Читать книгу Der Arzt Björn Baródin - Helmut Lauschke - Страница 7
Das Examen
ОглавлениеSeine Gruppe mit Eberhard Kurz, Vera Lang und Ingrid Standfuß gehörte zu den ersten Gruppen, die sich für die Prüfungen angemeldet hatten. Für sie begann das Examen an einem regnerischen Montagvormittag elf Uhr mit der Prüfung in der allgemeinen und speziellen Pathologie. Die Gruppe hatte sich über eine Woche auf die Prüfung vorbereitet.
Frau Blaufuß, die Sekretärin, nahm die Examinanden in Empfang, prüfte ihre Namen auf ihrer Prüfungsliste und schickte sie mit den Worten, dass sie den Herrn Professor von ihrer Ankunft in Kenntnis setzen werde, wieder vor die Tür. Dort warteten sie fast eine halbe Stunde, als Frau Blaufuß, eine hagere Frau, die etwa in der Mitte ihrer vierziger Jahre war, eine Brille mit dunkler Einfassung der Gläser trug, ihr dunkles Haar mit einem Mittelscheitel zurückgekämmt hatte, aus der Tür trat. Ihr folgte ein jüngerer Mann im weißen offenen Kittel, der einen Dia-Kasten in der linken Hand hielt und ein Papier mit der rechten Hand in die rechte Kitteltasche steckte. Sein Gesicht mit den hell-blauen Augen und der hohen Stirn über der Nase mit dem schmalen Nasensteg war gerötet, als sei ihm bei der Besprechung mit dem Professor das Blut in den Kopf geschossen. Er musste in den Gedanken der Lehre von der Pathologie gewesen sein, denn er passierte die Prüfungsgruppe mit dem Blick der Abwesenheit, ohne sie zu grüßen oder ihr Glück für die Prüfung zu wünschen, ein Vorgang, den Björn später bei jungen Akademikern öfter antreffen sollte. Frau Blaufuß bat die Gruppe, ihr ins Sekretariat zu folgen. Sie klopfte an der Tür des Direktors, wartete auf das Kommando “Herein!” und sagte beim Türöffnen, “Herr Professor, die Studenten für die Prüfung sind da.” Zu den Examinanden sagte sie: “Gehen sie hinein.” Ingrid Standfuß öffnete die Tür weiter und trat als erste in den Raum. Ihr folgten Vera Lang, Eberhard Kurz und Björn Baródin, der die Tür zum Sekretariat wieder schloss. “Nehmen sie Platz, ich bin gleich bei ihnen”, sagte der Professor, der an seinem Schreibtisch saß, in einem dicken Buch der Pathologie blätterte und auf die vier Stühle neben einem kleinen Tisch wies, die rechts an der Wand neben dem Schreibtisch standen. Er tätigte noch ein Telefonat, das über zehn Minuten dauerte. Danach ließ der Professor über die Sprechanlage die Sekretärin wissen, dass er für die nächsten anderthalb Stunden nicht gestört sein möchte. “Jawohl, Herr Professor, ich habe verstanden”, parierte Frau Blaufuß ohne ein weiteres Wort, und der Professor drückte auf den “Aus”-Knopf der Sprechanlage. Die Examinanden, denen die Blässe vor dem Ungewissen im Gesicht stand, hatten sich auf die Stühle verteilt, die ihnen der Professor zugewiesen hatte. Auf der großen Schreibtischplatte lagen angeschriebene Papiere mit aufgelegten histologischen Präparaten zur Begutachtung unter dem Mikroskop. Auf der linken Schreibtischseite, die der Fensterseite des Raumes entsprach, waren Mappen mit unterschiedlich gefärbten Präparaten zu einem dünnen Stoß gestapelt, und auf der rechten Schreibtischseite lagen dicke Bücher der Pathologie und pathologischen Histologie zu einem Stapel von etwa zwanzig Zentimetern Höhe übereinandergelegt. Auf dem kleinen Tisch neben den vier besetzten Stühlen stand ein Mikroskop, dem in dieser Prüfung sicherlich eine herausragende Bedeutung zuzuschreiben war.
Der Professor war den Studenten von der Hauptvorlesung gut bekannt. Er trug den Nachnamen Schmirgel. Da ihm die Pingeligkeit beim Prüfen nachgesagt wurde, eilte ihm der Name ‘der pingelige Schmirgel’ voraus, was bei den auf das Examen zugehenden Studenten das erhöhte Unbehagen der Ungewissheit auslöste, wie die Prüfung beim Schmirgel ablaufen wird. So war Professor Schmirgel ein gefürchteter Prüfer, den die Studenten, wenn es zur Prüfung kam, viel lieber von hinten als von vorne sahen. Denn bei ihm war es so gut wie ausgeschlossen, dass ein Examinand etwas so richtig machte, dass Professor Schmirgel nichts auszusetzen hatte. Der Student konnte brillant im Fach Pathologie sein, der Professor fand die Lücke, in der er dann mit immer enger werdenden Detailfragen nachstocherte. Dagegen wurde seinem Oberarzt, Professor Stampf, der die Vorlesungen in der pathologischen Histologie, den sogenannten Histo-Kurs gab, bei der Prüfung die Menschenfreundlichkeit nachgesagt, weil er in der Prüfung leichter mit sich reden ließ und zufrieden war, wenn der Examinand das Wesentliche erkannte und nannte. Kleine “Versprecher” legte dieser menschenfreundliche Prüfer nicht gleich auf die Goldwaage, so dass bei ihm alles großzügiger tariert ablief. Vom “schmirgelschen” Rum- und Nachstochern hielt dieser junge hochgewachsene Professor nichts. Das Glück, von diesem Professor geprüft zu werden, bei dem es im Schnitt mehr gute als schlechte Noten gab, war jedoch gleich ins kalte Wasser gefallen, als die Sekretärin, Frau Blaufuß, der Gruppe mitgeteilt hatte, dass Professor Schmirgel sie prüfen werde.
