Читать книгу Die Lavendelgang II - Inge Helm - Страница 7
Prolog
Оглавление„Sie-haben-Po-host“, leierte Franca wie die Stimme einer E-Mail-Benachrichtigung in den frühen Morgen, als sie in die Küche trat, in der Cécile, Marie, Julie und Eleni gerade mit der Zubereitung des petit déjeuner beschäftigt waren. Sie knallte Marie und Julie je einen verschlossenen Briefumschlag auf den Tisch.
„Schau an“, sagte Marie erstaunt, „seit wann bekommen wir denn im digitalen Zeitalter noch Briefe durch den Postboten?“, und ließ sich auf der Bank vor dem Esstisch nieder. „Ich wüsste nicht, wer mir noch mit Tinte auf Papier schreiben sollte. Meine Kinder mailen, skypen, faxen, und wenn es hochkommt, dann rufen sie auch mal an …“
„Das ist nun mal das digitale Zeitalter“, ließ Cécile sie wissen und setzte sich neben sie auf die Küchenbank. „Sieh doch erst mal nach, von wem der Brief ist.“
„Würde ich ja gerne, aber ich suche meine Brille schon seit dem Aufstehen.“
„Excuse-moi“, lachte Eleni, „die hatte ich mir ausgeliehen, weil ich mal kurz in die Zeitung gucken wollte.“ Sie fummelte Maries Lesegerät aus ihren Haaren und gab es der rechtmäßigen Eigentümerin zurück. „Mon Dieu“, atmete diese erleichtert auf, „ich hatte schon befürchtet, ich müsste mir eine neue zulegen. Danke, chérie, da bin ich aber froh …“
„Wer hat einen schönen Po?“, wollte Julie wissen und setzte sich Marie gegenüber an den Tisch. „Froh, nicht Po, meine Liebe. Hast du mal wieder dein Hörgerät auf dem Nachttisch liegen gelassen?“, fragte Franca leicht ungehalten.
„Non, non“, beeilte sich Julie zu widersprechen und zeigte auf die kleinen Stöpsel in ihren Ohren.
„Das verstehe ich nicht. Wieso hörst du dann immer noch so schlecht?“, meldete sich Marie. „Du kennst doch den Slogan von der Hörgerätefirma: ‚Ich habe einen Floh im Ohr‘, und zack, hört sogar ein bekannter Schauspieler wieder das Gras wachsen.“
„Sie ist einfach zu eitel, um diese Dinger zu tragen“, flüsterte Eleni Marie zu, „lieber versteht sie nur Bahnhof …“
„Ja“, ergänzte Cécile, „aber sie schenkt uns dadurch doch auch so manch heitere Stunde.“
Julie war gekränkt. „Das habe ich gehört“, worauf die Freundinnen versuchten, einen spontanen Lachanfall zu unterdrücken, „ihr braucht gar nicht so zu kichern. Man macht sich über die Gebrechen anderer einfach nicht lustig“, klagte sie weinerlich.
„Das ist kein Gebrechen, Schätzchen“, widersprach Marie energisch, „in unserem Alter lahmt doch bei jedem etwas: Ich zum Beispiel kann ohne Brille nichts mehr sehen, Eleni bekommt beim bloßen Anblick eines guten Weines Magenkrämpfe und Migräne, Franca hat es im Kreuz … ach, übrigens, was hast du eigentlich, Cécile?“
„Ich habe gute Gene“, sagte diese todernst und brach damit nun doch ein kollektives Gelächter vom Zaun. „So, Marie“, forderte sie dann aber energisch, als alle wieder bei Atem waren, „lass uns endlich wissen, von wem der ungewöhnliche Brief ist.“
Marie setzte sich ihre Brille auf die Nase, schaute auf den Absender und sah überrascht hoch.
„Na, nun sag schon was“, forderten die anderen neugierig.
„Ihr werdet es nicht glauben, der ist von Yvette Gallo, der französischen Kosmetikfirma, bei der ich auch in Deutschland schon seit Jahrzehnten meine Töpfchen, Tiegelchen, Tübchen und Wässerchen bestellt habe, um so auszusehen, wie ich jetzt aussehe, n’est-ce pas? Das Ergebnis ist doch nicht von der Hand zu weisen!“ Sie erhob sich und ging zu dem kleinen Spiegel, der über dem Telefontischchen hing, um sich gebührend zu bewundern.
„Jaja“, bestätigten die Freundinnen gemeinsam und lächelten nachsichtig, „du siehst mindestens zehn Jahre jünger aus als wir. Aber jetzt komm her und öffne endlich den vermaledeiten Umschlag.“
Wieder am Tisch, holte Marie einen dicht bedruckten Briefbogen heraus. Sie fuhr glättend mit der Hand darüber und begann langsam daraus vorzulesen.
Wir gratulieren! Sie haben gewonnen!
Sehr verehrte, gnädige Frau, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie heute einer kleinen, exklusiven Gruppe angehören, die nunmehr seit fünfundzwanzig Jahren zu unseren treuen Kundinnen zählt. Wir feiern sozusagen silberne Hochzeit miteinander. Aus diesem Grunde möchten wir Ihnen gerne ein großzügiges Geschenk machen: drei Wohlfühltage in der zauberhaften Hauptstadt der Düfte, nicht weit von Cannes, in Grasse! Sie dürfen dort am zweiten Tag in einer der Duftfabriken ihr eigenes Parfüm kreieren und bekommen gleich am ersten Tag eine Wellness-Behandlung mit allen Schikanen. Unsere Reiseleitung ist angewiesen, keinen ihrer Wünsche offen zu lassen.
