Читать книгу Hochschulbaby - Ingo Stephan - Страница 7
ОглавлениеAlle träumen von der Niederkunft – doch vorher müssen zwei Männer auf dem sozialistischen Weg zueinander finden.
Dürfen wir den Tageszeitungen während der Leipziger Frühjahrsmesse 1977 Glauben schenken, müssten wir annehmen, dass eine wirkliche Sensation geboren ist – hier die Schlagzeilen:
„Ein Baby schlägt Wellen!“
„Unser Hochschulbaby – der Messeschlager!“
„Hochschulbaby in der Gunst der DDR-Kinder ganz oben!“
„Blonde Babypuppe macht das Rennen vor kapitalistischem Modeschnickschnack!“
„Im Hochschulbaby siegt das Menschliche über die Profitgier!“
„Der Messerenner – eine Babypuppe aus dem VEB Kombinat „Erfi“ Erfurt erhält die Goldmedaille!“
Und weiter unten heißt es:
„Lange Schlangen sind wir ja im Alltag gewöhnt. Natürlich nur, wenn es etwas Außergewöhnliches gibt. Und bei uns gibt es ja viele außergewöhnliche Sachen. Einige davon kann man, bevor sie im Handel erscheinen, auf der Leipziger Messe bewundern und sich Appetit holen. Aber denkt man dabei an lange Menschenschlangen? Auf dem Messegelände? Man erwartet neugierige DDR-Bürger in großer Zahl, aber eine derartige Anhäufung auf engstem Raum? Wo es nichts zu kaufen gibt? Da ist man überrascht. Da will man sich auf der Leipziger Frühjahrsmesse die neuesten und hochentwickeltsten Erzeugnisse unserer Volkswirtschaft neben jenen der übrigen Welt mit Kind und Kegel ansehen, da muss man wieder Schlange stehen. Nicht nur nach den Eintrittskarten, obwohl es davon mehr als genug gibt. Nein, um einen Blick auf die Messesensation schlechthin werfen zu können, benötigt man eine unserer Haupttugenden – charaktervolle Geduld. Und diese Sensation muss man sich unbedingt ansehen, vor allem wenn man eine kleine Tochter hat, die gern mit Puppen spielt. Da führt der Besucherweg unweigerlich zum Stand des VEB Spielwarenkombinats „Erfi“ aus Erfurt. Unsern Kindern wohlbekannt. Aber ehe man den Schatz zu Gesicht bekommt, heißt es stehen und stehen und stehen und stehen. Die Mutti kann sich schon nicht mehr auf den Beinen halten und holt sich eine Fassbrause, weil man am Getränkestand sitzen kann. Die Tochter quengelt. Die hält es nicht mehr an Vatis Arm. Die will endlich die Puppe sehen. Da muss der Vati das Kind auf die Schultern nehmen und hört es sofort kreischen:
– Da! Vati! Vati! Vati! Da ist sie! Ich kann sie sehen!
Gut für das Kind, doch der Weg ist noch weit. 30 Minuten muss Vati noch stehen, dann kann er das Hochschulbaby endlich selbst bewundern. Na ja, was heißt schon – etwas Besonderes. Es ist eine einfache Babypuppe mit drolligen kurzen Haaren und großen dunklen Augen. Aber wer die Herzen der kleinen Mädchen für sich gewonnen hat, der hat den Vati schon so gut wie in der Tasche. Denn eine kleine Tochter weiß, wie sie den Vati nehmen muss, damit ihr auch ein Wunsch erfüllt wird ... aber da ist das Problem der Produktion. Wann kommt die Puppe denn endlich in den Handel? Und vor allem - wann in ausreichender Stückzahl? Auf diese Frage weicht der Genosse Betriebsdirektor Erich Scheider gekonnt aus. Er ist der Meinung, dass er mit der Produktionsverzögerung doch allen Eltern geholfen habe. Denn wenn die kleine süße Puppe im Herbst in den Handel käme, brauche man nicht mehr lange zu grübeln, sondern habe sofort etwas für den Weihnachtsmann, oder? Da mag er Recht haben. Aber eine kleine nörgelnde und schimpfende Tochter hat er wohl nicht ... und er muss garantiert nach seinem Hochschulbaby nicht schlangestehen. Doch wir sind ja geduldig. Wir haben das Warten gelernt. Und so erwarten wir das Hochschulbaby endlich im Herbst in den Regalen ... was heißt endlich, besser gesagt wahrscheinlich.“
Ist das ein Jubel! Der plangeplagte Erich Scheider hat von morgens bis abends an seinem Messestand zu tun. Jeder will sein Erfolgsprodukt sehen. Selbst klassenfeindliche Spielwarenvertreter sind bereits bei ihm gewesen und haben einige Kontingente angefordert. Natürlich hat er dabei die Probleme mit der Produktion verschwiegen. Den größten Fisch angelt man ja auch mit einem künstlichen Köder, oder?