Professor Schmirgel legte das Pathologiebuch zur Seite, betrachtete die Namen der Prüflinge auf dem Zettel, den ihm die Sekretärin nachgereicht und auf den Schreibtisch gelegt hatte. Die erste Frage ging an Ingrid Standfuß, vielleicht weil ihm der Name, wenn auch nur im hinteren Teil mit dem “fuß”, am Tag öfter über die Lippen kam, wenn er die Sekretärin mit einer Aufgabe betraut oder sie zur Herstellung einer Telefonverbindung bat, wenn nicht umgekehrt Frau Blaufuß ein Telefonat von draußen zum Herrn Professor durchstellte. Professor: “Was ist der Unterschied zwischen der Metaplasie und der Neoplasie?” Ingrid Standfuß: “Bei der Metaplasie wandelt sich eine Gewebsart in eine andere um. Bei der Neoplasie handelt es sich um eine Gewebsneubildung mit der Potenz zum autonomen Überschusswachstum.” Professor: “Wie werden die Metaplasien und wie die Neoplasien unterteilt?” Ingrid Standfuß, die bei dieser Frage schon länger nachdachte, was der Professor ihr zubilligte: “Die Metaplasien werden in direkte und indirekte eingeteilt. Bei den Neoplasien werden die homologen von den heterologen unterschieden.” Professor: “Worin besteht also der morphologische Unterschied zwischen den beiden Formen der Neoplasie?” Ingrid Standfuß: “Dass bei der homologen Form der Gewebsaufbau der Neubildung dem Muttergewebe oder Mutterboden ähnlich bleibt, während bei der heterologen Form die Ähnlichkeit im Gewebsaufbau zwischen Neubildung und dem Muttergewebe verlorengeht.” Professor: “Welcher Form ordnen Sie den malignen Tumor zu?” Ingrid Standfuß: “Der heterologen Form, wo der Gewebsaufbau der Wucherung die Ähnlichkeit zum Mutterboden verloren hat.” Professor: “Die nächste Frage geht an Sie, Herr Baródin. Was sind die Grundkriterien der Tumoreinteilung?” Björn: “Zunächst die Histogenese und dann das bilogische Verhalten.” Professor: “Was für Tumore sind es, die sich histogenetisch voneinander unterscheiden lassen.” Björn: “Es sind die epithelialen, die mesenchymalen, die Mischtumore, die Tumore der blutbildenden und lymphatischen Gewebe,..” Der Professor winkte ab: “Was ist ein Mischtumor?” Björn: “Ein Tumor, der epitheliale und mesenchymale Zellelemente hat.” Professor: “Wann ist ein Tumor bösartig?” Björn: “Wenn der Tumor invasiv und infiltrierend wächst und durch seine Wucherung das Nachbargewebe zerstört, in die Blut- und Lymphgefäße einbricht und durch Streuung der Tumorzellen Metastasen setzt.” Professor: “Setzt ein Basaliom Metastasen?” Björn: “Das Basaliom wird zu den semimalignen Tumoren gerechnet, die lokal invasiv wachsen, häufig rezidivieren, wenn sie zu sparsam und nicht tief genug ausgeschnitten werden, aber so gut wie nicht metastasieren.”
So setzte Professor Schmirgel seine Fragen fort. Die beiden andern in der Gruppe hatten bei der Prüfung weniger Glück. Sie bekamen schwierigere Fragen gestellt, bei deren Beantwortung sich Vera Lang zweimal “versprach” und Eberhard Kurz einmal passte, weil ihm auf die Frage, was die drei Komponenten der Tumorvalenz sind, die erste Komponente von der Tumorlokalisation mit der Tumorausdehnung nicht einfiel, sondern nur die zweite Komponente von der Wachstumsgeschwindigkeit und dritte Komponente von der Metastasierungspotenz nannte. Da machte Professor Schmirgel ein ernstes Gesicht, als stände der Untergang kurz bevor. Dass er dem Examinanden in seiner Aufregung aus der Enge heraushalf, weil er ja die anderen beiden Komponenten gewusst hatte, das tat dieser Professor nicht, während der menschenfreundliche junge Professor Stampf es bei seinen Examinanden tat, der da die psychologischen Prüfungsumstände mitberücksichtigte.
