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Mutters Geburtstag und die vollendete “russische” Sonate
ОглавлениеIm nächsten Blumenladen auf dem Wege kaufte er Rosen. Die linke Hand griff nach dem Geld in der linken Jackentasche, während die rechte Hand einige rote Rosen mit langem Stiel aus dem vollen Tonbehälter zog. Als er auf Nachfrage den Preis erfuhr, fingerte seine linke Hand am Taschengeld herum, während im Kopf der Preis für die Fahrkarte von dem befingerten Taschengeld abgezogen wurde. Nun musste Björn entscheiden, ob er sich drei langstielige Rosen für die Mutter leisten konnte, oder ob es fünf gelbe Rosen mit kürzerem Stiel sein sollten. Gelb war zwar eine der Lieblingsfarben von Mutter, doch er bevorzugte das Rot, zumal zu ihrem 46. Geburtstag. War doch das Blut rot, das ihn mit seiner Mutter verband. So blieb er bei den drei roten Rosen mit dem langen Stiel. Die Blumenverkäuferin, die offensichtlich auch die Ladenbesitzerin war, gab ihm noch zwei langstielige rote Rosen gratis dazu, als ihr Björn auf ihren Vorschlag, dass fünf Rosen wirkungsvoller seien als nur drei, sagte, dass für das Wirkungsvollere bei ihm das Geld fehle. “Zahlen Sie die zwei Rosen das nächste Mal, wenn Sie wieder nach frisch duftenden Rosen Ausschau halten.” Die Verkäuferin machte einen herrlichen Strauß aus den fünf Rosen, denen sie etwas Grün hinzusteckte und in Klarsichtfolie einrollte, der sie noch einige bandgedrehte, rote Schleifen draufsetzte. Mit einem Lächeln überreichte sie den duftenden Strauß, kassierte das Geld für drei rote Rosen mit langem Stiel und wünschte dem Kunden ein wunderschönes Wochenende.
Mit dem letzten Geld zog Björn die Fahrkarte aus dem Automaten und fuhr mit der nächsten U-Bahn mit “golden” verpackter Silberkette, frisch duftendem Rosenstrauß “fünf für drei” in der rechten Hand und mit leerer linker Hand in der linken Jackentasche, sonst also bargeldlos, Richtung Weißensee, wo die Breitings mit der zwölf Jahre jüngeren Halbschwester Jasmin in der Suderoder Straße in Blankenburg ein bequemes, vor einigen Jahren großzügig renoviertes, doppelstöckiges Haus fast im Grünen bewohnten. Nach zweimaligem Klingeln öffnete Jasmin die Haustür, rief: “Björn ist da” und lief ihm als ein hochgewachsenes Mädchen von 13 Jahren mit einem erwartungsvollen Lachen auf einem schönen Gesicht mit vollen, geschwungenen Lippen, schlanker Nase und großen braunen Augen entgegen. Auf halbem Wege vom Vorgartentor zur Haustür umarmten sie sich, wobei ihr Björn die weichen Wangen küsste. “Da wird sich Mutter freuen”, rief sie freudestrahlend in den Vorgarten, dessen rechteckig angelegten Tulpenbeete im kurz geschnittenen, sattgrünen Rasen wie eh und je in bestem Zustand waren.
Mutter Vera kam ihm mit großer Freude entgegen. Die Begrüßung war auch diesmal besonders herzlich. Mutter und Sohn umarmten sich und küssten die Begrüßung auf ihre Münder. Sie taten es immer so, als täte es Björn stellvertretend für seinen Vater Boris, dem er von Größe, Statur, Gesicht, der Art der Bewegung und der Sprache von Jahr zu Jahr ähnlicher wurde. So sagte es jedenfalls seine Mutter, die ihren ersten Mann sehr geliebt haben musste, weil sie oft von ihm sprach und das in sehr liebe- und gefühlvoller Weise tat. “Hast Du aber schöne Rosen mitgebracht, mein lieber Sohn”, sagte sie mit innerer Erregung, als Björn ihr den duftenden Fünferstrauß überreichte. “Und rot sind sie auch noch”, setzte sie nach. Bei diesem Nachsatz beobachtete Björn, der die Worte mit dem “rot” als ein Psychogramm auf sich wirken ließ, wie seine Mutter Tränen in die Augen bekam, die sie aber nicht sehen lassen wollte. Schnell drehte sie Björn den Rücken zu, ging auf die Vitrine zu, um die schönste ihrer Vasen herauszuholen, wobei sie sich länger vor der Vitrine aufhielt, die Vitrinentür einige Male öffnete und wieder schloss, obwohl sie die hohe Kristallvase mit dem violetten Schimmer bereits in der linken Hand hielt.
Sie ging in die Küche und kam nach einer Zeit, in der man zehn Vasen mit Wasser und Blumen füllen konnte, aus der Küche zurück und stellte die mit den fünf roten Rosen, dem beigesteckten Grün und mit Wasser gefüllte Kristallvase hoch auf die Vitrine neben das eingerahmte Foto von Boris Baródin. Das empfand Björn jedoch merkwürdig. “Mutter, die Rosen sind doch für dich”, sagte er, wobei Vera die Merkwürdigkeit, die aus seiner Stimme klang, nicht entging. “Lieber Björn”, erwiderte sie mit weicher Stimme, als hätte sie in der Küche doch geweint, “was Du nicht wissen kannst, ist die Tatsache, dass mein Geburtstag mit dem 25. Hochzeitstag mit deinem Vater zusammenfällt. Da wollte ich deine wunderschönen roten Rosen mit ihm teilen.” Björn ging ohne ein Wort zu sagen auf seine Mutter zu und nahm sie fest in die Arme. Nun weinte sie sich an seiner Schulter, die längst die Höhe und das Mannesformat von Boris Baródin erreicht hatte, aus. Sie schmiegte ihren Kopf lange an seine Schulter, und Björn gab ihr dazu die ganze Freiheit und die Zeit, die sie zum Sich-Wiederfinden im Begreifen brauchte, dass es den von ihr so sehr geliebten Boris Baródin nicht mehr gibt, jedenfalls länger nicht mehr gibt, als er, der Sohn Björn, auf der Welt ist. Als sie sich aus der langen Umarmung lösten, der die 13 Jahre jüngere Halbschwester Jasmin ein stiller Zeuge mit vielen Tränen der rührenden Anteilnahme wurde, bedankte sich Vera bei dem Sohn und küsste ihn diesmal auf die rechte Wange.
Nun schaute sich Björn, wie er es sooft getan hatte, das Foto des Vaters auf der Vitrine an. Er ließ sich viel Zeit beim Anschauen des Fotos, als stünde er telepathisch mit dem Vater in einer langen Unterredung, während Mutter Vera frischen Tee aus der Küche brachte, die Kanne auf den Klubtisch stellte und Tassen, Untertassen, Teelöffel, Zuckerdose, Milchkännchen, eine Schale mit Salzstangen und eine andere Schale mit süßem Gebäck hinzu setzte. Vera sah es beim Bringen der Dinge zum Tee. “Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten mit den großen Augen und dem schönen Mund”, sagte sie nicht ohne Anflug eines Gefühls des Stolzes und der Verehrung für ihren ersten Mann. Björn widersprach ihr nicht. Als er dann sagte, der Vater auf dem Foto könnte sein älterer Bruder sein, lachte Vera kurz auf. Dann verschwand sie rasch in die Küche und kam lange nicht aus ihr heraus. Schließlich kam sie mit verweinten Augen und dem weißen Taschentuch in der rechten Hand zurück und fragte, ob sie neuen Tee aufgießen soll. Björn sagte es mit der Bestimmtheit des erwachsenen Sohnes, die Mütter in Augenblicken der Erinnerung an geliebte Menschen, die es nicht mehr gibt, brauchen, die dann aus der Art, wie der Sohn zur Mutter spricht, die männliche Reife aus den Kehllauten heraushören, was sie gerne hören, weil es sie innerlich erfreut, ja stolz macht, als Björn nun sagte, dass sich die Mutter endlich setzen solle, damit der Tee nicht noch kälter wird.