Aber an so erfolgreichen Tagen will er sich seinen dichtbehaarten Kopf nicht darüber zerbrechen, ob und wann die erste Serienpuppe vom Band läuft. Diese Tage will er genießen. Die große Furcht vor dem Eröffnungsbesuch der Partei- und Staatsführung ist verflogen. Der Genosse 1. Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der Genosse Erich Hornbrecher, hat ihm die Hand gedrückt, hat gelächelt und sich alles zeigen lassen, hat ihm dann auf die Schulter geklopft und gesagt, dass es mit der Produktion ja sicher bald losgehe, denn selbst das Politbüro und das ZK würden täglich mit Anschreiben neugieriger Bürger überhäuft, die voller Fragen zum neuen Hochschulbaby wären, was an sich ja eine hübsche nette Puppe sei, aber woher stamme denn dieser Name?
Eine heikle Frage für Scheider. Wieder muss er die Wahrheit verschweigen. Die würde an dieser Stelle sicher nicht passen. Also hat er sich eine offizielle Erklärung im Einklang mit Antons Vorschlägen einfallen lassen: Der Name Hochschulbaby impliziere eine Idee, einen höheren Sinn in diesem Spielzeug, welcher die Puppe nicht einfach nur zu einem Spielzeug mache, nein, sie habe dadurch etwas Intellektuelles an sich; es scheint gerade so, als hätten sich Doktoren und Professoren den Kopf darüber zerbrochen, wie ein kindgemäßes und gleichzeitig pädagogisch wertvolles Spielzeug auszusehen habe. Damit habe man in diesem Namen wichtige Eigenschaften eines solchen vereint. Einerseits den bildungspolitisch hohen Anspruch dieser Ware, unsere Kinder auf dem Entwicklungsweg zur real sozialistischen Persönlichkeit über die sozialistisch-realistische Darstellung des sozialistischen Babybildes durch die Anbindung an die Hochschulintelligenz tatkräftig zu begleiten, wobei man innerhalb dieses Erziehungsprozesses den Wunsch im kleinen Mädchenherzen verstärke, später der ersten Arbeiter- und Bauernrepublik auf deutschem Boden vielzahligen werktätigen Nachwuchs zu schenken. Andererseits beinhalte der Begriff des Babys für die Eltern auch die Gewissheit, einfach ein Spielzeug vor sich zu haben, mehr nicht.
Auf diese Erklärung hin ist der Staatschef kurz verstummt, hat überlegt, ob der Genosse Kombinatsdirektor ihn wohl für dumm verkaufe, hat sich dann aber entschlossen, einfach zu lachen und eine scharfe Frage zurückzuwerfen:
- Schön und gut, aber wann beginnt denn endlich die Produktion?
Da hat Scheider zum Wirtschaftsminister geblickt, der hat ihm wissend und freundlich zugenickt, sodass der Genosse Kombinatsdirektor nicht anders konnte als zu sagen: - Bald, Genosse Hornbrecher, sobald ich zurück bin, werde ich den Startschuss geben. Und spätestens im Herbst ist das gute Stück im Handel.
Nun, daraufhin hat der kleinwüchsige Staatslenker wohlwollend das Kinn erhoben, hat zu seinen Ministern hinter sich gesehen und gesagt: - Von dieser Sorte Kämpfer für den Frieden und Sozialismus, Genossen, brauchen wir mehr. Gebt dem Mann einen Orden!
Und der Regierungsschwarm ist weiter geschwommen.
