Читать книгу 11 tolle Science Fiction Romane November 2021 - Horst Pukallus - Страница 11

Clayborn und die Zauberwelt Space Agent 2

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SF-Roman von Harvey Patton

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 136 Taschenbuchseiten.

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Der Abend brachte erfrischende Kühle. Das kupferfarbene Licht des Mondes und der bleiche Schein des Großen Silberflecks wetteiferten darin, die Oberfläche von Cornveld zu erhellen. Die kleinen fliegenden Drachen hatten sich längst in ihre Nester zurückgezogen. Die Menschen, von der Hitze des Tages ermattet, hielten sich zumeist im Freien auf. Sie saßen herum, entspannten sich, tranken und plauderten. Zuweilen stahl sich auch ein junges Paar fort an einen dunklen Platz, und die Älteren sahen ihm schmunzelnd oder neidvoll nach.

Nach Mitternacht aber, als längst alle schliefen, änderte sich die Szene. Dichter Nebel kroch vom Heiligen Berg herab und breitete sich weit über die Umgebung aus. Niemand sah das Raumschiff, das sich heimlich und geräuschlos vom Himmel herabsenkte. In dem Berg tat sich eine große Öffnung auf, es verschwand darin, und hinter ihm schloss sich die Felswand wieder. Als der Morgen kam, ahnte niemand, dass der heimliche Griff fremder Hände nach dem Planeten wieder ein wenig fester geworden war ...

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Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. Der vorliegende Roman enthält unter anderem stereotype Begriffe und Vorstellungen, die aber zur Entstehungszeit des Romans in den 1950er Jahren gängige Sprachpraxis waren und nicht als diskriminierend empfunden wurden.

Da Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

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Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

„Ihr wolltet eine Stunde nach Sonnenaufgang geweckt werden, Herr“, klang eine devote Stimme aus dem Nichts.

Barlog erwachte bei ihrem Klang, streckte sich ausgiebig und setzte sich dann in seinem Bett auf. Er gähnte, rieb sich den Schlaf aus den Augen und nickte dann dem wartenden Leibdiener gnädig zu. Der machte eine tiefe Verbeugung und verließ erleichtert den Schlafraum seines Herrn.

Nicht immer ging es so gut ab, wenn man den Burgherrn weckte. Wenn er eine schlechte Nacht gehabt hatte, pflegte er mit dem erstbesten Gegenstand nach dem Diener zu werfen, der ihm eben in die Hände kam. Und Barlog hatte viele schlechte Nächte, seit es den Ärger wegen seiner beiden Frauen gab. Das hatte sein früherer Leibdiener einen Mond zuvor erfahren müssen. Auf eine sehr drastische Weise, denn damals hatte das Schwert seines Herrn neben dem Bett gelehnt ...

Barlog gähnte noch einige Male, dann stieg er langsam aus den Kissen. Er tat das ausgesprochen unlustig, denn vermutlich würde ihm der neue Tag doch nur wieder Ärger bringen. Dann warf er einen Blick aus dem Fenster, dessen Vorhänge der Leibdiener zuvor aufgezogen hatte. Er schauerte unwillkürlich zusammen, als er den dichten Nebel sah, der sich in zähen Schwaden um den Burgberg wälzte.

„Das hat mir gerade noch gefehlt!“, murmelte er verdrossen vor sich hin, während er hinüber in das Badezimmer stapfte.

Barlog war ein großer, massiger Mann mit einem groben, sommersprossigen Gesicht, kurz geschorenem, rötlichem Haar und einem Stiernacken. Als er das Nachtgewand abwarf, kamen dicke Muskelpakete zum Vorschein, aber kein Gramm überflüssiges Fett. Der Burgherr gehörte nicht zu jenen Adligen von Cornveld, die durch die neuen Unsitten verweichlicht und zu halben Weibern geworden waren, und darauf war er stolz.

Bei seinen Untergebenen sah er auf strenge Zucht, ohne aber ungerecht zu sein. Nur wenn er sich ärgerte, ging sein Temperament mit ihm durch und verleitete ihn zu unbesonnenen Handlungen. Außerdem nahm er jede Gelegenheit, sich im Gebrauch seines Schwertes zu üben, eifrig wahr.

Zu eifrig, das meinten nicht nur seine Gegner, sondern auch die meisten seiner Gefolgsleute. Doch diese Methode brachte ihm den Respekt beider ein, und so hielt er sie nach wie vor für angebracht.

Mit wohligem Prusten drehte er sich dann unter dem warmen Strahl der Dusche. Er schnaufte nur unterdrückt, als er sie dann umgestellt hatte und sich eine kalte Flut über ihn ergoss. Auch das gehörte zu den Methoden, mit denen er sich in Form zu hallen pflegte, es vertrieb den Rest von Müdigkeit aus seinen Gliedern.

Er hinterließ eine breite, nasse Spur, als er anschließend ins Schlafzimmer zurückkehrte. Dort wartete der Leibdiener bereits, um ihn trocken zu reiben, bis sein Körper knallrot war. Dann Schlüpfte Barlog in die bereitgelegten Kleider, wobei er lebhaft bedauerte, dass ihm für diese Dienste nun keine Magd mehr zu Verfügung stand. Das hatte wenigstens noch Spaß gegeben ...

Als er sich schließlich in dem großen Wandspiegel betrachtete, war er mit seiner Erscheinung durchaus zufrieden. Er trug weiche, schwarze Schaftstiefel, eine grüne Lederhose aus Saurierhaut und eine ärmellose rote Weste mit goldfarbigen Knöpfen. Dazu ein weißes, mit zahlreichen Rüschen verziertes Hemd. Auf seinem Kopf prangte ein Barett von dunkelblauer Farbe, das reich mit bunten Federn geschmückt war.

„Die Sonne dürfte bald hervorkommen, Herr“, plauderte der Diener beflissen. „Die Nebel beginnen sich schon zu lichten, in spätestens einer Stunde könnt Ihr ausreiten.“

Barlog boxte ihn leutselig in die Rippen. „Ist das Frühstück bereit?“, erkundigte er sich dröhnend, während er das Barett noch einmal zurechtrückte.

„Ja...jawohl, Herr“, keuchte der Diener mühsam. Der Schlag hatte ihm die Luft geraubt, obwohl er durchaus nicht böse gemeint gewesen war. Der Burgherr lachte schallend auf und marschierte mit knallenden Schritten aus dem Raum, über die Treppe hinunter in den Speisesaal.

Eine halbe Stunde später wischte er sich die Krümel der reichhaltigen Morgenmahlzeit aus dem Schnauzbart. Eben fielen die ersten Strahlen der Morgensonne in den Raum, und er nickte zufrieden. Der Tag schien also doch besser zu werden, als er anfangs angenommen hatte. Jetzt fehlte ihm nur noch ein würdiger Gegner, an dem er sein Schwert wieder einmal erproben konnte, wie es einem rechten Burgherrn zustand.

Auf den Gegner, den ihm dieser Morgen bringen sollte, war er in keiner Weise vorbereitet ...

2

Sobald Barlog im Freien erschien, flogen alle Drachen kreischend davon. Sie waren stets neugierig und steckten ihre plumpen Köpfe überall dazwischen, zweifellos ein Anzeichen für die Intelligenz ihrer Nachkommen in ferner Zukunft. Sobald sie aber den Burgherrn kommen sahen, entfernten sie sich eiligst, denn selbst ihre zähe Haut konnte der Schärfe seines Schwertes nicht widerstehen. Mangels anderer Objekte pflegte er es gern an ihnen zu erproben, das wussten sie längst.

Diesmal schenkte er ihnen jedoch keinen Blick.

Voll Besitzerstolz betrachtete er das Pferd, das der Stallknecht soeben auf den Burghof führte. Dieser Hengst war sein Lieblingspferd, ein Reittier so recht nach seinem Herzen. Wild und ungebärdig wie sein Herr, dabei aber ungewöhnlich ausdauernd. Barlog besaß ihn erst seit zwei Monden, als er ihn bei einem Duell erworben hatte. Sein voriger Besitzer hatte sich nur ungern von ihm getrennt, aber ihm war keine andere Wahl geblieben.

Pferd oder Leben! hatte es damals geheißen. Verständlich, dass der Hengst den Kürzeren gezogen hatte ...

Presto tänzelte herum und schnaubte, beruhigte sich jedoch schnell, als Barlog ihm zuredete und seinen Hals tätschelte. Anfangs hatte es so ausgesehen, als würden sich beide nie verstehen. Doch der Burgherr war ein meisterlicher Reiter, und das hatte der Hengst schließlich anerkannt. Irgendwie ähnelten sich beide in ihrem Wesen, und das hatte sich ausgewirkt.

Besorgt, sah der Knecht zu, wie Barlog den Sitz von Sattel und Zaumzeug prüfte. Als ihm der Herr dann gnädig zunickte, atmete er erleichtert auf. Nur ein Riemen, der nicht richtig saß, und er hätte den Tag im Burgverlies verbringen müssen, so streng waren hier die Bräuche.

Barlog machte gerade Anstalten, sich in den Sattel zu schwingen, als ihn ein lauter Ruf innehalten ließ. Der Wächter auf der Plattform des Eckturmes neben der Zugbrücke hatte ihn ausgestoßen.

„Herr — ein Besucher kommt den Berg herauf! Ich glaube, es ist einer der Zauberer vom Heiligen Berg.“

Die Sonne strahlte jetzt hell vom Himmel, keine Wolke war weit und breit zu sehen. Trotzdem war es dem Burgherrn, als wäre plötzlich ein großer, dunkler Schatten über seinen Besitz gefallen. Langsam nahm er die Hände von der Kruppe des Hengstes und löste den Fuß wieder aus dem Steigbügel. Mit allen Anzeichen des Widerwillens setzte er ihn auf den Boden zurück.

„Irrst du dich auch nicht?“, fragte er heiser, doch der Wächter schüttelte den Kopf.

„Nein, Herr, ich kann ihn jetzt ganz deutlich sehen. Es ist ein Zauberer.“

„Die Dämonen von Tagai mögen ihn strafen!“, murmelte Barlog vor sich hin. „Der hat mir gerade noch gefehlt ...“

„Was habt Ihr gesagt, Herr?“, fragte der Stallknecht verwirrt. Barlog warf ihm einen ärgerlichen Blick zu und drückte ihm die Zügel wieder in die Hand.

„Führe Presto herum, bis ich zurückkomme“, befahl er kurz. Dann stapfte er über den Hof und erklomm die Treppe zum Wachtturm, um sich selbst von den Angaben des Postens zu überzeugen. Im Stillen hoffte er noch immer, dass sich der Mann getäuscht haben möge. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Der Besucher kam zu Fuß den steilen Berg zur Burg herauf, aber er schritt so zügig aus, als befände er sich auf ebenem Boden. Sein roter, weiter Umhang leuchtete weithin, und er trug den eigentümlichen spitzen Hut. Das beseitigte alle Zweifel. Diese Kleidung war das unverwechselbare Standeszeichen der Zauberer von Cornveld.

Der Burgherr fluchte noch einmal, diesmal wesentlich lauter. Der Wächter war versucht zu grinsen, aber er unterdrückte dieses Verlangen rasch wieder. Wenn sich sein Herr in einer derartigen Stimmung befand, war er alles andere als duldsam, das wusste Tippo aus langer Erfahrung.

„Ob ich nicht vortäuschen soll, nicht mehr im Haus zu sein?“, murmelte Barlog überlegend. „Aber nein, das würde ja wohl doch nichts nützen. Diese Burschen kennen Mittel und Wege, einen zu finden, und wenn man sich im tiefsten Keller versteckt ...“

„Lass die Zugbrücke herunter, Tippo“, ordnete er schließlich an und polterte wieder die Treppe hinunter. Das Ächzen der Rollen und das Klirren der Ketten klang hinter ihm auf, und er winkte dem Stallknecht.

„Bringe Presto in den Stall zurück und schirre ihn wieder ab. Halte dich aber bereit, ich reite wahrscheinlich später noch aus.“

Er sprach ohne rechte Überzeugung, denn er ahnte bereits, dass es kaum noch dazu kommen würde. Die Zauberer vom Heiligen Berg besaßen viele unangenehme und unheimliche Eigenschaften. Vor allem aber die, besonders hartnäckig zu sein, wenn sie ein bestimmtes Ziel verfolgten, und das war eigentlich immer der Fall. Welches Ziel dieser Mann verfolgte, daran konnte es für Barlog kaum einen Zweifel geben.

Er wäre dem ungebetenen Gast am liebsten mit dem Schwert in der Hand entgegengetreten, um ihm den Zugang zur Burg zu verwehren. Doch das hatte er nur ganz im Anfang einmal versucht, und daran dachte er auch jetzt noch äußerst ungern zurück. Nein, es war wirklich sinnlos, sich offen gegen einen dieser Zauberer zu stellen! Er konnte einem das Schwert aus der Hand zaubern, ohne dass man wusste, wie einem geschah ...

Barlog beschloss, wenigstens das Gesicht zu wahren.

Ihm blieben noch einige Minuten, die er dazu nutzte, sich auf die Begegnung vorzubereiten. Es gelang ihm, seine Züge wieder in die Gewalt zu bekommen, und er setzte eine betont gleichgültige Miene auf. Er lehnte sich in lässiger Pose an das Treppengeländer des Wachtturms und wartete. Als dann der Zauberer die Zugbrücke überschritten hatte und den Innenhof betrat, konnte er sogar lächeln.

„Sei gegrüßt, Mann vom Heiligen Berg“, sagte er und lüftete andeutungsweise sein Barett. „Du hast Glück, mich noch hier anzutreffen. Wäre nicht der Nebel gewesen, wäre ich schon längst ausgeritten.“

Der Besucher hob mit einer nachlässigen Gebärde die rechte Hand zum Gruß.

„Gut, dass du das noch nicht getan hast. Du hättest viel versäumt, glaube mir. Mein Name ist Herb Froman, und der Große Meister schickt mich, um wichtige Dinge mit dir zu bereden.“

Barlog schluckte und das Lächeln verschwand von seinem Gesicht; er musste sich sehr beherrschen, um nicht heftig aufzubrausen. Dieser junge Fant hatte es doch wirklich gewagt, ihn mit „Du“ anzureden, als ob er ein Gleichgestellter wäre! Das war sonst das alleinige Vorrecht anderer Adliger, niemand außer ihnen durfte es ungestraft wagen. Diesen Zauberern war Zucht und Sitte scheinbar völlig bedeutungslos.

Herb Froman war noch jung, sein Gesicht trug noch nicht einmal den Anflug eines Bartes. Doch das war auch bei allen anderen so, Barlog hatte noch nie einen Zauberer mit Bart gesehen. Keine Zucht, keine Sitte, kein Mannesstolz! Und außerdem setzten sie auch noch ihre Zaubertricks ein, um die guten alten Bräuche immer mehr zum Verfall zu bringen.

Nichts steckt so rasch und so nachhaltig an als schlechtes Beispiel, und so ging es in Barlogs Augen immer weiter bergab mit der Welt.

Dabei waren erst zwei Jahre vergangen, seit die Zauberer erstmals aufgetaucht waren. Sie waren plötzlich auf der Bildfläche erschienen, ohne dass jemand wusste, woher sie eigentlich kamen. Seitdem wohnten sie oben auf dem Heiligen Berg und trieben ihr Unwesen überall im Lande.

Man war ihnen allgemein voll Misstrauen begegnet, aber sie hatten alle Widerstände schnell überwunden. Zum Teil mit glattzüngigen Reden, aber auch mit vielen nützlichen Dingen, die sie den Menschen scheinbar selbstlos überließen. Wenn das nicht zog, nahmen sie List und Tücke und ihre vielfältigen Zaubergaben zu Hilfe. Wer nicht auf sie hören wollte, dem passierten die unmöglichsten Missgeschicke, die ihn über kurz oder lang zum Einlenken zwangen.

So wuchs ihr Einfluss ständig, und in gleichem Ausmaß auch die Besitztümer, die sie erwarben. Nur wenige hatten ihnen standhaft Widerstand geleistet, so wie Barlog bisher.

Der Burgherr verzichtete auf eine Antwort, die doch nur grob und unfreundlich ausgefallen wäre. Er machte lediglich eine Handbewegung, die den Zauberer zum Betreten der Burg einlud. Herb Froman nickte gleichmütig und sah sich aufmerksam um. Seinen flinken Augen in dem schmalen Gesicht schien nicht die geringste Kleinigkeit zu entgehen. Sie zeigten jedoch nicht den kleinsten Ausdruck von Respekt gegenüber der alten Burg, die schon viele Generationen von Adligen beherbergt hatte.

Dafür begann er spöttisch zu lächeln, als sie am Standbild des Hauptgottes Zorga vorbeikamen, das im Mittelpunkt des Burghofes stand. Der Zauberer dachte auch nicht entfernt daran, sich vor diesem zu verneigen, wie es sonst jeder Bewohner von Cornveld tat.

Der Gott soll dich strafen, Ungläubiger!, dachte Barlog inbrünstig und voller Zorn im Herzen.

Herb Froman wandte sich genau in diesem Augenblick zu ihm um und warf ihm einen bösen Blick zu. Augenblicklich schienen sich Barlogs Beine selbständig zu machen — er stolperte, fiel lang hin und schrammte sich beim Sturz beide Hände auf! Sein schönes, neues Barett dagegen segelte in hohem Bogen davon, bis es auf dem Kopf der Götterfigur hängen blieb.

Welche Schande für einen ehrlichen Mann.

Barlog fluchte lautlos, rappelte sich wieder auf und rieb seine Hände mit einem großen, bunten Taschentuch ab. „Da muss einer der Pflastersteine locker sein“, behauptete er, obwohl er vom Gegenteil überzeugt war. Der Zauberer nickte, und wieder erschien das spöttische Lächeln auf seinen Zügen.

„Aber gewiss doch, Barlog“, sagte er sanft, und allein dafür hätte ihn der Burgherr in Stücke reißen mögen. Doch er biss die Zähne zusammen und ging weiter, ein beschämendes Gefühl der Ohnmacht im Herzen. Schon diese kleine Kostprobe der Macht des Mannes vom Heiligen Berg hatte ihm allen Mut geraubt.

Sie kamen in die Eingangshalle, und Barlog klatschte laut in die Hände. „Bringe Wein und Gebäck für meinen Gast und mich“, befahl er der herbeieilenden Magd.

3

„Du hast dich gut erholt, wie ich sehe, Barry“, meinte Elias Weyburn und wies auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. Groß und massig hockte er dahinter, und die Tränensäcke unter den melancholischen Augen schienen erneut gewachsen zu sein. Die Adlernase dagegen sprang wie eh und je scharf hervor.

Schon sein Tonfall allein machte Commander Barry Clayborn misstrauisch. Wenn der Direktor von Terra Control ihn zu sich rief und dann mit solchen Gemeinplätzen aufwartete, kam das dicke Ende unweigerlich bald nach. Irgendwo musste wieder ein nettes, kleines Feuerchen brennen — und darin schmorten dann die nötigen Kastanien, die es herauszuholen galt. Das bedeutete nicht nur Arbeit für den Agenten und seine Crew, sondern meist auch verbrannte Finger und noch einiges mehr!

„Ist das alles, was du mir zu sagen hast, Direktor?“, erkundigte er sich sarkastisch, während er sich in den Sessel fallen ließ. Weyburn hob langsam die Schultern.

„Was weißt du über Pyranit-Kristalle, Barry?“, fragte er unbewegt. Clayborn stieß einen leisen Pfiff aus.

„Nicht gerade viel, aber es reicht. Sie werden als Schwingkristalle zur Erzeugung fünfdimensionaler Felder in Überlichtantrieben gebraucht, sind ziemlich selten zu finden und entsprechend sündhaft teuer. Aus diesem Grunde unterstehen sämtliche Fundorte einer scharfen Überwachung. Terra Control hat praktisch das Monopol dafür. Das gilt natürlich nicht für die Fundorte außerhalb der terranischen Sphäre, aber bei den anderen Rassen wird es genauso streng gehandhabt.“

„Stimmt.“ Elias Weyburn nickte beiläufig. „Man findet sie bei uns nur auf drei Planeten, bei den Chamboden sollen es zwei sein. Einen weiteren gibt es im Bereich der sogenannten Künstler von Laran, einen siebenten auf der anderen Seite der Galaxis bei den Roganiern. Natürlich ist es so, dass jede Rasse die Pyranit-Kristalle ausschließlich für sich selbst verwendet. Sie reichen trotzdem bei Weitem nicht aus, die Nachfrage ist erheblich größer als das Angebot. Viele Konstrukteure müssen sich mit anderem, erheblich schlechterem Ersatz behelfen.“

Barry Clayborn beugte sich vor.

„Lass mich einmal raten, Elias: Es gibt also zu wenig Kristalle, und wer sie hat, hält sie eisern fest. So war es wenigstens bis jetzt — nun sind aber plötzlich doch welche in den Handel gekommen. Natürlich illegal, durch dunkle Kanäle auf den Schwarzen Markt, und entsprechend dürften auch die Preise dafür sein. Habe ich recht?“

„Du hast es erfasst, Barry“, gab der Direktor zu. „Im Grund wäre das nicht weiter schlimm, in der Galaxis geschehen noch ganz andere Dinge. Leider ist es aber so, dass nach unseren Informationen der Großteil der Kristalle von Elementen angekauft wird, die bisher aus gutem Grund von Terra keine bekommen haben. Auch Yarling von Marbuk ist darunter, und was das bedeutet, kannst du dir an drei Fingern abzählen.“

Der Commander verzog das Gesicht, als hätte er Zahnweh.

„Und ob ich das kann. Yarling bemüht sich seit Jahren darum, eine schlagkräftige Flotte aufzubauen, mit deren Hilfe er die schwachen Nachbarsysteme unter seine Kontrolle bringen will. Natürlich unter dem Deckmantel, ihnen Schutz gewähren zu wollen, wie das ja bei Diktatoren so üblich ist.“

„Du sagst es“, seufzte Weyburn. „Bisher hatte er praktisch keine Chance, weil seine Schiffe zu langsam waren. Mit den schwarz gekauften Kristallen werden sie schneller und ihr Aktionsradius größer. Es lässt sich also der Zeitpunkt absehen, zu dem er aktiv werden dürfte.“

„Sollen wir ihm auf die dicken Finger klopfen, Elias?“, erkundigte sich Barry Clayborn. „Ich wüsste nichts, was ich lieber täte.“

„Das glaube ich dir unbesehen, doch daraus wird nichts. Wir haben MALACA 2 bereits in Marsch gesetzt, und auf Marbuk hält sich das Team von Gard Murner auf. Nein, mit dir und der Mordain habe ich etwas anderes vor: Ihr sollt herausfinden, woher die 'schwarzen' Pyranit-Kristalle kommen. Es hat wenig Zweck, nur die Symptome zu bekämpfen, das Übel muss an der Wurzel gepackt werden.“

Der Agent begann zu grinsen.

„Mit anderen Worten: Terra Control will sich den Fundplaneten unter den Nagel reißen! Liegt er überhaupt in unserem Einflussbereich?“

Elias Weyburn hob die Schultern, auf denen die ganze Last der Verantwortung lag. „Das steht nicht hundertprozentig fest, ist aber stark anzunehmen. Die Kristalle sind bisher immer nur in einem bestimmten Sektor unter die Leute gebracht worden, in dessen ungefährem Mittelpunkt das Lermo-System liegt. Du kennst es, nehme ich an.“ Barry Clayborn kniff die Brauen zusammen.

„Besser, als mir lieb ist, Elias! Auf Lermo gibt sich so ungefähr alles ein Stelldichein, was sich durch dunkle Machenschaften eine goldene Nase verschaffen will. Warum habt ihr diese sogenannte Freihandelswelt nicht längst aufgeräumt?“

„Weil wir auch unseren Nutzen daraus ziehen, Barry“, sagte der Direktor geduldig. „Dort werden nicht nur schwarze Waren, sondern auch Informationen gehandelt, die wir anderswo kaum bekommen könnten. Nur deshalb wird Lermo toleriert.“

„Ein Glück, dass ich kaum etwas mit Politik zu tun habe“, meinte der Commander abfällig. „Wir sollen also auf dieser Welt ansetzen, wenn ich dich richtig interpretiere. Hast du irgendwelche Anhaltspunkte für mich?“

Weyburn nickte. „Unser Hauptinformant sitzt in Lermonia, seit Jahren schon. Fliegt dorthin, eine Lektion über richtiges Benehmen brauche ich euch wohl nicht zu geben. Sobald es passt, suchst du dann den Vergnügungspalast DEEP HELL auf und fragst dich zu Myrn Losker durch. Dort wirst du alles Nötige erfahren, euer weiteres Vorgehen kannst du selbst bestimmen. Viel Glück also.“

4

An Bord der Mordain hob Professor Jarl Luden indigniert die Brauen. „Ausgerechnet jetzt ein neuer Einsatz“, murrte er. „Da hatte ich gehofft, dem Rätsel der Zheltyana endlich mal ein Stück näherzukommen, und schon werde ich wieder gestört. Wie soll ich es dann jemals schaffen?“

Barry Clayborn gab auf diese rein rhetorische Frage keine Antwort. „Wo steckt Penza?“, erkundigte er sich stattdessen.

Luden schaltete den Bildprojektor ab und deutete mit dem Daumen in Richtung Maschinenraum. „Wo kann er schon stecken, unser technisches Genie? Wenn er es nicht vorzieht, sich mit Veem zu streiten, wirst du ihn immer an derselben Stelle finden ...“

Clayborn nickte kurz, setzte sich in Bewegung und stieß plötzlich auf ein bis dahin unsichtbares Hindernis. Ein Wehlaut klang auf, und dann wurde die Gestalt von Veem Chemile sichtbar, der sich wieder einmal so vollkommen seiner Umwelt angepasst hatte, dass er restlos mit dem Hintergrund verschmolzen war. Barry klopfte ihm sanft auf die Schulter.

„Mach dich fertig, es riecht nach Einsatz, Freund. Wenn es nach Elias ginge, müssten wir schon gestern gestartet sein.“

„Wie sieht es aus, Penza?“, erkundigte er sich wenig später im Maschinenraum. Saratows Kugelkopf tauchte aus dem Innern eines Aggregats auf, seine Stirn lag in dicken Falten.

„Diese irdischen Techniker sind die letzten Stümper!“, beklagte er sich finster. „Übergeben mir das Schiff, behaupten steif und fest, es sei alles in Ordnung — dass ich nicht lache ... Seit Stunden bin ich jetzt schon an der Arbeit, und noch immer geben. die Maschinen nicht mehr als 98 Prozent her.“

Barry Clayborn machte es kurz, denn er kannte seinen Mann. „Spiel dich nicht so auf, Dicker, ich weiß Bescheid. Wenn du 98 Prozent sagst, meinst du in Wirklichkeit 127, denn du rechnest die 30 Prozent Überlastungsspielraum gar nicht mit. Die Mordain ist also topfit — in einer Stunde starten wir.“

5

Auf den Ortungsschirmen begannen die Sterne zu wirbeln, als Veem Chemile schaltete und das Schiff aus dem Überlichtflug kam. Sekunden später hatte sich das Bild wieder stabilisiert, und das Lermo-System lag unterhalb der Mordain. Jarl Luden verzog das schmale Gesicht.

„Da hätten wir also das moderne Babel vor uns. Tu mir den Gefallen, Barry, lass mich hier an Bord bleiben. Für die Strapazen dieser Stadt sind mir meine Nerven zu schade.“

Barry Clayborn nickte gleichmütig. „Geht in Ordnung, Jarl, auch Veem werde ich vorerst nicht brauchen. Nur auf Penza kann ich nicht verzichten — seine Fäuste sind im Notfall schlagkräftiger als das beste Argument!“

Chemile schniefte missbilligend auf. Seine Perlaugen glitzerten und schienen noch kleiner geworden zu sein.

„Rohe Gewalt ist auch das Einzige, was er zu bieten hat. So ein großer Kopf, und so wenig darin — typisch Troglodyt.“

Der Riese grinste amüsiert.

„Aus dir spricht ja doch nur der Neid, du dürre Bohnenstange. Komm, Barry, machen wir uns auf den Weg. Anderenfalls gerate ich noch in Versuchung, einen Knoten in seinen Hals zu machen, damit er endlich den Mund hält.“

Eine Viertelstunde später verließen sie das Schiff.

Penza Saratow trug, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, lose fallende, weit geschnittene Kleidung. Dieser schreiend bunte Anzug tarnte nicht nur seine Muskeln und gab ihm das Aussehen eines verfetteten Genießers. In seinen großen Taschen ließen sich auch allerhand nützliche Dinge unterbringen, die nicht jeder zu sehen brauchte.

Barry Clayborn dagegen trug seine Waffen offen.

Er hatte sich wieder einmal für Schwarz entschieden, sodass er neben Penza düster und asketisch wirkte. Nur der breite, goldfarbene Gürtel stach auffallend davon ab. An ihm hing rechts eine Dione, die wie eine Spielzeugpistole wirkte, aber ein Hochleistungsmagazin enthielt, das dutzendfachen Tod in sich barg. An der linken Seite baumelte ein krummer Dolch, dessen Griff und Scheide reiche Ziselierungen aufwiesen. Er stammte vom Planeten Drogomir, war das Geschenk eines Stammeshäuptlings und vermochte Stahlblech zu durchschneiden, als ob es Butter wäre.

