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1 Hitchcock lässt grüßen

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„Chacun est l’artisan de sa fortune“, konnte sich Cécile nicht verkneifen zu bemerken, als sie die Freundinnen im Hafen von Marseille absetzte, dort, wo die Reise losgehen sollte.

„Jaja“, konterte Marie und zog den Kopf ein, um aus dem alten Kastenwagen nach draußen zu klettern, „den Spruch kenne ich noch von meiner Großmutter: ‚Jeder ist seines Glückes Schmied.‘ Kommt, Mädels, damit kann sie uns das wundervolle Geschenk auch nicht vermiesen. Nehmt eure Koffer und folgt mir auf dem Fuße.“

„Dann also viel Vergnügen“, rief Cécile lachend, gab Gas und brauste wieder zurück Richtung Gordes nach Les Genets, wo Hunde und Katzen schon sehnsüchtig nach ihr Ausschau hielten. Marie, Julie, Franca und Eleni winkten dem alten Mädchen – womit sie natürlich den Kastenwagen meinten – fröhlich hinterher und marschierten dann im Gänsemarsch auf den Bus zu, der bereits auf einem Parkplatz an der Hafenkante auf sie wartete. An der Mole dümpelten Fischerboote, am Horizont lag das berüchtigte Inselgefängnis Château d’If, „in dem bereits der Marquis de Sade einsaß und das Alexandre Dumas im ‚Grafen von Monte Christo‘ verewigt hat“, erklärte die literatur- und filmfeste Marie, „ihr wisst schon, die irre spannende Serie mit dem damals ungeheuer attraktiven Gérard Depardieu.“ Eleni und Julie zogen sie lachend auf. „Nee, das wissen wir nicht, das war doch noch vor unserer Zeit“, und Franca fügte nur beiläufig hinzu: „An welcher Stelle war der denn jemals attraktiv? Und heute wäre er mir als Liebhaber viel zu fett. Da gefällt mir der da vorne doch um einiges besser“, und sie strebte zielsicher dem Bus entgegen oder, besser gesagt, dem männlichen Gegenstand ihres Interesses, der davorstand.

Er war so unerwartet sonnengebräunt und elegant und strahlte einen umwerfenden, jungenhaften Charme aus, wie sie es sich niemals von einem Reiseleiter erhofft hatte. Seine Wirkung kam der eines Lehramtsanwärters gleich, bei dessen Auftreten in der Klasse man von Stund an weniger aufs Handy schauen, aufmerksam zuhören und heimlich schwärmen würde.

Franca warf den Freundinnen einen vielsagenden Blick zu und dem Reiseleiter ihr strahlendstes Lächeln, während sie eine nach der anderen den Bus enterten.

Bevor Julie als Schlusslicht der Freundinnen den Bus bestieg, nahm ihr ein etwas unwillig wirkender Busfahrer den kleinen Rollkoffer ab und stopfte ihn unsanft in den übervollen Stauraum, der sich seitlich zwischen Vorder- und Hintertür befand. Beim Anblick des vielen Gepäcks fragte sie sich allerdings, ob sie vielleicht etwas überlesen hatte und die geschenkten Wohlfühltage mehr als so über den Daumen gepeilte sechzig Stunden dauern würden. Sie kletterte langsam die Stufen zum Wageninneren hinauf und gab sich Mühe, die anderen Teilnehmerinnen so unauffällig wie möglich zu mustern.

„Ach, du liebes bisschen“, stöhnte sie leise in Richtung Franca, Eleni und Marie, „schaut euch bloß mal unsere restlichen Mitfahrerinnen an! Lauter gestylte, gebotoxte, goldbehangene superschicke Französinnen! Wir wirken ja völlig deplatziert in unseren Jeans und T-Shirts. Jetzt wird mir auch klar, warum die so viel Gepäck mithaben. Das sind Frauen, die sich zu jedem Pups neu einkleiden …“

„Juliiiee! Du vergisst, dass du eine Dame bist!“

„Na und? Schaut doch bloß mal, wie die uns anstarren!“

„Mach dir nix draus.“ Marie schob die Freundin liebevoll weiter, die vor lauter Erschütterung stehen geblieben war und den ganzen Verkehr – respektive das Einsteigen der restlichen Frauschaft – behinderte. „Wir sind, wie wir sind …“

„Eben“, unterstützte sie Eleni, „natürlich, ohne Gesichtslifting und nur jung geblieben durch die kostbare Kosmetik von Yvette Gallo. Und deshalb dürfen auch wir diese Fahrt der Firma als Geschenk genießen.“ Sie ließ sich in der vorletzten Reihe – links Nummer neun und zehn und rechts, über den Gang, Nummer elf und zwölf – auf den freien Sitz am Fenster fallen und die anderen taten es ihr gleich.

