Читать книгу Lilly und Engelchen - Helga Hegewisch - Страница 4

1. Kapitel

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Derselbe Lastwagen, der sie vor drei Jahren mitsamt ihrem Hausrat nach Mecklenburg auf die Domäne Staaken verfrachtet hat, bringt sie jetzt, am 30. Juni 1945, wieder zurück nach Hamburg. Damals sind sie vor den Bomben geflohen, heute fliehen sie vor den Russen, die im Zuge des Gebietsaustausches das Mecklenburger Land als Besatzer von den Engländern übernehmen werden.

»Under no circumstances should you remain east of the river«, hat Jeremy bereits vor einem Jahr zu Lilly gesagt. Ach, Jeremy! Lilly ahnt, dass ihre Gedanken an ihn nach den Ereignissen der letzten Nacht eine völlig andere Richtung nehmen müssen. Die Wirklichkeit hat mit den Träumen nicht Schritt gehalten.

»Was ist, Lilly, warum bist du so bedrückt?«, fragt Onkel Jupp, der, seitdem er so gut wie blind ist, ein erstaunliches Gespür für die Gefühle und Stimmungen anderer Menschen entwickelt hat.

»Weil ... weil ich mir etwas Falsches gewünscht hab, glaube ich jedenfalls.«

»Und nun ist dein Wunsch in Erfüllung gegangen und du hast das Gefühl eines Verlustes?«

»So ungefähr.«

Er lächelt. »Weißt du, die Sache mit dem Wünschen und Erfüllen ist doch sehr kompliziert, und oft passt das eine nicht so recht zum anderen. Immerhin hast du ja heute nicht nur etwas verloren, du hast vor allem etwas bekommen, etwas ganz Erstaunliches, Ungewöhnliches.«

»Stimmt«, sagt Lilly und zieht das winzig kleine Baby, das auf ihrem Schoß liegt, enger an sich. »Und ich hab nicht die geringste Ahnung, was draus werden soll. Aber eins weiß ich jetzt schon, ich geb’s nicht wieder her.«

»Langsam, Lilly, langsam. Nun pfleg es erst mal gesund und hab es lieb und freu dich dran. Und dann wird sich schon irgendetwas ergeben.«

»Was soll sich denn da noch ergeben? Ohne mich wär’s nämlich gestorben, deshalb gehört es jetzt mir. Das hat Jule auch gesagt.«

Vor zwei Stunden hatte Miroslaw, Jules polnischer Liebster und der Fahrer des Lastwagens, beschlossen, eine kurze Rast einzulegen, damit sie sich alle ein wenig die Beine vertreten konnten. Lilly sprang von der Ladefläche und lief nach vorne zur Fahrerkabine, um nach Mama und Baby Josi zu sehen.

»Ich glaube, dahinten ist eine Pumpe«, sagte Lillys Mama und hielt ihr den halb leeren Wasserkanister hin. »Du könntest die Gelegenheit nutzen und auffüllen.«

»Mach ich«, sagte Lilly, nahm den Kanister und stapfte durch das hohe Gras hinüber zu einem kleinen verfallenen Haus ohne Dach und Tür, neben dem der hohe Metallschwengel einer Pumpe aufragte.

Sie ließ das kühle, frische Wasser einlaufen, kippte sich auch gleich noch ein paar Hände voll ins Gesicht und wollte sich schon auf den Rückweg machen, als sie einen leisen Ton hörte, so ein schwaches klägliches Gemaunze, vielleicht von einem Kätzchen oder einem jungen Hund. Suchend ging sie um die Pumpe herum und schob das Gras auseinander.

Das, was sie dort fand, jagte ihr einen Schreck ein, gepaart mit Mitleid und Zorn und sofortiger, unabdingbarer Hilfsbereitschaft. Vor ihr auf dem Boden lag ein Baby, kaum größer als Schwesterchen Josi, eingewickelt in ein buntes Tuch. Eine Fliege kroch über das blasse Gesichtchen.

