklatscht. Sogar Giuseppe wollte jetzt mitmachen. Die Lehrerin fand den Tipp hervorragend, sie wies aber noch auf ein paar Hürden hin, die genommen werden müssten. Wichtig wäre, die Wirkung der einzelnen Müsli-Bestandteile zu erforschen. Ein Problem, das noch intensive Arbeit bedeute. Dann bräuchte man sicherlich auch das Einverständnis von Bingos Eltern. Es gäbe auch noch behördliche Vorschriften.

„Meine Mutter regelt das schon“,

versicherte er, um die Begeisterung nicht zu dämpfen. Man erarbeitete schließlich einen Plan. Zuerst sollte zu Wochenbeginn in der Schulbibliothek und im Computerraum über Internet die Wirkungsweise verschiedener Komponenten erforscht werden. Vorarbeit am eigenen PC wäre dazu erwünscht. Die Planung sah vor: Mittwoch - Finden geeigneter Rezepturen; Donnerstag - kleine Verkostung im Rahmen der Gruppe; Freitag - Verteidigung des Projekts mit großer Verkostung vor der Jury.

Die Stunde ging zu Ende. Frau Helmer, die auch als Konrektorin fungierte, gab noch Folgendes bekannt: Durch eine Planänderung müssten die Sportstunden in der sechsten und siebenten um eine Stunde vorgezogen werden. Die zweite große Hofpause würde deshalb jetzt stattfinden. Danach sollte sich die 7b vor der Turnhalle einfinden. Die Mitteilung wurde mit Jubel aufgenommen. Jetzt befand sich die Klasse allein auf dem Schulhof. Die Clique suchte ihren gewohnten Platz auf. Diesmal kamen Bingo, Anne und Flori dazu, was Fauli sehr freute. Die Mädchen gesellten sich aber dann zu Mia, die abseits auf einer Bank saß. Die Jungen diskutierten heftig über die Projekte. In ihrer Euphorie verpassten sie beinahe den Beginn der Sportstunden. Diesmal wagte es auch niemand, vor dem Schulhof zu rauchen. Nicki saß die Lektion der Lehrerin in den Gliedern. Sie befürchtete Konsequenzen. In Zukunft wollte sie sich nicht mehr verleiten lassen.

Madam Ruck-Zuck empfing sie am Sportfeld der Schule und öffnete zum Umziehen die Turnhalle. Danach sollte die Klasse draußen in einer Reihe antreten, also das übliche Ritual. Wie immer ließen sich einige mit der Aufstellung Zeit. Mia als kleinste, stand am Ende, sie hatte ein Dauerattest und musste das Klassenbuch bewachen. Die Lehrerin ließ durchzählen.

„Ihr seid doch 23 Leute, warum fehlt jemand?“,

fragte sie. Erst seit einem halben Jahr aus der Babypause zurück, kannte sie die Klasse noch nicht so gut, sonst hätte sie gleich Lockes Abwesenheit bemerkt. Nach dem Vermerk wandte sie sich an die Klasse.

„Wir laufen jetzt eine Runde, um uns aufzuwärmen.“

„Ruck-Zuck!“

bedeutete bei ihr das Startsignal, das ihr auch den Spitznamen eingebracht hatte. Sie lief seitlich mit und munterte unterwegs Dicki und einige andere lahme Enten auf, sich etwas flotter zu bewegen. Die Wärme des Tages tat ein Übriges. Sie brach deshalb den Lauf vorzeitig ab, weil die ersten schlappmachten. Die warfen sich jetzt froh ins Gras. Nach einem Blick in ihr Notizbuch rief sie eine Handvoll Namen auf und erklärte:

„Mit euch muss ich einige Übungen nachholen und auch noch prüfen. Die restlichen Schüler gehen zum Volleyballplatz und spielen Völkerball. Ihr kennt die Spielregeln. Florian bestimmt die Spielführer und diese losen die zuerst werfende Mannschaft aus. Danach macht er den Schiedsrichter.“

Das gefiel ihm weniger, er hätte gerne mitgespielt, fügte sich aber. Das aufgetragene Amt versprach ja auch interessant zu werden. Er bestimmte jeweils Meli und Pit für diese Aufgabe. Durch Werfen der Münze, bekam Meli als Erste den Zug. Sie wählte Stinki, Pit nahm Fauli. So ging es weiter. Dicki wurde schon als Dritter genommen. Obwohl er einen beträchtlichen Körperumfang besaß, agierte er bei solchen Spielen wieselflink. Das machte ihn zu einem begehrten Spieler. Giuseppe kam als Letzter in Pits Mannschaft. Er hätte gern auf diese sportliche Lusche verzichtet, doch das ließ die Zahlengleichheit nicht zu. Jede Mannschaft musste jetzt noch ihren König bestimmen. Nach kurzer Beratung einigte man sich auf Meli und Pit, eine Konstellation, von der niemand ahnte, dass sie einmal tief greifenden Folgen haben würde. Flori nutzte erneut die Münze, um den ersten Wurf auszulosen. Pits Mannschaft bekam den Zuschlag und durfte auch das Spielfeld wählen.

Nach der Spieleraufstellung gingen auch Meli und Pit in ihre jeweiligen Außenfelder. Fauli warf als Erster, traf aber niemanden. Pit nahm den Ball auf und zielte auf Stinki, der aber fing ihn, drehte sich blitzschnell und traf Giuseppe. Nach einer Viertelstunde verfügte Pit nur noch über zwei und Meli über vier Feldspieler. Draußen im „Aus“ feuerten alle ihre Mannschaften mit lautem Geschrei an. Sie merkten nicht, dass sich zwei Typen aus den Achten näherten. Das Duo stellte sich neben Mia, die seitlich im Gras saß, und begann sie zu hänseln. Flori bemerkte, dass sie zunehmend aggressiver wurden und das Mädchen mit zotigen Ausdrücken bedachten. Die schaute Hilfe suchend zu ihm hin, hatte Tränen in den Augen. Allein war er machtlos, deshalb unterbrach er das Spiel. Einigen schien inzwischen auch aufzufallen, dass etwas nicht stimmte. Meli, Pit, Stinki und Fauli kamen sofort gelaufen und hinderten die Beiden, sich weiter unflätig zu äußern.

„Verpisst euch“,

zischte Stinki,

„und lasst die Mia in Ruhe!“

„Das musst du muffelndes Schwein uns gerade sagen“,

provozierte einer der Kerle. Der Beschimpfte lief puterrot an, sprang vor und packte den Fiesling am Kragen. Inzwischen bildete sich ein dichter Kreis um die Grobiane. Stinki wurde zurück gestoßen. Pit fing ihn auf.

„Was wollt ihr blöden Siebenschläfer eigentlich?“,

schrieen sie jetzt mutig geworden und wollten handgreiflich werden. Flori, Bingo, Pit sowie Fauli standen aber wie eine Mauer vor ihnen. Die Großmäuligkeit der Beiden erhielt so einen Dämpfer. Sie wichen etwas zurück. Der Tumult weckte auch die Aufmerksamkeit von Frau Stieler. Sie kam gelaufen.

„Was geht hier vor?“,

wollte sie wissen.

„Die Siebenschläfer bedrohen und beleidigen uns. Wir wollten nur beim Spielen zugucken“,

log einer und schaute dreist in die Runde.

„Das stimmt nicht!“

protestierten die anderen. Die Lehrerin verschaffte sich Platz und bot ihnen Paroli.

„Eure Glaubwürdigkeit ist hinlänglich bekannt. Für eure Schandtaten und unflätigen Sprüche seid ihr ja schon lange berühmt. Ich werde die Wahrheit rauskriegen. Auf jeden Fall seid ihr ein Thema in der Jahresabschlusskonferenz und das könnte Folgen haben.“

Sie machte mit der Hand ein eindeutiges Zeichen, sofort zu verschwinden. Als sie zögerten, wurde sie energischer:

„Macht euch vom Acker, aber sofort, Ruck-Zuck!“

Langsam begriff das Duo wohl seine Ausweglosigkeit und schlurfte mürrisch davon. In einiger Entfernung hörte man es kurze Zeit später hämisch lachen, johlen und grölen. „Blöde Ziege“ gehörte noch zu den harmlosesten Ausdrücken, die es krakeelte.

Die Stiehler nahm es gelassen hin und ging zu Mia. Sie erkundigte sich nach ihrem Befinden. Doch Meli hatte sie schon getröstet.

„Ihr wart ja eben Zeuge, was die Beiden noch gebrüllt haben. Ich hoffe, ihr bestätigt mir das, wenn ich den Vorfall beim Rektor zur Sprache bringe“,

wandte sie sich an die am Nächsten stehenden Schüler. Einige nickten.

„Spielt jetzt weiter!“,

forderte sie noch und ging, auf das übliche ‚Ruck-Zuck‘ verzichtend. Das ‚Madame' in ihrem Spitznamen stammte aus dem Französischunterricht, weil sie sich da so anreden ließ. Als sie zufällig mitbekam, wie sie ein Schüler hinter vorgehaltener Hand als ‚Madame Ruck-Zuck’ bezeichnete, lachte sie schallend und bestätigte, dass sie nichts gegen diese Bezeichnung hätte. Fortan hörte sie sogar auf diesen Namen; nur bei übler Laune ließ sie sich mit ‚Frau Stiehler’ anreden.

Langsam kehrten die Mannschaften ins Spielfeld zurück. Man hatte sich vorher geeinigt, dass es an der Zeit wäre, den beiden Schwachköpfen eine Lektion zu erteilen. Auf jeden Fall wollte man die zotigen Sprüche über die Lehrerin bestätigen. Der übliche Schülergrundsatz, andere Schüler bei irgendwelchem Blödsinn nicht zu verpfeifen, galt in diesem Fall nicht. Wie es sich später herausstellen sollte, kamen sie um diese Gewissensentscheidung sowieso herum.