„Was habt ihr denn erwartet?“, flüsterte Franca. „Lasst doch die blöden Weiber. Mich interessiert jedenfalls nur der Anblick des gut aussehenden Reiseleiters da vorne.“

„Du und deine Kerle“, lachte Marie, „du kannst das Flirten doch nicht lassen.“

„Außerdem“, fügte Julie spitz hinzu, „ist der doch mindestens fünfzehn Jahre jünger als du.“

Franca zuckte nachlässig mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was ihr damit sagen wollt! Er ist doch im besten Frauenalter, n’est-ce pas?

Die anderen zogen es vor, vielsagend zu schweigen.

Und während alle vier die Polstersitze auf ihre Bequemlichkeit hin ausprobierten, dachte der Reiseleiter momentan nicht an die schwarzhaarige, rassige Italienerin hinter ihm in der vorletzten Reihe, sondern hob die Augen gen Himmel und bat den lieben Gott stumm um Schutz vor Unfällen auf der kurvigen Küstenstraße, vor dem Verlorengehen ihm anbefohlener Schafe und in Grasse um die ausreichende Anzahl der vorbestellten Einzelzimmer. Dann nahm er seufzend das Mikrofon, hielt es vor den Mund, schluckte ein paar Mal und begann seine Antrittsrede:

„Meine sehr verehrten Damen, ich begrüße Sie im Namen von Yvette Gallo und in meinem eigenen – ich heiße Jean Robie und …“

„Ich werd verrückt“, rief Marie überrascht. „Sie heißen ja genauso wie Cary Grant in Hitchcocks frühem Klassiker. Der spielte ja auch sozusagen hier um die Ecke …“

„Ja, klar, ich erinnere mich“, fügte Eleni hinzu, erfreut darüber, dass sie auch mal einen Film kannte, „der hieß: ‚Die Katze auf dem heißen Blechdach‘ …“

„Das, chérie, war die Verfilmung von Tennessee Williams Theaterstück mit Elizabeth Taylor und Paul Newman“, antwortete Marie amüsiert, „und der Kassenschlager der Fünfzigerjahre schlechthin. Der Film, den ich meine, hatte zwar auch etwas mit einer Katze zu tun, aber die kletterte über die Dächer der Luxushotels an der Côte d’Azur und klaute den Schmuck der Schönen und Reichen. Der deutsche Titel lautete: ‚Über den Dächern von Nizza‘ …“

„… und“, ergänzte Julie, die hinter Marie und Eleni saß, „neben Cary Grant spielte Grace Kelly die weibliche Hauptrolle …“

„Grace Kelly, die hier während der Dreharbeiten ihren zukünftigen Mann kennenlernte und von der Schauspielerin zur Fürstin von Monaco mutierte“, beendete Franca die Diskussion. „Und nun lasst den armen Monsieur Robie mal wieder zu Wort kommen.“ Sie lächelte ihn auffordernd an.

Er lächelte erleichtert zurück und nahm das Mikrofon wieder hoch.

„Ich wollte Sie natürlich auch noch im Namen unseres Fahrers Maurice begrüßen, der uns sicher durch die herrliche Landschaft der Côte d’Azur und ihres wilden Hinterlandes chauffieren wird. Wir werden Ihnen während der drei Wohlfühltage viel bieten, und ich hoffe, es ist für jede von Ihnen etwas Schönes dabei: eine abwechslungsreiche Küstenstraße, felsiges Hinterland, Weinberge und romantische alte Villen, für die Belesenen unter Ihnen allen voran die Villa, in der der berühmte deutsche Dichter und Denker Lion Feuchtwanger während der Zeit des Nationalsozialismus Unterschlupf fand. Doch jetzt zu uns selbst. Noch schweigen wir – bis auf ein paar Ausnahmen …“ – und ein vielsagender Blick traf die vier Golden Girls in der vorletzten Reihe – „… vornehm in kühler Zurückhaltung vor uns hin …“ Fröhliches Gelächter von den Plätzen neun, zehn, elf und zwölf, worauf strafende Blicke von den anderen Mitreisenden nach hinten in ihre Richtung schossen. Doch der Reiseleiter lächelte milde und fuhr fort: „Aber ich hoffe, dass wir alle sehr bald zu einer herzlichen Familie zusammenfinden, ohne die sonst dazu gehörenden Unstimmigkeiten. Ich wünsche Ihnen nun vorerst eine gute Fahrt, die wir mit französischen Chansons begleiten werden, denn es tritt eine Redepause von ungefähr zwanzig Minuten ein. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“ Und damit legte er das Mikrofon aus der Hand und ließ sich aufatmend in der vordersten Reihe neben Maurice, dem Fahrer, nieder.

