Читать книгу Der Islam - James V. Schall SJ - Страница 18

Der Schrecken des terroristischen »Märtyrertods«

Оглавление

Vielleicht ist auf allen nur möglichen Ebenen – von der Theologie über die Politik und die Medien bis hin zum gesunden Menschenverstand – nichts so klärungsbedürftig wie der Unterschied zwischen Selbstmordattentat und Martyrium. Schon die bloße Assoziation – dass sie als Manifestationen ein und derselben Sache miteinander in Verbindung gebracht werden – scheint geradezu obszön. Fürs Erste sollten wir festhalten, dass die muslimischen Apologeten und ihre Anhänger die Auffassung vertreten, ein Selbstmordattentäter sei ein Märtyrer. Ein Selbstmordattentat ist ein Akt, zu dem sich der Täter entscheidet, um seine persönliche Geschichte mit Allah dadurch zu verbessern, dass er sich der Förderung muslimischer Ziele (die gleichzeitig politisch und theologisch sind) verschreibt und sich selbst und andere im Dienst dieser »Sache« tötet. Dieses Vorgehen hat, was immer wir davon halten mögen, in einem großen Teil der muslimischen Welt seine Verfechter oder Sympathisanten. Stimmen, die diese Verbindung zwischen Selbstmord und Martyrium aktiv kritisieren, finden sich in der muslimischen Welt – auch wenn es sie gibt – eher selten.

Für uns ist es, zynisch gesprochen, schön und gut, wenn wir unsere eigenen, unzureichenden Kategorien verwenden und denken, die verschiedenen Bin Ladens dieser Welt würden Selbstmordattentate lediglich als eine Form der Realpolitik und ohne religiösen Beigeschmack einsetzen. Und vielleicht fühlen wir uns dadurch bestätigt, dass nur selten al-Qaida-Anführer selbst solche Attentate verübt haben, auch wenn nicht wenige von ihnen von diversen sowohl muslimischen als auch amerikanischen Streit- oder Polizeikräften erschossen worden sind. Selbstmordattentate sind definitiv ein Mittel des Krieges, aber das heißt, theologisch gesprochen, nicht, dass sie nicht auch als ein Akt der Hingabe, als Martyrium, verstanden werden können. Kriege können »heilig« sein.

Eines jedenfalls ist hinreichend klar und sogar bei Aristoteles nachzulesen: Wenn ein Mensch entschlossen ist, sein Leben hinzugeben, um jemand anderen anzugreifen oder zu töten, dann ist es sehr schwer und oft unmöglich, ihn aufzuhalten. Gruppen oder Institutionen wie der Geheimdienst und Scotland Yard sind in Teilen eigens dazu ausgebildet zu verhindern, dass solche Selbstmordattentäter Politiker und ihre Familien töten. Eine Anzahl amerikanischer Präsidenten ist von Menschen getötet worden, denen ihr eigenes Leben nicht wichtig war. Doch ihre Gründe waren selten religiöser Natur. Diese Macht eines Menschen, dem sein eigenes Leben nicht wichtig ist, bedeutet in der Praxis, dass wir jemanden, von dem wir wissen, dass er dabei ist, eine selbstmörderische Mission zu erfüllen, unter allen Umständen aufhalten und nötigenfalls zuerst töten müssen, um Unschuldige zu beschützen. Die einzige Alternative ist, es geschehen zu lassen, denn Töten – das beweisen Tausende von Fällen – ist alles, was die Terroristen tun wollen und tun werden. Zwischen dem 11. September 2001 und 2005 hat es einer Webseite zufolge, die die Zeiten und Orte solcher Anschläge auflistet, 2400 terroristische Akte in verschiedenen Teilen der Welt gegeben.40 Die Täter waren Muslime und die Taten beinhalteten die Tötung anderer Menschen (waren aber natürlich nicht ausschließlich Selbstmordanschläge).

Der islamische Selbstmordattentäter glaubt nicht, dass er bei seiner »Mission« Unschuldige tötet. Nach seinem subjektiven Verständnis tötet er »Feinde« Allahs, selbst wenn die Getöteten Frauen, Kinder, alte Menschen oder einfach nur Passanten sind. Diese Vorstellung existiert natürlich nur in einem radikal irrenden Gewissen – aber sie existiert offenbar. Selbstmordattentate geschehen selten zufällig, sondern deshalb, weil jemand den Befehl dazu erteilt und ein anderer diesen Befehl befolgt. Selbstmordattentate dienen einem ganz präzisen Zweck: durch die Ausführung von Befehlen dazu beizutragen, dass der Islam sich in naher oder ferner Zukunft auf seine »angestammte« Größe ausbreitet. Welteroberung in Allahs Namen. Diese große »Sache«, so abwegig sie in unseren Ohren auch klingen mag, verleiht solchen Akten, die wir Übrigen als »Terrorismus« bezeichnen, ganz offensichtlich Adel und Würde.

Der Islam

Подняться наверх