Lilly kniete sich ins Gras und flüsterte: »Wer hat dich denn hier vergessen? Du siehst ja aus, als wärest du schon nicht mehr ganz lebendig.« Als sie das Baby hochnehmen wollte, fing es kläglich an zu weinen.

Lilly drehte sich zurück in Richtung Lastwagen und schrie laut: »Jule, Jule, komm her, ich muss dir etwas zeigen!«

Jule kannte Lilly gut genug, um die Dringlichkeit in ihrer Stimme zu erfassen. Ohne Rücksicht auf ihren Siebenmonatsbauch sprang sie aus der Fahrerkabine und lief hinüber zu Lilly. »Was ist los, warum rufst du?« Dann sah sie das Baby, lachte und sagte: »Und ich dachte schon, da läge eine Bombe.«

»Es ist aber ein Baby!«, sagte Lilly.

»Also keine Bombe, das ist schon mal gut. Gehört wohl zu den Leuten, die in dem Haus dort wohnen.«

»Da wohnt niemand mehr, keine Türen, keine Fenster. Aber ich geh mal nachsehen.«

Tatsächlich fand Lilly in dem verfallenen Haus keine Spur von Menschen, nicht einmal Abfall lag herum, und auf dem alten Küchenherd war gewiss seit langem nicht mehr gekocht worden.

Als sie zur Pumpe zurückkam, hatte Jule das Kleine ausgepackt. »Meine Güte, das arme Ding! Voll bis zum Hals. Und wund gescheuert überall. Lauf schnell zum Wagen und hol mir Josis Windeltasche. Aber sag der Mama nicht, was wir hier haben. Die regt sich sonst zu sehr auf.«

»Gib mir die Windeltasche«, sagte Lilly zu ihrer Mutter.

»Wozu?«

»Jule hat schlimme Kopfschmerzen, sie will sich eine nasse Windel auf die Stirn legen.«

Als Mama Lilly die Tasche rausreichte, bemerkte sie trocken: »Jule hat in ihrem ganzen Leben noch keine Kopfschmerzen gehabt.«

Miroslaw gab sich sehr besorgt. »Jule schlecht? Etwa Baby? Schon?«

»Nein, nein«, sagte Lilly, »oder doch, ja, ein Baby. Aber nicht Jules, meins!«

»Deins, Panienka?«

Lilly lachte, sagte »Nicht wirklich, war nur ein Spaß«, und läuft zurück.

Jule hockte vor dem nackten Baby. »Mehr tot als lebendig, fast schon ein Engelchen. Wie können Menschen so böse sein und solch ein kleines hilfloses Wesen einfach sich selbst überlassen!«

Sie bedeckte die wunden Stellen mit einer dicken Schicht Penatencreme und wickelte das Kleine, das immer noch leise greinte, in eine frische Windel. Inzwischen füllte Lilly aus der Thermoskanne vorbereitete Milch in Josis Babyfläschchen. Das Kleine trank gierig.

»Es ist übrigens ein Mädchen«, sagte Jule und wischte sich mit dem Handrücken die Augen.

»Das hab ich gesehen.«

»Wo bleibt ihr denn so lange?«, rief Mama vom Wagen her. »Nun kommt doch endlich, wir wollen weiter.«

»Ja, gleich.« Jule stand auf und drückte Lilly das Baby in die Arme. »Es gehört dir, du hast es gefunden. Von jetzt an bist du verantwortlich.«

Plötzlich wurde Lilly doch etwas unsicher. »Aber wenn seine Mutter nun kommt und es holen will?«

»Die kommt nicht wieder. Und falls doch, dann hat sie kein Recht mehr auf das Kind. Das liegt hier bestimmt schon seit zwei Tagen. Wer so etwas tut ...!«

»Vielleicht konnte sie nicht anders.«

Jule betrachtete Lilly mit zusammengekniffenen Augen. »Erst mal ist jetzt das Kind dran. Um die Mutter kannst du dir dann später Sorgen machen – falls du das willst. Also mach schon, die Pani Alicia wird unruhig.«

»Sie wird mir nicht erlauben, das Baby mitzunehmen.«

Jule seufzte. »Na bitte sehr, dann lass es doch hier.« Ohne sich noch weiter um Lilly zu kümmern, ging sie zum Lastwagen zurück.

