Читать книгу Novemberzauber 1989 - Inga Droemer - Страница 4
Was eine Erinnerung hinterlässt, ist nicht umsonst geschehen
ОглавлениеMarie saß in diesen dunklen Novemberabenden tief bewegt und mucksmäuschenstill vor dem Fernseher. Sie duldete keine ständigen Zwischenreden ihres Mannes, wollte sich auch im Jahr 2016 die gewohnten Bilder des Mauerfalls ungestört ansehen. Schon nach kurzer Zeit rollte die erste Träne an ihren Wangen herunter, eine Gänsehaut nach der anderen zog kribbelnd über ihren Rücken. Sie kann sich noch zu gut an diesen besonderen Tag vor 27 Jahren erinnern, ihr einunddreißigster Geburtstag war gerade fünf Monate her. Die Ereignisse schienen sich zu überschlagen an diesem 09. November, die Berichterstattungen wollten den ganzen Tag über kein Ende nehmen, irgendetwas lag in der Luft, irgendetwas bahnte sich ja schon seit langem an. Die anfänglichen Massendemonstrationen mit den Rufen „Wir sind ein Volk!“ in Leipzig im September und davor die Massenflucht der Menschen über Ungarn in den Westen waren die historischen Vorboten für eine Veränderung an diesem besonderen Donnerstag. Aber das es zur Grenzöffnung kommen würde, konnte bis in die frühen Abendstunden hinein noch niemand ahnen.
Sie sah die bewegte, euphorische Menschenlawine im Fernseher, wie sie sich unaufhaltsam und vorsichtig von Ost nach West in die große Freiheit schob. Trabis rollten im Schritttempo und lautem Hupkonzert durch die Nacht in Richtung Grenzübergang Bornholmer Straße, vorbei an aufgewühlten Menschenmengen, die rechts und links am Straßenrand standen. Dieses Ereignis war ein noch nie dagewesenes Wirrwar zich tausender aufgewühlter Zeitgenossen, bei dem zum Glück keiner der DDR-Grenztruppen kopflos reagierte und die Nerven verlor.
Noch niemand konnte zu der Zeit so richtig glauben und begreifen, was da eigentlich gerade passierte. Angetrieben mit dem Sog der Anderen, dem Mut und dem Weichen von Vorsicht und Angst, kamen sich in dieser hundekalten Novembernacht die Menschen aus dem geteilten Berlin immer näher und lagen sich nach fast drei Jahrzehnten weinend vor unfassbarem Glück in den Armen. Sie waren sich nicht fremd, sprachen ja die selbe Sprache, vermischten sich in Windes Eile untereinander, drückten und herzten sich so innig, als wäre es niemals anders gewesen.
Es begann die emotionalste und unbegreiflichste Party in der Geschichte Deutschlands. Sektkorken knallten, die Menschen weinten vor Freude, tanzten ausgelassen auf der Mauer, spürten zum allerersten mal ihre grenzenlose Freiheit und ein Miteinander gleichgesinnter, glücklicher Zeitgenossen. Was für ein
spektakulärer, friedvoller und wunderbarer Augenblick war diese Nacht für Millionen von Menschen in der Geschichte Deutschlands nach mehr als 28 Jahren innerdeutscher Teilung! Tausende von Menschen ließen ihr Leben dafür!
Möge dieser Tag unvergessen in unseren Herzen und in unserem Gedächtnis bleiben, möge er uns schlau bleiben lassen!