Читать книгу Der Arzt Björn Baródin - Helmut Lauschke - Страница 6

Anekdoten aus dem Hörsaal

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Um den Abstand zur Musik, die, wenn Boris sie spielte, von Vera ungemein persönlich empfunden wurde, zu vergrößern und dabei die Rücksicht auf die Mutter einzuhalten, begann Björn, einige Anekdoten aus seinem letzten Studiensemester zu erzählen, um die Trauer aus ihren Augen zu nehmen, ihr Gesicht wieder mit Freude zu überziehen und sie zum Lachen zu bringen. “Ich erinnere mich an eine orthopädische Vorlesung, in der Professor Lehmann die Fußmissbildungen durchnahm und einige Patienten vorstellte, die zur Operation anstanden. Da gab es einen Patienten, der mit einem Spitzfuß auf dem Rollstuhl in den Hörsaal gefahren wurde. Als der Professor bei diesem Patienten von dem Pes equinus sprach, was verdeutscht Pferdefuß heißt, sagte doch ein Studentin, die sich bei Pferden auszukennen glaubte, dass sie noch nie einen solchen Fuß bei einem Pferd gesehen hatte. Ihre Bemerkung löste die allgemeine Heiterkeit aus. (Hier lachte Jasmin.) Der Professor, dem es im Beisein des Patienten nicht zum Lachen war, sagte darauf: “dann nennen sie diese Fußanomalie eben Teufelsfuß.” Darauf meinte der Kommilitone, der neben der Studentin saß, dass er auch den Teufel mit so einem Fuß noch nicht gesehen habe. Der Professor bekam ein roten Kopf und sagte: “Bei ihnen genügt doch, dass Sie den Teufel gesehen haben.” Nun gab es ein herzhaftes Lachen, und der Professor wies den Krankenpfleger an, den Patienten wieder aus dem Hörsaal zu fahren. Dann wurde ein Patient mit einem Klumpfuß (Pes equinovarus) gebracht. Der Professor schickte die Bemerkung voraus, dass er bei den Schwachkenntnissen der lateinischen Sprache bei den heutigen Studenten, denen die Unkenntnis in der Geschichte der Mythologie auf dem Fuße folgt, sich auf die äußere Beschreibung der Fußanomalie beschränken und nicht noch den Sprachunterricht dazugeben wolle. Er holte sich die vorlaute Studentin vor und gab ihr vor dem Patienten auf, den Fuß zu beschreiben. Bei dem Versuch dieser Beschreibung wurde die Studentin kleinlaut. Sie beschrieb die Missbildung umständlich und anatomisch nicht immer korrekt, wobei sie sich scheute, den Klumpfuß, den ihr der Patient entgegenhielt, mit ihren Händen anzufassen. Sie war abgeneigt, diese Missbildung mit den Händen zu berühren, oder in der Sorge, dass sie ihre Hände schmutzig mache. Der Professor sah es und meinte zu der “Abstands”-Untersuchung mit der umständlichen, fehlerhaften Beschreibung, dass sie den Fuß ruhig anfassen könne, der sie nicht beißen würde. Das löste wieder ein Gelächter aus. Ihre befremdende, völlig unmotivierte Betastung des Fußes des Patienten, als handele es sich um einen radioaktiven Strahler oder für sie sonst etwas Bedrohliches, was selbst die Studenten als unärztlich empfanden, genügte dann dem Professor, der ein ernstes Gesicht machte. Er fragte die Studentin, wie sie diese Missbildung bezeichnen würde. Sie dachte nach, und der Professor unterbrach sie im Nachdenken nicht. Als sie dann den Fuß, den ihr der Patient geduldig weiter entgegenhielt, “Klotzfuß” nannte, wurde es dem Professor doch zuviel. Es war Sarkasmus, als er sagte, dass sie den Klotz am Bein oder irgendwo anders haben möge, dass aber diese Fußmissbildung den deutschen Namen “Klumpfuß” trägt. Dann fuhr er mit abweisender Handbewegung fort und sagte mit Blick auf die Studentin, dass sie ganz offensichtlich nicht regelmäßig zu den Vorlesungen komme, weil es nicht das erste Mal sei, dass er diese Missbildungen aus orthopädischer Sicht vortrage und dazu die Patienten vorstelle.” Björn meinte am Ende dieser Anekdote, dass diese Pferdefuß-Studentin und der “Teufels”-Kommilitone neben ihr schlechte Karten hätten, wenn sie von Professor Lehmann im Examen geprüft würden. Mutter Vera schmunzelte. Sie sagte, dass es nie gut sei, wenn ein junger Mensch so vorlaut ist. Jasmin lachte auf: “Das war eine lustige Geschichte. Erzähl noch eine!”

Die nächste Anekdote kam aus der Psychiatrie. “Professor Kretschmar sprach über die verschiedenen Formen des Schwachsinns. Da stellte er in der Vorlesung eine Patientin vor, die zwischen dreißig und vierzig gewesen sein konnte, sich aber auf die Frage nach ihrem Alter für eine Vierundzwanzigjährige ausgab. Bei der Exploration schnitt die Patientin dem Professor unentwegt die komischsten Grimassen und zeigte ihm mit dem Zeigefinger mehrere Male den Vogel. Da der Professor keine Einwendung gegen den Vogel erhob, grinste die Patientin und schnitt ihre Grimassen in den Hörsaal, die einem Zirkusclown den Respekt abverlangt hätte, als wollte sie dem Auditorium sagen, dass es der Professor ist, der nicht alle Tassen im Schrank hat, wenn er sich das Vogelzeigen gefallen lässt. Als die Patientin sagte, dass sie einen Freund habe, der sie heiraten wolle, was sie aber nicht wolle, weil der Freund ihr zu dumm sei, ging das heitere Raunen durch die Reihen. Einige Studenten lachten laut, was dem Professor nicht gefiel, der auf den Ernst des Problems hinwies, dessen Exploration die Reife und den Takt im Auditorium voraussetze.

