Читать книгу Darcian - Julia Lindenmair - Страница 8
ОглавлениеKapitel 3
Als wir auf der anderen Seite ankommen, mache ich mir sofort über Whites Zustand Gedanken. Doch zuerst verschaffe ich mir einen kurzen Überblick, in welches Jenseits uns das Portal ausgespuckt hat. Hügelige und saftig grüne Wiesen erstrecken sich in einem Meer aus herumwirbelndem Laub. Direkt vor uns steht eine alte Weide, dessen dichtes Geäst durch die sanfte Brise auf und ab schwingt. Vereinzelte Seelen turnen darauf herum, als wäre der Baum nichts anderes als ein riesiges Klettergerüst.
Wir sind in der letzten Zone angekommen, in die es nur wenige Seelen auf Anhieb hineinschaffen. Nora ist glücklich und hat ihren Tod akzeptiert - das muss der Grund dafür sein.
White hat sich inzwischen an meinem Oberarm festgebissen, wie ein tollwütiger Rottweiler, und macht nicht den Anschein, mich unaufgefordert wieder loslassen zu wollen. Mit ihren knallroten Fingernägeln kratzt sie weiße Schürfwunden in meine Haut und beißt noch einmal kräftig zu.
»Aua! Ich fasse es nicht … spuck sofort meine Haut wieder aus!« Ich bin kurz davor, dieser Göre den Hintern zu versohlen. Mit einem Ruck ziehe ich meine Hände auf die Seite, sodass White auf die olivgrüne Wiese klatscht. Sie schreit laut fluchend auf, aber nicht vor Schmerz, sondern vor Schreck. Die Bisswunde an meinem Oberarm breitet sich rosarot aus, wie bei einem Brandmal – oder einem lästigen Knutschfleck.
White richtet sich auf. Noch immer liegt ein verängstigter Blick in ihren Augen. »Bring mich sofort zurück nach Hause, du rücksichtsloser Idiot!«
»Hat dir deine Mutter nicht beigebracht, dass man andere weder beißt noch beschimpft?«
»Meine Mutter hat mir beigebracht, Entführern einen festen Hieb zwischen die Beine zu verpassen!«
Bevor ich darauf etwas erwidern kann, holt White mit dem Fuß aus, und …
»Aufhören!« Hinter White ist Nora aufgetaucht, die ihren Fuß in der Luft aufgefangen hat, sodass White jetzt nur noch auf einem Bein steht, schwankt und schlussendlich das Gleichgewicht verliert. Mit dem Kopf voran fällt sie in meine Richtung und plumpst gegen meine Brust. Peinlich berührt sieht sie nach oben, unsere Blicke treffen sich. Ihr Gesicht ist purpurrot angelaufen, was mir einen innerlichen Stich verpasst. Einen Moment lang überlege ich, ob ich sie einfach von mir stoßen soll, aber irgendetwas an ihr hält mich davon ab.
»Ich weiß, dass du unsicher bist und Angst hast, aber ich will dir wirklich nur helfen. Dir wird nichts passieren. Das verspreche ich«, versuche ich sie im Flüsterton zu beruhigen. Warum ich das sage, weiß ich nicht, aber es hilft. White fängt an, sich wieder zu beruhigen. Ihr Atem passt sich meinem an, wird langsam. Nach einem kurzen Augenblick der Stille sieht sie mich einen Moment lang an. Ihr Blick gleitet über jeden Millimeter meines Gesichts hinweg, als würde sie jede einzelne Pore meiner Haut in ihr Hirn einscannen. Als ihre Augen meine nackte Brust fokussieren, an der sie sich noch immer anlehnt, dauert es keine Sekunde, bis sie mich von sich stößt. »Ich weiß nicht wer, oder was du bist, und was das alles hier überhaupt soll.« Sie hält kurz inne, um einen sichtbar großen Kloß im Hals runterzuschlucken. »Aber meine Schwester scheint dir zu vertrauen.« Schweigend blicken wir uns an, ich sehe die Verzweiflung in ihrem ausdrucksstarken Gesicht aufblitzen wie bei einem Gewitter. »Gib mir nur bitte einen Augenblick, um das alles zu verstehen.« White dreht sich zu Nora um, doch diese steht da wie angewurzelt und starrt mich mit geweiteten Augen an.
Bevor ich meine Frage aussprechen kann, beantworte ich sie mir sogleich selbst: Nora hat gerade Whites Fuß berührt!
Schnell mustere ich White von oben bis unten, aber sie besteht noch immer aus Haut und Knochen, schwebt nicht und ist mit einer frischen Seele eindeutig nicht zu vergleichen. Sie ist noch immer ein Mensch. Unmöglich.
Nora fängt sich wieder und fällt ihrer Schwester schluchzend in die Arme. Erst jetzt scheint auch White zu verstehen, dass das alles kein Traum ist.
»Warum kann ich sie jetzt berühren?«, fragt Nora aufgebracht, woraufhin mich die Schwestern verunsichert ansehen.
»Das muss am Jenseits liegen«, murmele ich.
»Jenseits.«, wiederholt White panisch. »Nora, du siehst so … so anders aus. Ich verstehe das alles einfach nicht.«
»Das liegt wohl daran, dass ich tot bin.« Nora stemmt die Arme in die Hüften. »Und bevor du wieder etwas darauf erwidern kannst, es ist wahr! Ich habe meinen leblosen Körper mit eigenen Augen gesehen – und ich finde es toll!« White ist sprachlos, ich bin es auch. An Noras direkte Art muss ich mich erst gewöhnen. »Falls du es immer noch nicht glauben kannst, sieh selbst.« Nora schwebt in der Luft herum, als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie gleitet auf der wehenden Weide auf und ab, von Ast zu Ast, und dreht sich dabei, als würde sie tanzen. Innerlich verdrehe ich die Augen. Ich hole Kleinkinder ab, dessen Seelen lange nicht so verspielt sind wie Noras.
Während sie jault, kichert und hysterisch lacht, sackt White neben mir zu Boden. Sie presst die Knie gegen ihre Brust und senkt den Kopf dazwischen, sodass ich ihr Gesicht nicht mehr sehen kann. Ich glaube, sie weint, und Nora kriegt in ihrer Euphorie nichts davon mit.