Wer die beiden sah, mochte an einen reichen Emporkömmling und seinen Leibwächter denken, und genau diesen Eindruck wollten sie erwecken. Clayborn ging stets einen Schritt hinter Penza, seine wachen Augen suchten ständig die Umgebung ab. Das war auf Lermo auch durchaus angebracht, vor allem zu dieser Stunde.

Sie waren am späten Abend gelandet, hatten sich am Hafen einen Mietwagen genommen und nach Lermonia bringen lassen. Nun schritten sie durch die engen Straßen des Vergnügungsviertels, in denen das Laster in vielfältiger Form zu vollem Leben erwacht war.

Auf dieser Freihandelswelt wurden oft riesige Geschäfte getätigt, und irgendwie wollte jeder Bewohner der Stadt am Umsatz teilhaben. Alle Läden waren Tag und Nacht geöffnet, und das Feilschen der Händler mit ihren Kunden war weithin zu hören. Schreiend bunte, flackernde Lichtreklamen lockten und versprachen alle Arten von Zerstreuung und Seligkeit. Bars, Spielhöllen und Lasterhöhlen priesen ihre Genüsse an, unverhüllt und hemmungslos. Auf Lermo gab es praktisch nichts, das verboten war.

Natürlich war alles nur eine Frage des Geldbeutels. War er prall gefüllt, fielen die gebotenen Seligkeiten entsprechend luxuriös aus. War er schlaff, musste man sich mit den weniger gehobenen Vergnügungen abfinden. In beiden Fällen war es aber immer geraten, ihn gut festzuhalten und dunkle Ecken zu meiden. Im hellen Licht arbeiteten die geschickten Finger der Taschendiebe, im Finstern die Muskelpakete weniger zartfühlender Räuber.

Irgendein Opfer fanden sie immer, denn Lermos Ruf lockte Gäste von allen Planeten an. Die meisten waren Menschen, aber man sah auch zahlreiche Angehörige fremder Rassen. Sie waren oft genug arglos und so eine leichte Beute für die Aasgeier aller Kategorien.

Barry Clayborn und Penza Saratow erweckten diesen Eindruck nicht. Zielstrebig bewegten sie sich durch die Gassen, und wer sie kommen sah, machte ihnen freiwillig Platz. Obwohl sich die Menschen stießen und drängten, bildete sich für sie stets eine Gasse. Kein Nepper und Schlepper wagte sich an sie heran. Nur ein Blick aus Barrys harten Augen, und schon zogen sie es vor, ihre Überredungskünste an anderen zu versuchen.

Auch die leichten Mädchen, die ihre Reize freizügig zur Schau stellten, schienen bei seinem Anblick plötzlich ungewohnte Hemmungen zu empfinden. Penza Saratow sah es mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn er war durchaus kein Kostverächter. Doch Freie Terranische Agenten mussten im Einsatz nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst hart sein ...

Unbehelligt schritten sie weiter und ließen endlich die Enge der Gassen hinter sich. Sie befanden sich noch immer im Vergnügungsviertel, nun aber in seinem anspruchsvolleren Teil. Die diversen Etablissements waren größer und prunkvoller, die Menschen weniger zahlreich, die Besucher erheblich besser gekleidet, vor den Türen der Lokale standen betresste Portiers. Selbst die Freudenmädchen wirkten hier, als wären sie alle verkappte Prinzessinnen, die nur darauf warteten, von einem Märchenprinzen entführt zu werden.

„Ist es noch weit?“, fragte Penza über die Schulter zurück, der sich in dieser Gegend nicht auskannte.

Barry Clayborn schüttelte den Kopf.

„Bis zur nächsten Ecke, dann rechts ab und noch etwa hundert Meter weiter. Seit ich zuletzt hier war, hat sich nicht viel geändert. Du wirst das DEEP HELL schon von Weitem sehen, tue aber so, als wolltest du gar nicht hineingehen. Man wird dich jedoch mit Sicherheit ansprechen, und dann musst du dich eben 'überreden' lassen.“

6

Kaskaden funkelnder Lichter fielen von der Fassade des Vergnügungspalastes auf die beiden Männer herab. Sie erweckten tatsächlich den Eindruck eines flackernden Höllenfeuers, das seinem Namen entsprach. Vor den Eingängen standen aber durchaus irdisch anmutende Portiers, die nur dezent angedeutete Teufelshörner und spitze Bärte zur Schau trugen. Saratow blieb stehen und sah sich wie ratsuchend zu dem Commander um.

„Was halten Sie davon, Clayborn?“, fragte er scheinbar unentschlossen. „Ob dieses Etablissement wohl halten mag, was sein höllischer Name verspricht?“

Barry Clayborn verzog keine Miene, wie es einem guten Leibwächter angemessen war.

„Ich habe noch nichts Nachteiliges darüber gehört, Sir“, meinte er mit unbewegter Stimme. „Es käme auf einen Versuch an, meine ich. Falls es Ihren Anforderungen nicht entspricht, können wir immer noch weitergehen.“

Sie hatten laut gesprochen, und sofort eilte der am nächsten stehende Teufel vom Dienst herbei. Er verneigte sich tief und ließ dezent eine Wolke von schwefligem Rauch aus dem Behälter in seinem Anzug entweichen.

„Tun Sie uns den Gefallen, Sir!“, bat er devot. „Sie werden keinesfalls enttäuscht sein, dessen kann ich Sie versichern. Das DEEP HELL bietet Ihnen Freuden, die sie niemals vergessen werden.“

„Wenn ich gut zahle, versteht sich“, grinste Penza leicht einfältig. „Gut, lassen wir es auf einen Versuch ankommen. Ob ich meine Tausender hier oder anderswo loswerde, ist im Grunde ja egal.“

Er trug mit Absicht ausgesprochen dick auf, aber das passte zu dem Typ, den er jetzt verkörperte. Der Portier lächelte erfreut und riss diensteifrig die Tür vor ihm auf.

Das Innere des Vergnügungspalastes unterschied sich im Grunde nicht sonderlich von dem anderer gleichgearteter Lokalitäten. Es gab die üblichen Abteilungen für Tanz, Spiel, Liebe, für mechanisch erzeugte Träume und solche, die durch Drogen aller Art hervorgerufen wurden. Lediglich die Aufmachung war anders, alles war irgendwie auf den Begriff 'diabolisch' zugeschnitten. Statt der sonst vorhandenen Logen und Nischen hatte man große Kübel aufgebaut, in denen die Besucher ihre Plätze hatten, von — allerdings kaltem — Feuer umzüngelt.

Saratow sah sich scheinbar staunend um. „Alles nur Humbug“, flüsterte er Barry Clayborn zu, ohne die Lippen zu bewegen. „Die wirklich interessanten Dinge dürften sich irgendwo hinter verschlossenen Türen befinden, die sich erst dann öffnen, wenn man auf Herz und Nieren geprüft worden ist.“

Man war auf sie aufmerksam geworden.

Eine gutgewachsene, spärlich bekleidete Teufelin glitt auf sie zu, den buschigen Schwanz kokett über den Arm gelegt. „Haben die Herrschaften besondere Wünsche?“, säuselte sie vertraulich. „Ich bin gern bereit, Sie zu betreuen.“

Penza schien unschlüssig. „Noch nicht“, entschied er dann. „Ich will mich erst einmal überall umsehen, ehe ich mich für etwas Bestimmtes entscheide.“

Sie durchstreiften das unterste Stockwerk, in dem es ausgesprochen harmlos zuging, wenn man die üblichen Maßstäbe von Lermonia anlegte. Penza schüttelte den Kopf, und sie fuhren mit dem Lift eine Etage höher. Dort kamen sie in einen riesigen Spielsaal. Würfel rollten, Karten wurden hin und hergeschoben, mechanische Glücksspielgeräte drehten sich surrend. Hunderte von Menschen und Angehörigen anderer Rassen belagerten die Tische, große Beträge wechselten innerhalb von Sekunden den Besitzer.

In der Mitte des Saales thronte der 'Höllenfürst' als Bankhalter, und Saratow nickte.

„Hier bleibe ich für eine Weile. Ich bin zwar davon überzeugt, dass hier kräftig betrogen wird, aber bei dieser Art von Teufelei kann ich jederzeit mithalten. Geh du inzwischen los und sieh dich nach Myrn Losker um.“

Barry Clayborn schob sich durch die Umstehenden und begab sich zu einer der zahlreichen Barnischen. In dieser Umgebung, in der es von exotischen Gestalten nur so wimmelte, erregte er kaum noch besondere Aufmerksamkeit. Der 'Luziferdrink' erwies sich als absolut harmlos, Barry nippte daran und beugte sich dann zu der Bedienung vor.

„Eine Frage, schöne Teufelin“, sagte er leise und schenkte ihr einen seiner bewährten strahlenden Blicke, während er ihr gleichzeitig unauffällig einen Geldschein zuschob. „Ich muss mit Myrn Losker reden, ich habe eine wichtige Nachricht zu überbringen. Wo kann ich diesen Satansbraten finden?“

Sie kicherte, denn dieser Vergleich schien sie zu amüsieren. „Um diese Zeit hält sich Madame meist schon in ihrer privaten Hölle auf, Freund. Sie müssen ganz nach unten fahren, bis in den Keller, und dort nochmals fragen. Sehe ich Sie später noch?“, setzte sie gurrend hinzu. „Ab Mitternacht habe ich frei.“

„Vielleicht“, murmelte der Commander und setzte sich nachdenklich in Bewegung.

Myrn Losker war also eine Frau! Davon hatte Elias Weyburn nichts gesagt, aber das war bei ihm nicht weiter verwunderlich. Er gab seinen Leuten immer nur die nötigsten Informationen, und das aus gutem Grund. Was ein Agent nicht wusste, konnte auch niemand aus ihm herausholen, wenn es wirklich hart auf hart ging.

Vielleicht war sie auch nicht selbst der Agent auf Lermo, sondern nur ein Verbindungsglied zu diesem. Nun, er würde es ja bald herausfinden.

Er sah sich noch einmal nach Penza Saratow um, aber dieser saß längst am Tisch und hielt die Karten, in der Hand. Barry fuhr nach unten, und als er dort den Lift verließ, stellte sich ihm ein Mann entgegen, der absolut nicht in das Schema dieses Hauses passte. Er war ähnlich gekleidet wie Clayborn selbst, und seine Hand ruhte auf dem Griff einer Neuropeitsche.

Sein kalter, abschätzender Blick musterte den Ankömmling. „Das hier sind Privatgemächer, Fremder! Wenn Sie hier nichts zu suchen haben, dann verschwinden Sie recht schnell, sonst muss ich ungemütlich werden.“

Barry Clayborn schüttelte den Kopf.

„Immer mit der Ruhe, Freund, ich bin bestimmt nicht auf Ärger aus. Ich bin heute erst hier angekommen und soll deiner Herrin eine persönliche Botschaft überbringen. Wenn du willst, kannst du mich begleiten und aufpassen, dass ich ihr nichts antue.“

Der Wächter wehrte nachdrücklich ab.

„Ich darf meinen Posten hier nicht verlassen, daraus kann also nichts werden. Sie werden wohl oder übel gehen müssen, es sei denn, Sie nennen mir ein bestimmtes Wort.“

Barry hatte es von Weyburn erfahren und nannte es nun. Sofort entspannte sich das Gesicht des anderen.

„In Ordnung, Sie können passieren. Sie finden Myrn Losker im Seitengang, hinter der dritten Tür. Ich hoffe in Ihrem Interesse, dass Sie echt sind — anderenfalls werden Sie diese Räume nicht wieder lebend verlassen!“

Der Commander glaubte ihm das unbesehen. Dieser Wächter war absolut loyal und unbestechlich, vermutlich durch Hypnose eigens für sein Amt präpariert. Er würde sich für seine Herrin in Stücke reißen lassen, wenn es darauf ankam. In Lermonia, der Stadt der tausend Laster, waren solche Männer für Leute von Bedeutung von unschätzbarem Wert.

Barry fand die Tür und drückte auf den Summer. Sein geübtes Auge suchte und fand den Fernsehspion mühelos, durch den er von innen beobachtet werden konnte. Fiel diese Musterung nicht zur Zufriedenheit von Myrn Losker aus, dann würde diese Tür für ihn verschlossen bleiben, dessen war er sicher.

Doch es vergingen nur Sekunden, dann glitt die Tür vor ihm mit leisem Summen auf.

Clayborn kam in einen geschmackvoll eingerichteten, dezent beleuchteten Vorraum. Statuen von fremden Welten standen auf kleinen Podesten, die allein schon unschätzbare Werte repräsentierten. Die Herrin dieses höllischen Etablissements schien demnach eine sehr vermögende Frau zu sein.

Sekunden später erschien sie selbst. Eine hochgewachsene, gut gebaute Gestalt in einem schillernden Umhang, der ihre Formen nur notdürftig verbarg, das rötliche Haar zu einem gewagten Turmbau hochgesteckt. Der Commander erstarrte bei ihrem Anblick, und seine Kinnlade fiel herunter.

„Du bist Myrn Losker ...?“, flüsterte er überwältigt.

7

„Dein Wein ist gut, Barlog“, lobte der Zauberer, erhob sein Glas und trank dem Burgherrn zu.

„Das will ich meinen“, brüstete sich dieser, tat es seinem Gegenüber nach und stürzte den Inhalt seines Glases in einem Zug hinunter. „Er stammt von meinen eigenen Weinbergen, einen besseren wirst du weit und breit nicht finden.“

Sein breites Gesicht war gerötet, seine Stimme klang schon merklich unsicher. Barlog war ein geübter Zecher und nahm es jederzeit mit jedem Adligen von Cornveld auf. Das hatte er schon unzählige Male bewiesen. Bei vielen Gelagen war er der Sieger geblieben, wenn der Wein in Strömen floss. Er hatte stets alle anderen unter den Tisch getrunken, während er selbst immer noch auf seinen eigenen Beinen in sein Schlafgemach gelangt war.

Doch diese Gelage hatten frühestens am Mittag begonnen, und jetzt war erst der halbe Vormittag vorbei – eine Zeit also, die eigentlich nicht zum Trinken gedacht war. Daran mochte es vielleicht liegen, dass der Burgherr anfälliger für die kleinen Teufel war, die in dem süßen Trunk ihren Wohnsitz hatten.

War das wirklich der einzige Grund ...?

Ein unbefangener Beobachter hätte ohne viel Mühe bemerkt, dass es nicht allein daran liegen konnte.

Barlog hatte eben den vierten Pokal geleert, und bei diesem Quantum bekam er sonst erst immer den richtigen Durst!

Er hätte jeden lauthals ausgelacht, der kühn genug gewesen wäre zu behaupten, diese lächerliche Menge könnte ihm auch nur das Geringste anhaben. Trotzdem war es eine unübersehbare Tatsache, dass er jetzt bereits stark angetrunken war. Sein Besucher dagegen zeigte nicht die geringste Wirkung, obwohl er bei jedem Glas mitgehalten hatte.

Barlog selbst war sich seines Zustandes gar nicht bewusst. Er fühlte sich vollkommen Herr seiner Sinne.

Wohlgefällig tätschelte er der nachschenkenden Magd das pralle Hinterteil und war in bester Laune. Nichts erinnerte ihn mehr daran, dass er seinen ungebetenen Gast nur mit Widerwillen empfangen hatte und sogar noch von ihm tief gedemütigt worden war. Es war, als habe etwas diese unliebsamen Vorgänge einfach aus seinem Gedächtnis gestrichen, so, als wären sie nie gewesen ...

Der Burgherr lachte und scherzte. Er erzählte mit seiner dröhnenden Stimme Begebenheiten aus seinem Leben und flocht dabei zuweilen Dinge ein, die die junge Magd zum Erröten brachten. Es fiel ihm überhaupt nicht auf, dass er allein die gesamte Unterhaltung bestritt. Der Mann vom Heiligen Berg dagegen hörte nur zu, lächelte still vor sich hin und trank mit, wenn Barlog seinen Pokal hob.

Der weite, rote Mantel lag nach wie vor um seine Schultern, obwohl es inzwischen warm geworden war; er hatte lediglich seinen spitzen Hut, der mit allegorischen Zeichen bedeckt war, abgenommen. Sein Haar war braun, lang und lockig — genau wie das jenes Pagen, der bis vor drei Monaten in Barlogs Dienst gestanden hatte, um dann spurlos zu verschwinden.

Und noch jemand war zugleich verschwunden: Barlogs junge, liebreizende Nebenfrau! Der Burgherr hatte sie zu sich genommen, nachdem ihr junger Ehemann bei einem Zweikampf mit ihm zu Tode gekommen war. Bei einem Kampf, bei dem er von vornherein keine Chance gehabt hatte und der von dem Burgherrn nur provoziert worden war, um in den Besitz der schönen Grisa zu gelangen, die ihm so gut gefiel.

Er hatte sie bekommen, aber damit hatte zugleich auch das Unheil begonnen, das ihn nun Tag und Nacht begleitete.

Barlog hatte sich vollkommen im Recht gefühlt, als er dieses junge Weib als Beute nahm, wie es von alters her Sitte war. Dass viele andere Adligen diesen Schritt missbilligten, hatte ihn nicht gestört. Das waren ja doch nur jene Weichlinge, die mit den Zauberern paktierten, die ihm so sehr zuwider waren.

Jeder Mann sollte nur eine Frau haben? Wie lächerlich!

Zugegeben, es gab auf Cornveld zu wenige Frauen — aber was konnte das einen Mann wie Barlog stören? Einen Burgherrn vom besten Adel, der über rund tausend Menschen gebot, die seine ausgedehnten Felder und Weinberge bestellten und alles zu tun hatten, was er ihnen befahl.

Seine besten Freunde waren gekommen und hatten ihm Vorhaltungen gemacht. Er hatte sie abgewiesen, denn er argwöhnte, dass auch hier wieder die Zauberer dahintersteckten, die ihn seit Langem bedrängten. Doch seine erste Frau Ova hatte auf sie gehört, ihr war die Anwesenheit dieser Nebenbuhlerin naturgemäß ein Dorn im Auge.

Sie war aufsässig geworden und nach alter Sitte von Barlog verprügelt worden. Nun schien alles wieder in Ordnung zu sein — doch dann war sie am selben Tage aus der Burg verschwunden wie Grisa mit dem Pagen ...

Hier war eindeutig ein Komplott gegen ihn geschmiedet worden, das war dem Burgherrn klar. Doch es lag nicht in seiner Macht, die beiden Weiber zurückzuholen. Grisa war scheinbar spurlos verschwunden, und Ova befand sich wieder in der Burg ihres Vaters, sechs Tagereisen entfernt.

Barlog hatte Boten mit Drohungen dorthin geschickt, aber das hatte nichts gefruchtet. Seine Männer waren mit höhnischen Entgegnungen zurückgeschickt worden, die eigentlich Grund genug für einen Kriegszug gewesen wären. Doch ein solcher überstieg seine Kräfte, und auf seine alten Freunde konnte er nun nicht mehr rechnen. Der alte Garbo dagegen besaß viele Kumpane und war obendrein ein Freund der Zauberer, und gegen diese Konstellation kam Barlog allein nicht an.

Er hatte sich zähneknirschend in sein Schicksal ergeben und alle Welt verflucht, aber das hatte wenig genützt. Im Gegenteil, alles war noch schlimmer geworden. Bald schon waren alle ledigen Mägde aus der Burg verschwunden, denen er nun nachzustellen begonnen hatte! Zurückgeblieben waren nur die Verheirateten, und die waren tabu für ihn, von einem gelegentlichen Klaps auf das Gesäß abgesehen.

Doch wie konnte ein Mann in den besten Jahren auf die Dauer damit zufrieden sein? Barlog war es nicht, und so wurden die einsamen Nächte allmählich zur Qual für ihn. Schließlich wäre es an der Zeit gewesen, einen Erben und zukünftigen Burgherrn zu zeugen.

Er schlief immer schlechter und wurde immer unleidlicher gegen seine Untergebenen. Seinen besonderen Zorn erregten die Zauberer, auf deren Erscheinen alles zurückzuführen war, doch das kümmerte sie wenig. Nun hatten sie schon wieder jemand geschickt, der ihn überreden sollte — wozu eigentlich?

Er konnte sich anstrengen, so viel er wollte, es fiel ihm einfach nicht mehr ein.

„Nachschenken!“, befahl er und hielt der Magd seinen Pokal entgegen. Die junge Frau beeilte sich, seinem Befehl nachzukommen. Doch Barlogs Hände zitterten bereits, und so lief etwas Wein daneben und ergoss sich über seine neue Hose.

„Elendes Weib!“, knirschte der Burgherr. Er erhob sich halb und wollte nach ihr greifen, um sie für den vermeintlichen Fehler zu züchtigen. Dabei achtete er nicht auf den Zauberer, der mit der Rechten unter seinen Umhang griff. Das schien vollkommen absichtslos zu geschehen, aber die Folgen bekam Barlog sogleich zu spüren.

Plötzlich war ihm, als hätte ihn die Faust eines Riesen erfasst, die ihn unerbittlich niederdrückte! Mit einem jähen Ruck fiel er in den Stuhl zurück, der Ärger in seinen Zügen wurde von Verblüffung abgelöst. Er wollte sich erneut erheben, doch es ging einfach nicht. Eine Tonnenlast schien auf einmal auf seinen Schultern zu liegen, die ihm nicht erlaubte, auch nur die kleinste Bewegung zu machen ...

„Nur nicht unnütz aufregen, Barlog!“, sagte Herb Froman sanft und sah ihm fest in die Augen. „Was sind schon ein paar lächerliche Flecken für einen Mann wie dich? Trink lieber weiter und vergiss diesen unbedeutenden Vorfall.“

Der Burgherr wollte unwillkürlich aufbegehren. Doch fast sofort glätteten sich seine Züge wieder, ein breites Lächeln flog über sein Gesicht! „Ja, wir wollen trinken“, sagte er und hob das Glas zum Mund. Er wunderte sich nicht einmal darüber, dass er sich nun wieder mühelos bewegen konnte. Von einem Augenblick zum anderen hatte er tatsächlich vergessen, was ihn eben noch erregt hatte.

Er trank wie ein Verdurstender. Der Zauberer dagegen nippte nur an seinem Glas und beobachtete ihn verstohlen. Weder die Magd noch Barlog hatten seine blitzschnelle Bewegung gesehen. Mit ihr hatte er eine kleine, farblose Kapsel in den Pokal praktiziert, als sie abgelenkt waren.

Was er sah, schien ihn zu befriedigen. Er gab der Magd einen Wink, und sie verließ aufatmend den Raum. Der Burgherr schien auch das nicht zu bemerken, aber plötzlich ging mit ihm eine merkwürdige Veränderung vor sich. Das Lachen verschwand von seinen Zügen und wurde von. einem Zucken abgelöst. Und dann begann der große, starke Mann zu schluchzen wie ein krankes Kind.

„Ich halte das nicht mehr aus!“, stöhnte er und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. „Dieses Hundeleben ertrage ich nicht mehr länger. Hilf mir doch, Mann vom Heiligen Berg.“

Herb Froman nickte ihm wohlwollend zu, doch in seinen Augen stand ein Ausdruck des Triumphs.

„Natürlich werde ich dir helfen, Barlog“, versprach er, und seine Stimme strotzte vor gespieltem Mitgefühl. „Ich weiß sehr wohl, was dich bedrückt. Wir Zauberer werden dafür sorgen, dass deine Frau sehr bald wieder zu dir zurückkehrt. Allerdings musst du geloben, sie das Fortgehen nicht büßen zu lassen. Willst du das?“

„Ich verspreche es!“, nickte Barlog und hob die Schwurhand. Seine Tränen versiegten, und der Zauberer nickte zufrieden.

„Gut, ich verlasse mich auf dein Wort. Allerdings müssen wir als kleine Gegenleistung für unsere Hilfe auch eine Bedingung stellen: Überschreibe uns das Land, das wir seit Langem beanspruchen, für alle Zeiten und als unantastbares Eigentum.“

Gerade dagegen hatte sich Barlog immer gesträubt, aber nun schien er auch das vergessen zu haben. Herb Froman holte unter seinem Umhang Schreibzeug hervor, dazu ein Blatt mit einem bereits vorbereiteten Text. „Setze deinen Namenszug hierher, und alles ist erledigt. Dann wirst du deine Frau schon morgen wieder hier begrüßen können.“

Der Burgherr lächelte strahlend und unterschrieb ohne Zögern. Herb Froman ließ das Blatt verschwinden und legte ihm dann leicht die Hand auf den Kopf. Sekunden später schlossen sich Barlogs Augen, sein Kopf sank auf die Tischplatte. Er begann bereits zu schnarchen, als der Zauberer die Burg verließ.

„Wieder ein Dummkopf übertölpelt!“, murmelte er vor sich hin, als er die Zugbrücke hinter sich gelassen hatte. „Ein Schwerkraftregulator, eine Droge und etwas Hypnose — es war geradezu lächerlich einfach. Vielleicht wird es ihm morgen wieder leidtun, aber ich habe seine Unterschrift und sein Gelöbnis. Die Kristalle auf seinem Grund gehören jetzt uns ...!“

8

Die Frau lachte perlend auf und schloss die Tür.

„Ja, ich bin es, Barry. Warum verblüfft dich das so?“

Der Commander holte tief Luft. „Es verblüfft mich wirklich“, gestand er. „Myrn ist ein neutraler Name, der gut auch einem Mann gehören könnte. Wie konnte ich ahnen, dass sich hinter Myrn Losker die Agentin Miriam Lasalle verbirgt?“

„Komm herein und setz dich“, forderte ihn die Besitzerin der DEEP HELL auf. „Der gute Elias Weyburn hat seine Geheimniskrämerei wieder einmal übertrieben, wie mir scheint. Er hat mich schon vor vier Jahren nach Lermonia geschickt, und das war klug von ihm. Männer haben es hier erheblich schwerer, wie du dir wohl denken kannst. Eine Frau dagegen, noch dazu in meiner Position, ist weitgehend unverdächtig.“

Sie mixte zwei Drinks und stellte sie auf das kleine, mit reicher Intarsienarbeit verzierte Tischchen. Barry nickte.

„Ich verstehe, Miriam. In diesem Haus gehen allerhand dunkle Figuren ein und aus, und hier fühlen sie sich sicher. Auf den Gedanken, dass ihre Gespräche oder ihr unkontrolliertes Geplapper unter Drogeneinfluss belauscht werden könnten, kommen sie erst gar nicht. Wirklich genial.“

Die Agentin lächelte und trank ihm zu.

„So ist es, Barry. Dieser Laden war ziemlich abgewirtschaftet und billig zu haben, das Geld kam natürlich von Terra Control. Weyburn hat dann eine Menge investiert, um die nötigen Abhöranlagen zu schaffen, aber das hat sich gelohnt. So mancher große Fisch ist uns dadurch schon an die Angel gegangen.“

Barry sah ihr tief in die Augen. „Jetzt ist es schon fünf Jahre her, seit ich dich zuletzt gesehen habe. Du bist noch viel schöner geworden, Miriam.“

Seine Blicke wurden abwesend, und er dachte weit zurück.

Auch die Freien Terranischen Agenten mussten ab und zu wieder 'zur Schule gehen', wie es im internen Jargon hieß. Die technische und sonstige Entwicklung schritt ständig weiter fort, und die dunklen Elemente aller Schattierungen machten sich das eifrig zunutze. Der Direktor von Terra Control wusste das, und es zwang ihn zu Gegenmaßnahmen. Deshalb wurden seine Leute zwischen ihren Einsätzen immer wieder zu Schulungen gerufen, um ihr Wissen auf den neuesten Stand zu bringen.

Bei einer solchen Gelegenheit hatten sich der Commander und Miriam Lasalle getroffen. Sie hatten sich sofort heftig ineinander verliebt und zauberhafte Tage zusammen verlebt. Doch die kurzen Wochen waren schnell vorbeigegangen, viel zu rasch für ihren Geschmack. Dann war Barry Clayborn auf die Mordain zurückgekehrt, Miriam in einen anderen Einsatz gegangen, und sie hatten sich nie mehr getroffen.

Bis heute ...

Barrys Gedanken kehrten aus der Vergangenheit zurück. Die Reminiszenzen verblassten, er besann sich wieder auf seine Aufgabe. Die Agentin bemerkte die Veränderung in seinen Zügen, nahm seine Hand und strich leicht darüber hin.

„Bist du mit der Mordain hier, Barry?“

Der Commander nickte.

„Sie steht drüben auf dem Hafen, Chemile und der Professor sind an Bord geblieben. Nur Penza Saratow ist mit mir gekommen, er sitzt im großen Spielsaal und pokert mit dem Höllenfürsten.“

Miriam Lasalle stand auf und ging zu einem Zierschränkchen. Sie klappte die Tür auf, und dahinter kam ein komplettes Schaltpult mit mehreren Bildschirmen zum Vorschein. Sie tippte auf einige Sensorschalter, der größte Schirm erhellte sich. Die Obenansicht des betreffenden Spieltisches kam ins Bild, farbig und in Trivid.

Penza Saratows massige Gestalt war nicht zu übersehen.

Der Riese von Droom war in seinem Element. Scharen anderer Besucher umlagerten seinen Platz, hohe Stapel von Goldmünzen ragten neben ihm auf. Die Agentin begann zu lachen.

„Der arme Derk Walton! Er schwitzt ganz schön, unser Höllenfürst. Natürlich ist er ein gewiefter Falschspieler, aber Penza scheint ihm doch um einiges über zu sein. Hoffentlich übertreibt er nicht, sonst könnte es Schwierigkeiten geben.“

Barry Clayborn schüttelte den Kopf.