Im weiteren Verlauf des Spieles änderte sich schnell das Spielerverhältnis. Pits Mannschaft besaß keinen Feldspieler mehr, so dass er als König einspringen musste. Im gegnerischen Feld gab es nur noch Dicki. Meli und er trieben Pit immer wieder in die Enge. Er hüpfte hoch, sprang zur Seite, ein Streifschuss traf, und der Ball ging ins Seitenaus. Jetzt hatte er nur noch zwei ‚Leben'. Melis Mannschaft begann schon zu triumphieren. Pit, der jetzt werfen musste, nahm Dicki aufs Korn. Der tauchte aber im rechten Moment ab. Seine Mannschaftskameraden johlten. Das wirkte wie Balsam auf seiner Seele, trotz des Schweißes, den er schon in Strömen vergoss. Er sei dabei einige Kilo losgeworden, jedenfalls behauptete er das später. Gerade wollte er seine nasse Stirn abwischen, da traf ihn der Ball und fiel mit ihm zu Boden. Damit besiegelte er gleichzeitig sein Aus. Enttäuscht und außer Atem verließ er das Spielfeld und warf sich neben Mia ins Gras und mimte einen Halbtoten.

Nun musste Meli ins Spielfeld. Sie verfügte über ein ‚Leben' mehr als Pit und befand sich damit im Vorteil. Es entwickelte sich ein starkes Duell, bei dem sie zwei und Pit ein weiteres verloren. Jetzt besaßen sie jeweils nur noch eins. Die Entscheidung stand bevor. Im Außenfeld feuerten jetzt alle ihre Favoriten an. Flori begann das Spiel zu kommentieren. Es wurde immer spannender. Meli musste werfen. Unweit stand Pit. Sie zielte, der Ball traf ihn mit aller Wucht, doch er fing ihn, stolperte aber nach hinten und fiel hin. Flori entschied: keine Bodenberührung des Balles. Erschrocken über seine Ungeschicklichkeit, verharrte sie einen Moment an der Mittellinie. Plötzlich sprang Pit auf und schoss. Er hätte sie jetzt leicht treffen können, sie befand sich nämlich in unmittelbarer Nähe, doch der Wurf verfehlte sie haarscharf. Sie hastete hinter dem Ball her, der bereits im Gras rollte und schnappte ihn noch vor dem Aus. Wütend über seine unkorrekte Spielweise, steuerte sie die Stelle an, wo er immer noch verharrte und visierte auf seine Knie. Auch diesmal machte er offensichtlich keine Anstalten, den Ball zu fangen. Der prallte zurück und berührte den Boden. Er hatte absichtlich sein drittes ‚Leben' verwirkt, das konnten alle erkennen. Meli schrie ihn an;

„Das war unfair, Pit, du hättest mich abwerfen können!“

Der lächelte nur und verließ das Spielfeld. Flori kommentierte den Ausgang des Zweikampfes auf seine Weise:

„Spiel verloren, Liebe gesiegt!“

Meli bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. Frau Stiehler verkündete das Ende des Unterrichts. Einige Mitschüler registrierten sofort den kleinen Vorfall am Schluss des Spiels, zumal Flori mit seiner Äußerung noch Öl ins Feuer einer aufkommenden Vermutung gegossen hatte. Deshalb wurde im Waschraum auch gefrotzelt. Pit nahm es schweigend hin, konzentrierte sich auffällig langsam auf das Umkleiden und strapazierte damit die Geduld der anderen. Stinki streifte wie üblich sein Hemd über und verschwand. Auch die meisten Mädchen standen schon in Straßenkleidung herum. Dickis Mutter fuhr vor. Er hatte sie mit dem Handy heimlich vom vorzeitigen Unterrichtsabbruch informiert. Dafür wurde er jetzt gehänselt. Ob Missgunst oder Häme über die übertriebene Fürsorge seiner Mutter den Grund darstellte, ließ sich nicht ausmachen. Es traf wohl beides zu. Handys waren an der Schule nämlich nicht erwünscht. Aus guten Gründen. Sie schürten nicht nur den Neid zwischen denen, die noch keines besaßen und den anderen, die damit herumprotzten, sondern wurde von Unbelehrbaren auch zum Stören des Unterrichts eingesetzt. Ein Unsitte, die sich schnell verbreitete und viel Ärger in den Schulbetrieb brachten. Dicki gehörte weder zu der einen noch zu der anderen Spezies, er brauchte es nur für seine Bequemlichkeit. Er nahm den Spott gelassen hin. Aber es gab auch andere Gründe. Ab und zu nutzte er es auch im Matheunterricht, denn man konnte damit rechnen, aber das wussten nur ganz Wenige. Zu Hause begleitete er die Stellung eines Prinzen. Seine Mutter verwöhnte ihn so ziemlich mit allem, was nach seiner Meinung in seiner Altersgruppe als angesagt galt. Ihm gehörte beispielsweise seit Jahren ein Mountainbike, wahrscheinlich das teuerste im Umkreis, das er aber kaum benutzte. Es verstaubte zu Hause bei ihm im Schuppen. Er ließ sich lieber von seiner Mama kutschieren, und er missbrauchte diesen Liebesdienst reichlich, obwohl sie dafür oft genug den Bäckerladen Frau Katzmann überlassen musste. Auch jetzt hatte er sie einfach her beordert, obwohl ihr das sichtlich nicht zu passen schien. Sie nahm aus Gefälligkeit noch Meli und Mia mit. Letztere wurde auch stets von ihrer Mutter abgeholt. Dafür gab es aber andere Gründe. Sie wäre nämlich lieber wie die anderen im Bus mitgefahren. Noch fügte sie sich, stieg widerwillig ins Auto der Bäckerei, um ihren Eltern keine Sorgen zu machen. Meli nutzte entgegen ihrer sonstigen Art das Angebot, um so schnell wie möglich weg zu kommen, denn einige der Klassenkameradinnen wetzten schon ihre spitzen Zungen. Der Disput zwischen ihr und Pit heizte bereits das Feuer des Tratsches und produzierte schnell missgünstige Tuscheleien, denen sie auf diese Weise entkommen konnte.

Pit befand sich schon auf der kurzen Zufahrt zur Hauptstraße, als ihn die Fuhre überholte. Dicki und Mia winkten, Meli schaute dagegen demonstrativ in eine andere Richtung, das ärgerte ihn plötzlich. Zu Hause rempelte er missgelaunt das Fahrrad an die Garagentür. Als seine Schwester auftauchte und ihm mit irgendeinem Anliegen zutexten wollte, schwoll seine Zornesader. Er sprühte sie mit wütenden Augen an, ließ sie wortlos stehen, warf sein Schulzeug in die Flurecke und verzog sich aufs Zimmer. Draußen hörte er Jule, die sich über seine Unfreundlichkeit bei Boldi beschwerte. Ärgerlich über sein eigenes Handeln, schmiss er sich aufs Bett und begrub sein Gesicht im Kissen. Er wollte nichts mehr hören und sehen. Sein Groll versank im Nebel der hoch kommenden Müdigkeit. Schon nach wenigen Minuten schlief er tief und fest.

Ein Geräusch riss ihn aus dem Schlaf. Es war am frühen Nachmittag. Seine Mutter kehrte gerade von der Arbeit zurück. Bleierne Schwere zog ihn nach unten, er fühlte sich wie von einer unsichtbaren Kraft auf sein Bett gepresst. Ein unvollendeter Traum lähmte seine Sinne und machte ihn unfähig, klar zu denken. Meli hatte ihm erneut eine Abfuhr erteilt. Warum? Nur mit größter Mühe schraubte er sich in die Senkrechte. Plötzlich begannen seine Gedanken, die so zwanghaft das Gehirn blockierten, wie von selbst weg zu fließen. Die aufkommende Klarheit in seinem Kopf gab ihm auch die Antwort auf das Warum. Eine scheinbare Antwort. Aber sie brachte ihm seine Gelassenheit zurück. Bekanntlich gehörte er wie auch die anderen der Clique zum Freundeskreis von Meli und das seit sie in Neuburgroda auf die Realschule gingen. Sicher, er empfand etwas für sie, was möglicherweise über eine normale Freundschaft hinausging. Sie, dem einzigen Mädchen in ihrer Runde, trat er schon immer anders entgegentreten als den Jungen. Er griff auf Tugenden zurück, die beispielsweise bei Fauli völlig fehlten. Zuvorkommenheit, Ritterlichkeit, Manieren, all diese Dinge, die ihm schon sein Opa beigebracht hatte. Aber das gehörte zum Anstand im Umgang mit Frauen. Er hegte bisher nie die Absicht, sie zu verletzen. Wo lag also der Haken?

Natürlich lag es in seiner Absicht, sich beim Volleyball absichtlich abwerfen zu lassen, um ihr einen Triumph zu gönnen und glaubte, ihr damit zu schmeicheln. Jetzt sah er das anders. Mit dieser eigennützigen Geste hatte er seiner eigenen Mannschaft auf unfaire Weise einen Bärendienst erwiesen. Das ließ sich kaum übersehen. Damit handelte er unehrlich und egoistisch, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit. Statt ihr zu imponieren, verletzte er aufs gröblichste ihre Gefühle. Eine Freundschaft verkraftete solche Aktionen nur schwer, wenn überhaupt. Also war sie mit Recht auf ihn sauer. Er musste sich daher etwas einfallen lassen, um diesen Ausrutscher gerade zu biegen und sich erneut als ein würdiger Freund zu erweisen.

Noch bevor er die Bude verließ, besaß sein Weltbild wieder klarere Konturen. In der Küche beklagte Jule wie so oft, lauthals sein abweisendes Verhalten. Seltsamerweise berührte ihn diesmal die obligatorische Standpauke seiner Mutter nur wenig.

„Ist was mit dir?“,

forschte sie, irritiert von seinem ungewöhnlichen Benehmen.