Auf diesen Hinweis zeigte die Patientin dem Professor erneut den Vogel, so dass einige Studenten doch Probleme hatten, den Lachanfall zu unterdrücken und die Ermahnung des Professors zu befolgen, das Taktgefühl und die ärztliche Reife zu wahren. Der Professor fragte sie, ob sie noch Geschwister hätte. Darauf sagte die Patientin: “Ich habe eine jüngere Schwester, die ist aber nicht ganz klar im Kopf. Die muss noch zur Schule gehn.”

Der Professor: “Warum ist die jüngere Schwester nicht ganz klar im Kopf?” Patientin: “Weil die ein Arzt werden will, wie Du es bist.” Nun schmunzelte auch der Professor. Er fragte die Patientin, was sie denn tue. Patientin (mit schneidenen Grimassen): “Ich bin Malerin und werde meine Bilder bald in einer Kunstgalerie ausstellen.” Der Professor fragte, wann denn diese Ausstellung sein wird. Patientin: “Die wird bald sein. Wenn dich meine Bilder interessieren, sag ich dir Bescheid.” Der Professor: “Was malen Sie denn?” Patientin: “Ich male Menschen, so wie sie sind.” Der Professor: “Keine Landschaften?” Patientin: “Landschaften sind doch langweilig, da tut sich nichts. In den Gesichtern, da bewegt sich das Leben.” Der Professor wurde neugierig, als hätte er von der Malkunst der Patientin nichts gewusst. Er fragte sie, ob sie ein Gesicht an die Tafel malen könne. Patientin: “Sicher!” Der Professor: “Dann tun Sie es bitte!” Die Patientin zeigte dem Professor den Vogel, erhob sich von ihrem Stuhl, nahm das abgebrochene Kreidestück aus der Hand des Professors und entwarf mit wenigen Strichen an der Tafel ein Gesicht auf einem langgezogenen Dünnhals mit versetzten Augen, der langgezogenen und verbogenen Nase, dem schräg versetzten Mund, dem großen, spitz ausgezogenen linken Ohr und dem kleinen rechten Rundohr eines Mungos. Das Gesicht stand in seiner Verrücktheit den Picasso’schen Gesichtern nicht nach, wenn es auch an die Ausdruckskraft des Spaniers nicht herankam. Sie zeichnete noch einige Haarsträhnen über der Stirn, trat dann einige Schritte zurück, betrachtete ihr ‘Kunstwerk’” mit den komischsten Grimassen, drückte dem betrachtenden Professor das Kreidestück in die Hand und setzte sich auf den Stuhl. Der Professor fand das ‘Bild’ so uninteressant nicht. Er fragte die ‘Malerin’, ob das Gesicht einem Mann oder einer Frau gehöre. Darauf sagte sie mit einem Sturmwechsel wüster Grimassen: “Das bist Du!” Nun lachte sogar der Professor, und auf den Rängen des Hörsaals hallte das Gelächter. Der Professor wollte es genauer wissen und fragte, ob bei ihm die Augen auch so versetzt, die Nase so schief und verbogen und der Mund neben und nicht unter der Nase sei. Die Patientin zeigte ihm den Vogel und sagte: “Dann sieh dir mal dein Gesicht im Spiegel an!” Nun dröhnte der Hörsaal im schallendem Gelächter. Der Professor verabschiedete die Patientin mit Handschlag, die beim Herausgehen, sie wurde von dem grauhaarigen Wärter begleitet, nun auch den Studenten und Studentinnen den Vogel zeigte. Als der Professor nach einer kurzen Nachbetrachtung zur Kunst und zum Künstler den Hörsaal verließ, bekam er aus dem Hörsaal einen großen Applaus. Die Vorlesung von Professor Kretschmar war eine einfallsreiche, psychologisch eindrucksvolle Demonstration, von deren Lebendigkeit so mancher Theaterdirektor träumen würde.”

Nun lachten die Mutter und Jasmin herzhaft. “Das war aber eine lustige Geschichte”, rief Jasmin. “Wenn das wirklich so war, dann will ich später auch Arzt studieren, denn solche Vorlesungen möchte ich auch erleben”, sagte sie. Da meinte Björn, dass nicht alle Vorlesungen so lebendig und illuster seien, er in einigen Vorlesungen gegen den Schlaf ankämpfen müsse. So sei er bei den Vorlesungen in Hygiene und Pathologie, die am späten Vormittag gelesen werden, einige Male eingenickt, weil in den Hörsälen noch der Mief der vorangegangenen Vorlesungen war. Mutter Vera meinte, dass das Studium der Medizin ein interessantes Studium sei, weil da soviel vom Aufbau, den Funktionen, vom Verhalten und dem breiten Spektrum der Störungen und Erkrankungen des Menschen zu erfahren sei, was für das Leben und Zusammenleben so bedeutsam ist. Björn stimmte dem zu. Er sagte, dass die interessanteste Vorlesung für ihn die von Professor Kretschmar sei, weil da das “Wechselspiel” zwischen Seele und Körper bei der Verschiedenheit der geistigen Kapazitäten und geistigen Impulse erörtert wird, wo die Persönlichkeit des Menschen erschlossen, beziehungsweise “aufgeschlossen” würde. Mutter Vera: “Das habe ich aus deinen Erzählungen auch so verstanden, dass du den Beruf ergreifen willst, der, mit schlichten Worten gesagt, der Beruf eines Seelenaufschließers ist.”

