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Todesstiege – Opfer unmenschlicher Grausamkeit

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Schwer ist die Last, sie wird täglich schwerer, leer sind die Mägen, täglich leerer war die Stiege steil bergab, steinig und lang im Maß der Augen wurde es den Sinnen bang.

Noch schwerer wurde die Stiege vom Steinbruch bergauf, noch bänger wurde es den Sinnen im Tragen der überschweren Last über tausend Stufen von unten bis oben zum wartenden Posten, der keine Rücksicht nahm auf menschlich erschöpfte Kosten mit der Zunahme von Magerkeit und Schwäche.

Eng war das Leben, dass der Atem in Fron und Ketten klemmte und die Kinder es erkannten, dass es eine Rettung nicht gibt für die Gemergelten und die Mageren unter der lastenden Steinbürde, wenn der Rest des Körpers die Sinne verliert, zusammenbricht und vom Stein erschlagen wird. Das Überleben geht voll auf Kosten des Lebens in der Entsagung, dass zum Atmen die Achtung und zur Achtung das Brot gehört.

Körper, denen die Atmung verweht, rollen die Stufen in der Steilheit der Treppe herab und den keuchenden Steinträgern entgegen. Die Körper rollen auf die Steigenden im Stöhnen der letzten Kräfte zu und dann an ihnen vorbei, wenn die tragenden Beine in der Magerkeit die Anstrengung des Ausweichens unter den hart pochenden Herzschlägen noch schafften.

Andernfalls trat das mitreißende Rollsystem des Teufels in Kraft, dass der Tote den andern mit dem Stein auf der Schulter umstößt, der Stein den Träger erschlägt, und der Rollende den Erschlagenen erfasst und mitnimmt, dass beide die Stufen herabrollen und am Ende der Treppe in den röhrenden Abgrund stürzen und in den Tiefen zerreißen.

Es geht bis zur letzten Unkenntlichkeit, was das befristete Leben im Lager ist, dass es Menschen sind, die es wehrlos erleiden, und dass es Menschen sind, die die furchtbaren Leiden durch höllisches Quälen erfinden und tun. Es zeigt das unvorstellbare Maß, was den Menschen weggenommen wird, die den Schmerz der zerschlagenen Würde im Seinskern zu tragen haben.

Harte Arbeit, mangelnde Ernährung und Duldung der Willkürgewalt, der Arbeitstag im Steinbruch in sieben Tagen der Woche hat zwölf Stunden, unterbrochen von kurzer Mittagspause mit dünner Suppe. Es ist das Sein der permanenten Entsagung und Entwürdigung, wenn einerseits Häftlinge über Stunden im Kreise gehen und andere die Steinblöcke heben und treppauf schleppen.

Menschen fragen Menschen hinterher, wie es möglich war, dass mit wenig Schlaf, dünner Suppe und steigender Magerkeit die Schwerstarbeit Tag für Tag in der Strenge von Kälte und Frost bei mangelhafter Kleidung oder in lähmender Hitze zu schaffen ist. Die, weil sie überlebten, zucken die Schultern und sagen kein Wort, sie wissen die Antwort, hören die Schreie und schweigen sich aus.

Die steile Treppe, weil ohne Geländer, war die Stiege des Todes, dass ein leichter Anstoß genügte, um den erschöpft Schwankenden in die Tiefen der Finsternis zu stürzen und weit unten zu zerschmettern. Scharfe Spitzen und felssteinige Kanten rissen Körper in Stücke, und das, was körperhaft der Häftling war, war nicht mehr zu erkennen, die Moleküle des diesseitigen Daseins schwirrten irgendwo herum.

Der Todesstoß auf der Steinbruchkante kam von vorn oder hinten, was den Weg und die Zeit verkürzte und das Sehen ein Versehen nicht kannte. Auch im strammen Stand waren die Männer verzehrt und ausgemergelt, die Not hing davor und darüber, und die Angst raste im Sekundenschlag, wenn die Faust des Mörders gegen den rippigen Brustkorb schlug, denn zum Mord war die Steinbruchkante nach dem Fauststoß unbewehrt.

Der Stoß von der Rampe wie von der Steinbruchkante war System mit der brülligen Verachtung menschlichen Lebens und des Atems. Gewissenlos erfolgte der Stoß zum Sturz in die Tiefen der Finsternis, den der Stürzende weder umgehen noch sich ihm widersetzen konnte, dass die menschliche Substanz der totalen Zerschmetterung entgegenstürzte und in der Fallgeschwindigkeit die Angst verbrannte und im Aufschlag erlöschte.

Todesstiege, o ihr rollenden Körper, denen der Atem ausgegangen war und die Rippen, Arme und Beine gebrochen wurden. An der Steinbruchkante setzte der Absturz in die Tiefen der letzten Zerreißung und Zerstückelung ein, dass vom einstigen Menschen nichts mehr zu finden war, als hätte es ihn gar nicht gegeben. Das Gemeinsame des letzten Sturzes war der Aufprall mit der Zerschmetterung, die das molekulare Gefüge in ihren Beständen und Bestandteilen erfasste, infernalisch erschütterte und vernichtete.

Todesstiege, o Seele überfliege, wo und weil der Körper unterliegt. An den Stangen klebt in krustigen Schichten das Bangen der blutenden Angst. Am rauen Stein der felsharten Kante bricht jäh das Sein, von wo es ein Zurück ins zitternde Leben nicht gibt. Es bleibt, wie’s geht und stöhnt und kriecht und stürzt, weil oben einer steht mit Helm, Gewehr und geballter Faust, der hart aufs Auge schlägt, dass der Schmerzschrei gegen die Felswand prallt und der Wortstoß des Fluchs dröhnend auf und nieder schallt.



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