Jetzt muss Scheider unablässig der Presse Rede und Antwort stehen. Dabei blitzt es unentwegt um ihn herum aus hunderten Fotoapparaten. Minütlich schüttelt er tausende Besucherhände und kann mit freudigen Augen seine Prototypen präsentieren. Zwei Puppen leuchten in einer Glasvitrine, streng bewacht von seiner 48-jährigen Sekretärin Erika Lehmann. Und der Direktor des volkseigenen Kombinates VEB Spielwaren „Erfi“ aus Erfurt steht überwältigt vor diesem Erfolg wie ein Kind, das ein langersehntes Geschenk erhalten hat. Häufig blickt er mit feuchten Augen zur Vitrine. Das Hochschulbaby mutet so liebreizend an. Es wirkt einfach nett und klein und süß mit seinen großen dunklen Augen, den wilden hellen buschigen Haaren und den knubbligen Ärmchen und Beinchen. Und in kleinen Mädchenarmen wirkt es tatsächlich wie ein Baby.
Scheider hört die Kinderstimmen um sich herum, wie sie auf ihre Mütter und Väter einstürmen:
- Mutti! Mutti! Sieh mal! Die Puppe da! Wie ein richtiges Baby! Die will ich haben!
- Vati! Vati! Ist das Baby echt!? Das will ich haben, sonst bin ich nicht mehr deine Tochter!
Und die Mütter und Väter stürmen auf Scheider ein:
- Genosse Betriebsdirektor, wann wird diese süße Puppe denn endlich produziert?
- Sind sie hier der Chef? Dann sachens ma, wann das blöde Ding da gemacht wird. Meine Tochter kann schonne nich mehr schlafen! Un wenn die nich schlafen kann, dann kann ich das och nich mehr! Nu sachense dochema endlich, wann das Ding da zu kofen is!?
- Herr Scheider, wo ist denn ihr Betriebsdirektor? Ach, das sind sie, na, dann fangen sie bitte bald an, dieses Spielzeug in den Handel zu bringen. Ich bin die Leiterin eines Kindergartens und wir haben bereits ein Zimmer für das Hochschulbaby eingerichtet. Sie müssen wissen, dass unsere kleinen Mädchen schon ganz verrückt nach dem Ding sind. Wir haben alle Zeitungsartikel darüber ausgeschnitten und viele Wandzeitungen gefertigt. Wir haben das Babyzimmer auch mit kleinen Möbeln eingerichtet. Nun fehlen uns die Puppen. Ich möchte gern 20 bestellen. Wann können sie liefern? Die Rechnung senden Sie bitte an die Abteilung Volksbildung des Rates des Bezirkes Magdeburg. Natürlich dürfen sie den Namen unseres Kindergartens nicht vergessen – „7. Oktober“ in der Breitscheidstraße in der Lutherstadt Eisleben. Ist das in Ordnung?
Hört er die Wünsche der Kinder, würde Scheider gern weinen vor Freude. Hört er jene der Erwachsenen, würde er sich gern verstecken. Seine Ausrede mit dem Weihnachtsgeschenk kommt nicht bei jedem gut an. Aber ihm fällt nichts anderes ein. Was soll er sonst sagen? Soll er Schützes grandiose Idee laut in die Welt hinausschreien? Bei den russischen Freunden eine Maschine zu bestellen? Er hat es ja geahnt. Eine Maschine aus Irkutsk – was für ein Wahnsinn! Nicht dass die sowjetischen Genossen unzuverlässig sind, nein, sie sind eher unplanmäßig. Doch soll Scheider etwa in aller Öffentlichkeit sagen, dass die befreundeten sibirischen Werktätigen die DDR-Kinder im Stich lassen? Soll er etwa in aller Öffentlichkeit sagen, dass die sowjetischen Genossen ihm nicht das notwendige Material bereitstellen können? Dabei weiß er nur zu gut, dass er so was gar nicht sagen muss, weil es hierzulande sowieso jeder weiß. Wenn etwas nicht klappt, dann ist das nur normal, dann muss man eben nur mal warten, das geht doch alles seinen sozialistischen Gang. Nur wird hier die Zeit allmählich knapp.