Professor Schmirgel machte mindestens fünfmal seine Fragerunde durch die Gruppe, wobei die Fragen immer komplizierter wurden. Doch zur Ehre der Gruppe konnte gesagt werden, dass sie eigentlich keine der Fragen unbeantwortet ließ, wenn auch die Antwort manchmal kürzer gefasst und dafür präziser und vollständiger formuliert werden konnte. So hatte der Professor mit dem Beinamen der ‘pingelige Schmirgel’ die Gelegenheit, die er sich auch nicht nehmen ließ, nachzuhaken, an seinen Widerhaken die Antworten, mit denen er nicht zufrieden war, wie Fische aus dem Wasser zu ziehen, damit sie nicht wegflutschen und unerkannt davonschwimmen, oder an anderen Antworten, die doch gut und präzise waren, weiter “rumzuschmirgeln”. Da gab es Zusatzfragen, die als spitz, ja überspitzt, als “überschmirgelt” von den Examinanden empfunden wurden, zumal mit diesen Schmirgelfragen die Gefahr des Wegrutschens vom Ziel drohte, die Prüfung zu bestehen, beziehungsweise der Absturz in die Versenkung des Durchfallens drohte, was den Gesichtern, wenn sie an einer speziellen, nachgehakten Schmirgelfrage zu kauen hatten, sofort anzusehen war und das Mitleid der anderen Examinanden auslöste, wobei ihre Köpfe durch die vermehrte Adrenalinausschüttung des Helfenwollens, aber nicht Helfenkönnens noch blasser wurden, als sie ohnehin schon waren.
Der Professor schob einen Objektträger unter das Übersichtsobjektiv des Mikroskops auf dem kleinen Tisch und stellte an Björn die Frage, wie sie nicht kürzer zu stellen war: “Was ist das?” Er ließ sich da nicht auf ein Spiel irgendwelcher Art ein, indem er gesagt hätte, das ist ein Mikroskop, auf dessen Objekttisch ein Objektträger liegt. Denn das hätte ihm den sofortigen Durchfall wegen Respektlosigkeit vor dem Professor eingebracht. So setzte sich Björn vor das Mikroskop, stellte das Objektiv mit der kleinsten Vergrößerung scharf auf den blau-rot gefärbten, histologischen Gewebsschnitt ein. Er schob den Objektträger nach allen Seiten, drehte am Objektivrevolver die Vergrößerung zweimal nach oben, bewegte das Präparat nun wenig hin und her und sagte: “Das ist ein tuberkulöser Lymphknoten im Stadium der Verkäsung.” Professor: “Beschreiben Sie, was Sie sehen.” Björn: “Ich sehe einen Lymphknoten, der im Zentrum von käsigen Nekrosen durchsetzt ist. In den Randpartien sind die Leukozyten vermehrt. Da sehe ich auch die Epitheloidzellen und einige Riesenzellen vom Langhans-Typ.” Der Professor schien mit der Antwort zufrieden und gab ihm ein zweites Präparat mit den Worten in die Hand: “Wenn Sie wissen, was das ist, dann haben Sie die Prüfung bestanden.” Björn schob das Präparat unters Mikroskop. Bei der Übersichtsvergrößerung war er sich nicht gleich im Klaren, um welches Organ es sich handelt. Er sah ein kreisrundes Gebilde mit homogenem Inhalt und in der nächsten Vergrößerung basophil gefärbte, radiär angeordnete Zellen um die dünne Membran des Kreisgebildes, die er für Granulosazellen hielt. Er ging in die kleine Vergrößerung zurück, weil da ein breiter Bindegewebsstreifen zu sehen war, der da normalerweise nicht hingehörte. Dieser Streifen hatte die normalen Rindenzellen verdrängt. Polymorphe Zellen mit atypisch vergrößerten Kernen und Mitosen sah er nicht. “Was ist ihre Diagnose, Herr Baródin?”, drängte der Professor. Björn: “Eine gutartige Ovarialzyste.” Professor Schmirgel schmunzelte und sagte: “Das haben Sie gut gesehen.” Damit war die Prüfung für Björn erfolgreich verlaufen.
Auch Ingrid Standfuß diagnostizierte die ihr vorgelegten histologischen Schnitte. Vera Lang hatte große Mühe mit dem zweiten Präparat, das eine Sarkoidose der Lunge war. Sie beschrieb zwar die epitheloidzelligen Granulome und die zwei Riesenzellen vom Langhans-Typ. Sie diagnostizierte eine Lungentuberkulose. Professor Schmirgel sagte, dass es eine Tuberkulose nicht sei, weil keine Gewebseinschmelzung, stattdessen eine vermehrte Fibrose vorliege. “Wenn es keine Tuberkulose ist, was ist es dann?”, fragte der Professor. Ingrid Standfuß sprach von der proliferativen Form eines entzündlichen Prozesses. Das wies der Professor nicht von der Hand. “Es ist ein Boeck’sches Sarkoid, das sich von der Tuberkulose durch die vermehrte Fibrose und das Fehlen der Verkäsung unterscheidet.” Damit schloss der Professor die Suche nach der Diagnose ab.
Vera Lang hatte die Fragen zufriedenstellend beantwortet, tat sich aber beim Präparat mit dem Milzinfarkt bei der Organdiagnose schwer, dass sie da fast gestolpert wäre, wenn ihr der Professor nicht mit dem Hinweis auf ein großes lymphoretikuläres Organ nachgeholfen hätte. Die Diagnose des anämischen Infarktes hat sie dann ohne weitere Verzögerung gestellt.