Mein Verstand schreit: Ignoriere es! Aber mein Herz scheint eine andere Sprache zu sprechen. Als hätten sich meine Knie selbstständig gemacht, hocke ich gleich darauf eine Handbreit neben der schluchzenden White. »Ist alles in Ordnung?«
»Was ist das für eine blöde Frage?«, faucht sie mich an und hebt den Kopf. »Nichts ist in Ordnung! Sie ist tot! Ich kann das einfach nicht glauben. Allerdings verstehe ich noch weniger, dass ich noch lebe und mich trotzdem hier befinde. Hier in diesem … wo sind wir hier überhaupt? Das sieht aus wie im Nimmerland. Fehlen nur noch Peter Pan und Kapitän Hook.«
»Ich kenne diese Leute nicht, sind das Politiker?«
White sieht mich an und ich könnte schwören, dass ihre Lippen kurz ein Lächeln geformt haben. Wenigstens hat sie aufgehört zu weinen.
Sie macht einen tiefen Atemzug. »Und was machen wir jetzt?«
»Ich werde dich ins Elysium bringen. Das ist der höchste Sitz im Himmel. Dort werde ich dich dem Rat vorstellen und sie werden dir helfen, das verspreche ich dir.«
»Und was ist, wenn ich das nicht will?«
»Warum solltest du das nicht wollen?«
White reißt die Augen auf und schnappt nach Luft. »Weil ich erstens wieder zurück nach Hause will und zweitens nicht mit Fremden mitgehe. Schon gar nicht mit jemandem, der mir Angst macht!«
Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Erstens kannst du nicht wieder zurück nach Hause, weil wir vorher abklären müssen, warum du uns sehen kannst und zweitens bin ich der Letzte, vor dem du Angst haben müsstest!«
»Hallo? Du bist ein Todesengel mit schwarzen Flügeln, der mehr als einschüchternd wirkt. Ich wäre verrückt, wenn du mir nicht eine Heidenangst einjagen würdest! Außerdem siehst du mit diesen Muskeln aus, als wärst du der kleine Bruder von Herkules. Und dieser lächerliche Fummel, den du da trägst. Könntest du dir vielleicht mal was Vernünftiges anziehen?« Überrascht sehe ich an mir hinunter und verstehe nicht, was an meinem Outfit falsch sein soll.
»Es fällt mir einfach schwer, dir zu vertrauen, okay? Mal abgesehen davon, ist meine kleine Schwester angeblich tot, ich bin im Nimmerland gefangen und ich kneife mich ständig, aber es ist kein verfluchter Traum!« Wieder stemmt sie seufzend ihre Arme gegen ihre Knie, um ihren Kopf zu verbergen.
Irgendwie verstehe ich Whites aufgebrachte Art, ihre Überforderung – allerdings hasse ich es, wenn mir jemand nicht vertraut. Es macht mich wütend.
»Das ist nicht das Nimmerland, sondern eine Zone des Jenseits!«, rufe ich überreizt. Als White zusammenzuckt und mich verängstigt mustert, verkrampft sich mein Magen zu einem stechenden Schmerz. Etwas milder fahre ich fort: »Ich kenne auch diesen Herkules nicht, aber ich kenne mich, und ich bin alles andere als einschüchternd. Ich führe frische Seelen ins Licht, das ist meine Aufgabe, dazu gehört es auch, mich unerwarteten Situationen zu stellen. Ob es jetzt ein Zufall ist oder nicht, bedeutend ist nur, dass es nicht der Regel entspricht. Und genau das muss ich dem Rat melden. Ob du jetzt freiwillig mitkommst oder nicht, bleibt dir überlassen.« Erstaunt sieht mich White an. »Ohne Widerstand wäre es natürlich für uns beide einfacher«, füge ich noch seufzend hinzu.
Meine Worte hinterlassen Falten auf ihrer Stirn.
»Mir bleibt keine Wahl?«
»Dir bleibt keine Wahl«, bestätige ich.
Sie atmet tief ein und wieder aus. »Warum muss ausgerechnet mir so etwas passieren?«
»Das frage ich mich auch«, antworte ich verbissen.
White wirft mir einen durchdringenden Blick zu, der mir zeigt, dass ihr meine Antwort nicht gefallen hat.
»Das weiß ich genauso wenig wie du«, versuche ich es noch mal. »Doch ich weiß, dass wir beide in dieser fragwürdigen Situation feststecken. Wir sollten es annehmen und sehen, was daraus wird. Deine Gabe muss ja nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten.«
Ein langes Schweigen tritt ein, das mir nach einer Weile unangenehm wird. Dennoch lasse ich White Zeit, um eine Entscheidung zu treffen. Mit hängenden Schultern und angewinkelten Beinen sitzt sie neben mir und scheint gedanklich weggetreten zu sein.
Nach einer gefühlten Ewigkeit rutsche ich auf meinem Hintern hin und her, bis ich es nicht mehr länger aushalte. Ruckartig stehe ich auf. »Wir gehen jetzt«, befehle ich in rauem Ton.
Erstaunlicherweise steht auch White wie auf Knopfdruck auf. »Nora, komm runter! Wir gehen jetzt!«, brüllt sie in Richtung der Weide, auf der ihre Schwester gerade kopfüber von einem Ast herunterbaumelt, als wäre sie eine Fledermaus.
»Geh ruhig ohne mich, ich bleibe hier!«, winkt uns Nora lächelnd zu.
White senkt den Kopf und reibt sich mit der Hand über ihre Stirn. »Was? Warum will sie denn nicht?«
Ich weiß nicht, wie ich es White erklären soll, ohne, dass sie einen Anfall bekommt, doch mir bleibt nichts anderes übrig.