Doch nun tritt etwas ein, womit Erich Scheider bis an sein Lebensende nicht gerechnet hätte. Wir könnten auch sagen – Genosse Scheider wird vom Zufall getroffen. Und mit diesem Umstand hat es eine merkwürdige Bewandtnis. Für den einen ist es ein Zufall, wenn etwas geschieht, was der Mensch nicht vorausahnen kann. Für den andern, der sich selbst als zufälliges Ereignis getarnt hat, natürlich nicht. Wenn diese Art der Besichtigung eines Zufalls allerdings ebenso auf den berühmten Dachziegel zuträfe, der vom Dach fällt, wenn man gerade darunter vorbeigeht, wo man doch annehmen muss, dass der Ziegel sicher nicht das Zusammentreffen mit dem Schädel des Daruntergehenden unbedingt gewollt hat und der Daruntergehende den Schädelkontakt mit dem Ziegel sicher auch nicht, wenn diese Betrachtungsweise des Zufall also eine ubiquitäre sei in dem Maße, dass die eine Seite etwas sogenannt Zufälliges als etwas sogenannt Zufälliges ansehe, die andere Seite dieses Zufalls allerdings nicht, weil sie diese sogenannt zufällige Begegnung vielleicht gewollt hat, aus welchem Grund auch immer, wenn also dieses einerseits Gewollte, andererseits Nichtgewollte zuträfe, müsste man sich doch mit dem Seelenleben eines Dachziegels näher beschäftigen, um herauszufinden, ob es zutrifft, dass er einen Menschenschädel zu treffen gewollt hat oder nicht. Da die Seele eines Ziegels allerdings eine eher steinige ist, sollte man auf diesen Versuch verzichten und sich stattdessen der Seele des Erich Scheider annehmen.
Denn diese gerät gerade aus der Fassung. Auf die ohnehin sehr erfreute Scheider Seele kommt nämlich eine andere, eine tiefe, dunkle, kalte, feuchte, zerrüttete, zottlige, schnoddrige, breitschultrige und von unzähligen sibirischen Mücken zerstochene Seele zu – die des sowjetischen Genossen Alexander Fedorowitsch Krutschkin, seines Zeichens Direktor des Maschinenbaukombinates ROTER OKTOBER aus Irkutsk und Träger vieler sowjetischer Staatsorden.
Und der riesige Russe mit seinen riesigen Händen und seiner riesigen dunklen Sibirierseele kommt unserem smarten Erich Scheider hier in Leipzig entgegen, setzt sich an den kleinen Plastetisch, der vor Scheider steht und grinst ihn an.
Ist das ein Zufall? Für Scheider schon. Was will der Russe?
- Nu, Tawarisch, sagt er und grinst weiter. Wo ist Tawarisch Schütze?
- In Erfurt, sagt Scheider unsicher.
- Ist er krank?, forscht der Russe weiter.
- So in etwa.
Der sowjetische Genosse lehnt sich zurück und fragt:
- Wer bist du?
- Erich Scheider, der Kombinatsdirektor.
- Ah, sagt der Russe mit hellem Gesicht. Nu schto, Tawarisch Scheider, dann kann ich ja mit dir gawarieren, oder, wie in Deutsch, ja reden. Ich haben eine Neuigkeit für dich. Aber, du ja nicht von morgen, oder, wie sagen ihr?
- Von gestern, berichtigt Scheider gern.
- Sbasiba, leuchten die tiefen dunklen Augen des Sibiriers, von gestern. Die Neuigkeit ist wichtig, Tawarisch Scheider, ihre Puppe ist wichtig, Tawarisch Scheider, das ist doch so, oder?
- Da, nickt der verschwitzte Scheider.
Der Sowjetgenosse wendet seinen riesigen Schädel, richtet seine tiefen Augen auf die beiden Prototypen des Hochschulbabys und nickt dann wohlwollende Zustimmung ins skeptische Scheidergesicht.
- Das eine süße Puppe da, dein Chochschulbaby, sagt Krutschkin, schnalzt mit der Zunge und wendet sich nun gewaltiger dem schlanken ostdeutschen Kombinatsdirektor zu. Ich chaben eine kleine Enkel, Tawarisch, die süße kleine Maschenka, die sich werden freuen über diese Puppe ...