„Täusche dich nicht in Penza, Miriam. Er wird mit dem dümmsten Gesicht Tausende gewinnen, und ebenso wenig eine Miene verziehen, wenn er sie anschließend wieder verliert. Natürlich absichtlich, er weiß genau, was er zu tun hat. Auf diese Weise verschafft er mir die Zeit, die ich hier brauche.“

Miriam schaltete die Apparatur wieder ab, und nun kam der Commander zur Sache.

„Wir sind natürlich wegen der Pyranit-Kristalle hier, aber Weyburn hat nicht mehr als dunkle Andeutungen gemacht. Was kannst du mir dazu sagen?“

Die schöne Frau hatte neue Drinks zubereitet und kam damit an den Tisch zurück. „Auf diese Sache bin ich nur durch einen dummen Zufall gestoßen. Natürlich interessierte es mich, was Yarlings rechte Hand hier auf Lermo zu suchen hatte, aber im Anfang sah es ganz nach einer Niete aus. Interessant wurde es erst, als er dann leichtsinnig genug war, sich unter eine der Traummaschinen zu legen.“

„Manipuliert?“, fragte Clayborn knapp. Die Agentin nickte.

„Natürlich. Ich habe hier eine Fernsteuerung, durch die ich die Träume willkürlich steuern kann. Damit habe ich ihn unmerklich beeinflusst, bis er dann im Traum zu reden begann; und was ich da zu hören bekam, war sehr überraschend. Natürlich habe ich sofort Terra Control informiert, und jetzt seid ihr hier.“

„Die Einzelheiten, Miriam!“

„Bart Culman war natürlich nicht nur zum Privatvergnügen hier, wenn er es auch mit dem Geschäft verbunden hat. Yarling hat ihn geschickt, um Kristalle zu kaufen, und er hat es auch geschafft. Hundert Stück Pyranit, und dafür hat er die Summe von einhundertfünfzig Millionen angelegt.“

Der Commander pfiff schrill durch die Zähne.

„Alle Fixsterne, das nenne ich ein Geschäft! Der Verkäufer hat daran etwa siebenhundert Prozent verdient, und das will auch auf Lermo etwas heißen. Wo steckt Culman jetzt?“

Miriam Lasalle hob die schönen Schultern.

„Der ist inzwischen längst wieder abgereist, er hat sich nur vier Tage lang hier aufgehalten. Diese Kristalle können wir abschreiben, Barry.“

Clayborn grinste bösartig.

„Yarling wird nicht viel Freude an ihnen haben, dafür wird MALACA 2 schon sorgen, wenn es ernst wird. Wir müssen uns auf den Verkäufer konzentrieren, das ist unsere Aufgabe. Wo kann ich ihn finden?“

Sie sagte es ihm. „Du wirst dich aber sehr vorsehen müssen, Barry!“, warnte sie gleich darauf. „Dieser Mann ist ein Polyp mit tausend Armen, von denen er etwa neunhundert in allerlei schmutzigen Geschäften stecken hat. Die restlichen hundert dienen seiner Absicherung nach allen Seiten, und Fairness ist nicht gerade seine Stärke.“

Barrys Gesicht wurde hart. „Meine auch nicht, Mädchen, wenn es um die Pax Terra geht! Hast du von der Chombit-Affäre gehört, von den Edelsteinen, die es auf dem Planetoiden Sergan gibt? Na, dann weißt du ja Bescheid — dieser kosmische Brocken gehört jetzt mir, ich bin Lord von Sergan, und viele Leute mussten wegen dieser Steine sterben. Diese Sache ist ähnlich explosiv, Pyranite sind sogar noch seltener und teurer. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich keine Rücksicht nehmen werde, wenn man mir ein Bein stellen will.“

Miriam Lasalle erhob sich. Sie kam um das Tischchen herum, lehnte sich gegen seinen Sessel und legte die Arme um seine Schultern. Ihr Gesicht begann zu zucken.

„Trotzdem habe ich Angst um dich, Barry. Einmal erwischt es jeden, und mag er noch so gut sein. Und gerade um dich täte es mir besonders leid — ich zehre heute noch von jenen zauberhaften Tagen mit dir.“

Barry Clayborns Gesicht wurde ungewohnt weich. Er zog die Frau auf seinen Schoß und küsste sie lange.

„Ich habe dich auch nie vergessen können“, sagte er dann mit rauer Stimme. „Verdammt, warum muss es nur so eine Unmenge von Schlechtigkeit in der Welt geben? Wenn wir keine Agenten wären, könnten wir auf alles pfeifen und leben und lieben, wie es uns gefällt! So aber ist es Elias Weyburn, der pfeift, und schon müssen wir springen ...“

Er gab sich einen Ruck und schob Miriam von sich. „Schalte noch einmal deinen Zauberkasten ein, ich will wissen, wie es um Penza steht. Wenn er sich gut hält, bleibt uns vielleicht noch eine Stunde, in der uns Weyburn und die ganze Terra Control gestohlen bleiben können.“

Saratow hatte inzwischen schwer verloren, und Barry begann zu grinsen. „Das ist gut, jetzt wird er so schnell nicht mehr locker lassen. Komm, Miriam, die Stunde gehört uns!“

9

„Mann, du hast dir vielleicht Zeit gelassen“, beschwerte sich Penza, als der Commander wieder zu ihm stieß. „Ich wusste schon nicht mehr, was ich tun sollte. Wenn man periodisch nur immer gewinnt oder verliert, fällt das schließlich auf, vor allem, wenn der Bankhalter fast ebenbürtig ist.“

Seine Taschen waren ausgebeult, und viele neidvolle Blicke folgten ihm, als er nun den Spielsaal verließ. Barry Clayborn war wieder in seine Rolle geschlüpft und spielte den perfekten Leibwächter. Sie ließen den Trubel des Vergnügungspalastes hinter sich und kamen wieder auf die Straße, in der nach wie vor das Leben von Lermonia quirlte und wimmelte. Mitternacht war längst vorbei, aber diese Stadt kam nie zur Ruhe.

Barry blieb schweigsam, und der Gefährte sah ihn argwöhnisch an. „Ist etwas schiefgelaufen?“, erkundigte er sich schließlich. „Dein Gesicht solltest du sehen — einfach zum Fürchten, sage ich dir.“

Clayborn lachte heiser auf. „Lass nur, das geht wieder vorüber, ich bin ja an Kummer gewöhnt. Erinnerst du dich noch an Miriam Lasalle — auf der Schulung vor fünf Jahren?“

Penza Saratows Augen wurden groß. „Und ob, mein Lieber — jetzt verstehe ich alles. Myrn Losker gleich Miriam Lasalle, hier in Lermonia! Man sollte unseren verehrten Direktor ertränken, denn er muss genau gewusst haben, was er dir damit antut. Wenn diese Sache vorbei ist, wird er von mir etwas zu hören bekommen, darauf kannst du dich fest verlassen.“

Der Commander winkte ab.

„Lass gut sein, Penza, wir haben jetzt wichtigere Dinge vor uns. Ich habe die Adresse des Mannes, über den wir weiterkommen dürften, aber zu dieser Zeit hat es wenig Sinn. Wir gehen jetzt zurück in die Mordain und machen morgen weiter.“

In den Nebenstraßen hatte sich nicht viel verändert, doch nun beherrschten die leichten Mädchen das Bild. Geschminkte und bemalte Gesichter in allen Farben, ausgefallene Perücken, Flitter und Stofffetzen, die enthüllten, statt zu verbergen. Eindeutige Gesten und verlockende Worte.

„Komm doch, Dicker, schick deinen Wächter zum Teufel! Ich werde über dich wachen, und du wirst staunen, wie gut ich es kann ...“

„Gute Geschäfte gemacht, Süßer? Dann wird dir etwas Entspannung gut tun, und darin bin ich wirklich gut. Nur eine Stunde, an die du ewig denken wirst ...“

Alle Lockungen galten Penza Saratow, den eine unsichtbare Aura von Wohlhabenheit umgab. Doch in den Hauseingängen sah man die schattenhaften Gestalten der 'Beschützer' jener Damen, die immer bereit waren, die Kunden um das Geld zu erleichtern, das hinterher noch übrig blieb. Eine Masche, die so alt war wie dieses ganze Gewerbe.

Der Riese von Droom wehrte alle Attacken mühelos ab. Wie ein Rammbock kämpfte er sich durch die Menschenmassen hindurch, und wer ihm nicht aus dem Wege ging, den schreckte das steinern anmutende Gesicht seines Beschützers und dessen Waffen. Allmählich kamen sie in ruhigere Gebiete, der Trubel und die bunten Lichter blieben hinter ihnen zurück. Plötzlich blieb Barry Clayborn stehen und klopfte Penza auf die Schulter.

„Verdammt, ich muss mich verlaufen haben!“, zischte er besorgt. Er hatte den Freund unmerklich dirigiert, aber jetzt kannte er sich selbst nicht mehr aus. „Es ist eben doch schon zu lange her, seit ich zuletzt in Lermonia war.“

Saratow zuckte mit den Schultern.

„Das kann schon mal passieren, ist aber nicht weiter schlimm. Wir müssen uns nach links halten, von dort kann ich deutlich das Verkehrsgeräusch hören. Nur um ein paar Ecken, dann sind wir beim nächsten Wagenstand.“

Die Stadt war für Fahrzeuge aller Art gesperrt, nur Gleiter zogen hoch in der Luft ihre Bahnen. Trotz der späten Stunde war es noch sehr warm, und Saratows Kugelkopf glänzte von Schweißtropfen. Er setzte sich wieder in Bewegung und bog um die nächste Ecke.

Sie kamen in eine vollkommen menschenleere Straße. Altersschwache Häuser standen im Zwielicht der wenigen Leuchtsonnen, ein fauliger Geruch lag in der Luft. Hier wohnten diejenigen, die nicht an den vielfältigen Geschäften teilhatten, Männer und Frauen, die wirklich arbeiten mussten, um existieren zu können. Sie vegetierten an der Schattenseite der Stadt dahin, ernährten sich von den Brocken, die ihnen andere großmütig zukommen ließen.

Barry Clayborn schüttelte sich unwillkürlich.

Die Menschheit hatte sich über die Galaxis ausgebreitet. Auf der einen Seite hatte sie gewaltige Fortschritte gemacht, doch auf der anderen war alles beim Alten geblieben. Es war immer noch so, wie es schon vor Jahrtausenden gewesen war: Die einen hatten die Macht und das Geld, und damit herrschten sie über die anderen. Über jene, die in die unterprivilegierten Klassen hineingeboren wurden und meist auch ihr Leben lang darin verblieben. Nur selten gelang es einem von ihnen, durch seine ehrliche Arbeit zu Wohlstand zu kommen. Die meisten schufteten ihr Leben lang, nur damit die Reichen noch reicher wurden.

Das war praktisch auf allen Welten so, und daran konnte auch Terra Control nichts ändern. Sie hatte nicht die Befugnis, in die inneren Belange der Planeten einzugreifen. Sie durfte nicht einmal die vielen kleinen Diktatoren stürzen, obwohl das durchaus in ihrer Macht gelegen hätte. Ihre Aufgabe war es, über die Pax Terra zu wachen, den äußeren Frieden in der Terranischen Sphäre — ein immerwährender Balanceakt, weil er oft genug auch durch fremde Rassen bedroht wurde.

Doch in diesen dunklen Gassen wohnten durchaus nicht nur ehrliche Leute. Sie dienten auch vielen dunklen Elementen als Schlupfwinkel. Nicht den großen Gaunern, denn die trugen feine Anzüge und bewegten sich ungehindert inmitten der „guten“ Gesellschaft! Nur ihren Handlangern, die die schmutzigen Arbeiten für sie verrichteten, den kleinen Halunken, Dieben und auch Mördern.

Der Commander wusste das, und so schaltete er automatisch auf höchste Wachsamkeit um.

Seine hochgewachsene Gestalt spannte sich an, seine Augen glitten wachsam umher. Er glich jetzt einem sprungbereiten Raubtier, seine Hände ruhten dicht über seinen Waffen. Auch Penza Saratow spürte die unausgesprochene Drohung, die dieser düsteren Umgebung entsprang. Er schritt schnell aus, und beide Männer hielten sich in der Mitte der schmalen Straße. Ohne sich vorher verabredet zu haben, hielt jeder eine andere Häuserfront im Auge, achteten sie sorgfältig auf verdächtige Schatten in den zahlreichen Nischen und Torbögen.

Trotzdem wurden sie vollkommen überrascht, als die Angreifer an einer besonders dunklen Stelle plötzlich aus einer schmalen Durchfahrt hervorbrachen.

Es waren vier Männer, die mit schnellen, lautlosen Sprüngen aus dem Dunkel geprescht kamen und sich über die ganze Breite der Gasse vor ihnen aufbauten. Waffen blitzten, und dann erscholl eine heisere Stimme:

„Bleibt stehen und nehmt die Hände hoch! Keine Gegenwehr, dann kommt ihr mit dem Leben davon. Gebt euer Geld heraus, dann könnt ihr wieder eures Weges gehen.“

Barry Clayborn hätte fast grimmig aufgelacht, denn er wusste, was von solchen Versprechungen zu halten war. Er befand sich nicht zum ersten Male in einer solchen Lage und kannte die Praktiken bei solchen Überfällen genau. Zuerst wurden die Opfer um ihre Besitztümer erleichtert — und dann, wenn sie glimpflich davonzukommen glaubten, stießen die Mörderhände unversehens zu!

Schon, als die Wegelagerer auftauchten, hatte er sich zur Seite geschoben, sodass er nun rechts von Penza Saratow stand. Eine einzige fließende Bewegung, und schon schrie der Sprecher der Banditen auf, denn Barrys Dolch hatte sich in seine linke Schulter gebohrt. Gleichzeitig sprang die Dione wie von selbst in seine rechte Hand, und dann zischte ihr sonnenheißer Strahl in das Pflaster dicht vor dem nächsten Mann.

Doch auch Saratow war nicht untätig geblieben.

Seine Hände, die bisher irgendwo in den Tiefen seines losen Anzuges verborgen gewesen waren, zuckten hervor. Ein kleiner Hetdyne-Projektor kam zum Vorschein und spie summend seinen unsichtbaren Strahl auf die beiden anderen Gegner.

Keine zehn Sekunden, und alles war vorüber.

Drei Männer lagen auf den Steinen. Zwei völlig regungslos, denn der Hetdyne hatte sie gelähmt, der dritte dagegen krümmte sich vor Schmerzen. Nur einer war noch auf den Beinen, aber er schlotterte vor Todesangst. Der Strahlschuss direkt vor die Füße hatte ihm gezeigt, wie nahe er seinem Ende gewesen war.

„Das war es also!“, sagte der Commander halblaut, doch seine Stimme klirrte wie Eis. „Pass auf den Verwundeten auf, Penza, auch solche Ratten können noch gefährlich sein. Und nun zu dir, Freundchen: Wer hat euch den Auftrag gegeben, uns hier aufzulauern? Heraus mit der Sprache, aber schnell!“

„Nie...niemand, Herr“, stammelte der Bandit. Fast gleichzeitig schrie er auf und machte einen Luftsprung, denn aus der Dione in Barry Clayborns Hand zuckte ein zweiter Feuerstrahl. Diesmal war er so gezielt, dass seine Schuhe angesengt wurden.

„Die Wahrheit, Freundchen!“, forderte Clayborn, und diesmal bekam er sie zu hören.

„Man hat uns einen Tipp gegeben, Herr. Der Dicke — Ihr Begleiter, meine ich — hätte viel Geld gewonnen, und das sollten wir ihm abnehmen. Wir wollten Ihnen nicht ans Leben, Herr, das schwöre ich Ihnen.“

Der Commander lachte hart auf.

„Ich habe heute meinen guten Tag, also will ich dir weiter nichts tun, obwohl du mit deiner letzten Bemerkung bestimmt gelogen hast. Penza, zieh meinen Dolch aus der Schulter des Anführers und sammle die Messer der Strolche auf.“

„Mehr nicht?“, fragte der Riese von Droom enttäuscht. „Ich hätte gern abgewartet, bis alle wieder bei Bewusstsein sind, und dann ihre Beine hübsch miteinander verknotet. Den Spaß dürftest du mir wirklich gönnen.“

„Jetzt ist keine Zeit für Späße“, knurrte Barry Clayborn. Er nahm seinen Dolch entgegen, säuberte ihn und steckte ihn in die Scheide zurück. „Diese Leute haben ihre Lektion bekommen, und das genügt. Komm, wir gehen weiter.“

10

„Das hätte aber leicht ins Auge gehen können“, meinte Jarl Luden besorgt. „Bist du sicher, Barry, dass dieser Überfall nicht doch irgendwie mit unserem Auftrag zusammenhing?“

Der Commander winkte ab. „Ganz sicher, Professor. Der Kerl hatte die Hosen so voll, dass er gar nicht mehr auf den Gedanken kam, zu lügen. Irgendjemand aus der DEEP HELL, dem das viele Geld von Penzas Gewinnen in die Augen stach, hat diese Banditen auf uns gehetzt. Vielleicht war es sogar der 'Höllenfürst' selbst, sein Image dürfte heute Nacht einen mächtigen Knacks bekommen haben.“

„Eigentlich schade“, sagte Veem Chemile. „Weit besser wäre es gewesen, wenn der Überfall von dem Mann ausgegangen wäre, der hier die Pyranit-Kristalle verschachert. Dann hätten wir jetzt eine heiße Spur zu ihm.“

„Die habe ich auch so“, erklärte Barry Clayborn lakonisch. „Miriam hat mir seinen Namen genannt, er gehört zu den ganz großen Haien hier in Lermonia. Morgen werde ich ihn zusammen mit Penza ganz offiziell aufsuchen,“

„Warum schon wieder der Dicke?“, beschwerte sich Chemile. „Bedenke doch, was es dir für Vorteile bringt, wenn du mich mitnimmst! Du nimmst dir den Mann vor, und während du mit ihm verhandelst, kann ich mich unauffällig in seinen Räumen umsehen. Damit erreiche ich vielleicht mehr als du.“ Der Commander schüttelte den Kopf. „Das wäre sicher vorteilhaft, aber es lässt sich leider nicht machen. Miriam Lasalle hat mir versprochen, ihre Verbindungen spielen zu lassen. Auf irgendwelchen Umwegen will sie es arrangieren, dass uns Carlo Benotti morgen Mittag empfängt; das ist der Mann, der den Handel mit den Kristallen betreibt. Da ihm aber Penza und ich als angebliche potentielle Kunden avisiert werden, müssen wir beide auch gehen.“

„Carlo Benotti?“, überlegte der Professor, die hohe Stirn in nachdenkliche Falten gelegt. „Der Name kommt mir vage bekannt vor, ich weiß nur nicht, in welchem Zusammenhang.“

Barry Clayborn nickte.

„Mir geht es ebenso, aber ich komme auch nicht darauf. Es scheint schon länger her zu sein, seit ich ihn gehört habe, und alles kann man ja auch nicht behalten. Doch wir haben ja noch unsere Archivaufzeichnungen, vielleicht ist er darin zu finden.“

„Ich werde sofort nachsehen“, erklärte Jarl Luden.

Er aktivierte einen Nebensektor des Bordcomputers, und dann flogen seine Finger über die Eingabeelemente. Der Rechner nahm mit leisem Summen seine Arbeit auf, lichtschnelle Impulse tasteten die Speicherkristalle ab. Schon nach wenigen Sekunden kam grünes Licht, und gleich darauf ringelte sich ein Infoband aus einem Schlitz. Der Professor nahm es auf, schaltete den Computer wieder ab und nickte zufrieden.

„Der Informationsdienst von FTM ist doch eine ziemlich zuverlässige Institution, wie man sieht. Gleich werden wir wissen, was es mit diesem Mann auf sich hat.“

Er fädelte das Band in eine Abspielkassette ein, von der es automatisch aufgespult wurde. Diese schob er in den Wiedergabesektor eines kleinen Holografen und tastete das Gerät ein. Augenblicklich erhellte sich der Projektionskubus, und dann erschien darin das dreidimensionale Bild eines Mannes.

Er war groß und schlank, mit einem markanten Gesicht unter schütteren blonden Haaren. Seine Hakennase sprang weit vor, seine graugrünen Augen zeigten einen kalten, berechnenden Blick. Es war der Blick eines gewissenlosen Mannes, der auch über Leichen gehen würde, wenn es seinen Zwecken dienlich war, das erkannten die vier Männer sofort.

„Nicht gerade eine Zierde der Menschheit, wie mir scheint“, brummte Penza Saratow. „Ah, da kommen auch schon die Angaben zur Person. Bin neugierig, was er alles auf dem Kerbholz hat, umsonst ist er bestimmt nicht in dieser Kartei.“

Sie lasen die Schrift, die nun durch den unteren Teil des Kubus zu laufen begann, und dann pfiff der Commander laut und falsch durch die Zähne.

„Der ist das also! Carlo Benotti alias Ben Murdock, alias Bram Farland und so weiter. Hat vor sieben Jahren eine große Rolle gespielt, als sich die Norkan-Föderation die Planeten von Zampan einverleiben wollte, verschwand dann aber recht schnell, als Terra Control eine MALACA-Einheit schickte, die die Invasion verhinderte. Daher kenne ich ihn auch.“

Das war jedoch beileibe nicht alles, was Benotti angelastet wurde. Inzwischen hatte er sich auf vier weiteren Welten als Dunkelmann betätigt und dabei ein großes Vermögen erworben. Mehrere Male waren ihm terranische Agenten dicht auf den Fersen gewesen, aber stets war es ihm gelungen, ihnen im letzten Augenblick zu entwischen.

Es erschien noch ein Nachsatz, der besagte, dass Benottis gegenwärtiger Aufenthaltsort unbekannt sei. Als abschließend noch darauf hingewiesen wurde, dass er meist auch mit Chamboden zusammengearbeitet habe, nickte der Commander grimmig.

„Es hätte mich doch sehr gewundert, wenn es anders wäre! Wenn es darum geht, der Menschheit irgendwie zu schaden, sind unsere speziellen Freunde eifrig bei der Sache.“

Die Chamboden waren jene Rasse, die den Menschen bisher in der Galaxis den meisten Ärger bereitet hatte. Obwohl offiziell der chambodische Komplex und die terranische Sphäre streng gegeneinander abgegrenzt waren, taten sie alles, um das Stillhalteabkommen zwischen den beiden Rassen zu unterlaufen.

Die Terraner erlaubten ihnen freien Aufenthalt in ihrem Bereich, und das nutzten sie weidlich aus. Wenn es irgendwo zu kriseln begann, konnte Terra Control sicher sein, dass ihre Agenten dahintersteckten. Dabei war ihr Hass gegen die Menschheit schwer zu begreifen. Vermutlich resultierte er daraus, dass sie als die ältere Rasse diese als Emporkömmlinge ansahen.

Die Chamboden wirkten zwar humanoid, aber gewisse Anzeichen wiesen doch auf ihre Andersartigkeit hin. Ihre Nasen waren lang und wirkten schnabelartig, ihre Münder nur schmale, dünne Schlitze, die Augen lagen auffallend schräg und wiesen quer liegende Pupillen auf. Das und die langen, krallenartigen Finger ließen auf ihre Abstammung von einer Vogelrasse schließen.

Jarl Luden hob die Schultern.

„Schon möglich, dass sie auch hier mit im Spiele sind. Auf Lermo, wo Männer wie Benotti infolge des besonderen Status dieser Welt vor Strafverfolgung sicher sind, dürfte ihr Weizen besonders gut blühen. Ihr werdet euch also ganz besonders vorsehen müssen.“

„Worauf du dich verlassen kannst“, versprach Barry Clayborn.

11

Am frühen Morgen kam ein Anruf von Miriam Lasalle.

Sie bediente sich dazu eines speziellen Funkgerätes, das ihr als Agentin zur Verfügung stand. Seine Frequenz war absolut abhörsicher, es war also gewährleistet, dass das Gespräch nicht von Unbefugten belauscht werden konnte.

„Es ist alles arrangiert, Barry“, teilte sie dem Commander mit. „Benotti wird euch zur Mittagsstunde in den Räumen seiner Firma empfangen. Er betreibt offiziell eine Handelsagentur. Sie liegt im Zentrum, jeder Gleiterpilot kennt ihre Lage. Mein Verbindungsmann hat euch als Abgesandte des Khans von Lormeit angekündigt, das passt am besten zu Penzas Figur.“

„Gut eingefädelt, Mädchen“, lobte sie der Commander.

Lormeit war eine Welt von doppelter Erdschwerkraft, und die dort lebenden Menschen besaßen annähernd das Format der Leute von Droom. Zugleich war aber auch allgemein bekannt, dass der Khan ein herrschsüchtiger und machtgieriger Despot war, den es schon lange nach den wohlhabenden, aber schwachen Nachbarplaneten der Krinon-Allianz gelüstete. Das war eine einleuchtende Motivation für ein angebliches Verlangen nach Pyranit-Kristallen. Lormeit besaß durchaus die Mittel zu ihrem Erwerb, war aber andererseits so weit von Lermo entfernt, dass kaum Gefahr bestand, dass das falsche Spiel der Agenten durchschaut werden konnte.

Miriam lächelte schwach, doch ihre Augen blieben ernst.

„Offiziell heißt Penza jetzt Perm Maroc, für dich habe ich den Namen Sam Hymans ausgewählt. Ihr könnt die Rollen beibehalten, die ihr bereits in der letzten Nacht gespielt habt. Euer Auftreten in meinem Palast hat sich bereits herumgesprochen, und es passt ausgezeichnet zu dem Image, das die Leute von Lormeit allgemein genießen.“

Barry Clayborn überlegte blitzschnell.

„Das geht in Ordnung, wir werden uns ganz darauf einstellen. Da sich hier auf dem Hafen von Lermonia kein Schiff eigens identifizieren muss, kann niemand wissen, woher wir kommen, und das Äußere der Mordain ist ja neutral. Gibt es sonst noch etwas von Belang?“

„Nur eines: Pass gut auf dich auf!“, seufzte Miriam Lasalle, und in ihren Augen schimmerte es verräterisch.

„Wird gemacht“, versprach Barry und unterbrach die Verbindung, ehe die ersten Tränen flossen. Er gehörte zu jenen Männern, bei denen Dienst und Privatleben streng getrennt wurden, und in der jetzigen Lage konnte er sich keine Sentimentalitäten leisten.

Er wusch sich den Schlaf aus den Augen und begab sich auf die Suche nach seinen Gefährten.

Penza Saratow hielt sich ausnahmsweise einmal nicht bei seinen geliebten Maschinen auf, denn dort gab es augenblicklich für ihn nichts zu tun. Stattdessen fand Clayborn ihn in der Bordküche, wo er sich eines der üblichen Rededuelle mit Veem Chemile lieferte. Natürlich drehte es sich wieder einmal um die Zubereitung des Morgenkaffees, und der Commander begann unwillkürlich zu lächeln.

Es war sozusagen schon ein feststehendes Ritual, dass Penza die diesbezüglichen Qualitäten Chemiles bezweifelte, worauf dieser entsprechend reagierte. Veem war zwar kein Mensch, sondern Angehöriger einer angeblich verschollenen Rasse, deren Katzenähnlichkeit sich nicht verleugnen ließ. Trotzdem konnte er ebenso gut Kaffee kochen wie jeder Terraner, und Saratows ewige Mäkeleien waren nichts weiter als das Abreagieren seines Temperaments.

Barry Clayborn unterbrach sie kurzerhand.

„Schluss jetzt mit dem Unsinn, klar? Penza, Miriam hat eben angerufen, es wird ernst für uns. Heute Mittag steigt unsere Audienz bei Benotti, und dafür müssen wir noch verschiedene Vorbereitungen treffen.“

Den Hauptteil dafür besorgte Professor Jarl Luden.

Sein Laboratorium an Bord der Mordain war erstklassig ausgestattet, und die Speicher des Bordcomputers lieferten ihm alle erforderlichen Angaben. Zwei Stunden später besaßen die beiden Agenten vollkommen echt erscheinende Ausweise des Khanats von Lormeit, auf denen auch nicht die geringste Kleinigkeit fehlte. Auch die Tatsache, dass Barry Clayborn infolge seiner Statur nicht von dieser Welt stammen konnte, wurde entsprechend berücksichtigt.

Penza Saratow avancierte in diesen Dokumenten zu einem zwar wenig bekannten, aber sehr engen Vertrauten des Herrschers von Lormeit mit besonderen Befugnissen. Zusätzliche Vollmachten, mit dem Siegel und der Unterschrift des Khans versehen, unterstrichen seine Glaubwürdigkeit noch. Barry Clayborn dagegen wurde weit abgewertet. Seinen Papieren nach war er nun ein wegen krimineller Vergehen ausgestoßener und verurteilter Offizier der MOLUH-Streitkräfte, der sich sein Brot als Söldner seines angeblichen Herrn verdiente.

„Gut gemacht, Professor“, lobte der Mann von Droom die Maßarbeit Jarl Ludens. „Hier werden wenigstens einmal die richtigen Maßstäbe gesetzt. Jetzt ist Barry einmal das Anhängsel, zu dem ich sonst immer degradiert werde, ha!“

Der Commander sah die Dinge weit sachlicher an.

„Es soll dir gegönnt sein, Penza. Lass dich aber trotzdem auf keinen Fall dazu verleiten, auch nur ein Wort zu viel zu sagen. Männer wie Benotti sind so misstrauisch, dass sie schon da Verdacht schöpfen, wo ein anderer sich überhaupt nichts denken würde. Wir werden uns direkt in der Höhle des Löwen befinden — es dürfte schwer sein, dort wieder lebend herauszukommen, wenn wir irgendwie auffallen!“

„Höhle des Schakals wäre richtiger“, meinte Saratow, aber er war doch nachdenklich geworden.