Als Lilly das Baby ins Gras zurücklegte, fing es sogleich wieder an zu weinen. »Keine Angst«, sagte Lilly, »ich lass dich nicht allein. Muss nur noch schnell etwas erledigen.«

Sie zog ihren Notizblock aus der Rocktasche und schrieb eine kurze Nachricht: Ich hab das Baby mitgenommen, es war schon fast verhungert. Elisabeth Steinhöfer, Sieglindenstraße 31, Hamburg-Eppendorf. Den Zettel legte sie auf den Herd im Haus und beschwerte ihn mit einem Stein.

»So, mein Engelchen«, sagte sie, als sie das Baby wieder hochnahm, »jetzt weiß deine Mutter wenigstens, wo du bist. Falls sie’s überhaupt wissen will.«

Mama beobachtete ihre herankommende Tochter. »Was ist das?«, sagte sie.

»Das siehst du doch, ein Baby. Ich hab’s gefunden, und wir werden es jetzt mitnehmen, weil es nämlich sonst verhungert.« Lillys Tonfall war ihr etwas schärfer und aufrührerischer geraten, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte.

»Das werden wir nicht tun!«, sagte Mama. »Das erlaube ich nicht.«

»Na gut, dann bleib ich eben auch hier.«

»Jupp ...!«, schrie Mama.

»Lilly ...!«, mahnte Onkel Jupp.

»Du hast vielleicht Nerven!«, amüsierte sich Markus.

»Ist schon spät«, rief Miroslaw, »um zwölf Russen hier.«

Mama riss die Wagentür auf und sprang aus der Fahrerkabine. »Das kann ich nicht zulassen, auf gar keinen Fall!« Ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung. »Wir sind sowieso schon zu viele!«

»Was soll denn das heißen?«, fauchte Lilly. »Wer ist denn hier zu viel?«

Mama brach in Tränen aus, woraufhin der kleine Felix von Onkel Jupps Schoß rutschte, an die Wagenklappe stolperte und sich schreiend in die Arme seiner Mutter fallen ließ.

Miroslaw drückte auf die Hupe. »Beeilung, Beeilung!«, rief er. »Schon zu viel Zeit verloren, bitte, bitte, Pani Alicia ...«

Mama jedoch war vollkommen durcheinander. Laut schluchzend schlug sie mit den Fäusten gegen die Wagenplanken. »Das geht nicht«, schrie sie immer wieder, »ich will das nicht!«

Lilly schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihre Atmung – eins-zwei-drei einatmen; vier-fünf-sechs-sieben-acht ausatmen, das Ganze mindestens dreimal hintereinander. Schon immer hatte sie in Notfällen auf diesen Beruhigungstrick zurückgegriffen, und seit Mama so war, so labil und unkontrolliert, passierten diese Notfälle reichlich oft.

Aber Gott sei Dank war Lilly ja nicht auf sich allein gestellt, sie hatte Jule und sie hatte Onkel Jupp. An den wandte sie sich jetzt. »Tu doch etwas, bitte! Wenn sie so ist, hört sie nur auf dich.«

»Ja, ja«, sagte er, kam mühsam hoch, tastete sich an die Wagenklappe und streckte die Hand aus. »Alles ist in Ordnung, Alice, reg dich nicht so auf. Lilly weiß schon, was sie tut.«