Der Bus setzte sich in Bewegung, und während Maurice seine weibliche Fracht unter den Klängen von Michel-Sardou-Chansons (auf ausdrücklichen Wunsch zweier Reisegesellschaftsmitglieder von Platz zehn und elf aus der vorletzten Reihe) zwischen schluchtenreichen, eng ineinander geschobenen Kulissen und zerklüfteten purpurroten Felsformationen des Esterelmassivs – „wie aus dem wilden Westen“, konnte sich Eleni nicht verkneifen zu bemerken – über die kurvenreiche Küstenstraße steuerte, ergriff Monsieur Robie, wie angekündigt, nach etwa zwanzig Minuten das Mikrofon und richtete erneut das Wort an seinen Mitreisenden:

„Wir haben Saint-Raphaël erreicht. Bitte alle Blicke nach rechts. Hier, wo sich die bizarren Felsen ins indigoblaue Meer stürzen, viele kleine Buchten bilden und dem fotobegeisterten Betrachter eine Palette eindrucksvoller Farben liefern, kam vor einem guten Jahrhundert ein französischer Wanderklub auf die Idee, die Esterelküste mit ihren haarnadelscharfen Kurven ausbauen zu lassen. Zwischen Saint-Raphaël und La Napoule entstand so die ‚Corniche d’Or‘, und was einst den ein oder anderen Reiter begeisterte, ist längst zu einem beliebten Pfad des modernen Autotourismus geworden. Heute ist … wie bitte?“

„Es zieht von rechts, es zieht direkt in den Nacken!“

„Aha. Ich bitte die Damen auf der rechten Seite, die Fenster zu schließen …“ Der Reiseleiter wischte über sein Mikrofon und fuhr fort: „Also, heute ist die goldene Corniche eine der schönsten Steilstraßen des französischen Südens und das Esterelmassiv ein Paradies für Wanderer.“

„Wetten, dass sich keine unter uns traut, auszusteigen und unser Yvette-Gallo-Geschenk per pedes zu verplempern?“, unterbrach die umfangreiche Französin, deren Füße sich den Gang mit Maries Füßen teilten, überraschend fröhlich und spuckte damit genau auf Jean Robies zeitgeschichtliches Feuer.

Und Eleni brachte es dann vollends zum Erlöschen mit ihrer Bemerkung: „Ich habe vom lauter Hin- und Herschauen mittlerweile einen steifen Hals.“ Worauf alle Businsassinnen zustimmend nickten und ihre Köpfe erleichtert und Nacken reibend wieder in eine gerade Position brachten. Der Reiseleiter ließ sich ergeben zurück auf seinen Sitz fallen und dachte: Mon Dieu, les femmes! Das wird auch diesmal kein leichtes Unterfangen!

Doch im Verlauf der weiteren Fahrt über die kurvenreiche Strecke wehte plötzlich ein lauer Tauwind durch das Businnere, und langsam schmolz ein Teil der Fremdheit – zumindest bei den Damen hinter Eleni und Franca und vor Marie und Julie – dahin. Man reichte bereits Handys von Sitz zu Sitz, auf deren Displays Kinder, Enkelkinder, Vierbeiner und Piepmätze zu sehen waren, die man daheim für die Zeit der Reise in Obhut gegeben hatte. Erfreut kramte nun auch Eleni ihr neues Smartphone aus der Tasche, um ihr griechisches Promenadenpotpourri eines Chihuahua-Dackel-Pinscher-Terrier-Mixes vorzuführen.