»Deine Schwester ist gestorben und jetzt ist sie angekommen. Sie befindet sich hier im Jenseits in der Zone, die ihr zugeteilt wurde. Und glaube mir, es ist eine gute Zone. Die Beste, die du dir für sie wünschen kannst. Der Haken ist jedoch: Nora wird diesen Bereich nicht so schnell verlassen können. Es ist wie ein Instinkt, der sie dazu zwingt, hierzubleiben. So lange, bis die Zeit reif ist, wenn sie selbst entscheidet, diese Zone hinter sich zu lassen.«
White starrt mich ungläubig an. »Sie wird mich nicht begleiten können?«, zischt sie in einem wütenden Tonfall, der diesmal mich zusammenzucken lässt.
Ich schüttle langsam den Kopf. »Ich weiß, es ist hart, aber sie wird hier auf dich warten.«
White sieht mich an, als stünde ihr plötzlich ihr größter Erzfeind gegenüber. Der Feind, der sie von ihrer Schwester trennen will, sie mitnehmen will in eine fremde Welt, der sie sich alleine und hilflos stellen muss. Tränen rollen ihr über die bleichen Wangen, ihre Augen werden dunkel und leer. Sie hängt an ihrer Schwester, das sehe ich, aber verstehen werde ich nie, was Menschen dazu bringt sich selbst so zu quälen. Die Liebe scheint sie fest im Griff zu haben, und sie merken nicht einmal, wie krank sie davon werden.
Nach einer Weile bin ich mir sicher, dass sich White nicht so schnell von Nora verabschieden wird. Aus diesem Grund bin ich kurz davor, sie wieder zu packen, um es erneut auf die harte Tour zu versuchen, als White plötzlich nickt.
Ich sehe sie überrascht an und nehme ein tiefes Schnaufen wahr. »Gib mir einen Moment, um mich von meiner Schwester zu verabschieden, ja?«
Mit schweren Schritten schleppt sie sich auf die alte Weide zu, während ich ihr verwundert hinterher starre.
Von Weitem beobachte ich, wie sich die beiden Schwestern in die Arme fallen und nach längerem Warten steht White schlussendlich wieder vor mir. Ihr Blick drückt Entschlossenheit aus.
»Ich bin bereit, herauszufinden, was mit mir nicht stimmt«, gibt sie kurz und bündig zu verstehen. Ich schwinge meine Hand und das Portal öffnet sich. Durch einen einzigen Sprung hindurch erreichen wir direkt die Pforte ins Elysium. Diesen Weg wähle ich eigentlich selten, aber diesmal muss ich schnellstens mit dem Rat sprechen. Es gibt nur einen winzigen Haken: Das Elysium befindet sich auf einer schwebenden Wolke. Da White weder schweben noch fliegen kann, schlage ich ihr eine andere Option vor.
»Ich soll ernsthaft huckepack auf dir mitfliegen? Auf deinem nackten Rücken?«
Ich zucke mit den Schultern und bücke mich. »Ein fliegendes Auto gibt es bei uns nun mal nicht.«
»Das gibt es auch nur in Fantasy-Filmen.«
»In was?«
White ignoriert meine Frage und nimmt mit einem lauten Seufzer auf meinem Rücken Platz. Weder ist sie sonderlich schwer noch bin ich schwach, dennoch muss ich mich erst an den zusätzlichen Ballast gewöhnen. Lady war bisher die einzige, die auf meinem Rücken mitgeflogen ist. Daher starte ich eher mit schwankenden Bewegungen, ehe ich den richtigen Dreh raus habe und wie gewohnt geradeaus fliege.
In der Luft spüre ich, wie meine Flügel bei jedem Schlag Whites Körper streifen. Diese Berührung löst ein eigenartiges Kribbeln in mir aus. Immerhin scheint mir das mehr auszumachen als ihr, denn sie beschwert sich kein einziges Mal. Als ich die Umgebung betrachte, merke ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Die Gegend ist so ausgestorben wie das Universum vor dem Urknall. Normalerweise herrscht hier um diese Zeit reges Treiben, doch heute erblicke ich keinen einzigen Himmelsbewohner.
Als das zyklopisch große, weiße Haus vor uns auftaucht, krallt mir White ihre Fingernägel in die Schultern. Ihre schmale Taille drückt sich dicht an mein Gesäß, sodass mir plötzlich ganz heiß wird. Irgendwie scheint sie es geschafft zu haben, ihre Furcht auf mich zu übertragen.
»Das ist das Elysium, auch besser bekannt als der Sitz des Rates.«
»Sagt mir gar nichts.« Sie spricht kühl, um ihre Angst zu verbergen.
»Wie sollte es auch?« Etwas gestelzt lache ich auf.
»Ich dachte, Gott würde im Olymp auf uns warten?«
Ich grinse in mich hinein. »Gott und Olymp sind im Himmel wie der Osterhase und der Weihnachtsmann auf der Erde. Also nicht real«, fasse ich mich kurz, weil ich jetzt keine Zeit habe, ihr alles im Detail zu erklären.
»Ach? Den Weihnachtsmann und den Osterhasen kennst du also?«, bemerkt White verwundert.
»Ich kenne sogar die Zahnfee«, gebe ich mit einem verschmitzten Grinsen zu.
»Die ist ja auch die Wichtigste«, murmelt sie kaum hörbar – ich könnte schwören, einen Hauch Sarkasmus in ihrer Stimme erkannt zu haben.
»Weißt du«, beginne ich zögerlich, »ich bin zwar oft auf der Erde unterwegs, allerdings interessieren mich die Sitten und Brauchtümer der Menschen nicht. Was ihr da unten treibt, mit eurem Peter Pan und eurem Herkules, ist mir schnurzpiepegal. Das ist eure Welt, nicht meine.«
White entgegnet nichts, aber ich glaube, ein kurzes Prusten hinter mir zu hören.
Im selben Moment erblicke ich Lucien, der bereits vor dem Tor auf uns wartet und so schnell im Kreis umhergeht, als würde er ein Loch in den Boden laufen wollen.
»Da seid ihr ja endlich!«, stöhnt er in die Luft, sobald er uns sieht. Als ich vor ihm anhalte, sehe ich die Schweißperlen auf seiner Stirn. »Ich habe eine Ewigkeit auf euch gewartet! Habt ihr noch schnell einen Abstecher ins Disneyland gemacht, oder was?«
»Disneyland?«, frage ich irritiert.