»Weiß sie eben nicht«, jammerte Mama, doch wurde sie sogleich ruhiger, nahm Onkel Jupps Hand und legte sie sich gegen das Gesicht. »Ich kann’s nur nicht ertragen, dass Lilly immer so eigenwillig ist. Als ob sie allein über alles entscheiden könnte.«

»Lilly hat für ihr Alter schon viel zu oft allein entscheiden müssen«, sagte Onkel Jupp, strich Mama die Haare aus der Stirn und küsste sie zärtlich. »Geh wieder nach vorn in die Kabine. Miroslaw wird schon ungeduldig.«

Und so fuhren sie dann endlich weiter, sechs Erwachsene und drei Kinder in einem alten Militärlastwagen auf der Flucht vor den Russen.

Obgleich sie keineswegs alle miteinander verwandt sind, empfinden sie sich doch als Familie, deren unangefochtenes Oberhaupt Onkel Jupp ist, der nahezu blinde Exmajor Joseph Steinhöfer. In ihrem sehr ausgeprägten Familiensinn würde Lilly nichts lieber haben, als dass auch die fehlenden Mitglieder bei ihnen wären, allen voran Papa, vermisst in Afrika und für tot erklärt, dann der gefallene Bruder Joachim, Oma Elli, die in Staaken bei Inspektor Freusaal (ausgerechnet!) bleiben wollte, Isabella und Dorothee, die mit dem Captain fortgegangen sind; und Jeremy – was eigentlich wünscht Lilly sich von Jeremy?

Vorne in der Kabine drängen sich Miroslaw, Jule und Mama mit Baby Josi, hinten auf der Ladefläche hocken Onkel Jupp, Lilly, Brüderchen Felix mit seinem Hund und Isabellas Bruder Markus inmitten von Möbeln, Kisten und Kästen.

Über die Bergedorfer Straße nähert sich der Lastwagen Hamburg. Es herrscht strahlendes Hochsommerwetter. Lilly hat sich aus Erzählungen und Zeitungsberichten ein ungefähres Bild gemacht von der Zerstörung ihrer Vaterstadt, doch als sie es jetzt mit eigenen Augen sieht, erscheint es ihr so unwirklich wie eine Illustration vom Untergang Pompejis oder wie ein Horrorfilm über das Ende von Sodom und Gomorrha: Man will nichts lieber als das Buch zuklappen oder möglichst schnell das Kino verlassen. Doch je weiter sich der Lastwagen in die zerstörte Stadt hineinbewegt, umso bedrängender wird die Realität. Kein Albtraum, aus dem man erwachen könnte, keine Filmkulisse, die mit dem Entsetzen kokettiert, sondern die bittere Tatsache der Zerstörung und Erniedrigung einer ehemals stolzen Stadt. Ganze Straßenzüge sind in sich zusammengefallen, oft erkennt man überhaupt nicht mehr, wo ein Haus geendet und wo das nächste begonnen hat, ein einziger langer Schutthaufen. Und wenn irgendwo eine hohe Mauer stehen geblieben ist, dann begrenzt sie nicht mehr ein Gebäude, sondern steht als sinnlose Fassade vor dem Nichts.

»Das ...«, flüstert Lilly, »... das hab ich mir so nicht vorgestellt.«

»Ist ja noch gar nichts«, sagt Miroslaw beruhigend, »musst nur sehen Warschau, Panienka, viel, viel schlimmer. Weil Zerstörung von Warschau, das haben gemacht Deutsche, sehr Ordnung, sehr zornig, Strafe für polnische Aufstand. Hier in Hamburg haben gemacht Engländer, nicht so ordentlich, auch nicht so tüchtig, haben viel vergessen, wirst schon sehen. Und Strafe für nix, bloß weil Krieg. Engländer ziemlich dumm – Gott sei Dank. Und Hochmut und Lügen, weißt du doch, Panienka.«

»Nicht alle Engländer sind dumm und verlogen!«, sagt Lilly. Sie hat das schon viele Male zu Miroslaw gesagt, der ihr aber aus unerfindlichen Gründen nicht glaubt.

