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ОглавлениеWenn man bedenkt, dass der Islam in vielerlei Hinsicht der älteste und hartnäckigste Gegner des Christentums gewesen ist – ein Gegner, der nur selten einen Rückweg offenlässt, wie die Situation in den Ländern beweist, die einst, in welchem Jahrhundert auch immer, von muslimischen Armeen oder Kaufleuten erobert worden sind –, dann ist es verwunderlich, wie wenig die Amtskirche bislang über den Islam hat verlauten lassen. Nach wie vor ist offenbar die Summa contra Gentiles des heiligen Thomas die größte von christlicher Seite unternommene Anstrengung zu definieren, was der Islam ist. Obwohl der Islam ein enormes historisches Faktum ist – die am schnellsten wachsende Religion in der Welt von heute, der mindestens ein Fünftel der Weltbevölkerung angehört und die in schöner Regelmäßigkeit überall dort, wo man es ihr erlaubt, neue Moscheen errichten lässt –, gibt es zum Beispiel keine Enzykliken mit dem Titel »Was ist der Islam?«. Wir haben nichts, das sich etwa mit Rundschreiben wie Mit brennender Sorge oder Divini Redemptoris vergleichen ließe, keinen Syllabus errorum und keine Canones, wie sie auf dem Trienter Konzil formuliert worden sind. Fast könnte man meinen, die Kirche hätte den Wahrheitsansprüchen des Islams niemals Bedeutung beigemessen. Wir setzen uns in unseren Dokumenten unter theologischen Gesichtspunkten mit zahlreichen christlichen Irrlehren, nicht aber mit dem Islam auseinander, der in gewisser Hinsicht selbst einmal eine christliche Irrlehre war. Oberflächlich betrachtet scheint dieser Mangel merkwürdig: beinahe als wäre der Islam nicht wichtig genug gewesen, um ihn ernst zu nehmen – oder als wäre damit eine gewisse Gefahr einhergegangen.
Was wir allerdings haben, sind neuere Verlautbarungen über unsere Gemeinsamkeiten mit dem Islam und anderen Religionen. Unsere zeitgenössische Herangehensweise ist liberal und irenisch (friedliebend, Anm. d. V.): ein Dialog, wenn und wann immer möglich, und niemals Konflikt, auch dann nicht, wenn er provoziert wird. Probleme – einschließlich der vielen im letzten Jahrhundert in islamischen Ländern getöteter Christen – sprechen wir nur sehr ungern und wenn, dann nur auf denkbar allgemeine Weise an, sodass der Eindruck entsteht, nicht der Glaube oder die Praxis des Islams, sondern die westliche Ideologie sei die Ursache aller Probleme. Wir wenden die Analysemethoden westlicher Philosophien oder Ideologien auf islamische Länder an und erwarten uns davon eine Formel, die ihr inneres Ethos erklärt. Wir benutzen wissenschaftliche Methoden, die uns blind machen für das, was vor sich geht. Kurz, wir führen keinen echten Dialog mit den Muslimen, sondern reden mit uns selbst. Es erschreckt uns, wenn Muslime uns aufgrund dessen, was wir über Gott und Christus glauben, als »Ungläubige« bezeichnen. Und das ist nicht einfach eine rhetorische Übertreibung, sondern nennt das beim Namen, was dem Islam als Bedrohung erscheint: ein anderes Gottesbild oder, genauer, die Vorstellung der Dreifaltigkeit und der Menschwerdung. Die Anziehungskraft des Islams scheint zu einem großen Teil direkt von der Leugnung dieses komplexen Gottesbildes abzuhängen, das hochzuhalten und zu verbreiten wir verpflichtet sind.
Das 21. Jahrhundert wird, so viel scheint klar, nicht wie noch das 20. Jahrhundert von der Auseinandersetzung mit den Weltideologien, sondern eher von der Auseinandersetzung mit den Weltreligionen geprägt sein. Das haben nur wenige Intellektuelle erwartet. In puncto Moral und Lebenskraft befindet sich der Westen bereits im Niedergang. Roger Scrutons Bemerkung trifft ins Schwarze: »Dass die Medien sich ins Kampfgeschehen eingeschaltet haben, hatte eine zerrüttende Wirkung auf die Wahrnehmung des Krieges. Und angesichts der rückläufigen Geburtenraten und der zunehmenden Langlebigkeit der Bevölkerung sind die westlichen Gesellschaften noch weniger bereit, ihren schwindenden Vorrat an Söhnen in der Schlacht aufs Spiel zu setzen.«7 Der Islam hingegen hat einen reichlichen Vorrat an Söhnen, von denen offenbar viele bereit sind, für seine Verteidigung oder Ausbreitung ihr Leben hinzugeben. Muslimische, hinduistische, chinesische und buddhistische Bewegungen scheinen im Laufe des vermeintlich so skeptischen 20. Jahrhunderts nicht schwächer, sondern stärker geworden zu sein.
Die christlichen Bevölkerungen stehen in Indien, China, in buddhistischen und in muslimischen Ländern unter Druck. Viele Christen verlassen diese Länder freiwillig, meist werden sie jedoch dazu gedrängt. Die meisten der Christen, die früher in arabischen Ländern gelebt haben, leben heute im Westen. Sie haben mit ihren Füßen abgestimmt. Die Muslime andererseits sind – zum Teil aufgrund ihres beträchtlichen zahlenmäßigen Wachstums – zusammen mit Chinesen, Hindus, Buddhisten und anderen Vertretern verschiedener Weltreligionen überall in Europa und Amerika präsent. Der moderne Säkularismus wirkt geradezu wie eine kulturelle Kuriosität, die sich auf kleine akademische Enklaven in kleinen Winkeln der Welt beschränkt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass große Teile der modernen politischen Philosophie von der Vorstellung ausgegangen sind, die Bedeutung der Religion müsse verringert werden, um Religions- und Bürgerkriegen vorzubeugen. Angesichts der strikten Abschottung dieser Religionen an ihren historischen Orten und ihres mangelnden Sinns für eine echte, auf der Würde der Person basierende religiöse Freiheit wirkt der Skeptizismus oder Atheismus, verglichen mit diesen Ländern, aus denen es – außer vielleicht nach innen wie im Fall der mittelalterlichen muslimischen Philosophen – kein Entrinnen gibt, geradezu wie eine gesunde Alternative.