„Ist er nicht goldig?“, trompetete sie durch den ganzen Bus. „Er heißt Diogenes, weil ich ihn aus einer alten Tonne auf der Straße von Athen aufgelesen und somit vor der unvermeidlichen Tötungsstation gerettet habe. Und stellen Sie sich vor: Er hat auch noch blinde Passagiere in die Provence mitgebracht, nämlich ein ganzes Bataillon griechischer Flöhe in seinem Fell.“ Sie wollte sich ausschütten vor Lachen. Und bevor eine der Freundinnen sie stoppen konnte, fuhr sie japsend fort: „Hahaha, und dann waren wir allesamt – Vierbeiner wie Zweibeiner – voller hüpfender schwarzer Punkte …“

Die Mitreisenden rückten entsetzt von den Golden Girls ab und hatten sofort den unüberwindlichen Drang, sich überall zu kratzen.

„Bist du verrückt?“, fauchte Franca wütend. „Steck bloß dein Handy wieder weg“, und zu den anderen Mitreisenden: „Keine Angst, Mesdames, das ist schon fast ein Jahr her, und ich kann Ihnen eidesstattlich versichern, wir sind alle uneingeschränkt ungezieferfrei.“

„Mercidanke“, atmete Marie erleichtert auf, „wie stehen wir sonst da? Denn schaut mal, in den vorderen Reihen sitzen die gebotoxten Gesichtsgestrafften und zeigen ihre Fotos nach dem Motto: mein Haus, mein begehbarer Kleiderschrank, meine wertvolle Schmucksammlung. Die kennen Flöhe doch nur vom Hörensagen.“

In diesem Moment erhob sich der Reiseleiter, nahm erneut das Mikrofon vor den Mund und verkündete: „Liebe Schafe … excusez-moi … natürlich Mitreisende“, er grinste jungenhaft, „in Kürze erreichen wir Saint-Tropez, das bis zum Ende der Fünfzigerjahre ein friedliches Fischerdorf war. Doch dann strandete Brigitte Bardot dort und stellte alles auf den Kopf …“

„Entschuldigen Sie, Monsieur Robie“, unterbrach Julie den eifrigen Yvette-Gallo-Hirten des Busses, „soviel ich weiß, strandete sie nicht erst in Saint-Tropez, als ihre Filmgagen in den Fünfzigern gigantische Höhen erreichten, sie wurde schlichtweg hier geboren und hält seitdem in Treue fest an diesem Ort.“

„Ja“, fügte Marie hinzu, „aber in noblerem Ambiente als einst ihre Eltern. Sie bevorzugt den legendären Capon der High Society und besitzt dort zwei Anwesen, ‚La Madrague‘ und ‚La Garrigue‘.“

„Brigitte Bardot hin, Brigitte Bardot her“, ließ sich da die füllige Dame jenseits des Ganges von Marie vernehmen, „man kann jedoch nicht in Saint-Tropez gewesen sein, ohne bei Kiwi reingeschaut zu haben …“

„Was gibt es denn da zu sehen?“, wollte Franca wissen.

„Na, da bekommt man die schönsten Bikini-Modelle des Kontinents …“ Und als alle losprusteten bei der Vorstellung eines Bikinis auf ihren rubensschen Formen, fügte sie noch humorvoll hinzu: „Ich werde mir bestimmt einen leisten … auch wenn ich ihn dann nur in der Hand tragen kann!“

„Also, ich habe nur von den schönsten High Heels und Sandaletten der Welt gelesen, die man dort unbedingt kaufen muss …“, erklärte Marie.

„Du und dein Schuhtick! Du kannst doch ohne Gehhilfe gar nicht mehr auf hohen Hacken laufen …“, erinnerte Eleni salbungsvoll mit erhobenem Zeigefinger.

„Du redest, als würdest du eine Predigt halten“, konterte diese heiter. „Ich schwöre dir, mein erster Weg wird mich zum l’Atelier Rondini führen. Die haben nicht nur die außergewöhnlichsten Schuhe, nee, die sind obendrein auch noch parfümiert … Zum Beispiel die Sandaletten …“

„Ich denke, du bist allergisch gegen Duftstoffe.“ Julie lachte.

„Aber doch nicht an den Füßen!“, sagte Marie empört. „Und wenn alle Stricke reißen, dann mache ich es wie meine Nachbarin jenseits des Ganges und trage die noblen Dinger einfach in der Hand.“

„Na, wie dem auch sei“, ergriff Jean Robie nun wieder das Wort, „Sie haben höchstens eine halbe Stunde in Saint-Tropez, um sich ein wenig umzuschauen, anschließend geht es über Fréjus weiter nach Cannes. Dort erwartet uns ein fulminantes déjeuner in einem der besten Fischrestaurants der Côte d’Azur. Wir treffen uns“, er schaute auf seine Uhr, „pünktlich um zehn auf der Terrasse des Café des Arts am Place des Lices wieder, d’accord?

