Читать книгу IGNATIUS VON MANRESA - Kai-Uwe Wegner - Страница 9
ОглавлениеDie Antworten des Ignatius auf die Urfragen
*
Diese drei Fragen sind es, die mir keine Ruhe lassen und beantwortet sein wollen. Nichts erscheint mir absurder als eine Beantwortung dieser Fragen im rein materialistischen Sinne. Geist, Leben und Naturgesetze sollten einfach nur Attribute der Materie sein? Wie sollte Materie aus sich heraus diese immateriellen Gewalten hervorbringen können? Man mag wohl Leben durch das Zusammenwirken bestimmter physikalischer Prozesse erklären wollen, jedoch dieses unendliche Denkvermögen des Menschen und das Vorhandensein der Naturgesetze im Raume: Wie sollte man diese jemals naturwissenschaftlich erklären können? Eine rein materialistische Deutung des Seins wird diese Phänomene immer umgehen und das Aufkommen der Sinnfragen unterdrücken. Doch gerade diese sind es, die den Menschen und seinen wahren Wert definieren und ihn zu der fundamentalsten aller Fragen führen: Was ist der Sinn meines Daseins? Die Sehnsucht des Menschen, auf diese Frage eine Antwort zu erhalten, löste in ihm Kräfte aus, im Vergleich zu denen alle anderen Anstrengungen sich wie Spielereien ausnehmen. Die Entstehung der Religionen, der Philosophie und auch der Wissenschaft sind ihr geschuldet. Immer wieder wird der Mensch an dieser Frage zerbrechen. Als er daran zweifelte, dass die Religion die richtige Antwort geben könne, schuf er die Philosophie. Als auch diese ihm keine Gewissheit geben konnte, wendete er sich der Wissenschaft zu. Doch wohin wird er sich wenden, wenn er auch an dieser verzweifelt? Für mich kann es darüber keinen Zweifel geben: Er wird zu den Urfragen zurückkehren und damit zur Schaffung einer neuen Religion.
*
Wenn man die Handlungen der Menschen und ihre Haupttriebfedern zu ergründen versucht, kommt man zu dem Ergebnis, dass es am Ende nur sehr wenige gibt. Trotz all der Vielfalt und der unendlichen Variationen menschlichen Handelns sind die Beweggründe, die zu ihnen führen, doch nur sehr wenige. Um diese bewegen sich die Menschen wie die Planeten um die Sonne. So wie die Sonne mit ihrer Schwerkraft die Planeten in ihrer Umlaufbahn hält, so sind diese die Kraftquellen des Menschen, um die er sich bewegt. Deshalb erscheint die Geschichte des Menschen wie unendliche Variationen einiger weniger Themen. Und deshalb gleichen sich die Entwicklungsstufen von Menschen, Völkern und Kulturen. Die Sonnen der Seele, der Triebe und des Geistes scheinen sich dabei in einer Art von Konkurrenz zu befinden. Denn wenn Hunger oder Durst die Menschen quälen, treten Geist und Seele in den Hintergrund. Ebenso verhält es sich, wenn der Mensch von Liebessehnsucht oder Wissensdurst getrieben ist. Obgleich der Mensch von allen Sonnen angezogen wird, scheint er sich einmal der einen und dann der anderen zuzuwenden. Doch er kann sich niemals nur einer Sonne ganz hingeben, ohne dabei Schaden zu nehmen oder sich zu zerstören. Es besteht also eine Art von Notwendigkeit zur Harmonie und Gleichgewicht zwischen diesen Sonnen. Kein Mensch kann ohne Nahrung oder ohne Liebe oder ohne Denkvermögen überleben, aber kommt er einer dieser Sonnen zu nahe, wird er von der Stärke ihrer Sonnenstrahlen vernichtet. Alle drei großen Sonnen sind eines Ursprungs, aus dem alles geschaffen worden ist. Durch unseren Geist erkennen wir ihn und je nachdem, welchen Schwerpunkt wir selbst legen, nennen wir ihn Gott, Götter oder Weltgeist. Für mich jedoch ist er eine gewaltige Schaffenskraft. Eine Schaffenskraft, der unendliche Energie, Bewusstsein und Denkvermögen immanent sein muss. Denn was der Mensch besitzt, sollte doch im erhöhten Maße die Kraft besitzen, die ihn geschaffen hat.