Eberhard Kurz konnte beim ersten Präparat die Diagnose eines kleinzelligen Bronchialkarzinoms nicht stellen, und beim zweiten tat er sich sehr schwer. Die Histologie war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. So war er leider der schwächste Kandidat in der Gruppe, obwohl er sich am meisten auf die Prüfung vorbereitet hatte. Am Ende der Prüfung, die fast zwei Stunden gedauert hatte, erlebte Eberhard Kurz doch noch das schmirgelsche Wunder, als der Professor sagte, dass alle Kandidaten die Prüfung bestanden hätten, aus der Björn Baródin als Bester hervor- und erleichtert herausgegangen ist.
Die Pathologie war das meist gefürchtete Prüfungsfach. Diese hohe Hürde hatten sie nun erfolgreich genommen. Dazu gratulierten sie sich gegenseitig und gingen in die nächste Kneipe, um den Erfolg zu begießen. Beim Bierchen gab jeder seine Eindrücke von der Prüfung zum Besten. Da die Präparate den größten Eindruck hinterlassen hatten, meinte Eberhard Kurz, dass er unter dem Mikroskop dieselben böhmischen Dörfer gesehen habe, die er schon vor einem halben Jahr dort gesehen hatte. Diese Bemerkung löste das Gelächter der anderen aus, die ihm entgegenhielten, dass er die Diagnose beim zweiten Präparat doch gestellt habe. “Das dürft ihr nicht so eng sehen”, meinte er, “ich habe eine dicke Gefäßwand gesehen, die an einer Stelle zersplissen war. Die Endothelschicht hatte sich als Folge der Einblutung abgehoben. Da hab ich mir gesagt, gib dem “Kind” einen Namen, bevor es zu spät ist. So nannte ich die Aortenruptur, und es war richtig.” Das Gelächter war auf seiner Seite, und Eberhard gab aus Freude, die hohe Prüfungshürde der Pathologie genommen zu haben, eine Runde am Stehtisch in der Kneipe aus.
Die anderen Prüfungen verliefen glatt, für die sie, wenn sie den Prüfungstermin hatten, bis in die Nächte hinein paukten. Doch das Pauken für die klinischen Fächer fiel ihnen leichter als das Pauken für die Pathologie. Unter den Examinanden hatte es sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass die “Klotzfuß”-Studentin, die den Klumpfuß so benannte, und der neben ihr sitzende “Teufelsfuß”-Kommilitone, der sagte, dass er so einen Fuß beim Teufel noch nicht gesehen hätte, bei der Prüfung in der Orthopädie durchgefallen waren. Da hatte der sonst in den Prüfungen milde Professor Lehmann offensichtlich die Zügel angezogen und die beiden Examinanden für ihr studentisches Vorlautsein hart an die Kandare genommen. Doch damit hätten sie rechnen müssen, dass beim Vorlautsein die Milde eines Professors aufhört. Da muss ein Examinand in der Prüfung viel wissen, wenn er bei dem verärgerten Professor das wiedergutmachen will, was er durch sein albernes, besserwisserisches Benehmen schlecht gemacht hatte. Im Gegensatz zu diesen beiden Examinanden kamen in der Gruppe von Björn alle mit einem ‘Sehr gut’ aus der Prüfung in der Orthopädie heraus.
Die Prüfung im Fach Neurologie und Psychiatrie hatten sie sich für den Schluss aufgehoben. Da wollten sie mit den Prüfungserfahrungen aus den anderen klinischen Fächern hineingehen. Zu diesen Erfahrungen kam die menschliche Erfahrung hinzu, nämlich die, dass die Fragen jener Professoren, die ein großes akademisches Renommee mit internationalen Auszeichungen hatten, einfach und gut verständlich waren, wo an den Antworten nicht groß nachgehakt und rumgeschmirgelt wurde. Wenn die Antwort den Kern der Frage getroffen hatte, dann war bei diesen Professoren auch mit einer guten Prüfungsnote zu rechnen. Kleinkariertes gab es da nicht. So war es für Björn und die anderen Examinanden dann ein herausragendes positives Erlebnis, diesen großen Lehrern in der Prüfung gegenübergesessen zu haben. Die Art, wie diese Professoren fragten, war schlicht und menschlich so positiv, dass diese Prüfungserlebnisse in der Erinnerung an das Examen bleiben sollten, weil da der junge Mensch lernte, was groß an großen Lehrern ist. Groß war, dass diese Professoren ein menschlich-freundliches Gesicht hatten, hinter dem sich das große Wissen mit den von ihnen erbrachten Höchsleistungen verbarg, was mit einer großen Menschlichkeit der Selbstdisziplin und persönlichen Bescheidenheit so beispielhaft zusammentraf, dass diese Professoren von vornherein dem Examinanden das Verständnis für die Besonderheit der Prüfung entgegenbrachten und ihm damit die Prüfungsangst nahmen.