Jule findet das sehr vergnüglich. »Ich weiß nämlich einen«, sagt sie, »der ist klug und ehrlich und bescheiden. Und er trägt ein schwarzes Hemd. Wenn er dich jetzt besuchen kommt, dann könnt ihr Familie spielen. Du und er und das Engelchen.«

»Er kommt mich nicht mehr besuchen«, sagt Lilly ärgerlich.

Jule kichert. »Das wollen wir doch mal sehen.«

Im Weiterfahren dann sieht die Zerstörung tatsächlich nicht mehr ganz so schlimm aus, und als der Laster schließlich nach Eppendorf kommt, in die Gegend, wo die Familie Steinhöfer früher gelebt hat, empfindet Lilly die nur teilweise Zerstörung schon fast wieder als so unwirklich wie zuvor um das Berliner Tor herum die Trümmerfelder.

Und dann halten sie bei dem Haus, in dem Lilly die ersten zwölf Jahre ihres Lebens verbracht hat. Vorsichtshalber schließt sie wieder mal schnell die Augen und konzentriert sich auf das Atmen. Jule springt aus der Kabine.

»Was ist, Lilly, bist du eingeschlafen?« Miroslaw gibt Lilly einen kleinen Stoß. »Komm schon, Panienka, kannst hinsehen. Ist nicht so schlimm.«

Und das ist es wirklich nicht. Nur zwei oder drei Häuser in der Straße sind zerstört, Nummer einunddreißig ist tatsächlich stehen geblieben. Zwar wirkt es ziemlich angeschlagen, offenbar hat der Dachstuhl gebrannt und im Parterre sind die meisten Fenster mit Brettern vernagelt, doch im ersten Stock, wo die Steinhöfers gewohnt haben, sind alle Fenster verglast und vor einem hängt sogar ein Blumenkasten mit zwei Geranienpflanzen darin.

»Donnerwetter«, sagt Markus, »der Alte hat sich aber angestrengt. Was solch eine Speckseite doch alles bewirken kann!«

Markus war bereits vor ein paar Wochen, unmittelbar nach Kriegsende, per Fahrrad und mit einer aus den Gutsvorräten gestohlenen Speckseite nach Hamburg gefahren. »Keinen Tag länger als unbedingt nötig bleibe ich in diesem Mecklenburger Provinznest!«, hatte er verkündet. »Mal sehen, ob euer Haus noch steht.« Es stand tatsächlich noch, dieses Mietshaus im Stadtteil Eppendorf, den man »Das vergessene Dorf« nannte. Doch hatte Markus dort einen mürrischen alten Mann vorgefunden, der behauptete, die ehemals Steinhöfer’sche Wohnung gehöre nun einzig und allein ihm, und er würde sie auch ganz gewiss nicht mit irgendjemandem teilen wollen. »Das wollen wir doch mal sehen«, hatte Markus gesagt und die baldige Rückkehr aller Steinhöfers angekündigt. Und um des lieben Friedens willen hatte er sich dann sogar von seiner Speckseite getrennt.

»Also los«, sagt Markus jetzt, »spannen wir den Alten nicht länger auf die Folter und erfreuen ihn mit der geballten Ladung unserer Großfamilie.«

»Also irgendwie ...«, sagt Mama ängstlich, »irgendwie fände ich es höflicher, wenn du vorgehst und uns ankündigst. Schließlich sind wir ja mehr als ... ich meine, wir sind sehr viele.«

»Na und? Er wird sich gewöhnen müssen. Und vergiss nicht, Pani Alicia, dies ist deine Wohnung, mit deinen Möbeln darin.«

Pani Alicia – Lilly kann es nicht leiden, wenn Markus, in Nachahmung von Miroslaws Anrede, ihre Mutter so nennt. Wenn er sich allerdings erdreisten würde, sie Mama zu nennen, dann wäre es noch viel schlimmer.