»Ein Ort voller Liebender, an dem ich gerne Pfeile … ach egal.« Er wischt sich mit dem Ärmel seiner Tunika über die Stirn und keucht. »Ihr kommt einfach viel zu spät. Der Rat ist in höchster Aufregung!«
Ich erstarre. »Das heißt, sie wissen bereits über White Bescheid?«
»Mehr als das. Der gesamte Himmel ist in Aufruhr. Mit Whites Eintreten ins Jenseits wurde Alarmstufe rot ausgerufen, die Himmelsbewohner sind dazu genötigt, in ihren Wolkenhäusern zu bleiben. Der Rat hat vorhin eine Sitzung einberufen, die in Kürze stattfinden wird.«
Bevor ich etwas dazu sagen kann, öffnet jemand die Flügeltür einen Spalt weit und darin erscheint zaghaft eine kleine Pfote. Es dauert einen Moment, bis Lady durch die Tür geschlüpft ist. Als sie zuerst mich und gleich darauf White entdeckt, öffnet sich ihr Mäulchen und ihre spitzen Zähne kommen zum Vorschein.
»Oh, eine süße Katze, wie niedlich!«, quietscht White neben mir auf und geht in die Hocke.
»Ist sie das?«, fragt Lady sichtlich erstaunt. Zustimmend nicke ich.
Schnell steht White wieder auf, während ihr ein undefinierbarer Laut entfährt. »Ähm … die Katze kann sprechen?«, fragt sie mit kratziger Stimme.
Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. »Hättest du jetzt was anderes erwartet?«
»Hallo, mein liebes Mädchen«, begrüßt Lady White auf eine liebenswerte Art, die ich so von ihr nicht kenne. Ich hätte wirklich nichts dagegen, von Lady auch mal so begrüßt zu werden.
White ist angespannt und wortlos, woraufhin sich Lady zu mir dreht. »Du bist spät, wie immer«, faucht sie mich an.
Das war wohl nichts mit meinem Wunschdenken.
»Ich dachte schon, du hättest ausnahmsweise deine Krallen eingefahren.«, seufze ich mit vor der Brust verschränkten Armen.
»Ja ja, wir haben jetzt keine Zeit für eingeschnappte Kindsköpfe.«
Lady fokussiert White mit eindringlichem Blick. »Oh, es ist so überwältigend! Dieses Mädchen ist ein Phänomen, so etwas hat es noch nie gegeben. Es gibt keine Aufzeichnungen, keine Niederschriften, rein gar nichts. Wir müssen sofort handeln-«
»Hey, vergiss nicht zu atmen«, unterbricht Lucien die schnaufende Katze.
Sie spricht vor Aufregung so schnell, dass es mir schwer fällt ihr zu folgen.
»Kurz gesagt, damit ihr primitiven Dosenöffner es auch versteht, sie ist ein gottverdammtes Wunder! Jetzt gilt es nur noch herauszufinden, ob sie ein gutes oder ein schlechtes Wunder ist. Der Rat wartet bereits, trödelt nicht, folgt mir.«
White reißt ihre Augen auf und blickt so erschrocken auf den Boden, als würde keine Katze, sondern ein Drache vor ihr stehen.
»Keine Angst, so ist sie immer drauf, wenn sie einen guten Tag hat«, rechtfertige ich mich für Ladys eigensinniges Benehmen. White wirft mir ein schwaches, eingeschüchtertes Lächeln zu.
Während Lucien die schwere Doppeltür so weit öffnet, dass nicht nur Lady, sondern auch wir hindurch passen, zögert White einen Augenblick. Mit ihren klaren Augen fängt sie meinen Blick ein und hält ihn fest, bis mir eine unerträgliche Hitze ins Gesicht steigt, als würde ich mitten in einem Feuersturm stehen. Ich schlucke trocken und wende schnell den Blick ab. Was ist das? Was stimmt nicht mit mir?
White atmet tief ein und wieder aus, ich spüre ihre Anspannung, die ihren Körper offensichtlich eingenommen hat. Es ist wie ein Jucken in meinen Fingern, das mich dazu bringt, sie behutsam zur Eingangshalle hineinzuschieben. Hinter ihr puste ich, so leise es geht, meine angehaltene Luft aus.
»Es wird dir nichts passieren. Versprochen«, hauche ich ihr sanft ins Ohr, ehe sie mir zunickt.
Als wir in den hohen Saal des Elysiums treten, merke ich, wie Whites Anspannung ihren Höhepunkt erreicht. Durch die hohen Fenster, die abwechselnd spitze und halbrunde Giebel besitzen, dringt gleißendes Licht herein, das die gesamte Säulenhalle durchflutet. Von den Wänden strahlt uns die farbenfrohe Fassade entgegen, die in den schönsten knalligen Farben des Himmels bemalt wurde. Die gewölbte Decke gleicht einer Sintflut von abstrakten Mustern und endlosen Verzierungen, die für meinen Geschmack zu schrill und übertrieben wirken. Doch White legt den Kopf in den Nacken und erscheint schlicht überwältigt. Der glatte Marmorboden reflektiert wie ein glitzerndes Feuerwerk aus bunten Funken die Helligkeit, die diesen Saal mit einer gewissen Wärme füllt.
Wenige Schritte vor uns erstrecken sich unzählige Gemälde, die einfach mitten im Saal herum schweben. White reißt den Mund auf und streicht über die Malereien der berühmtesten Erzengel, deren Posen für die Ewigkeit festgehalten wurden. Jedes Gemälde erzählt eine eigene Geschichte. Altbekannte Legenden von Kriegen der Himmelswächter, oder schnulzige Erzählungen von großen Taten einzelner Liebesengel. Die Berühmtesten von ihnen habe ich noch nie selbst zu Gesicht bekommen, da sie entweder im Ruhestand sind, oder zu sehr beschäftigt, um sich mit einfachen Todesengeln wie mir abzugeben. Einige von ihnen sind auch untergetaucht, was es nahezu unmöglich macht, mal einen von ihnen persönlich anzutreffen.