Den Termin für die letzte Prüfung in der Neurologie und Psychiatrie hatte die Sekretärin von Professor Kretschmar mitgeteilt. Sie sagte, dass sie nicht sicher sei, ob der Chef oder sein Oberarzt, Professor Kluge, die Prüfung abnehmen werde. Sie hatten sich gründlich für die Prüfung vorbereitet und trafen sich an einem verschneiten Freitagmorgen zehn vor neun vor der Klinik. Sie strichen sich den Schnee von den Gesichtern und aus den Haaren, klopften ihn von den Mänteln und gingen mit dem Gefühl der relativen Sicherheit und den Erfahrungen aus den vorausgegangenen Prüfungen zum Sekretariat, das sie nach vorherigem Anklopfen betraten. Frau Schwertfeger, die Sekretärin des Chefs, sagte, dass Oberarzt Kluge sie prüfen werde, da der Chef bei der großen Visite sei, und führte sie zum Sekretariat von Professor Kluge. Dort nahm die Sekretärin des Oberarztes, eine Frau Kleinlauter, die Examinanden in Empfang und notierte ihre Namen. “Jeder von ihnen wird einem Patienten zugeteilt, den sie zu untersuchen haben. Für die Untersuchung wird ihnen eine Stunde Zeit gegeben”, sagte Frau Kleinlauter und führte die Gruppe zunächst auf die neurologische Frauenstation, wo Ingrid Standfuß und Eberhard Kurz je einem Patienten zugeteilt wurden. Dann brachte die Sekretärin die beiden anderen Examinanden, Vera Lang und Björn Baródin, auf die neurologische Männerstation und teilte dort jedem von ihnen einen Patienten zu. Beim Gang zu den Stationen dachte Björn, dass dann sein gründliches Lesen von Goethes Prolog im “Faust”, wie es Professor Kretschmar dem Studenten Baródin nach seiner letzten Vorlesung über die Hirnsyphilis angeraten hatte, nicht nötig gewesen war, weil Professor Kluge in seiner propädeutischen Vorlesung im neurologischen Untersuchungskurs nie literarische Vorspanne oder Zitateinfügungen gebracht, geschweige denn einen Goethe-Text zitiert hatte.
Björn stand einem 38 Jahre alten Patienten gegenüber, der durch seine allgemeine Magerkeit mit den eingefallenen Wangen, den hervorstehenden Jochbögen, der faltigen Haut im Gesicht und am Hals wie ein alter Mann von über sechzig aussah. Seine Augen hatten den Lebensglanz verloren, und seine Lippen waren trocken und rissig. Rechts stand der Mundwinkel etwas tiefer als links. Der Patient sagte, dass er seit einem halben Jahr nicht mehr richtig essen könne und sich beim Trinken oft verschlucke. Auf dem Nachttisch stand ein gefülltes Wasserglas, aus dem er mit einem Trinkhalm den Tee mit Mühe in kleinen Schlucken trinke, wenn ihn das Durstgefühl plage. Bei der körperlichen Untersuchung trat die allgemeine Magerkeit deutlich hervor: die Rippen über dem Brustkorb standen heraus, die Bauchdecke war eingefallen und faltig, Arme und Beine waren muskelschwach und kachektisch. Die trockene Haut lag auch hier in Falten. Bei der neurologischen Untersuchung zeigte die Beugemuskulatur am rechts angewinkelten Arm die Zeichen der Spastik. Ellenbogen-, Hand- und Fingerreflexe waren rechts nicht auszulösen. Weniger stark war die Beugerspastik am linken Arm. Hier ließen sich die Reflexe in den unterschiedlichen Armhöhen auslösen. Sie waren jedoch deutlich abgeschwächt. Die Pupillen reagierten auf Licht, die rechte Pupille schwächer als die linke. Die Gesichtsreflexe waren schwach und rechts noch schwächer als links. So war auch das Reflexverhalten über der Bauchdecke. Die Bein- und Fußreflexe waren auf beiden Seiten, rechts stärker als links herabgesetzt. Das Babinski-Zeichen, das auf eine Beteiligung der Pyramidenbahnen hinweist, ließ sich nur am linken Großzeh und dort schwach auslösen. In der Sensibilität der einzelnen Körperabschnitte fand sich weder ein Seitenunterschied noch sonst eine Besonderheit von Krankheitswert. Das Psychogramm des Patienten zeigte in seiner Gesamtheit die Zeichen der anhaltenden Depression und bedauernswerten Hilflosigkeit. Die Psychomotorik war in Mimik, der Rede und den übrigen Bewegungsabläufen stark verlangsamt. Der Patient drückte es mehr im Gesicht mit dem apathischen Augenausdruck als mit seinen Worten aus, dass es für ihn weder eine Besserung noch eine Rettung gäbe.