*
Doch von welcher Art ist diese Schaffenskraft, die alles, was sie hervorbringt, aus einem gewaltigen Zentrum heraus zu schaffen scheint? Im Raume stoßen wir auf den Kreis, der sich um eine Mitte bewegt, aus der heraus alles geschaffen ist, im kleinsten wie im größten. Das Atom mit seinem Kern, unser Sonnensystem mit seiner Sonne und so auch der gesamte Raum mit seinem Mittelpunkt, aus dem heraus er nach außen strebt. Die Schaffenskraft wirkt aus einer Mitte heraus und alles, was sie hervorbringt, bleibt ebenso diesem Prinzip treu. Alles, was geschaffen wird, bewegt sich um den Kern seines Schöpfers und gehorcht seiner Ordnung. Wie unser Sonnensystem ein Zentrum hat, um das sich die Planeten bewegen, so kreist auch unser Geist um eine Mitte, aus der er geschaffen wurde und die ihn anzieht, die ihn jedoch auch auf Abstand hält. Er selbst ist ebenso ständig in Bewegung und bringt Neues hervor, in dem das Alte seine Bedeutung verliert, wie ein gewaltiges Rad, aus dem endlos neue Funken hervorschießen. Der Geist wird angezogen von seiner Sonne, die der Mensch “Wahrheit“ oder “Vollkommenheit“ nennt. Die Seele von ihrer Sonne, die er “Ewigkeit“ oder “ewiges Leben“ nennt, und der Körper von seiner Sonne, die er “Befriedigung“ oder “Sattheit“ nennt. Obgleich wir von diesen Sonnen angezogen und auf unserer Bahn gehalten werden, so werden wir sie dennoch niemals erreichen. Auf der Erde lebend wird der Mensch weder Vollkommenheit, noch Wahrheit, noch Ewigkeit, noch völlige Befriedigung finden. Wie Tantalos ist es ihm nicht vergönnt -obgleich sie zum Greifen nah scheinen- ,die Objekte seiner Begierde zu erreichen. Er wird immer ein Dürstender bleiben nach dem, was er nicht erreichen kann. Das ist das Schicksal allen Lebens im Raume.
*
Der Mensch als das machtvollste Geschöpf des Schaffensgeistes wird jedoch in Wahrheit von vier Kräften beherrscht. Sein Körper beherrscht ihn durch Triebe. Seine Seele durch das Streben nach Macht, das Aufsteigen auf der Herrschaftsleiter und den Sieg über die Materie. Doch ebenso drängt ihn die Seele zu den anderen Geschöpfen, die Leben in sich tragen -d. h. zu seinem Ursprung hin- durch Liebe. Und sein Geist drängt ihn durch Neugierde und Wissensdurst zum Ursprung und Sinn seines Lebens. Trieb, Macht, Liebe und Geist sind die vier Grundakkorde des Lebens. Triebe dienen dem Erhalt des Leibes, d. h. einer Ausdrucksform mit Leben in sich. Macht baut die Hauptstraßen, auf denen die Lebewesen sich in der Sinnenwelt bewegen. Sie gibt dem Leben Struktur und drängt es vom Ursprung fort in die Materie. Liebe treibt die Menschen einander entgegen und zurück zu ihrem Ursprung, da sie in allen Ausdrucksformen, die Leben in sich tragen, einen Teil von sich erkennen. Und der Geist ist die ordnende Kraft, der ebenso wie er im Raume durch die Naturgesetze eine Ordnung schafft, so auch im Menschen das Instrument der Ordnung darstellt. Trieb dient dem Erhalt einer Ausdrucksform, Macht dem Erstarken des Lebens im Raume, Geist der Bewusstwerdung unseres Ursprungs und Liebe der Befähigung zu Bindungen. Kein Lebewesen kann sich diesen Kräften entziehen.
