Читать книгу Bodo Ramelow: Jetzt habe ich das Gefühl, dass über allem etwas Bleiernes liegt. - Heinz Michael Vilsmeier - Страница 5
Ach Jungs, bis Ihr groß seid, wird's diese Grenze nicht mehr geben.
ОглавлениеHAMCHA: Sie sind Jahrgang 1956, geboren in Osterholz-Scharmbeck, in Niedersachsen, sind dann aber nach Hessen gegangen…
Bodo Ramelow: … der Hintergrund ist, mein Vater, oder die Familie meines Vaters war nach dem Krieg in Osterholz-Scharmbeck gestrandet, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Vater war, nachdem er meine Mutter geheiratet hatte, wieder nach Osterholz-Scharmbeck zu seiner Mutter gezogen. Nachdem mein Vater gestorben war, ist meine Mutter von dort zurück in ihre rheinhessische Gemeinde gezogen. In Rheinhessen habe ich dann meine Schulausbildung fertig gemacht und bin dann mit meiner Mutter nach Hessen umgezogen, wo sie berufstätig war. So wurde mein Leben zwanzig Jahre lang in der Region Mittelhessen geprägt, zwischen Marburg und Gießen. In Gießen habe ich bei Karstadt gearbeitet, dann bei einem Supermarktunternehmen in Marburg. Am Ende war ich Gewerkschaftssekretär für die Region. Als die Grenze BRD/DDR 89/90 anfing zu wackeln und löchrig zu werden, war ich bei meiner Verwandtschaft in der Altmark in der DDR und habe dort deren Ende, sehr lebendig, in der Familie väterlicherseits erlebt.
HAMCHA: Hatten Sie bereits in der Zeit vor dem Mauerfall Kontakte zu Ihrer Familie in der Altmark?
Bodo Ramelow: Über viele Jahre war es Tabu in unserer Familie, überhaupt nur darüber zu reden, dass da noch Halbgeschwister sind, Zwillinge, die aus der früheren Ehe meines Vaters stammten. Das war immer Tabu. Erst als mein Vater gestorben war, entstand eine andere Situation. Meine große Schwester, die Religionslehrerin und Grundschullehrerin ist, las zufällig ein Interview mit mir im Neuen Deutschland. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was das Neue Deutschland ist. Es ging um eine politische Auseinandersetzung in Marburg, zu der ich mich geäußert hatte. Das erste spektakuläre Berufsverbotsverfahren um Herbert Bastian, der in Marburg für die DKP kandidiert hatte und nach der Wahl in den Stadtrat aus dem Berufsbeamtendienst der Post ausgeschlossen worden war. Dazu hatte ich mich geäußert, weil ich es empörend fand, dass man das einem Beamten vorhielt, obwohl er vom Volk gewählt worden war. Unabhängig davon, ob er für die DKP oder Nicht-DKP kandidiert hatte, war für mich der Vorhalt, der juristische Vorhalt, empörend, denn als Beamter war er vorbildlich. Es wurde ihm vorgehalten, es sei Tarnung, dass er vorbildlicher Beamter war und sich trotzdem für die DKP hat wählen lassen. Das war ein Bruch des Berufsbeamtentums, dazu hatte ich mich geäußert. Das las meine Schwester, zufällig auf ihrer Reise mit dem Kirchenchor durch die DDR. Die Kuriosität war, dass sie, als sie zurück war, mich anrief und sagte: ‚Also pass mal auf, Du warst jetzt dort zitiert, das ist jetzt ein Himmelszeichen, wir fangen jetzt mal an, unsere Familie zu suchen.‘ Dann haben wir, in der Tat, über die Evangelische Kirche unsere Geschwister gesucht. Von einem Pfarrer kriegten wir dann den Hinweis, dass der eine Bruder da und der andere Bruder dort lebt und dass er, der Pfarrer, darum bittet, dass wir mit dem einen keinen Kontakt aufnehmen, weil er bei der Volkspolizei sei. Das war für mich erst mal schwierig zu verstehen und nachzuvollziehen. Hinterher hab ich’s genau begriffen. Wir vier Geschwister im Westen haben dann Familienrat gehalten und entschieden, dass ich den Kontakt knüpfe. Ich wohnte in Marburg und über den kleinen Grenzverkehr konnte ich innerhalb von 24 Stunden, mit so einer Stempelkarte, einreisen. Immer wenn ich dann vorne in das Dorf reingefahren bin, ist einer meiner Brüder hinten rausgefahren. So habe ich den erst in der Silvesternacht ’89 auf ’90 kennengelernt. Später hat er mir dann gesagt, dass er glaubt, dass die Staatssicherheit ihm wegen uns, also wegen der Westverwandtschaft, erspart geblieben ist. Mein Bruder ist ein guter Kriminalpolizist und nach der Wende unstrittig und unangefochten von der Kriminalpolizei in Sachsen-Anhalt übernommen worden. Mittlerweile ist er, Jahrzehnte später, in Ruhestand gegangen. Der andere Bruder war bei der LPG im Lagerwesen beschäftigt, hatte aber damals schon eine schwere Erkrankung – multiple Sklerose. Drei oder vier Jahre später konnte er, als er verrentet war, uns tatsächlich im Westen besuchen. Ab und zu besuchte ich mit meinen Kindern die Familie in der DDR. 1989 fragten die Kinder des Bruders: „Wieso könnt ihr immer hierher und wir nicht zu euch?“ – Ich werde diesen Tag nicht vergessen, weil ich spontan gesagt habe: ‚Ach Jungs, bis ihr groß seid, wird’s diese Grenze nicht mehr geben.‘ Das war Ende der Sommerferien 1989, und schon am 24. Dezember haben wir in der Feldsteinkirche, in dem kleinen Dorf in der Altmark, mit 90 Einwohnern die da leben, Weihnachten gefeiert.