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Muslimische Ambivalenz?

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Der italienische Journalist Sandro Magister hat in einem ausführlichen Beitrag die Verbindung zwischen den Anführern muslimischer Gruppen in Deutschland – mit Hauptquartieren in Köln und München – und den ägyptischen und syrischen Netzwerken der Muslimbruderschaft nachgezeichnet. Wir wissen, dass zumindest einige der Angriffe auf das World Trade Center ursprünglich in Deutschland geplant worden sind.

1994 wurde ein häufiger Besucher der Münchner Moschee, Mahmud Abouhalima, in den Vereinigten Staaten zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt, weil er ein Jahr zuvor den Autobombenanschlag auf das World Trade Center in New York organisiert hatte. Doch erst nach dem Einsturz der Twin Towers am 11. September 2001 wurden intensivere Nachforschungen angestellt, um die Verbindungen zwischen dem Terrorismus und den radikalislamischen Kreisen in Deutschland aufzudecken.37

Als 2005 in der BBC-Sendung Panorama darüber diskutiert wurde, ob die britische muslimische Gemeinschaft vor den Extremisten in ihren eigenen Reihen die Augen verschließe, »verurteilte« der führende britische muslimische Politiker Sir Iqbal Sacranie »von britischen Muslimen, ganz gleich wo verübte Selbstmordattentate«, und sagte, dass es zwischen dem Leben eines Palästinensers und dem Leben eines Juden keinen Unterschied gebe und dass alles Leben heilig sei. Dann aber sorgte ein hochrangiger Sprecher einer der wichtigsten Mitgliedsorganisationen des Muslim Council of Britain, der Muslim Association of Britain, mit einer Äußerung für Verwirrung, die den Eindruck erweckte, dass er »für die Verklärung von Selbstmordattentätern Verständnis habe«.38 Es ließen sich zahlreiche muslimische Quellen zitieren, die diesen letztgenannten Standpunkt billigen.

Angeführt von Premierminister Tony Blair und Präsident George W. Bush haben sich religiöse und politische Führer der westlichen Welt nach Kräften darum bemüht, die Unterscheidung zwischen dem »friedlichen« Islam und dem Terrorismus aufrechtzuerhalten. Wenn diese liberale und theologische Unterscheidung zuträfe, wäre damit implizit gesagt, dass nur »friedliche« Muslime »echte« Muslime wären. Leider beanspruchen auch die Terroristen die Deutungshoheit über die islamische Lehre für sich und führen hierfür gewichtige historische und doktrinelle Belege an. In gewisser Hinsicht wäre es »illiberal«, sie nicht beim Wort zu nehmen. Eines der Probleme bei der Einschätzung des Islams besteht darin, dass es im Islam selbst keine allerhöchste Autorität gibt, die entscheidet, welche der beiden Interpretationen die gültige ist. Für jede Fatwa, die Selbstmordattentate als falsch bezeichnet, wird aus ebenso glaubwürdiger Quelle eine andere erlassen, die sie für richtig erklärt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Blair und andere sich immer häufiger dafür aussprechen, dass Muslime Verantwortung übernehmen, aufstehen und in öffentlich wahrnehmbarer Form nicht nur gegen den Terrorismus als Praxis, sondern auch dagegen Stellung beziehen, dass er als wesentlicher Bestandteil islamischer Quellen begriffen wird.

Die Prüfung Pius’ XII. war der Nationalsozialismus. Die Prüfung Johannes Pauls II. waren der Kommunismus und der absolutistische Liberalismus. Die Prüfung Benedikts XVI. war, zum Besseren oder zum Schlechteren hin, der Islam – und zwar im Kontext zu der Frage, ob die absolutistische liberale Theorie ihn zu zähmen vermag oder nicht. Doch anders als der Nationalsozialismus und der Kommunismus und anders als viele seiner akademischen Analysen kann der Islam nicht in erster Linie in den Begriffen der (oft deutschen) philosophischen oder gesellschaftlichen Strömungen des Westens gedacht werden. Genau genommen werden Versuche, das, was vor sich geht, mithilfe dieser Kategorien zu verstehen, die Wahrheit vermutlich eher verdunkeln als erhellen.

Geht man von seiner Vorgeschichte und seinen theologischen Voraussetzungen aus, ist eine neutrale oder tolerante Regierung im Islam weder existent noch gewollt. In seinen zivilen Gemeinwesen der Gegenwart und der Vergangenheit sind der Islam und der Staat in unterschiedlichen Konstellationen eng miteinander verwoben. Von Nichtmuslimen verlangt der Islam in den Gebieten, die er politisch kontrolliert, Unterwerfung; das hat Bat Ye’or in ihrem Buch Eurabia anschaulich gezeigt. Juden und Christen wird unter Umständen eine besondere Art der Unterwerfung zugestanden, die bisweilen Toleranz genannt wird und doch Unterwerfung bleibt. Die Kopten in Ägypten sind hierfür das vielleicht älteste noch existierende Beispiel.39 Und die verfolgten Christen im Sudan das anschaulichste.

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