Es war Samstagmorgen und, wie immer an diesem Tag, Markt in Saint-Tropez auf dem Places des Lices, eine Explosion an Farben und Düften, auf unverkennbar provençalische Art. Jean Robie hatte es nicht leicht. Er war nicht nur ein von Yvette Gallo angestellter Reiseführer. Er war auch sein eigener und der einer Immobilienfirma mit Namen Riviera de la fortune – wie es im Kleingedruckten hieß – gegenüber verantwortliche Wächter einer Schafherde von fünfzehn Damen, die nach dem Ausstieg aus dem Bus in alle Richtungen davonstoben. Beim Zusammentreiben der Herde musste er sich die Zunge aus dem Hals hecheln, denn ständig gingen einige im Gewühl des Marktes oder an Kinkerlitzchenständen verloren, andere verschwanden in Seitenstraßen auf der Suche nach Prominenten und deren Villen oder in Richtung Hafen, um sich die Jachten der Millionäre anzuschauen.

Es war nicht rein zufällig, dass Franca stets an seiner Seite blieb, denn sie wollte ihn wenigstens einmal völlig für sich alleine haben, so ganz ohne fünfzehnfachen Anhang. Wie Privatreisende. Wie zwei Menschen, die Saint-Tropez als dekorativen Hintergrund für ihre beginnende Verliebtheit hatten.

„Kommen Sie, Jean“, sagte sie und hakte sich bei ihm ein, „Ihre Schäfchen werden sich schon von alleine rechtzeitig wieder einfinden. Ich habe auch den Reiseführer gelesen und nehme Sie jetzt einfach mal zu Marcel et Cavazza mit. Dort lassen wir uns nicht nur von dem zauberhaften Ambiente, sondern vor allen Dingen von den einmaligen Tartes tropeziennes verführen.“ Sie lächelte ihn an, und er lächelte erleichtert zurück. Dann legte er den Arm um ihre Schulter und sie machten sich auf den Weg zur Rue Georges Clémenceau.

Ich bin ja verrückt, dachte Franca unterwegs und lehnte sich ein bisschen fester an ihren Reiseführer. Ich kenne ihn doch erst seit ein paar Stunden.

Franca hatte viele Arten von Mann in ihrem Leben kennengelernt: den grundsätzlich Korrekten, den breitschultrigen Selbstbewussten, den empfindlichen Künstler, und der kleinbürgerliche geizige Don Giovanni war ihr ebenfalls nicht fremd. Aber so ein belesener Feingeist wie Jean Robie war ihr noch nie begegnet, und seine heitere wie auch ernste Jungenhaftigkeit ließ bunte Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern.

Währenddessen waren Julie, Eleni und Marie im l’Atelier Rondini angekommen, und sofort entdeckte Letztere die zauberhaftesten High-Heel-Sandaletten, die sie je gesehen hatte. Ohne mit der Wimper zu zucken, zahlte sie, da noch stark im Portemonnaie, den horrenden Preis. Sie behielt sie gleich an, obwohl Eleni und Julie sie warnten: „Damit schaffst du es nie bis zu unserem Treffpunkt auf der Terrasse des Café des Arts.“ Aber Marie winkte nur ab, und so bummelten die Freundinnen am Hafen entlang zurück zu den anderen. Keiner fiel auf, dass sich die sonst so lebhafte Marie bald sehr wortkarg verhielt und langsam hinterhertrödelte. Doch deren Schweigen hatte einen wehen Grund. Ihre Gedanken kreisten nach ungefähr fünf Minuten Gehen ausschließlich um ihre schmerzenden Füße. Die verflixten parfümierten Sandalen brannten nämlich nicht nur teuflisch an den Hacken, sondern auch vorne unter den schmalen Riemchen über den Zehen. Marie besaß eine einigermaßen ausreichende Selbstbeherrschung, um nur innerlich zu lahmen. Schließlich würden Julie und Eleni sich schieflachen, wenn sie etwas von ihrem Dilemma mitbekämen. Und so fraß das schmerzhafte Zähnezusammenbeißen ihr ganzes Interesse am Tummelplatz des Jetset mit seinen unglaublichen Motor- und Segeljachten – eine pompöser als die andere – im malerischen Umfeld des Hafens auf.

Als alle drei als Letzte ihren Treffpunkt erreichten, waren die anderen bereits im Aufbruch, und Marie stöhnte, weil sie gehofft hatte, sich erst einmal ein Weilchen hinsetzen zu können.