Eine weitere Stunde verging mit einem Hypnokurs, in dem ihnen durch Memobänder eingehende Kenntnisse über Lermeit und die dortigen Verhältnisse übermittelt wurden. Sie mussten aber trotzdem lückenhaft bleiben, denn der Khan sorgte dafür, dass nur das in die Außenwelt drang, was ihm genehm war. Weyburn hatte zwar auch dort einen Agenten sitzen, doch dieser kam nur selten dazu, ihm Berichte zu senden. Die Überwachung der Häfen und Funkwege war einfach zu streng.

Dann plünderte Jarl Luden sein Arsenal und stattete die beiden Männer mit allerlei Dingen aus, die ihnen im Notfall nützlich sein konnten. Eine Stunde vor Mittag flogen sie mit einem Mietgleiter los.

12

„Warten Sie hier auf uns“, bestimmte Penza Saratow großspurig und drückte dem Gleiterpiloten einen zusätzlichen Schein in die Hand.

Sie waren auf der Dachlandefläche des Hochhauses gelandet, in dem Carlo Benotti seine Agentur betrieb. Sie verließen das Fahrzeug und sahen sich aufmerksam um. Niemand schien sie zu beachten. Auf dem Landeplatz standen Dutzende anderer Gleiter, laufend trafen weitere ein, andere flogen wieder ab. Zwischen ihnen herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, denn in dem Riesenbau befanden sich noch zahlreiche andere Firmen.

Es gab drei automatische Lifts, die nach unten führten, und die beiden Agenten prägten sich ihre Lage sorgfältig ein. Das geschah durch schnelle, unauffällige Blicke, die bereits jetzt der Festlegung eines Fluchtweges dienten, falls irgendetwas schiefgehen sollte.

Penza Saratow gab sich betont gelangweilt und warf einigen vorbeieilenden Mädchen unverschämte Blicke zu, während Barry Clayborn sich an einer Hinweistafel über die Lage von Benottis Firma informierte. „Wir haben Glück, Herr“, meldete er dann, getreu seiner Rolle als Leibwächter. „Die Agentur liegt im obersten Stockwerk, also brauchen wir ...“

„Ich habe Sie nicht um ihre Meinung gefragt, Hymans“, schnitt ihm der angebliche Vertraute des Khans schroff das Wort ab. „Los, beeilen Sie sich, ich habe keine Lust, lange auf den nächsten Lift zu warten.“

Natürlich hatte er es gar nicht eilig, denn sie waren absichtlich eine halbe Stunde zu früh gekommen. Es war deshalb damit zu rechnen, dass sie noch warten mussten, und diese Zeit konnten sie nutzen, um die Gegebenheiten in Benottis Räumen zu erkunden. Das konnte ihnen später vielleicht helfen, ihr Leben zu retten, wenn nicht alles nach ihren Wünschen ablief.

Sie hatten richtig kalkuliert. Als Penza einem vorbeieilenden Angestellten seinen Tarnname nannte und verlangte, sofort zu Carlo Benotti geführt zu werden, schüttelte dieser bedauernd den Kopf.

„Bedaure, Herr, Mister Benotti befindet sich im Moment noch bei einer Besprechung. Nehmen Sie bitte solange im Besucherraum Platz, Sie werden gerufen, sobald er Zeit für Sie hat.“

„Eine Unverschämtheit“, polterte 'Perm Maroc' aufgebracht. „Dieser Krämer soll keine Zeit für einen Abgesandten des Khans von Lormeit haben?“ Trotzdem beruhigte er sich rasch wieder, dachte aber nicht daran, den Besucherraum aufzusuchen. Stattdessen stolzierte er ungeniert durch die Korridore, und der eingeschüchterte Angestellte wagte nicht, ihn daran zu hindern. Barry Clayborn folgte ihm, sein betont düsteres Gesicht wirkte wie eine personifizierte Drohung.

Es zeigte sich, dass Benottis Agentur durchaus nicht nur eine Scheinfirma war. Sie nahm das gesamte Stockwerk ein, und hinter den zahlreichen Türen wurde eifrig gearbeitet. Elektronische Schreibmaschinen klapperten ihre rasenden Wirbel, das Summen und Klicken von Computern war zu hören. Der Verbrecher schien das ergaunerte Geld eifrig zu vermehren.

Doch das interessierte die Agenten nur ganz am Rande. Sie wanderten umher, aber ihre wachsamen Augen entdeckten nichts Verdächtiges. Trotzdem stand für sie fest, dass ein Mann wie Benotti auch umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen haben musste. Lermonia war schließlich keine normale Stadt, sondern wimmelte von dunklen Elementen aller Art.

Schließlich zuckte Penza mit den Schultern, und sie kehrten dorthin zurück, wo sich der Eingang zum Privatbüro des Händlers befand. Sie ignorierten den offen stehenden Warteraum, und Saratow drückte ungeniert auf den Öffnungskontakt der Eingangstür, obwohl immer noch eine Viertelstunde am verabredeten Termin fehlte.

Sie sahen in einen modernen Büroraum, in dem sich augenblicklich niemand aufhielt. Er besaß keine Fenster, sondern wurde durch Leuchtplatten erhellt, die eine Abwandlung der Kells Lampen darstellten und keine Stromversorgung brauchten. Von ihm führte nur eine Tür weiter in den Trakt hinein, die mit einer schallisolierenden Polsterung versehen war.

Sie traten ein, und die Außentür glitt geräuschlos wieder hinter ihnen zu. Ihre Blicke wanderten prüfend umher, aber es war nichts Ungewöhnliches zu sehen.

Oder doch ...?

Aus den Augenwinkeln fing Barry Clayborn ein schwaches Blitzen von Glas zwischen zwei Aktenregalen auf. Es war schon im nächsten Augenblick nicht mehr auszumachen, aber der erfahrene Agent wusste sofort Bescheid.

An dieser Stelle — und vermutlich nicht nur dort — befand sich eine versteckte Fernsehkamera, durch die sie beobachtet wurden! Benotti wusste also längst von ihrer Anwesenheit, hatte sie jedoch absichtlich sich selbst überlassen und überwachte jeden ihrer Schritte ...

Der Commander räusperte sich betont unauffällig, und Penza Saratow verstand sofort. Er schlenderte scheinbar unbekümmert an dem Archivcomputer vorbei, der sein Ziel gewesen war, weil er dort einige kleine Manipulationen beabsichtigt hatte. Dann blieb er ruckartig stehen und stieß ein unwirsches Grollen aus.

„Was denkt sich dieser verdammte Benotti nur?“, knurrte er lautstark. „Da kommen wir von weit her, um mit ihm das Geschäft seines Lebens zu machen, aber der Herr hat keine Zeit für uns. Er sollte nur einmal nach Lormeit kommen, dann würden wir ihm schon beibringen ...“

Er unterbrach sich, denn die Polstertür ging auf, und in ihr erschien ein Mann, den sie sofort als Benotti erkannten.

Sein Aussehen entsprach nicht mehr ganz den Archivfotos, die letzten Jahre waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Sein Haar war noch dünner geworden, die Hakennase schien noch tiefer herabzuhängen. Seine Augen waren jedoch gleich geblieben, kalt und berechnend wie schon immer. Darüber vermochte auch das freundliche Lächeln nicht hinwegzutäuschen, das um seine Mundwinkel lag.

„Es tut mir leid, dass ich Sie warten lassen musste, Perm Maroc“, sagte er mit öliger Stimme. „Ein vielbeschäftigter Mann wie ich ist eben nicht immer Herr seiner Zeit, das werden Sie sicher verstehen. Bitte, treten Sie ein.“

„Nein, Ihr Wachhund nicht“, wehrte er ab, als Barry Clayborn seinem 'Herrn' auf dem Fuße folgte. „Was wir zu besprechen haben, geht nur uns allein etwas an.“

Penza Saratow blieb stehen und warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Was fällt Ihnen ein, Benotti?“, grollte sein mächtiges Organ. „Dieser Mann stammt zwar nicht von Lormeit, ist aber jetzt ein vollberechtigter Bürger und ein treuer Untertan unseres allmächtigen Khans. Wenn Sie ihn beleidigen, beleidigen Sie auch mich; verstanden, Sie Krämerseele?“

Für einen Moment flammte unterdrückte Wut in Benottis Augen auf, aber er beherrschte sich geisterhaft. „Wie Sie meinen, Perm Maroc“, sagte er so glatt wie zuvor. „Verzeihen Sie mir, ich kenne die Bräuche Ihrer Welt nicht.“

„Ein Grund mehr, sich zurückzuhalten“, knurrte Penza Saratow. Seine massige Gestalt baute sich so vor Benotti auf, dass dieser nicht sehen konnte, was hinter seinem Rücken vorging, und das nutzte Barry Clayborn sofort aus. Unbemerkt ließ er einen kleinen Gegenstand fallen, der sich wie von selbst gegen den Rahmen der Polstertür schmiegte. Sie glitt zwar hinter den beiden Männern zu, doch ihr Verschlussmechanismus konnte nicht einrasten und ließ ihnen so den Weg für einen schnellen Rückzug offen.

„Nehmen Sie bitte Platz“, sagte Benotti und wies auf die Pneumosessel vor seinem mit Papieren und mehreren Visifonen bedeckten Schreibtisch. „Eine kleine Erfrischung gefällig? Sie werden sich noch einige Minuten gedulden müssen, fürchte ich, denn natürlich habe ich die von Ihnen benötigte Ware nicht ständig hier im Haus. Ein Vertrauter wird sie bringen, und in der Zwischenzeit können wir bereits in die Verkaufsverhandlungen eintreten.“

Er brachte eine dickbauchige Flasche zum Vorschein, aber Penza wehrte sofort ab. „Keinen Alkohol, Benotti, wir sind treue Anhänger des Propheten. Zumindest ich“, schränkte er dann ein, als ihm einfiel, dass Barry Clayborn am Vorabend in der DEEP HELL in aller Öffentlichkeit einen Drink genommen hatte.

Doch auch der Commander machte eine abwehrende Handbewegung, und so stellte Carlo Benotti die Flasche wieder in das Fach zurück. Es schien ihn zu irritieren, dass Barry Clayborn in der Pose des vollendeten Leibwächters hinter dem angeblichen Perm Maroc stehen blieb, aber er ging mit der ihm eigenen Geschmeidigkeit darüber hinweg.

„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich irgendwie als Abgesandter des Khans legitimieren könnten“, meinte er scheinbar obenhin. „Sie sind mir zwar durch einen verlässlichen Mann angekündigt worden, aber hier in Lermonia ist mancher nicht das, was er zu sein scheint. Sie verstehen?“

„Ich verstehe, dass es hier mehr Gauner als ehrliche Leute gibt“, erklärte Penza abfällig. „Diesem Planeten fehlt die starke Hand eines Khans von Lormeit, der alles derartige Gesindel innerhalb weniger Tage wegfegen würde.“

Benotti verzog das Gesicht, zog es aber vor, zu schweigen. Er nahm die falschen Papiere und studierte sie sorgfältig, dann schien er von der Echtheit der Besucher überzeugt zu sein. Als er sie zurückreichte, lächelte er breit.

„Gut, kommen wir also zum Geschäft“, meinte er beflissen. „Sie brauchen Pyranit-Kristalle, und ich kann Ihnen jede beliebige Menge davon verschaffen. Was den Preis angeht ...“

Er unterbrach sich, denn vor ihm auf dem Schreibtisch klang ein gedämpftes Summen auf. Ein kleiner Bildschirm wurde hell, er warf einen Blick darauf und drückte dann auf einen Knopf. „Mein Mann mit den Kristallen ist angekommen“, verkündete er, und dann ging eine gut getarnte Tür in seinem Rücken auf.

In der Öffnung erschien eine hagere Gestalt mit einem umfangreichen Päckchen unter dem Arm, und die beiden Agenten zuckten kaum merklich zusammen. Carlo Benottis Vertrauter war kein gewöhnlicher Mann — er war ein Chambode!

13

Carlo Benotti winkte ihm zu.

„Treten Sie näher, Mall Promig“, sagte er und übersah, wie sich die Gestalten Barrys und Penzas spannten und sprungbereit machten. „Das hier ist Perm Maroc, ein Abgesandter des Khans von Lormeit, er hat sich hinreichend ausgewiesen. Unser Geschäft ist bereits so gut wie perfekt.“

„Das bezweifle ich sehr“, stieß der Vogelmensch krächzend hervor. „Wer dieser Mann ist, weiß ich nicht, aber den anderen kenne ich: Barry Clayborn, Lord von Sergan, ein Agent der Erde!“ Er ließ das Päckchen fallen, brachte einen Giftnadler zum Vorschein und schoss sofort.

Seine Waffe spie in rascher Folge, aber fast geräuschlos, kleine Projektile aus. Jedes davon musste tödlich wirken, wenn es die Haut eines Menschen nur soweit ritzte, dass der Giftstoff in die Blutbahn gelangen konnte. Die beiden Agenten wussten das und handelten, sobald sie den Nadler zu Gesicht bekamen.

Barry Clayborn hechtete seitwärts zu Boden, rollte sich sofort weiter ab und gelangte so in die Deckung eines Aktenschranks. Schon im Sprung hatte er seine Dione gezogen, seine Hand zuckte vor, und er feuerte blind auf die Stelle, an der der Chambode stand.

Ein gellender Aufschrei verriet ihm, dass er getroffen hatte, und der Strom der giftigen Projektile versiegte. Zugleich zeugte ein lautes Krachen davon, dass auch Penza Saratow nicht untätig geblieben war.

Er hatte sich einfach nach vorn fallen lassen, sodass der Schreibtisch ihn gegen die Schüsse Promigs abdeckte. Zugleich schossen seine großen Hände vor, umklammerten Benottis Beine und rissen diesen aus dem Sessel und auf sich zu. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Chambode mit verbrannter Brust zu Boden fiel, dann musste er sich voll auf seinen Gegner konzentrieren.

Carlo Benotti war nicht mehr jung und wirkte verweichlicht, aber dieser Eindruck täuschte. Er war ein erfahrener Kämpfer, das merkte Penza daran, wie er anfangs seinem Griff nachgab, sich dann jedoch sofort wieder anspannte und mit einem Ruck aus der Umklammerung befreien konnte. Geschmeidig kam er wieder auf die Beine, seine Hand zuckte vor und berührte einen Knopf auf dem Schreibtisch.

Augenblicklich klang aus verborgenen Lautsprechern gedämpftes Sirenengeheul auf, und dann sagte eine Tonbandstimme:

„Achtung, Überfall! Das Stockwerk ist hermetisch abzusperren, verdächtige Personen sind festzuhalten oder bei Gegenwehr zu erschießen. Der Stoßtrupp setzt sich sofort zum Chefbüro in Marsch und verfährt ebenso. Sollten bei Geiselnahme Verhandlungen erforderlich sein ...“

Saratow achtete nicht weiter auf die Durchsage, denn er hatte ausreichend zu tun. Benotti hatte sich nicht damit begnügt, den Alarm auszulösen, sondern auch sofort nach der Waffe gegriffen, die sich in einem Fach seines Schreibtisches befand. Ein sengender Strahl zischte über den Rücken des Agenten hinweg, verbrannte seinen Anzug und die darunterliegenden Hautpartien.

Der Riese von Droom brüllte auf. Auch er hatte seine Dione gezogen, konnte sie aber nicht einsetzen, weil er am Boden lag, während sich Benotti im toten Winkel befand. Rasend vor Wut und Schmerz schnellte er sich vor, prallte gegen den Schreibtisch und stieß ihn um.

Darauf war der Händler nicht gefasst gewesen. Er glaubte, den unmittelbaren Gegner außer Gefecht gesetzt zu haben, und nun lauerte er darauf, dass Barry Clayborn aus seiner Deckung zum Vorschein kam. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Das massive Möbelstück hob sich plötzlich und kam ihm entgegen. Carlo Benotti wollte zurückweichen, doch dabei war ihm sein Sessel im Wege. Er kam ins Stolpern und suchte noch nach einem Halt, als ihn der Schreibtisch bereits unter sich begrub. Ein erstickter Schrei klang auf und verebbte röchelnd. Dann wurde es fast geisterhaft still — Benotti war tot!

„Erledigt, Barry“, sagte Penza Saratow. Es klang undeutlich und gepresst, denn er sprach mit zusammengebissenen Zähnen. Der Commander verließ seine Deckung und erschrak, als er den Freund sah. Sein Anzug war über dem breiten Rücken verkohlt, stellenweise kam die versengte Haut zum Vorschein.

Clayborn wollte ihm sofort zu Hilfe eilen, aber Penza winkte ab. „Wir bekommen Besuch“, sagte er nur und wies auf die Eingangstür des Büros. „Verdammt, jetzt sitzen wir in der Falle!“

Gedämpfte Geräusche bewiesen, dass sich der von Benotti alarmierte Stoßtrupp bereits im Anmarsch befand. Die Männer in seiner Agentur schienen demnach auch zu einem Teil aus dunklen Elementen zu bestehen, aber das war zu erwarten gewesen. Da das Büro nur den einen Ausgang besaß, war den beiden Agenten nun der Rückzug abgeschnitten.

„Die Geheimtür, Penza!“, stieß Barry Clayborn hervor, und der Freund begriff sofort.

Er ignorierte seine Schmerzen, stürzte vor und wuchtete den an der Seitenwand stehenden Aktenschrank vor die Polstertür. Zwei normale Männer hätten das nur mit Mühe geschafft, aber für ihn, der unter einer dreifachen Erdschwerkraft aufgewachsen war, war es fast ein Kinderspiel. Inzwischen hatte sich Barry Clayborn zu der Stelle begeben, wo der geheime Eingang lag, durch den der Chambode gekommen war. Er schob die Leiche mit dem Fuß beiseite und suchte fieberhaft nach einem Öffnungsmechanismus. Die Tür war hinter Mall Promig wieder zugeglitten, und nur sehr geübte Augen konnten die schmalen Fugen in der Wand entdecken, wo sie sich befand.

Der Commander sah sie, doch seine Finger tasteten vergebens nach einem verborgenen Öffnungsknopf. Indessen hatten Benottis Hilfstruppen die Eingangstür erreicht und machten sich daran zu schaffen. Saratow hatte dafür gesorgt, dass sie sich wieder schloss, und zusätzlich das elektronische Schloss durch einen Feuerstoß aus seiner Dione zerstört. Nun stand er mit schussbereiter Waffe da, und nur seine verzerrten Züge zeugten von den Schmerzen durch die Verbrennung.

„Mach schnell, Barry“, presste er hervor. „Die Burschen werden zweifellos die Tür aufbrennen. Das wird sie zwar eine Weile aufhalten, weil sie aus Stahl besteht, aber dabei wird der Schrank gleich mit verbrennen. Dann haben sie uns.“

„Können vor Lachen ...“, knurrte der Commander. „Moment — Benotti hat doch vorhin die Tür vom Schreibtisch aus geöffnet! Doch jetzt ist dieser umgestürzt und die Kabel sind zerrissen, es sieht wirklich schlecht für uns aus ...“

14

„Lass mich das machen“, verlangte Penza Saratow.

Barry Clayborn nickte kurz, und die beiden Männer wechselten ihre Plätze. Besorgt sah der Commander auf die Polstertür, deren Kunststoffüberzug bereits Blasen zu werfen begann. Die Männer draußen waren also schon mit ihren Strahlern am Werk. Nur noch Minuten, dann musste die Tür aufgeschweißt sein.

Saratow biss die Zähne zusammen, denn sein verbrannter Rücken schmerzte höllisch.

Als er den Schreibtisch umgestürzt hatte, waren zahlreiche Kabel gerissen, die aus dem Boden kamen und in seinen Anlagen mündeten. Die meisten gehörten zu den Nachrichtengeräten und zu weiteren unbekannten Apparaturen, die von ihm aus betätigt werden konnten. Doch welche Kabel hatten einmal zu der verborgenen Tür geführt?

Der Mann von Droom, der für sein technisches Gespür bekannt war, machte sich daran, das Durcheinander der bunten Stränge zu entwirren. Er arbeitete konzentriert und achtete nicht auf die Geräusche in seinem Rücken, die bewiesen, dass die Gegner bei der Zerstörung der Eingangstür gute Fortschritte machten.

Eine endlos erscheinende Minute verging.

Beißende Rauchschwaden wälzten sich durch den Raum, als die Stahltür in heller Glut stand. Der davor stehende Schrank hatte inzwischen auch Feuer gefangen, und Barry Clayborn wich hustend zurück. Da erreichte ihn ein befreiter Ausruf aus dem Mund des Freundes.

„Geschafft, Barry — die Tür ist offen!“

Der Commander warf zusätzlich noch eine Reizgaskapsel in den Raum. Zusammen mit Feuer und Rauch sollte sie es schaffen, die todsicher kommenden Verfolger so lange aufzuhalten, bis die Agenten verschwunden waren. Er nahm das schwere Päckchen mit den Kristallen an sich und schlüpfte dann durch die Tür, die Penza Saratow schloss. Ein kurzer Feuerstoß aus der Dione zerstörte den Öffnungsmechanismus, dann hasteten sie los.

Sie befanden sich in einem schmalen, durch stellenweise angebrachte Kells-Lampen erhellten Gang. Er war nicht verkleidet, überall war das rohe Mauerwerk zu sehen. Vermutlich war er ursprünglich als Lüftungsschacht gedacht gewesen, bis Benotti ihn dann für seine Zwecke gebraucht hatte.

Nach etwa fünfzehn Metern machte er einen scharfen Knick und führte dann schräg nach oben weiter. Ein lautes Surren wurde hörbar, dann sahen die beiden Männer die rotierenden Flügel eines Exhaustors hinter einer transparenten Kunststoffwand. Sie war offenbar nachträglich eingefügt worden und schuf am Rande der Belüftungskuppel gerade so viel Raum, dass sich ein Mann bewegen und die kleine Tür erreichen konnte, die hinaus auf das Dach führte.

Es gab einen rot markierten Öffnungsknopf. Barry betätigte ihn, und die Tür schwang sofort auf. Er hielt sie fest, sodass nur ein schmaler Spalt entstand, durch den er hinaussehen konnte. Was er sah, befriedigte ihn.

Direkt an seiner rechten Seite ragte die Begrenzungsmauer des Dachlandeplatzes auf, zur Linken befand sich das Rund der Belüftungskuppel, sodass ein toter Winkel entstand, den man vom Dach aus nicht einsehen konnte. Der Commander achtete auf fremde Geräusche, aber noch schien hier alles normal zu sein. Er winkte Penza.

„Los, raus hier!“

„Einen Augenblick.“ Saratow hob eine nicht sehr saubere Decke auf, die in einem Winkel lag, schüttelte sie kurz aus und warf sie sich dann über seine verbrannte Jacke. Das wirkte recht merkwürdig, aber so sah man wenigstens seine derangierte Kleidung nicht. Sein Kugelkopf glänzte vor Schweiß, und er biss heftig die Zähne zusammen, aber er hielt durch.

Sie lösten sich von der Kuppel, spazierten um sie herum und sahen dann etwa zwanzig Meter vor sich ihren wartenden Gleiter. Keiner der zahlreichen Menschen kümmerte sich um sie, und sie gelangten unbehelligt zu dem Fahrzeug.

Als der nächste Lift zehn Sekunden später eine Anzahl von bewaffneten Männern ausspie, waren sie schon in der Luft und befanden sich in Sicherheit.

15

„Oh, das sieht böse aus!“, meinte Jarl Luden besorgt.

Penza lag in der Krankenkabine der Mordain. Veem Chemile und der Professor bemühten sich um ihn. Sie hatten behutsam die verbrannte Kleidung entfernt und sahen nun, dass fast sein ganzer Rücken angesengt war. Saratow hatte gleich nach seiner Ankunft eine Spritze bekommen und lag in tiefer Betäubung.

Sie brauchten fast eine Stunde, bis die eingebrannten Gewebereste und die geschädigten Hautpartien entfernt waren. Direkt auf das rohe Fleisch kam dann eine Schicht Ersatzhaut aus der Kühlkammer, die durch Biospray mit den Wundrändern verbunden wurde.

„Wenn es keine Komplikationen gibt, ist er morgen wieder ganz in Ordnung“, sagte Luden, während er seine Hände in die Strahlendusche hielt. „Ich glaube nicht, dass du mit dieser Verwundung so lange durchgehalten hättest, Barry.“ Der Commander zuckte mit den Schultern.

„Der Mensch erträgt eine Menge, wenn es sein muss, und mein Fell hat auch schon eine schöne Anzahl von Löchern. Wenn der Chambode zuerst geschossen und dann erst geredet hätte, wäre es sicher um uns geschehen gewesen; du kennst ja diese Giftnadeln.“

Er wandte sich an Chemile. „Veem, ich bin dafür, dass wir recht schnell von hier verschwinden. Benotti und sein Vogelfreund sind tot, und inzwischen wird man bestimmt eine Mordanzeige gemacht haben. Zwar kennt niemand unsere Identität, aber die Polizei von Lermonia dürfte ihre einschlägigen Erfahrungen haben. Wenn sie auf den Hafen kommt, wäre ich gern schon einige Lichtjahre weit weg.“

Während Veem Chemile den Start einleitete, rief Barry Clayborn noch einmal Miriam Lasalle an. Sie wusste es bereits, das sah er sofort an ihrem Gesicht.

„Dem Himmel sei Dank, dass ihr noch lebt, Barry! Im Zentrum ist der Teufel los, das Dach des Hochhauses steht in Flammen. Was ist denn eigentlich passiert?“

„Alles ließ sich gut an. Benotti hat unsere Story mit dem Khan von Lormeit glatt geschluckt. Doch dann kam uns ausgerechnet ein Chambode dazwischen, der mein Gesicht kannte — den Rest kannst du dir denken. Schade, dass es so gekommen ist, ich hätte dich gern noch einmal besucht. So bleibt uns aber nichts weiter übrig, als schnell zu verschwinden. Lermo ist eine Freihandelswelt, hier hat auch ein Freier Terranischer Agent keinerlei Rechte. Bist du sicher, dass du durch diese Sache nicht in Schwierigkeiten kommen kannst?“ Miriam schüttelte den Kopf.

„Mein Verbindungsmann wird sich hüten, den Mund aufzumachen, seine Weste ist auch nicht eben blütenrein. Hast du wenigstens herausbekommen, was du wissen wolltest?“

Der Commander zog eine Grimasse. „Ich habe zwar Pyranit-Kristalle für etliche Millionen mitgenommen, aber das ist auch alles. Woher sie kommen, mag der Teufel wissen. Benotti konnte es nicht mehr sagen. Mach’s gut, Miriam, wir starten bereits.“

Das Bild der schönen Agentin verblasste, und Barry Clayborn sah bedauernd auf den leeren Bildschirm. Dann ging er hinüber zum Pilotensitz. Die Mordain durchstieß gerade die obersten Wolkenschichten und strebte dem freien Raum zu.

„Wohin, Barry?“, fragte der Pilot. Clayborn zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, Veem. Bringe das Schiff in den Überlichtflug, ein paar Lichtjahre in beliebiger Richtung. Dann müssen wir wieder in den Normalraum, ich muss Weyburn über die Geschehnisse berichten. Inzwischen will ich mich nochmal mit dem Professor unterhalten.“

Er fand ihn im Laboratorium.

Jarl Luden hatte das Päckchen geöffnet und starrte gedankenvoll auf die grünlich schimmernden Kristalle, die einen riesigen Wert darstellten. Als der Commander eintrat, sah er auf.

„Es ist schon ein Jammer, Barry. Was du hier siehst, ist nichts weiter als simpler Kohlenstoff, nur in einer bestimmten gesetzmäßigen Anordnung, und doch müssen deswegen Leute sinnlos sterben. Um Benotti und seinen Helfer war es nicht sonderlich schade, aber wie viele Unschuldige mag es treffen?“ Der Commander setzte sich auf die Tischkante und holte eine Zigarette hervor. „Das war schon immer so, Jarl.

Vermutlich haben sich schon die Neandertaler gegenseitig die Schädel eingeschlagen, wenn es um funkelnde Steine ging, die sie ihren Frauen um den Hals hängen wollten. Hier wird also gewissermaßen nur eine alte Tradition fortgesetzt. Das aber nur ganz nebenbei. Eigentlich wollte ich ja von dir wissen, ob du etwas über die Herkunft der Pyranite herausgefunden hast.“

Der Professor hob die schmalen Hände.

„Zaubern kann ich nicht, Barry. Diese Kristalle sind zwar noch nicht bearbeitet, aber man sieht ihnen trotzdem nicht an, woher sie kommen mögen.“ Barry Clayborn hob gedankenlos die Verpackungsfolie auf und sah sie an. Plötzlich stutzte er.

„Sieh dir das doch einmal an, Professor: Hier scheint es eine Art von Markierung zu geben, die man nur sieht, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auftrifft! Kann das etwas zu bedeuten haben?“

Jarl Luden nahm ihm die Folie aus der Hand und drehte sie hin und her.

„Das könnte sein“, räumte er ein. „Irgendwelche Konturen sind da, und sie erinnern mich auch ... Moment, ich habe eine Idee!“

Er schaltete die Beleuchtung aus und legte die Folie unter eine Adaptionslampe, die auf jede beliebige Spektralfrequenz eingestellt werden konnte. Langsam, millimeterweise, drehte er an der Feineinstellung, und die Intensität des Lichtes veränderte sich entsprechend. Schließlich blieb nur noch ein mattes Glühen, und er sah enttäuscht auf.