Björn schaute die Mutter staunend an: “Das hast Du aber gut gesagt. Mit dem ‘Aufschließer’ triffst du den Nagel auf den Kopf.” “Ich sehe da allerdings ein Problem bei dir”, fuhr die Mutter fort, “das ist die Geduld, die Geduld des Zuhörens, die dieser Beruf verlangt, denn du warst ein ungeduldiges Kind.” Björn: “Ich glaube, dass ich diese Geduld aufbringen werde. Es ist doch im Laufe der Jahre mit meiner Geduld besser geworden. Meinst Du nicht auch?” Mutter Vera: “Ja, da hast du Fortschritte gemacht. Aber manchmal gehen die Pferde immer noch durch bei dir.” Björn: “Ich bin eben das Kind meiner Eltern, da komme ich manchmal nicht gegen an. Aber ich werde geduldig an mir weiter arbeiten.” Der Mutter entging das kleine Wortspiel mit dem “geduldig weiter arbeiten” nicht, und sie schenkte dem Sohn ein verständnisvolles Lächeln: “Denk daran, dass für den Beruf des Seelenaufschließers die Geduld zum Grundinstrumentarium gehört, wie es für den Beruf des Chirurgen die Geschicklichkeit im Umgang mit Skalpell, Pinzette, Schere und Nadelhalter mit Nadel und Faden ist. Der Umgang mit den chirurgischen Instrumenten lässt sich erlernen. Die Geduld aber, die zu deinem Instrumentarium gehört, lässt sich ebensowenig erlernen wie die Musikalität eines Musikers oder die Begabung zum Schreiben oder Malen. So wie diese Begabungen als Berufsgrund mitgebracht werden müssen, wenn etwas Außerordentliches entstehen soll, muss der Seelenaufschließer die Geduld des feinen Zuhörens und die fühlende wie fühlbare Menschlichkeit mitbringen, wenn er beruflich für den Menschen etwas taugen soll. Das Andere mit dem Wissen, das lässt sich erlernen, und da bist du ja nicht auf den Kopf gefallen.” Jasmin lachte ihren Bruder an und schlug sich mit der kleinen Faust zweimal gegen die Stirn, dass nun auch Björn über das “nicht auf den Kopf gefallen” lachen musste. “Du räumst mal schön den Tisch ab”, sagte die Mutter zu Jasmin als Reaktion auf ihr Faustschlagen gegen den Kopf.

Mutter und Sohn setzten das Berufsgespräch fort, wobei Björn Mutters Argumente hörte, sie als hilfreich und nachdenkenswert empfand und in einigen Punkten als hellsichtig einstufte, wenn von den therapeutischen Möglichkeiten geistiger Erkrankungen die Rede war. Da fragte ihn die Mutter, ob er es mit seinem Leben vereinbaren kann, einen Beruf auszuüben, der therapeutisch im Gegensatz zum Beruf des Chirurgen sehr begrenzt ist und dann nur die Symptome, aber nicht die Ursache behandelt, weil sich die Ursache nicht greifen lässt. Denn mit einer noch so großartig “ausgetüftelten” Diagnose ist der Behandlungserfolg noch lange nicht da oder absehbar. “Das musst du dir gut überlegen, bevor du deine Entscheidung endgültig triffst”, sagte die Mutter in ruhigen, gut überlegten Worten. Sie fuhr fort: “Bei dieser Entscheidung kann dir keiner helfen. Sie ist aber eine Lebensentscheidung von grundsätzlicher Bedeutung. Da musst du dich selbst wie im Spiegel sehen und dabei nicht auf deine Kleidung achten, die ja nur die Leute machen. Du musst dir geradeaus ins Gesicht sehen, musst in deine Augen sehen. Da darfst du nicht scheu, aber auch nicht eitel sein. Sieh in deine Auge, sieh lange in deine Augen und beobachte, ob die Augen ruhig bleiben, oder die Lider zittern und die Blicke zu flackern beginnen. Das ist ein Vorgang, der viel Mut erfordert, weil es ja eine kritische, ich meine selbskritische Betrachtung sein soll. Wenn du da vor dir standhältst, mit dir bei dieser Augenbeobachtung zufrieden bist, weil du mit deinen Augen ins Reine kommst, dann beginnt der Such- oder Forschungsgang in die Tiefe. Da steigst du in dich hinein wie der Schachtsteiger in den Schacht hinab, um auf den Grund der Dinge deines Wesens zu kommen. Da leuchtest du mit der “Grubenlampe” die kleinsten Winkel deines Wesens aus. Denn, wenn du aus der Tiefe des “Schachtes” deiner Persönlichkeit wieder heraussteigst, musst du klüger sein als beim Einstieg, da musst du so klug sein, die existentiellen Fragen, die mit dem Beruf Hand in Hand gehen, so zu beantworten, dass du mit der Antwort nicht nur zufrieden, sondern glücklich bist, weil du aufgrund deiner “Schachtkenntnisse” und Erkenntnisse, die bei der Augenbetrachtung vor dem Spiegel einsetzten und beim “Schachtgang” vertieft wurden, erkannt hast, wo deine Stärken und wo deine Schwächen sind. Am Letzteren hat jeder Mensch an sich zu arbeiten, so auch du, dass du in diesem Beruf mit dem Herzen aufgehst und damit der Menschheit den besten Dienst leistest, den du ihr anbieten kannst. Es ist eine Art Tauglichkeitsprüfung, die du vor dir selbst ablegen musst. Diese Prüfung ist solange von Wert, solange sie mit der Geradheit und Offenheit vor der Wahrheit und der Bescheidenheit vor der Ganzheit des Universums durchgeführt wird, in dem der Menschheit eine große, nicht leichtzunehmende Verantwortung übertragen ist.”