„Armes Mädchen“, sagten Eleni und Julie wie aus einem Mund.

„Was hat sie denn?“, fragte Franca besorgt.

Die Freundinnen deuteten nur mit dem Finger auf Maries Füße und versuchten ein schadenfrohes Grinsen zu unterdrücken.

„Soll ich Sie tragen?“, fragte Jean Robie hilfsbereit.

Doch Franca sah Marie scharf an, und in ihrem Blick lag etwas Drohendes, das da warnte: Reiß dich bloß zusammen, der tolle Kerl da gehört nur mir allein. Wage es ja nicht, sein Angebot anzunehmen.

Und Marie lächelte brav wie ein Schulmädchen zurück und antwortete gehorsam: „Das ist sehr freundlich von Ihnen. Aber nein danke. Die paar Schritte zum Bus schaffe ich jetzt auch noch alleine.“

Als der Wagen sich vom Place des Lices aus in Bewegung setzte, zog der Reiseleiter sogleich seinen Erste-Hilfe-Koffer unter dem Sitz des Fahrers hervor und machte sich auf den Weg in den hinteren Teil des Busses, um Maries wehe Füße zu verarzten.

Im Mittelteil gab es dann eine kleine Karambolage, weil die umfangreichen Ausmaße ihrer Gangnachbarin – die sich in einem Anfall von Mitgefühl auf der Terrasse des Café des Arts als Dr. Margritte Honoré vorgestellt hatte – und seine sportliche Figur aufeinanderprallten.

„Lassen Sie das lieber mich machen. Auch wenn ich als Ärztin bereits seit einigen Jahren in Pension bin, so braucht mein medizinisches Gedächtnis noch lange keine Brille, um kleine Wunden zu versorgen.“ Erfreut gab Jean Robie Verbandszeug und Jod an sie ab und kehrte erleichtert zu seinem Platz neben Maurice zurück.

Während Madame Honoré Maries schmerzende Hacken und Zehen sachkundig behandelte und ihr für die nächste Zeit ein paar weiche Espadrilles verpasste, die sie aus den Tiefen ihrer großen Tasche hervorkramte – „Die habe ich auf jeder Reise als bequeme Hausschuhe dabei“ –, griff Monsieur Robie zum Mikrofon und wandte sich aufatmend wieder allen Insassinnen des Busses zu: „Chères Mesdames, unser nächster Halt wird in Fréjus sein. Wie Sie sicher schon wissen, waren die Römer bereits im zweiten Jahrhundert in der Provence. Der Name Provence leitet sich vom lateinischen Wort provincia ab, er kommt also aus der Zeit der römischen Herrschaft … ja bitte?“

Eleni hatte die Hand in die Höhe gehoben und wedelte protestierend in der Luft herum. „Soviel ich weiß, waren es zunächst aber die Griechen, die ab etwa 600 vor Christi die Provence besiedelten …“

„Ja“, unterstützte sie Julie, „die Griechen gründeten damals das heutige Marseille und errichteten später noch weitere Städte in der Region …“ „Eben“, vollendete Marie, „doch als sie dann unter Druck keltischer Angriffe standen, riefen sie das verbündete Rom zu Hilfe, und erst daraufhin setzte die Romanisierung der Provence ein … Sag doch auch mal was, Franca. Schließlich bist du doch eine echte Nachfahrin der ollen Römer.“

Franca antwortete nicht, sie lächelte Jean Robie für die rüde Unterbrechung durch die Freundinnen entschuldigend an und mordete grimmig und still vor sich hin: Griechen, Römer, Deutsche, Franzosen und Freundinnen mit ihrer ätzenden Besserwisserei – sie war weder für freundliche Worte der Umsitzenden noch für eine gut gemeinte kleine Tarte tropezienne von Marie zugänglich, die diese als Wegzehrung aus Saint-Tropez mitgenommen hatte und ihr nun als Entschuldigung anbot.