Für Björn war die Diagnose: beidseitige amyotrophe Lateralsklerose mit rechtsseitiger Betonung. Er machte sich im Stehen einige Notizen in seine Kladde. Da betrat Professor Kretschmar mit einem jüngeren Oberarzt das Zimmer, um seine Visite zu machen. Den beiden schloss sich ein Pulk von jüngeren Assistenten an. “Da ist ja mein “Faust”-Student, sagte er mit einem Lächeln auf dem Gesicht, als er Björn vor dem Krankenbett stehen sah, der das Notieren seiner Befunde unterbrach, die Kladde schloss und den Professor begrüßte. “Herr Baródin”, der Professor hatte sich seinen Namen gemerkt, “haben Sie sich den Prolog noch einmal gründlich durchgelesen, dass Sie ihn vor dem Patienten aufsagen können?” Björn fackelte nicht lange mit der Antwort herum und sagte den Prolog in seiner ganzen Länge auf. Der Professor unterbrach ihn nicht, sondern hörte ihm sehr aufmerksam zu. Als er hinten angekommen war und die abschließenden Verse des Mephisto aufsagte:
“Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,
so menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.”
legte sich doch ein Schmunzeln auf die Lippen von Professor Kretschmar. Auch bei seinem Gefolge bewegten sich die Lippen in Richtung lösender Heiterkeit. “Das haben Sie gut gemacht. Ich gratuliere ihnen, Herr Baródin”, sagte der Professor und fügte hinzu: “Den Prolog müssen Sie in guter Erinnerung behalten. Er muss jederzeit abrufbereit sein. Denken Sie daran, ich hatte es bereits gesagt, dass der große Dichter den Großteil seines Lebens dem “Faust” gewidmet hat. Nehmen Sie ihn sich zu Herzen.” “Jawohl, Herr Professor.” Der Professor klopfte Björn seine Anerkennung auf die linke Schulter.
“Und das ist ihr Patient für die Prüfung. Was haben Sie gefunden?” Nun rückte der Assistentenpulk auf und umringte den Professor und den jungen Oberarzt im Halbkreis. Björn berichtete die Vorgeschichte des Patienten und die von ihm erhobenen Befunde in systematischer Reihenfolge und knappen Sätzen, was den Professor zu beeindrucken schien. “Was ist ihre Diagnose?” Björn: “Beidseitige, rechtsseitig betonte amyotrophe Lateralsklerose.” Professor: “Machen Sie weiter so. Aus ihnen könnte ein Neurologe werden.” Dann setzte der Professor seine Visite an den anderen Betten des Zimmers fort, während Björn seine Notizen vervollständigte und, nachdem der Professor und sein Gefolge das Zimmer verlassen hatte, zum Sekretariat von Professor Kluge zurückging. “Das ging aber schnell”, bemerkte Frau Kleinlauter und bot Björn einen der beiden Stühle zum Sitzen an. Nach ihm kam Vera Lang von der Männerstation zurück, und schließlich erschienen Ingrid Standfuß und Eberhard Kurz, die ihre Patienten auf der Frauenstation untersucht hatten. Frau Kleinlauter meldete Professor Kluge, der in der Klinikhierarchie der zweite Mann nach Professor Kretschmar war, dass die Gruppe nun vollständig sei. Da sie diese Mitteilung über die Sprechanlage gab, hörten es auch die Examinanden, als der zweite Mann des Hauses seiner Sekretärin sagte, dass die Gruppe eintreten soll. Frau Kleinlauter stellte die Sprechanlage ab und sagte zu den Examinanden: “Der Herr Professor bittet sie einzutreten.” Vera Lang klopfte an die Tür des Professors, der nach einer verzögerten Antwortsekunde das “Herein!” sagte. Die Gruppe ging hinein, und Björn schloss die Tür. Die Gruppe musste sich länger stehend in Türnähe gedulden, da der Professor mit wichtiger Miene Eintragungen auf irgendwelchen Blättern machte und einige Papiere auf seinem Schreibtisch zurechtschob. Dann bot er vom Schreibtischstuhl aus den Examinanden die Stühle an, die vor dem Schreibtisch nebeneinander standen. Die Examinanden nahmen die Plätze ein, während Professor Kluge auf vier Blättern je einen Namen schrieb, um für jeden Examinanden die Fragen und Antworten zu protokollieren. Zu jedem Namen ließ er sich das dazugehörige Gesicht zeigen. Dann begann die Prüfung. Das Gesicht des Prüfers blieb mehr ernst und sachlich, als dass auf ihm freundliche Züge zu erkennen waren, wie sie auf den Gesichtern der Großen unter den Lehrern gesehen wurden, was doch zur entspannten Atmosphäre und den besseren Leistungen in der Prüfung entscheidend beigetragen hatte.
Den Studenten war es bekannt, dass Professor Kluge nicht zu der kleinen Gruppe der großen Lehrer zählte, von denen geprüft zu werden als ein Erlebnis ihrer menschlichen Größe in der Erinnerung haften blieb. “Was haben Sie bei dem Patienten gefunden?”, fragte der Professor Vera Lang. Sie berichtete aus der Vorgeschichte und nannte die Beschwerden des Patienten und die von ihr erhobenen Befunde. “Was fiel bei dem Patienten neurologisch besonders auf?”, fragte der Prüfer. Vera Lang: “Die lichtstarren Pupillen bei erhaltener Konvergenzreaktion mit der extremen Engstellung.” Prof. Kluge: “Wofür spricht dieser Augenbefund?” Vera Lang: “Für das Vorliegen der Neurolues.” Prof. Kluge: “Diese Augenbefunde werden als Hinweis auf welches Zeichen zusammengefasst? Nennen Sie mir den Namen, der mit diesem Zeichen verbunden ist.” Vera Lang: “Argyll-Robertson.” Prof. Kluge: “Welche anderen Formen der Pupillenstarre gibt es, von denen dieses Zeichen zu unterscheiden ist?” Vera Lang: “Die amaurotische und hemianoptische Pupillenstarre.” Prof. Kluge: “Wo ist bei der Pupillenstarre der Schaden zu suchen?” Eva Lang: “Im Kerngebiet des Okulomotorius.”