„Ist schon ok, nur ein bisschen übertrieben“,

konterte er, ließ die Beiden stehen und ging hinaus. Boldi kam ihm entgegen, er forderte die übliche Spielrunde ein. Den scheinbaren Kampf um einen Ball mochte er am liebsten. Knurrend hielt er ihn seinem Herrchen vor die Nase. Wenn ihn Pit erwischte, musste er ihn wegwerfen. Er jagte dann hinterher. Irgendwann ebbte auch dieser Spaß ab, und die müde Hundeseele gönnte sich in seiner Hütte eine Mütze Schlaf. Pit kontrollierte danach sorgfältig die Beete im Garten. Seine Oma konnte fürchterlich grantig werden, wenn der Hund bei der wilden Jagd ihre Anpflanzungen zerstörte. Den Garten pflegte sie nämlich mit großer Hingabe, und er präsentierte sich zu jeder Jahreszeit als eine Augenweide. Alle im Dorf wussten das. Gott sei Dank fand Pit nichts. Zufrieden setzte er sich auf die Gartenbank und schweifte nachdenklich mit den Augen über Omas Schmuckstück. Früher stand da eine Scheune. Die gab es nicht mehr. Seine Großmutter hatte oft genug von ihr erzählt. Vor Pits geistigem Auge entstand sie wieder. Er glaubte, jede Ecke des legendären Bauwerks zu kennen, so genau erinnerte er sich an das, was er sich aus ihren Schilderungen eingeprägt hatte. Sie gehörte einst zu dem Bauernhof, mit dem seine Urgroßeltern ihren Lebensunterhalt bestritten. Jetzt gab es nur noch ein Seitengebäude aus dieser Zeit. Darin richteten seine Großeltern in den sechziger Jahren eine kleine Wohnung ein, als der Platz im Wohnhaus knapp wurde. Anfangs lebte dort seine Tante Henriette, bevor sie nach Frankreich zu ihrem Mann zog. Außerdem baute sein Großvater den ehemaligen Kuhstall zu einer kleinen mechanischen Werkstatt um, und die existierte noch. Kurz vor Jules Geburt verstarb er. Um Platz für den Familienzuwachs zu schaffen, zog seine Oma in das kleine Domizil des Nebengebäudes. Auf den Einbau einer Zentralheizung hatte sie damals verzichtet, sie schwor auf ihren Kachelofen, der alle Räume mit einer wohligen Wärme versorgte. Nur das Bad bekam eine moderne Ausstattung mit Sitzbadewanne.

Pit hielt sich gerne bei ihr auf. Ihre Wohnstube liebte er besonders, sie verströmte einen Hauch vergangener Gemütlichkeit, und das hatte nicht nur etwas mit der Einrichtung zu tun. Da gab es neben unzeitgemäßen Gegenständen wie einem alten Kanapee mit bestickten Deckchen, einer Nähmaschine zum Trampeln sowie einem fast antiquarischen Grammophon auch Gerüche, die das Flair ihrer Wohnung in besonderer Weise prägten, und es gab natürlich sie selbst. Alles gehörte zusammen, bildete eine harmonische Komposition. Aber zu den schönsten Stunden bei ihr zählten die Tage, wenn sie ihre Fitzkuchen buk oder eine der vielen Geschichten erzählte. Dann wünschte sich Pit, diese Momente mögen nie vergehen. Das Fenster der Wohnstube befand sich auf der Hofseite. Heute hatte sie es weit geöffnet. Auf der Fensterbank lag die Kuchenhorde aus Weidengeflecht. Die ersten Fitzkuchen oder Waffeln, wie man neuerdings dieses Backwerk nannte, verströmten einen herrlichen Duft. Pit schlich sich ans Fenster, um sich ein Stück dieser Köstlichkeiten zu stibitzen, doch seine Oma hatte ihn längst erspäht.

„Willst du wohl deine Finger weglassen!“,

drohte sie lachend. Pit erschrak und zog blitzartig seine Hand zurück.

„Du kannst nachher zum Kaffee kommen, wenn sie abgekühlt sind. Sie schmecken dann auch viel besser, sind knuspriger.“

Sie hatte ihn mit ihrer wohlwollenden Art beschämt. Er bekam stets seinen Anteil, musste nie was heimlich entwenden. Mit gesenktem Kopf ging er zu seinem Fahrrad und werkelte daran herum. Es quietschte etwas, das lag wohl am Ölen. So reagierte er meist, wenn ihn das schlechte Gewissen plagte. Diese Verdrängungstaktik machte ihn neuerdings mehr als früher zu schaffen. In Omas Stube wurde gelacht. Käthe, ihre Nachbarin und Freundin, hatte sich zum üblichen Kaffeeklatsch am Dienstagnachmittag eingestellt. Ein Ritual, das die alten Damen, seit Pit denken konnte, mit Hingabe pflegten. Sie erzählten und witzelten, manchmal tanzten sie auch nach den krächzenden Tönen alter Schallplatten oder sie kicherten wie kleine Schulmädchen. Diese Stimmung, die jetzt ungefiltert aus dem Fenster drang, dazu der Duft des Kaffeetisches, wirkte wie eine heilsame Kraft. Pit sog sie auf wie eine Droge, die allen Griesgram vertrieb. Gleich würde ihn seine Oma rufen, dann musste er sich sorgfältig die Hände waschen, Nachbarin Käthe begrüßen und noch einige andere allgemein unübliche Handlungen vollziehen. In solchen Dingen war sie sehr konsequent, und Pit folgte ihr gern. Als er in die Stube trat, fiel gerade der Name Alfons Meier.

„Sicherlich haben sie wieder einmal über ihn und seine Geschichten gelacht.“,

folgerte er. Besagter Mensch unterrichtete die alten Damen nämlich während ihrer Kindheit im Fach Heimatkunde und soll ein sehr kauziges Exemplar gewesen sein.

Pit begann das vorgegebene Programm abzuarbeiten, dann stand er am gedeckten Kaffeetisch. Seine Oma hatte das beste Geschirr aufgelegt, den selbst gekochten Apfelgelee in einem Kristallschälchen serviert, daneben eine Schüssel mit geschlagener Sahne und dazu ein Krug frischer Kuhmilch gestellt. Als Krönung des Ganzen befanden sich in der Tischmitte auf einem größeren Teller die köstlichen Fitzkuchen. Pit begrüßte gerade artig die Nachbarin, als seine Oma mit dem eben gebrühten Kaffee erschien. Er stand noch, als sie das behaglich duftende Getränk einschenkte und auf jeden Teller einen der Leckerbissen legte. Danach setzte sie sich zu ihrer Freundin aufs Kanapee. Erst jetzt nahm Pit auf einem der beiden Stühle Platz, so wollten es Omas Tischregeln. „So, nun langt zu!“,

lautete endlich das Stichwort, auf das er sehnsüchtig gewartet hatte. Er wollte sich gerade eine Portion Schlagsahne auf sein Gebäckstück klatschen, da bemerkte er noch rechtzeitig den tadelnden Blick.

„Der Gast hat immer den Vortritt.“,

korrigierte seine Oma im belehrenden Ton den vermeintlichen Fehlgriff und reichte Käthe die Schale. Selten widersprach Pit einer von Omas Bemerkungen. Doch diesmal irritierte ihn ihre Logik.

„Ich bin doch auch dein Gast. Du hast mich ausdrücklich eingeladen, Oma. Was habe ich falsch gemacht?“,

fragte er mit einem Anflug von Empörung. Lächelnd überhörte sie den Unterton in seiner Stimme.

„Das ist richtig, Peterle, aber zuerst kommen immer die Älteren, dann die Damen und na ja, dann kommst eben du. Ich glaube, das hat dir schon dein Opa beigebracht, du hast es sicherlich vergessen“,

sagte sie versöhnlich und reichte ihm nun die Schlagsahne.

„Tschuldigung“,

knurrte Pit, was Opa gesagt hatte, besaß für ihn den Charakter des Unumstößlichen, daran gab es nichts zu rütteln. Besser gelaunt vertilgte er jetzt die Hälfte des appetitlich riechenden Kuchens, abwechselnd verfeinert mit Gelee oder Sahne. Die alten Ladys sahen es mit Freuden. Fast überschwänglich lobte er danach Omas unübertroffene Backkunst und machte sie damit sogar etwas verlegen.

„Wenn es dir geschmeckt hat, war das Freude und Dank zugleich für mich, Peterle. Du musst deshalb nicht gleich übertreiben“,

dämpfte sie seine anerkennenden Worte. Schweigend lehnte er sich zurück.

„Wie schön und gemütlich kann das Leben sein, auch mit diesen seltsamen Regeln“, dachte er und starrte auf das Grammophon. ‚Edison’ stand auf dem schwarzen Kasten mit dem riesigen Trichter aus Messing. Im Vergleich zu seinem CD-Player stellte das Gerät ein technisches Monster dar, aber es funktionierte noch. Man musste es nur mit einer Kurbel aufziehen, eine Platte auflegen und die Nadel, die mit dem Trichter in Verbindung stand, in die Rille der Platte setzen, dann kam Musik heraus, falls sie sich drehte. Seine Oma besaß noch mehrere solcher alten, so genannten Schellackplatten aus ihrer Jugendzeit. Auf einer stand ‚Hammerpolka’. Pit hätte sie gern einmal selbst abgespielt, aber sie verwehrte ihm das. Er verstand das nicht, technisch war er doch anerkanntermaßen sehr begabt. Auch diesmal drohte sie freundlich, aber bestimmt mit dem Finger. Sie hatte wohl seine Absicht bemerkt.

„Wie gut sie mich kennt!“,

gestand er sich heimlich,

„Sie wird mich sicher nie an das alte Ding lassen.“

Ein wenig enttäuscht muffelte er die Reste auf seinem Teller, dann machte er Anstalten zu gehen. Die Gesellschaft der Beiden verursachte plötzlich eine zunehmende Beklemmung. Doch seine Oma hielt ihn mit einer Frage zurück.

„Was habt ihr eigentlich heute in der Schule gelernt?“,

wollte sie wissen.

„Buchstabenrechnen und etwas über Eichen“,

entgegnete er wortkarg, um seine Unlust auf die Befragung kund zu tun. Doch sie bohrte weiter:

„Was hat man euch über Eichen erzählt?“,

forschte sie interessiert. Pit erwähnte ein paar Einzelheiten und wurde, als er das Projekt ‚Alte Eiche' zur Sprache brachte, plötzlich mitteilsamer, als ahnte er, dass sie möglicherweise über Wissen verfügte, das von Bedeutung sein könnte. Seine Ahnung bestätigte sich, denn Käthe, die Nachbarin, sah ihn viel sagend an.