*
Betrachten wir nun die vier Grundakkorde des Lebens etwas näher. Liebe und Macht -vor allem seine erbarmungsloseste Schöpfung: der Kriegstoßen sich ab wie Wasser und Feuer. Jedes Lebewesen besteht überwiegend aus Wasser. Wasser verbindet. Wasser ist das Urelement, aus dem das Leben besteht und entspricht damit der Liebe auf der materiellen Ebene. Feuer strebt immer nach außen und nach Vernichtung. Indem es zerstört, will es sich selbst über alle Elemente erheben. Feuer entspricht der Macht, die nur sich selbst kennt und sich über alle anderen zu erheben strebt. Einzig Erde und Wasser können es besiegen. Erde erstickt es und führt es zu dem zurück, aus dem es geboren wurde. Wasser vernichtet es, als wäre es nie dagewesen. Erde ist das Urelement, aus dem heraus alles geboren wird, mit Ausnahme der Luft, die sich über die anderen Urelemente erhebt und sie durchdringt. Sie entfacht das Feuer und steigert seine Macht. Sie dringt durch das Wasser und erhält (durch ihren Sauerstoff) auch dort das Leben. Ohne sie gäbe es weder im Wasser noch auf der Erde Leben. Luft verbindet sich mit den drei anderen Elementen und schafft aus dieser Verbindung heraus Steigerungen und lebendige Formenwelten. Es vernichtet dabei und es erhält. In Verbindung mit dem Feuer vernichtet es Leben, doch aus der Verbindung mit Wasser und Erde wird Leben geschaffen und erhalten. So steigert auch der Geist in seiner Verbindung mit Macht dessen Wirksamkeit und gebiert mit Trieb und Liebe das Leben. Der Trieb folgt wie die Erde der Schwerkraft und hält das Lebewesen im Raum. Doch der Geist erhebt es und führt es fort aus Raum und Zeit. Geist und Trieb sind wie Luft und Erde. Feuer und Wasser sind wie Macht und Liebe. Waser ist Leben, so wie die Liebe auf der geistig-seelischen Ebene der Urstoff des Lebens ist. Feuer vernichtet Leben, so wie Macht die Liebe in den Herzen gefrieren lässt. Doch so wie die Erde ein Planet des Wassers ist, so ist auch das Unendlicheinige eine Welt der Liebe. Der Trieb strebt den Erhalt der Materie an und folgt letztendlich der Schwerkraft, ganz wie die Erde das Urelement der Schwerkraft ist. Feuer, Wasser und Luft erheben sich und befinden sich ständiger Bewegung, doch Erde ruht bewegungslos am Boden. Es ist das Urelement der Materie, hingegen Wasser, Luft und Feuer sind Geschöpfe des Unendlicheinigen. Ebenso ist Trieb der Grundakkord der Erde, alle anderen Grundakkorde fanden ihren Ursprung im Unendlicheinigem. Erde und Luft stehen zueinander wie Trieb und Geist. Sie vernichten einander zwar nicht wie Feuer und Wasser, doch sie bilden unvereinbare Gegensätze. Sie lassen sich nicht wie Wasser und Erde vermischen oder wie Luft und Feuer steigern, sondern sie bleiben sich fremd. Luft erhebt sich und blickt auf die Erde hernieder, so wie auch der Geist auf die Niederungen der Triebe herabschaut. Welch eine Demütigung für den Geist, in der Formenwelt in einer Ausdrucksform mit den Trieben gemeinsam existieren und auskommen zu müssen. So entsprechen die vier Urelemente auf der Ebene der Materie den vier Grundakkorden auf der geistigseelischen Ebene.