„Na, wie dem auch sei“, zog der Reiseleiter wieder das Wort an sich, „und aus diesem Grund findet man hier selbst heute noch zahlreiche Zeugnisse der römischen Kultur. Viele Städte wurden damals gegründet oder durch die Römer ausgebaut. Bedeutende Denkmäler und Bauten findet man zum Beispiel auch in Fréjus: den Hafen, das Amphitheater, und quer durch die ganze Stadt ziehen sich die Reste eines römische Aquädukts, die wir uns aus Zeitmangel leider nur kurz anschauen können.“

Die Straße kringelte sich langsam bergauf. „Wie eine aufgewickelte Lakritzschnecke“, rief Eleni, und Franca widersprach lachend: „Nee, eher wie eine gekochte Spaghetti.“ An einem Abhang döste ein Junge, umgeben von ein paar meckernden Ziegen, unter einer großen Pinie in der beginnenden Mittagshitze. Er winkte dem vorüberfahrenden Bus lässig zu, und die beiden hinteren Reihen winkten fröhlich zurück.

Und dann fuhren sie eher als gedacht in das Stadtinnere von Fréjus ein, das eine ruhige Gemütlichkeit ausstrahlte und keine Touristenhorden beherbergte, die sich über die Straßen und Plätze schoben. Die kleine Glocke der romanischen Kathedrale Saint-Léonce läutete die elfte Stunde ein.

Im Kreuzgang hockten helle und dunkle Punkte auf der Steinbalustrade, wie Noten, die zu einer zufälligen Melodie zusammengefügt wurden.

Prosaisch betrachtet handelte es sich um ein paar Menschlein der Yvette-Gallo-Gruppe, die schweigend und staunend um sich schauten und von ihrer eigenen Unwichtigkeit überwältigt waren. Da hockte zum Beispiel Franca neben Eleni – beide mit ehrfürchtigen Tränen in den Augen bei dem Gedanken, dass hier alles von ihren Altvorderen gegründet worden war.

Julie dachte amüsiert: In meinem Kopf sieht es langsam aus wie in einem römischen Museum nach einem Erdbeben – alles durcheinandergewirbelt, Jahrhunderte, Ausgrabungen und Massenmorde von den unterschiedlichsten Tyrannen, die hier geherrscht haben.

Nur Marie seufzte laut: „Da habe ich mir die Region Provence-Alpes-Côte-d’Azur vorgestellt wie ein Plakat am Reisebüro-Schaufenster: ewig blauer Himmel mit einer strahlenden Sonne, Palmen und kühles sauberes Meerwasser, so richtig zum Urlauben. Stattdessen nur Altertümliches und brennende Füße … Was ist?“

„Jean Robie hat schon zum dritten Mal um Aufbruch gebeten.“ Franca stand plötzlich vor ihnen und schaute sie an, erbost darüber, dass die Freundinnen mit ihren Gedanken ganz woanders waren.

In ihrer Erinnerung hatte sie offenbar bis zu dieser Reise keine großen Probleme gehabt. Sie war zufrieden gewesen, weil sie nie übertriebene Erwartungen an das Leben gestellt hatte. Die Geschichte vom Prinzen, der auf einem weißen Ross – respektive in einem dicken Mercedes – daherkommt und das arme Mädchen, wie in „Pretty Woman“ Richard Gere die schöne Julia Roberts, rettet, hatte sie als junges Mädchen nie geträumt, dazu war sie viel zu nüchtern. Und nun musste ihr ausgerechnet im fortgeschrittenen Alter Jean Robie begegnen und den Schutzhelm der Unbekümmertheit fortziehen. Sie war verwirrt wie ein Teenager, unruhig, voller unbestimmter Sehnsucht, zum Heulen, zum Lachen unglücklich!

„Männer“, sagte Julie abwertend und Eleni grinste.

Doch Marie erhob sich und küsste Franca auf die Wange. „Lasst mal. Es ist prima, dass alles so ist, wie es ist. Es ist schön, hier zu sein, es ist schön, dass der Frühling so herrlich ist, und es ist schön, sich jung und verliebt zu fühlen. Zum Büßen ist in einigen Tagen noch genug Zeit, n’est-ce pas? Wo soll es denn jetzt hingehen?“ Sie lächelte Franca verständnisvoll an, und diese lächelte erleichtert zurück.