„Da können wir dir vielleicht mit ein paar alten Geschichten, die uns in unserer Schulzeit der Meier erzählt hat, helfen. Stimmt’, Gretel?“

und sie machte eine aufmunternde Geste in ihre Richtung.

„Also, wenn du solche Erzählungen kennst, Oma, warum hast du sie mir bisher verschwiegen?“

Die winkte ab.

„Waren doch sicherlich nur Märchen, was der Meier herum posaunte, so richtig geglaubt habe ich ihm das nie.“

Ihre Freundin widersprach:

„Woher willst du das wissen, Gretel? Erzähle deinem Enkel doch ruhig all dieses seltsame Zeug. Möglicherweise nehmen wir alles mit ins Grab, wir sind doch die Einzigen, die überhaupt noch etwas davon gehört haben.“

„Bitte, Oma!“,

drängte jetzt Pit,

„Falls nicht alles stimmt, so ist doch sicherlich viel Richtiges dabei. Ich weiß, dass sich Meli sehr dafür interessiert, die schreibt nämlich alles auf, was früher im Dorf los gewesen ist."

Plötzlich war sie wieder gegenwärtig, Meli, bei der er sich am Vormittag wegen der Lappalie mit dem Abwerfen in Ungnade gebracht hatte. Was wollte sie damit erreichen? So was machte doch jeder einmal, auch in der Clique. Und außerdem handelte es sich doch nur um ein Spiel. Ob sie sich unter diesen Umständen überhaupt für die Geschichten interessierte? Pit wurde unschlüssig, aber er wollte sich auf jeden Fall alles anhören, was seine Oma wusste. Warum verschwieg sie bisher diese Erinnerungen? Auch das konnte er nicht begreifen, solches Wissen gehörte doch zur Chronik eines Ortes.

„Wenn ich sie jetzt mit meinen Fragen nerve, schweigt sie womöglich und alles ist verloren“,

überlegte er und rückte sich deshalb zurecht, erwartungsvoll auf seine Großmutter schauend. Sie verstand seine Geste sofort, nahm aber vorher noch in aller Ruhe einen Schluck Kaffee.

„Also“,

begann sie,

„der besagte Alfons Meier trieb sich oftmals auf dem und am Burgberg herum. Fast seine ganze Freizeit verbrachte er dort, machte um alles und jedes viel Geheimniskrämerei. Frau und Kinder besaß er nicht, sein Haus nutzte er eigentlich nur als Schlafgelegenheit, er kümmerte sich kaum um den Erhalt. Sehr oft wurde er bei der ‚Alten Eiche' gesehen. Manche im Dorf behaupteten, dass er stundenlang in der Sandkuhle hockte, die sich unter der riesigen Baumkrone befindet oder unweit davon im Gras lag. Stimmt’s, Käthe?“

Die nickte beipflichtend.

„Mit allerlei seltsamen Gerätschaften nahm er Messungen vor“,

fuhr sie fort.

„In der Schule erzählte er manchmal, dass er dabei sei, ein großes Geheimnis zu enträtseln. Er hätte herausgefunden, dass es zwischen der ‚Fünf-Ecken-Burg‘ und der ‚Alten Eiche‘ eine mysteriöse Verbindung gäbe, bei der die Zahl Fünf eine große Bedeutung besäße. Als Beweis führte er die Blütenstände der Eiche an, die meist fünf Eicheln hervorbrächten. Außerdem hatte er herausgefunden, dass sich der Baum mit fünf gleichmäßig verteilten Flachwurzeln in den sandigen Boden krallte. Sie würden der mächtigen Eiche nicht nur ihre Standfestigkeit geben, sondern auch ein Geheimnis überdecken, das sich tief unter ihrem Wurzelwerk befände.“

Sie unterbrach kurz, um für Käthe noch Kaffee nachzuschenken, dann nahm sie den Faden wieder auf und ergänzte:

„Was nun Wahrheit oder Dichtung ist, dem ist niemand nachgegangen. Jedenfalls ist der Meier auf sehr ungewöhnliche Weise gestorben. Man fand ihn in der Sandkuhle, ein Arm steckte tief im Boden, so als hätte jemand versucht, ihn in die Tiefe zu ziehen. Es sollen sich auch eigenartige Zeichen im Sand befunden haben, die niemand deuten konnte. Man glaubte damals an einen Fluch, der über ihn gekommen sei, weil er sich angeblich in das mystische Geschehen um den Burgberg eingemischt hätte, mit dem Versuch es zu enträtseln. Nur der Totengräber war bei seiner Grablegung anwesend, alle anderen im Dorf mieden seine Nähe, wollten mit dem vermeintlichen Fluch nichts zu tun bekommen. Mit ihm sind auch all die Geschichten und Legenden, die er über unser Dorf zusammen getragen hatte, begraben worden. Der Aberglaube bewirkte, dass sich keiner danach bereit erklärte, das alte Wissen in irgendeiner Form festzuhalten. So ist es bis heute geblieben.“

Pit lauschte fasziniert und geschockt zugleich.

„Bin ich denn auf einem falschen Dampfer, Oma, und soll glauben, dass du auch jetzt noch an den Unsinn mit dem Fluch glaubst? Fast scheint es so. Nicht umsonst hast du bisher geschwiegen. Das sind doch hoch interessante Dinge, die der Meier herausgefunden hat. Wenn auch ein bisschen Klamauk dabei ist, in einer aufgeklärten Zeit wie der heutigen ist man doch nicht mehr dem Teufel aufgesessen und glaubt an Flüche und solchen Kram. Du musst mir alles erzählen, was du noch weißt, das ist wichtig für unsere Identität, wir sollten unbedingt wissen, was einst in unserer Gegend getrieben wurde, was das für Leute waren, von denen wir abstammen.“

Die beiden alten Damen schauten ihn gleichermaßen entgeistert an. Sie hatten so etwas nicht erwartet. Zuerst fasste sich seine Oma:

„Was faselst du für ein neumodisches Zeug, Peterle? Von Identität habe ich noch nie etwas gehört, und die Dinge sind nun mal so, wie sie sind. Man kann sie nicht ändern und sollte sie so lassen, wie sie waren. Ich habe schon gewusst, warum ich immer geschwiegen habe, es verwirrt euch nur, und wir Alten werden womöglich belacht, nicht mehr ernst genommen.“

„Im Gegenteil, Oma“,

echauffierte sich Pit,

„diese Geschichten sind viel zu wertvoll und zu wichtig, als dass man sie totschweigen sollte. Du und auch Tante Käthe solltet sie aufschreiben oder jemandem erzählen, der sie aufschreibt. Bestimmt fällt euch noch eine weitere ein. Ich habe Zeit und würde sie gern hören.“

Es wurde still. Pits Wunsch nach einer zweiten Geschichte hatte eine gewisse Betretenheit und Unsicherheit bei den Frauen ausgelöst. Es brauchte eine Weile, bis sich Tante Käthe schließlich aufraffte und sagte:

„Eine Geschichte könnten wir dir ja noch erzählen. Sie beruht weitgehend auf Tatsachen, natürlich hat man im Laufe der Zeit auch etwas hinzu geflunkert.“

„Welche meinst du?“,

mischte sich Oma Gretel ein.

„Na die von der Windmühle.“

„Ja, bei der müssen wir kein schlechtes Gewissen haben, die kannst du noch erzählen.“

„Also“,

begann Omas Freundin,

„diese Geschichte beruht zum Teil auf Ereignissen, die im Kirchenbuch belegt sind. Es begann alles mit einem orkanartigen Sturm, der fünf Jahre nach dem Heraussägen eines dicken Astes aus der Eiche in der Gegend wütete. Der Müller benötigte ihn damals zur Reparatur seiner Mühle. Diesen Frevel hatte ihm der alte Baum lange Zeit nicht verziehen, doch nach fünf Jahren ließ er Milde walten und übernahm wieder sein altes Amt. Im 18. Jahrhundert - während ein Sturm in vielen Dörfern der Umgebung große Schäden anrichtete, machte er damals um Burgroda einen großen Bogen. Als Ursache vermutete man ein seltsames Rauschen der ‚Alten Eiche'. Es soll ihn zur Umkehr gezwungen haben, so sagen es die Annalen. In der Folgezeit lieferte sie auch wieder reichlich Eicheln, und die armen Tagelöhner des Dorfes konnten sich mit ihnen wie einst ein Schwein füttern. Danach blieb sogar das Hochwasser der Werla aus, das zuvor über Jahre die Ernten in der Flussaue vernichtete. Bis zum heutigen Tage hat es keine Überschwemmung mehr gegeben. Die Experten haben noch keine schlüssige Erklärung für dieses Phänomen gefunden. Die Älteren im Dorf sind nach wie vor davon überzeugt, dass es der ‚Alten Eiche' zuzuschreiben ist, die uns Schutz gewährt. Deine Großmutter und ich glauben das ebenfalls.“

Pit lief ein Schauer über den Rücken. Jetzt ging es ihm nicht mehr um eine Geschichte, die aufgeschrieben werden sollte, er spürte, dass er einem Mysterium auf der Spur war, das den Dorfbewohnern über Jahrhunderte Respekt abverlangt und ihnen Angst eingeflößt hatte. Das schien nachzuwirken bis in die heutige Zeit, die als aufgeklärt und modern galt. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass man ihm ein winziges Stück dieses dunklen Geschehens offenbart hatte. Die gurgelnden Geräusche, die er vor kurzem bei seinem Sturz an der Eiche glaubte gehört zu haben, waren möglicherweise gar nicht trügerisch, sie mussten etwas mit der verschwiegenen Vergangenheit des Dorfes zu tun haben. Aber warum kam ausgerechnet er als derjenige infrage, den man damit konfrontierte? Er hatte schon einmal gehört, dass es Menschen gab, die einen siebten Sinn besaßen, und damit unbekannte Geschehnisse spüren oder voraus sehen konnten. Ausgerechnet er, der sich für naturwissenschaftlich aufgeklärt hielt, sollte doch gegen eine solche Fähigkeit immun sein. Oder? Pit wollte seine Überlegungen nicht ausufern lassen. Er stand auf, bedankte sich für die Einladung und den interessanten Nachmittag. Seine Oma drückte ihm noch eine Portion Fitzkuchen für Jule in die Hand, bevor er ging.