Da dieses kostenlose Angebot nur einen kleinen Kreis betrifft, bitten wir Sie, den beigefügten Bogen auszufüllen und umgehend an uns zurückzusenden. Sie dürfen auch gerne ihre beste Freundin mitbringen, deren Daten wir dann natürlich ebenfalls benötigen.
Sie bekommen Bescheid, wenn alle Zuschriften eingegangen sind und es losgehen kann.
Und nun: Bonne chance!
wünscht Ihnen Yvette Gallo und verbleibt mit freundlichen Grüßen
gez. Dr. Dr. Eric Bruno
Geschäftsführer
„Woher haben die denn deine Adresse?“, fragte Franca erstaunt. „Du hast seit über einem Jahr deinen Wohnsitz hier in der Provence und seit der Zeit auch nichts mehr bestellt.“
„Nicht nur das“, antwortete Marie, „ich hatte auch langsam die Nase voll von den vielen ‚umsonstenen‘ Geschenken: Plastikkühltasche, Plastikkulturbeutel …“
„Wo war denn da die Kultur? Haha“, neckte Eleni.
Doch Marie ließ sich nicht beirren und fuhr fort: „… Plastikshopper, Plastikschüsseln, Tinnefschmuck und Plastikuhren, die man nur kurz anschauen musste und schon fielen sie einem in Einzelteilen vom Handgelenk! Mais pas de quoi, oder besser: Das ist mir momentan total wurscht!“ Marie konnte ihre Freude kaum verbergen. „Stellt euch vor: Grasse – Augen schließen und sich auf die Düfte konzentrieren. Frisches Baguette duftet aus der nahen Pâtisserie, aber es duftet auch betörend nach Lavendel, Verbene, Rosen, Zitronen, Rosmarin und Jasmin aus den Parfümfabriken …“
„Woher weißt du das?“, fragte Cécile erstaunt. „Warst du schon mal da?“
„Nö.“ Marie war nicht zu bremsen. „Das habe ich irgendwo gelesen, und stellt euch vor, von diesen Duftwerkstätten gibt es mindestens dreißig innerhalb der Stadtmauern, und die einzelne Nase eines Parfümeurs kann mindestens dreitausend Gerüche erkennen und auseinanderhalten … merveilleux! Alors, Grasse, ich komme!“ Marie strahlte in die Runde. „Und wer will mich begleiten?“
„Wir sind dabei!“, riefen Franca und Eleni unisono, angesteckt von so viel Enthusiasmus.
Doch Cécile bremste sofort. „Marie, hast du auch das Kleingedruckte gelesen, das auf der Rückseite steht?“
„Non, non“, sagte diese trotzig, „das ist doch wie bei den Rezepten für Medikamente: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Das will ich gar nicht wissen.“
„Alors, da steht“, meldete sich plötzlich Julie, „dass das Angebot von Yvette Gallo nur zusammen mit dem einer Immobilienfirma namens Riviera de la fortune gilt, man am ersten Tag über Saint-Tropez und Fréjus für ein kurzes Amüsement nach Cannes gefahren wird und später, nach einem weiteren Wohlfühltag in Grasse, oberhalb der Steilküste in den Hügeln der Alpes-Maritimes Ferienappartements mit dem schönsten Blick auf die Côte d’Azur besichtigen soll, um dann sein brachliegendes Vermögen dort günstig und zinsbringend anlegen zu können.“
„Bei mir liegt nicht ein Euro brach“, konterte Marie erbost. „Woher weißt du das überhaupt, das mit der Reise?“
Julie schwenkte einen Briefbogen durch die Luft. „Ich habe als alte Kundin von Yvette Gallo ebenfalls ein solches Schreiben erhalten wie du.“
„Ich lach mich tot“, schrie Franca entzückt, „dann können wir doch alle mitfahren – ich mit Marie, Eleni mit Julie, und Cécile schmuggeln wir einfach in den Bus!“
„Mais certainement, non“, wehrte diese erschrocken ab. „Erstens würde ich nie so eine Kaffeefahrt mitmachen; denn nichts anderes ist die Einladung von Yvette Gallo: Nepp, Bauernfängerei und Betrug, genauso wie bei euch in Deutschland. Nur, dass hier bei uns keine überflüssigen und überteuerten Heizdecken angeboten werden, sondern irre teure Ferienappartements, für die man eine horrende Anzahlung leisten muss und die dann im schlimmsten Fall nie gebaut werden. Zweitens kenne ich Grasse wie meine Westentasche, und drittens muss auch irgendjemand Haus, Hunde und Katzen hüten in der Zeit, in der ihr so leichtsinnig seid, da mitzumachen!“
„Ach, du mit deiner Unkerei“, erwiderte Franca, und dann, an die beiden Gewinnerinnen gewandt: „Los, Marie, Julie, unterschreibt. Wir sind vier clevere Frauen in den besten Jahren, uns zieht so schnell keiner über den Tisch. Und wo bekommen wir schon mal ein kostenloses Wochenende an und oberhalb der französischen Riviera – die italienische kenne ich bereits aus dem Effeff – umsonst …?!“
„Niemand hat etwas zu verschenken“, gab Cécile zu bedenken.
„Na gut, du alte Pessimistin“, sagte Marie, „dann reisen wir eben undercover. Ich nehme Block und Bleistift mit und Franca ihre neue Kamera. Vielleicht wird es so interessant und spannend, dass wir später dann aus dem Stoff noch einmal ein glückliches Buch zaubern können, n’est-ce pas?“
„In uns selbst das Glück zu finden, ist schwierig“, zitierte Eleni da frei nach Agnes Repplier mit erhobenem Zeigefinger, „aber es anderswo zu finden, ist sehr wohl möglich.“
Cécile lachte. „Dann passt aber auf, dass euch la fortune nicht auf die Füße fällt und ihr mitten in einem Krimi wieder aufwacht!“