Wenig später steigen sie alle schwer bepackt die Treppe hinauf, wobei sie, so erscheint es Lilly, mehr Lärm machen als nötig. Engelchen ist aufgewacht und schreit.

»Kannst du’s denn nicht wenigstens zur Ruhe bringen«, sagt Mama.

Weiter oben beugt sich eine Frau über das Geländer. »Ach du meine Güte«, ruft sie jemandem im Hintergrund zu, »die sind alle zurück. Und haben sich auch noch verdoppelt.«

»Das ist die Frau Neuhauser«, flüstert Lilly nervös ihrem Onkel zu, »immer noch die gleiche dumme Kuh wie vor Jahren. Weißt du noch ...?«

Onkel Jupp antwortet nicht. Er hat wieder diesen aufmerksamen Ausdruck im Gesicht, als wolle er sein Augenlicht mit allen anderen Sinnen ersetzen.

Im ersten Stock wird die Wohnungstür geöffnet. Abwartend bleiben sie alle stehen. Im Gegenlicht erkennt Lilly die Silhouette eines großen Mannes, der trotz des Sommerwetters einen dicken Schal um den Hals trägt. Er steht ganz ruhig da und sieht ihnen entgegen. »Wieso kommt ihr erst jetzt?«, sagt er. »Ich hatte schon gedacht, ihr wolltet doch lieber bei den Russen bleiben.«

Da stößt Lillys Mama einen Schrei aus, dreht sich um und will in Panik die Treppe wieder hinunterlaufen, aber Onkel Jupp packt sie am Arm und fährt sie an: »Nimm dich zusammen, Alice. Wir sind und bleiben eine Familie. Weglaufen nützt nichts.«

»Papa ...!«, stammelt Lilly, und statt nun auf ihn zuzulaufen, bleibt sie wie angewurzelt stehen. Sie drückt das weinende Engelchen an sich. »Ruhig ...«, flüstert sie, »ruhig, musst doch keine Angst haben. Das ist mein Vater, und der ist nicht tot, er ist nur zu uns zurückgekommen.«

Dann steigt sie tapfer die letzten Stufen hoch. »Hallo, Papa«, sagt sie und merkt, dass ihre Stimme zittert. »Wir haben nämlich nicht mehr geglaubt, dass du ... ich meine, weil doch dieser Kamerad von dir, und das Rote Kreuz ... und ich bin ja so froh!«

Papa sieht sie an und sieht dann auf das Baby. »Aber du bist doch noch ein Kind ...«, murmelt er, »du bist doch mein kleines Mädchen. Und jetzt ...?«

»Nein, nein«, sagt Lilly, will erklären, dass sie keineswegs die Mutter von dem Baby ist, aber in ihrer Aufregung sagt sie nur etwas, das sie wirklich nicht hatte sagen wollen und das die Verwirrung nur noch verstärkt: »Im Krieg wird man eben schneller erwachsen.«

»Wer hat dir das angetan?«, stöhnt Papa.

Für Lilly ist ihr Vater immer eine etwas ferne Gestalt gewesen, ruhig, gelassen und von gleich bleibender Autorität, jemand, der kräftige warme Hände hatte, Sicherheit ausstrahlte, besser schweigen als reden konnte und jede Menge fester Prinzipien vertrat, die er gerne in Sprichwörter kleidete. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, ihm Persönliches anzuvertrauen, nie ist sie richtig wütend auf ihn gewesen, und nie hat sie sich ihm in die Arme geworfen, wenn er nach einer seiner Reisen – er musste beruflich viel unterwegs sein – unverhofft wieder auf seinem angestammten Sessel im Wohnzimmer vor dem Fenster saß. Auch wenn er daheim war, erschien er ihr immer etwas abwesend. Er war über zwanzig Jahre älter als Mama, die in seiner Gegenwart noch zarter und jünger wirkte, als sie tatsächlich war. Fremde, die das Ehepaar Steinhöfer zusammen sahen, hielten sie oft für Vater und Tochter. Und so gingen sie auch miteinander um: ein Vater, der an seiner ältesten Tochter herumerzog, sie jedoch auch verwöhnte und sie nicht erwachsen werden lassen wollte. Eine Tochter, die sich den meisten Erziehungsversuchen widersetzte, dabei jedoch, vermutlich ihm zuliebe, unselbständig blieb – oder sich vielleicht auch nur so gab.