Björn sah seine Mutter mit großen Augen an. Er war nachdenklich und konnte es nur schwer fassen, dass solche Sätze von so grundsätzlicher Bedeutung über den Menschen aus ihrem Munde kamen. Hatte sie doch weder Anthropologie noch Psychologie studiert. Sie sprach wie ein gelehrter Mensch, ein Professor hätte es nicht besser gekonnt. Sie sprach wie ein weiser Mensch, bei dem das Gelehrte aus dem Herzen kam. Damit übertraf sie das Gros der Professoren, bei denen das Gelehrte aus den Hirnen, nicht aber aus den Herzen kam. “Mutter, du sprichst so gelehrt und weise. Woher kannst du das? Ich weiß um Professoren, die dich um diese Sprachbegabung beneiden würden.” Mutter Vera: “Mein Junge, nun schweif nicht vom Thema ab. Es ist zu ernst, als über Menschen mit dem Professortitel zu reden.” Björn erinnerte sich ihres großartigen Spiels des dritten, von Boris Baródin unvollendet zurückgelassenen Satzes aus der “russischen” Sonate mit der von ihr fortgeführten Komposition im zweiten Teil mit den komplizierten Läufen einer fünfstimmigen Fuge. Und nun der Vortrag über den Menschen von solcher Grundsätzlichkeit. Björn bewunderte seine Mutter das zweite Mal, nun auf einem ganz anderen Gebiet.

“Letztendlich, wenn ich das zusammenfassen darf”, fuhr Mutter Vera fort, “läuft es auf das Fassungsvermögen, deine Kapazität hinaus, die ja noch nicht fertig, sondern noch im Werden ist und ständig neu aufgefasst und erweitert werden muss, ob du dich zu diesem Beruf geeignet fühlst. Wenn ja, dann nimm Gottes Segen und tue, was du für richtig hältst, wofür du dich entschieden hast. Doch prüfe dich selbst, noch hast du Zeit. Das Examen steht noch vor dir. So übereile die Entscheidung nicht. Das ist eigentlich alles, was ich dir zu deiner Berufswahl noch sagen wollte.

Björn saß sprachlos und nachdenklich im Sessel. Er schaute seine Mutter mit großen Augen an und nahm sich vor, ihre Worte zu Herzen zu nehmen und seine Entscheidung, ob er Arzt für das Fach der Neurologie und Psychiatrie werden soll, noch einmal grundsätzlich und gründlich zu überdenken. Die beiden Schillerverse aus der “Glocke”:

“Drum prüfe, wer sich ewig bindet,

ob sich das Herz zum Herzen findet!”

jagten ihm durch den Kopf. Beeindruckt von Mutters Sätzen stand er auf, ging auf sie zu und umarmte sie: “Vielen Dank für deine lieben Worte. Sie haben mich tief berührt.” Mutter Vera: “Dann ist es gut, mein Junge, mehr kann ich auch nicht tun.” Sie küsste den Sohn, stand auf und ging in die Küche, um das Abendbrot vorzubereiten.

Das Telefon klingelte. Nach dem dritten Klingelzeichen nahm Jasmin den Hörer ab und rief erregt: “Mutti, der Papa aus New York!” Berthold Breiting sagte offenbar etwas zu Jasmin, weil sie den Hörer noch ans Ohr hielt, als die Mutter aus der Küche kam und sich neben das Töchterchen stellte. “Hier ist Mutti”, sagte sie und gab den Hörer der Mutter in die Hand. Björn, der das Telefonat vom Wohnzimmer aus verfolgte und nur das hörte, was die Mutter in die Sprechmuschel sagte, war betroffen, weil das Gesicht der Mutter nicht die Freude erkennen ließ, die ein Anruf aus New York, der, wenn auch reichlich verspätet, die Freude auslösen sollte. Es war kein Telefonat von der besonderen Länge, die Mutter zu ihrem Ehrentag verdient hätte. Ob sie so ein besonderes Telefonat an ihrem besonderen Tag, der sich ja schon dem Ende zuneigte, erwartet hatte, ließ sich aus der Kürze des Gespräches eher bezweifeln. Jedenfalls hörte er, dass Mutter sich zweimal bedankte, einmal gleich zu Anfang, wo der Dank dem Anrufer offenbar dafür galt, dass er sich an ihren Geburtstag erinnert hatte, und das zweite Mal am Ende, als der Dank dem Anrufer deshalb gesagt wurde, dass er überhaupt angerufen hatte. Doch beim ganzen Telefonat kam es nicht zu einer freudigen Aufhellung ihres Gesichtes.