Professor Kluge machte sich Notizen und ging zu Björn Baródin über, der links neben Vera Lang saß. “Was haben Sie beim Patienten gefunden?” Björn berichtete aus der Vorgeschichte, nannte die Beschwerden und führte die von ihm erhobenen Befunde in systematischer Folge auf. Auch hier hörte der Professor aufmerksam zu, ohne den Examinanden zu unterbrechen. “Und was ist ihre Diagnose?”, fragte Professor Kluge, der sich einige Notizen machte. Björn: “Meine Diagnose lautet: beidseitige amyotrophe Lateralsklerose mit rechtsseitiger Betonung.” Die Diagnose war noch nicht fertig ausgesprochen, als Professor Kretschmar den Raum des Oberarztes betrat, ohne vorher angeklopft zu haben. Sofort unterbrach Professor Kluge die Prüfung und erhob sich von seinem Drehstuhl hinter dem Schreibtisch. “Bleiben Sie sitzen. Ich will die Prüfung nicht stören. Sagen wollte ich nur, Herr Kollege Kluge, dass Sie unter diesen Examinanden einen haben, der mir und den jungen Kollegen heute Morgen bei der Visite den ganzen Prolog aus dem “Faust” vorgetragen hat, was er fehlerfrei, sprachlich gewandt und ausdrucksvoll fertigbrachte. Da können sich viele eine Scheibe abschneiden.” Professor Kluge starrte seinen Chef an und wusste darauf nichts zu sagen. Die große Dichtung ging ihm ganz offensichtlich nicht so nah wie seinem Chef, dass er die Freude daran mit ihm geteilt hätte. Professor Kretschmar verließ mit einem Lächeln auf dem Gesicht den Raum, und Professor Kluge setzte die Prüfung fort. “Wo waren wir stehengeblieben?” Das war sein ganzer Kommentar auf die kurze Unterbrechung von Professor Kretschmar, die für den Oberarzt wie für die Examinanden eine Überraschung war und von Professor Kluge eher als Störung, von den andern auf den vier Stühlen degegen als eine entspannende Einlage empfunden wurde. Diesen Kommentar in der Zurücklehnung hätte er sicherlich im Beisein seines Chefs nicht abgegeben. Da musste er, was er ja auch klugerweise getan hatte, solange warten, bis Professor Kretschmar den Raum verlassen und die Tür von außen geschlossen hatte.
Professor Kluge sah auf das Blatt mit den zuletzt gemachten Notizen, auf dem ganz oben der Name des Examinanden Björn Baródin stand. Professor Kluge schaute Björn an: “Falls Sie es sind, den der Chef mit dem Aufsagen des Prologs meinte, dann auch von meiner Seite die Gratulation. Björn war verblüfft und machte das entsprechende Gesicht dazu, dass diesem Professor zum Kurzbesuch seines Chefs nun doch noch etwas eingefallen war. “Was ich aber sagen wollte”, fuhr Professor Kluge mit Blick auf sein Blatt mit den Notizen fort, “und für die Prüfung im Fach Neurologie und Psychiatrie von größerer Bedeutung ist, ist die Tatsache, dass sie die Anamnese des Patienten und die bei ihm vorliegenden Befunde so gründlich und umfassend erhoben haben, dass bei der logischen Schlussfolgerung die Diagnose der bilateralen amyotrophischen Lateralsklerose mit der klinischen Rechtsbetonung abzuleiten war. Das haben Sie kritisch und gut gemacht.
“Eine Zusatzfrage bekommen Sie noch”, fuhr Professor Kluge fort und machte sich eine Notiz ins Protokollblatt: “Im Zusammenhang mit dem Argyll-Robertson-Zeichen, das auf die Neurolues hinweist, erwähnte Fräulein Lang die amaurotische Pupillenstarre. Sie frage ich: was ist die amaurotische Idiotie?” Björn, der über die verschiedenen Formen der Idiotie am Abend vor der Prüfung gelesen hatte: “Die amaurotische Idiotie ist eine familiär erbliche Fettspeicherkrankheit der Ganglienzellen, die zu den Gangliosidosen zu rechnen ist. Es kommt zur Speicherung von Gangliosiden, das sind Glykolipide, die Neuraminsäure enthalten. Es gibt fünf verschiedene Formen dieser Speicherkrankheit, die alle einhergehen mit progressiv-fortschreitenden neurologisch-psychischen Symptomen. Pathogenetisch bedeutsam ist, dass die Ganglienzellen durch die Glykolipidspeicherung anschwellen und dann in Begleitung einer reaktiven Gliawucherung zugrunde gehen.” Prof. Kluge: “Das reicht.”