»Das sieht ja hier aus wie in einem Museum.« White ist ihr Erstaunen anzusehen. Als sie eines der wertvollsten Gemälde berührt, auf dem sich Erzengel Gabriel gerade in voller Pracht in seinem Adamskostüm zeigt, beginnt dieses zu schwanken – was Lady dazu bewegt, White mit einem ausdrücklichen Fauchen zu ermahnen, hier nichts anzufassen.
»Entschuldige«, quiekt White sichtlich verlegen auf.
»Keine Panik, an Ladys Temperament muss man sich erst gewöhnen.« Ein gelassenes Zwinkern meinerseits wird von ihr mit einem kurzen Lächeln belohnt.
»Was sind das für Gemälde?« Sie klingt neugierig.
»Weißt du, wie auf der Erde, so gibt es auch im Himmel Mythen und Legenden«, beginne ich wohlformuliert Whites Frage zu beantworten. »Auf den Gemälden sind Helden abgebildet, die den Erzählungen nach große Taten vollbracht oder Abenteuer erlebt haben, an die wir Engel gerne denken.« Dass es mein sehnlichster Wunsch ist, auch eines Tages auf einem dieser Gemälde zu landen, verschweige ich ihr.
»Können wir jetzt weiter?« Lady stupst mich an meinem Knöchel mit der Schnauze an. »Ihr trödelt mir zu viel, wir haben schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.«
Ich presse meine Lippen zusammen, um Lady ein freches Schimpfwort zu ersparen, das mir bereits auf der Zunge liegt.
Treppen aus Wolken führen in verschiedene Richtungen, sogar für mich ist es immer wieder eine Herausforderung, sich in diesem Labyrinth aus unendlich vielen Gängen zurechtzufinden. Lady kennt natürlich den Weg und wir folgen ihr im Schritttempo. Links, rechts, wieder links. Bis wir in einen Gang eintauchen, in dem mir die vier Ratsvorsitzenden in Form von gemeißelten Steinfiguren einen Mordsschrecken einjagen. Ich verkneife mir die Frage, seit wann diese geschmacklosen Gebilde den Gang vor dem Konferenzraum bewachen.
»Wer ist dieser kleine … ähm … Frosch?« White steht vor Mox’ Statue und macht ein Gesicht, als wäre ihr schlecht.
Ich lache herzhaft. »Das ist Mox, mein Chef.« Ich zwinkere White zu. »Du wirst ihn gleich in voller Größe kennenlernen.«
»Verstehe«, sie nickt zaghaft. »Und diese hier?« Sie zeigt auf die Steinfiguren auf der gegenüberliegenden Seite, die alle mit ernsten Mienen auf uns herabblicken.
»Das sind die früheren Ratsvorsitzenden. Sie haben sich bereits zurückgezogen, denn alle 500 Monde werden neue Mitglieder gewählt, deren Aufgabe die komplette Führung des Himmelsreichs ist.«
White blickt mich verdutzt an. »Alle 500 Monde?«
»Unsere Zeit läuft anders, als eure. Wir rechnen in Monden und 500 Monde sind im Himmel eine sehr lange Zeit. Das sind in eurer Zeitrechnung ungefähr …«, ich überlege kurz, weil mir das Umrechnen in Erdenzeit immer viel abverlangt, »… lediglich 10 Erdenjahre, schätze ich.«
White nickt zaghaft, ehe ich fortfahre: »Ein Mitglied des Rates zu sein ist eine große Herausforderung, der nur die ältesten und weisesten Himmelsbewohner gewachsen sind. Aber wie Mox zu diesem Privileg kam, ist mir bis heute ein Rätsel.« Ich strecke die Zunge raus und forme alberne Grimassen. White mustert mich zuerst mit ernstem Blick. Einen Wimpernschlag später versucht sie es zu vertuschen, indem sie sich schnell wegdreht, aber mir entgeht ihr flüchtiges Lächeln nicht. Wortlos folgen wir Lady weiter den Flur entlang, der mir endlos scheint.
»Wir sind da.« Lady stoppt so abrupt vor uns ab, dass ihr Lucien auf den Schwanz tritt.
Vor Schreck stellen sich meine schwarzen Flügel auf, als Lady markerschütternd faucht.
Während sie Lucien mit einem verächtlichen Blick straft, sieht sich White verwirrt um. »Ähm. Kann nur ich die Tür nicht sehen?«
»Sie ist da oben.« Ich deute auf eine weiße Tür, die einige Meter über unseren Köpfen schwebt. Lucien drückt einen silbernen Knopf an der Wand und eine kleine Wolke rast in Lichtgeschwindigkeit auf uns zu. »Auf der Erde nennt ihr es, denke ich, Lift. Also, nach dir.« Mit einer Geste weise ich White an, sich auf die Wolke zu stellen, doch sie schüttelt den Kopf. »Na gut, dann wartest du eben hier.« Scheinbar gleichgültig zucke ich mit den Schultern, in der Hoffnung sie damit umzustimmen. Und tatsächlich, nachdem Lady, Lucien und ich auf die ungeduldige Wolke gestiegen sind, nimmt auch White darauf Platz. Ein Grinsen kann ich mir daraufhin nicht verkneifen. Einen Augenblick später fährt die Wolke nach oben und hält vor dem Eingang an. White stiert auf die andere Seite der schwebenden Tür und ist, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, völlig durcheinander.
»Wie, um Himmels willen, kann es sein, dass sich dahinter ein Raum befindet? Da ist doch nichts …« Sie kratzt sich verwirrt am Kopf.
Ich stöhne laut auf. »Wie du soeben sagtest, du bist im Himmel. Du solltest langsam aufhören, deine Welt mit unserer zu vergleichen. Der Himmel ist nun mal nicht die Erde.«
White wirft mir einen vernichtenden Blick zu, der mir durch Mark und Bein geht, während Lady verächtlich schnaubt.