*
So wie auf der Erde kein Urelement allein existieren kann und die Urelemente in einem ewigen Wandel ihrer Verhältnisse zueinander stehen, so wird auch niemals ein Grundakkord auf ewig dominieren können. Jeder Grundakkord besitzt ebenso wie jedes Urelement seine ihm eingegebenen Eigenschaften, denen er nicht entfliehen kann. Doch wer bestimmt die Qualität dieser Eigenschaften? Wer hat sie geschaffen? Es muss also noch eine höhere Ebene geben, die über Seele und Materie steht,und aus der sowohl der Seele als auch der Materie ihre Eigenschaften eingegeben worden sind. Damit betreten wir ein Gebiet, das gemeiniglich als das “Göttliche“ bezeichnet wird und über das bisher so reichhaltig und phantasievoll spekuliert worden ist, dass ich wenig Lust verspüre, mich diesen Spekulationen anzuschließen. Als ein Geschöpf aus Seele und Körper komme ich nur mit diesen in Berührung und kann auch nur über diese wahrhaftige Aussagen treffen. Wenn ich meine inneren und äußeren Sinne wach halte, erkenne ich, dass eine Kraft innerhalb des Raumes einen Planeten geschaffen hat, auf dem sowohl der Materie als auch der Seele Eigenschaften eingegeben sind, die kongruent sind und durch die Leben geschaffen worden ist. Wer nur seine äußeren Sinne gebraucht und die inneren verkümmern lässt, wird von all dem nichts begreifen. Die Kraft, die uns geschaffen hat, gab uns den Geist, damit wir Seele und Körper begreifen lernen, nicht damit wir einem niederen Impuls gehorchend eine von beiden abwerten oder gar leugnen. Die Abwertung des Körpers durch die Kirche ist ebenso unsinnig wie die Leugnung der Seele durch die materialistische Wissenschaft. Beides sind Irrwege und können nicht zur Beantwortung der Frage nach dem Ursprung des Lebens führen. Seele und Körper des Menschen sind eins, d. h. der Körper ist die Kopie der Seele auf der materiellen Ebene. Jede Veränderung des Seelischen wird sich immer auch im Körperlichen niederschlagen und umgekehrt. Obgleich die größten Gegensätze, wurden Materie und Seele von einer Kraft zu einer Seinsform vereint. Mit dieser Kraft wird meine Seele erst dann in Berührung kommen, wenn durch meinen Tod ihre Vereinigung mit meinem Körper aufgelöst ist. Dennoch kann der Mensch aus der Qualität der Grundakkorde und der Urelemente auf den Willen dieser Kraft schließen.
*
Wenn ich mir also das Seelische ohne die Verbindung mit dem Körperlichen denke und dabei die vier Grundakkorde und Urelemente näher betrachte, komme ich zu folgenden Schlussfolgerungen: Der Trieb ist ein Akkord zur Erhaltung einer Ausdrucksform und ist eine Folge der Vereinigung von Materie und Seele. Die Liebe ist eine Form von Magnetismus des Seelischen zu dem ihr Verwandten und der Trennung des Seelischen durch die Materie geschuldet. Ohne diese Trennung gäbe es diese Form des Magnetismus nicht, denn das Seelische wäre dann unendlich und untrennbar verbunden. Die Macht als ein Nach-Innen-Gehen der Seele ist dem Seelischen immanent. Doch ohne die Trennung durch die Materie wird es sich nicht über andere Geschöpfe erheben und einzig der Materie in ihrer Gesamtheit als einen Gegensatz, über den es sich erheben muss, gegenüberstehen. Das Seelische strebt nach Erhöhung, Materie strebt in die Tiefe. In diesem Gegensatz liegt das Wesen der Macht begründet. Die Macht ist der Begrenzung der Liebe, die im Unendlicheinigem grenzenlos ist, innerhalb einer Ausdrucksform geschuldet. Sie ist eine Form der Liebe, der es nicht gelingt, die Grenzen der irdischen Leiblichkeit zu verlassen. Macht und Liebe haben also den selben Ursprung. Der Geist endlich ist untrennbar mit dem Seelischen verbunden. Durch ihn begreifen wir die Ordnung und die Gesetze innerhalb der Materie und der Seele. Er ist gewissermaßen das Bindeglied zwischen Seele, Materie und höchster Ebene. Ordnung und Gesetze finden wir im Seelischen und im Raume, und sie sind daher sicherlich auch der hier zu untersuchenden Ebene immanent. Die Qualität dieser Gesetze und dieser Ordnung müssen unweigerlich dem Wesen dieser Ebene entsprechen und mithin ihren Willen ausdrücken. Wenn überhaupt können wir also nur mittels unseres Geistes Vermutungen über diese höhere Ebene anstellen. Stellte man sich also die Seele ohne Verbindung mit dem Körper vor, so müsste es eine von Geist durchwirkte Liebes- und Schaffenskraft sein. Eine Schaffenskraft, die lebendige Liebe ist. Eine Schaffenskraft, die in sich eine Art von Magnetismus und gegen das Fremde eine Form von Herrschaftswillen ausbildet. Es ist eine Schaffenkraft, die die ihr immanente Ordnung allem aufdrückt, mit dem sie in Verbindung steht. Die höhere Ebene, die sowohl in die Materie als auch in die Allseele ihre Ordnung gelegt hat, ist also eine ordnende und schaffende Geisteskraft.Sie besitzt ein Bewusstsein und Willen, um sowohl Materie als auch Seele in die Bahnen ihrer Ordnung zu zwingen.