Mutter Vera goss den nicht mehr heißen Tee in die Tassen, die Tasse von Jasmin nur halbvoll, die andere Hälfte füllte sie mit Milch. Dann holte sie aus der Küche das Honigglas und gab zwei Löffel Honig in ihre Tasse, den sie lange verrührte, während Björn sich selbst mit Milch und Zucker versorgte. “Wie fühlst Du dich als Mutter von zwei Kindern, die unter deiner Obhut groß geworden sind, von denen dein ältestes Kind vor dem Examen der Medizin angekommen ist?”, fragte er, als sich die Mutter gesetzt hatte und mit ihrer Tasse zugange war. “Ach, wie soll ich mich fühlen?”, erwiderte sie mit der Gegenfrage. “Ich merke an euch, dass ich älter geworden bin”, antwortete sie in der Schlichtheit einer Feststellung, hinter der sich eine ganze Welt verbarg, die es zu entschlüsseln gäbe, dachte Björn, als er den ersten Schluck warmen Tee genommen hatte und die Tasse zurück stellte. Es war ein erster psychologischer Schlüssel, als er sagte, dass die Mutter allen Grund habe, dankbar zu sein, dass die Familie gesund sei. “Du kannst doch stolz auf deine Kinder sein, die dich lieben und es in der Schule und an der Uni weit gebracht haben”, fügte er mit einer Steigerung hinzu. Dann drehte Björn den psychologischen Schlüssel noch einmal um, als gelte es, das Schloss aus der doppelten Verriegelung zu öffnen, als er sagte, dass es vielen Menschen im Leben schlecht gehe, dass es Menschen gibt, die hungern, ohne Liebe sind und weder ein Bett zum Schlafen noch ein Dach über dem Kopf haben. “Da hast Du Recht”, stimmte die Mutter ihrem Sohn zu. Bei dieser Zustimmung entging dem Sohn nicht, wie die Mutter zu den roten Rosen und dem Foto von Boris Baródin hoch auf die Vitrine schaute.
Jasmin knabberte am süßen Gebäck. Ihre Augen hafteten an Björn, als wäre der ältere Halbbruder auch ihr Idol. Da es später Nachmittag geworden war, und die Sonne ihre Strahlen zwischen den Wolken zurückzuziehen begann, fragte Björn nach Berthold, dem zweiten Ehemann seiner Mutter, der ein pünktlicher Heimkehrer von der Arbeit war und seine Freizeit mit dem Sitzen auf der hinteren Gartenterrasse mit Blick ins Grüne und dem Lesen von Journalen, weniger von ernsten Büchern verbrachte, und sich dabei von Vera mit Kaffee, Tee oder anderen Getränken mit dem entsprechenden Knabberzeug verwöhnen ließ. Er war aufgrund seiner Ichbezogenheit und cholerischen Anfälle, die er bekam, wenn ihm etwas nicht in den Kram passte oder ihn in seiner Freizeit störte, ein schwieriger Mensch von mürrischem Charakter, der sich schwer machte, wenn er sich leicht machen sollte. Es gehörte zu seinen unguten Grundzügen, dass er dann schwer ansprechbar war, wenn sein Rat und seine Mithilfe gebraucht wurden. “Berthold ist in den Vereinigten Staaten”, sagte die Mutter, “er ist vor einer Woche abgeflogen, um an der Wallstreet an Konferenzen teilzunehmen.” Björn nahm es zur Kenntnis, ohne weitere Fragen zu stellen, obwohl seine Gedanken um die Frage kreisten, ob Berthold es nicht so einrichten konnte, wenigstens zu Mutters Geburtstag zu Hause zu sein. Doch wirklich vermissen tat er ihn nicht, weil er mit seinem Stiefvater kein herzliches Verhältnis hatte. Zu einem solch innigen Verhältnis ist es in all den Jahren nicht gekommen. Berthold fand den Weg zu seinem Herzen nicht, er mied geradezu den Weg dorthin, war vielmehr auf seine “Sicherheitszone” bedacht, auf seine Unantastbarkeit, die den Abstand mit den Jahren zwischen ihm und Björn immer größer werden ließ. Die Bildung hatte Berthold Breiting nicht erreicht, den Stiefsohn voll in sein Leben einzubeziehen.
Auch war er mit der Berufswahl von Björn nicht einverstanden, Arzt werden zu wollen. Er lehnte den Entschluss des Stiefsohnes schlichtweg ab, dann noch Arzt für Nervengeschädigte und Geisteskranke werden zu wollen. “Das ist doch ein brotloser Beruf, mit dem Du das Leben nicht bestreiten kannst”, sagte er mit dem Brustton der Überzeugung. Auf eine Diskussion ließ er sich nicht ein, dass es auch für solche Patienten, die an nervösen oder geistigen Erkrankungen litten, Ärzte geben muss. Björn hatte es noch in schmerzlicher Erinnerung, wie Berthold Breiting, dem er an einem regnerischen Abend unter der überdachten Gartenterrasse seinen Wunsch vorgetragen hatte, nach bestandenem Examen sich im Fach der Neurologie und Psychiatrie zu spezialisieren, einen cholerischen Anfall bekam, der so heftig war, dass er mit der Faust so fest auf den Terrassentisch schlug, dass die nicht leer getrunkenen Kaffeetassen samt Untertassen auf dem Tisch herumsprangen und die Tischplatte mit Kaffee bekleckerten. Die Steigerung war, als er mit der Armbewegung der totalen Ablehnung das Porzellan vom Tisch wischte, das dann auf den Steinplatten des Terrassenbodens in Scherben ging. Dieser Anfall wurde von dem brüsken Kommentar begleitet, dass er, der Stiefvater, dann nicht wüsste, warum der Stiefsohn überhaupt studiert hätte, wenn ihm am Ende des Studiums dieser Unsinn im Kopf herumspuke. Berthold Breiting fügte dann, als sich die Heftigkeit des Anfalls legte, hinzu, dass der Stiefsohn bei dieser verrückten Entscheidung nicht hätte studieren brauchen, sondern auch, wie sein Vater Boris Baródin den Beruf eines Musikers oder eine andere brotlose Kunst hätte ergreifen können, die im Erlernen bedeutend weniger Geld gekostet hätten als das Studium der Medizin. Diese Bemerkungen, weil sie bewusst und abfällig waren, taten weh, und Mutter Vera, die wegen des zerscherbten Porzellans auf die Terrasse gekommen war und die gemeinen Worte, die aus einer tiefen Unbildung und Herzlosigkeit kamen, auch hörte, hatte im Nu Tränen des Schmerzes um den zu früh verstorbenen und so wunderbaren Pianisten Boris Baródin in den Augen. Sie brachte kein Wort heraus, als sie weinend und schluchzend die Scherben auf die Kehrschaufel fegte und mit dem feuchten Lappen den verspritzten Kaffee vom Terrassentisch und Terrassenboden wischte. Da war nicht nur das teure Porzellan der Kaffeetassen und Untertassen, das in der herzlosen Unbeherrschtheit zerschlagen wurde, sondern das viel teuere, das kostbarste “Porzellan” der Gefühle, die zum Leben des Miteinanders das Fundament sind, das zu Bruch ging und nicht mehr zu ersetzen war.
Beim Nachgießen des lauwarm gewordenen Tees und dem Verrühren der zwei Teelöffel Honig in der mit viel Milch gefüllten Tasse für Jasmin fragte Mutter Vera ihren Sohn, wie es mit dem Studium gehe und wann die erste Prüfung sei. Sie stellte die Frage deshalb so früh, um von sich abzulenken; das nicht nur, weil sie nicht glücklich mit Berthold Breiting war und der glücklichen Kurzehe mit dem großartigen, gefühlvollen Menschen und wunderbaren Pianisten Boris Baródin nachtrauerte und ihm in schlaflosen Nächten nachweinte, sondern um die Herzen ihrer Kinder nicht zu erschweren, auch wenn diese die Nachtrauer spürten. Sie sahen es doch, wie bei der Betrachtung des Fotos von Boris Baródin auf der Vitrine anlässlich des bevorstehenden, aber nicht mehr gemeinsam zu erlebenden 25. Hochzeitstages mit diesem zutiefst geliebten Menschen die Mutter unter dem Unglücklichsein litt. Björn berichtete von der interessanten Vorlesung, die Professor Kretschmar über die Hirnsyphilis gehalten hatte und von dem Geiger und dem Schriftsteller, die er als Patienten in der Vorlesung vorgestellt hatte. Er erzählte von dem wunderbaren Geigenvortrag der Chaconne und dem Romankonzept, das der Schriftsteller vorgetragen hatte sowie von der eingehenden synoptischen Nachbetrachtung des Professors zu beiden Patienten und ihren Vorträgen. “Die Chaconne hat uns alle ergriffen”, sagte Björn, “da war es schlagartig still im überfüllten Hörsaal. Es war eine großartige Musik, die der große Meister Bach mit der Chaconne verfasst hatte.” Mutter Vera dachte bei dieser Schilderung, aus der sie die Begeisterung für die Musik heraushörte, an das “Wohltemperierte Klavier”, aus dem ihr Boris an einigen Abenden, vor allem in den Wintermonaten, vorgespielt und in den Anmerkungen zu dieser Musik des Hochbarocks seine höchste Bewunderung ausgesprochen hatte. Björn las ihre Gedanken und sagte, dass Vater sicher seine Freude am Vortrag dieses Geigers gehabt hätte, worauf die Mutter in ein nachdenklich-zurückdenkliches Schweigen verfiel.