- Sicher, bestätigt Scheider, aber wir können nicht produzieren, Genosse, du weißt warum.
Der sowjetisch-sibirische Betriebstawarisch lächelt ihm warmherzig zu, hebt eine seiner riesigen Hände und von hinten kommt ein Mann mit einem Koffer, öffnet ihn, holt eine Flasche Wodka und zwei Gläser hervor, stellt alles auf den kleinen Plastetisch zwischen die beiden Betriebsdirektoren, gießt ein und verschwindet wieder hinter dem breitschultrigen, etwas schnoddrigen, zottligen Sibirier. Der hebt sein Glas, und Scheider kann nicht anders.
- Nasdarowje, Tawarisch, sagt der Sowjetgenosse.
- Prost, sagt Scheider.
Sie trinken. Der Russe rückt näher an Scheider ran.
- Nu, Tawarisch, reden wir von Freund zu Freund. Da seien meine Enkel, da deine Puppe und dort – er macht eine Handbewegung in den weiten Raum – dort meine Maschine, in Sibirien, panimajesch?
Sicher versteht Scheider. Eine Hand wäscht die andere. Aber er hat nur 2 Prototypen seiner Puppe, wobei eine wichtige Sache noch gar nicht zur Sprache gekommen ist ... Scheider selbst hat ebenfalls eine Enkelin, die kleine Katharina, gerade süße 5 Jahre alt. Und dieser hat er einen Prototyp versprechen müssen. Genauer seiner Frau und seiner Tochter hat Scheider versprechen müssen, dass die süße kleine Katharina eine Puppe erhält, und zwar sofort nach der Messe. Aber wenn er jetzt die eine dem Russen gibt, dann braucht er die andere für sein Büro. Zumindest eine muss dort sitzen, falls ein potenzieller Handelskunde kommt, um die angedachten Verträge zu unterzeichnen. Zumindest eine Puppe muss sozusagen materiell und bildhaft anwesend sein, um die möglicherweise bis dahin immer noch existierenden Probleme mit der Produktion zu kaschieren. Und das Drama zuhause, bringt er keine Puppe mit, erst das Gebrüll der Enkelin: „Opa! Du liebst mich nich!“ Dann das vorwurfsvolle Blicken und Reden seiner Tochter: „Vater, so alt du wirst, so dumm wirst du!“ Und erst das zynische Reden seiner Frau: „Also, Erich, wir waren uns doch einig, wann denkst du eigentlich mal an deine Familie?“
Der lange, schlanke, hier wirklich schmal wirkende Erich Scheider sitzt vor dem berghaften, schnoddrigen, zottligen, sibirischen Russen und gleichzeitig in einer explosiven Zwickmühle. Der Sowjetgenosse spürt das Zögern, hebt erneut die Hand. Wieder kommt der Mann von hinten, öffnet seinen Koffer, holt eine Büchse Kaviar hervor und Weißbrot und zwei gekochte Eier und zwei Teller, richtet den Kaviar auf den Tellern mit Brot und geschnittenem Ei und etwas Kräutercreme an und stellt vor jeden der zwei Genossen Gesprächskollegen einen Teller. Dann schenkt er Wodka nach und entfernt sich wieder.
- Nu, iss, Tawarisch, sagt der Russe. Bei uns heißt so, man kann dann besser entscheiden, wenn man gegessen hat gut, nu schto, was los?
Scheider sieht die dunklen Perlen auf seinem Teller. Und er weiß, dass ihm in Angesicht seiner Verantwortung für die Kinder dieses Landes keine andere Möglichkeit bleibt, als diesen Kaviar zu essen.
Der sibirische Betriebsdirektor fordert ihn mit tiefen Blicken aus seiner riesigen dunklen Sibirierseele auf, davon zu kosten. Und Scheider tut es, nimmt etwas Brot, legt darauf einige dieser berühmten Perlen sowie etwas Ei und beißt ab. Die Fischeier rutschen zwischen seinen Zähnen hin und her, aber zwischen dem Brei aus zerkautem Brot und gekochtem Ei können sie dem Zubeißen bald nicht mehr entwischen. Sie platzen zwischen Zunge und Gaumen und geben ihren herrlich aromatischen und salzigen Inhalt preis. Nicht schlecht, denkt Scheider und isst noch mehr. Da wird sich die süße kleine Katharina wohl noch etwas gedulden müssen.