Doch wer kann schon die Gedanken beherrschen, wenn sie erst einmal Besitz von einem ergriffen haben. Geistesabwesend lieferte er das Backwerk ab. Jetzt wollte er allein sein mit dem, was in seinem Kopf vorging und wie ein Bienenkorb zu summen begann. Doch die Einsamkeit in seiner Bude störte ihn plötzlich, hier konnte er nichts ordnen, nichts erklären. In letzter Minute fiel ihm noch ein, dass sich die Clique am Baggersee verabredet hatte. Bevor er losfuhr, versorgte er die quietschende Kette des Rades mit Öl. Eine Kleinigkeit mit großer Wirkung. Im Nu langte er am See an. Fauli und Anne vergnügten sich schon im Wasser. Sie spritzten und neckten sich, ein sicheres Zeichen, dass sich etwas zwischen den Beiden anbahnte. Meli stand am Rand und kühlte sich ab wie immer. Das machte sie stets vorschriftsmäßig, ließ sich auch von niemandem davon abbringen. Sie kehrte ihm den Rücken zu. Pit schaute nach ihr, ja er musterte sie unverhohlen. Sie bot ein unwiderstehliches Bild. Er blickte auf ein außergewöhnlich hübsches Mädchen, gut gebaut und für ihr Alter bereits mit allen Attributen einer heranreifenden Frau ausgestattet. In ihrem Bikini sah sie noch verlockender aus. Er hatte sie noch nie auf diese Weise so intensiv betrachtet. Plötzlich spürte er, wie sein Blut nach oben schoss, alle belastenden Gedanken verdrängte, seinen Kopf in einen hochroten, glühenden Ball verwandelte und nur für zwei Überlegungen Platz ließ. Erstens:

„Ich mag sie, dieses göttliche Wesen“,

eine Formulierung, die ihn selbst überraschte und zweitens:

„Wie werde ich auf schnellstem Wege meine rote Birne los?“

Für die zweite gab es eine rasche Lösung. Er sprang ins Wasser, das kühlte und verhalf ihm zu einer normalen Gesichtsfarbe. Noch schien es so, als ob Meli ihn nicht bemerken würde. Er schwamm ein Stück, täuschte Gleichgültigkeit vor, registrierte aber unter höchster Anspannung, dass sie vorsichtig ins Wasser ging und in anderer Richtung davonschwamm. Enttäuscht begab er sich zurück ans Ufer. Dicki erschien. Er setzte sich ins Gras und verstellte seine Taucherbrille, danach montierte er seine Schwimmflossen wie zwei große Paddel an die Füße.

„Will was gegen meine Pfunde tun“,

begrüßte er Pit. Der musste grinsen. So wie sich sein Kumpel aufgerüstet hatte, hätte er besser in ein Panoptikum gepasst. Er unterließ eine höhnische Bemerkung. Dicki war als Freund für seine theatralischen Auftritte bekannt. Er knurrte nur:

„Gute Idee, Dicki.“

Stinki nahte im Laufschritt, rief „Hi“ herüber, stürzte sich sofort ins Wasser und schwamm zu Anne und Fauli. Dicki, inzwischen fertig, stapfte wie ein lahmer Frosch ins Wasser. Dort tauchte er nahe dem Ufer hin und her. Plötzlich schrie er auf, riss Schnorchel und Brille herunter.

„Pit, hier sind eben zwei Riesenhechte vorbei gekommen, Man, waren das große Viecher.“

Er flüchtete hastig ins Trockene. Kurz darauf tauchten Stinki und Fauli auf, lachten lauthals und klatschten sich auf die Bäuche.

„Ihr Blödmänner!“,

maulte der so Blamierte beleidigt und befreite sich von seinen Schwimmflossen. Dann legte er sich ins Gras, vom Baden hatte er genug. Anne und Meli, die auf der Sandbank standen, durch das Schreien und Lachen neugierig geworden, winkten den Jungen im Wasser zu. Ohne Absprache begannen die Drei ein Wettschwimmen. Pit, der sich etwas abseits befand, holte schnell auf. Die Mädchen unterstützten den Kampf lautstark mit Temporufen. Er merkte, dass Stinki wieder eine Nasenlänge vor ihm lag. Vom Ehrgeiz getrieben, mobilisierte er alle Kräfte. Meli sollte sehen, was in ihm steckte. Zentimeter um Zentimeter holte er auf. Jetzt lagen noch ca. zwanzig Meter vor ihnen. Pit kam fast gleichzeitig mit Stinki an. Anne hob den Arm;

„Stinki hat gesiegt“,

jubelte sie,

„und Fauli, na ja, der bekommt Bronze.“

„Einspruch! Ich habe genau gesehen, dass Pit eine Armlänge vor Stinki lag, er ist der Erste. Was Recht ist, muss Recht bleiben“,

mischte sich Meli ein. Pit schüttelte sich das Wasser aus den Haaren, um überhaupt etwas zu tun, das seine Verlegenheit übertünchte.

„Ist doch egal, war ja kein Wettkampf“,

murmelte er wie abwesend.

„Das ist nicht egal“,

widersprach sie,

„das gebietet einfach die sportliche Fairness.“

Meli stritt für ihn! Das hatte er nicht erwartet! Noch wusste er nicht, wie er reagieren sollte. Sie kam auf ihn zu.

„Was war denn da vorhin los?“,

sprach sie ihn direkt an, so normal wie immer, ohne den geringsten Groll. Das erleichterte seine scheinbar peinliche Situation. Und er berichtete, anfangs stockend, dann immer freier, schließlich so, dass alle schallend lachten. Dicki, der das Gelächter von der Sandbank hörte, wusste sofort, dass es ihm galt. Noch mehr beleidigt, verzog er sich hinter einem Busch. Die fröhliche Ungezwungenheit stachelte jetzt den Übermut der Fünf auf der Sandbank an. Jeder spritzte jeden mit Wasser oder tauchte ihn unter. Pit machte einen Kopfstand, er fühlte sich leicht und froh wie selten. Plötzlich merkte er, wie ihn jemand an den Beinen festhielt. Zappelnd wollte er sich befreien und erwischte einen Fuß. Er zog ihn zu sich. Dieser Jemand verlor plötzlich seinen Stand, fiel hin und ruderte neben ihm im Wasser. Er zog weiter. Nach dem Fuß folgte ein Bein. Arme umschlangen ihn, hielten ihn fest. Jetzt spürte er, es handelte sich um Meli, die ihn umklammerte. Nicht ängstlich, vielmehr, um ihn festzuhalten. Die Luft wurde knapp. Gemeinsam tauchten sie auf. Sie lagen sich immer noch in den Armen. Was für ein wunderbares Gefühl! Pit hätte vor Glück schreien können, alle Welt teilhaben lassen. Sie schaute ihn lächelnd an, ein Lächeln, so tief und unergründlich, wie später noch so oft. Dann löste sie sich sanft aus seinen Armen. Entrückt und starr blieb er stehen.

„Komm, schwimmen wir zurück!“,

sagte sie leise und war schon unterwegs. Immer noch benommen, folgte er ihr. Es fühlte sich an, als ob sie ihn mit einem unsichtbaren Band hinterher ziehen würde. Er merkte nicht, was die anderen neben ihm quatschten. Erst am Ufer kam er langsam zur Besinnung. Doch auch hier blieb ihm das eben Geschehene immer noch ein Rätsel.

Dicki erschien, umgezogen, mit den Utensilien seiner Schmierenkomödie bereits im Beutel. Fauli machte sich über ihn lustig.

„Kommst hierher wie der größte Taucher aller Zeiten und spielst danach die beleidigte Leberwurst. Von mir aus brauchst du nicht abzuhauen.“

Mit einer bittersüßen Miene ließ ihn der so Verhöhnte abblitzen und wollte gehen.

„Bleib doch!“,

forderte jetzt auch Meli, und der Rest nickte zustimmend.

„Aber nur dir zuliebe, Meli. Die anderen warne ich vor einer Wiederholung.“

Den drohenden Unterton nahm aber niemand ernst. Dicki gehörte nicht zu den nachtragenden Typen. Versöhnlich packte er seine Liegematte aus und machte sich lang. Die Mädchen saßen bereits auf ihren ausgebreiteten Decken. Fauli pflanzte sich sofort neben Anne, Stinki bat Dicki um ein Plätzchen, nur Pit stand unschlüssig rum.

„Setz dich doch zu mir, oder traust du dich nicht?“,

rief ihm Meli zu. Wieder errötete er, nur diesmal konnte er ihn nicht mit Wasser kühlen. Er drehte sich weg und hauchte:

„Danke.“

Dann ließ er sich auf dem äußersten Rand ihrer Decke nieder, obwohl sie die halbe Liegefläche frei gemacht hatte. Und wieder lächelte sie. Noch vor einer Woche hätte er sich nicht geniert, aber jetzt zersprang sein Herz fast vor Aufregung. Er wusste mit der Situation nichts anzufangen. Nur flüchtig registrierte er ihren unergründlichen Gesichtsausdruck, auch der entsprach nicht dem sonstigen. Milde, Zuneigung, Nachsicht, Opferbereitschaft, vielleicht auch Liebe und Hingabe hätte man herauslesen können, wenn er zu einer Deutung fähig gewesen wäre. Aber er konnte es nicht, denn der wummernde Herzschlag zertrümmerte im Moment jegliche Art solcher Gedanken. Er musterte zunächst Stinki, der bot Ablenkung. Sein muskulöser Körper glänzte in der Sonne. Jetzt, wo er im Wasser seinen Schweißgeruch verloren hatte, bot er eine Augenweide für jedes Mädchen. Warum hatte das noch keine bemerkt? Bescheiden und ehrlich war er schon immer gewesen, zu Hause ersetzte er oft seinen Vater, wenn der betrunken die Familie im Stich ließ. Sein Freund ertrug diesen Zustand wortkarg, er verhielt sich nur selten fröhlich. Pit mochte ihn von allen am meisten. Neuerdings störte ihn sein Spitzname. „Stinki“ - der klang beleidigend und entwürdigend, obwohl er ihn widerspruchslos akzeptiert hatte und auch darauf hörte. Diese Gedanken brachten etwas Ordnung in sein aufgewühltes Innere.

