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Vorwort zur überarbeiteten Ausgabe
ОглавлениеMan könnte es ein aberwitziges Unterfangen nennen, nach 30 Jahren eine abgeschlossene Arbeit aus dem Regal der eigenen Meilensteine zu nehmen und diesem einen zunächst jedem realen Nutzen widersprechenden, aber ehrgeizigen Gedanken so viel Arbeitszeit zu widmen, nur um die damaligen Beobachtungen und Folgerungen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Haben sich die Erwartungen erfüllt? Hat die Architektur zu ihrer Ernsthaftigkeit auch Freiheit gewonnen? Wie vielleicht zu hoffen war, sind einige Wunschvorstellungen tatsächlich Realität geworden. Die große Architektur war noch nie so gut wie heute! Andererseits waren andere damalige Vorstellungen in ihrer naiven Romantik überzogen oder die Zeit hat sie einfach als verspielte Luftnummern beiseite gefegt. An manchen Stellen wird etwas Wehmut aufkommen, weil einige meiner schönsten Beispiele im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen bereits aufgegangen sind. Dann habe ich aber wenigstens von ihrer Existenz berichtet.
Mehr noch als zuvor ist die Zeit der Ismen vorbei. Ein Streit über Moderne oder Postmoderne, Dekonstruktivismus oder sonstige Modeerscheinungen ist so überflüssig wie ein Loch im Kopf. Da ist die Architektur auch endlich da angekommen, wo die Bildende Kunst vielleicht schon etwas länger wohnt. Die Gegenwart beschert so viel gestalterische Freiheit wie es sie in der Baugeschichte noch niemals gab. Die Architektur ist zudem wirklich global geworden. Wenn man vor 30 Jahren auf die Weltarchitektur schaute, ging der Blick ja doch meistens nach Nordamerika, Europa und vielleicht auch mal auf die eine oder andere singuläre Erscheinung in anderen Regionen dieser Welt. Der Schwerpunkt hat sich aber mittlerweile verschoben. Die alte Tante New York hat eine Menge Konkurrenz bekommen: Hong Kong, Shanghai, Dubai oder Singapur sind die Tummelplätze der Global Players. Die kühnste Idee ist realisierbar und das mitunter da, wo vor dreißig Jahren noch architektonisches Niemandsland war.
Dafür hat die Baukunst aber auch ein paar neue Erfordernisse zu bedienen. Sie muss ökologisch sein und vor allem energieeffizient. Das hätte man vor 30 Jahren aber auch schon wissen müssen. Hingegen konnte man ein solches Attentat wie die Vernichtung der Zwillingstürme des World Trade Centers in New York nicht voraussehen. Deshalb hat die Planung nun auch noch die daraus abzuleitenden Sicherheitsanforderungen zu erfüllen.
Aber vor allen anderen Neuigkeiten hat nichts so sehr die Architektur revolutioniert wie der Computer. Nicht eines der Beispiele meiner ersten Ausgabe ist mit dem Rechner entworfen, weil es solche Werkzeuge überhaupt noch nicht gab. CAD (Computer Aided Design) ist die Zauberformel, mit der man jede Form in den Griff und in ein rechenbares Modell bekommt. Ich behaupte, dass man es einem Gebäude ansieht, ob der Rechner der wichtigste Partner bei der Gestaltung war. Eigentlich ist das heute eine Binsenweisheit, denn selbstverständlich nutzt auch das kleine Büro mit der Spezialität für Garagenanbauten den Computer. Der Anbau wird durch dessen Einsatz aber nicht besser. Gemeint ist hier viel mehr, die darstellbare Freiheit und Überprüfung der Machbarkeit extrem individueller Formgebung. Da kann man schon mal ins Schwärmen geraten angesichts der Eleganz des Santiago Calatrava, der Raffinesse der Zaha Hadid oder der beherrschten Komplexität des Norman Foster.
Das Hauptaugenmerk der ersten Ausgabe galt jedoch weniger der großen Architektur, sondern vielmehr den gebauten Witzen am Straßenrand und den abenteuerlichen Grenzüberschreitungen der Architektur. Manche von ihnen haben die drei Dekaden nicht überstanden, andere kamen zu neuer Blüte. Da, wo es sinnvoll ist, sind ihre schönsten Beispiele in der Dokumentation geblieben. Wo ein neuer Zeitbezug notwendig war, wurde die Brücke geschlagen oder auch mal korrigiert, neue Beispiele wurden ergänzt, wenn die Entwicklung interessante Fortschritte zeitigte. Vielleicht hätte ich auch alles neu machen können, aber dann wäre mir mein Leitgedanke abhanden gekommen und es wäre ein völlig anderes Buch geworden.
Horst Rellecke, Möhnesee 2012