Die Mutter legte den Hörer auf und ging in die Küche zurück, ohne ein Wort aus dem Telefonat den Kindern mitzuteilen. Auch richtete sie keine Grüße an sie aus, die doch in New York in die Sprechmuschel gesprochen worden sein konnten und per Tiefseekabel durch den Nordatlantik oder ohne Kabel über Satellit in die Hörmuschel in die Suderoder Straße 3 in Berlin-Blankenburg geschickt werden konnten. Auch beim Abendessen erwähnte die Mutter das Telefonat aus New York mit keinem Wort, was für die Kinder ein Hinweis war, nicht weiter danach zu fragen, was da transkontinental gesagt wurde. Der ganze Vorgang des verspäteten transkontinentalen Gesprächs wurde somit unter den Tisch geschwiegen. Björn hatte das Bild vor Augen, wie das ganze Gespräch zwischen Mutter und Stiefvater ins Grab des Schweigens versank und mit der Erde des Schmerzes und der Trauer zugeschaufelt wurde. Auch wenn Mutter nicht viel in die untere Muschel gesprochen hatte, weil am anderen Ende mehr gesprochen als zugehört wurde, war es doch auch diesmal ihr Wunsch, der ihrem Wesen zutiefst entsprach, die Ruhe für den eigenen Seelenfrieden im Interesse des Friedens in der Familie zu bewahren. Dabei stellte Mutter ihre Interessen jedes Mal ganz hinten an. Ihr friedfertiges Wesen des Ausgleichs mit der selbstlosen Zurücksetzung zum Wohle der Familie war ihre größte Tugend, die einer Selbstaufopferung nahekam, warum Björn seine Mutter so sehr bewunderte. Hatte sie doch Grund genug, einmal ein starkes Wort der Richtigstellung zu sagen oder den sperrenden Riegelbalken zur Selbstverteidigung vorzuschieben. Sie tat es nicht, und das ihrer Kinder wegen, die ihr über alles gingen und damit auch über die schwere Last des Unglücklichseins mit dem zweiten Ehemann Berthold Breiting. Hätte Mutter die Frühzeichen seiner haarsträubenden Ichbezogenheit rechtzeitig erkannt, sie hätte ihn nicht geheiratet, wäre mit den wunderbaren Erinnerungen an Boris Baródin als Frühwitwe mit dem Sohn allein geblieben. Nur hatte sie eben diese Zeichen nicht erkannt, die mit den Jahren in eine pathologische Ichsucht übergegangen war, der sich der hässliche Charakter in seiner Unbeherrschtheit mit den cholerischen Anfällen noch draufgesattelt hatte. Darüber war sich Björn absolut sicher. Aber mit der Geburt von Jasmin hatte die Mutter das Los des Unglücklichseins mit diesem charakterlich entgleisten Mann endgültig auf sich geladen. Nun gab es kein Zurück.

Doch die zwölf Jahre jüngere Jasmin sprach es vom geistig-biologischen Stand der Dreizehjährigen bei Tisch aus, was sie über den ganzen Tag im Herzen bedrückt hatte, weil sie nicht weniger als ihr älterer Halbbruder die Mutter liebte. Sie sagte, dass sie nun erleichtert sei, dass Vater Mutters Geburtstag nicht vergessen hatte. Mutter Vera strich Jasmin mit den Worten: “Da hast du aber Recht”, liebevoll über die Wange. Viel wurde beim Abendessen nicht gesprochen, und Björn beobachtete aufmerksam, wie Mutter beim Essen etliche Male hoch zur Virtrine sah, wo die Kristallvase mit den fünf Rosen stand, die sie wieder neben das Foto von Boris Baródin gestellt hatte. So gewann Björn aufgrund der besonderen Schweigsamkeit beim Essen den Eindruck, dass das verspätete Telefonat aus New York die Mutter mehr belastete als durch eine Freude erleichtert hatte, die sie von diesem Anruf hätte erwarten können und an ihrem Ehrentage auch verdient hätte. Für Björn war es die Anwesenheit von Jasmin, ihr bloßes Dasein in der Welt, die der Grund war, dass Mutter wenig, beziehungsweise so gut wie nichts sagte, weil sie das Herz ihrer Tochter nicht mit dem eigenen Herzenskonflikt erschweren wollte. So erwähnte sie beim Abendessen den zweiten wie den ersten Ehemann mit keinem Wort, wenn auch ihre Gefühle an diesem Tage mit Boris eng verbunden waren, Mutter an ihn in den Gefilden des Himmels mehr zu denken schien als an Berthold Breiting in New York. Das entnahm Björn ihrem häufigen Aufblicken zum Foto mit dem jugendlichen Gesicht von Boris Baródin neben dem roten Rosenstrauß auf der Vitrine.