„Wirklich schade, Barry, ich hatte stark gehofft, etwas zu finden. Wenn ich nur wüsste, worum es sich handeln mag — wir haben eben so oft mit ausgefallenen Dingen zu tun, dass uns der Sinn für das Alltägliche allmählich abhanden kommt ...“

Unbewusst drehte er weiter an dem Rad, und plötzlich wurde es völlig dunkel. Dafür glomm nun auf der Folie ein schwacher Reflex auf, und Jarl Luden stieß einen Ruf der Überraschung aus.

„Verdammt, wir haben es, Barry! Diese Markierung wird nur bei Ultraviolett sichtbar, es ist schon fast ein Wunder, dass du sie überhaupt entdeckt hast.“

Behutsam regulierte er die Adaptionslampe weiter ein, und plötzlich strahlte die Stelle auf der Folie hell auf. Ein Ring, nicht viel größer als eine Münze, und in ihm waren zwei Reihen von Buchstaben und Zahlen angeordnet:

GSP

731/447

„Was bedeutet das?“, fragte der Commander verständnislos. Luden schaltete das Licht wieder ein und grinste ihn triumphierend an.

„Wie ich schon sagte — eine ganz alltägliche Sache. Das ist eine Markierung, wie sie auf den Raumhäfen zur Kennzeichnung von Frachtstücken gebräuchlich ist! Diese Buchstaben und Zahlen besagen, dass das Päckchen auf einem bestimmten Hafen aufgegeben und von dort aus nach Lermo geschickt worden ist. Geht dir jetzt ein Licht auf?“

Barry Clayborn schlug ihm auf die Schulter.

„Eine ganze Festbeleuchtung, Jarl. Jeder Raumhafen innerhalb der terranischen Sphäre hat sein bestimmtes Kennzeichen, das auf dem Frachtgut angebracht wird und nur von den Sortiercomputern gelesen werden kann. Die Zahlen geben das Datum und die Stücknummer an, aber die brauchen uns kaum zu interessieren. Wenn wir den Hafen herausfinden, wissen wir genug.“

Der Professor lachte kurz auf.

„Dieses Problem dürfte uns wenig Kopfschmerzen bereiten, Barry. Hier weiß unser Computer bestimmt Rat.“

16

„Du hättest dir auch eine bessere Zeit aussuchen können, um mich anzurufen“, grollte Elias Weyburn und rieb sich die Augen. Er sah wie ein verschlafener Bernhardiner aus und war etwa gleich gut gelaunt. „Weißt du, welche Uhrzeit wir jetzt hier haben?“

„Da müsste ich sehr lange nachrechnen“, behauptete der Commander dreist. Natürlich stimmte das nicht, denn an Bord der Mordain galt immer Terrazeit. „Jetzt bist du aber einmal auf, also zier dich nicht lange.“

„Ihr habt also etwas herausgefunden?“, fragte der Direktor hoffnungsvoll. Clayborn zuckte mit den Schultern.

„Nicht sonderlich viel“, musste er zu geben. „Wir hatten den richtigen Mann am Wickel, aber dann kam uns so ein verdammter Chambode dazwischen, und es war aus. Jetzt sind sie beide tot und können uns nichts mehr sagen, Penza hat einiges abbekommen. Ist aber nicht weiter schlimm, der Professor hat ihn gut verarztet. Immerhin mussten wir Lermo ziemlich schnell verlassen, und uns ist nur ein Päckchen mit Pyranit-Kristallen geblieben.“

„Um mir das zu erzählen, reißt du mich aus dem Schlaf?“, wetterte der Direktor von Terra Control. „Barry, das werde ich dir nicht vergessen! Ich werde dir einen Posten in unserer Verwaltung geben, auf dem du so lange hocken bleibst, bis du am Aktenstaub erstickt bist. Außerdem werde ich ...“

Er unterbrach sich, als er Barry Clayborns penetrantes Grinsen auf dem Bildschirm vor sich sah.

„Ah, ich verstehe! Du Heimtücker hast also doch noch etwas in der Hinterhand“, schnaufte er. „Okay, der Aktenstaub wird dir erspart bleiben, aber jetzt rede ganz schnell.“

„Hättest du dich nicht künstlich aufgeregt, wüsstest du jetzt schon alles“, hielt ihm der Commander vor. „Die Sache ist so: Das Päckchen mit den Kristallen befand sich in einer Folie, die eine Markierung trug, die nur unter UV-Licht sichtbar wird. Der Professor hat sie entziffert, und dadurch sind wir wenigstens ein kleines Stück weitergekommen. Die Kristalle sind am 31. Juli auf dem Planeten Galsop als Frachtgut aufgegeben worden, also vor vier Tagen. Der Chambode muss sie direkt vom Raumhafen zu Carlo Benotti gebracht haben ...“

„Benotti?“, unterbrach ihn Elias Weyburn und sah plötzlich sehr erfreut aus. „Gut, dass ihr diesen Halunken erwischt habt, wir hatten ihn schon abgeschrieben. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn er vor seinem Tode noch geredet hätte; aber alles kann man ja bekanntlich nie auf einmal haben.“

„Du bist ein Gemütsmensch“, meinte Barry Clayborn trocken. „Wir wissen jetzt also, dass die Kristalle von Galsop nach Lermonia gekommen sind. Der Planet liegt vierzehn Lichtjahre von Lermo entfernt, ist schon seit Jahrhunderten besiedelt, und auf ihm hat es nie Pyranite gegeben. Er ist also auch nur eine Zwischenstation gewesen, der eigentliche Fundort muss ganz woanders liegen. Wir haben aber eine gute Chance, die Spur der Kristalle weiter zu verfolgen, Elias. Das Päckchen trug eine Kennziffer, unter der es irgendwo in den Frachtlisten des Raumhafens von Galsop registriert sein muss. Haben wir einen Agenten auf dieser Welt?“

Elias Weyburn senkte die Lider und überlegte eine Weile.

„Keinen richtigen Agenten, nur einen nebenberuflichen Informanten“, erinnerte er sich dann. „Er wird laufend von uns bezahlt, hat aber dafür bis jetzt noch kaum etwas geleistet. Soll ich ihn auf diese Spur setzen?“

„Das wäre angebracht“, meinte der Commander. „Wir werden bis nach Galsop immerhin zwei Tage Flugzeit brauchen, und bis dahin könnte man die betreffenden Spuren schon verwischt haben. Es ist gut möglich, dass Benottis Tod dort schneller bekannt wird, als uns lieb sein kann, und dann werden die Hintermänner schnell reagieren. Du brauchst dem Mann auf Galsop ja nicht direkt zu sagen, worum es geht. Gib ihm den Auftrag, der Spur des Frachtstücks 447 vom 31. Juli nachzugehen, schärfe ihm aber ein, dass es eine heiße Sache ist. Das dürfte genügen, denke ich.“

„Wird besorgt“, nickte der Direktor. „Hoffen wir, dass dabei etwas herauskommt, die Pyranit-Sache liegt mir allmählich schwer im Magen. Yarling von Marbuk hat bereits damit begonnen, seine Opfer zu provozieren. Sie sind natürlich ahnungslos und werden darauf hereinfallen, und schon beginnt es zu krachen! MALACA 2 wird die Dinge dann zwar regeln, aber bis dahin werden schon etliche unschuldige Menschen gestorben sein. Es ist fast zum Verzweifeln, dass wir immer erst dann eingreifen dürfen, wenn der große Knall da ist.“

Barry Clayborn zuckte mit den Schultern.

„Das ist der Nachteil jeder demokratischen Ordnung, Elias. Schon die alten Griechen sollen damit Schwierigkeiten gehabt haben, wenn ich im Geschichtsunterricht gut aufgepasst habe. Trotzdem möchte ich keine andere Gesellschaftsform akzeptieren. Das Schlagwort Recht und Ordnung hört sich zwar ganz gut an, aber was unter diesem Deckmantel an Manipulation betrieben wird ...“

Der Direktor unterbrach ihn mit einer wedelnden Handbewegung.

„Spare dir deine Philosophistereien für ein andermal auf, Barry“, meinte er und gähnte demonstrativ. „Mich zieht es wieder in mein Bett, morgen ist ein schwerer Tag. Ich werde alles Nötige veranlassen, vielleicht ist schon vieles klar, wenn ihr nach Galsop kommt. Unser Mann dort heißt übrigens Bart Falvin, er wohnt in der Hauptstadt Brimbane. Such dir seine Adresse selbst, ich habe sie nicht im Kopf.“

„In Ordnung, Elias“, gab der Commander zurück. „Und jetzt husch zurück ins Körbchen, damit du morgen auch gut ausgeschlafen bist ...“

17

„Lasst mich hier raus!“, verlangte Penza Saratow kategorisch. „Ihr tut ja gerade so, als wäre ich kurz vorm Abkratzen, und alles wegen ein paar lächerlicher Brandblasen — pah ...“

Barry Clayborn sah ihn ernst an.

„Diese 'lächerlichen Brandblasen' waren immerhin eine Verbrennung zweiten Grades, und daran sollen schon starke Männer gestorben sein! Das Transplantat ist zwar vorzüglich angewachsen, aber du hast noch immer 39,5 Grad Fieber, weil eine kleine Komplikation eingetreten ist. Dein Prachtkörper von Droom scheint etwas gegen normales menschliches Gewebe zu haben.“

Penza schnaufte unterdrückt auf.

„Alles nur faule Ausreden, darauf könnte ich wetten. Wenn mich Jarl nicht unter Drogen gesetzt hätte, würde ich euch schon beweisen, wie gut es mir geht. Dahinter steckt aber bestimmt nur dieser Katzenmensch! Tut so, als wäre er wer weiß wie um mich besorgt, nur damit er mit dir in den nächsten Einsatz gehen kann. Dabei kann er noch nicht einmal vernünftigen Kaffee kochen, der Heimtücker ...“

Jarl Luden schaltete sich vermittelnd ein.

„Pass einmal auf, Penza: Du hast Fieber, das kannst du ohne Weiteres an der Skala über deinem Kopf ablesen. Das würde deine Reaktionsfähigkeit um etwa ein Drittel vermindern, das steht fest. Damit wärst du, praktisch nur ein halber Mann, ist dir das klar? Gesetzt den Fall, Barry kommt in Schwierigkeiten und du kannst ihm nicht helfen, weil du um die entscheidenden Sekundenbruchteile zu langsam bist — was dann ...?“

Der Riese von Droom hob entsagend die Hände.

„Schon gut, den Schwarzen Peter will ich mir nun auch nicht zuschieben lassen. Macht also, was ihr wollt, beschwert euch aber dann hinterher nicht, wenn etwas schiefgegangen ist.“

Die Mordain war kurz zuvor aus dem Überlichtflug gekommen und befand sich im Anflug auf Galsop.

Das System bestand aus sechzehn Planeten, aber nur einer von ihnen war für Menschen bewohnbar. Es war der vierte von der Sonne aus, eine Welt, die fast genau der Terranorm entsprach. Sie hatte jedoch gegenüber der Erde den Vorzug einer minimalen Achsneigung zur Ekliptik, besaß darum auf allen Kontinenten ein gleichmäßig mildes Klima, gehörte also zu den sogenannten Paradiesplaneten.

Dass ausgerechnet von hier die Kristalle kamen, die den Tod für viele Menschen bedeuten konnten, mutete fast wie einer der schlechten Witze des Schicksals an. Als Commander Clayborn eine diesbezügliche Bemerkung machte, zuckte Jarl Luden mit den Schultern.

„Wenn man der Bibel glauben darf, lagen schon im ersten Paradies der Menschen Gut und Böse sehr dicht beieinander, Barry. Jedes Eden hat seine kleinen Fehler, aber es liegt an den Menschen, die es bewohnen, das Beste aus allem zu machen. Leider versucht so mancher, das auf Kosten anderer zu tun.“

„Und wir sind es, die das dann wieder ausbügeln müssen“, seufzte Barry. „Wie lange werden wir noch bis Brimbane brauchen, Veem?“

Chemile wandte ihm sein schmales Gesicht zu, die Perlaugen glitzerten. „Etwa eine halbe Stunde. Leider werden wir zu einer sehr ungünstigen Zeit dort ankommen, die Hauptstadt liegt im Augenblick mitten in der Nachthalbkugel. Soll ich trotzdem landen, oder wollen wir in einen Orbit gehen, bis es dort hell geworden ist?“

Der Commander wiegte unschlüssig den Kopf.

„Eigentlich haben wir ja unterwegs genug geschlafen, ich wäre also einem kleinen Nachtbummel gar nicht abgeneigt. Natürlich nur in dienstlichem Interesse, denn dabei kann man oft mehr über Land und Leute erfahren als bei anderen Gelegenheiten. Wie ist es, Jarl, hat Brimbane in dieser Hinsicht etwas zu bieten?“

Der Professor nickte. „Das Übliche, wenn man den Unterlagen im Archiv glauben kann. Ich hätte selbst Lust, wieder einmal unter Menschen zu kommen, aber daraus kann leider nichts werden. Penza ist noch nicht wieder ganz auf dem Damm, ich möchte ihn nicht gern allein lassen. Nicht mit Veem, du weißt doch, was dabei herauskommen kann.“

Chemile sagte nichts darauf, nur seine Katzenohren zuckten leicht. Sie befanden sich bereits über dem Hauptkontinent, als plötzlich ein Anruf vom Raumhafen-Tower in Brimbane kam.

„Hallo, Mordain: Wir müssen Ihnen leider vorerst die Landung verweigern und Sie bitten, in Warteposition zu gehen. Im Hafengelände findet augenblicklich gerade eine Polizeiaktion statt.“

„Wo brennt’s denn, Mädchen?“, fragte der Commander verwundert. „Wird bei euch etwa Revolution gespielt? Ich dachte, Galsop sei ein schöner und ruhiger Planet.“

Die hübsche Funkerin zog die Stirn kraus. „Das ist er auch, Sir, ganz bestimmt. Was eben hier passiert ist, ist eine große Ausnahme. Man hat versucht, im Seitenflügel des Tower einzubrechen. Dort war geschlossen, weil heute Sonntag ist. Allerdings waren die Wachen auf dem Posten und haben einen Mann erschossen ... Moment, eben kommen neue Informationen.“

Ihr Gesicht verschwand vom Schirm und tauchte wenig später wieder auf. „Der Mann konnte inzwischen identifiziert werden, Sir. Er hieß Bart Falvin und stammte hier aus der Stadt. Die Polizei sucht noch nach etwaigen Helfern. Was ist, Sir — ist Ihnen nicht gut?“

Barry Clayborn winkte wortlos ab und schaltete das Funkgerät aus. Minutenlang blieb es im Steuerraum still, diese Nachricht musste erst einmal verdaut werden. Schließlich fluchte der Commander erbittert vor sich hin.

„Man soll Toten ja nichts Schlechtes nachsagen, aber dieser Falvin scheint nicht eben ein Geistesriese gewesen zu sein. Verdammt, hätte ich doch Weyburn nicht veranlasst, ihn auf die Spur anzusetzen. Jetzt ist sie vermutlich rückwirkend bis zur Steinzeit verwischt ...“

Jarl Luden schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, da siehst du zu schwarz, Barry. Falvin hat zwar einzubrechen versucht, aber das sagt noch lange, nichts darüber aus, was er im Tower wollte. Die Sache sähe anders aus, wenn er von Unbekannten erschossen worden wäre. Da ihn jedoch die Wachen gestellt haben, brauchen wir kaum etwas zu befürchten. Die Leute, die hinter dem Kristallschmuggel stecken, dürften wohl kaum Hellseher sein. Er kann dort schließlich alles Mögliche gesucht haben.“

Barry Clayborn beruhigte sich wieder und nickte langsam.

„Hoffen wir, dass du recht behältst, Professor! Auf jeden Fall sind jetzt unsere Chancen, etwas herauszufinden, erheblich gesunken. In der nächsten Zeit werden die Wachen besonders gut aufpassen, heimlich kommen wir also nie an die Unterlagen heran.“

Veem Chemile meldete sich zum Wort. „Du hast doch schließlich noch mich, Barry! Sagt nicht eines eurer Sprichwörter, bei Nacht wären alle Katzen grau? Wenn das für eure unintelligenten Haustiere gilt, trifft es auf mich in besonderem Maße zu.“

Der Commander verzog das Gesicht. „Wenn du einer Kugel oder einem Dionenstrahl im Wege stehst, dürfte dir das wenig nützen. Wir werden jedenfalls zuerst auf Umwegen versuchen, an die betreffende Frachtliste heranzukommen. Erst wenn alle Stricke reißen, kommst du zum Einsatz.“

Eine halbe Stunde später erhielten sie Landeerlaubnis, und die Mordain senkte sich auf den Hafen herab.

18

Barry Clayborn ging allein von Bord. Die Lage hatte sich drastisch geändert, jetzt musste er erst einmal versuchen, einen Überblick über die neuen Gegebenheiten zu bekommen. Danach wollte er sein weiteres Vorgehen ausrichten.

Vor dem Tower stieß er fast mit einem großen Mann in Uniform zusammen, der eben aus einer Seitentür kam. Clayborn trat höflich zurück, der andere stutzte eine Weile und kam dann mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.

„Jetzt lausen mich doch sämtliche Affen — das darf doch gar nicht wahr sein! Du bist es tatsächlich, der gute alte ...“

Er unterbrach sich gerade noch rechtzeitig, als er Barrys heftiges Zwinkern sah. Eine ganze Anzahl anderer Männer war in Hörweite, und der Commander legte durchaus keinen Wert darauf, dass seine Identität allgemein bekannt wurde. Dafür nahm er sofort den Ball auf.

„Ja, ich bin’s, der gute alte George Baker in Lebensgröße. Und du bist Cass Zeller — Mensch, wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen? Was tust du denn hier auf Galsop?“

Sie schüttelten sich die Hände und musterten sich prüfend. Beide waren nicht jünger geworden, seit sie zusammen durch die Mangel der Ausbildung zu Freien Terranischen Agenten gedreht worden waren. Clayborn hatte dieses Ziel erreicht, Zeller nicht. Er war zwar gut gewesen, aber eben doch nicht gut genug, denn Elias Weyburn stellte höchste Ansprüche an seine Leute. Vor allem die Clume-Disziplin, deren Beherrschung ein hartes, fast mörderisches Training voranging, war nicht seine Stärke gewesen. Vor dem Abschlusslehrgang war er abgeschoben worden, aber die Raumflotte hatte ihn nur zu gern genommen. Jetzt trug er die Abzeichen eines Commanders, hatte es also doch weit genug gebracht.

„Ich wollte eben wieder nach Hause fliegen“, sagte er, und aus seinen Blicken sprach ehrliche Freude über das Wiedersehen. „Man hatte mich alarmiert, als der Klamauk hier losging, denn eigentlich hatte ich ja dienstfrei. Da ich aber hier der Kommandant bin, musste ich natürlich daran glauben. Nun, jetzt ist die Sache ausgestanden, ich kann also weg.“

„Ich habe davon gehört“, meinte Barry Clayborn, „deswegen musste mein Schiff eine ganze Weile warten. Was hat es denn eigentlich gegeben, das hörte sich ganz nach einer Staatsaktion an?“ „War halb so schlimm“, gab Cass Zeller zurück und sah auf seine Uhr. „Ich will es dir gern erzählen, aber nicht hier. Wenn du Zeit hast, kannst du mit mir fliegen. Die halbe Party dürfte jetzt zwar schon vorbei sein, aber auf ein paar Drinks für einen alten Freund wird es wohl noch reichen.“

„Natürlich habe ich Zeit für dich“, versicherte der Agent.

Zeller wohnte an der Peripherie von Brimbane, in einem ausgesprochen guten Stadtteil. Sein Haus konnte sich sehen lassen, alle Fenster waren erleuchtet, Musik, Stimmen und Gelächter drangen ins Freie. Die Landung des Gleiters war bemerkt worden, und eine zwar vollschlanke, aber gut aussehende Frau in einem bunten Sarong trat aus der Tür, als sie durch den Vorgarten schritten. Zeller ergriff Barry am Arm und schob ihn auf sie zu.

„Ein lieber alter Freund von mir, Leila, George Baker. Ich habe ihn eben ganz zufällig am Hafen getroffen und der Einfachheit halber gleich mitgebracht. Amüsiert ihr euch gut?“

Leila Zeller nahm die Hand des Commanders, musterte ihn kurz und schien mit dem Anblick zufrieden zu sein. „Meines Mannes Freunde sind auch die meinen“, sagte sie mit einer klaren Altstimme. „Kommen Sie herein und fühlen Sie sich bei uns wie zu Hause. Die Stimmung ist ganz prächtig, Cass, die jungen Künstler aus Ritas Bekanntenkreis machen allerhand Wirbel.“

„Rita ist unsere Tochter“, erklärte sie dann, zu Barry Clayborn gewandt. „Eigentlich ist sie ja im sogenannten gefährlichen Alter, aber davon haben wir noch nicht viel gemerkt. Darf man fragen, woher Sie kommen, Mister Baker?“ Sie war nicht neugierig, aber sie wollte alles wissen, und der Commander tat ihr den Gefallen. „Ich hatte geschäftlich auf Lermo zu tun, dem Freihandelsplaneten. Dort hörte ich von den paradiesischen Zuständen hier auf Galsop, und so beschloss ich, einen Abstecher hierher zu machen. Und der erste Mann, der mir über den Weg läuft, ist ausgerechnet Cass, den ich eine Ewigkeit lang nicht mehr gesehen habe.“

Sie gingen ins Haus und kamen zwischen eine Schar von ausgelassenen jungen Leuten. Obwohl keine Fremdrassigen unter ihnen waren, wirkten sie in ihren bunten Kostümen alle mehr oder weniger exotisch. Kein Wunder, wenn Künstler dabei sind, dachte Barry Clayborn. Alkohol und vielleicht auch einige Reizmittel hatten bereits ihre Wirkung getan; man nahm seine Ankunft zwar zur Kenntnis, widmete ihm aber keine besondere Aufmerksamkeit.

Das konnte ihm nur recht sein, und Cass Zeller war derselben Meinung. „Wir ziehen uns am besten in mein Arbeitszimmer zurück“, meinte er nach einer Weile. „Dorthin verläuft sich niemand, wir können uns also ungestört unterhalten.“

Er sorgte für Drinks und Zigaretten, dann sah er Barry prüfend an.

„Natürlich freue ich mich aufrichtig, dass wir uns getroffen haben, Barry“,, begann er dann. „Da ich aber weiß, zu welchem Verein du gehörst, erscheint es mir doch etwas ungewöhnlich, dass du gerade heute Nacht hier angekommen bist. Am Hafen wird ein Mann erschossen, ein simpler Einbrecher, wie es scheint. Wenn jedoch zur gleichen Zeit ein Mann von FTA aufkreuzt, beginnt meine Nase zu jucken! Vergiss nicht, dass ich um ein Haar auch in eurem Club gelandet wäre; einiges von dem professionellen Misstrauen des guten Elias Weyburn ist auch bei mir hängen geblieben.“

Barry Clayborn lächelte und nahm einen Schluck. Dabei überlegte er fieberhaft. Konnte er Zeller soweit trauen, dass er ihn in diese Angelegenheit einweihen durfte? Ihre gemeinsame Zeit lag schließlich schon viele Jahre zurück, und das konnte ausgereicht haben, den Mann gründlich zu ändern.

Er beschloss, vorerst einmal vorsichtig zu bleiben. „Erzähle mir etwas über diesen Einbrecher“, forderte er, um Zeller abzulenken. „Was war er für ein Mann, und was hat er bei euch im Tower gesucht?“

Cass Zeller hob die Schultern.

„Bart Falvin war Juwelenhändler, ein als seriös bekannter und wohlhabender Mann. Ich selbst habe ihn nicht gekannt, aber Leila hat ab und zu bei ihm gekauft. Er war so ziemlich der Letzte, der es nötig hatte, einen Einbruch zu begehen, noch dazu an einer Stelle, wo es wirklich nichts zu holen gab ... In diesem Anbau befinden sich ausschließlich Büros der Güterabfertigung, und deren Akten sind so trocken wie Herbstlaub.“

Er beugte sich vor und sah den Commander eindringlich an.

„Barry, wenn es zwischen dieser Affäre und deinem Besuch auf Galsop irgendeinen Zusammenhang gibt, kannst du es mir ruhig sagen. Verdammt, ich wäre so gern selbst Freier Agent geworden, das weißt du doch! Ich habe hier einen wirklich guten Posten, aber manchmal träume ich noch heute davon, was ich unter anderen Umständen hätte sein können. Ich bin unbedingt loyal, das darfst du mir glauben.“

Barry Clayborn war schon fast überzeugt. Wenn er es recht überlegte, gab es wirklich keinen Grund, Zeller irgendwie zu misstrauen. Er saß in einer leitenden Position, die er nicht so leicht aufs Spiel setzen würde. Zugleich gab sie ihm aber auch die Macht, Dinge in Erfahrung zu bringen, die der Agent sonst nur unter erheblichen Schwierigkeiten herausfinden konnte. Das war ein fast unschätzbarer Vorteil, der den Ausschlag gab.

Der Commander gab sich einen Ruck und begann zu erzählen.

Er fasste sich kurz und gab nur Stichworte, aber das genügte schon. Cass Zellers schmales, intelligentes Gesicht nahm einen gespannten Ausdruck an, der nach und nach von offenem Widerwillen abgelöst wurde. Als Clayborn geendet hatte, hieb er heftig mit der Faust auf den Tisch.

„Natürlich sind wieder die Chamboden mit im Spiel“, knurrte er aufgebracht. „Diese arroganten Burschen habe ich noch nie leiden mögen, zum Glück verirren sie sich nur selten hier nach Galsop. Einige halten sich allerdings seit längerer Zeit in Brimbane auf. Wir haben uns schon gefragt, was sie wohl bei uns suchen. Bisher haben sie den Behörden aber noch keinen Anlass zu Beanstandungen gegeben; ich möchte sagen, dass sie sich geradezu penetrant unauffällig verhalten. Jetzt kann ich mir auch denken, warum.“

„Du meinst, sie kämen als Pyranitschmuggler oder Zwischenhändler in Frage?“, erkundigte sich Barry Clayborn. Cass Zeller nickte nachdrücklich.

„Irgendwie haben sie alle mit Handel zu tun, natürlich mit ganz normalen und unauffälligen Dingen. Das gibt ihnen aber hinreichend Gelegenheit, Sendungen mit Raumfrachtern zu empfangen oder abgehen zu lassen! Solange sie ihre Waren offiziell deklarieren und verzollen, denkt natürlich niemand daran, die Sendungen besonders zu kontrollieren. Größere Collies werden zwar stichprobenartig überprüft, aber kleine Päckchen wie das nach Lermo gehen anstandslos durch. Unsere Leute hätten viel zu tun, wenn sie sich auch noch eingehend darum kümmern sollten.“

Der Commander nickte. „Dann ist die Sache für mich so gut wie klar. Cass, wir dürfen jetzt aber nicht den Fehler begehen, sie irgendwie misstrauisch zu machen! Benotti ist zwar tot, doch sie werden wohl noch jemanden auf Lermo sitzen haben, der jetzt seine Stelle einnimmt. Sollen sie also vorerst ruhig weitermachen, ohne zu ahnen, dass die Bombe unter ihren Sitzflächen bereits tickt ... Kannst du es arrangieren, dass ich Einblick in die Frachtlisten der Vogelmenschen bekomme? Es dürfte dann nicht schwer sein, daraus die für mich wichtigen Dinge herauszupicken.“

„Natürlich kann ich das!“, sagte Cass Zeller, schlug seinem Freund auf die Schulter und sorgte für neue Drinks.

19

Penza Saratow war wieder ganz in Ordnung.

Barry Clayborn fand ihn am Morgen bereits im Fitnessraum der Mordain vor, wo er eifrig seine Gewichte schwang. Es waren Brocken darunter, die der Commander mit beiden Händen nicht einmal anzuheben vermochte. Der Mann von Droom dagegen, unter einer Schwerkraft von drei Gravos aufgewachsen, brachte sie mit einer Hand so mühelos zur Hochstrecke, als wären sie nur Attrappen.

Er brauchte das einfach, obwohl er sich ausgezeichnet an die für ihn lächerlichen Gravowerte anderer Welten anzupassen verstand. Nur einige Schweißtropfen auf seinem blanken Kugelkopf verrieten, dass er die Rekonvaleszenz eben erst hinter sich gebracht hatte. Die neue Haut auf seiner Rückenpartie wirkte noch etwas blass, war aber bereits voll integriert.

Er grinste Barry an. „Ah, noch einer, der etwas für seine Gesundheit tun will. Versuche es doch mal mit der Hantel da, die solltest du doch wenigstens schaffen.“

Der Freund winkte nur ab, er war an diesem Morgen nicht zu sportlichen Höchstleistungen zu animieren. Sein Schlaf war nur kurz gewesen, und bei Zeller war es nicht nur bei zwei Drinks geblieben. Seine Zunge war pelzig, sein Kopf brummte leicht, aber wenn zwei alte Freunde zusammenkamen, blieb das meist nicht aus. So beschränkte er sich auf leichte Übungen und suchte schon zehn Minuten später die Duschkabine auf.