»Was ist? Ich bin nur ehrlich«, verteidige ich mich schnell, ehe Lady prustend die Tür öffnet, hinter der wir den Rat in sitzender Position vor einem runden Tisch vorfinden, der überhäuft von Akten und Ordnern ist. Alles ist in Schwarz-, Weiß- und Grautönen dekoriert, nur die Blumen in jeder erdenklichen Ecke im Raum beleben die blassen Wände mit erfrischenden Farbtupfern. Mox steht mitten auf dem Tisch und fuchtelt mit den Händen herum. Madame Dania lehnt entspannt wie immer in ihrem ledernen Sessel, völlig in ein Schriftstück versunken, auf dem in Großbuchstaben WHITE MAY geschrieben steht, und Sir Pelkum und Sir Iras scheinen miteinander in eine heftige Diskussion vertieft zu sein. Als alle Ratsvorsitzenden unsere Anwesenheit bemerken, wird der Raum von einer bleiernen Stille eingehüllt. Mit offenen Mündern starren alle die Person an, die ihre Sitzung verursacht hat: White.
Sir Pelkum und Sir Iras springen gleichzeitig von ihren Stühlen hoch und kommen im Laufschritt auf uns zu. Innerlich krampft sich etwas in mir zusammen – die Ungewissheit über die weitere Vorgehensweise lässt mich nicht mehr los. Ich habe White schließlich versprochen, dass ihr nichts passieren wird. Ein Versprechen, das ich vermutlich nicht einhalten kann. Auch wenn ich ein Todesengel bin, dem die frischen Seelen noch nie sonderlich viel bedeutet haben, so ist mir dieses Erdenmädchen nicht egal. Aus welchem Grund auch immer, hält sich mein gefühlloses Ego bei diesem Mädchen bedeckt, und ich würde gerne herausfinden, warum.
»Ist sie das?«
»Ja, das muss sie sein.«
»Bruder, sieh selbst. Sie ist noch immer ein Mensch.«
Wie ein Objekt wird White von Kopf bis Fuß analysiert. Sie nimmt alles stillschweigend hin, ist jedoch nicht minder überrascht von den ihr gegenüber stehenden Gestalten. Sir Pelkum und Sir Iras sind Elementargeister der Lüfte, mit angsteinflößenden Gestalten in stattlicher Größe, sodass sie sogar mich noch einschüchtern können. Neben ihnen wirkt Mox so unscheinbar wie eine winzige Fliege. Ich hoffe, White lässt sich von ihrer sphärischen Erscheinung nicht allzu sehr beunruhigen – von ihrem närrischen Interesse mal abgesehen. Als sie auch noch anfangen, Whites Arme zu heben und ihr unter den Rock zu spicken, räuspert sich zum Glück Madame Dania.
»Das reicht. Lasst das arme Mädchen in Ruhe.« Anmutig gleitet die Sylphe über den Boden, als würde sie über Wasser schweben. Ihr grünes Haar, das sich in wogender Lockenpracht um ihr zartes Gesicht ergießt, weht dabei, als befände sie sich mitten in einem Sturm. Das bernsteinfarbene Kleid, das sich hauteng an ihre Kurven schmiegt, passt sich geschmeidig ihren Bewegungen an. Diese graziöse Art ist den Naturgeistern zu eigen – , ich bin jedenfalls froh, dass sie das kuriose Zurschaustellen gestoppt hat.
Ich habe angenommen, Madame Dania würde zuerst mit White reden wollen, aber sie hält vor mir an. »Darcian. Erzähl mir bitte, was genau passiert ist.«
»Sie ist ein Mensch und kann uns sehen, genau das ist passiert«, platzt es aus mir raus.
»Du solltest dich Madame Dania gegenüber schon sehr viel genauer ausdrücken!« Mox fuchtelt herum und schnappt nach Luft, doch verstummt schlagartig, als ihn die Sylphe durch eine deutliche Handbewegung zum Schweigen bringt. »Und warum ist sie hier, in eindeutiger Menschgestalt?«, hakt sie nach.
Ich schlucke hart. »Weil ich sie durch das Portal ins Jenseits mitgenommen habe.«
»Das ist unmöglich.« Jetzt ist White den stummen Blicken aller ausgeliefert. »Es ist nicht möglich, dass eine Seele in einem menschlichen Körper die Pforten überschreitet«, wiederholt Madame Dania im Flüsterton.
»Wie ihr sehen könnt, ist es doch möglich«, erwidert White zu meiner Überraschung und zum Missfallen aller Ratsvorsitzenden. Ihr Ton ist schnippischer, als es meiner je sein könnte – ich muss grinsen.
Madame Danias verwundertes Gesicht verwandelt sich schnell in ein freundliches. »Wie ist dein Name, mein liebes Kind?«
»May White.«
»Und dein Alter?«
Ich trete einen großen Schritt nach vorn. »Das wisst ihr doch alles schon«, bemerke ich aufgebracht. Mir kommt es vor, als würden wir die Zeit hier mit unsinnigen Fragen totschlagen.
»Wir möchten es aber noch einmal von ihr hören«, keift Mox. Ich entgegne nichts mehr, weil es nicht mein Verhör ist. Trotzdem brodelt die Ungeduld in mir wie ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch steht.
Mox dreht sich wieder White zu, seine Miene hellt sich auf. »Also, fahre fort, meine Liebe.«
White schluckt und wirkt plötzlich erstaunlich niedergeschlagen. Ich versuche mich in sie hineinzufühlen, um zu verstehen, was sie gerade durchmacht. Obwohl ich einsehe, dass sie ihre Zeit braucht, wünsche ich, ich könnte verstehen, was in ihr vorgeht. Was das alles für sie bedeutet – innerhalb eines Moments alles zu verlieren und gleichzeitig eine unbegreifliche Gabe zu erhalten. Keine frische Seele vor ihr hat es geschafft, derartige Gedanken in mir auszulösen. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie keine Seele ist, sondern ein menschliches Mysterium, das es zu ergründen gilt? Ich weiß es nicht.
»Nora und ich wollten diese Nacht meinen achtzehnten Geburtstag feiern.« Whites Stimme bricht, ihr Gesicht wirkt noch farbloser als bisher.
Madame Dania kneift ihre purpurroten Augen zusammen. »Hat dein trauriges Gesicht möglicherweise etwas mit dem Autounfall zu tun, bei dem deine Schwester verstorben ist?« Whites Augen weiten sich erstaunt und sie nickt stumm.