Als er fortging nach Frankreich und später sogar nach Afrika, wofür es, laut Oma Elli, ja gewisse Gründe gegeben hatte, da sagte er beim Abschied zu Lilly: »Und dass du mir ja auf die Mama aufpasst! Du weißt doch, wie zart sie ist.«

»Mach ich, ist doch klar«, versprach Lilly und ahnte dabei nicht, welch eine Verantwortung ihr damit aufgeladen wurde.

Wenige Monate später wurde er als vermisst gemeldet und Mama weinte sehr und redete immer wieder von seinem »Grab im Wüstensand«. Danach tat sie sich ziemlich bald mit Onkel Jupp zusammen – aber eigentlich, doch das hat Lilly erst sehr viel später begriffen, war dies längst zuvor passiert. An dieser bitteren Einsicht konnte auch Oma Ellis tolerante Deutung nichts ändern: »Dein Vater war zwar vor deinem Onkel da, aber das war der reine Zufall. Inzwischen hat das Leben den Zufall korrigiert und hat zusammengeführt, was zusammengehört.«

Als Lilly ihrer Mutter in einem verzweifelten Wutanfall Betrug vorwarf, war Mama erstaunlich ruhig geblieben: »Erstens ist dein Vater aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr am Leben und zweitens habe ich ihn nicht betrogen. Er wusste, dass ich mich von ihm trennen wollte. Schließlich ist Scheidung heutzutage nichts Besonderes mehr.«

»Aber doch nicht Scheidung ausgerechnet bei uns!«, tobte Lilly.

Woraufhin Mama mit diesem besserwisserischen Lächeln einer glücklichen Person antwortete: »Wo denn sonst, Kind? Wenn’s woanders wäre, ginge es uns doch nichts an. Und auf diese Weise bleibt wenigstens alles in der Familie.«

Zwar hat Lilly sich im Laufe der kommenden Jahre an die »korrigierte« Version des familiären Zusammenlebens gewöhnt – sie liebt ihre Mutter und ihren Onkel zu sehr, als dass sie ihnen auf die Dauer ihr Glücklichsein nicht gegönnt hätte –, doch hat sie sich nie ganz von der Vorstellung lösen können, dass die beiden für Papa »das Grab im Wüstensand« geschaufelt haben.

Und nun also ist er wieder auferstanden, ihr Papa, der zuverlässige, vernünftige Papa, der inzwischen die Bombenschäden in der Wohnung einigermaßen repariert, neue Fensterscheiben eingesetzt und sogar zwei Geranien in den Blumenkasten gepflanzt hat. Papa, der alt und grau aussieht, wirklich so, als ob er eine Weile begraben gewesen wäre. Lillys Vater also, Onkel Jupps Bruder, Mamas Immer-noch-Ehemann.

Die Situation scheint sogar Miroslaw, der sonst nicht so leicht zu verblüffen ist, etwas unbehaglich zu sein. »Hab ich gedacht, dein Papa ist tot, Panienka«, sagt er zu Lilly. »Geht doch nicht, Frau mit zwei Männer!«

Jule kichert. »Das musst ausgerechnet du sagen!«

»Bin ich nicht verheiratet«, wehrt sich Miroslaw würdevoll, »hab ich nicht gebrochen Gelübde. Und jetzt sowieso nur noch du. Weißt du doch!«

»Ja, ja, ja«, lacht Jule.