Dort kam er erheblich frischer heraus, und1 das Frühstück schmeckte schon wieder ausgezeichnet. Während der Mahlzeit unterrichtete er die anderen, die schon geschlafen hatten, als er an Bord gekommen war.

Jarl Luden wiegte den Kopf. „Du hast da etwas viel riskiert, Barry. Schließlich hattest du Zeller ewig nicht mehr gesehen, und inzwischen konnte er auf eine ganz andere Linie umgeschwenkt sein. Geld verdirbt bekanntlich die besten Charaktere, und wer so viel verdient wie die illegalen Pyranithändler, kann damit sehr freigebig sein.“

Barry zuckte mit den Schultern. „Ich komme zwar nicht an dich heran, aber etwas Menschenkenntnis besitze ich schließlich auch. So habe ich Cass vertraut, und das Ergebnis hat meine Ansicht bestätigt. Im Laufe des Vormittags werden wir jene Auszüge der Frachtlisten bekommen, die uns interessieren, und dann sehen wir weiter.“

Kurz vor Mittag rief dann Cass Zeller an.

„Du bist ja gut ins Schiff gekommen, wie ich sehe“, lächelte er Barry zu. „Ich hatte da einige Sorgen, denn sehr standfest warst du nicht mehr; Leila hat sich köstlich amüsiert, und unsere Tochter läuft heute mit ganz verträumten Augen herum. Beide lassen dich grüßen.“

Clayborn dankte und wusste, dass diese Bemerkungen nicht allzu ernst zu nehmen waren. Sie dienten mehr als Verbrämung für die eigentlich wichtigen Dinge, die dadurch gewissermaßen auf ein Nebengleis geschoben wurden. Der Kommandant eines Raumhafens war ein wichtiger Mann. Folglich war nicht auszuschließen, dass bestimmte Kreise sich für seine Funkgespräche interessieren konnten. Es gab eine Unmenge von raffinierten Methoden zum Abhören, keiner wusste das besser als Barry Clayborn.

Er antwortete in ähnlich leichtem Tonfall und schlug eine — natürlich nicht ernst gemeinte — neue Einladung Zellers aus. „Tut mir leid, Cass, ich kann wirklich nicht länger bleiben. Geschäft ist Geschäft, ich muss ja schließlich meine Leute und das Schiff über die Runden bringen. Moment, da fällt mir noch etwas ein: Ich habe diese Nacht bei dir eine kleine Kassette vergessen. Kannst du sie mir ins Schiff schicken, bevor wir wieder starten?“

Cass Zeller nickte. „Wir haben sie schon entdeckt, George, sie liegt hier vor mir auf dem Tisch. Ich schicke gleich einen Boten, okay?“

Der Commander dankte, beide droschen noch eine Weile lang die üblichen Phrasen von Freundschaft und späterem Wiedersehen. Eine Viertelstunde später traf der Bote ein.

Jarl Luden wog das winzige Päckchen in der Hand. „Zellers Nachforschungen scheinen doch nicht sonderlich ergiebig gewesen zu sein“, bemerkte er, als er die Verpackung aufriss. Im nächsten Moment erkannte er seinen Irrtum. „Sieh an, das sind ja Mikrofilme! Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Auf also, an die Arbeit.“

Er musste aber bald erkennen, dass diese Aufgabe für ihn und seine Mitarbeiter viel zu umfangreich war, um in annehmbarer Zeit bewältigt werden zu können. Cass Zeller hatte gründlich gearbeitet, die Filme enthielten eine Unmenge endlos erscheinender Frachtlisten. Luden nahm sie bald wieder aus dem Wiedergabegerät und schüttelte den Kopf.

„So kommen wir nicht weiter, Barry. Wenn wir das alles selbst machen wollen, sitzen wir morgen noch hier und haben vermutlich doch noch einiges übersehen. Ich werde den Computer für diese Aufgabe einspannen.“

Er ließ die Filme durch einen Adapter laufen und direkt in den Computer überspielen, nachdem er diesem die entsprechenden Aufgaben gestellt hatte. Das Rechengehirn bewältigte die Arbeit mühelos. Es wusste, worauf es ankam, sortierte alles Unwichtige aus und berücksichtigte nur jene Dinge, die in das vorgegebene Schema passten. Schon nach wenigen Minuten druckte es eine verhältnismäßig kurze Liste aus, und die Männer überflogen sie gespannt.

Die Spur führte nach Merun.

Von diesem Planeten erhielt der Chambode Dar Salmas in Brimbane, Import- und Export-Agentur, in ziemlich regelmäßigen Abständen die bekannten kleinen Päckchen. Es handelte sich stets um zehn Stück, die als Schmucksachen der mittleren Preisklasse deklariert und entsprechend verzollt wurden. Auffallend war, dass er jeweils eines davon am nächsten Tage nach Lermo weitergeschickt hatte, unter anderem auch jenes mit dem Kennzeichen GSP 731/447!

„Dann dürfte ja alles klar sein“, kommentierte Barry Clayborn lakonisch. „Absender ist stets ein gewisser Dan Melrose, ein Mensch also, kein Chambode, der in Darbone auf Merun ebenfalls eine Handelsagentur betreibt. Veem, wo liegt Merun?“

Der Pilot hatte schon im Handbuch nachgeschlagen. „Neunzehn Lichtjahre von hier weg, Barry. Ein relativ unbedeutender Planet, ziemlich dünn besiedelt, denn er ist ausgesprochen heiß. Kurs dorthin?“

„Was sonst?“, knurrte der Commander, denn nun hatte ihn das Jagdfieber gepackt. War Merun die geheime Fundstätte der geschmuggelten, kostbaren Kristalle? Das war durchaus möglich, wenn diese Welt wirklich kaum bewohnt war.

Wenig später startete die Mordain vom Raumhafen Brimbane. Neunzehn Lichtjahre waren zurückzulegen, das bedeutete rund zweieinhalb Tage Reisezeit im Überlichtflug. Ob sie dort endlich auf die Urheber des illegalen Pyranithandels stoßen würden?

20

Ein bestimmter Mann auf Lermo hatte Verdacht geschöpft!

Carlo Benotti war zwar nicht sein Freund gewesen — echte Freundschaften zwischen Dunkelmännern gab es naturgemäß nur selten. Immerhin waren ihre Geschäftsverbindungen eng genug gewesen, dass ihr Fortfall einen empfindlichen Verlust für Bram Manners bedeutete; und auch Mall Promig hatte zu seinen Kunden gehört. Manners übereilte jedoch nichts, sondern ließ seine Leute sorgfältig und umfassend recherchieren.

Am Schluss dieser Nachforschungen stand es für ihn fest: Die Männer, die für Benottis Tod verantwortlich waren, waren mit dem Raumschiff Mordain nach Lermonia gekommen und auch wieder abgeflogen. Dieses Schiff war in keinem offiziellen Verzeichnis zu finden, und das verstärkte seinen Argwohn noch. Er schickte Anfragen durch dunkle und geheime Kanäle, und als er die Antwort erhielt, war er geschockt.

Die Mordain war der Raumer von Barry Clayborn — und Clayborn war ein Freier Terranischer Agent ...!

Er war nach Galsop geflogen, nach jener Welt also, von der Benotti die Lieferungen der kostbaren Kristalle erhalten hatte. Das konnte nur bedeuten, dass er und sein riesiger Begleiter sich bereits auf dieser heißen Spur befanden. Sollte Carlo Benotti selbst ihnen die nötigen Hinweise geliefert haben? Freiwillig hätte er das wohl kaum getan, aber Manners wusste, dass die beiden Männer einige Zeit bei ihm gewesen waren, ehe er starb. Es war also durchaus möglich, dass sie das Geheimnis aus ihm herausgequetscht hatten, um ihn dann umzubringen.

Wie sie es erfahren hatten, spielte jedoch keine große Rolle. Sie wussten es, und das war schlimm genug. Bram Manners hatte zu jenen Männern gehört, die Benotti Kunden zugeführt und dafür reiche Provisionen eingestrichen hatten. Flog nun der ganze Handel auf, war zu befürchten, dass diese Verbindung ans Tageslicht kam. Dann konnte Terra Control bei den Behörden von Lermo einen Auslieferungsantrag stellen, dem zweifellos auch stattgegeben werden würde, denn Manners war ein Bürger der terranischen Sphäre.

Das hätte sein Ende oder zumindest langes Straflager bedeutet; vermutlich für den Rest seines Lebens, denn Manners war nicht mehr der Jüngste. Also gab es für ihn nur die eine Lösung, sein Schicksal zu wenden: Barry Clayborn und seine Begleiter mussten sterben!

Bisher hatte sich Manners Zeit gelassen. Als er aber mit seinen Überlegungen an diesen Punkt gekommen war, begann er, sehr rasch zu handeln.

Manners ließ den Schiffsführer zu sich kommen und setzte ihm die Lage auseinander. Jens Nivel war weitgehend in seine dunklen Geschäfte eingeweiht, mit ihm konnte er offen reden.

„Ich stecke in der Klemme, Jens! Du weißt, was mit Benotti geschehen ist, und auch mir kann es an den Kragen gehen, weil ich einer seiner Zubringer war. Ich habe nachgeforscht und weiß jetzt, wer hinter all dem steckt. Er ist inzwischen nach Galsop geflogen, um dort nach weiteren Spuren zu suchen. Findet er sie, bin ich erledigt, und du bist deinen einträglichen Job los! Deshalb sollst du ihm schnellstens nachfliegen, sein Schiff angreifen und vernichten, klar?“

Nivel überlegte eine Weile und nickte dann zögernd.

„Nun ja, versuchen könnte man es schon. Wenn wir ihm irgendwo auflauern und das Schiff dann plötzlich überfallen, stehen die Chancen gar nicht so schlecht. Können Sie mir sagen, wo wir ihn finden können?“

„Die Mordain ist gestern von hier aus nach Galsop gestartet“, erklärte Manners eifrig. „Sie wird also erst morgen dort ankommen, vermutlich mitten in der Nacht. Clayborn muss bis zum Morgen warten, ehe er mit seinen Nachforschungen beginnen kann, und diese werden auch einige Zeit erfordern. Ihr könnt also in jedem Fall rechtzeitig dort sein und euch in der Nähe des Planeten auf die Lauer legen. Wenn ihr den Funkverkehr des Hafens überwacht, kann euch sein Start nicht verborgen bleiben, und dann habt ihr ihn!“

21

„Mach schneller, Veem!“, forderte Commander Clayborn. „In jeder Stunde, die ungenutzt verstreicht, kann etwas passieren, das uns entgegenwirkt. Wir können nichts davon erfahren, wenn wir uns im Überlichtflug befinden, aber es kann sich sehr unliebsam bemerkbar machen, wenn wir auf Merun ankommen.“

Veem Chemile hatte die Steuerung dem Computer übergeben und widmete sich nun dem Ortungsgerät. Die Mordain verfügte über besonders hochwertige Anlagen, die noch nicht einmal die terranische Kriegsflotte besaß. Nur einige Schaltungen und Korrekturen, dann schoss das fremde Schiff förmlich heran und füllte bald den ganzen Bildschirm aus.

Kaum zwanzig Sekunden später hatten sie ihn voll im Bild, und augenblicklich herrschte in der Zentrale der Mordain voller Alarmzustand.

„Keine Abzeichen, kein Namen!“, stieß Barry Clayborn erregt hervor. „Das sagt alles, und in spätestens einer Minute müssen sie auf Schussweite heran sein ... Penza, schnell in den Geschützturm! Und du kannst jetzt beweisen, was dein verbesserter Schutzschild wert ist, Jarl!“

Es war eine perfekte Arbeitsteilung. Veem Chemile achtete auf die Steuerung, stets bereit, blitzschnell zu reagieren, wenn es erforderlich war. Barry Clayborn behielt das fremde Schiff im Auge, während Saratow an den Abschussknöpfen der Sprom-Kanone und des großen Dione-Strahlers saß. Die wichtigste Aufgabe kam jedoch dem Professor zu.

Schon vor längerer Zeit hatte er mit Experimenten begonnen, um der Mordain ein Höchstmaß an Sicherheit gegen kosmische Einflüsse jeder Art und Beschuss sowohl mit Projektilen als auch mit Strahlen zu geben. Besondere Projektoren errichteten ein kombiniertes Schirmfeld um das Schiff, das durch ein Gitternetz aus hochwertigen Metalllegierungen geleitet wurde. Durch die rätselhaften Gleichungen des verrückten Professors Hygen war er auf diese Spur gebracht worden und hatte sie konsequent weiter verfolgt.

Mit einigem Erfolg, doch damit war er nicht zufrieden gewesen, er liebte die Perfektion. So hatte er sogar seine geliebten Forschungen über die uralte verschollene Rasse der Zheltyana zurückgestellt und sich in den kurzen Pausen zwischen den Einsätzen des Agentenschiffes diesem Problem gewidmet. Nun besaß die Mordain Anlagen, die sie theoretisch gegen jeden Angriff schützen konnten. Nur die praktische Erprobung stand noch aus, weil Elias Weyburn ihm nicht mehr die Zeit dazu gelassen hatte.

Trotzdem hatte er keine Zweifel. Seine schmalen Finger huschten über Schalter und Sensorknöpfe, und zwei starke Konverter wurden augenblicklich hochgefahren. Ungeheure Energien flossen von ihnen aus in das Gitternetz, Spannungszeiger zitterten dicht vor dem roten Warnbereich. Rein theoretisch musste die Mordain jetzt sogar gegen den Beschuss durch Projektile mit atomaren Sprengköpfen gesichert sein — doch wie mochte das in der Praxis aussehen ...?

„Alle Geschütze klar!“, kam Penza Saratows Stimme gehetzt aus dem Lautsprecher. „Soll ich feuern, Barry?“

„Noch nicht!“, wehrte der Commander ab. „Das Schiff hinter uns ist wohl in höchstem Maße verdächtig, aber ein Verdacht allein genügt nicht. Wenn wir es zerstören und dabei Unschuldige sterben müssen, wird das höchst peinlich für uns.“

„Noch eine Minute bis zum Übergang in den Hyperflug“, klang Veem Chemiles Stimme auf. „Wenn die Fremden nicht schneller werden, können wir es noch schaffen. Sobald wir auf Überlicht sind, können sie uns nichts mehr anhaben.“

Doch das schienen inzwischen auch die Verfolger begriffen zu haben. Die Maschinen der Mordain arbeiteten längst mit der höchsten zulässigen Belastung — oder vielmehr Überlastung! — aber sie folgten ihrem Beispiel. Jens Nivel war nicht umsonst früher ein erstklassiger Pilot bei MOLUH gewesen, und er hatte in der Zwischenzeit nichts verlernt. Unerbittlich schob sich sein Schiff näher an den Raumer der Agenten heran, und dann kam sein Befehl:

„Feuer frei!“

In das Brüllen und Tosen weit überlasteter Aggregate mischte sich ein zusätzliches Kreischen, als das Strahlgeschütz in Aktion trat. Ein gleißend heller Energiefinger schoss hinüber zur Mordain, und er traf sie voll am Heck.

Barry Clayborn und seine Gefährten hielten unwillkürlich die Luft an, als ihr Schiff zu bocken und zu schlingern begann. Es befand sich längst im relativistischen Geschwindigkeitsbereich, und darin konnte jede Anomalität unabsehbare Folgen haben! Doch der Schutzschild hielt und wehrte die Energien des Dione-Treffers mühelos ab. Sie wurden abgeleitet und verloren sich im Raum, aber nun kannte der Commander keine Rücksichtnahme mehr.

„Penza — Sprom-Kanone Feuer frei! Nur normale Geschosse, keine Atomköpfe, klar?“

„Klar“, versicherte der Riese von Droom, und dann schüttelte sich die Mordain erneut unter dem Rückstoß. Sekunden später glutete hinter dem Schiff ein Feuerball auf, und die Bildschirme verdunkelten sich automatisch, als der Raumer der Verfolger in einer gewaltigen Explosion verging.

Bram Manners würde vergeblich auf die Rückkehr und Erfolgsmeldung seines Mordkommandos warten müssen ...

Die Mordain aber stabilisierte ihren Flug sofort wieder, die freigesetzten Energien blieben weit hinter ihr zurück, weil sie keine weitere Beschleunigung mehr bekamen. Eine knappe halbe Minute später ging das Schiff in den Überlichtflug über, und die vier Männer lehnten sich erleichtert zurück. Sie waren jetzt sicher auf dem Kurs nach Merun, und nichts konnte sie mehr aufhalten.

22

Die Zauberer hielten Wort: Ova kehrte zurück!

Barlog stand vor der Zugbrücke und sah ihr entgegen. Seine Gefühle waren leicht zwiespältig, doch die Freude überwog bei Weitem. Nun sollten die einsamen Tag endlich ihr Ende finden, die normale Ordnung wieder in der Burg Einzug halten.

Allerdings hatte er länger warten müssen, als den von Herb Froman versprochenen Tag. Am Morgen nach seinem ersten Besuch war der junge Zauberer noch einmal zu ihm gekommen. Er hatte erklärt, Ova bereite Schwierigkeiten, die aber ohne Weiteres beseitigt werden könnten. Die Zauberer würden die Frau mit in ihren Heiligen Berg nehmen und ihr dort eine geheime Behandlung zuteil werden lassen.

Barlog, dem seine Niederlage vom Vortag noch in den Knochen gesteckt hatte, hatte ihn misstrauisch angesehen. Er fürchtete neue Winkelzüge, Demütigungen und Forderungen, aber Herb Froman hatte abgewinkt.

„Keine Sorge, Barlog, was wir tun wollen, geschieht nur in deinem Interesse. Ova zürnt dir noch immer, die Erinnerung an die Affäre mit Grisa ist noch zu frisch. Deshalb soll sie mit uns kommen — wir werden ihr diese Erinnerung nehmen! Wenn sie dann zu dir kommt, wird sie nichts mehr von eurem Streit wissen. Sie wird der Meinung sein, nur einen Besuch bei ihrem Vater gemacht zu haben, und alles wird wie früher sein.“

Ob das stimmen mochte?

Ova kam nicht allein, ein Zauberer begleitete sie. Er ging zu Fuß, hielt aber mühelos mit ihrem Pferd Schritt; fast war es, als schwebe er über dem Boden. Diesmal war es ein älterer Mann mit grauem Haar, den Barlog flüchtig kannte. Vor der Zugbrücke hielten sie an, und eine Magd half Ova vom Pferd.

Der Burgherr wollte auf sie zutreten, aber der Mann vom Heiligen Berg ergriff ihn am Arm und zog ihn zur Seite.

„Ein paar Worte noch, Barlog: Deine Frau wird vielleicht in den ersten Tagen noch etwas sonderbar sein, doch das hat nicht viel zu sagen. Der Zauber, den wir über ihren Geist legen mussten, wirkt noch eine Weile nach. Tue so, als würdest du es nicht bemerken, behandle sie gut, dann kommt alles wieder von selbst in Ordnung. Hast du alle Vorkehrungen getroffen, die dir Herb Froman empfohlen hat?“, flüsterte er.

Barlog nickte, und nun wandte sich der Zauberer Ova zu.

„Es war mir eine Freude, Euch begleiten zu dürfen, Burgherrin. Jetzt seid Ihr wohlbehalten wieder bei Eurem Gatten angelangt, erlaubt mir also, mich zu verabschieden. Ich wünsche Euch viele schöne und glückliche Tage.“ Ova nickte ihm wohlwollend zu, entgegnete jedoch nichts. Sie schien tatsächlich etwas geistesabwesend zu sein und sah sich um, als wäre sie zum ersten Male auf der Burg. Auch als Barlog sie nun in die Arme schloss und einen Kuss auf ihre Stirn drückte, hielt sie nur still, zeigte aber keine Regung.

Der Burgherr warf dem Zauberer über ihre Schulter hinweg einen fragenden Blick zu, aber der Mann vom Heiligen Berg nickte nur beruhigend und wandte sich zum Gehen. Wenn er das alles für richtig hielt, musste es wohl auch so sein, also ergriff Barlog die Initiative.

„Komm, Frau, das Gesinde erwartet dich schon. Du warst lange fort, sie werden sich freuen, dich wiederzusehen. Wie geht es deinem Vater?“

„Danke, gut. Er lässt dich grüßen“, sagte Ova monoton. Tippo war herangekommen, um ihr Pferd in den Stall zu führen, und sah sie scheu von der Seite her an. Auch er fühlte ihre Veränderung, hütete sich aber, sich das irgendwie anmerken zu lassen. Auf Herb Fromans Geheiß hin hatte Barlog dem Personal eingeschärft, sich entsprechend zu verhalten.

Das taten nun auch die anderen Mädge und Knechte, die Zofen und Kammerfrauen, die von einem Tage zum anderen wieder in die Burg zurückgekehrt waren. Barlog hatte sie zwar unmutig, aber schweigend wieder aufgenommen. Nun hatten sie auf dem Innenhof Aufstellung genommen, um die Herrin zu begrüßen. Sie freuten sich ehrlich, aber Ova nahm kaum Kenntnis davon, als sie in Hochrufe ausbrachen.

Eine Handbewegung Barlogs ließ sie wieder an ihre Arbeit gehen. Er selbst legte einen Arm um ihre Hüfte und führte sie zu ihren Gemächern. Als sie dort angekommen und allein waren, wollte er sie an sich ziehen und küssen. Doch nun musste er eine gewaltige Überraschung erleben.

Urplötzlich war seine Frau wie umgewandelt. „Wage es nicht, mich anzurühren!“, fauchte sie und entwand sich seinem Arm. Mit blitzenden Augen stand sie vor ihm, das ovale Gesicht unter dem langen, blonden Haar zeigte Zorn und Entrüstung. „Glaubst du wirklich, ich hätte alles vergessen, was du mir angetan hast, du Lüstling?“

Der Burgherr stand da, wie vom Donner gerührt, keines klaren Gedankens fähig. Das war die alte Ova, lebendig und kratzbürstig wie früher — wie war das nur möglich ...?

„Aber ... aber die Zauberer — sie haben doch ....“, stotterte er fassungslos. Ova lachte laut und misstönend auf.

„So, sie haben?“, spottete sie, die runden Arme in die Hüften gestützt. „Sieh an, Barlog, sind sie plötzlich deine Freunde geworden? Du konntest sie zuvor nie leiden und hast dich immer gegen ihre Vorschläge gesträubt. Haben sie dich jetzt auch schon kirre gemacht?“

Zorn wallte in dem Burgherrn auf, als er sich so verspottet sah. „Sie sind nicht meine Freunde!“, schrie er unbeherrscht auf. „Ja, ich habe ihnen endlich nachgegeben, aber warum habe ich das getan? Weil ich dich zurückhaben wollte, Weib! Ich habe ihnen die Ländereien nur überschrieben, weil sie mir versprachen, dich wieder auf die Burg zu bringen. Du solltest alles Gewesene vergessen, alles sollte wieder wie früher sein ...“

Er unterbrach sich abrupt und hätte sich am liebsten selbst die Zunge abgebissen. Das alles hätte Ova nie erfahren dürfen, er hatte es Herb Froman hoch und heilig versprechen müssen. Doch nun war es aus ihm herausgebrochen, und Worte hatten die fatale Eigenschaft, nicht mehr zurückgenommen werden zu können. Jetzt hatte er alles verdorben ...

Mit hängenden Armen stand, der große, starke Mann da, fast den Tränen nahe. Doch nun erlebte er eine zweite große Überraschung, eine zweite erstaunliche Verwandlung seiner Frau!

Mit einem Schlage verschwanden Spott und Überlegenheit aus ihren Zügen. Ihr Gesicht wurde plötzlich ganz weich, sie begann zu lächeln. Dann kam sie heran und legte ihre Arme um seinen Hals.

„Danke, Barlog!“, flüsterte sie in sein Ohr. „Jetzt weiß ich, dass du mich wirklich liebst, dass dich auch eine Grisa nicht von mir entfremden konnte. Du hast die Ländereien geopfert, an denen dein Herz so hing, um mich zurückzubekommen. Ich wusste das schon, aber ich wollte es von dir selbst hören. Nur deshalb habe ich dich so gereizt, dass du dich sogar über die Verbote der Zauberer hinweggesetzt hast. Es waren schwere Tage ohne dich, aber jetzt haben sie ein Ende. Komm mit mir, Liebster ...“

23

Sie lagen nebeneinander, ermattet, aber glücklich. Schließlich richtete sich Barlog halb auf und grinste seine Frau an.

„Was werden sich unsere Leute nur denken? Heute früh habe ich ihnen noch eingeschärft, deine etwaigen Launen und Absonderlichkeiten widerspruchslos hinzunehmen. Sie wären Folgen einer Erkrankung, von der dich die Zauberer mit großer Mühe geheilt hätten. Wie sollen sie sich nun erklären ...“

„Überhaupt nicht, Barlog!“ Ova sah ihn an, aus ihren Augen sprach tiefster Ernst. „Du wirst dich damit ab finden müssen, dass deine Frau noch einige Wochen lang wirklich ein seltsames Wesen an den Tag legt. Zumindest nach außen hin“, schränkte sie ein, als sie sein betroffenes Gesicht sah. „Wenn wir allein sind, werde ich ganz anders sein.“

Der Burgherr schüttelte verständnislos den Kopf.

„Jetzt begreife ich gar nichts mehr, Ova. Warum willst du eine solche Komödie spielen, bei der du dich doch nur selbst demütigen musst? Niemand kann doch etwas dabei finden, wenn du schneller als erwartet wieder ganz gesund bist.“

„Doch — die Zauberer!“, widersprach ihm seine Frau. „Barlog, du hast sie nie leiden mögen und dich dadurch in den Augen der meisten Adligen von Cornveld lächerlich gemacht. Auch ich habe das nie ganz verstehen können, das weißt du. Inzwischen war ich aber drei Tage bei ihnen im Heiligen Berg, und diese Tage haben vieles verändert. Ich weiß jetzt, wie und was sie in Wirklichkeit sind!“

Barlog zog eine Grimasse.

„Das habe ich schon immer gewusst, Ova. Sie sind hinterhältige Scharlatane, die nach außen hin so tun, als wollten sie nur unser Bestes. Sie bieten den Leuten von Cornveld gewisse Vorteile, aber sie tun es nur, um sich selbst zu bereichern. Schon jetzt gehören ihnen, große Ländereien in weitem Umkreis, auf denen seltsame Dinge geschehen. Am Tage ist dort alles ruhig, aber nachts blitzen Lichter auf und ertönen nie gehörte, fremde Geräusche. Diese Männer aus einem fernen Land ...“

„Nicht aus einem fernen Land“, flüsterte Ova, als fürchte sie, belauscht zu werden. „Das sagen sie wohl, aber es stimmt nicht. Sie stammen überhaupt nicht von Cornveld!“

Der Burgherr schüttelte den Kopf, denn das ging über seinen Horizont. „Jetzt redest du Unsinn“, knurrte er. „Sie sind mit einem Schiff über das Meer gekommen, um den Heiligen Berg zu besuchen, das ist alles.“

„Das sagen sie — aber woher wussten sie überhaupt, dass es hier diesen Berg gibt? Niemand von uns ist je über das Meer gefahren, und sie waren nie zuvor hier. Nein, Barlog, sie haben uns von Anfang an belogen. Sie sind zwar mit einem Schiff gekommen, aber nicht über das Meer, sondern von viel weiter her — von jenseits der Sterne!“

„Was sagst du da?“, fragte Barlog entgeistert. „Das ist doch blanker Unsinn, Weib. Die Sterne und der Große Silberfleck sind nur ferne Lichter am Himmel, wie könnte dort jemand wohnen? Die Götter vielleicht, wie es die Priester im Tempel sagen; nie aber Menschen, denn das sind sie trotz allem doch.“

Nun richtete sich auch Ova auf. Der Anblick ihres Körpers interessierte den Mann weit mehr als diese sinnlose Unterhaltung, doch als er nach ihr greifen wollte, entzog sie sich ihm mit einer raschen Bewegung.

„Ich weiß, wovon ich rede, Barlog. Sie haben mich zu sich geholt und mir etwas eingegeben, damit ich nicht begreifen sollte, was ich dort sah. Doch dieses Mittel hat nicht richtig gewirkt, ich blieb meiner Sinne mächtig. Das konnte ich aber geschickt verbergen, und so haben sie in meiner Gegenwart völlig unbefangen geredet. Ich konnte nicht alles verstehen, denn sie benutzen untereinander eine Sprache, die erheblich anders klingt als die unsere, aber das meiste habe ich doch begriffen. So war ich auch nicht mehr sonderlich überrascht, als ich dann in der Nacht das Schiff sah, das von den Sternen kam.“

„Ein Schiff von den Sternen ...“, murmelte Barlog, aber Ova achtete gar nicht darauf. Sie sprach schnell weiter, wie jemand, der sich eine schwere Last vom Herzen reden will.

„Ein großes Schiff, Barlog, ganz aus Eisen und viel höher als der Turm unserer Burg. Der Heilige Berg ist innen hohl, viele Häuser stehen darin, und es gibt ein dauerndes Licht, so hell wie das der Sonne. Ich stand am Fenster und sah, wie im Berg ein großes Tor aufging, und durch dieses kam das Schiff herein! Es glitt langsam zu Boden wie ein Vogel, dann ging an seiner Seite eine Klappe auf und eine Leiter kam herunter. Über sie kamen Menschen aus dem Schiff — aber nicht nur Menschen! Es waren auch einige fremde Geschöpfe darunter, zwei von ihnen ähnelten großen Vögeln ohne Flügel. Einer wieder sah entfernt so aus wie die Drachen unserer Welt. Es waren jedoch keine Tiere, denn sie trugen Kleider, und sie sprachen mit den Zauberern, und ich konnte sie verstehen ...“

Sie unterbrach sich, und ein Schluchzen begann ihren Körper zu schütteln. Barlog zog sie in seine Arme und streichelte sie, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Dann sah sie aus tränenfeuchten Augen zu ihm auf.