*
Diese höhere Ebene, von der aus sowohl Geist als auch Seele in den Raum streben, kann von mir nur mit dem Begriff des Unendlicheinigen bezeichnet werden, da in ihr kein Anfang und kein Ende, keine Geburt und kein Tod, keine Grenze und kein Teil ist. Ein Mensch, der über diese Unendlichkeit Erkenntnisse erlangen möchte, befindet sich stets in der Situation Platos, der dies mit dem berühmten Höhlengleichnis ausdrückte. Er ist gezwungen, auf Grund der Bewegung und Gestalt von Schatten auf die Ursache von ihnen zu schließen. Er weiß, dass es sie gibt und dass sie keineswegs von derselben Qualität sein können wie die Schatten. Doch was sie letztendlich sind, wird er in der Höhle befindlich niemals endgültig beantworten können. Sie befinden sich auf einer Ebene, mit der er erst, wenn er aus der Höhle heraustritt, in Berührung kommen wird. Und so wird auch der Mensch erst, wenn er sein Leben beendet hat, diese Ebene vollends begreifen können. Doch eines ist gewiss, er wird dies -denn nur in ihm ist Bewusstsein- mittels seines Geistes tun. Weder Liebe, Trieb oder Macht, sondern der Geist ist der Grundakkord, der alle Ebenen miteinander verbindet und auch den Menschen in Verbindung zu seinem Schöpfer stellt. Alles, was den Menschen vergeistigt, baut ihm eine Brücke zu seinem Schöpfer. Ganz gleich, ob es musikalische, religiöse, wissenschaftliche oder philosophische Brücken sind -sie dienen letztendlich alle dazu, den Menschen mit seinem Schöpfer in Berührung zu bringen. Der Schöpfer wird im Raume niemals zum Menschen sprechen. Er hat ihn ohne klares Wissen seiner Herkunft auf diese Erde verpflanzt. Er soll seine Herkunft nur erahnen.
*
Und so strebt der Mensch stets zu einer Sonne hin, der er keinesfalls zu nahe kommen darf, wenn er nicht Schaden nehmen möchte. Gibt er sich zu sehr der Lust hin, werden Sucht, Unzufriedenheit und Krankheit auf dem Fuße folgen. Treibt ihn zu sehr das Wissen-Wollen zum Kerne allen Seins, wird der Wahnsinn dieses Wollen beenden. Verliert er sich in seinem Verlangen nach Macht, werden Selbstentfremdung, Vereinsamung und Wahnsinn die Folge sein. Doch wie steht es mit der Sonne der Liebe? Sie scheint mir die einzige Sonne zu sein, der sich der Mensch rückhaltlos nähern darf und soll. Denn wer immer sich ihr hingibt, erfährt weder Schaden noch Nachteile. Ihre Nähe führt weder zu Wahnsinn noch zu Krankheit oder Selbstentfremdung. Sie scheint mithin das Ziel zu sein, in dem das Leben im Raume seine Erfüllung finden soll. Doch wo sind die Kräfte, die den Menschen auf seiner Bahn halten? Wo sind die Kräfte, die verhindern, dass er den anderen Sonnen zu nahe kommt? Auf der materiellen Ebene tun dies die Naturgesetze, die jegliche Materie in der gewollten Ordnung halten. Doch der Mensch besitzt Geist und somit die Freiheit, diese Ordnung in gewisser Weise aufzuheben. Er bricht diese Ordnung und bringt sich damit selbst in Gefahr. Die Macht, die auf der geistigen Ebene eine höhere Ordnung generiert, ist Tugend. Die Tugenden und allen voran die Weisheit, die höchste aller Tugenden, bringen den Menschen trotz seines gewaltigen Geistes in Harmonie zu den Naturgesetzen. Ohne Tugenden entfernt sich der Mensch von der Ordnung des Raumes und ist damit dem Untergange geweiht. Vor allem die Weisheit ist unabdingbar, um die Menschen in ihrer Gesamtheit in Beziehung zur Natur zu stellen und aus dieser Beziehung heraus die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen.