»White? Was ist passiert?«, frage ich vorsichtig. Ich weiß nicht warum, aber Whites bekümmertes Gesicht geht mir an die Nieren. Auch Lady spitzt die Ohren und Lucien rückt näher an uns heran.
White schließt für einen Augenblick ihre Augen. »Wir waren auf dem Weg zu meiner Party, die Freunde für mich organisiert hatten. Ich wollte gegen den Willen von Nora unbedingt, dass sie mitkommt. Als sie sich gesträubt hat, habe ich sie überredet, mich hinzufahren … und dann … dann …« White schluchzt und ihre grünen Augen beginnen unter Tränen zu flackern.
»Du bist bestimmt nicht schuld am Tod deiner Schwester«, versichere ich ihr das Gegenteil von dem, was unausgesprochen in der Luft hängt.
»Doch, das bin ich! Hätte ich sie nicht überredet, hätte es keinen Grund für diesen furchtbaren Streit gegeben und sie hätte sich besser auf den Verkehr konzentrieren können …« In meinem Magen beginnt es stürmisch zu wüten, als sie mir einen feurigen Blick zuwirft.
»Das ist doch alles Schwachsinn«, unterbreche ich sie. »Ein alkoholisierter Raser im Gegenverkehr hat euch geschnitten.«
»Darcian«, ermahnt mich Madame Dania mit erhobenem Zeigefinger. Eigentlich steht es mir nicht zu, White Details über die Akte ihrer verstorbenen Schwester preiszugeben. Aber diesen Fall sehe ich ganz klar als Ausnahme an.
Während White ihre Tränen wegwischt, senkt Madame Dania den Kopf und schwebt völlig in sich gekehrt im Zimmer auf und ab. Ihre roten Augen flackern dabei, als würden Flammen darin tanzen.
»Könnte dieser Zustand durch eine Nahtoderfahrung ausgelöst worden sein?«, fragt Sir Pelkum nach einigen Minuten in die schweigende Runde.
»Ich denke nicht, dass ich so etwas wie eine Nahtoderfahrung hatte«, verneint White, eine Nuance gefasster.
»Eine Nahtoderfahrung können wir vollständig ausschließen. Wie wir wissen, erleben viele Menschen eine und keiner von ihnen war jemals dazu im Stande, Himmelsbewohner zu sehen, geschweige denn ins Jenseits einzutreten«, erklärt Madame Dania flüsternd, ohne auf Whites Worte einzugehen.
Aus den Augenwinkeln heraus erkenne ich, dass sich White sichtlich unwohl fühlt. Sie wird vorgeführt und muss für etwas geradestehen, wofür es keine Erklärung gibt.
»Könnt ihr mir jetzt bitte sagen, warum ich hier bin?« Niemand geht auf Whites Frage ein und scheinbar macht das nicht nur mich rasend. Ich beobachte, wie das Zittern ihrer Hände auf ihren Körper übergeht, ihn einnimmt und erbeben lässt. Offensichtlich scheint White eine beeindruckend starke Persönlichkeit zu sein, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob sie alldem hier gewachsen ist. Allein. Das alles hier ist ihr gegenüber nicht fair.
Ich balle die Hände zu Fäusten. »Könnt ihr nicht eure ohnehin gescheiterten Versuche, schlau aus den Geschehnissen zu werden, vorübergehend einstellen? Ich finde, ihr solltet diesem Erdenmädchen, das mit den Tatsachen sicherlich überforderter ist als jeder andere hier in diesem Raum, endlich die Beachtung schenken, die es verdient hat!« Meine Stimme klingt, als hätte ich sie tagelang aufgeladen und gerade zum Explodieren gebracht. Sofort wird es still im Raum, alle Blicke sind auf mich gerichtet. Madame Dania hat ihre Augen weit aufgerissen, während Mox die Kinnlade weit nach unten geklappt ist. Aber niemand sagt ein Wort, oder traut sich, mir zu widersprechen. Zumindest scheine ich den Rat mit meinem Übermut endlich zum Nachdenken gebracht zu haben.
Vorsichtig schiele ich zu White, die ein schwaches Lächeln formt und sich flüsternd kurz bei mir bedankt.
»Was sagt denn die Akte über White? Habt ihr irgendetwas Sonderbares herausgefunden?«, fragt Lucien in die Runde, womöglich, um von meinem Wutausbruch abzulenken.
Mox räuspert sich, als hätte es ihm seine piepsige Stimme verschlagen, doch Madame Dania ergreift sogleich das Wort: »White war ein normales Erdenmädchen, das vor 18 Jahren mit weißen Haaren in Bloomfield, einem Vorort von Detroit, geboren wurde und auch dort aufgewachsen ist. Knapp zwei Jahre später hat ihre Schwester, Nora May, das Licht der Welt erblickt. Die vierköpfige Familie war somit komplett. Wir sind ihre Akte mehrmals durchgegangen, aber etwas Sonderbares ist uns nicht aufgefallen.«
Lucien und ich sehen uns eindringlich an. Im Moment denkt er wohl dasselbe wie ich: White muss hierbleiben, bis es eine Erklärung für ihre Gabe gibt.
»Hast du vor diesem Unfall schon einmal Dinge oder Wesen gesehen, die du nicht für irdisch gehalten hast?«, erkundigt sich Madame Dania einfühlsam.
»Ich glaube nicht«, flüstert White kaum hörbar.
»Nun gut, mein liebes Kind. Ich würde vorschlagen, du bleibst zu deiner eigenen Sicherheit hier im Elysium, bis wir den wahren Grund deiner Begabung herausgefunden haben«, äußert sich Mox, als hätte er meine Gedanken gehört.
»Aber was ist mit meinen Eltern, meiner Familie, meinen Freunden?« Die Ratsmitglieder blicken sich untereinander eindringlich an. Sie nicken sich zu, als hätten sie soeben per Telepathie miteinander kommuniziert.