Nachdem er die Geschichte mit dem Schriftsteller und der synoptischen Nachbetrachtung des Professors ausführlich geschildert hatte, kam er auf die Überraschung zu sprechen, als ihn der Professor fragte, ob er die ersten Verse aus dem Prolog zu Goethes “Faust” aufsagen könne. “Das war aber eine Überraschung”, gab ihm Mutter Vera Recht. “Konntest Du ihm denn die ersten Verse aufsagen?”, fragte sie und fuhr fort: “Ich erinnere mich an eure “Faust”-Aufführung zum Schulabschluss, die mir sehr gut gefallen hat. Aber hast Du je danach wieder im “Faust” gelesen?” “Nein, das habe ich nicht”, gab Björn offen und beschämt zu. Mutter Vera: “Was konntest Du denn nun aus dem Prolog aufsagen?” Björn: “Ich kratzte meine letzte Erinnerung zusammen und sagte ihm die ersten Verse auf. Ich muss hinzufügen, dass von einer flüssigen Rezitation keine Rede war.” Mutter Vera: “Und was hat der Professor zu den aufgesagten Versen gesagt?” Björn: “Er sagte, dass das nicht Goethe, aber auch nicht schlecht war, was ich aufgesagt hatte, und meinte, dass ich mir den “Faust” wieder zur Hand nehmen und den Prolog gründlich durchlesen solle. Denn es handele sich hier, so fuhr der Professor fort, um eine große Dichtung, an der der Dichter einen Großteil seines Lebens gearbeitet habe, die es verdiene, dass man sie sich zu Herzen nehme.” Mutter Vera: “Da hat doch der Professor nicht Unrecht, auch wenn ich in meiner Schulzeit in Polen vom “Faust” und seinem Verfasser nichts gehört habe. Da wurde nur die polnische und etwas die russische Literatur gelesen, aus der auch die Themen für unsere Aufsätze kamen.” Björn: “Versteh mich richtig, Mutter, ich habe da nicht widersprochen. Vielmehr hat der Kommentar des Professors bei mir wie eine Bombe eingeschlagen und ein bleibendes Engramm gesetzt. Ich habe mir fest vorgenommen, im “Faust” noch vor Beginn der Examina zu lesen, denn ich rechne fest damit, dass der Professor in der Prüfung mich nach dem Beginn des Prologs wieder fragen wird.” Mutter Vera: “Wann ist denn die erste Prüfung?” Björn: “Die erste Prüfung ist in drei Wochen in Pathologie und die zweite Prüfung eine Woche später in Hygiene und Bakteriologie.” Mutter Vera: “Hast Du den Prüfungsbammel oder fühlst Du dich in deinem Wissen sicher?” Björn: “Bei dem Wust an Stoff kannst Du nicht alles wissen. Da braucht man schon das Glück im Examen. Und in meiner Gruppe haben wir mit der Paukerei begonnen, zweimal in der Woche von abends acht bis Mitternacht.” Mutter Vera: “Du hast Recht, alles wissen kann man nicht, da braucht ihr fürs Examen auch das Glück, das ich dir von Herzen wünsche.”
Mutter Vera räumte das Teegeschirr zusammen und brachte es in die Küche. Während Jasmin der Mutter beim Raustragen des Geschirrs half, war Björn im Wohnzimmer sitzen geblieben, wo er seinen Gedanken nachhing, die die Familie, das Examen und, wenn alle Prüfungen gut gelaufen sind, den Beruf des Arztes betrafen. Aus der Küche rief Mutter Vera die Frage ins Wohnzimmer, ob Björn nicht mal aus der “russischen” Sonate spielen wolle, die sein Vater in den letzten Tagen seines früh verblichenen Lebens verfasst hatte, von der die ersten beiden Sätze, das >Allegro non molto< in c-Moll und das >Andante con expressive< in b-Moll, fertig geschrieben sind, dagegen der letzte Satz, das >Allegro mit Fuge< in As-Dur, unvollendet geblieben war, weil ihn da der Tod vorm Fertigschreiben weggerissen hatte. Diese unvollendete Sonate war das große Vermächtnis eines großen Pianisten, der schon mit jungen Jahren in den Konzertsälen der Welt zu Hause war. Dieses Vermächtnis wurde von Mutter Vera und dem Sohn wie ein Heiligtum behandelt. Da die Mutter keine Reaktion aus dem Wohnzimmer hörte, trat sie in die Küchentür, ließ nun die Frage weg und bat den Sohn, aus der Sonate zu spielen. “Björn, tu mir den Gefallen, setz dich an den Flügel und spiel aus Vaters Sonate!” Björn, der auf diese Bitte seine Vorausgedanken in die Zukunft abbrach, sah in das erwartungsvolle Gesicht der Mutter, die in der Küchentür stand und auf die Reaktion ihres Sohnes wartete. Björn: “Mutter, wo ist die Sonate?” Mutter Vera: “Sie liegt auf dem Flügel unter Schumanns “Kinderszenen”. Björn folgte der Bitte der Mutter, zog Vaters Sonate unter den “Kinderszenen” heraus und setzte sich an den Flügel, der immer gut gestimmt war, so wie draußen der Rasen immer kurz geschnitten und die rechteckigen Tulpenbeete immer in bester Verfassung waren.
So spielte der Sohn aus Vaters “russischer” Sonate, deren Vorgeschichte der Entstehung die Mutter viele Male erzählt hatte, die mit dem Begräbnis von Björn’s Großvater Ilja Igorowitsch Tscherebilski, der nach dem Krieg der erste russische Stadtkommandant der Stadt Bautzen in der Oberlausitz war, zusammenhing. Der Großvater, der ein gebildeter Mann war und fünf Sprachen sprach, der in der Literatur der fünf Sprachen bewandert war und die großen deutschen Dichtungen kannte und vieles aus dem Stegreif daraus rezitierte, soll auch ein hervorragender Pianist mit einem phänomenalen Gedächtnis gewesen sein. Er hatte Boris Baródin, der Name Baródin kommt von der Mutter seines Großvaters, die Katharina Zwetlana Baródin hieß, zuletzt in Moskau erlebt, wo Boris das zweite Brahms’sche Klavierkonzert in B-Dur mit überwältigendem Erfolg gespielt hatte. Nur wenige Wochen später sei der Großvater Ilja Igorowitsch, den Boris sehr geliebt und als seinen ersten Klavierlehrer sehr verehrt hatte, im Koma nach einem zweiten Schlaganfall gestorben.
Björn spielte das >Allegro non molto<, den ersten Satz und legte in sein Spiel das tiefe Gefühl der Bewunderung für seinen hochmusikalischen Vater. Unzählige Male hatte er, der sich auf dem Klavier nach vielen Jahren des Unterrichts sehr gut auskannte, aus der “russischen” Sonate gespielt, und unzählige Male hatte ihm die Mutter dabei zugehört und dem geliebten Komponisten nachgeträumt. Sie selbst kannte und spielte die Sonate auswendig, nachdem sie nach dem ersten Unterricht durch Boris sich nach seinem Tod das Klavierspielen als Autodidaktin angeeignet hatte. Denn es war der Wunsch von Boris Baródin, aus Vera eine Pianistin zu machen, als er sich bereits in Warschau anlässlich seines Konzertes mit der Warschauer Philharmonie unter dem großartigen Dirigenten Wiktor Kulczynski von ihrer herausragenden Musikalität überzeugt hatte und ihr die ersten Schritte des Klavierspiels auf dem Flügel im Musiksaal des Polnischen Hofes beibrachte. Oft hatte Mutter Vera von der Begegnung mit Boris im Polnischen Hof ihrem Sohn erzählt. So hatte sie es durch Ausdauer und Fleiß im Üben zu einer Fingerfertigkeit gebracht, die Björn, der ihr bei ihrem Wunsch, das Klavierspielen zu erlernen, hilfreich war, soweit es seine Studienzeit zuließ, ebenso ins Staunen versetzte wie einige ihrer musikliebenden Freunde, vor allem jener, die den großen Pianisten Boris zu seinen Lebzeiten am Flügel gehört hatten.