*
Religion ist der Konsens einer Gemeinschaft, welche Tugenden und welche Sinnfindung diese zu verinnerlichen willens ist. Sie bildet den Kern einer Gemeinschaft, aus dem heraus all ihr weiteres Handeln folgt. Sie ist damit der unverrückbare Mittelpunkt jedes einzelnen Mitgliedes dieser Gemeinschaft, denn sie gibt seinem Leben Sinn und Richtung. Neben der Familien- und der Volkszugehörigkeit bildet die Religionszugehörigkeit den dritten unverzichtbaren Orientierungspunkt zur Ausrichtung des menschlichen Lebens. Die Ausprägung einer jeden Religion ist abhängig von Erkenntnisstand, politischem Umfeld, Charakter, Bedürfnissen, Überzeugungen und vielen weiteren Faktoren. Obgleich jede Religion Absolutheitsanspruch anmeldet, ist sie stets Ausdruck einer Epoche. So wie jede geistige Haltung ist sie ein Kind ihrer Zeit, die einem ewigen Wandel unterworfen ist. Wenn die Bedingungen sich also ändern und ihre Ausrichtung mit den Gegebenheiten der Zeit nicht mehr übereinstimmt, stirbt sie und wird durch eine neue Religion ersetzt. Die Religion ist immer die Deutung der causa prima und des mysterium vitae, die sich stets aus der Beobachtung der Sinnenwelt ergeben. Das Verhältnis des Religionsgründers zur Sinnenwelt ist also entscheidend für den Charakter der Religion. Doch wie auch immer dieses geartet sein sollte, eine Religion wird sich nur dann in einer Gemeinschaft durchsetzen, wenn sie Zustimmung findet und ihre Deutung die Herzen der Gemeinschaft trifft. Erst wenn Kopf und Herz von ihr erfüllt sind, wird sie sich durchsetzen.
*
Sinnfindung und Ausrichtung der Tugenden sind stets abhängig von den Erfahrungen einer Gemeinschaft. Das jüdische Volk deutete einen kriegslüsternen und eifersüchtigen Gott als causa prima, als es erfolgreich und im Aufsteigen begriffen war. Die geforderten Tugenden entsprachen dieser Deutung. Auf seinem Höhepunkt während der Königsherrschaft erreichten auch diese Tugenden ihren Höhepunkt. Ebenso stellen die Lehren Salomos den geistigen Höhepunkt dieses Volkes dar. Als es jedoch durch die Demütigung der Babylonier und der Römer gebrochen wurde, fand es zu einem liebenden und mitleidigen Gott. Damit änderten sich auch die aus dieser neuen Deutung heraus geforderten Tugenden. Dies führt vor Augen, wie wenig absolut, sondern wie erfahrungsabhängig Religionen stets sind. Sind sie deshalb grundsätzlich widerlegt? Könnte man deshalb auf sie verzichten? Sind sie eventuell sogar ersetzbar? Egal welche Ordnungssysteme der Mensch schafft, um sich zu organisieren und eine funktionierende Gemeinschaft hervorzubringen: ein System hat sich erst dann als realisierbar erwiesen, wenn es bewiesen hat, dass es über einen längeren Zeitraum bestehen kann. Wie alles in der Natur unterliegt auch die Religion und das Ordnungssystem der Veränderung von Bedingungen. Sie verändern sich, so wie alles im Wandel begriffen ist, und das vorherrschende System muss auch mit gravierenden Veränderungen mitgehen können. Dies kann es nur, wenn es im Kopf und im Herzen der Gemeinschaft lebendig ist und deshalb mit aller Macht verteidigt wird. Verstandesmäßige Systeme wirken in der Regel nur dort, wo sie geschaffen worden sind: im Verstand. Sie erreichen die Herzen nicht und sind deshalb nicht überlebensfähig. Auch wenn ihre Anhänger durch den Schwung des Neuen und der Sehnsucht nach einer besseren Welt viel Kraft generieren können, so schwindet diese jedoch mit der Zeit und spätestens, wenn das System erkämpft worden ist und sich der Realität stellen muss, löst sie sich vollends auf und ihre Anhänger fallen reihenweise von ihm ab, weil es eben nicht im Herzen lebt. Und im Herzen kann ein System nur leben, wenn es die Sinnfragen beantwortet hat. Wenn ein System diese ignoriert, hat es keine Überlebensfähigkeit. Denn es kann seinen Anhängern nicht vermitteln, weshalb sie auch in den extremsten Situationen, und selbst wenn ihr eigenes Leben und das ihrer Familie in Gefahr wäre, an ihm festhalten sollten. Dies kann nur ein System,das Antworten auf diese Fragen geben kann, die von ihren Anhängern angenommen und verinnerlicht worden sind.