„Glaube mir, Barlog, das alles ist wirklich wahr! Ich habe es gesehen, und ich weiß, was ich sage, wenn es auch für dich unglaublich klingen mag. Mir saß der Schreck in allen Gliedern, aber niemand achtete auf mich, weil alle glaubten, dass das Mittel wirkte. Sie sprachen sehr abfällig von uns und nannten uns Barbaren, was immer das auch sein mag. Sie sind nur hier, weil sie die bunten Kristalle brauchen, die es bei ihnen auf ihren fernen Welten nur selten gibt, bei uns aber im Überfluss. Du weißt, was ich meine?“

Der Burgherr nickte, und allmählich begann er, seiner Frau zu glauben. Ova war in manchen Dingen klüger als er, schließlich hatte sie auch die Tempelschule in der Stadt besucht. Vielleicht gab es wirklich irgendwo zwischen den Sternen noch andere Welten; vielleicht war dort auch Wasser, durch das man mit Schiffen bis nach Cornveld gelangen konnte? Es klang zwar unglaublich — aber war nicht so vieles unglaublich, was die Zauberer vollbrachten?

„Und all diese Menschen, Vögel und Drachen nutzen uns nur aus, wenn ich dich richtig verstehe“, sagte er ergrimmt. „Sie sind also nur Händler, die es durch ihren falschen Zauber dazu bringen, zu Reichtümern zu gelangen. Ich hatte also schon immer recht, als ich ihnen misstraute! Doch sprich weiter, was haben sie noch mit dir getan?“

„Oh, sie haben mich nicht schlecht behandelt, wenn du das meinst. Ich bekam genug zu essen, meist sogar gute Dinge, die es bei uns gar nicht gibt. Man gab mir aber auch noch weitere Mittel ein — zumindest glaubte man das, aber ich habe nur wenig davon genommen! Das meiste konnte ich wegschütten, denn man hat nicht richtig auf mich aufgepasst. Dann musste ich jeden Tag einmal in ein Zimmer mit einem großen Bett, über dem seltsame Gebilde aus Glas und Eisen hingen. Sie wurden an meinem Kopf befestigt, und dann sprach ein Zauberer lange auf mich ein. Er sagte mir genau, was ich später hier zu tun hätte, und was ich alles vergessen sollte, und er glaubte, dass das wirken würde. Es hat nicht gewirkt, weil ich die Mittel nicht eingenommen habe; aber das brauchte er ja nicht zu wissen, nicht wahr?“

Jetzt konnte Barlog schon wieder grinsen. „Ich habe eben doch eine nicht nur schöne, sondern auch kluge Frau“, sagte er mit ehrlicher Überzeugung. „Ova, es tut mir wirklich leid, dass ich Grisa . . aber die Versuchung war groß, und ich bin eben nur ein Mann.“

Dann aber straffte sich seine Gestalt, seine Züge nahmen einen grimmigen Ausdruck an. „Das sollen sie mir büßen, diese Scharlatane! Sobald wie möglich werde ich meine Männer zusammenrufen, und dann sollen unsere Schwerter sprechen. Wir werden den Heiligen Berg stürmen und alle Zauberer und anderen Wesen erschlagen oder wenigstens verjagen! Cornveld soll wieder eine Welt der Menschen werden, wie es früher war.“

„Nein!“, sagte Ova entschieden. „Barlog, du wirst nichts dergleichen tun, denn es wäre unser aller Ende. Wir haben nur Schwerter und Lanzen, Pfeil und Bogen. Sie aber besitzen Waffen, die Feuer speien, mit denen sie alles verbrennen können. Ich habe selbst gesehen, wie einer von ihnen einen Drachen getötet hat, und viel ist nicht von ihm übrig geblieben. Das würden sie zweifellos auch mit uns tun, wenn wir versuchen wollten, sie anzugreifen. Ich konnte einmal hören, wie einer der Vogelmänner einen Zauberer fragte, warum man uns überhaupt am Leben ließe. Es wäre doch viel einfacher, uns zu beseitigen, dann würden ihnen alle Kristalle gehören.“

„Das hat er gesagt?“, fragte Barlog fassungslos. „Und was haben die Zauberer darauf geantwortet?“

„Er sprach mit dem Großen Meister, einem alten Mann, den alle anderen sehr zu achten scheinen. Der sagte, das käme nicht in Frage, denn wir wären wohl Barbaren, aber immerhin doch Menschen, und es machte ihm Spaß, uns allein mit seinen Kunststücken zu beherrschen. Er sprach noch einiges mehr, aber er gebrauchte Ausdrücke, die ich nicht verstehen konnte. Ich habe jedoch begriffen, dass es auch jemand geben muss, den selbst die Zauberer fürchten. Andere Männer mit ebensolchen Schiffen, die gegen sie kämpfen und es furchtbar rächen würden, wollte man uns töten.“

Der Burgherr hatte sich noch immer nicht beruhigt.

„Man könnte ihnen doch beikommen“, überlegte er. „Wenn wir uns des Nachts auf den Heiligen Berg schleichen und sie im Schlaf überfallen, müssten sie leicht zu besiegen sein.“

Seine Frau schüttelte den Kopf. „Schlage dir diese Gedanken aus dem Kopf, Barlog, ein für allemal. Der Eingang in den Berg liegt mitten in einer steilen Felswand, die niemand bezwingen kann, es sei denn, er könnte fliegen. Die Zauberer können es, so gelangen sie hinaus und hinein. Lass sie doch tun, was sie wollen, Barlog. Sie holen sich hier die Kristalle, aber sie geben uns auch Dinge dafür, die wir gut brauchen können.“

Barlog überlegte noch eine Weile und nickte dann.

„Gut, belassen wir es dabei. Vielleicht kommen eines Tages jene anderen Männer, um sie zu vertreiben, dann wird auf Cornveld wieder Ruhe sein. Und jetzt komm wieder zu mir — ich habe dich so lange entbehren müssen ...“

24

Glenn Serling stöhnte unterdrückt auf und wischte sich die unablässig fließenden Schweißtropfen von der Stirn. Es war heiß auf Merun, und in diesem Sommer war es besonders schlimm. Es hatte den Anschein, als würde die Sonne jedes Jahr etwas feuriger, und das Leben wurde immer schwerer.

Er befand sich auf dem Weg zum Tower des Raumhafens von Darbone, wo er seinen Dienst antreten musste. Seine Tätigkeit dort machte ihm wenig Freude, denn es gab nie viel zu tun. Merun war ein armer Planet weit abseits aller Touristenrouten, nur zweimal im Jahr verirrte sich ein Passagierschiff dorthin. Wären nicht die regelmäßig verkehrenden Frachtraumer gewesen, hätte der Hafen längst schließen können.

Arne Hennig erwartete ihn bereits.

„Dan Melrose war heute wieder unterwegs“, berichtete er, während er seine Sachen zusammenpackte. „Ich hatte vorhin sein Schiff kurz auf den Orterschirmen, ehe es zur Landung ansetzte. Sonst war nichts los.“

Serling hatte sich in dem klimatisierten Kontrollraum des Tower wohlig schnaufend in einen Kontursitz fallen lassen. „Eine Ungerechtigkeit, dass er das darf“, empörte er sich nicht zum ersten Male. „Er ist der reichste Mann hier in Darbone, und ausgerechnet er hat die Genehmigung bekommen, einen privaten Landeplatz zu unterhalten. Warum darf er sich vor der Zahlung der Hafengebühren drücken? Wir könnten das Geld gut für eine neue Hyperfunkanlage brauchen, die alte tut es nicht mehr lange.“

Hennig hob die Schultern und rieb den Daumen am Zeigefinger.

„Er zahlt schon, nur nicht an uns, mein Lieber. Der Präfekt hat eine große Hand, immer offen für solche Liebesgaben. Dan Melrose ist sein bester Freund, und eine Hand wäscht bekanntlich die andere. Mach’s gut, Glenn, und geh vorsichtig mit der Klimaanlage um. Die pfeift auch bald auf dem letzten Loch.“

Glenn Serling winkte ihm zu, ging dann zum Kühlschrank und holte sich eine Limonade. Er warf einen routinemäßigen Blick auf die Orterschirme, trank genüsslich und schaltete dann das Videogerät ein. Gleich darauf schüttelte er missbilligend den Kopf.

„Das Programm wird auch immer schlechter“, beschwerte er sich bei sich selbst. „Die bringen fast nur noch Wiederholungen, und dazu einen Kitsch aus der Mottenkiste, den schon vor zehn Jahren niemand sehen wollte. Aber das ist typisch Merun — die paar Leute, die Geld haben, bringen es anderswo durch, und wir haben das Nachsehen.“

Trotzdem pfiff er anerkennend, als die langen Beine der Hauptdarstellerin des Stückes voll zu sehen waren. „Eine tolle Biene“, setzte er sein Selbstgespräch fort. „Zumindest einmal gewesen. Heute ist sie bestimmt schon Großmutter, so alt ist der Film ...“

Er schrak zusammen, als plötzlich ein brausendes Geräusch zu ihm hereindrang. Unverkennbar ein landendes Raumschiff, und er hatte nur auf das Video geachtet, statt auf die Ortungen! Hastig schaltete er den Apparat aus und stürzte ans Fenster. Natürlich ein Privatschiff — das konnte großen Ärger geben, weil er es nicht angerufen und eingewiesen hatte! Im Geiste sah sich Glenn Serling schon eines schönen, ruhigen Postens enthoben und als Landarbeiter auf den sandigen Feldern draußen vor der Stadt schuften. Und das bei der Hitze — ihm wurde bei diesem Gedanken fast schlecht.

Der Raumer setzte dicht vor dem Tower auf, und hastig stolperte Serling die Treppe hinunter und ins Freie. Die heiße Luft nahm ihm fast den Atem, aber den beiden Männern, die eben die Gangway herunterkamen, ging es nicht viel besser. Der eine war groß und athletisch, sah sehr gut aus und trug einen schwarzen Anzug mit goldenen Verzierungen. Der andere überragte ihn noch, war fast so breit wie groß und hatte einen Kugelkopf mit spiegelnder Glatze. Er trug einen weiten, farbenfreudigen Anzug und wirkte wie ein feister Snob.

Glenn Serling stufte ihn instinktiv als den Besitzer des Schiffes ein, den anderen als den Piloten. Er war sehr überrascht, als der Schwarzgekleidete das Wort ergriff, als sie herangekommen waren.

„Nicht viel los hier, wie?“, bemerkte Barry Clayborn in leichtem Plauderton. „Dürfen wir hereinkommen, Mister? Die Hitze hier trocknet einem ja den Verstand aus.“

Der Hafenbeamte atmete auf, denn diese Leute schienen sehr umgänglich zu sein. „Natürlich, Sir, kommen sie nur. Merun ist zwar eine arme Welt, aber zu einer Klimaanlage für uns hat es doch gereicht.“

Er nannte seinen Namen und bot den unvermuteten Gästen von seiner Limonade an. Sie tranken, und der Riese ließ die Blicke über die technischen Einrichtungen der Kontrollanlagen wandern. Schon nach wenigen Sekunden verzog er missbilligend das Gesicht.

„Mann, was haben Sie denn hier für ein Sammelsurium uralter Apparaturen?“, schnaufte er empört. „Bei dem Anblick dreht sich einem ja das Herz im Leibe herum. Alles schon hundert Mal repariert — und wie! Man sollte ...“

„Lass das jetzt, Penza“, rügte ihn der Commander, der Saratows Tick für Perfektion im Übermaß kannte. „Mister Serling, wir hätten gern eine Auskunft von ihnen. Wir müssen zu einem Dan Melrose drüben in Darbone und hätten zuvor gern etwas über ihn gewusst. Was ist das für ein Mann?“

Glenn Serling verzog das Gesicht. Melrose war ihm denkbar unsympathisch, in seinen Augen war er ein Ausbeuter und Halsabschneider. Das traute er sich natürlich nicht zu sagen, denn diese Leute waren ja vermutlich gekommen, um mit dem Händler Geschäfte zu machen. Er versuchte es also mit Diplomatie.

„Oh, er ist ein sehr geachteter Mann, Sir. Der Reichste hier am Ort und ein guter Freund des Präfekten. Seine Verbindungen zu anderen Planeten sind die besten, er besitzt ein eigenes Raumschiff, und ...“

„Stopp, Mister Serling“, unterbrach ihn Barry Clayborn, der sehr gut in anderen Gesichtern zu lesen verstand. „Was Sie da sagen, ist vermutlich nicht aufschlussreicher als Melroses Steuererklärung. Ich will aber keine Gemeinplätze hören, sondern die Wahrheit über diesen Mann wissen, verstehen Sie?“

Sein Gesicht hatte sich verhärtet, und Glenn Serling kroch unwillkürlich in sich zusammen. Nein, diese beiden waren keine Händler, das stand für ihn jetzt fest. Auch das Gesicht des Riesen zeigte nun den gleichen harten Ausdruck, es wirkte wie das eines erbarmungslosen Jägers. Plötzlich begriff Serling alles.

„Sie sind von der Raumpolizei?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, und der Commander nickte.

„So ähnlich, Glenn. Wir verfolgen eine heiße Spur, und sie führt nach Merun und zu Dan Melrose. Sie sitzen hier in einer Schlüsselstellung und können uns vermutlich viel über ihn erzählen. Also bitte keine Ausflüchte, betrachten Sie das als ein amtliches Verhör! Wir wollen alles wissen, vor allem über seine dunklen Punkte. Er besitzt ein Raumschiff, sagten Sie. Wohin fliegt er gewöhnlich damit, wie lange bleibt er weg, was wird damit, transportiert? Heraus damit!“

Bei Glenn Serling brach eine Schranke.

Er hatte eine für Merun relativ gute und bequeme Stellung, brauchte sich kaum zu plagen und weit weniger zu schwitzen als die meisten anderen. Trotzdem war er ein armer Hund, das wusste er. Sein Traum war schon immer gewesen, einmal Merun zu verlassen und auf einer schöneren Welt ein besseres, wirklich menschenwürdiges Dasein zu führen. Doch das konnte ihm nie gelingen, solange es Leute wie Melrose gab, die rücksichtslos in die eigene Tasche wirtschafteten, während der Planet so arm blieb, dass niemand genug verdiente, um auswandern zu können.

Und Serling packte aus. Er redete fast eine halbe Stunde lang, sprach sich alles vom Herzen, was sich so lange aufgestaut hatte. Was danach kommen würde, war ihm gleich.

Barry Clayborn steuerte ihn durch geschickte Zwischenfragen, sein Gesicht blieb undurchdringlich. Penza Saratow hörte nur zu, und vor den beiden Agenten erstand das Bild eines Mannes ohne Gewissen. Eines Mannes, der alles tat, dem praktisch nichts zu schmutzig war, wenn es ihm nur Geld brachte.

Dan Melrose hatte seine Finger überall dazwischen. Ihm gehörten die besten Ländereien auf Merun, auf denen er die Leute für einen Hungerlohn schuften ließ. Er kontrollierte auch die Schmuckindustrie, die vor Jahren ein findiger Mann aufgebaut hatte, um dieser Welt neue Impulse zum Aufschwung zu geben. Melrose hatte ihn systematisch ruiniert, sein Geschäft übernommen und zu einer neuen Geldquelle für sich allein gemacht. Er zahlte dem Präfekten von Darbone dicke Schmiergelder — er war praktisch der Herr dieser Welt.

Dazu kamen noch die häufigen Flüge mit seinem Schiff, über die es keine Kontrolle gab, weil er seinen eigenen Hafen besaß. Glenn Serling hatte, weil es für ihn so wenig zu tun gab, oft genug die Flugbahn dieses Räumers verfolgt und den Computer heimlich dazu benutzt, seinen Kurs zu berechnen.

„Die meisten Flüge führen in Richtung des radioaktiven Nebels etwa zwanzig Lichtjahre von hier, Sir. Was er dort will, mag der große Raketengott wissen. Dort gibt es keine bewohnte Welt, und die Strahlungen des Nebels stören die Navigation erheblich. Es ist aber auffallend, dass er immer bald nach seiner Rückkehr eine Anzahl von Päckchen nach Lermo bei uns aufgibt, die dann mit dem nächsten Frachter abgehen. Das geht jetzt schon fast zwei Jahre lang so.“

Barry Clayborn erhob sich.

„Danke, Mister Serling, Sie haben uns sehr geholfen. Wahrscheinlich wären wir auch ohne Ihre Auskünfte weitergekommen, aber so ist es natürlich leichter für uns. Hiermit verpflichte ich Sie zu strengem Schweigen über alles, bis wir mit Melrose fertig sind. Und damit Sie auch wissen, wer ich bin — sehen Sie einmal her!“

Er schob den Jackenärmel hoch und drückte auf eine bestimmte Stelle an seinem Unterarm. Dort wurde eine bis dahin verborgene Tätowierung sichtbar, und Glenn Serling fuhr zusammen.

„Sie sind... Sie sind ein Freier Terranischer Agent ...!“

Commander Clayborn nickte und schob den Ärmel wieder zurück. „So ist es, Glenn. Halten Sie uns die Daumen, dass alles gut abgeht. Dann wird es hier auf Merun wieder anders zugehen.“

Die beiden gingen, und Serling sah ihnen fassungslos nach. Als er sich schließlich erhob, um eine neue Limonade für seine trockene Kehle zu holen, fiel sein Blick auf einen Schein, der dort lag, wo Penza Saratow gesessen hatte. Es war eine Note der Bank von Terra, und der Meruner stöhnte auf.

„Zehntausend Kredits ...!“, las er mit hebenden Lippen und wusste, dass an diesem Tage sein Leben eine entscheidende Wende erfahren hatte. Sein Traum von einem besseren Leben auf einer schöneren Welt würde nicht länger nur ein Traum bleiben.

25

Jarl Ludens Gesicht war skeptisch. Er betrachtete die Folie mit den Kursdaten von Melroses Schiff, die Clayborn mitgebracht hatte, und zuckte mit den Schultern.

„Ich kann nicht garantieren, dass dabei etwas Vernünftiges herauskommt, Barry. Dieser Serling mag so gut sein, wie er will, aber diese Daten müssen zwangsläufig ungenau sein. Du kennst doch auch den Unterschied zwischen Messungen im freien Raum und von der Oberfläche eines Planeten aus. Die natürliche Turbulenz der Atmosphäre spielt eine bedeutende Rolle, auf dieser trockenen Welt kommt noch ein hoher Prozentsatz von Staubteilchen dazu. Von den anderen Dingen wie Dopplereffekt, Aberration und so weiter ganz zu schweigen.“

„Ja, ich weiß, was du sagen willst“, lenkte er ein, als er Barrys Miene sah. „Gut, ich gebe das Ding in den Computer, erwarte aber trotzdem keine Wunderdinge.“

Der Commander nickte nur. „Wir brauchen diese Daten sowieso nur dann, wenn wir mit Melrose nicht ins Reine kommen. Ich denke aber, dass er singen wird, wir werden ihm schon den richtigen Ton angeben. Er ist für uns die Schlüsselfigur, und du kannst dich darauf verlassen, dass wir ihn nicht mit Samthandschuhen anfassen werden. Ist der Gleiter fertig, Penza?“

Saratows Bestätigung knallte aus dem Lautsprecher, und fünf Minuten später waren sie unterwegs zur Stadt.

Diesmal war auch Veem Chemile mit von der Partie. Es war damit zu rechnen, dass Dan Melrose gewisse Vorkehrungen gegen unerwünschte Besucher getroffen hatte. In diesem Fall war es gut, einen Mann von Chemiles Fähigkeiten als Rückendeckung zu haben.

Darbone war etwa vier Kilometer vom Raumhafen entfernt. Die Stadt mochte kaum mehr als 50000 Einwohner haben und wirkte eher wie ein verkommenes Provinznest, nicht wie die Hauptstadt eines Planeten. Alte, graue Häuser, wenig Verkehr, kaum Menschen in den Straßen. Saratow ließ sie links liegen und hielt auf das einzige gepflegte Viertel an der Peripherie zu, wo sich die Oberschicht ihre Domizile errichtet hatte.

Melroses Haus war ein wahrer Palast, von weitläufigen Grünanlagen umgeben. Allein ihre Unterhaltung musste auf dieser trockenen Welt ein kleines Vermögen kosten. An sie schloss sich das Landefeld an, und dort stand auch sein Schiff. Es war eine schnittige Privatjacht, und Penza zog sachverständig die Brauen hoch.

„Ein schneller Kahn, das kann ich euch sagen, fast so gut wie die Mordain. Sechs Martin-Kompakt-Motoren, und auch sonst alles Drum und Dran. Sieh an, bewaffnet ist die Krähe auch, die Blenden für die Geschützöffnungen sind nicht zu übersehen! Wozu braucht ein Händler wohl ein solches Schiff?“

Barry Clayborn sah auf die Detektoren am Armaturenbrett. „Kein Ausschlag, es gibt also keine Überwachungsanlagen. Unser Freund scheint sich hier sehr sicher zu fühlen. Mach dich trotzdem schon mal unsichtbar, Veem.“

„Schon geschehen, Barry.“ Tatsächlich war von Chemile im Fond des Gleiters nichts mehr zu sehen, seine Stimme schien aus der Luft zu kommen. Penza Saratow steuerte das Fahrzeug auf den kleinen Parkplatz vor dem Haus zu. Dort stand nur noch ein weiterer Gleiter, ein Luxusmodell in Rot und Gold.

Clayborn wies auf die protzigen Abzeichen an den Seiten und auf dem Kabinendach.

„Oh, der Herr hat. Besuch, und gleich den Präfekten dieser schönen Welt, wie es scheint! Das trifft sich gut, mit dem Mann hätte ich auch ein ernstes Wort zu reden.“

Saratow setzte den Gleiter so auf, dass im Notfall für einen schnellen Start gesorgt war. Dann stieg er zusammen mit dem Commander aus, und sie sahen sich prüfend um. Beide trugen die übliche Kleidung, die sich schon oft bewährt hatte.

Schon ging auch das große Portal auf, und auf der Treppe erschien ein großer, schwarzhaariger Mann, dem man den Leibwächter auf den ersten Blick ansah. Er trug seine Waffe nicht offen, aber die Ausbeulung seiner Jacke sagte alles. Misstrauisch musterte, er die beiden Besucher, der Anblick des Riesen von Droom schien ihm sichtliches Unbehagen zu bereiten.

Penza Saratow grinste ihn an. „Wo können wir Mister Melrose finden, Freund? Wir kommen von Lermo und möchten ihn in geschäftlichen Dingen sprechen.“

Die Gestalt des Wächters straffte sich. „Tut mir leid, Sir, das ist im Moment nicht zu machen. Mister Melrose hat gerade eine Konferenz mit dem Präfekten und darf in den nächsten zwei Stunden nicht gestört werden. Vielleicht kommen Sie dann noch einmal — aaauuuhhh!“

Sein Schrei war nicht sehr laut, und wurde von dem Geknatter der Berieselungsanlagen vollständig übertönt. Penza hatte sich, während er sprach, unauffällig an ihn herangeschoben und dann zugelangt. Nun ließ er den schweren Mann zu Boden gleiten und nickte Barry Clayborn zu.

„Wenn Melrose nicht mehr aufzubieten hat, ist er doch nicht so clever, wie ich dachte. Der Mann hier schläft garantiert zwei Stunden lang, der Weg für uns ist frei.“

Er deponierte den Wächter in einer Buschgruppe, die ihn gut verbarg, und folgte dann dem Commander, der sich bereits auf dem Weg ins Haus befand. Sie kamen in eine große, kühle Halle, von der eine Freitreppe in den ersten Stock führte. Ihre Augen glitten aufmerksam umher, aber sonst ließ sich niemand sehen. Wenn es noch weiteres Personal gab, so hielt sich dieses wohl in den Wirtschaftsräumen auf.

Von oben herab waren laute Männerstimmen zu hören, und Barry Clayborn nickte Saratow zu. Sie schenkten der luxuriösen Ausstattung keinen überflüssigen Blick, sondern stiegen schnell und leise die Treppe empor. Beide zogen ihre Hetdyne-Projektoren und steckten sie in den Hosenbund, sodass sie schnell zu erreichen waren. Sie gingen an drei Türen vorbei über den Korridor im ersten Stock und hielten dann vor der Tür an, hinter der sich Melrose und der Präfekt ungeniert unterhielten.

„... läuft so gut wie nie zuvor“, sagte gerade ein Fistelstimme. „Ich kann dir sagen, Magnus, unsere Männer auf Cornveld sind schon ihr Geld wert. Spielen die großen Zauberer, werfen den Einheimischen ein paar schäbige Brocken hin und schürfen dafür eine Unmenge von Kristallen! Natürlich ist es dumm, dass Benotti auf Lermo irgendwelchen Spitzeln auf den Leim gegangen ist. Doch er ist tot, und damit endete diese Spur für sie, unser System hat sich bewährt. Inzwischen habe ich mit meinem Mann in Lermonia Kontakt aufgenommen, und er hat mir Bram Manners als Nachfolger für Benotti empfohlen. Diese Sache wird in den nächsten Tagen geregelt, und dann können die Sendungen wieder rollen. Prost, Magnus.“

„Wohl bekomm’s!“, wünschte in diesem Augenblick Barry Clayborn. Er hatte die Tür leise geöffnet, mit einem Ruck aufgestoßen, und war dann zusammen mit Penza Saratow in den Raum geglitten. Die Lähmstrahler lagen feuerbereit in ihren Händen, denn sie hatten genug gehört, brauchten also keine zeitraubenden Umwege mehr. Zwei fassungslose Augenpaare sahen ihnen entgegen.

„Was fällt Ihnen ein?“, fistelte Melrose, als er sich vom ersten Schreck erholt hatte. „Bewaffnetes Eindringen in mein Haus — das kann Sie teuer zu stehen kommen! Dieser Mann hier ist der Präfekt von Merun, ein Wort von ihm, und Sie landen für ewige Zeiten im Gefängnis.“

Der Pyranitschmuggler war nicht so groß wie Penza Saratow, aber genauso massig; ein wahrer Fettkloß mit Hängebacken und winzigen Augen über dicken Tränensäcken. Der Präfekt dagegen war ein großer, schlanker Mann, ein Dandytyp. Allerdings passten seine unsteten, jetzt vor Schreck geweiteten Augen nicht, zu dem fast aristokratisch anmutenden Gesicht.

Barry Clayborn verneigte sich spöttisch. „Wir sind gebührend beeindruckt, Sir. Leider ist Ihr Präfekt alles andere als ein Ehrenmann, sonst würde er nicht mit Ihnen partizipieren. Dass Sie keiner sind, wussten wir schon vorher, aber jetzt haben wir eine Bestätigung, die einem Geständnis gleichkommt! Sie haben sich schließlich laut genug über die Pyranit-Kristalle unterhalten ...“

Dan Melroses Blicke wanderten gehetzt zwischen den beiden Agenten hin und her.

„Was wollen Sie von mir — wer sind Sie?“, presste er schließlich hervor. „Erpressung, ja? Das können Sie sich ruhig wieder aus dem Kopf schlagen, Mister, denn Sie würden den Planeten ...“

Der Commander sah aus den Augenwinkeln eine Bewegung und warf sich blitzschnell zur Seite. Während Melrose sprach, hatte der Präfekt die Gegner hinreichend abgelenkt geglaubt. Er hatte nach der Dione gegriffen, die am Gürtel seiner Uniform hing, gezogen und sofort abgedrückt. Allerdings hatte er nicht mit dem überragenden Reaktionsvermögen eines Freien Terranischen Agenten gerechnet.

Wieder einmal machte sich das harte, unerbittliche Training durch Elias Weyburns Ausbilder bezahlt. Barry Clayborn hechtete nach links weg, machte sofort eine Rolle und kam dadurch in die Deckung einer massiven Truhe. Der ihm zugedachte Strahlschuss fauchte durch den Raum und zerschmolz einige kostbare Fayencen in einem Zierschränkchen.

Fast augenblicklich drückte auch Penza Saratow seinen Hetdyne-Projektor ab. Doch auch er traf nicht, denn der Präfekt hatte ebenfalls sofort Deckung gesucht. Er befand sich jetzt hinter der großen Sitzcouch und damit in relativer Sicherheit. Die lähmenden Strahlen des Projektors vermochten die dicke Polsterung nicht zu durchdringen.

Schon Sekunden später erschien seine Hand mit der Waffe an der Seite der Couch, und sofort feuerte er wieder. Doch Penza hatte damit gerechnet und sich hinter einen Sessel geduckt, sodass auch dieser Schuss ins Leere ging. Dan Melrose saß wie gelähmt auf seinem Platz und schien einer Ohnmacht nahe zu sein.

Wie sehr dieser Eindruck täuschte, erwies sich schon im nächsten Moment. Der Fuß des feisten Mannes zuckte hoch und schleuderte einen kleinen Polsterschemel nach Barry Clayborn, der eben seinen Kopf um die Ecke der Truhe steckte. Er hatte sich auf den Präfekten konzentriert, weil nur dieser bewaffnet war, und das erwies sich nun als Fehler. Er konnte nicht mehr schnell genug ausweichen, der Schemel traf seine Stirn, und er sackte ächzend zusammen.