Mutter Vera saß auf dem Sofa, und Jasmin hatte sich an sie geschmiegt. So hörten beide mit der größten Aufmerksamkeit dem Spiel zu. “Großartig, wie Du den Satz spielst”, sagte die Mutter, als Björn den ersten Satz beendet hatte. Aus ihren Worten war die große Liebe, die sie für Boris auch jetzt empfand, nicht zu überhören. So wunderte es nicht, dass sie von seiner Tondichtung begeistert war, als sie sagte: “Da spricht doch eine große Sehnsucht aus der Musik.” Björn ergänzte: “Und das Leid, dass Menschen der Liebe wegen auf sich nehmen.” Mutter Vera: “Das stimmt auch. Ich kann die Sonate, die so viel Gefühl ausdrückt, immer wieder hören und höre jedesmal neue Dinge heraus, die Boris da vertont hat.” Björn: “Vater muss ein begnadeter Musiker und großartiger Pianist gewesen sein. Wie sonst hätte er diese Musik schreiben können, bei der mir die Tränen der Bewunderung kommen, sooft ich aus der unvollendeten Sonate spiele.” Mutter Vera: “In der Tat war dein Vater ein musisch begnadeter Mensch, der mit jungen Jahren zahlreiche deutsche und internationale Preise bei seinen Konzerten einspielte. Zuletzt hatte ihn Leonard Bernstein, der bei den Kieler Musikwochen auf Boris stieß, nach New York zum Vortrag des zweiten Brahms’schen Klavierkonzertes eingeladen, nachdem der junge Igor Sergej Majakowski, der hochmusikalische Dirigent der Moskauer Philharmonie, Bernstein von Boris und seinem hervorragenden Brahms-Spiel vorgeschwärmt hatte.” Björn: “Schade, dass ich diesen Pianisten, der mein Vater war, nicht zu seinen Lebzeiten kennengelernt habe. Unter seiner Anleitung und Führung hätte ich mich wahrscheinlich auch für die Musik und nicht für die Medizin entschieden.” Mutter Vera: “Das glaube ich auch, denn Boris riss nicht nur die Menschen durch sein Spiel mit, sondern er war in seiner schönen Erscheinung eine äußerst sympathische und mitreißende Persönlichkeit. Bei seiner Kinderliebe wäre er dir ein lieber Vater gewesen, davon bin ich fest überzeugt. Er hätte dich im Huckepack durch die Welt getragen.”
Björn kämpfte gegen den Ausbruch der Tränen an, denn Mutters Geburtstag stand bevor, der sollte nicht im Tränenmeer des Schmerzes versinken, dass es diesen Boris Baródin nicht mehr gibt. Waren doch schon genug Tränen bei der Betrachtung von Vaters Foto mit dem jung gebliebenen Gesicht neben den fünf roten Rosen für die Mutter auf der Vitrine geflossen. Mutter Vera zündete drei Kerzen an, von denen sie zwei auf den Flügel und die dritte auf den Klubtisch stellte. “Spiel weiter! Wir sollten nicht so viel reden, sondern mehr zuhören, was Boris uns zu sagen hat.” Björn begann das >Andante con espressivo<, den zweiten Satz. Da lehnte sich die Mutter auf dem Sofa zurück und schloss die Augen. Jasmin saß neben ihr; sie gaben sich die Hand. Es war ein sehr gefühlvoller Vortrag, der so gefühlvoll war, dass Mutter Vera hinter den geschlossenen Augen, wo sich die Tränen in den Lidspalten sammelten, die Frage stellte, ob diese Musik nicht wie ein Psalmgebet sei, das die Seele in ihrem Grund erschüttert.
Nun hatte auch Björn Tränen in den Augen, die er seinem großen Vater nachweinte, den er nie kennengelernt hatte. Kannte Mutter doch die Geschichte, die zur “russischen” Sonate geführt hatte, die ihr Boris viele Male erzählt und sie ihrem Sohn mit den Worten des Vaters weitererzählt hatte. Wie oft hatte Boris ihr von der Wolga, dem breiten stillen Strom in den riesigen Weiten der russischen Landschaft erzählt, den er durch die Herzen der Menschen “fließen” sah. Das jedenfalls hatte er so erschütternd stark bei den Gesängen der jungen Sowjetsoldaten anlässlich des Begräbnisses seines von ihm so sehr geliebten Vaters Ilja Igorowitsch Tscherebilski empfunden, dass er das stille Strömen des Wassers in seiner zeitlosen Unendlichkeit zum Thema des zweiten Satzes machte, wo es das Lied von der Heimat, der russischen Erde und dem gefallenen Sohn war, wo die Mutter in ihrer unstillbaren Liebe auf die Heimkehr des Sohnes wartet. Es war die Schwermut des fernen Fließens der Wolga mit ihren weitläufigen Bögen durch das unendlich weite Land mit den leidgeplagten, in Armut und Demut still gewordenen Menschen, die aus diesem Sonatensatz klang und beim Hören ohne den Umweg über die Denkzentrale des Großhirns gleich ins Herz ging und dort den Zuschnürreflex des Schmerzes, gefolgt von der Schwere der Trauer und hilflosen Verlorenheit in diesen weder mit den Augen noch mit dem Verstand einzuholenden Weiten auslöste.
Mutter Vera, deren rechte Hand die linke Hand von Jasmin während des ganzen zweiten Satzes, dem >Andante con espressivo<, nicht losgelassen hatte, öffnete die Augen und sah, wie sich Björn nach Ausklingenlassen des Schlussakkords mit dem Taschentuch durchs Gesicht fuhr und die Tränen von den Augen wischte. Unter diesem Eindruck der Größe dieses Sonatensatzes, die mit Worten nicht zu beschreiben war, sagte sie nur: “Das ist dein Vater, mein Junge, wie er in mir weiterlebt. Ist er nicht wunderbar?!” Björn: “Er ist in seiner Unfassbarkeit gewaltig, schwebt wie ein leuchtender Engel über mir, wenn ich die Sonate spiele, und würde mir seine Lebensgeschichte erzählen, die so reich an Ereignissen und Empfindungen ist.” Mutter Vera: “Das sagst du aber schön. Wie froh wäre Boris, wenn er diesen Satz von dir zu seinen Lebzeiten noch spielen gehört hätte.” Björn: “Mutter, bitte lass es jetzt gut sein, sonst schwimmen wir auf unseren Tränen noch weg.”
Jasmin löste sich aus der Hand ihrer Mutter und ging auf Björn zu, der vor dem Flügel saß und seine Augen an der Partitur haften ließ. Dort umarmte sie ihn, küsste ihn auf die linke Wange und sagte mit herzzerreißender Stimme: “Mein armer Bruder”. Darauf eilte Björn zur Toilette und schloss sich ein. Jasmin ging zur Mutter zurück, brach vor ihr mit den Worten: “Hab ich etwas falsch gemacht?”, in Tränen aus und ließ sich von der Mutter trösten, die sie fest umarmte, sie küsste und ihr mit dem feuchten Taschentuch die Tränen vom Gesicht wischte. “Nein, Du hast nichts falsch gemacht, meine liebe Jasmin. Du warst sehr lieb zu Björn. Das hat ihn erschüttert, dass er nun für eine Weile für sich sein will, um sich wieder zu fangen.” Nach diesem Trostsatz, der seine beruhigende Wirkung bei Jasmin tat, setzte sich nun die Mutter an den Flügel und spielte den unvollendeten dritten Satz, das >Allegro mit Fuge<. Sie brauchte die Noten nicht zu ihrem Spiel und spielte so hervorragend, dass Björn seine Zeit des Sich-Fangens abkürzte, sich auf der Toilette das Tränennass aus dem Gesicht wischte, es über dem Waschbecken erfrischte und zurückkam. Leise setzte er sich in den Sessel und hörte dem Spiel der Mutter aus dem letzten Satz der “russischen” Sonate andächtig zu.