Pit nahm sich vor, mit Meli darüber zu sprechen. Sie nannte ihn sowieso meistens Reinhard, wie er richtig hieß. Plötzlich ebbte die Aufregung ab. Sein Kopf wurde klar so wie früher. Auch die Röte verschwand. Wieder mutiger, rückte er auf der Decke ein Stück weiter. Fauli hatte ihn die ganze Zeit im Visier und grinste hintergründig. Pit kannte den Blick und wusste, dass bald ein flapsiger Spruch folgen würde. Er ging selbst zum Angriff über:

„Warum bist du hier, Fauli, ich denke du hast Stubenarrest?“

„Ich habe die Formeln gelernt, war ein Megastress. Danach hat mich meine Mutter abgehört. Sie hat keinen Patzer entdeckt, deshalb hat sie mich ziehen lassen.“ Meist formulierte er solche Antworten etwas derber. Ob es an Anne lag, dass er sich heute zusammen nahm? Jedenfalls stellte es Pit mit Genugtuung fest. Oft genug brachte Fauli die Clique oder andere Freunde mit seinen Grobheiten in Misskredit.

„Dann ist wohl dein Hausarrest vorbei?“,

freute sich Anne mit fragender Miene.

„Weiß nicht?“,

knurrte er und griff nach ihrer Hand. Pit wunderte sich über den vertrauten Umgang der Beiden, das machte ihn auch beherzter. Er streckte sich neben Meli aus, die jetzt auf dem Bauch ganz dicht an seiner Seite lag. Ihre Wärme, den Duft ihres Haares, den Schlag ihres Herzens, ihre Atemzüge, all das glaubte er auf einmal zu spüren. Er schloss die Augen und träumte. Seine Sinne verwoben alle Eindrücke, die ihm so unerwartet zuteil wurden. Sie mischten sich mit seinen innersten Wünschen. Gleitend entrückte er allem Irdischen, noch versank es im Nebel, was er zu sehen glaubte, aber es entwickelte sich langsam zu einem wunderbaren Bild. Er drehte sich, dabei bemerkte er Melis Blick. Sie schaute ihn an. Verwirrt wendete er sich wieder ab. Die nächste Viertelstunde verging schweigend. Die unbequeme Lage, die er bis zur Unerträglichkeit auszuhalten versuchte, zwang ihn aber erneut, sich zu wenden. Wieder kreuzten sich seine und ihre Blicke. Diesmal blieb er einige Sekunden an ihren Augen haften. Sie besaß wunderschöne dunkelbraune Augen, die ein Feuer in sich trugen, das Wärme ausstrahlte, aber nicht nur das, auch eine unergründliche Sehnsucht kam mit einem Leuchten herüber und brachte Glanz auf ihr Gesicht. Ihr Blick fesselte ihn. So hatte er Meli noch nie erlebt, ihre Augen noch nie so gesehen. Kurz danach senkte er wie geblendet seine Lider, er fühlte nicht die Kraft, diesem völlig anderen Gesichtsausdruck länger zu widerstehen, noch nicht. In seinem Kopf wirbelte es, versetzte ihn in Trance, als ob er unter Drogen stehen würde. Dicki zerstörte schlagartig alles, was Pit in seiner Entrückung empfand. Offenbar plagte ihn die Langweile. „Ich habe im Internet etwas über Eichen rausgekriegt. Vielleicht interessiert das jemanden unter euch?“,

platzte er in die Runde.

„Moment noch“,

bremste Fauli seinen Mitteilungsdrang. Er bemühte sich gerade, Anne zu knutschen. Auch Pit wurde stinksauer. Unter anderen Umständen wäre er bereit gewesen, Dickis Gerede anzuhören. Aber ausgerechnet jetzt musste er mit seinem Internetgefasel diesen einmaligen Traum kaputt machen. Ihm lag eine grobe Zurechtweisung auf den Lippen, als sich ein Finger auf seinen Mund legte. Meli schüttelte fast unmerklich den Kopf und drückte seine Hand. Leise, aber bestimmt sagte sie:

„Erzähl uns das später, Dicki, ich glaube, wir müssen nach Hause“,

und wieder versanken ihre Blicke in Pits Augen. Dessen Zorn zerschmolz wie Wachs in der Sonne, alles um ihn herum war ihm plötzlich egal, nur eines nicht. Dieses Wesen neben ihm hatte ihn erobert, dafür würde er alles hergeben, alles opfern. Selig über so viel Glück, wünschte er sich nur eins, alle anderen mögen verschwinden. Dicki blieb hartnäckig. So verhielt er sich meistens, wenn er glaubte, etwas Wichtiges zu wissen. „Ich gehe jetzt zur ‚Alten Eiche', hier hört mir ja doch keiner zu. Offenbar sind jetzt andere Dinge interessanter. Werde allein der Sache auf den Grund gehen.“

Die letzte Bemerkung weckte natürlich Neugier, doch noch reagierte niemand. Er ging, und Stinki folgte ihm. Anne kreischte plötzlich:

„Ich muss heim, sonst bekomme ich Ärger mit den vorsintflutlichen Ansichten meiner Mutter. Ihr kennt sie ja.“

Sie sprang auf. Fauli folgte ihr zunächst, bog aber dann ab.

„Gehe zu Dicki!“,

rief er Pit und Meli zu, die noch immer auf der Decke lagen. Sie waren jetzt allein. Pit raffte allen Mut zusammen. Getrieben von einer unsichtbaren Kraft, beugte er sich über Meli und küsste sie. Es war sein erster Kuss, den er einem Mädchen schenkte. Noch fiel er entsprechend unbeholfen und linkisch aus, aber er spürte, dass sie ihn begehrte. Auch ihre Erwiderung gelang nur zaghaft, aber er spürte bereits die versteckte Hingabe. „Komm, wir tun Dicki den Gefallen und hören uns seine Neuigkeiten an!“,

schlug sie vor,

„vielleicht ist es wirklich interessant, was er im Internet gefunden hat.“

Nur widerwillig ließ sich Pit überreden, der Kuss hatte ihm jede Lust auf Neuigkeiten solcher Art abgekauft.

Gewöhnlich hockten sie am Rand der Kuhle. Früher holte man hier Sand, jetzt lag auf dem Grund ein wirres Durcheinander von kleinen dürren Zweigen, Laub und Resten von Fruchtständen der Eiche aus dem Vorjahr. Die riesige Krone des Baumes überschattete den Platz. Alle in der Clique liebten dieses angenehme Fleckchen. Sie trafen sich oft an dieser Stelle, jeder hatte seinen Platz, man quatschte und heckte manchen Streich aus. Auch heute sollte es so sein. Bis auf Dicki befanden sich die anderen auf den angestammten Plätzen. Pit saß jetzt näher an Meli, blieb aber noch auf Distanz, keiner sollte merken, dass zwischen ihnen etwas lief. Fauli, der lieber mit Anne gegangen wäre, drängte:

„Leg endlich los, Dicki! Du verschwendest wieder einmal unsere Zeit!“

Der überhörte das Drängeln und hockte sich wichtigtuerisch in die Mitte der Kuhle. Jetzt sah er aus wie ein gluckendes Huhn. Diese Pose nahm er oft ein, wenn er etwas zu verkünden gedachte. Fauli fauchte ihn erneut an.

„Wenn du jetzt nicht loslegst, haue ich ab!“

„Also“,

begann Dicki endlich,

„ich habe im Internet Folgendes gefunden“.

Mit diesem Standardsatz legte er meistens los, auch wenn er danach oft ganz Banales von sich gab.

„Komm auf den Punkt!“,

herrschte ihn nun auch Meli an, die ungeduldig wurde. Fast beleidigt, polterte er schließlich los:

„Es ist eine Geschichte über Eichen, sie klingt mehr nach einem Märchen, scheint aber wahr zu sein.“

Bis auf Pit schenkten ihm jetzt die anderen halbherzig ihr Gehör. Der wandelte auf geistigen Abwegen und malte sich ein Zukunftsbild mit Meli. Dickis Worte schwirrten an ihm vorüber. Die Eichen, so dozierte dieser bedeutungsvoll, wären zu allen Zeiten heilige Bäume gewesen. In den alten Religionen hätte man sie oft als Sitz von Göttern und Zauberern verehrt und gefürchtet. Unter ihren riesigen Wurzeln sollen Dämonen und Kobolde ihr Unwesen getrieben haben, die je nach Lust und Laune die Menschen zwickten, ihnen schadeten, aber sie auch mit Wohltaten überhäuften. Als Götterbaum sei sie bereits bei den alten Griechen zu finden. Sie weihten die Eiche dem Göttervater Zeus. Da gäbe es auch ein Orakel. Jetzt staunte Meli plötzlich über Dickis Wissen. Sie hörte ihm interessiert zu, während Pit sich immer noch im Gefängnis seines Liebestaumels befand.

„Los, mach zu! Das ist ja mal richtig spannend!“,

stachelte sie seine aufkommende Mitteilungsfreude an.