*
Die Beantwortung der Sinnfragen ist also elementar sowohl für eine Gemeinschaft als auch für jeden einzelnen. Ein jeder sehnt sich danach zu wissen, weshalb er auf dieser Erde ist und wohin er geht, wenn er sie verlässt. Die materialistische Weltanschauung und die Überzeugung, es gäbe nur wissenschaftliche Wahrheiten, ist ein Glaube und keine endgültige Wahrheit. So wie jeder Glaube ist auch dieser sterblich. Was jedoch bleiben wird, sind die Grundbedingungen des Seins: Materie, Naturgesetze, Leben und uns Menschen, in diese geworfen, durch den Geist getrieben, diese Grundbedingungen verstehen zu wollen und durch den ewigen Wandel neue Überzeugungen annehmend. Der Geist wird dabei niemals Ruhe finden und dies scheint auch nicht erwünscht zu sein, denn so wie die Natur ewig neues Leben hervorbringt, gebiert auch dieser ewig neue Gedanken, Überzeugungen, Ideen und positioniert sich neu zu seinem Umfeld. Stirbt ein Glaube oder eine Überzeugung, wird ein neuer Glaube oder eine neue Überzeugung geboren, denn der Geist macht es den Menschen und vor allem der Gemeinschaft von Menschen unmöglich,ohne Überzeugungen existieren zu können.
*
Jede Sinnfindung ist ein temporäres Zur-Ruhe-Kommen des Geistes. Indem er Überzeugungen annimmt, positioniert er sich in einer Welt des ewigen Wandels. Er verharrt und spricht zu sich: „Daran glaube ich und dies bleibt bis zum Ende meines irdischen Daseins." Doch der Fluss des Lebens duldet keinen Stillstand und rauscht mit aller Macht gegen die Ufer dieser Überzeugungen und irgendwann wird er sie mit sich reißen und sie unter seinen Wellen begraben. So ergeht es allen Sinnfindungen. Aber der Geist sucht nun einmal Ruhe und wird deshalb immer einen Rastplatz anstreben, um sich zu positionieren. Dies ist der ewige Kampf des Geistes im Flusse des Lebens. Und so suche auch ich Ruhe. Ich stehe auf einem Felsen und schaue auf den gewaltigen Fluss des Lebens hernieder. In die Ferne blickend sehe ich die Unendlichkeit des Raumes. Weder sehe ich, wo der Fluss entspringt, noch wo er mündet. Ebenso wenig erkenne ich Anfang oder Ende des Raumes. Doch ich erkenne, dass dieser Fluss in eine Ordnung gebettet ist, aus der er nicht entfliehen kann. Und ich frage mich: Weshalb kann ich, der ich doch ein Teil des Flusses bin, auf diesem Felsen zum Stehen kommen? Und ich begreife, dass nicht ich, sondern einzig mein Geist auf diesem Felsen ruht; dass in all der Unendlichkeit einzig der Geist außerhalb des Flusses stehen und in den Raum blicken kann. Ich sehe, wie Fluss und Raum sich um eine Mitte bewegen, und wenn ich meinen Blick davon abwende und in mich hineinschaue, sehe ich auch in mir eine Mitte, um die sich mein Denken bewegt. Und dann wird mir klar, dass diese Zentren ein Zentrum sind. Und schließlich wird mir bewusst, dass dieser Felsen diese Mitte ist, aus dem Raum, Fluss und mein Geist entspringen.