Vielleicht war es, dass er die Mutter lange nicht mehr spielen gehört hatte. Jedenfalls war er sprachlos, mit welcher technischen Fertigkeit und Ausdruckstiefe sie den Satz spielte, wo sie sich das Klavierspiel doch selbst beigebracht hatte, wenn von den ersten Unterweisungen durch Boris und von seinen technischen Ratschlägen und Einübungen, die erst viele Jahre später kamen, abgesehen wurde, die allesamt so umfassend nicht waren, dass Mutter dieses Maß an Fertigkeiten zuwege bringen konnte. Nun war sie auch zu sehr Mutter, als dass sie ihr Können auf dem Flügel vor den Kindern an die große Glocke gehängt hätte, wo ihr die Kinder in der Sorge um ihre Gesundheit und den ungestörten schulischen Verlauf das viel Wichtigere waren, so dass sie ihre eigenen Wünsche und Dinge im Leben hintenan setzte. Dass Mutter zu ihrem Spiel die Noten nicht brauchte, war der stärkste Beweis, wie intensiv sie sich mit der “russischen” Sonate beschäftigt hatte, was psychologisch ein klarer Hinweis darauf war, wie lebendig und tief die Liebe und Verbundenheit mit Boris Baródin in ihr geblieben war. Björn, der auch den unvollendeten Sonatensatz gut kannte und wusste, wo er durch den plötzlich eingetretenen Tod des Vaters abbrach, war dann völlig perplex, als die Mutter über den Abbruch hinaus weiterspielte, sich also in den komplizierten Strukturen der Fuge befand, die sie nach eigenem Gefühl und kompositorischem Ermessen, worin sie doch nie unterwiesen wurde, kontrapunktisch geschickt mit neuen Engführungen, Verwicklungen und Auflösungen durch die verschiedensten Tonarten musikalisch “durchwanderte” und den Schlusssatz zu einem großartigen Abschluss brachte, der einem Meister des Faches Komposition den Respekt abverlangt hätte.
“Mutter!”, rief Björn hocherregt über das Ausmaß ihrer bis auf den Tag verschwiegenen hohen Musikalität eines Naturtalents, “nun hast Du deine eigene Komposition ja gespielt, die Du dem ersten Teil des Satzes in so großartiger Weise angeschlossen hast, dass der Bruch, den Vater hinterlassen hat, kaum wahrzunehmen war. Wie hast Du das nur geschafft; wer hat dir denn den Aufbau einer Fuge beigebracht? Das ist ja ungeheuerlich, ja phantastisch!” Mutter Vera schaute zu ihrem Sohn: “Erst Boris, dann der liebe Gott, die haben mich im Aufbau der Fuge unterwiesen.” So sagte es die Mutter im leisen Ton der Zurückhaltung, die nie große Worte über sich selbst machte und mochte. Björn ganz erstaunt: “Aber Mutter, ich wusste gar nicht, dass Du das kannst. Warum hast Du uns dein großes Talent in all den Jahren verschwiegen?” Mutter Vera: “Weil es nicht so wichtig ist, als dass ich es erwähnen sollte.” Björn: “Da hatte Vater doch Recht, der aus dir eine Pianistin machen wollte, weil er deine Fähigkeiten früh erkannt hatte.” Mutter Vera: “Das Leben ist nun andere Wege gegangen. Ich bin Mutter von zwei lieben und intelligenten Kindern, und ihr seid mir das Wichtigste. Da bedarf es nicht mehr der Betonung mit dem Hervorheben meiner Fähigkeiten, die mir die Natur geschenkt hat.” Björn: “Mutter, Du solltest dein Talent nicht so in den Schatten stellen, dass wir davon gar nichts wissen, geschweige denn mitbekommen. Ich habe jetzt eine ganz neue Seite an dir entdeckt.” Mutter Vera: “Dann sei lieb und behalt es für dich. Ich mag nicht, dass so etwas an die große Glocke gehängt wird.” Björn ließ noch nicht locker: “Ich möchte dich nur noch fragen, ob Du das Spielen über den Abbruch hinaus für dich oder für Boris getan hast?” Die Mutter schaute den Sohn mit dem Überraschtsein der inneren Betroffenheit an: “Für Boris natürlich, dem ich nicht nur die Sonate, sondern noch viel mehr zu verdanken habe.”
Am nächsten Morgen, dem Samstag, kam Jasmin fertig angezogen schon sehr früh ins Zimmer von Björn. Sie weckte ihn und sagte: “Komm, wir bringen Mutter ein Geburtstagsständchen.” Gesagt, getan, Björn zog sich den Bademantel über. Leise gingen sie vor Mutters Schlafzimmer, stellten sich vor die nur angelehnte Tür und sangen zwei ihrer Lieblingslieder, so das “Am Brunnen vor dem Tore” und “Wenn ich ein Vöglein wär”. Der schönen Stimme von Jasmin setzte Björn die zweite Stimme hinzu. “Na, ihr Morgenmusikanten”, kam es aus dem Schlafzimmer, “kommt herein, dass ich euch mein Dankeschön sagen kann.” Jasmin schob die Schlafzimmertür bis hintenhin auf. Sie gingen mit strahlenden Gesichtern auf die Mutter zu, die sich im Bett aufrecht gesetzt hatte, und gratulierten ihr zum 46. Geburtstag. “Na, diese Überraschung ist euch aber gut gelungen”, sagte sie mit der Freude einer Mutter und nahm zuerst Jasmin in ihre Arme und küsste sie. Jasmin überreichte ihr einen geschriebenen Brief im geschlossenen Umschlag mit einem aufgemalten roten Herz, auf dem “Für meine liebste Mutti” stand. Vera nahm den Umschlag entgegen, öffnete ihn und zog das säuberlich gefaltete Blatt heraus. Sie entfaltete es vor den neugierigen Augen der Verfasserin und las den Brief mit mütterlicher Anteilnahme. Mit Morgentränen in den Augen sagte die Mutter: “Das hast Du aber schön geschrieben und mir mit deinem Brief eine große Freude gemacht.” Mit dieser Beurteilung ihres Briefes war Jasmin zufrieden, ließ sich von der Mutter noch einmal umarmen und küssen und blieb auf dem Bettrand sitzen. Dann nahm die im Bett sitzende Mutter ihren Sohn in die Arme und küsste ihn (als hätte sie mit Björn auch ihre einstige große Liebe Boris in ihren Armen) auf den Mund. “Wir wünschen Dir, liebe Mutter, alles Gute und viel Freude im neuen Lebensjahr.” Das sagte ihr Björn nach dem ersten Kuss, wofür er gleich den zweiten hinterher bekam. Nach der locker-lustigen Morgenbesprechung an Mutters Bett, wo es auch einige Anekdoten aus ihrem Leben und dem Leben der Kinder gab, bat sie die Kinder, ihr etwas Zeit zu geben, dass sie sich im Bad frisch machen und anziehen könne.
Die Kinder verließen nach vollbrachtem Ständchen und der Gratulation ihr Zimmer, gingen die Treppe hinunter und beschäftigten sich mit den Dingen, mit denen sich Kinder, wenn sie etwas größer sind, an Mutters Geburtstag zu beschäftigen haben. So deckte Jasmin den Frühstückstisch und füllte in der Küche den Wasserkessel auf und stellte ihn an, löffelte Kaffee in die Filtertüte über der Kaffeekanne und brachte die Dinge auf den Tisch, die zum Frühstück nötig sind. Zur Feier von Mutters Geburtstag stellte sie noch zwei Kerzen auf den Tisch und bat Björn, die Vase mit den roten Rosen von der Vitrine zu holen und auf die Tischmitte zu setzen. Dann pendelte Jasmin zwischen Küche und Frühstückstisch hin und her, bis schließlich alles soweit vorbereitet war, wenn Mutter von oben herunter kam. Björn setzte sich an den Flügel und spielte aus Schumanns “Kinderszenen” und dann den “Liebestraum” von Franz Liszt, den Mutter so gern hörte.
Ein würzig-starker Kaffeegeruch kam aus der Küche, als Mutter Vera von oben herunter kam. “Na, das ist ja ein köstlicher Geruch, der da aus der Küche kommt”, sagte sie mit Blick auf den Frühstückstisch, “da werden ja die Lebensgeister richtig wach.” Jasmin brachte die Kaffeekanne und stellte sie auf den Tisch. “Ist das ein schön gedeckter Tisch”, sagte Mutter Vera, als sie sich mit Blick auf die langstieligen roten Rosen an den Tisch setzte und im Sitzen kurz hoch zum Foto von Boris Baródin auf der Vitrine schaute. Björn zündete die beiden Kerzen auf dem Tisch an, und Jasmin mühte sich ab, die Kaffeetassen zu füllen, ohne dabei zu kleckern. Im Gefühl des Verwöhntwerdens sagte Mutter Vera: “Ist das nicht schön, wenn eine Mutter solche Kinder hat, wie ihr es seid?!” Jasmin schaute mit lächelndem Gesicht zur Mutter, während Björn meinte, dass eine Mutter, die sich so um ihre Kinder abgemüht hat und weiter abmüht, sich einmal im Jahr von den Kindern verwöhnen lassen kann. “Das ist sehr lieb von euch.” Nach diesem Kurzkommentar der Mutter, zog Björn, der sich auf seinen Platz gesetzt hatte, der der Mutter gegenüber war, ein zusammengefaltetes Blatt aus der Brusttasche, entfaltete es und las sein Geburtstagsgedicht vor, das er am Abend vorher in seinem Zimmer verfasst hatte: Dieser Tag ist dir zu Ehren,
gilt dir, du Mutter, dir allein,
die du die Mitte warst und bist.