Als das Abendessen sich dem Ende näherte, wollte Björn es mit Hilfe der Sprache herausfinden. “Mutter, wie fühlst du dich an deinem Ehrentag?”, fragte er sie. Mutter Vera schaute ihn mit großen Augen an, als hätte sie die Direktheit der Frage verblüfft, die sie von Björn nach dem zurückliegenden Kurztelefonat mit Berthold Breiting nicht erwartet hatte. Sie setzte die Teetasse zurück, aus der sie bei der Frage des Sohnes das Trinken vergessen hatte. “Wie meinst du das mit dem Fühlen?”, fragte sie ihren Sohn, weil sie von ihm aufgrund seines Alters und seines Wissens um den Menschen annahm, dass er wusste, wie sich eine früh verwitwete und zum zweiten Mal verheiratete Frau und Mutter von zwei Kindern fühlt, die ihren 46. Geburtstag hat und gerne eine glückliche zweite Ehe gehabt hätte. Björn las ihre Gedanken: “War es nicht möglich, dass dir deine beiden Kinder etwas Freude ins Herz gebracht haben?” Die Mutter war herzmäßig zu gebildet und verwundet, als dass sie das Wort “Herz” in seiner Frage nicht verstanden oder falsch ausgelegt hätte. Sie hielt dem Sohn zugute, dass er die Herzprobleme, die es während der Ehe gibt, noch nicht kannte, besonders bei einer Frau, die Mutter von zwei Kindern zweier Väter war. Jasmin spürte den “Herzkampf” der Mutter. Sie sah den Bruder an und fragte, ob er glaubt, dass er seine Frage zur richtigen Zeit gestellt habe. Darauf meinte Björn, dass für so eine Frage die Zeit immer richtig wie auch immer falsch sei. Mutter Vera hakte ein: “Ist schon gut, nun kommt euch wegen der Frage nicht noch in die Haare. Das wäre das Letzte, was ich an diesem Tage gebrauchen könnte. Um auf deine Frage einzugehen, lieber Björn, ich bin sehr dankbar, dass ihr beiden um mich seid. Ihr seid meine ganze Freude und mein schönstes Geburtstagsgeschenk. Mit euch bin ich so reich beschenkt worden, dass ich für mein Leben kein anderes Geschenk brauche.”

Während Björn mit seiner “Schlüssel”-Psychologie über den letzten Nebensatz mit dem “kein anderes Geschenk brauche” nachdachte, wo er eine weitere Bestätigung ihres Unglücklichseins herauszuhören glaubte, nahm Jasmin die Antwort von Mutter mit der angeborenen Grundpsychologie eines Kinderherzens wörtlich, achtete nicht auf das Nebensätzliche als nur auf das Hauptsätzliche und gab der Mutter einen kräftigen Kuss auf die Wange, dass sie von ihrer Spontaneität völlig überrascht, aber auch sehr erfreut war, als sie lachend sagte: “Das war aber stürmisch”. Jasmin konterte mit der ihr von der Natur mitgegebenen Psychologie des ganz unverbildeten Herzens mit der Gegenfrage: “Ist es in der Liebe nicht immer stürmisch?” Mit dieser Gegenfrage hatte die Mutter nicht gerechnet. Sie war völlig verblüfft und schaute Jasmin mit den weit geöffneten, großen Augen und dem Lächeln der herzlichen Zustimmung an. “Ich meine”, sagte Jasmin weiter, als gehörte es bei ihr zur größten Selbverständlichkeit “wenn der Sturm nicht mehr geht und sich die Windrose nicht mehr dreht, dann liegt auch die Liebe am Boden.” Nun schaute die Mutter den Sohn an und fragte ihn, ob dieser “Erklärungs”-Satz aus ihrem Kopf komme, oder ob er da mitgeholfen habe. Björn verneinte die Mithilfe bei der Satzformulierung. Nun war die Mutter noch mehr erstaunt. Sie fragte Jasmin, wie sie auf den Satz gekommen sei, in dem es den Sturm und die Windrose gibt, die sie mit der Liebe verknüpft. Jasmin schaute nun zu Björn und sagte, dass Liebe doch etwas sehr Lebendiges sei, wo große Kräfte freigesetzt werden, die bildlich doch mit einem Sturm und einer Windrose verglichen werden können. Björn schaute zur Mutter, und die Mutter schaute zu Björn, denn beide waren sprachlos, weil sie es nicht fassten, dass Jasmin solche Sätze sprechen konnte.

Der Tag mit Mutters Geburtstag klang damit aus, dass Jasmin auf der Blockflöte einige Lieder spielte, die sie beim letzten Schulkonzert vor knapp einem Monat sauber und klangvoll vorgetragen hatte. Björn begleitete sie am Flügel. Das erste Lied war eine irische Weise zu dem irischen Märchen vom kleinen Prinzen, der nach jahrelangem Suchen seine versteckte Prinzessin fand. Das zweite Lied war ein polnisches Heidelied, das die Mutter so gern hörte. Beide trugen die Lieder in wunderbarem Zusammenspiel und sehr gefühlvoll vor. Auf dem Gesicht der Mutter lag das lang ersehnte Strahlen, als sie sich für den schönen Musikvortrag bedankte. Daraufhin spielte Björn, wie schon am Morgen, den “Liebestraum” von Liszt, und schließlich spielten beide einen Satz aus der Sonatine für Flöte und Klavier von Georg Philipp Telemann. Mit dem “Statement” der unerschütterlichen Liebe zur Mutter verabschiedeten sich die Kinder mit der Umarmung und dem Gutenachtkuss, den Vera dem Töchterchen erst auf linke, dann auf die rechte Wange drückte und Björn auf den Mund gab, so wie einst Boris ihr den Gutenachtkuss auf den Mund gegeben hatte. Erst bei diesem Kuss war Björn aufgefallen, dass sich Mutter die silberne Halskette umgehängt hatte, eine Tatsache, die Jasmin schon festgestellt hatte, als sie kurz nach fünf nach der Mittagsruhe zum Kaffeetisch herunter gekommen war. Jasmin lachte, als Björn nach dem Lösen aus der mütterlichen Umarmung diese verspätete Feststellung aussprach.