»Wir werden all deine Mitmenschen auf der Erde vorübergehend deine Existenz vergessen lassen. Nur so lange, bis wir dich wieder hinunterschicken können.«
White sieht Madame Dania entsetzt an, als hätte sie sich verhört. »Was?«, sie schüttelt den Kopf. »Das könnt ihr doch nicht machen! Wen habe ich dann noch, wenn sich meine Familie nicht an mich erinnern kann? Niemand wird an mich denken, mich vermissen …«
»Deine Schwester wird es«, unterbreche ich sie, in dem Versuch sie zu beruhigen.
»Und außerdem ist es ja nicht von Dauer«, wirft Mox ein.
White lacht hysterisch auf, noch immer den Kopf schüttelnd.
Ich rücke ganz nahe an sie heran. »Es ist sinnlos, dich zu wehren. Sie machen sowieso, was sie für das Beste halten«, flüstere ich White zu, die mich mit geweiteten Augen flehend anstarrt.
Wir sehen uns auf eine vertraute Art an, die mich erschauern lässt. Ich wende mich hastig von ihr ab.
»Es tut uns leid, derartige Maßnahmen anwenden zu müssen«, bringt Madame Dania mühsam hervor.
»Würdet ihr mir einen Moment Zeit lassen?«, höre ich White derart kummervoll erwidern, dass sie meinen Blick umgehend wieder auf sich zieht.
Sie senkt den Kopf und presst sich die Handfläche auf die Stirn. Merklich überfordert schließt sie für einen Moment die Augen, als könnte sie so einfach alles ausblenden.
»Also gut. Ich stimme zu, unter einer Bedingung.« Alle spitzen ihre Ohren. Niemand hat damit gerechnet, dass White so etwas wie Forderungen stellt. »Ihr löscht auch vorübergehend meine Schwester, Nora May, aus den Erinnerungen unserer Liebsten.«
»Was?«, platzen Lucien und ich gleichzeitig hervor.
»So erspare ich meiner Familie vorerst die Trauer über ihren Tod. Wenn ich wieder auf der Erde bin, werde ich ihnen beistehen und sie trösten können. Aber das kann ich von hier aus nicht.« Whites selbstlose Art lässt meine Zweifel an der Menschheit schwinden. Schon immer habe ich gedacht, dass Erdenbewohner im Grunde nur an sich selbst denken, aber die Liebe ist ein Phänomen, dem ich nicht gewachsen bin. Ich kenne keine Liebe, daher kenne ich auch keine Selbstlosigkeit. Niemand steht mir so nahe, dass ich ihn über mich selbst stellen würde. Und das ist auch gut so. Meiner Meinung nach machen sich Menschen damit ihr Leben auf der Erde nur unnötig schwer. Und das ausgerechnet Lucien der Engel der Liebe ist, bringt mich oft in Rage. Er selbst kennt genauso wenig die Gunst der kompletten Hingabe für jemanden. Trotzdem zwingt er Menschen dazu, voneinander abhängig zu werden. Wie absolut widersinnig.
»Also gut. Wir werden auch deine Schwester aus ihren Gedächtnissen löschen. Lady, würdest du White jetzt bitte auf ihr Zimmer führen?« Mox rutscht auf Ladys Schwanz herunter, bevor diese dem Befehl von Madame Dania folgt und durch die Tür schlüpft.
White sieht mich eindringlich an, als würde sie sich gedanklich von mir verabschieden. Ich öffne meinen Mund, um ihr alles Gute zu wünschen, aber sie kommt mir zuvor. »Könnte Darcian bitte an meiner Seite bleiben bis ich wieder auf der Erde bin?«
Mit dieser Bitte habe ich nicht gerechnet. Mein Atem bleibt mir in der Brust stecken.
Ich verschlucke mich und gebe peinliche Würgegeräusche von mir, während Lucien lachend auf meinen Rücken klopft.
»Natürlich. Darcian soll an deiner Seite bleiben. Ich werde für seinen Job bestimmt schnell Ersatz finden«, lacht mir Mox schadenfroh zu, als hätte er schon immer auf diesen Moment gewartet. Zwischen Mox und mir sprühen Funken.
»Glimm wird sich freuen«, Mox zwinkert mir zu, während ich ihm den bösesten Blick zuwerfe, den ich beherrsche.
Am liebsten würde ich ihn wie eine Fliege einfach erschlagen.
Ich wende mich an White und hebe eine Augenbraue. »Ich will dich ja wirklich nicht kränken, aber ich bin ein Todesengel und kein Dienstbote«, gebe ich so vorsichtig wie möglich zu verstehen, da ich keine Lust habe, meine kostbare Zeit im Elysium totzuschlagen. Hier fühle ich mich eingesperrt und von jeder Ecke aus beobachtet.
»Ach was, er macht nur Scherze.« Lucien tritt mir so heftig auf den Fuß, dass mir die Luft wegbleibt.
»Ich brauche keinen Dienstboten, ich brauche jemanden, dem ich hier vertrauen kann«, murmelt mir White zu. In diesem Moment passiert etwas mit meinem Körper, das mir Angst macht. Meine Knie zittern und mein Magen krampft sich zu einem einzigen stechenden Schmerz zusammen. Ein Gefühl der Machtlosigkeit hüllt mich ein und zwingt meinen Kopf dazu, ein Nicken zu formen.
»Siehst du. Du bist eben doch ein Gentleman«, haucht mir Lucien vergnügt ins Ohr.
Ich beiße mir auf die Lippen. »Und du bist und bleibst eine Nervensäge«, kontere ich matt.
Ich sehe, wie White ein Lächeln über ihr Gesicht huscht, mit dem sie mir ihre Dankbarkeit zeigt. Offenbar habe ich nun doch irgendwie ihr Vertrauen gewonnen. Hat mich ihr fehlendes Vertrauen in mich eben noch gestört, so ist es mir jetzt beinahe zu viel.
»Über die Anwendung des Pulvers des Vergessens an Menschen, ohne Genehmigung, sprechen wir noch!« Mox’ Stimme klingt höher als sonst. Geht das überhaupt noch? Als wäre ich jetzt nicht schon gestraft genug, verdrehe ich die Augen und trete hastig aus dem Konferenzraum.