„Ins Amphitheater etwas außerhalb der Stadtmauern, wo zur Zeit der Römer Gladiatorenkämpfe stattfanden und heute die berühmten Stierkämpfe veranstaltet werden.“

„Mon Dieu“, sagte Marie da entsetzt, „da willst du hingehen? Das ist doch nicht dein Ernst! Seit mindestens drei Jahrzehnten benutzen wir nur Kosmetik von Yvette Gallo, weil die als Erste ihre Cremes, Wässerchen, Lippenstifte, Make-up, Wimperntusche und was weiß ich noch alles nicht weiter in Tierversuchen testeten, tragen schon ewig keine echten Felle, damit kein Pelztier leiden muss, nur damit wir uns im Winter nicht den Allerwertesten abfrieren …“

„Wir essen Nuller-Eier von frei laufenden Hühnern, um das Federvieh vor der Käfighaltung zu bewahren …“, fuhr Julie eifrig fort, und Eleni fügte hinzu: „Vom Fleisch mal ganz abgesehen, besonders dem der Schweine. Kennst du die Bilder von den armen Tieren in Massenhaltung? Totgetrampelt, Öhrchen und Schwänzchen von ihresgleichen abgefressen?“

„Und da willst du eine Arena besuchen, in der bescheuerte Matadore mit Stechlanzen die Stiere aufspießen und dann mit dem Degen ermorden? Das ist doch nur eine Fortsetzung der Tierhetzen der römischen Antike!“ Marie war fassungslos, Fanca hingegen ganz kleinlaut geworden.

„Darüber habe ich nicht nachgedacht“, sagte sie geknickt. „Könnt ihr mir verzeihen? Ich möchte doch nur gerne so lange wie möglich die Gegenwart von Jean genießen …“

„D’accord“, beruhigte Marie sie verstehend, und Julie und Eleni lächelten milde. „Wem willst du denn nun das Herz brechen, dem Stier oder dem Reiseleiter?“

Franca lachte erleichtert auf. „Das kann ich jetzt noch nicht so genau sagen.“

„Na, dann verschwinde mal schleunigst. Wir können dir diese schwere Entscheidung ja doch nicht abnehmen!“

Alors, Mädels“, sagte Marie, als Franca mit wehenden Fahnen zu dem Mann ihrer Träume geeilt war, und zog die Espadrilles über die verpflasterten Füße, „dann gehen wir mal ins Städtchen und schauen uns die Reste der Ruinen des Aquädukts an, durch das niemals Blut, sondern nur einfaches Wasser geströmt ist.“

„Kannst du denn mit deinen Leinenschuhen noch so weit laufen?“, fragte Eleni und machte sie auf die ausgefransten Strohsohlen aufmerksam. „Pas de quoi.“ Marie machte eine beruhigende Handbewegung. „Die halten noch eine Weile. Und wenn nicht, dann kaufe ich mir ein Paar neue auf dem Markt. Hier in der Provence findet doch täglich auf irgendeinem Platz ein marché aux puces statt … Wollt ihr mal eine lustige Geschichte über die Espadrilles meiner ältesten Tochter hören?“

„So was wie von dem Mädchen in diesem valencianischen Volkslied?“, fragte Julie ungerührt und rezitierte:

„Mutter, am Ufer des Flusses

habe ich meine Espadrilles

stehen gelassen,

Mutter, sag es nicht dem Vater;

denn ich gehe zurück, sie zu holen …

Die Espadrilles stehen im Verlauf des Liedes symbolisch für die Unschuld, die das Mädchen am Fluss verloren hat, während der Mond sie um ihr Liebesglück beneidet …“

„Das ist doch nicht lustig“, krittelte Marie. „Also, nun zu meiner echt heiteren Geschichte. Da könnte ich auch ein Lied von singen, haha! Als die Espadrilles-Welle in den Achtzigerjahren auch zu uns nach Deutschland schwappte, brachte Cécile bei einem Besuch meinen Kindern auch welche vom marché in Iles sur la Sorgue mit: der Kleinen ein Paar rote, weil das ihre Lieblingsfarbe war, ihrem großen Bruder ein Paar männlich blaue und der älteren Schwester ein paar schneeweiße, da sie sich immer so etepetete gab. Etwas später machte diese dann mit ihren Freundinnen einen Ausflug ins Bergische Land. Und da die Reise etwas länger dauerte, hüpften alle zwischendurch zu einem kleinen gemeinsamen Pinkelpäuschen in die Büsche. Erleichtert kamen sie danach wieder zurück zur Straße, und meine Tochter stellte zu ihrem Kummer und unter dem Gelächter ihrer Freundinnen fest, dass ihre schneeweißen Leinenschuhe nun gelb gesprenkelt waren. Seitdem heißen die Espadrilles bei uns nur noch ‚Pisspadrilles‘.“

„Sehr lustig“, sagte Julie trocken und Eleni grinste.

„Dann kaufen wir dir bei der nächstbesten Gelegenheit ein Paar von der kanariengelben Sorte, sozusagen … gewissermaßen … also nur in weiser Voraussicht!“

Die Lavendelgang II

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