Penza Saratow brüllte auf und warf sich vorwärts. Doch er wäre mit Sicherheit zu spät gekommen, denn schon schob sich der Präfekt um die andere Ecke der Couch. Mit triumphierendem Lächeln richtete er seine Dione auf den bewusstlosen Barry und sein Finger krümmte sich um den Abzugshebel.

Ein Feuerstrahl zuckte durch den Raum, und er traf voll!

Fassungslos sah Penza Saratow, wie plötzlich ein Teil der Wand neben der offenen Tür lebendig wurde. Veem Chemile kam dort zum Vorschein, und er schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

Er hatte gut gezielt, der Präfekt war tot. Clayborn kam schon nach kurzer Zeit wieder zu Bewusstsein und sah sich wütend um, doch es gab keinen Gegner mehr für ihn. Dan Melrose hatte offenbar seinen gesamten Mut verbraucht, jetzt war er wirklich nur noch ein Häufchen Unglück.

„Danke, Veem“, sagte Barry Clayborn und schüttelte den leicht brummenden Kopf, der nun eine sehr dekorative Beule aufwies. Gleich darauf straffte sich seine Gestalt, und er wandte sich Dan Melrose zu.

„Und nun zu Ihnen. Ihr Spiel ist aus, jetzt gibt es keinen Präfekten mehr, der seine Hand über Sie hält! Wir werden Ihnen jetzt einige unbequeme Fragen stellen, und ich rate Ihnen, sie wahrheitsgetreu zu beantworten. Wir sind nämlich Freie Terranische Agenten, keine Erpresser — verstehen Sie?“

Melrose verstand, und er brach innerlich zusammen. Er wusste, dass sein Leben nun keine schäbige Kreditmünze mehr wert war. Die Agenten der Erde waren Ankläger, Richter und Henker in einer Person! Wenn der Commander wollte, konnte er ihn jetzt gnadenlos töten, ohne dass ihn jemand dafür zur Verantwortung ziehen würde.

Doch Barry Clayborn hasste nichts mehr als sinnloses Morden. Er hatte Wichtigeres vor, und er sagte es dem feisten Mann, der daraufhin hemmungslos zu plaudern begann. Nach zehn Minuten wusste der Commander alles, und er nickte Penza zu.

„Ruf du jetzt die Polizei an, damit die Dinge hier geklärt werden. Ich gehe jetzt mit Veem hinüber zu Melroses Schiff, um seine Angaben zu überprüfen. Und wenn das ausgestanden ist, werden wir starten, um unsererseits einmal auf Kristallsuche zu gehen ...“

26

Jarl Ludens Gesicht war eine Studie wert.

„Wie siehst du denn aus, Barry? Komm, ich werde dich gleich verarzten, ehe ein richtiges Horn daraus wird. Übrigens, die Daten sind Wirklich nicht viel wert, das sagt auch der Computer. Ich fürchte also ...“

„Schon gut, Professor“, unterbrach ihn der Commander. „Wir brauchen das Zeug nicht mehr, denn jetzt haben wir die Originaldaten. Au — kannst du nicht etwas vorsichtiger sein? Veem, bereite schon mal alles zum Start vor, wir haben es eilig. Runde zwanzig Lichtjahre, also mehr als zweieinhalb Tage, in dieser Zeit kann viel passieren.“

Chemile nickte, nahm die Folien und verschwand in Richtung Steuerraum. Als Barry Clayborn jedoch zehn Minuten später dort auftauchte, fand er einen sehr skeptischen Piloten vor.

„Verdammt, wo willst du uns denn jetzt hinjagen, Barry?“, fragte Veem vorwurfsvoll. „Die Mordain hält ja zwar einiges aus, aber ob das gutgehen kann? Im Bereich der angegebenen Koordinaten herrscht nämlich eine eklig harte Strahlung, weil der aktive Gasnebel ganz in der Nähe ist.“

Clayborn zuckte mit den Schultern.

„Ganz so schlimm wird es auch wieder nicht sein, denke ich. Schließlich treiben sich die Schiffe der Pyranit Schmuggler laufend in diesem Sektor herum, und sie haben bestimmt keinen Schutzschild wie wir.“

„Du willst doch nicht etwa kneifen, Freund?“, erkundigte sich Penza Saratow spöttisch. „Dass du keinen vernünftigen Kaffee kochen kannst, wissen wir ja schon lange. Wenn du dich nicht traust, dann lass eben Barry steuern, er wird es schon schaffen.“

„Arrogantes Großmaul!“, zischte Veem Chemile verächtlich. „Hier kommt es nicht auf die Muskeln an, sondern auf den Kopf, verstanden? Leider hat dich die Natur da etwas stiefmütterlich behandelt. Was du an Bizeps zu viel hast, fehlt an anderer Stelle, und deshalb ...“

„Ruhe!“, knurrte Barry Clayborn energisch. „Penza, geh in den Maschinenraum und rede deinen Aggregaten gut zu, denn von ihnen kann viel abhängen, wenn es so weit ist.“ Saratow fügte sich, und der Commander wandte sich wieder dem Piloten zu. „Sieht es wirklich so schlimm aus, Veem? Notfalls müssen wir eben auf diesen Flug verzichten und stattdessen eine MALACA-Einheit anfordern. Das Bedenkliche dabei ist nur, dass zu viel Zeit verloren geht. Im Moment ist uns MALACA 8 am nächsten, aber sie braucht bestimmt eine Woche bis in diesen Sektor. Wenn die Leute auf Cornveld in der Zwischenzeit merken, dass Melrose aufgeflogen ist, sind sie bis dahin über alle Berge!“ Der Katzenmensch wiegte den Kopf.

27

„Es kann tatsächlich hart für uns werden, Barry. Wir haben zwar die richtigen Kursdaten, aber die Strahlung des Nebels kann trotzdem selbst den Computer beeinflussen. Er ist nun einmal auch davon abhängig, was die Ortungen hereinbringen, und wenn die nicht spuren, dreht er mit durch.“

Der Commander überlegte angestrengt. „Lass den Nebel und seine Umgebung mal auf einen Schirm projizieren“, verlangte er dann. Veem folgte dieser Aufforderung, und Barry starrte mit gerunzelter Stirn auf die Bildfläche. „Dieses System hier muss es sein, in dem Cornveld liegt. Nur diese eine Sonne ist dem Nebel so nahe, dass es die Schwierigkeiten beim Anflug gibt. Nur knapp ein Lichtmonat Distanz und dann die harte Strahlung — es ist schon fast ein Wunder, dass sich überhaupt Menschen auf dem Planeten halten können, ohne zu mutieren.“

Der Professor war in die Zentrale gekommen, sah ebenfalls auf den Schirm und nickte. „Der Nebel strahlt nicht nur, sondern leuchtet auch; das weist darauf hin, dass sich in seinem Innern atomare Prozesse vollziehen. Wahrscheinlich handelt es sich also um eine Protosonne, deren Gasmassen einen Kontraktionsprozess durchmachen. Ein neuer Stern wird entstehen, und dann dürfte es im Cornveld-System ziemlich ungemütlich werden. Allerdings erst in einigen hunderttausend Jahren“, schränkte er dann ein.

Barry Clayborn grinste kurz.

„Das soll uns heute wenig kümmern, Jarl. Ich glaube nicht, dass dann einem von uns noch ein Zahn wehtut. Aber einmal Spaß beiseite: Was kannst du vorschlagen, um das Beste aus dieser Situation zu machen? Du bist zwar nur Theoretiker, aber ohne Theorien kann es keine Praxis geben.“

Jarl Luden fuhr sich durch das graue Haar. „Ich frage mich, ob es überhaupt nötig ist, dass wir das gefährliche Gebiet gewissermaßen in Schleichfahrt durchqueren. Nur dadurch wird die ganze Angelegenheit so riskant. Können wir es nicht so einrichten, dass wir direkt über dem System aus dem Überlichtflug kommen? Welche Bedenken gibt es da?“

Clayborn brauchte nicht lange zu überlegen, denn er war selbst ein erstklassiger Pilot und Navigator.

„Eigentlich ist es nur ein Faktor, aber der genügt vollauf. Wenn wir dort aus dem Hyperraum kommen, ist es ungefähr so, als kämen wir direkt in der Korona einer Sonne heraus! Die Aussicht, dass wir gerade einen Punkt treffen, an dem die Strahlung so gering ist, wie in den Zonen, durch die der übliche Kurs führt, ist mikroskopisch klein. Wenn dann unser Schild nicht hält, werden wir schneller geröstet, als wir denken können. Nun, wie gefällt dir das?“

„Gar nicht“, gab der Professor zu. „Hm, dann müssten wir also den Schutzschirm soweit verstärken, dass er auch unter diesen extremen Bedingungen hält. Gib mir etwas Zeit, ich will zusammen mit Penza überlegen, ob das zu schaffen ist.“

„Aber bitte nicht zu lange“, gab Barry zu bedenken. „Vergiss nicht, dass wir ohnehin mehr als zweieinhalb Tage im Hyperflug verlieren, in denen allerhand geschehen kann.“

Jarl Luden lächelte. „Das ist kein Problem, Barry. Lass Veem schon einmal starten, bis wir schnell genug zum Überwechseln sind, dürften wir auch klargekommen sein. Allerdings werde ich dazu den Computer brauchen, okay?“

Die Mordain hatte gerade die halbe Lichtgeschwindigkeit erreicht, als er in der Zentrale anrief.

„Ich glaube, dass wir eine brauchbare Lösung gefunden haben, Barry. Penza bastelt schon an einer Verbundschaltung, durch die die volle Energie der Triebwerkskonverter in das Schirmgitter geleitet werden kann. Das ergibt natürlich eine erhebliche Überlastung der Schirmprojektoren; länger als etwa eine Viertelstunde können sie das nicht aushalten. Bis dahin müssen wir uns innerhalb des Systems befinden, wo ein großer Teil der Nebelstrahlung durch die Emissionen der Sonne sozusagen abgedrängt wird. Wenn nicht ...“ Er zuckte mit den Schultern, und das sagte alles.

Das Prinzip war im Grunde einfach.

Nach Beendigung des Überlichtfluges würden wohl die Triebwerke abgeschaltet werden, die Konverter jedoch weiterlaufen. Die Verbundschaltung musste dann dafür sorgen, dass die zusätzliche Energie in den Schild geleitet wurde, sodass die Mordain sich im Augenblick ihres Austritts in den Normalraum bereits in seinem Schutz befand. Dabei ging es um Nanosekunden, die Umschaltung konnte also nur vom Computer zeitgerecht bewältigt werden.

Der Commander machte das Veem Chemile klar, und der Pilot nickte. „Schon begriffen, Barry. Ich werde das vom Computer berechnen lassen, der sollte es schon schaffen. Hauptsache ist, dass wir uns auf Penzas Künste verlassen können. Der Mensch war bekanntlich schon immer das schwächste Glied der Raumfahrt.“

Die Verbindung zum Maschinenraum stand noch, und augenblicklich erscholl das Protestgeschrei des Riesen von Droom aus den Lautsprechern. „Was denkst du dir eigentlich, du lausiger Kater? Was ich einmal anfange, das sitzt hundertprozentig, habe ich das nicht oft genug bewiesen? Warte nur, bis ich wieder etwas Zeit habe! Dann werde ich dir zeigen ...“

28

Die Nerven der vier Männer in der Mordain waren aufs Höchste gespannt. Der Überlichtflug ging seinem Ende entgegen, der Computer zählte bereits die letzte Minute ab. Jetzt kam es nur noch allein auf sein präzises Funktionieren an.

Als dann der Nullpunkt erreicht war und das Schiff den Hyperraum verließ, hielten alle den Atem an. Wenn es jetzt wirklich eine Panne gab, hatten sie kaum Aussichten, sie zu überleben! Das wussten sie, und dieses Wissen zerrte seit zweieinhalb Tagen an ihren Nerven.

Im nächsten Augenblick war auf allen Bildschirmen der Teufel los. Das übliche Gewirbel der Sterne setzte ein, zusätzlich war der Nebelfleck zu sehen, der ebenfalls wie rasend zu rotieren schien. Doch im Gegensatz zu sonst wollte dieser Tanz diesmal kein Ende nehmen. Sämtliche Ortungen spielten verrückt, und die Belastungsanzeigen für den Schild schnellten bis auf sagenhafte Werte hoch. Er hielt jedoch, und das war im Augenblick die Hauptsache.

Barry Clayborn saß neben dem Piloten und handelte sofort. Seine Finger flogen über Tasten und Knöpfe, und dann war die Mordain blind. Doch nur für wenige Sekunden, denn der Commander schaltete die rein optische Bilderfassung ein, die von der Strahlung nicht beeinflusst werden konnte. Die von ihr gelieferten Bilder konnten zwar nicht entfernt mit denen der elektronischen Geräte verglichen werden, aber zur Orientierung genügten sie vollauf. Hinter dem Heck des Schiffes stand wie ein großer, silberner Fleck der Gasnebel, dicht vor ihm glitzerte die Sonne von Cornveld und rings um sie ihre Planeten.

Alle atmeten auf, und schon handelte Veem Chemile. Er übernahm die Mordain in Handsteuerung, und sie schnellte förmlich vorwärts, dem gesuchten Planeten entgegen. Cornveld war die dritte Welt dieses Systems, kaum mehr als fünf Lichtminuten entfernt. Je näher ihr das Schiff kam, umso mehr machte sich die absorbierende Wirkung des Strahlendrucks der Sonne bemerkbar. Bald schon konnten die üblichen Ortungssysteme wieder in Betrieb genommen werden.

Sie liefen erst kurze Zeit, als Chemile einen erschreckten Warnruf hören ließ. „Barry, von Cornveld aus nähert sich uns ein Schiff! Es hat uns in der Ortung, die Signale kommen sehr hart herein. Sein Kurs führt gerade auf uns zu, und das kann kein Zufall sein.“

Ob Zufall oder nicht, Barry Clayborn verlor keine Zeit. „Penza, schleunigst in den Geschützstand! Wir kommen unangemeldet, folglich wird man sehr genau wissen, dass wir Fremde sind. Die Zauberer werden keine Rücksicht nehmen. Jetzt heißt es: Wir oder sie!“

Er hatte recht.

Die Ortungsanlagen im Heiligen Berg waren ständig besetzt, man hatte die Mordain augenblicklich angemessen, als sie aus dem Hyperflug kam. Ein anderes Schiff wurde nicht erwartet, und sie strahlte kein Erkennungszeichen aus, und das sagte genug. Ein Dutzend Männer, darunter zwei Chamboden, raste in den Hangar, und schon glitt die Schleuse in der Bergflanke auf. Der Raumer raste im Alarmstart in den Himmel, und unten auf den Feldern von Cornveld warfen sich die Männer und Frauen angsterfüllt zu Boden.

„Ihr wisst, worum es geht!“, hämmerte der Chambode Mir Roning den anderen ein. „Irgendwo muss etwas schiefgegangen sein, man hat uns entdeckt. Dieses Schiff muss vernichtet werden, sonst werden bald andere folgen; und was dann geschieht, brauche ich wohl kaum zu erwähnen ...“

Die Konfrontation erfolgte kaum eine halbe Million Kilometer über dem Planeten.

Die Mordain hatte ihre Geschwindigkeit herabgesetzt und verhielt sich abwartend. Das war auf eine Initiative von Jarl Luden zurückzuführen. „Wir sollten trotzdem nicht zuerst schießen“, hatte er gemeint. „Vielleicht irrst du dich, und sie wollen lediglich fliehen. In diesem Fall sollten wir sie entkommen lassen, Barry! Die Pyranitquelle ist für sie in jedem Fall verstopft. Nachdem wir einmal wissen, wo der Fundplanet ist, ist er für sie verloren, deshalb braucht es nicht auch noch unnütz weitere Tote zu geben.“

Der Commander war darauf eingegangen, aber die Ereignisse gaben dem Professor unrecht. Das fremde Schiff machte keine Anstalten, der Mordain auszuweichen, sondern hielt gerade auf sie zu. Dann blitzte es bei ihm auf, und Sekunden später gingen mehrere heftige Schläge durch den Raumer der Agenten. Geschosse aus einer Sprom Kanone hämmerten gegen den Schutzschild, konnten ihn jedoch nicht durchdringen. Sie explodierten schon beim Auftreffen auf die energetischen Felder und gaben lediglich ihre kinetische Energie an das Schiff ab.

Die Mordain bockte kurz, aber Veem Chemile hatte sie gleich wieder fest im Griff. „Feuer, Penza!“, rief Barry Clayborn über die Sprechverbindung. „Vorerst nur einen Warnschuss aus der Dione vor den Bug. Wenn sie das nicht belehrt, geben wir auch keinen Pardon mehr.“

Er hatte kaum ausgesprochen, da schoss auch schon ein greller Feuerstrahl auf die Mordain zu. Auch er wurde vom Schutzschirm abgewehrt und zerfächerte sich zu vielen einzelnen Blitzen, die das Schiff einen Moment lang wie eine feurige Aura umgaben. Sämtliche Instrumente spielten verrückt, aber die Mordain schoss unversehrt aus diesem Feuersturm hervor.

„Denen werde ich es zeigen!“, knurrte Penza Saratow. Eine neue Salve von schweren Geschossen aus der Sprom Kanone war die einzige Antwort auf seinen Warnschuss, und nun zögerte er nicht länger. Die Konverter im Maschinenraum heulten grollend auf, als er nun volle Energie auf das starke Dionengeschütz gab.

Das Schiff der Angreifer verfügte nicht über einen Schild, und so wurde es voll getroffen. Der gleißende Energiestrahl bohrte sich tief in seine Hülle, und es barst in einer gewaltigen Explosion auseinander. Jarl Luden schloss erschüttert die Augen. Er war ein Mann der Wissenschaft, der nie so ganz verstehen konnte, warum so oft wegen materieller oder machtpolitischer Vorteile getötet wurde.

Die anderen waren nicht so zart besaitet. Der Riese von Droom stieß einen wilden Triumphschrei aus, Barry Clayborns Züge entspannten sich. Veem Chemile dagegen nahm kaum Notiz von dem Geschehen. Er hatte alle Hände voll zu tun, die Mordain aus dem Kurs zu reißen, damit sie den sich nach allen Seiten hin ausbreitenden Trümmerstücken entging.

Dann war alles vorbei. „Sie haben es nicht anders gewollt“, kommentierte Commander Clayborn nüchtern.

„Dass es unten auf dem Planeten Abwehranlagen gibt, glaube ich nicht, dann hätten sie uns nicht mit dem Schiff angegriffen. Es wäre für sie viel einfacher gewesen, uns auf Schussweite herankommen zu lassen und dann unvermutet abzuschießen.“

Er nahm die Energieortung in Betrieb und nickte schon nach wenigen Sekunden. „Dort unten laufen starke Konverter, und es muss auch Ortungsanlagen geben, denn wir werden angepeilt. Das Versteck der sogenannten Zauberer muss in dem großen Kegelberg liegen, deshalb ...“

Er unterbrach sich, denn das Funkgerät sprach an. Sekunden später erschien das Abbild des Großen Meisters der Zauberer auf dem Bildschirm, und er bot den Agenten die bedingungslose Kapitulation an.

Die Flanke des Berges öffnete sich, und die Mordain schwebte hinein. Sie setzte sanft auf. Barry Clayborn sah auf die Schirme und nickte dann anerkennend.

„Die Leute haben hier viel geleistet, wie man sieht. Schade nur, dass das alles nicht für einen besseren Zweck geschah. Dabei hätten sie es so einfach haben können! Terra Control hätte den Entdeckern der Kristalle zweifellos so viel gezahlt, dass sie für den Rest ihres Lebens das Dasein vornehmer Lords hätten führen können. Doch das hat ihnen nicht gereicht, sie wollten alles haben. Und was haben sie jetzt ...?“

„Man erwartet uns schon, Barry“, warf Chemile ein. „Sollen wir alle hinausgehen?“

Der Commander schüttelte den Kopf. „Lieber nicht, man kann ja schließlich nie wissen, was noch kommt. Penza bleibt vorläufig im Geschützturm, bis alles geklärt ist. Ihr beide könnt mitkommen, Jarl und Veem.“

Er stieg als Erster die Rampe hinunter und ging auf die vier Männer zu, die verwirrt und eingeschüchtert dastanden. Seine Rechte lag wie zufällig nahe am Griff seiner Dione, aber niemand dachte daran, ihm Schwierigkeiten zu bereiten.

Ein älterer Mann löste sich aus der Gruppe und kam auf ihn zu. „Ich bin Yves Merlin“, stellte er sich vor, „nach außen hin das Oberhaupt der 'Zauberer' von Cornveld. In Wirklichkeit hatte ich kaum etwas zu sagen — ich war die ganze Zeit über ein Gefangener, ebenso wie meine Männer! Ihr Kommen bedeutet eine Erlösung für uns.“

Barry Clayborn nahm seine Hand. „Wie kam das?“, forschte er. „Hat man sie gekidnappt und hierhergebracht, damit Sie Sklavendienste leisten mussten?“ Yves Merlin schüttelte den Kopf. „Das war ganz anders, Commander. Ich bin eigentlich Archäologe, ging gewissen Spuren nach und stieß dabei auf diesen Planeten. Dann ...“

„Professor Merlin!“, unterbrach ihn Jarl Luden enthusiastisch. „Fast hätte ich Sie nicht wiedererkannt, der Aufenthalt hier hat Sie sehr verändert. Sie erkennen mich?“

„Natürlich, Herr Kollege“, lächelte Merlin. „Ihre Arbeiten über das Vermächtnis der Zheltyana waren ja erst der Ansporn dafür, dass ich auf die Reise hierher ging. Sie werden noch staunen, das kann ich Ihnen sagen! Was ich hier entdeckt habe, ist geradezu ...“

„Stopp, Professor!“, unterbrach Barry Clayborn seinen Redefluss. „Heben Sie sich das Fachsimpeln für später auf, zuerst möchte ich wissen, was hier vor sich ging. Sie fanden also diese Welt, und wie ging es dann weiter?“

Yves Merlin wandte sich wieder ihm zu. „Leider verfügte ich nicht über genügend Geld, um hier längere Forschungen treiben zu können. Ein Bekannter brachte mich dann mit Dan Melrose zusammen, der sich bereit erklärte, die Finanzierung zu übernehmen. Damals ahnte ich noch nicht, welchen Wert die Kristalle besaßen, von denen wir einige mitgebracht hatten.“

Der Commander nickte. „Alles weitere kann ich mir denken, Professor. Melrose sah die Möglichkeit, das Geschäft seines Lebens zu machen. Er schickte auch seine Leute hierher, und als diese wussten, wie sie auf relativ ungefährlichen Wegen zu diesem Planeten gelangen konnten, hatten Sie ausgespielt. Man konnte Sie und Ihre Helfer natürlich nicht laufen lassen, also wurden Sie hier festgehalten. Ihnen kam dann die Aufgabe zu, die unwissenden Bewohner von Cornveld zu täuschen, sodass die Kristallausbeute ohne Schwierigkeiten vor sich gehen konnte.“

„Genauso war es, Commander. Ich habe mich dafür geschämt, aber was blieb uns weiter übrig? Die Menschen auf dieser Welt sind übrigens Nachkommen von Kolonialisten, die vor mehreren hundert Jahren hier notlanden mussten. Ihr Schiff geriet in die Strahlung des 'Großen Silberflecks', wie der Gasnebel hier genannt wird. Es wurde weitgehend zerstört, und mit ihm die meisten Hilfsmittel zur Kolonisation, die Funkgeräte ebenfalls. Die Leute saßen hier fest und waren gezwungen, mit primitiven Hilfsmitteln ums Überleben zu kämpfen. Das gelang ihnen auch, aber sie fielen zivilisatorisch auf den Stand des irdischen Mittelalters zurück. Heute wissen die Nachkommen nicht einmal mehr, woher sie eigentlich stammen, und dass es draußen in der Galaxis noch viele andere Rassen gibt.“

„Ihnen das beizubringen, wird noch viele Probleme aufwerfen“, meinte Barry Clayborn gedankenvoll. „Ich nehme an, dass es hauptsächlich Ihnen zu verdanken ist, dass Melroses Männer hier verhältnismäßig human vorgegangen sind?“

„So ist es, Commander. Ich konnte die Anführer davon überzeugen, dass das von Vorteil für sie war. Nur die Chamboden, die für Melrose gearbeitet haben, waren anderer Ansicht, aber sie kamen damit nicht durch. Sie haben übrigens einen großen Teil der Pyraniten für sich beansprucht, Melrose schien irgendwie von ihnen abhängig zu sein.“

„Das wundert mich kaum, Professor Merlin. Vermutlich hätten sie es im Laufe der Zeit geschafft, hier ganz die Herrschaft zu übernehmen. Und was dann geschehen wäre ...“

Er brauchte es nicht auszusprechen, denn alle konnten es sich vorstellen. Dafür meldete sich Veem Chemile zum Wort. „Gibt es noch viele von Melroses Leuten in dieser Station, mit denen wir Schwierigkeiten haben könnten?“

Merlin schüttelte den Kopf. „Nein, sie sind alle mit dem Schiff geflogen, das Sie vernichtet haben. Sie waren in Panik, das plötzliche Auftauchen der Mordain ganz in der Nähe des Planeten hat sie aufs Höchste überrascht. Wie haben Sie das nur gemacht? Alle anderen Schiffe mussten auf einem ganz bestimmten Kurs und ganz vorsichtig ...“

Barry winkte ab. „Lassen Sie es sich von Professor Luden erklären, ich habe jetzt im Schiff zu tun.“ Er ging mit Chemile zur Mordain zurück, während Jarl Luden eifrig auf den Kollegen einzureden begann.

„Diese Höhlung hier im Berg haben die Zheltyana errichtet, nicht wahr? Ja, bestimmt, ich sehe die Anzeichen dafür! Sie ahnen ja nicht, was es für mich bedeutet ...“

Clayborn lächelte und stieg mit Veem die Rampe empor. Elias Weyburn wartete auf seinen Bericht.

Der Direktor von Terra Control wirkte diesmal sehr aufgeräumt. Er sog an einer dicken Zigarre und lächelte Clayborn zu.

„Gute Nachrichten, Barry!“, strahlte er. „Yarling von Marbuk hat gestern damit begonnen, seine Nachbarn anzugreifen, und das war der Anfang vom Ende für ihn. MALACA 2 hat unverzüglich eingegriffen — er selbst ist tot, seine Flotte bis auf ein paar schäbige Reste aufgerieben. Wieder ein Unruheherd weniger, Gott sei dank. Du siehst aber auch ganz zufrieden aus, scheint mir. Wo steckt ihr jetzt, und was habt ihr erreicht?“

Barry Clayborn hatte zuletzt von Galsop aus mit ihm gesprochen. Nun schilderte er ihm, was seitdem geschehen war. Weyburn hörte konzentriert zu, stellte einige Zwischenfragen und gab sich ausgesprochen sachlich. Doch sein Gesichtsausdruck, der jetzt dem eines satten Bernhardiners glich, sagte alles.

„Wirklich gute Arbeit, Barry, ganz ausgezeichnet! Ich werde sofort ein paar Schiffe nach Cornveld in Marsch setzen, die Koordinaten haben wir ja. Bleibt solange dort und seht euch schon mal nach den Kristallen um. Du als Lord von Sergan und Herr über die großen Chombitminen kennst dich ja aus.“

Der Commander zog eine Grimasse.

„Wenn das nur so einfach wäre, Elias! Wir können nicht ohne Weiteres hinausspazieren und durch die Gegend kurven, denn hier gibt es etwa eine Million Menschen, die beim Anblick eines Gleiters zu Tode erschrecken würden. Sie sind ins tiefe Mittelalter zurückgefallen und wissen nichts mehr von Technik. Dafür haben sie Burgen und die Leibeigenschaft, und wenn ihnen etwas nicht passt, verprügeln sie ihre Frauen. Wie gefällt dir das?“ Weyburns Gesicht nahm einen träumerischen Ausdruck an. „Gar nicht schlecht, Barry, besonders das Letztere ... Aber lassen wir das — wir genießen die Vorteile der Zivilisation, also müssen wir auch gewisse Nachteile mit in Kauf nehmen. Hm, dann werde ich doch eine MALACA-Einheit schicken müssen. Sie kann dort weitermachen, wo die Zauberer angefangen haben. Nach und nach werden wir die Leute schon wieder integrieren.“

Barry Clayborn grinste belustigt. „Sagtest du integrieren? Wie schön, besonders für Terra Control! Die Erde drückt ihre verschollenen Brüder von Cornveld an ihr großes, mütterliches Herz, nicht wahr? Dass dabei die Pyranit-Kristalle an den Fingern hängen bleiben, ist ein rein zufälliger, aber sehr lukrativer Nebeneffekt ...“

„Barry!“, sagte der Direktor vorwurfsvoll. „So darfst du das doch nicht ansehen. Vergiss nicht, welche Verantwortung wir zu tragen haben, ganz besonders ich. Die Pax Terra ...“

Er schaltete hastig ab, als Penza Saratows hemmungsloses Gelächter die Membrane seines Lautsprechers zu sprengen drohte. Selbst Veem Chemiles Gesicht hatte sich zu einem Lächeln verzogen. Nur der Commander war ernst geworden.

„Natürlich hat der gute Elias recht“, meinte er nach einer Weile. „Man kann darüber lachen, aber das ist weiter nichts als Galgenhumor. Dass die Erde immer noch Männer wie uns braucht, sagt doch wohl genug, nicht wahr?“

ENDE

11 tolle Science Fiction Romane November 2021

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