Dieser Tag soll dir bescheren
die unaussprechlich große Freude,
die in uns, den Kindern ist.
Sei du mit Küssen reich gesegnet,
die aus den Herzen jener kommen,
die du genährt, gewickelt hast.
So nimm du heut den Dank entgegen,
der, weil er von uns Kindern kommt,
klein ist für das, was du getan.
Doch was du gesetzt, gepflanzt,
in uns geweckt, geöffnet hast,
das ist die Liebe in den Herzen,
die stärker ist als alle Schmerzen,
weil sie in Stille formt und tröstet,
wie sie mit deinen Kindern wächst.
So sei umarmt, du liebste Mutter,
die du die Liebste für uns bleiben wirst.
Sei du umarmt von den Armen deiner Kinder,
die du in großer Obhut wachsen ließt.
Sei du umarmt mit der Liebe deiner Kinder,
die in uns gewachsen ist, uns stärkt.
Björn war nicht entgangen, dass die Mutter, während er das Kurzgedicht vorlas, auf die roten Rosen schaute, als würde sie zwischen den süß duftenden Blüten das Gesicht von Boris Baródin suchen. Sie hatte Tränen in den Augen, die Tränen der ausgesprochenen Liebe waren. So lachte Mutter aus der großen Freude, als sie sich die Tränen von den Augen wischte, wozu ihr Björn das Taschentuch reichte. Die Mutter bedankte sich mit dem Taschentuch in der Hand für das schöne Gedicht, das ihrem Herzen so gut getan hatte. Dabei schaute sie mit einem Lächeln Jasmin in die Augen, um sie mit ihrer Liebe zu füllen.
Nach dem ersten Schluck aus der Tasse blickte Vera auf das kleine Geschenkpäckchen, das neben der Kristallvase mit den fünf roten Rose lag und fragte, so wie Mütter erstaunt ihre Kinder fragen, die es nicht erwarten können, das Päckchen zu öffnen, was wohl darin sein könnte. Die Mutter setzte die Tasse zurück und streifte das Geschenkpapier vom Päckchen ab. Sie hob den roten Deckel von der roten Schachtel und zog die silberne Halskette heraus. “Nein, ist das eine hübsche Kette”, sagte sie. Sie hielt die Kette vor die roten Rosen mit den Worten: “Das war doch nicht nötig, die schönen Rosen waren mehr als genug. Da hast Du dich, mein lieber Sohn, in große Kosten gestürzt.” Jasmin schaute auf die Kette und Mutter Vera schaute zu Björn, der sich den Anblick der Mutter mit ihrem schönen Gesicht wortlos gefallen ließ. Dann, um zum Blick aus ihren großen Augen mit der dunkelbraunen Regenbogenhaut, die so geheimnisvoll blicken konnten, etwas zu sagen, merkte er an, dass sich eine Mutter von ihren Kindern auch etwas schenken lassen muss. Denn auch das gehöre zum Wesen der guten Mutter. “Wie sonst können wir dir unseren Dank bezeugen?”, fragte Björn mit dem psychologischen Gespür um die Bedeutung des Schenkens. Mutter Vera: “Indem ihr liebe Kinder bleibt. Das ist für eine Mutter der schönste Geschenk.”
So fand das Geburtstagsfrühstück im engsten Familienkreis statt, und Mutter wie Kinder hatten ihre Freude, zusammen zu sein und beim Frühstücken miteinander zu plaudern, woran jeder gerade dachte. Da gab es genügend Kindheitserinnerungen, die leicht und gerne aufgefrischt wurden, oder jene Erlebnisse in der Schule und an der Uni, die, wenn sie komisch genug waren, erzählt wurden, um sich über das Sonderbar-Unwillkürliche gegenseitig zu erheitern und über das Derb-Komische gemeinsam zu lachen. So wurde das Geburtstagsfrühstück im engsten Familienkreis ein Freuden- und Dankfrühstück, das Mutter wie Kinder mit gelöster Heiterkeit in gleicher Weise genossen.
Ab elf klingelte das Telefon. Gute Freunde gratulierten der Mutter zum Geburtstag mit den guten Wünschen für das neue Lebensjahr. Auch kamen zwei Anrufe aus Polen, wo die jüngeren Brüder der älteren Schwester zu ihrem Ehrentag in der Sprache ihrer Mutter gratulierten. Die polnische Mutter selbst konnte es nicht mehr tun, sie war vor drei Jahren an einem fortgeschrittenen Unterleibskrebs, der nicht mehr zu operieren war, gestorben. Dann läutete es an der Haustür. Nachbarn und Bekannte erschienen, um der Mutter ihre Glückwünsche auszusprechen, wobei einige von ihnen Blumensträuße als Geste der Zuneigung und der guten Nachbarschaft überreichten. Es gab Menschen, die Mutter Vera ins Wohnzimmer bat, wo sie mit einer guten Tasse Kaffee, den Jasmin aufgegossen hatte, einen gemütlichen Plausch hielten, den die Mutter aber nie länger als eine halbe Stunde dauern ließ. Da es etliche Menschen, meist Frauen ohne ihre Männer waren, die zur Tasse Kaffee hereingebeten wurden, blieb Jasmin für gut zwei Stunden im Trab des Pendelverkehrs zwischen Küche und Wohnzimmer, um frischen Kaffee aufzugießen, die gebrauchten Tassen, Untertassen und Teelöffel zu spülen, sie gespült und abgetrocknet auf den Klubtisch im Wohnzimmer zu stellen, die aufgefüllte Kaffeekanne aus der Küche zu bringen, den frischen Kaffee in die Tassen einzugießen und Milchkännchen und Zuckerdose je nach Gebrauch aufzufüllen. Die Gratulationscour nahm gegen halbzwei mittags ihr Ende, als die ältere redefreudige Dame, die eine Nachbarin aus dem übernächsten Haus war, mit der Mutter hin und wieder Plausche über die Gartenhecke führte, wenn sie zum Einkaufen in den nächsten Supermarkt ging, der einige Straßen weiter in der Lindenberger Straße war, oder von diesem Supermarkt zurückkehrte, als diese Dame das Haus verließ, die beim Gang vom Wohnzimmer bis zur Haustür sicher viermal ihre guten Wünsche zum neuen Lebensjahr aussprach. Ihr Mann mit dem Hörgerät im linken Ohr sagte dagegen kein Wort, selbst dann nicht, als er sich an der Haustür mit Handschlag von der Mutter verabschiedete. Mutter fand den alten Herrn aufgrund seiner Zurückhaltung, die bis zum völligen Schweigen ging, gegenüber der “dämlichen” Quasselstrippe recht sympathisch.
Jasmin räumte das Kaffeegeschirr vom Klubtisch und brachte es in die Küche, wo sie es gestapelt neben der Spüle abstellte, die Untertassen alle übereinander, bei den Tassen jeweils eine auf der andern. Mutter Vera hatte ihre Kinder zum Mittagessen in einem vornehmen Restaurant in Pankow eingeladen, das mit der S-Bahn schnell zu erreichen war. Bis sie das Haus verließen, klingelte es noch einmal an der Tür, wo der Fahrer von Interflora einen Geburtstagsstrauß überreichte und sich die Überreichung quittieren ließ. Weil Mutter oben in ihrem Schlafzimmer war, um sich zum Ausgehen anzukleiden, war es Björn, der den Strauß entgegennahm und den Empfang durch Unterschrift quittierte. Der Sender musste eine besondere Zuneigung zur Mutter haben, denn es war auch ein Rosenstrauß. Neun gelbe Rosen waren es, die mit einer Klarsichthülle umwickelt waren, der eine gelbe Schleife aufsaß. Mit einer Nadel war ein Briefumschlag angesteckt, auf dem “Vera Breiting, Berlin-Blankenburg, Suderoder Straße 3” in schöner Handschrift geschrieben stand. Björn brachte den Strauß mit den gelben Rosen der Mutter, die mit ihren letzten Vorbereitungen vor dem Schlafzimmerspiegel zugange war. An der Handschrift auf dem angesteckten Umschlag erkannte sie sofort den Absender. “Ach, die gute Lydia”, sagte sie, “die vergisst meinen Geburtstag nie.” Lydia Lodz war eine frühere Kollegin im Polnischen Hof in Warschau, die gerne mit ihr in den Westen gegangen wäre, was ihr aber, weil sie nicht einen Promotor wie den Sowjetgeneral Sergej W. Woroschilow hinter sich hatte, wie Mutter ihn hinter sich hatte, weil nach dem Begräbnis von Ilja Igorowitsch Tscherebilski in Moskau, an dem auch der General teilgenommen hatte, Boris Baródin ihn um seine Unterstützung gebeten hatte. Dieser General war noch ein junger Major, als er Boris nach seiner Geburt in Bautzen in den Armen hielt, wo Generalmajor Tscherebilski, der Vater von Boris, der erste Stadtkommandant nach dem Kriege war. So lehnten die polnischen Behörden anders als bei Mutter Lydias Ersuchen mit Einzug des Reisepasses und ohne Angabe von Gründen ab. Es war die Zeit des kalten Krieges. Doch seit den Tagen der gemeinsamen Arbeit im Polnischen Hof war die Freundschaft lebendig geblieben, die die vielen zurückliegenden Jahre nicht verblasst hatten. Zwischen beiden wurde durch all die Jahre der Briefverkehr aufrechterhalten, wobei mit vierteljährlicher Regelmäßigkeit die Briefe von einer Seite zur anderen wechselten.