*
Der Ursprung allen Seins ist ein Zentrum, dem ich, wenn ich die Sinnfragen zu beantworten begehre, zustrebe. Ich werde dieses Zentrum, solange ich auf der Erde lebe, niemals erreichen. Doch je tiefer meine Antworten in mir verankert sind, d. h. je stärker sie zum Mittelpunkt meines Denkens und nicht übernommene, sondern meine eigenen festen Überzeugungen werden, desto tiefer ruhen sie im Ursprung allen Seins. Diesen Ursprung findet und erkennt weder Materie noch Leben, sondern einzig der Geist. Denn nur er besitzt ein Bewusstsein seiner selbst. Ohne Bewusstsein gibt es keinen Willen und ohne Willen keine Schöpfung.
*
Es gibt keine Endlichkeit. Der Raum ist unendlich, nach außen und nach innen. Endlich sind nur die Ausdrucksformen, die er annimmt. Der Mensch ist eine Kopie dieses Raumes. Auch er ist Materie mit Geist. Dort, wo Leben ist, ist auch Geist und auch der Geist kennt keine Endlichkeit, ebenso wenig wie das Leben. Endet eine Ausdrucksform, die Leben und Geist in sich trug, werden Materie, Leben und Geist zu ihrem Ursprung zurückkehren. Der Raum ist nur ein Atom in einer anderen Welt und ein Atom in unserer Welt ist der Raum für eine andere Welt. So wie das Ende ist auch der Tod eine Illusion. Stirb und siehe, aus welcher Unendlichkeit du in deine Ausdrucksform gegangen bist. Es gibt nur verschiedene Bewusstseinsebenen. Jeder Tod einer Ausdrucksform führt einen Geist auf eine neue Bewusstseinsebene und dieser Wandel der Bewusstseinsebenen wird niemals enden, ebenso wie der Wechsel der Ausdrucksformen. Im Geiste wie in der Materie gibt es nur Veränderung, jedoch kein Nichts.
*
Geist und Leben sind eins. Sie wandeln auf Wegen, die wir nicht kennen. Materie ist für sie ein Zustand, den sie durchdringen, formen und gestalten nach ihrem Willen. Ein großer Wille des ewigen Schaffens im ewigen Raume. Alles, was wir auf dieser Erde erkennen, erforschen und als unveränderlich betrachten, ist eine Formenwelt von unendlich vielen Naturgesetzen, ist der Materie aufgedrückter Wille des großen Schaffensgeistes. Wie eine Sonne, die nach innen und nach außen auf keine Grenzen stößt, wirkt er wie ein unendliches Energiefeld, Materie als seinen einzigen Gegensatz in sich tragend. Materie und Schaffensgeist ringen in dieser Sonne miteinander als der Urgegensatz von Leben und Tod. Diese Sonne ist tote Materie und lebendiger Schaffensgeist. Materie und Schaffensgeist sind unendlich und unzerstörbar. Schaffensgeist dringt in die Materie und bringt dort Leben hervor. Doch Materie, ihrer Natur gehorchend, wird das Leben stets vernichten. Materie ist tot, sie kennt keinen Willen oder Bewusstsein. Sie besitzt lediglich ihre Natur, die ewiger Stillstand ist. Doch der Schaffensgeist kennt keinen Stillstand. Er ist ein ewiges Schaffen-Wollen, das der Materie Ausdrucksformen aufzwingt, die sie stets vernichten wird. Die Sonne ist das Ursymbol dieses Ringens. Aus Materie und Schaffenskraft bestehend, schickt sie ihre lebensschaffenden Strahlen in den Raum und zwingt Materie, sich auf den vom Schaffensgeist vorherbestimmten Bahnen zu bewegen. Unsere Erde und die Vielfalt des Lebens auf ihr ist ein Sieg des Schaffensgeistes über die Materie. Tote Materie ist auf ihr zum Leben erwacht. Der Raum dehnt sich aus und schrumpft, er bewegt sich nach innen und er bewegt sich nach außen. Sein Wachstum endet niemals, sondern er mündet stets in einen neuen Zustand. Wenn ein Planet endet und das All beginnt, ist dies nur scheinbar Anfang und Ende. Es ist lediglich ein Wandel von Materie.