Mama ist total durcheinander. Sie sagt, dass sie hier nicht wohnen will, auf gar keinen Fall. Ihre Augen verdunkeln sich, der Blick wird starr. O Gott, denkt Lilly, jetzt kriegt sie wieder einen Anfall. »Ruhig, Mama, ganz ruhig«, sagt sie.

»Ich bin ja ganz ruhig«, schreit Mama, »ich will nur weg von hier.«

Lilly wird ärgerlich. »Wo willst du denn hin, Mama? Vielleicht zurück nach Staaken?«

Mamas hysterische Ausbrüche gehen Lilly entsetzlich auf die Nerven. Sie weiß ja, dass sie eine Folge der schrecklichen Erlebnisse sind und dass sie sich – das hat zumindest Doktor Banse gesagt – im Laufe der Zeit wieder legen würden. Aber dennoch ...!

»Lass gut sein, Mama.«

»Auf gar keinen Fall kann ich hier bleiben, das ist vollkommen ausgeschlossen.«

Schweigend steht Onkel Jupp neben ihr. Seit seiner Krankenhauszeit hat Lilly ihn noch nie so passiv und hilflos erlebt.

Papa betrachtet seinen Bruder. »Du bist blind«, stellt er fest.

»Nicht ganz«, sagt Onkel Jupp.

»Wie ist das passiert?«

»Tiefflieger.«

»Aha.«

Mama zerrt an Onkel Jupps Arm. »Komm, Jupp«, sagt sie noch einmal, »wir gehen.«

Er rührt sich nicht.

Wieder einmal ist es Jule, die das Vernünftige tut. Sie hält Mama Baby Josi hin. »Die Kleine hat bestimmt Hunger. Und ich kann mich momentan nicht kümmern, weil ich beim Abladen helfen muss. Ist alles ziemlich eilig, gibt ja so viele Diebe jetzt.«

Mama will das Baby nicht halten. Sie versteckt die Hände auf dem Rücken. Ihr Gesicht ist verzerrt von Angst und Panik. »Nicht abladen«, jammert sie, »ich muss doch wieder weg, auf gar keinen Fall kann ich ...«

»Na klar können Sie«, sagt Jule fröhlich, »haben doch immer alles gekonnt, damals mit der Frau Dorothee, und dann bei der Geburt, und sogar mit dem Inspektor sind Sie fertig geworden. Und jetzt müssen Sie sich nur beruhigen und Ihr Baby füttern.«

»Ich will ja«, Mamas Stimme zittert, »aber zuerst muss ich eine neue Wohnung für uns suchen.«

»Das hat Zeit. Und Baby Josi hat Hunger. Jetzt.«

»Dann soll Lilly doch endlich die Flasche warm machen.«

»Geht nicht, Mama«, sagt Lilly und deutet auf ihr Engelchen. »Zwei Babys auf einmal schaffe ich nicht. Du hast deins, und ich hab meins.«

»Was ...?«

»Sie schafft es nicht, Pani Alicia, haben Sie doch gehört!«

Und plötzlich vergeht Mamas Hysterie. Sie lächelt sogar etwas, nimmt das Baby und drückt es an sich. »Mein schönes Baby ...«, sagt sie. »Schade, dass ich dich nicht stillen kann. Also werden wir jetzt mal zusammen in die Küche gehen und uns um deine Milch kümmern.«

Lilly stößt einen tiefen Seufzer aus. Dabei stellt sie überrascht fest, dass sie soeben zum ersten Mal ihrer Mutter die Hilfe verweigert hat.

Papa legt Onkel Jupp beide Hände auf die Schultern. »Komm«, sagt er, »ich bring dich ins Wohnzimmer. Da steht der große Sessel am Fenster, weißt du noch? Du musst dich jetzt etwas ausruhen.«

»Aber das ist doch dein Sessel«, murmelt Onkel Jupp.

Lilly und Engelchen

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