„Alle Einzelheiten weiß ich nicht mehr so genau“,

fuhr er euphorisch dort,

„aber die sind auch nicht so bedeutungsvoll wie das Weitere.“

Wahllos kam er von den Griechen auf die Römer und dann auf die Kelten zu sprechen, nur zum angekündigten Orakel sagte er nichts. Mit ein wenig Phantasie ordnete Meli den Wirrwarr. Die Römer hatten die Eiche Jupiter, ihrem höchsten Gott, gewidmet. Die Kelten dagegen befragten das Eichenlaub, nutzten es für kultische Handlungen, das hätte sich teilweise bis heute erhalten. Wo? - dazu sagte Dicki wieder nichts, vielmehr brachte er das Wort „Druide“ ins Spiel. Das sollte die Bezeichnung für ihre Priester gewesen sein und von dem keltischen Wort „duir“ stammen, was in deren Sprache so viel wie Eiche bedeute. Plötzlich landete er bei den Germanen, die wähnten in Eichen den Sitz des Donnergottes Donar. Bei ihnen gäbe es auch „Druden“, die aber nichts mit den keltischen „Druiden“ gemein hätten. Bei ihnen würde es sich vielmehr um weibliche, göttliche Wesen handeln, die sich von Zeit zu Zeit in den Baumkronen aufhielten und mit ihrem Treiben die Früchte des Baumes beseelen sollten. Die Eichel wurde deshalb häufig von den Menschen zur Abwehr des Bösen oder zum Erfüllen von Wünschen als Amulett getragen. Die Zahl Fünf spiele dabei eine große Rolle. Beim Erwähnen dieser Zahl schreckte Pit plötzlich auf und wurde hellwach. Wie ein Blitz schoss er in die Realität zurück. Ob er sich je wieder trauen würde, Meli zu küssen, darüber war er sich jetzt nicht mehr sicher. Ihr auffälliges Interesse an Dickis Geschwafel ließ ihn unerwartet zweifeln. Sie kam ihm auf einmal so unnahbar vor. Sein Problem mit der Fünf versprach Ablenkung.

„Was ist mit der Fünf?“,

fuhr er begierig in Dickis Erzählung.

„Was interessiert dich auf einmal die Fünf, hast doch bisher kaum zugehört?“, entgegnete der erstaunt und auch ein wenig beleidigt.

„Hör zu, dann wirst du es noch früh genug erfahren!“,

moserte er ihn an, bevor er seinen Vortrag fortsetzte.

Plätze in Eichelhainen oder auch unter Eichen wären bei den Griechen, Römern, Kelten und den Germanen allesamt besondere, ja heilige Orte gewesen. Man nutzte sie zur Durchführung kultischer Rituale und als Orte der Rechtsprechung. Auch wenn ein Bann über jemanden verhängt werden sollte, fanden sich die Richter auf solchen Plätzen zur Urteilsfindung ein. Bei Beratungen orientierte man sich häufig am Rauschen der Blätter, flocht das in die Entscheidungen mit ein. Die Germanen nannten ihre Beratungen „Thing“, so wie man heute in skandinavischen Ländern immer noch die Parlamente bezeichnen würde.

Über die aufgeworfenen Fragen ließ er sich mit keiner Silbe aus. Weder auf das Orakel noch auf die Fünf ging er ein. Stinki interessierte das sowieso weniger. Er fand das Vorgetragene bereits phänomenal.

„Du musst das mal aufschreiben, Dicki, für das Eichenprojekt an der Schule!“

Der winkte ab.

„Wozu gibt es Drucker?“,

machte er wieder auf wichtig und ergänzte: „Ich könnte euch noch mehr erzählen, habe aber keine Lust mehr.“

Meli nahm ihm das übel.

„Erst machst du uns neugierig, lässt Wichtiges offen und brichst plötzlich ab. Das ist unfair. Ich hatte mit Spannung auf eine abgeschlossene und vollständige Darstellung gehofft und nicht auf diese Halbheiten.“

Jetzt saß er in der Klemme. Um den Vorwurf etwas zu entschärfen, fügte er schnell noch, nach seiner Meinung etwas besonders Wichtiges, hinzu.

„Übrigens ist die Eiche der Baum der Deutschen. Darüber gibt es eine Unmenge von Geschichten.“

Auch hier blieb er nur bei der Erwähnung eines Faktes. Warum und weshalb das so ist, darüber verlor er kein Wort, oder er wusste dazu nichts. Wie meist in solchen Situationen raffte er seine Siebensachen zusammen und erklärte den „Thing“ für beendet. Dann ging er, in der Ferne tauchte das Auto der Bäckerei auf.

„So ein Spinner!“,

empörte sich Fauli.

„Wäre ich doch lieber gleich mit Anne gegangen.“

Stinki befand, dass man selber noch Nachforschungen betreiben sollte. Dickis Geschichten könnte man ja als Hinweise und Tipps betrachten. Meli stimmte der Überlegung zu. In Pits Kopf geisterte immer noch die Fünf herum, er dachte an die Geschichte von seiner Großmutter und wandte sich an die Anderen:

„Man müsste mal rauskriegen, was der Alfons Meyer so alles über die ‚Alte Eiche' herausgefunden hat, der wusste Bescheid, auch das mit der Fünf.“

Nach einer kurzen Pause stieß er Stinki an.

„Ihr habt doch von ihm das Haus bekommen, vielleicht gibt es noch Hinterlassenschaften, du musst unbedingt mal nachgucken!“

Der winkte ab und wechselte das Thema.

„Da ist nichts, hab jetzt auch andere Sorgen. Mein Bruder will ein Bad einbauen, da muss ich mit meinem Vater den Graben für die Wasserleitung ausheben. Das Meiste bleibt sowieso an mir hängen, der Alte hat wieder einmal seine Saufphase.“

„Wir können dir auch helfen“,

bot ihm Pit an, und Fauli nickte zustimmend.

„Ihr seid doch alle im Urlaub, wenn es losgeht, mein Bruder hat jetzt noch keine Zeit“, wimmelte er viel sagend das Angebot ab. In Wirklichkeit stand ein anderer Grund dahinter. Er schämte sich für die häuslichen Zustände. Trotz größter Mühen seiner Mutter hatte sich kaum etwas an dem heruntergekommenen Haus geändert. Sein Vater vertrank oft das wenige Geld und rührte zu Hause keinen Handschlag. Dass sein Bruder, der als Fliesenleger in Hamburg tätig war, in der alten Speisekammer ein Bad einrichten wollte, galt als ein Bahn brechendes Ereignis in seiner Familie. Besonders seine Mutter, die unter dem jetzigen Zustand am meisten litt, verbreitete eine ansteckende Begeisterung. Stinkis eigene Zielstellung bestand darin, möglichst viel selbst dazu beizutragen. Sein Stolz verbot ihm, die Hilfe seiner Freunde anzunehmen. Das Gespräch in der Clique lief auseinander, der eigentliche Grund für ihr Zusammentreffen in der Kuhle hatte sich aus dem Staub gemacht. Fauli verließ als Nächster das Trüppchen. Dann ging auch der Rest. Pit schob sein Rad, begleitete Meli und Stinki, die zu Fuß gekommen waren. Man redete belangloses Zeug oder schwieg auf dem Rückweg. Pit drängte sich immer wieder in Melis Nähe und versuchte krampfhaft, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Nur kurz berühren, das misslang bis auf ein einziges Mal. Sie erwiderte seine Annäherung mit einem Lächeln. Dabei wurden ihm fast die Knie weich. Taumelnd lief er bis zur Bachbrücke mit, den Ort der Trennung. „Tschüss bis morgen“,

rief ihm Stinki zu, und sie ließ, unbemerkt von ihm, ein Handküsschen zu Pit fliegen. Ihre Wege schieden sich jetzt. Wie angewurzelt verharrte er eine Weile und starrte hinter ihr her, auch als sie längst im Garten ihres Hauses verschwunden war. Er fühlte sich noch immer wie im Rausch, als er daheim ankam. Ganz gegen seine Gewohnheit stellte er sein Fahrrad diesmal gleich in die Garage, hob sogar Jules Bike vom Boden auf und schob es neben seins. In seiner Bude streifte er ein frisches T-Shirt über. Dem Zustand der Entrückung folgte wenig später ein unbändiges Glücksgefühl und weckte in ihm unversehens Eigenschaften aus seiner Kindheit, die er eigentlich schon seit einigen Jahren als lästigen Ballast über Bord geworfen hatte. Seine Mutter lud ihn zum gemeinsamen Abendbrot ein. Wider Erwarten folgte er ihrer Bitte. Vorher wusch er sich die Hände gründlicher als sonst, dann bot er Jule seine Hilfe während des Tischdeckens an, verbunden mit einem überschwänglichen Kuss auf deren Wange. Überrascht von der ungewohnten Charmeattacke ihres Bruders, keifte sie gleich los: „Der Pit spinnt heute, den hat bestimmt eine Zecke gebissen!“

„Ja, Schwesterchen, wie recht du doch hast“,

flötete er und verpasste ihr einen weiteren Knutscher.

„Iih, ist ja ekelhaft!“,

wehrte sie halbherzig ab, um ihr Gezicke schlagartig gegen Neugier einzutauschen. „Mama, mit dem Pit stimmt etwas nicht, kannst du das mal rauskriegen?“

Aber die machte selbst ein ratloses Gesicht, auch sie war irritiert. Am Tisch reichte er das Brot herum und goss seiner Schwester Saft ins Glas. Höflich, fast charmant, erkundigte er sich nach dem Verbleib seines Vaters. Doch noch wurde gegessen und nicht geredet, wie es allgemein die Sitte vorsah. Mit Eifer half er danach beim Abräumen, freundlich, ohne auf die Antwort zu drängen. In der Hoffnung, etwas über den Grund des ungewöhnlichen Verhaltens ihres Bruders zu erfahren, schlich Jule durch die Küche, aber ein anderes Thema versprach ihr keinen Erfolg.

„Der Papa kommt später, er ist noch im Gemeindeamt. Sie beraten zusammen mit dem Baron, Herrn Faulstich und dem Ortsbürgermeister. Auch Mias Vater soll wohl teilnehmen. Die Kerle haben sich in den Kopf gesetzt, die Windmühle in Ordnung zu bringen “, erwähnte die Mutter.

„Donnerwetter, da haben sie sich aber was vorgenommen!“,

lachte Pit, bevor er die Küche verließ.

„Jetzt haben wir nicht rausgekriegt, was mit ihm los ist“,

maulte Jule enttäuscht.

„Vielleicht ist er verliebt, da werden Jungen plötzlich anders, frag ihn doch selber.“ Wie Recht doch seine Mutter hatte, dachte Pit, die weiß Bescheid. Ihre letzten Worte erreichten ihn gerade noch. Draußen im Hof setzte er sich auf Omas Bank. Aus ihrem Zimmer drang die Musik von einer der alten Schellackplatten. Er hatte sie oft gehört, kannte sie auswendig und hörte sie auch immer wieder gern. Deutlich klang das rhythmische Klopfen der Hammerpolka durchs Fenster. Oma verheimlichte bisher, was sie mit dieser Melodie verband, denn sie spielte sie öfter als alle anderen Platten ab. „Sicherlich steckt eine Liebesromanze aus ihrer Jugendzeit dahinter, über die sie nicht sprechen will. Sie lebt bestimmt von der Erinnerung“,

mutmaßte Pit.