Er machte sich eine weitere Notiz und wandte sich den beiden anderen Examinanden zu, von denen jeder erst den Report über die Untersuchung der ihnen zugeteilten Patientin und dann die von ihnen erstellte Diagnose gab. Ingrid Standfuß stellte ihren Fall einer fortgeschrittenen multiplen Sklerose bei einer 53-jährigen Patienten in Anmanese und den von ihr erhobenen Befunden mit klaren Sätzen vor, so dass auch sie in der logischen Zusammenfassung der Symptome die richtige Diagnose stellte. Bei der fallbezogenen Zusatzfrage nach der anderen Krankheitsbezeichnung fiel ihr die “Enzephalomyelitis disseminata” leider nicht rechtzeitig ein, so dass Professor Kluge ihr da einen negativen Vermerk in ihr Protokollblatt gab und sie sich die “Eins” in der Prüfung vermasselte. Die zweite Frage, was ein Reflexbogen ist, beantwortete Ingrid Standfuß zur Zufriedenheit des Prüfers, als sie von der Verschaltung des reflektorischen Erregungsablaufs sprach, der von den reizaufnehmenden Rezeptoren im Endorgan ausgeht, über den afferenten Schenkel das spinale Reflexzentrum im Hirn erreicht und unter Zwischenschaltung eines oder mehrerer zentraler Neurone über den efferenten Schenkel am Erfolgsorgan endet. Professor Kluge machte sich eine Notiz.
Dann berichtete Eberhard Kurz über die ihm zugeteilte Patientin, die mit 42 Jahren am Cushing-Syndrom Typ I (Stammfettsucht, Vollmondgesicht, vermehrte Körperbehaarung, Stimmbruch, Muskelschwäche und Bluthochdruck) litt. Er trug die Anamnese, die Beschwerden und erhobenen Befunde in geordneter Weise vor. Die Besonderheiten auf dem Röntgenbild des Schädels mit der Abflachung des Türkensattels (Sella turcica) und dem verbreiterten Hypophysenbett (Rathke-Tasche) zeichnete er anschaulich mit seinen Worten nach. Die Darstellung hatte die Zustimmung des Prüfers gefunden, der ihn nach der Diagnose gar nicht fragte, weil Eberhard Kurz bereits das Vorderlappenadenom der Hypophyse als Ursache dieser Symptomatik erwähnt hatte. Die fallbezogene Zusatzfrage, die ihm Professor Kluge gab, war die Differenzierung der Vorderlappenadenome, die der Examinand richtig mit der Nennung der basophilen, eosinophilen und chromophoben Adenome beantwortete und diese Einteilung mit den drei unterschiedlichen epithelialen Zelltypen im Vorderlappen der Hypophyse begründete.
Professor Kluge trug die gute Darstellung ins Protokollblatt ein. “Sie sagten, dass bei der Patientin das Cushing-Syndrom vom Typ I vorliege. Da gibt es also auch einen Typ II. Wann sprechen wir vom Cushing-Syndrom des zweiten Typs?” Damit stellte der Prüfer die letzte Frage. Eberhard Kurz nannte das Kleinhirnbrückenwinkelsyndrom, wo Tumore an der Brücke und am Kleinhirn zu Ataxien, Ausfällen und Lähmungen der Hirnnerven III, VI, VII und VIII führen, Facialiskrämpfe (Brissaud-Syndrom) auslösen, wenn die hintere Brückenhaube befallen ist. Mit dieser Antwort war der Prüfer zufrieden.
Die Prüfung war mit über zwei Stunden die längste im abgelegten Examen. Professor Kluge teilte am Ende das Prüfungsergebnis wie folgt mit: “Sehr gut” für Eberhard Kurz und Björn Baródin, “Gut” für Vera Lang und Ingrid Standfuß. Erleichtert nahmen sie das Prüfungsergebnis zur Kenntnis und verließen den Raum von Professor Kluge, der sie zur Tür des Sekretariats begleitete, sie freundlich verabschiedete und ihnen für die Zukunft alles Gute wünschte. Frau Kleinlauter war am Telefonieren; sie winkte mit erhobener Hand der Examensgruppe zum bestandenen Examen zu. Björn, der als Letzter das Sekretariat verließ, winkte der Sekretärin mit dem Lächeln der Erleichterung zurück. Dann schloss er die Tür. Die Prüfung und das Ergebnis hatten sie so gut aufgewärmt, dass sie die Mäntel über den Armen trugen, als sie zum Ausgang der Klinik gingen. Erst dort vor dem Ausgang mit den erstaunten Blicken in das Bild der verschneiten Großstadt zogen sie ihre Mäntel wieder an. Damit war für die vier Jungmediziner das medizinische Staatsexamen gelaufen und das Studium erfolgreich abgeschlossen. Nun musste jeder für sich entscheiden, wie es in der Medizin weitergehen soll. Noch am selben Abend feierten sie den Abschluss von Studium und Examen mit einem Abendessen in einem besseren Restaurant, das sich auf zwei Stunden erstreckte, also an die Prüfungsdauer im Fach Neurologie/Psychiatrie herankam, weil jeder und jede die Erinnerungen an die besonderen Erlebnisse und Anekdoten aus den unterschiedlichen Studiensemestern, die der Komik nicht entbehrten, zur allgemeinen Belustigung zum Besten gab. Dabei nahmen die anatomischen Präparierkurse mit den Zwischenprüfungen für die Testate und dann die Vorlesungen in der Orthopädie und jene von Professor Kretschmar den größten Raum ein.