Jasmin hatte Tränen in den Augen, als Mutter Vera, die trotz ihrer Jahre eine schöne Frau geblieben war und ihren jugendlichen Charme behalten hatte, die Treppe mit den gelben Rosen in der linken Hand herunter kam. “Was ist, mein Kind? Warum die Tränen?”, fragte sie und drückte Jasmin an sich. “Warum hat Vater noch nicht angerufen und dir zum Geburststag gratuliert?”, schluchzte sie in die rechte Hand der Mutter, die ihren Kopf sanft gegen sich gedrückt hielt. Die Mutter suchte nach einer verständlichen Erklärung, die das Problem auflöste, das bei Jasmin zum Tränenausbruch geführt hatte. “In New York ist noch Nacht, oder der Morgen beginnt gerade erst zu dämmern”, versuchte die Mutter das Schluchzen des Kindes zu stillen. “Aber wenn ein Mensch den andern lieb hat, dann spielt das mit der Nacht oder der ersten Dämmerung doch keine Rolle”, erwiderte Jasmin. Die Mutter merkte die Schwäche ihrer Erklärung und fand so schnell keine bessere, die Jasmin akzeptieren würde. So sagte sie im Bemühen, das Kind aus der seelischen Not zu befreien, dass Vater sicher anrufen wird, wenn er ausgeschlafen und seine erste Tasse Kaffee getrunken hat. Björn, der die “Tragödie” vom Wohnzimmer aus verfolgt hatte, kam heraus, nahm der Mutter den Rosenstrauß aus ihrer linken Hand, holte eine Vase aus der Vitrine, füllte sie mit Wasser, steckte die gelben Rosen in die Vase und stellte sie neben die Kristallvase mit den fünf roten Rosen auf den abgeräumten Frühstückstisch, auf dem außer den beiden mit Rosen gefüllten Vasen nur noch die geöffnete rote Schachtel mit der Silberkette und der Umschlag mit dem aufgemalten roten Herz und dem eingesteckten Geburtstagsbrief von Jasmin lagen.
Nachdem die Mutter ihre traurige Jasmin getröstet hatte, zumindest konnte sie ihr Schluchzen zum Stehen bringen, verließen die drei das Haus und begaben sich zur nächsten S-Bahn-Station, um mit der Schnellbahn nach Pankow zu fahren, wo sie in einem guten Restaurant zu Mittag essen wollten. Björn und Jasmin nahmen auf dem Weg die Mutter in die Mitte, die sich beim Sohn links einhakte, während sie mit der rechten Hand die linke Hand von Jasmin hielt. Sie hatten sich nicht zu sehr verspätet, als sie das Restaurant betraten. Sie bekamen von einer jungen freundlichen Serviererin einen Tisch am Fenster zugewiesen, von dem sie, da die vorherigen Gäste gerade den Tisch verlassen hatten und die anderen Tische besetzt waren, die gebrauchten Teller, Bestecke, Tuchservietten und Biergläser abräumte und die bekleckerte Tischdecke durch eine frische ersetzte, deren Bügelfalten nach Auslegen von ihr und der Mutter gemeinsam glatt gestrichen wurden. Aus Anlass ihres Tages bestellte Mutter Vera eine Flasche Beaujolais zum Kalbsfilet mit Bratkartoffeln, Pilzsauce und jungen Bohnen. Als Getränk bestellte Jasmin für sich einen Apfelsaft. Es dauerte nicht lang, und das Essen wurde auf großen Tellern serviert. Der Appetit hatte sich beim Blick auf die Teller noch gesteigert. Die Serviererin schenkte den Rotwein in die Weingläser, und für Jasmin den Apfelsaft in das Saftglas. Beim Entfalten der Tuchservietten wünschte die Serviererin in einem Deutsch mit russischem Akzent den guten Appetit. Das Filet schmeckte vorzüglich, nicht weniger mundete der rote “Saft” von den sonnigen Rhônehängen. Es wurde auf das Wohl der Mutter getrunken, Björn tat es mit Beaujolais und Jasmin mit holsteinischem Apfelsaft.
Nach dem Essen machten sie einen kurzen Spaziergang durch die Straßen Pankows. Sie gingen durch die Stubnitzstraße in die im stumpfen Winkel nach links abgehende, kurze Lohmestraße, überquerten die Borkum-, dann die Hiddenseestraße, bogen scharf links zum Arnold-Zweigplatz ab und gingen von dort zur Brandströmstraße, die sich nach links bis zur Prenzlauer Promenade erstreckte. Von dort ließen sie sich mit dem Bus über Heinersdorf zurück nach Blankenburg fahren. Der Beaujolais tat seine “schwimmende” Wirkung in den Köpfen von Björn und seiner Mutter, während Jasmin ihren klaren Kopf behalten hatte. Zu Hause angekommen vereinbarten sie die verspätete Mittagsruhe und sich um fünf Uhr zu Kaffee mit Kuchen einzufinden. Den Kuchen hatte sich Mutter am Tag zuvor von der Konditorei Cremer bringen lassen, der verpackt in der Küche neben dem Kühlschrank stand. So zog sich jeder auf sein Zimmer zurück, um den ersten Teil der Vereinbarung in die Ruhepause umzusetzen. Björn zog sich für seine Ruhepause das Reclamheftchen “Faust”, erster Teil, aus dem obersten Bücherregal im Wohnzimmer, um den Prolog noch einmal gründlich zu lesen, was ihm Professor Kretschmar im Gespräch nach der nachmittäglichen Freitagsvorlesung über die Hirnsyphilis mit der Befragung nach den ersten Versen im Prolog ernsthaft empfohlen hatte. Ob es der richtige Zeitpunkt war, sich mit dem “faustischen” Prolog zu beschäftigen, wenn im Kopf der Beaujolais eine ungewöhnliche Schwere bewirkte, darüber dachte Björn beim Herausziehen des Reclamheftchens nicht nach. Ihm war das nötige Einschätzungsvermögen der optimalen Lesevoraussetzungen für so einen ernsten Stoff, wie es der “Faust” nun einmal ist, weggerutscht oder “davongeschwommen”, von dem Professor Kretschmar sagte, dass “wir” uns diesen Stoff zu Herzen nehmen sollten. Die andern hatten sich bereits auf ihre Zimmer verzogen, so dass weder die Mutter nach ihrem Konsum des Beaujolais noch Jasmin, die Einzige mit klarem Kopf, dem jungen Mediziner sagen konnten, dass es nun nicht die richtige Zeit sei, sich ein Buch wie Goethes “Faust” vorzunehmen. Jedenfalls nahm Björn das Heftchen mit nach oben, zog sich Jacke und Schuhe aus und legte sich mit dem “Faust” in der Hand aufs Bett. Ob er wirklich darin gelesen hatte, diese Frage konnte er nicht beantworten, als ihn Jasmin kurz vor fünf weckte, die ihn schnarchend auf dem Bett und den “Faust” auf dem Boden vorfand.