„Vielleicht entsinne ich mich im Alter auch an die heutige Begegnung mit Meli, es wird eine der schönsten Erinnerungen meines Lebens werden. Ich muss sie hüten wie ein Juwel.“,

schwärmte er bei diesem Gedanken. Sein Vater trat zu ihm. Er hatte sein Kommen nicht bemerkt. Pit sprang auf, wollte Hof- und Garagentor schließen, doch er wurde von ihm zurückgehalten.

„Du verhältst dich heute sonderbar, wer hat dich denn so umgekrempelt?“

„Bin ich anders?“

„Ja, solche Freundlichkeiten von dir habe ich lange nicht erlebt. Du kannst dich wieder setzen, ich schließe die Türen selbst, damit ich es nicht verlerne.“

Jetzt staunte Pit. Merkte man ihm tatsächlich an, dass er verliebt war? Später vernahm er Wortfetzen von einem Gespräch zwischen seinen Eltern. Es ging um ihn und auch das Wort „verliebt“ kam darin vor. Seine Eltern lachten, also würden sie sich in solchen auffälligen Verhaltensweisen auskennen. Er pfiff die Melodie der Hammerpolka, fühlte sich frei und unbeschwert Den Abend fand er herrlicher als sonst. Irgendwann kam sein Vater wieder und setzte sich zu ihm auf die Bank.

„Mm“,

bemerkte er nach einer Weile,

„ich glaube, ich sollte dir von unserer Beratung erzählen, du bist alt genug, mein Sohn.“ Diese plötzliche Vertrautheit überraschte ihn plötzlich. Und Pit erfuhr so als Erster, was die Männer vorhatten. Sie wollten einen Rastplatz am Radwanderweg der Werla schaffen. Die Windmühle wäre dabei die Hauptattraktion. Man beabsichtige, sie so herzurichten, dass sie wie einst Getreide mahlen könnte, das man danach am gleichen Ort in einem Natursteinofen zu einem speziellen Mühlenbrot zu verbacken gedächte. Auch eine kleine Rastunterkunft in Form einer Blockhütte gehöre in die Planung. Noch wäre alles in der Phase der ersten Überlegungen und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Er hoffe, dass er als angehender Mann schweigen könne.

„Großes Indianerehrenwort“,

ein Versprechen, das bei ihm eine andere Bedeutung hatte als im allgemeinen. Sein Vater wusste das. Später überlegte er, was sein Erzeuger wohl mit dem „angehenden Mann“ gemeint haben mochte. Dachte er etwa, er hätte mit seinen fast vierzehn Jahren schon sexuelle Erfahrungen? Das verblüffte und erstaunte ihn gleichermaßen. Kannte ihn sein Vater so wenig? Andererseits - warum nicht? Er wusste aus der Schule, dass es Jungen in seinem Alter gab, die sich damit brüsteten. Ob sie die Wahrheit sagten oder nur angeben wollten, das interessierte ihn bisher wenig. Ihn drängte es noch nicht nach solchen Erlebnissen, und wenn, dann sollten sie sein Geheimnis bleiben. Er liebte keine billigen Abenteuer, für ihn gehörte das Sexuelle zu der Liebe, die man für ein Mädchen empfand, so hatte er es von seiner Oma gehört und bei seinen Eltern erlebt. Alles andere konnte er sich nicht richtig vorstellen. Sein Vater saß immer noch neben ihm, eigentlich ungewöhnlich. Er musste was auf dem Herzen Tragen, das für seine Mutter vermutlich wenig Bedeutung besaß. Pit überlegte. Hatte sie sich nicht beim Abendbrot abschätzig über das Vorhaben mit der Windmühle geäußert? Warum? Die Idee fand er doch bombig. Viele Leute der Umgebung würden sich dafür begeistern, denn das Vorhaben brächte ein wenig Abwechslung und Spaß in den langweiligen Dorfalltag.

„Wie habt ihr euch das vorgestellt, Papa? Die Leute, mit denen du zusammen gesessen hast, schaffen das doch niemals allein. Der Bankdirektor hat ohnehin zwei linke Hände, den würde ich gar nicht erst bemühen.“

Pit hatte wohl den richtigen Nerv getroffen. Sein Vater berichtete, was geschehen sollte. Wie befreit von einem Geheimnis legte er jede Einzelheit, jede Idee dar, die sie in der Gemeinde abgesprochen hatten. Pit kam sich vor wie Einer, der ihre Absichten begutachten und bewerten sollte. Er hörte aufmerksam zu und schwieg. Das hatte ihm einmal sein Großvater eingebläut.

„Dadurch gewinnst du die Achtung und den Respekt der Menschen, sie werden dir vertrauen“,

hatte er damals gesagt, als er sich bei einem Gespräch zwischen Erwachsenen als kleiner Naseweis einmischte. Jetzt erfuhr er mit dieser Lebensweisheit alles, was nur einige Wenige wussten. Auch Freisitze mit einer Überdachung sollten entstehen, die zum Verweilen animieren. Man wollte die Radwanderer dort auch über das Dorf, seine Umgebung und die Sehenswürdigkeiten informieren. So eine Informationstafel könnte beispielsweise die Schule gestalten. Sein Vater redete plötzlich mit einer Begeisterung, als wäre alles schon unter Dach und Fach. An bestimmten Feiertagen hätte man an eine Bewirtschaftung gedacht, die die Radwanderer den Dorfbewohnern näher bringen könnte. Um den Platz und die Mühle in Ordnung zu halten, wolle man eine ABM-Stelle einrichten. Derjenige, der die Stelle bekäme, solle auf einen Lehrgang für Windmüller geschickt werden. Damit entstünde möglicherweise eine dauerhafte Arbeitsstelle.

„Und wie wollt ihr das finanzieren?“

Pit brach mit dieser Zwischenfrage seinen Grundsatz. Sein Vater schien ihm aber diesmal sichtlich dankbar zu sein, denn das stellte offensichtlich das größte Problem dar. Man hätte überlegt, einen Kredit zu nehmen, aber die Idee gleich wieder verworfen. Danach wären Sponsoren und Fördergelder ins Gespräch gekommen, doch dazu sei ein Verein erforderlich, den es nicht gab. Man brauchte zunächst ein strategisches Konzept, so hatte man sich geeinigt, um das Vorhaben nicht gleich am Anfang im Ideenchaos zu beerdigen. Pit hörte aufmerksam zu. Er werde nachdenken, versprach er, einen Einfall hätte er schon, der zweite kam ihm nachts im Traum. Das Bild, das sich dabei in seinem Kopf verhakte, war nicht neu. Er musste es im Fernsehen beim abendlichen Sandmann aufgeschnappt haben. Doch das lag schon lange zurück. Jetzt trug alles realistische Züge.

Eine Windmühle, so groß wie der Feuerwehrturm, drehte ihre Flügel ächzend im Wind. Der Müller stand mit einer weißen Zipfelmütze und zu kurz geratener grauer Hose vor dem Mühleneingang und spähte in die Ferne. Mit seinen hölzernen Pantoffeln trat er polternd auf die Bretter des Podestes vor der Tür, als wolle er jemanden zur Eile antreiben. Sein kurzer heller, Mehl verstaubter Kittel flatterte im Wind, so wie üblich bei einem Windmüller.

Das Traumbild präsentierte etwas Vertrautes. Es betraf nicht die Mühle, die hatte er ja nur aus dem Fernsehen entliehen, es lag am Gesicht des Müllers, das ihm bekannt vorkam. Er überlegte nach dem Hirngespinst sehr lange, zu welchem Dorfbewohner es passen könnte. Früh unter der Dusche fiel es ihm ein. Es handelte sich um Herrn Katzmann, Stinkis Vater. Aber warum ausgerechnet er, der durch seine Trunksucht all seine guten Eigenschaften in Misskredit brachte? Pit überlegte erneut: Er konnte hart arbeiten, wenn er nicht trank, verstand mit Holz umzugehen und er hätte endlich eine dauerhafte Aufgabe, die seinen Fähigkeiten am besten entsprach. Vielleicht würde er dann dem Alkohol abschwören, wenn man ihm diese Chance böte. Freudig begab er sich an den Frühstückstisch, aber leider fehlte sein Vater. Trotzdem ließ er sich nicht entmutigen. Die zweite Idee wollte er mit seiner Mutter besprechen. Er hoffte insgeheim, gleichzeitig ihre Vorbehalte gegen das Windmühlenprojekt auszuräumen. Sein Großvater in Vorbach, also der Vater seiner Mutter, besaß dort eine Zimmerei. Auch sein Onkel, Mutters Bruder, war gelernter Zimmermann. Geschickt brachte er seine Überlegungen bei ihr unter. Am Ende seiner Bemühungen versprach sie, bei den Großeltern anzurufen, um die Interessenlage auszukundschaften, dabei schwante ihm etwas. Sein ungewöhnliches Verhalten von gestern wirkte offensichtlich ansteckend. Dieser Eingebung oder seiner Stimmung folgend - er wurde nämlich erneut von Melis Liebeszauber eingefangen - machte sich Pit übertrieben nützlich, holte sogar für seine Schwester die Nusscreme, die sie nörgelnd vermisste. Das fiel natürlich auf und hatte zur Folge, dass das Frühstück seit langem wieder einmal harmonisch verlief. Als er sich auf den Weg zur Schule machte, sah nicht nur seine Welt rosarot aus, sondern auch sein Zimmer zeigte erste Ansätze von Ordnung. Seine Mutter konnte ihr Schmunzeln nicht unterdrücken und zwinkerte ihm zum Abschied zu. Im Wegfahren hörte er noch, wie Jule sie erneut mit ihrer Neugier traktierte. Sein Name kam dabei öfters vor.

Pit Summerby und die Magie des Pentagramms

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