Und sie trinken. Der Russe schenkt nach.
- Nu schto, Tawarisch, was los?
Scheider erkennt, dass dieser Moment nicht da ist, um den heißen Brei nochmals vorzukauen. Jetzt muss er Nägel mit Köpfen machen. Und er fragt:
- Wann lieferst du mir die Maschine?
Der Russe tut erstaunt.
- Woher du wissen meine Neuigkeit?
- Intuition.
- Schto?
- … ach, egal, Prost!
Sie trinken. Mittlerweile hat sich eine Traube aus Messebesuchern um den kleinen Plasteklapptisch gebildet. Erstens kommen sie, um die konkurrenzfähige Weltneuheit aus sozialistischer Kinderspielproduktion zu bestaunen. Und Zweitens sitzen da zwei Herren und trinken Wodka und scheinen zwei wichtige Herren zu sein, weil sie sich eine Delikatesse schmecken lassen.
- Also wann, fragt Scheider jetzt nicht nur wegen des Alkohols entschlossen.
- Nu, Tawarisch, erwidert ebenso entschlossen der riesige Russengenossen, wann ich bekommen die Puppe?
Am Messestand ist es plötzlich ganz ruhig. Die Menschen halten die Zeigefinger auf die Lippen und zischen sich zu. Neuhinzugekommene fragen, was denn hier los sei. Eine wichtige wirtschaftspolitische Handlung fände da statt. Ob man denn wisse, wer da vorn sitze? Klar, die Direktoren zweier Betriebe. Der eine leite das „Erfi“-Spielzeugkombinat – ach, der Erfinder des Hochschulbabys – genau, und der andere ist der Russe, der immer noch nicht die Maschine geliefert habe – welche Maschine denn? – damit die Puppen produziert werden können – das sei doch klar, die Russen, bei denen gehen die Uhren eben anders – nu schto, mal sehen Tawarisch, und so, kennen wir doch – genau, aber heute scheint sich hier was zu tun – sie trinken und fragen sich aus nach Maschinen und Puppen.
Bald ist kein Ton mehr zu hören. Scheiders Sekretärin Erika hat sogar den Funk am Stand abgeschaltet, beobachtet nun ihren Lieblingsdirektor und schwitzt ebenso heftig wie er.
Scheider überlegt immer noch. Die Spannung ist am Stand zu fühlen. Augenpaare wandern von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Puppe und zurück zu Mensch. Ein Opfer für die sozialistische Volkswirtschaft. Das müssen seine Enkelin, seine Tochter, und wenn die beiden nicht, dann sicher seine Frau verstehen, denkt Scheider. Er sieht den Russen an, blickt in dieses freundliche runde Gesicht, woraus die Zuversicht spricht, dass Scheider keine Wahl bleibt. Ohne Maschine keine Produktion. Ohne Produktion immer größerer Druck aus dem Volk. Immer größerer Druck aus dem Volk bedeutet gleichzeitig immer größerer Druck von der Partei. Und immer mehr Druck von der Partei bedeutet, dass er vielleicht bald kein Genosse Betriebsdirektor des VEB Kombinat Spiel- und Plüschwaren „Erfi“ aus Erfurt mehr ist. Ihm bleibt tatsächlich keine Wahl. Er sieht sich um. Er blickt zu den Menschen an seinem Messestand. Er blickt in Augenpaare des Hoffens, des Bangens, der Zustimmung, der Gier nach Kaviar, des Hohns, des Mitgefühls ... aber keines kann ihm die Entscheidung abnehmen. So hat er sich entschlossen. Er steht auf und hält dem Russen seine Hand hin. Der sibirische Tawarisch steht auf, grinst tief und breit und ergreift rasch die schmale zarte Scheiderhand mit seiner riesigen Bärenpranke, drückt fest zu und gießt einige Tropfen Wodka darüber. Dann spricht er tief aus seiner dunklen schnoddrigen zottligen Seele:
- Du haben deine Maschine in einem Monat.