Der engste Familienkreis wurde wieder geschlossen, als man sich kurz nach fünf unten im Wohnzimmer zu Kaffee und Kuchen eingefunden hatte. Nun hatte die Mutter auf dem Klubtisch den Kaffeetisch gedeckt. Sie hatte eine schöne, gehäkelte weiße Tischdecke aufgelegt und darauf die Kuchenteller des feinen Porzellans mit den dazugehörigen Kaffeetassen und Untertassen gestellt und die Kuchengabeln und Kaffeelöffel dazugelegt. Als Björn ohne den “Faust” in der Hand und mit geröteten Augen und Schlaffalten über der linken Wange unten erschien, brachte die Mutter den Kuchen aus der Küche. Jasmin goss den Kaffee ein und tat es ohne zu kleckern. Zur Auswahl gab es drei verschiedene Kuchensorten, die auf drei Tellern auf den Tisch kamen. Es konnte zwischen Streusel-, Apfel- und Käsekuchen gewählt werden. Björn nahm einen Streusel-, Jasmin und Mutter legten sich einen Apfelkuchen auf ihre Teller. Allen schmeckte es vorzüglich, und der starke Kaffee, von dem sich Jasmin nur die halbe Tasse eingegossen, die Mutter die andere Hälfte mit Milch vollgegossen hatte, tat seine belebende Wirkung mit dem Wegschiebeeffekt des Beaujolais, was die Köpfe klarer machte. Nachdem sich jeder das zweite Stück Kuchen nach Wahl auf den Teller gelegt und mit dem Gabeln begonnen hatte, wobei beim Gabeln wenig gesprochen wurde, weil der Kuchen sehr gut schmeckte, bat die Mutter Björn, die CD mit dem Es-Dur Klavierkonzert, dem fünften von Beethoven einzulegen, die beim Konzert aufgenommen wurde, das Boris Baródin in jungen Jahren unter dem großen ungarischen Dirigenten Georg Solti in London gespielt hatte. Nach den ersten Klängen, genauer nach dem Solo-Einsatz auf dem Flügel, trat, was zu erwarten war, der Boris-Effekt ein. Das leise Anschlagen der Gabeln am Porzellan der Kuchenteller verstummte, die Mutter auf dem Sofa und Björn im Sessel lehnten sich zurück, und Jasmin rückte eng an die Mutter, wobei sie mit der linken Hand ihre rechte Hand fasste. So hörten sie nun dem groß angelegten Konzert beethovenscher Musik aufmerksam zu. Es dauerte nicht lange, dass der zweite Boris-Effekt zur Wirkung kam, als der Mutter die Tränen in den Augen standen, zu deren Abwischen ihr Björn sein Taschentuch über den Klubtisch reichte, sich dann im Sessel wieder zurücklehnte und die Augen schloss.
Eine, allerdings bei den Kindern bereits bekannte Konsequenz dieses Boris-Effektes war, dass der Kaffee kalt wurde, schneller in den Tassen als in der Kaffeekanne, der aus blick-ästhetischen Gründen eine Kaffeemütze nie übergestülpt wurde. Diese Mütze wurde als “hässliches Ding” abgelehnt, war in diesem Hause verpönt, sie gab es einfach nicht. Eine solche Mütze im Blickfeld der Augen würde die Ohren beim Zuhören dieser Musik empfindlich stören, wenn nicht gar beeinträchtigen. Das war Mutters Argument, das sie mal vor Jahren gab, als ihr der Vorschlag gemacht wurde, den Kaffee in der Kanne beim längeren Zuhören mit einem solchen “Ding” doch warm zu halten. “Hier nicht!”, sagte sie mit der Bestimmtheit, die kein “aber” duldete und begründete das “nicht” zu der plumpklobigen Stülpmütze mit dem Vergleich eines abnormal atretischen, zu kurz geratenen archaischen Stumpfrüssels. Ein so kleines Opfer, wie es das Trinken von kaltem Kaffee ist, sei zumutbar, wenn dem Ohr eine so großartige Musik geboten wird, war ihr abschließender Kommentar. So saßen sie zurückgelehnt mit geschlossenen Augen und wischten sich die Tränen vom Gesicht, sahen kurz in die anderen Gesichter, ob da auch die Tränen waren. Jeder sann für sich darüber nach, warum es immer wieder Tränen sein müssen, wenn Boris Baródin ein Konzert oder etwas anderes am Flügel spielt. Der erste Satz aus dem fünften Klavierkonzert von Beethoven klang aus, als Björn und nach ihm die Mutter einen Schluck aus ihren Tassen mit dem kalt gewordenen Kaffee nahmen und Jasmin mit der Gabel ein Stück Apfelkuchen in den Mund schob und einen Schluck kalten Milchkaffee hinterher trank. Der langsame zweite Satz begann, und eine Welt der Gefühle in ihrer großen Weite und Tiefe drang ans Ohr. Da war es gleich wieder still im engsten Familienkreis um den Klubtisch im Wohnzimmer im Parterre des Hauses Suderoder Straße 3 in Berlin-Blankenburg. Der Geist von Boris Baródin in der Musik von Beethoven schwebte über den Köpfen um den Klubtisch. Die Nachsinnenden und Nachträumenden zogen ihn im Zuhören seines Spiels so stark an, dass es schon der Tod sein musste, der den großartigen Pianisten nicht noch körperlich erscheinen ließ, der sich an den stets gut gestimmten Flügel setzte und den herzergreifenden Satz, der tief in die Seele dringt und sie aus der Tiefe weinen und “schreien”, aber auch hoffen lässt, dass die Tränen unaufhaltsam fließen, die Tränenbäche zu gewaltigen Strömen anschwellen, die den Menschen fortreißen, wenn er nicht rechtzeitig die Augen öffnet und sich mit den Füßen und Händen der anderen Welt des Seins und ihren Problemen der Vernunft vergewissert, um sich in dieses Sein wieder einzufinden, zurückzufinden, sich hier wieder einzustellen hat, wo er körperlich ist und sich diesem Sein zu stellen hat.
Nach dieser Einlage der großen musikalischen Aussage, die fast eine Dreiviertelstunde dauerte, kehrten die drei mit den zurückgelegten Wanderungen in Erinnerungen und Gedanken aus der Zwischenlage zweier Welten, zwischen Traum und Wirklichkeit, die so verschieden waren, an den Tisch zurück. Sie öffneten die Augen, wischten sie, wenn es Tränen abzuwischen galt, und nahmen das Gebot der Vernunft an, ob sie es wollten oder nicht, die Welt mit den Füßen zu berühren, zu betreten und mit den Händen zu greifen, wenn sie auch nicht ganz zu begreifen war. Sie knipsten den “Schalter” des Verstandes wieder an, um zu sehen, dass auf den Tellern die Kuchenstücke, es waren die zweiten auf jedem Teller, angegessen noch lagen. Jasmin war die erste, die begriff, dass das aufgelegte Kuchenstück fertig gegessen werden musste, bevor sie das dritte Stück, den Käsekuchen, sich von der Mutter auf den Teller geben ließ, den sie nicht auslassen wollte. So hatte sie sich als erste nach vorn in Tischnähe gesetzt und führte mit dem ihr eigenen Kuchenappetit die Gabelungen fort, während Mutter noch am Augenwischen war und Björn sich langsam und nachdenklich in seinem Sessel aufrecht setzte, sich mit dem Körper näher an den Klubtisch schob und die Gabeltätigkeit mit der nachdenklich gebremsten Geschwindigkeit wieder aufnahm. Mutter Vera rückte ihr Gesäß auch näher an den Tisch heran und goss den lauwarm gewordenen Kaffee aus der Kanne dem kalt gewordenen Kaffee in den Tassen dazu. Nun wurde nicht mehr über die Musik gesprochen, da der Pianist Boris doch nicht lebendig von den Toten auferstehen und zurückkommen, an der Tür des Hauses Suderoder 3 in Berlin-Blankenburg klingeln würde, um ein Stück Streusel- (den mochte er am meisten, erinnerte sich Vera) Apfel- oder Käsekuchen im Kreise der veränderten Familie mit seinem nun schon vor dem medizinischen Staatsexamen stehenden Sohn (den Namen Björn müsste ihm Vera dann erklären) und der zwölf Jahre später hinzugekommenen Jasmin (auch das müsste Vera ihm erklären) zu essen. Da war sich Björn sicher, der diesen utopischen Gedanken nachgegangen war, weshalb sich bei ihm die Fortsetzung des Kuchenessens verzögerte, während Jasmin sich den Käsekuchen auf den Teller legen ließ, dass Mutter, ohne sich davon abbringen zu lassen, frischen Kaffee in der Küche aufbrühen würde, wenn es Boris wäre, der da klingelte. Welch ein Wunschtraum, der die Grenzen überschreitet, weil sich so ein Wunder weder erdenken noch erhoffen ließ.