Die Kinder hatten sich in ihre Zimmer im Obergeschoss zur Nachtruhe zurückgezogen, als sich Vera an den Flügel setzte und nun auch den “Liebestraum” von Franz Liszt spielte, den Björn schon zweimal an diesem Tage gespielt hatte. Der Bedeutung des Spielens dieses Liedes war ein unterschiedlicher. Während Björn es für seine Mutter spielte, spielte Vera es für Boris. Björn lag im Bett und hörte von oben ihrem Spiel aufmerksam zu, so wie er überhaupt über den Ablauf des Tages, der Mutters 46. Geburtstag war, nachdachte und den Empfindungen und Gefühlen nachsann, die da gewechselt oder, und das vorwiegend von Mutters Seite, unterdrückt wurden. Noch im Bett dachte Björn, dass es besser gewesen wäre, wenn der Stiefvater aus New York gar nicht angerufen hätte, dieser ichbezogene Mensch das Telefon in New York gar nicht angefasst und Mutters Geburtstag einfach vergessen hätte. War doch ihre Stimmung nach dem transkontinentalen Kurzgespräch wesentlich gedrückter, als sie vor dem Gespräch gewesen war. Nach dem Telefonat konnte Mutter die Enttäuschung, so einen Mann geheiratet zu haben, kaum noch unterdrücken. Da ging ihr seelisch doch die “Luft aus dem Reifen des Wagenrades”, die zum Fahren auf der Straße des Lebens gebraucht wird. “Wer hat ihr nur das Liszt’sche Liebeslied beigebracht, das sie so großartig spielt?”, besser als er es am Morgen und am Abend gespielt hatte. Die Antwort lag auf der Hand, mit der sich Björn über die Stirn fuhr: niemand hat es ihr beigebracht; sie selbst war ihr Lehrer und ein sehr guter dazu. Doch nach der musikalisch so großartigen Vollendung des von Boris unvollendet hinterlassenen dritten Satzes der “russischen” Sonate und ihres nicht weniger großartigen Spiels der von ihr vollendeten Sonate und ihres so weitsichtigen Vortrages über das Leben und die Erkennung seiner Grundprinzipien am Morgen, die ein junger Mensch bei der Berufswahl zu begreifen und zu treffen hat, der einen tiefen Eindruck in ihm hinterlassen hatte, bewunderte Björn seine Mutter um so mehr über ihre außerordentlichen Fähigkeiten. Ihm war, als hätte er mit seiner Mutter nicht Schritt gehalten, wäre er hinter ihrem erstaunlichen Größergewordensein zurückgeblieben. Das verwunderte ihn, sollte er doch aufgrund der Jugend und des Studiums schneller wachsen als es die Mutter in ihrem Alter tat, die nie eine Universität besucht oder einen systematischen Klavierunterricht mit den Tonleiterübungen, dem gegenläufigen Tonleiterspiel beider Hände und schließlich den “fingerbrechenden” Etüden absolviert hatte. Mit diesen wunderlichen Dingen im Kopf hörte Björn dem großartigen Flügelspiel seiner Mutter zu. Er entschloss sich, sie unten zu besuchen, ihr Spiel vom Sessel aus zu verfolgen, zog sich den Bademantel an und ging nach unten. Er ging leise nur in Socken, dass ihn die Mutter nicht bemerken sollte. Sie spielte Bach, sie spielte Beethoven, sie spielte Boris Baródin, und Björn konnte es nicht fassen, wie wunderbar sie spielte. Das Foto von Boris hatte sich Mutter von der Vitrine geholt und auf den Flügel gestellt. Beim Spielen sah sie weniger auf die Tasten als mehr in das von ihr geliebte jugendliche Gesicht von Boris, dem sie beim Spiel zulächelte, als gelte nur ihm ihr Spiel.

“Mutter”, sagte er, als sie ihn im Sessel sitzend bemerkte, “du bist ja eine große Pianistin. Gib doch mal einen Musikabend in der Volkshochschule oder in einem der Gymnasien. Die Menschen werden von deinem Spiel begeistert sein.” “Sie werden so begeistert sein, dass sie mich auslachen werden”, erwiderte die Mutter, “und sie werden sich vor Lachen nicht mehr halten können, wenn sie erfahren, dass ich nie einen richtigen Unterricht hatte.” “Das glaube ich nicht”, widersprach Björn, “denn wer dein Spiel hört, wird ergriffen und begeistert sein. Da wird dich keiner auslachen, und keiner wird dich fragen, ob du einen Unterricht hattest oder nicht, weil sie über deinen Vortrag staunen werden, so wie ich über die Großartigkeit deines Spiels staune und fassungslos bin.” Mutter Vera: “Nun übertreibe mal nicht. Leider hast du nicht erlebt, wenn Boris spielte. Da hättest du das Gefühl bekommen, dass der Himmel die Erde berührt. Dieses Gefühl habe ich bei meinem Spiel nicht. Nein, mein lieber Junge, da fehlt mir das Rüstzeug und die große Begabung, wie sie Boris hatte, um mit meinem Spiel, das gegenüber seinem Spiel nicht mehr als ein Geklimper ist, einen Klavierabend öffentlich zu geben.” Björn: “Überleg es dir und leg endlich deinen Minderwertigkeitskomplex ab. Der steht dir nun wirklich nicht, und ich finde es nicht gut, dass Du dir das von deinem Sohn sagen lassen musst, der viele Gründe hat, um stolz auf dich zu sein. Nimm dir das bitte endlich zu Herzen, sonst wirst du noch depressiv und verlierst dich ganz! Denn depressiv darfst du schon deiner Kinder wegen nicht werden. Dem Berthold solltest du mal öfters deine Meinung sagen und, wenn nötig, bei seiner pathologischen Ichsucht und den widerlichen cholerischen Anfällen die Leviten lesen. Du weißt, dass wir Kinder fest zu dir stehen und dich unterstützen werden, wenn du unsere Hilfe brauchst.” Mutter Vera: “Nun mal nicht gleich so ein düsteres Bild. Ich nehme meine Kraft schon zusammen, damit ich nicht depressiv werde und das “Schiff” der Familie auf Kurs bleibt. Dass ich mich in meinem Bemühen auf euch verlassen kann, das weiß ich und ist mir ein ungeheurer Trost.”