Und mit einem verschmitzten Tonfall hinterher:
- Und ich haben jetzt meine Puppe?
Scheider sieht seinen Direktorenkollegen mit großen Augen an. In einem Monat!? Dann hätten wir ja immer noch April. Aber, wir kennen die Russen ja, machen wir zwei draus, dann haben wir Mai. Die Produktion könnte also spätestens im Juli anlaufen. Das bedeutet – das Hochschulbaby könnte doch noch in diesem Jahr unter den vielen Tausend Weihnachtsbäumen im Lande liegen und viele Tausende Kinderherzen erfreuen. Scheider könnte also seine Versprechung an das DDR-Volk halten und das diesjährige christliche Geburtenfest zu einem unvergesslichen im ersten sozialistischen deutschen Arbeiter- und Bauernstaat machen! Und vielleicht, eventuell, so ganz nebenbei, würde er sich einem seiner Träume nähern, einem hohen staatlichen Orden, wie es der Genosse Staatsführer schon angedeutet hat. Endlich. Damit verbunden sind stets sehr gute finanzielle Prämien. Aber nicht nur das. Er würde in die Annalen der DDR- Wirtschaftshistorie eingehen als der erfolgreichste Direktor des VEB Kombinat Spiel- und Plüschwaren „Erfi“ aus Erfurt. Damit käme er einem Posten im Wirtschaftsministerium sicher immer näher ... Mannomann, Erich, du hast es vielleicht bald geschafft, dort zu sein, wo du schon immer hin wolltest.
Scheider blickt zu Erika. Die ist unsicher. Sie weiß, was nun auf ihren Direktor zukommt, zuhause natürlich. Doch Scheider schließt zur Aufforderung kurz seine Augen. Erika fasst allen Mut, schließt die stoßsichere Glasvitrine auf, nimmt eine Puppe heraus und reicht sie ihrem Betriebsleiter. Und es erfolgt der schicksalsträchtige Tausch vor mittlerweile sicher 1000 Augenpaaren. Da wandert das Objekt der Begierde vieler kleiner DDR-Mädchen aus den schlanken Händen des nun wirklich schmal wirkenden Erich Scheider in die riesigen fleischigen Hände des Alexander Fedorowitsch Krutschkin, in denen das Püppchen nun wirklich wie ein Spielzeug wirkt, und zurück wandert sinnbildlich, also in den Gedanken der beiden Männer und in materieller Wodkaform in ihre Münder, eine Maschine aus Sibirien ins idyllische, etwas heruntergekommene thüringische Bezirksstädtchen Erfurt – natürlich in einem Zeitraum, den jeder anders bemisst. Scheider hofft auf einen Monat. Krutschkin weiß, dass es länger dauern wird, nu schto, sagen wir zwei, oder drei, doch er hat ja seine Puppe, kann sie seiner Enkelin mitbringen, die ihm eingehämmert hat mit wildem Schreien, dass er nicht ohne diese Puppe aus Ostdeutschland zurückkommen solle; denn im fernen Sibirien, weit hinter dem Ural, im kleinen Kinderzimmer einer kleinen Direktorendatscha hängt ein Bild des Hochschulbabys und hat ein kleines Mädchenherz erwärmt und die Gier darin nach Erwerb der Puppe auf das Heftigste entfacht, natürlich unterstützt von Krutschkins Tochter, die ihn einen Rabenopa schimpfen würde, vergäße er seine liebe Maschenka, abgesehen von seiner Frau Irina, die schon vor seiner Abreise kein Wort mehr mit ihm gesprochen hat, um ihm unmissverständlich zu zeigen, was auf ihn warte, wenn er den wilden riesigen Wunsch seiner kleinen Enkelin nicht stille.
Doch was ist das? Alle werden aus der leichten Erstarrung, die bei dieser fast heiligen Zeremonie eingetreten ist, herausgeholt durch einen Besucher aus der ersten Reihe. Der beginnt nämlich plötzlich zu applaudieren. Erst verhalten, ganz langsam, erst einmal, zweimal, dann immer weiter. Und ohne weiteres Zögern fallen alle Besucher am Messestand in diesen Applaus ein, der sich euphorisch steigert, dass es Erich Scheider schwer fällt, einige Worte an die Umstehenden zu richten. Aber das will er tun. Er will in diesem Moment ein Held sein. Er lässt Erika die Anlage wieder einschalten und nimmt ein Mikrofon. Neben ihm steht der riesige schnoddrige zottlige Russe mit dem Wodka in der einen und der Puppe in der andern Hand. Und Scheider versucht die Menge zu beruhigen. Wieder zischen sich die Menschen mit einem Zeigefinger auf den Lippen zu, und zischen und zischen und zischen. Dann ist Ruhe. Und Scheider beginnt eine kurze Rede.
- Liebe Besucherinnen und Besucher, liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freunde. Sie alle wissen, was unser Volk von mir erwartet. Sie alle wissen, was vor allem unsere kleinen Mädchen von mir erwarten – das neue Produkt unseres volkseigenen Kombinates, das Spitzenprodukt unsrer Neurerbewegung, unseren kleinen Liebling – das Hochschulbaby ...
Einiger Applaus aus der Menge, den Scheider mit erhobener Hand erstickt.
- ... mit diesem Spielzeug ist uns ein erstaunlicher Wurf gelungen. Noch hält es kein Kind unseres Landes in eigener Hand. Noch kennen die Kinder es nur von Bildern, aber die Bestellungen auf meinem Schreibtisch, die ich vom Handel erhalte, türmen sich zu einem großen Berg. Und jeder von ihnen weiß, warum wir noch immer nicht mit der Produktion beginnen konnten ...
Ein Augenzwinkern von Scheider zum Russen. Der lächelt mit Puppe und Wodka in den Armen zurück.
- ... doch heute, liebe Besucherinnen und Besucher, und besonders liebe Kinder, die ihr auf euer Hochschulbaby wartet, heute ist ein großer Tag. Dies hier ist Genosse Krutschkin, der Direktor des besagten sibirischen Maschinenwerkes ...
Dumpfe Vorahnung eines großen Ereignisses lassen wieder einigen Applaus ertönen. Krutschkin hebt die Puppe und die Flasche kurz hoch. Doch Scheider bringt wieder alle zur Ruhe.
- ... wie mir der Genosse Krutschkin soeben mitteilen konnte, werden wir innerhalb des nächsten Monats die so dringend erwartete Maschine erhalten. Das bedeutet – die Produktion wird in spätestens zwei bis drei Monaten beginnen!
Nun bricht ein Sturm der Freude und Euphorie los, der die beiden Betriebsdirektoren glatt aus dem Stand fegen würde, entstünde dabei tatsächlich ein Wind.
Doch Krutschkin blickt kurzzeitig grimmig zu Scheider. Innerhalb des folgenden Monats? Er hatte gesagt in einem Monat, was bedeutet, es könnte sicher auch noch einen weiteren dauern, undsoweiterundsofort. Und wenn es noch länger dauert, würde er, Krutschkin, wieder der Buhmann sein. Aber Scheider beruhigt ihn mit einem sanften Blick, nimmt die schwere Hand, in der Krutschkin die Puppe hält, und hebt sie empor wie die des Siegers in einem Boxkampf. Da beginnt auch Krutschkin den Beifall der Menge zu genießen und streckt die andere Hand mit der Wodkaflasche in den Himmel des Messehauses und beide Genossen genießen das Bad in der Menge.
Scheider gibt dem Beifall neue Nahrung. Er ruft mit großer Geste aus: - Das bedeutet, liebe Besucherinnen und Besucher – die lieben kleinen Mädchen werden spätestens unter dem Weihnachtsbaum ein Hochschulbaby finden!
Der Beifall kennt keine Grenzen mehr. Die beiden Direktoren werden bestürmt. Sie wollen umhalst und liebkost werden. Sie können der Menge kaum entrinnen. Sie müssen unter sibirischem Personenschutz aus dem Messehaus gebracht werden. Die Menge droht sie zu ersticken. Und nur klamm heimlich gelingt es der Sekretärin Erika Lehmann den zweiten Prototypen ungesehen aus der stoßsicheren Glasvitrine in den betriebseigenen Pkw Wartburg 353 zu retten.