Es war spät geworden. Die Mutter spielte noch das Präludium und die Fuge in Es-Dur aus dem “Wohltemperierten Klavier”, ohne dabei groß in die Noten zu sehen. Danach sagte sie, dass Boris das ganze “Wohltemperierte Klavier” im Kopf hatte. “Welch ein Genie er war”, fügte sie leise hinzu. Damit ging der Abend endgültig zu Ende. Björn erhob sich, wünschte der Mutter zum zweiten Mal eine gute Nacht und ging auf sein Zimmer zurück, während Vera dass Foto von Boris wieder auf die Vitrine neben den Strauß mit den fünf roten Roten stellte. Sie knipste das Licht aus, ließ die Wohnzimmertür offen, ging hoch in ihr Schlafzimmer und knipste das Licht im Flur und über dem Treppengang aus. Sie lehnte die Schlafzimmertür, wie sie es immer tat, nur an.

Auch am Sonntagmorgen nach Mutters Geburtstag hatte Jasmin den Frühstückstisch gedeckt, als gegen neun erst die Mutter und eine halbe Stunde später Björn von oben runter kamen. Nach dem Morgenkuss, den Jasmin von der Mutter auf die linke, dann auf die rechte Wange bekam, lobte Vera ihr Töchterchen für ihren Fleiß. “Du bist ja schon eine richtige Hausfrau”, sagte sie, und Jasmin lachte. Sie meinte, dass sie von einer richtigen Hausfrau noch weit entfernt sein. “Hast Du denn gut geschlafen”?, fragte sie Vera. “Ich habe dich spielen gehört. Du hast so schön gespielt, dass ich von dir geträumt habe, wie Du ein Konzert in einem großen, hell erleuchteten Saal gegeben hast. Dort hast Du wie ein Engel gespielt. Zuerst spieltest du Bach, dann spieltest du Beethoven und dann Boris Baródin. Die Menschen waren von deinem Spiel begeistert. Sie gaben dir einen langen stehenden Applaus. Als Zugabe spieltest Du den “Liebestraum” von Liszt. Da bekamen die Zuhörer Tränen in die Augen. Die Menschen warfen dir Blumen der Verehrung zu und klatschten. Der Applaus wollte nicht enden. Du und der Flügel standen in einem Blumenmeer, als Du dann etwas spieltest, was du dir selbst ausgedacht hattest. Da hatte ich das Bild vor mir, wie du mit dem Flügel in den Himmel stiegst, wo Boris auf dich wartete, um mit dir vierhändig weiterzuspielen. Bei dem gemeinsamen Spiel wurdet ihr immer größer, und die Welt wurde immer heller. Es wurde so hell, dass schließlich die ganze Welt in einem riesigen Lichtmeer versank. So verzaubert hat euer Spiel die Welt. Dann wurde es still, und ich bekam einen Schreck, ob du im Himmel oder in deinem Schlafzimmer warst. Ich stand auf und schaute nach dir. Ich war erleichtert, als ich dich in deinem Bett schlafen sah. Dann ging ich in mein Bett zurück und schlief fest ein.”

Mutter Vera umarmte Jasmin: “Das war aber ein schöner Traum. Besonders gut gefällt mir die Himmelfahrt mit dem Flügel und wie sich die Welt erhellt beim vierhändigen Spiel mit Boris. Dass du an meiner Tür warst, das habe ich gar nicht bemerkt.” Nun kam auch Björn von oben runter, und Mutter erzählte ihm vom Traum, den Jasmin gehabt hatte. Darauf meinte er, dass es ein glücklicher und zugleich ein Schlüsseltraum war, der der Mutter hoffentlich die Tür aufschließt und ihr die Richtung weist, welchen Weg sie mit ihrem wunderbaren Spiel auf dem Flügel zu gehen hat. Die Mutter lächelte, entließ Jasmin aus ihren Armen und ging in die Küche. Es war ein lustiges Frühstücken, bei dem Björn weitere Anekdoten zum Besten gab, die zum herzhaften Lachen Anlass gaben. Nach dem Frühstück unternahmen sie noch einen gemeinsamen Spaziergang durch den Park. Dann verabschiedete sich Björn, um sich auf sein Examen vorzubereiten. Die Mutter hatte ihm einige Kuchenstücke eingepackt und steckte ihm noch einen Umschlag mit größeren Banknoten in die Jackentasche, dass er genug zum Leben habe, wenn er sich auf die Prüfungen vorbereitet. “Lass dich mal wiedersehen”, ermahnte ihn die Mutter und küsste ihn mit einer herzlichen Umarmung auf den Mund. Björn verabschiedete sich von Jasmin, die Abschiedstränen in den Augen hatte. “Sei du auch fleißig in der Schule”, sagte er zu Jasmin und umarmte sie, “dass aus dir später etwas wird, worauf Mutter stolz sein kann.”

Der Arzt Björn Baródin

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